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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 139 - März/April 2016


Kriegsbeginn in Norddeutschland
Zur Herausbildung einer „Kriegskultur“ 1914/15 in transnationaler Perspektive,

hrsg. Von Cornelia Rauh, Arnd Reitemeier und Dirk Schumann, Göttingen 2015

von Hans UIrich Ludewig
(Download als pdf hier)

Die hundertste Wiederkehr des Kriegsbeginns 1914 hat dem Büchermarkt eine Vielzahl von Neuerscheinungen beschert. Die hier vorzustellende Publikation konzentriert sich auf die erste Kriegsphase und nimmt den norddeutschen Raum in den Blick. Die abgedruckten Beiträge, die aus einer Tagung der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen hervorgegangen sind, liefern einige wichtige Facetten zur Herausbildung einer „Kriegskultur“ an der Heimatfront,wobei dieser Begriff von den Autoren recht unterschiedliche verwandt wird, insgesamt aber eher vage bleibt.
Roger Chickeringfragt, ab welchem Zeitpunkt und nach welchen Kriterien der Krieg als „total“ bezeichnet werden kann.Die Lokalgeschichte der Stadt Münster als Mikrogeschichte der Mobilisierung 1914/15 mit den prägenden Faktoren Sicherheit, Ausnahmezustand und Burgfrieden wird in einem weiteren Beitrag vorgestellt. Mit dem norddeutschen Raum wenig zu tun haben die Beiträge über kriegsbedingte Veränderungen in der Bilderwelt der zeitgenössischen Reklame, der Text über die wirtschaftliche Ausbeutung der „polnischen“ Gebiete sowie über die russischen Universitäten; irgendwie muss die im Untertitel des Sammelbandes angekündigte transnationale Perspektive ja eingelöst werden.
Zwei Beiträge untersuchen die von Religion geprägten Kriegsdeutungen: Stefanie Seul beschreibt die Reaktionen der deutsch-jüdischen Presse auf den Kriegsbeginn; sie beobachtet bei den verschiedenen Strömungen des deutschen Judentums im Sommer 1914 ein hohes Maß an vaterländischem Patriotismus, Kriegseuphorie und großer Bereitschaft zum Kriegseinsatz. Unterschiedlich waren freilich die Vorstellungen vom Krieg und seine Bedeutung für das Judentum. Einig waren sich alle jüdischen Strömungen schon nach kurzer Zeit, dass die jüdischen Opfer für den Krieg den Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft nicht würden besiegen können.
Dietrich Kuessner untersucht die Reaktionen des Protestantismus auf den Krieg am Beispiel der Braunschweiger Landeskirche. Seine Quellen sind die bisher von der Forschung nicht beachteten Kirchenchroniken und die regionalen Kirchenblätter. Dabei zeichnet er ein anschauliches Bild von den dörflichen Lebenswelten, von der Rolle der Pastoren und den Stimmungen der Gemeindemitglieder. Den Krieg sah die evangelische Bevölkerung als einen Verteidigungskrieg, wobei die einen ihn als Offenbarung Gottes, die anderen als Strafe Gottes sahen. Die Quellen berichten von einer eher gedrückten Stimmung auf dem Land bei Kriegsbeginn; in vielen Abschiedsgottesdiensten wurde statt „Augustbegeisterung“ an die Schrecken des Krieges erinnert. Im weiteren Kriegsverlauf leisteten auch die Kirchen ihren Beitrag zur Stärkung des Durchhaltewillens in der Bevölkerung. Als ein Beispiel verweist Kuessner auf das Umfunktionieren des Glockengeläuts, das jetzt auch bei militärischen Erfolgen eingesetzt wurde. Mit Gedächtnisgottesdiensten leisteten die Kirchen einen wichtigen Beitrag zur individuellen Trauerarbeit, gerade auf dem Land. Ihre Wirkung war schwer abschätzbar; sie versuchten einerseits dem Gefallenentod einen Sinn zu geben, sie konnten aber auch den Zweifel am siegreichen Ausgang des Krieges stärken.
Leider ist ein Beitrag über die Rolle der katholischen Kirche bei Kriegsbeginn für den Sammelband nicht zustande gekommen.
Der letzte Beitrag beschäftigt sich mit der Haltung korporierter Studenten an niedersächsischen Hochschulen bei Kriegsbeginn, die geprägt war von prononciertem Nationalismus und der Betonung männlicher Wehrhaftigkeit – kein überraschendes Ergebnis. Dabei steht die Universität Göttingen im Mittelpunkt. Obwohl die TH Braunschweig im Titel neben Göttingen und Hannover genannt wird, kommt sie zur Enttäuschung eines Braunschweiger Lesers allenfalls in Fußnoten vor.
Eine abschließende Bemerkung zum viel beschworenem „Augusterlebnis“: In vielen, älteren Darstelllungen konnte man von jubelnder Kriegsbegeisterung der Bevölkerung bei Ausbruch des Krieges lesen. Die neuere Forschung hat an diesem Bild Korrekturen angebracht. Begeisterung habe vor allem in den Großstädten, beim Bildungsbürgertum sowie bei Künstlern und Gelehrten geherrscht; die Landbevölkerung habe sehr zurückhaltend reagiert, auch die Arbeiterschaft. Mir geht diese Relativierung der Kriegseuphorie zu weit. Zuweilen entsteht der Eindruck, die Mehrheit der Bevölkerung sei dem Krieg in der Anfangsphase distanziert, gar ablehnend gegenübergestanden. Nur einige wild gewordenen Intellektuelle und Künstler seien begeistert gewesen. Die Herausgeber dieses Sammelbandes beziehen zu dieser Kontroverse eine vermittelnde Position. Sie sprechen für den Kriegsbeginn von einem hohen Maß an patriotischer Selbstmobilisierung, die freilich nicht mit jubelnder Kriegsbegeisterung verwechselt werden dürfe. Die Selbstmobilisierung sei von unterschiedlichsten Motiven und Deutungsmustern geprägt gewesen. Ein solcher Interpretationsansatz scheint mir wegweisend für weitere Forschungen zu sein.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu139/kriegsbeginn.htm, Stand: März/April 2016, dk