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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 139 - März/April 2016


Predigt zu Mk. 14,1-9

von Ingrid-Kaufmann-Pieper
(Download als pdf hier)

Es liegt was in der Luft – ein Geruch nach Gewalt, Folter, Blut und ja - Tod -
eine Männergesellschaft ist da zusammengekommen – eine illustre Gesellschaft :
mächtige Männer, die etwas zu sagen haben, hohes Ansehen genießen -
Verantwortung tragen für das Wohl der Gesellschaft ? und die Angst haben
Angst vor Veränderung, Schwächung ihrer Position ?
Angst, etwas zu verlieren, was ihnen doch wohl zusteht -
in unserer Geschichte heißen sie „Hohepriester und Schriftgelehrte“ ? Führer des Volkes sind sie ? seinem Wohlergehen und dem Dienst an Gott verpflichtet ?
sie fühlen sich bedroht : in ihren Augen ist Jesus, dieser Wanderprediger aus dem provinziellen Galiläa ? ein Unruhestifter, eine Gefahrenquelle ? die nicht nur ihre Position bedrohen, sondern auch den wackligen, ständig gefährdeten Frieden mit der römischen Besatzungsmacht zum Einstürzen bringen könnte
Sie beratschlagen : Er muß weg! Er muß unschädlich gemacht werden ? er muß sterben ? anders kommt man ihm nicht bei ? dafür braucht man die Römer ? Todesurteile können nur sie aussprechen und vollstrecken.
Aber – um Himmelswillen noch unbedingt vor dem Passafest – vor dem großen Fest, an dem der Befreiung aus der Sklaverei aus Ägypten gedacht wird. Zu viele Menschen aus dem ganzen Land in Jerusalem ? nur kein Aufsehen, es könnte zu Aufständen kommen ? still und unauffällig muß der Coup über die Bühne gehen ?

Es liegt was in der Luft ? der Geruch von Gewalt, Folter , Blut und Tod -
Ja, er liegt in der Luft – verbunden mit Angst und Einsamkeit und Verlorenheit ?
Jesus riecht ihn ? er sagt es seinen Jüngern ? will das Wissen mit ihnen teilen, vielleicht nicht so ganz allein damit sein ?
aber die wollen es nicht hören, nicht wissen ? gerade jetzt doch nicht ?
gerade ist man doch erst im Triumpf in Jerusalem eingezogen - „Hosanna“ haben sie gerufen, die Massen - „Hilf doch!“ - du kannst helfen – gepriesen sei, der da kommt im Namen Gottes,“
„König von Israel“ - haben sie ihn genannt und ihm einen königlichen Empfang bereitet – ihm, der auf einem jungen Esel in die Stadt eingezogen ist ? so, wie der Prophet Sacharja das Kommen des Königs, des Friedensbringers angekündigt hatte. „Hosanna – du kannst uns helfen!“
Wer will da etwas von Schmerz, Gewalt, ja Tod hören?
Die Jünger jedenfalls nicht. Da genießt man doch lieber in fröhlicher Runde das Gastmahl.

Es liegt was ihn der Luft ? ein Duft nach gutem Essen, Gesprächen, Leichtigkeit – eine andere Männergesellschaft zu Gast bei Simon, der den Beinamen“ der Aussätzige“ trägt. Vielleicht ist er einer von denen, die Jesus geheilt hat ? den er aus der Isolation, dem Ausgestoßensein, dem, was diese schreckliche Krankheit mit sich bringt , herausgeholt hat – und ihm damit ein neues, erfülltes Leben geschenkt hat.

Man liegt zu Tisch ? auf weichen Polstern, die Speisen und der Wein sind aufgetragen – ein Geruch nach Behaglichkeit und Lust am Leben – ein Festmahl kurz vor dem großen Fest.
Jesus mitten unter ihnen ? der Mittelpunkt ? und doch allein ? spürt nur er den Geruch des Todes? Die Angst vor dem, was kommt?
Und da steht sie plötzlich mitten im Raum – eine Frau in einer Männerrunde – nicht eingeladen - ein Skandal! -
Läßt sich nicht abschrecken, nicht aufhalten durch das Murren der Männer, böse Blicke – schaut nicht nach rechts und links ? hat nur einen im Blick und auf den geht sie zielgerichtet zu ? auf Jesus
und tut etwas Unglaubliches : sie zerbricht das kleine kostbare Gefäß, das sie sorgsam in der Hand geborgen gehalten hatte ? und gießt den Inhalt sanft und behutsam auf Jesu Kopf ? massiert die ölige Salbe sicher und liebevoll in die Kopfhaut, verteilt sie im Haar – und ein Duft erfüllt den ganzen Raum, überdeckt alles ? der Duft des Nardenöls ? des kostbarsten der Heil- und Salböle.
(Für uns eine eher ungewohnte, vielleicht auch ungemütliche Vorstellung – in den heißen Ländern noch heute eine Wohltat ? eine besondere Ehre ? Könige werden damit gesalbt - der geliebte Bräutigam in der Hochzeitsnacht – und Tote zum letzten liebevollen Geleit.)
Nicht sparsam – nicht nur einige Tropfen hat sie genommen ? nein, den ganzen Inhalt bis zur letzten Neige
Böses Geraune, Unwillen bei den Jüngern, den anderen Gäste, Unglauben : So eine sinnlose Verschwendung ? der Jahreslohn eines Arbeiters ( 12 -1500€ ) ? vergeudet
„ Was hätte man mit dem Geld alles tun können – wie viele Arme speisen und einkleiden! ?“
Warum wehrt Jesus sie nicht ab, weist sie zurecht? – Er ist doch sonst so bescheiden, was irdischen Luxus angeht ? die Spannung im Raum steigt

Und Jesus? - stelle mir vor – hat die Augen geschlossen, gibt sich ganz in die liebevolle, sanfte Berührung der Frau . „ – und ob ich schon wanderte im Tal der Todesschatten, fürchte ich kein Unheil – du bereitest einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbest mein Haupt mit Öl....“
spürt er dieses Gebet – die Worte des 23. Psalm – Gottes Liebe im Tun, in der Liebe dieser namenlosen Frau?
? der Duft aus Liebe und Geborgenheit – ein Moment , in der die Einsamkeit durchbrochen ist – er und diese Frau, eingehüllt in diesen wunderbaren Duft wie in einen Mantel - einen Schutzmantel
Die Jünger können das nicht ertragen ? sie feinden die Frau an ? versuchen, diese Stimmung zu zerstören ? Jesus auf ihre Seite zu ziehen, die Seite der Vernunft, des Rechnens....
Doch, die Liebe im Blick der Frau, in ihren Händen ? trifft auf seinen liebevollen Blick :
Sie hat mich gesehen, meine Angst und Bedürftigkeit. Sie will nichts für sich ?
sie schenkt alles her ? verströmt sich wie das Nardenöl ? sie hat den Duft des Lebens und der Liebe gegen den Geruch des Todes gesetzt.
Jesus weist sie nicht zurück ? er nimmt diese Liebestat dankbar an :
„ Laßt sie in Ruhe! Sie hat für mich getan, was sie nur tun konnte. Ohne sich aufzusparen, ohne zu rechnen. Sie hat gespürt, was ich jetzt brauche ? Nähe und zärtliche Berührung ? mich gestärkt für das, was auf mich zukommt, mich vorbereitet auf das schreckliche Ende.“

Zärtliche Berührungen gegen Gewalt ? eine zweite Haut aus Duft und Liebe – wo die erste zerschlagen wird – heilendes Öl - wo Dornen die Kopfhaut aufreißen werden -

Die Erinnerung an ihre verschwenderische Liebe soll bleiben ? sie soll bleiben , ? wo von Gottes Liebe gepredigt wird in der Welt, zu allen Zeiten – da wird man sich an diese Frau und ihre Liebestat erinnern. ? sagt Jesus.
Die Armen habt ihr allezeit um euch – Eure Aufgabe, euer Dienst an und für die Armen bleibt unbeschadet davon bestehen – er wird euch begleiten.

Aber, es muß, es soll sie geben ? die Liebestaten, die nicht nach dem Nutzen, nach dem Preis fragen.
Ihr dürft, ihr sollt so lieben – so verschwenderisch, so unvernünftig, so, nur den Augenblick wahrnehmend -
und, ihr dürft sie annehmen und genießen ? diese Liebe , die ein Ausdruck der Liebe Gottes ist.




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