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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 139 - März/April 2016


Theologie und Spiritualität an der Basis

von Herbert Erchinger
(Download als pdf hier)

"Martin Luther hat die Kirche zum Hörsaal gemacht." Dieses Wort geht mir nicht aus dem Kopf. Wir tragen ja heute noch als Talar ein akademisch nüchternes Professorengewand. Natürlich war es eine großartige Leistung, dass Luther die Kirche auf ein akademisches und intellektuelles Niveau gebracht hat. Luther selbst konnte das noch durch deftige Sprache mit Volkstümlichkeit verbinden und "dem Volk aus Maul schauen".
Und doch wurde die Predigt mehr und mehr zur akademischen Vorlesung. Als Monolog natürlich. Die Gemeinde kam dabei nicht zu Wort. Das gemeine Volk wurde abgehängt und belehrt. Dies hatte Folgen für die intellektuell orientierten Pfarrerfamilien. Auf den Dörfern waren sie oft wenig in die Dorfgemeinschaft integriert. Auf Grund ihres intellektuellen Vorsprungs waren sie oft isoliert und gehörten einer anderen Bildungsschicht an. Der Abstand zwischen Bevölkerung und Pfarrer und oft auch seiner Familie war meist groß. Ich habe das als Pfarrerskind selbst so empfunden. „Du wirst doch wohl nicht zum Schützenfest oder zum Sommerball gehen!“ Alles hoch professionalisiert und aus hoher Bildung herabschauend. Und Karl Barth und Bultmann haben es auch nicht an die Basis geschafft. Wo bleibt da das allgemeine Priestertum aller Gläubigen? Eine schlichte Spiritualität kann sich nicht entwickeln und wird sofort auch heute noch hämisch als Kuschel-Religiosität herabgewürdigt.
Da war mir mein seit über 30 Jahren bestehender Taizé- Kreis ein wichtiger Lernprozess. Die Andachten, Meditationen und Gottesdienste ruhen auf vielen Schultern. Jeder kann einen Text beitragen. Viele fühlen sich verantwortlich. Im Unterschied zu normalen Gottesdienstvertretungen, die ich noch dann und wann übernehme, empfinde ich bei Taizé- Andachten überhaupt keinen Stress. Obwohl ich noch eine Leitungsfunktion habe und oft erst 30 Minuten vor Beginn geklärt ist, wer welche Texte in welcher Reihenfolge liest. Es herrschen Vertrauen und Liberalität. Es muss nicht alles perfekt sein und genau zum Thema passen. Der Taizé-Kreis wählt eine oder zwei Wochen vorher das Thema. (zB Angst, Hoffnung, Berufung, Flucht, Neuanfang). Im Unterschied zur Monolog-Predigt im normalen Gottesdienst werden neben einem Bibeltext ca 5 meditative Texte zum Thema gelesen. Entweder selbst verfasst oder von Dichtern oder meditativen Poeten und Schriftstellern. (zB Kurt Marti, Jörg Zink, Khall Gibran, Ernesto Cardenal, Rilke oder Hölderlin.) Zwischen den Texten immer Schweigen und Gesang. Manchmal eine Art spirituelle Dichterlesung. Manchmal auch humorvolle Einlagen. Zum Abschluss offene Gebetsphase.
Ich bin oft nach den Andachten erstaunt, wie gut wieder alles zueinander gepasst und sich ergänzt hat. Die Stille des Schweigens nach den Texten und der meditative Gesang steigern spürbar die Wirkung. Auch Rituale haben wir neu entdeckt.(zB Aschenkreuzsegnung am Aschermittwoch und
persönliche Segnung in der Nacht der Lichter vor der Adventszeit.) "Religion ist eine sinnliche Erfahrung." Da kann ich Nawid Kermani nur zustimmen.
Was mich nach Jahrzehnten intensiver Jugendarbeit, Stadtteilarbeit, Studentengemeinde mit vielen politischen und sozialen Arbeitskreisen und Initiativen ermutigt, ist die hohe Kontinuität und Stabilität des Taizé-Kreises. Was hat der Aktivismus der sozialen und politischen Initiativen früher für Kraft gekostet! Immer wieder erinnern, einfordern, auf Termine und Fristen hinweisen. Leute kommt! Lasst mich nicht im Stich! Ich habe doch schon zugesagt! Erhobener Zeigefinger, Leistungsdruck pur.
Bei Taizé ist das ganz anders. Es ist kein Pflichtgefühl und kein Über-Ich, das sie antreibt. Es ist das eigene Interesse und die Freude an der spirituellen Gemeinschaft. Man kommt immer, weil es das eigene Bedürfnis ist, ob´s stürmt oder schneit. Auch in den Ferien gibt es keine Pause. Auch die Gruppenstruktur ist interessant: Alle Altersstufen von frisch Konfirmierten bis zu Senioren über 86 , (überwiegend aber die Alterstufe über 50) viele Alleinstehende, überwiegend Frauen, viele Menschen mit gesundheitlichen, psychischen, beruflichen und partnerschaftlichen Problemen.
Ein zentraler Genuss ist für mich der mehrstimmige Gesang, ich spiele Gitarre mit anderen, dazu kommt meist noch eine Geige und manchmal auch ein Cello. Dies Eingebundensein ist für mich wunderbar.
Familiäre Kuschel -Atmosphäre ? Ja, aber ohne Ruhe und Erfahrung von meditativer Stille und Geborgenheit in der Gemeinschaft gibt es kein durchhaltefähiges christliches Engagement. Und mit provozierenden und mahnenden Texten wird häufig genug wirkungsvoll gegen den Strich gebürstet. Das sehe ich auch als meine Aufgabe.
Viele kontroverse politische oder soziale Themen kommen bei uns zur Sprache. An Friedens- und Umweltaktivitäten sind wir beteiligt. Das Engagement in der Flüchtlingsarbeit ist häufiges Thema. Mehrere im Taizé-Kreis sind da aktiv. Bei der Nacht der Lichter im November war eine ganze Gruppe jugendlicher Flüchtlinge mit dabei. Einige haben sogar an der persönlichen Segnung teilgenommen, obwohl sie Muslime waren. Jeder ist willkommen, das ist ein Grundprinzip.
Das führt zu einer gewissen spirituellen Selbstfindung. Buddhisten-Texte kommen vor, Meditationstexte unterschiedlicher zT therapeutischer Richtungen. Auch konfessionelle und religiöse Vielfalt ist selbstverständlich. Zum Abschluss nach Gebet und Segen wird oft kräftig, aber respektvoll diskutiert.
Oft ist es meine Aufgabe, konfessionelle und religiöse Unterschiede, die oft nicht mehr bekannt sind, zu erklären. Da hilft mir, dass mich Religions- und Dogmengeschichte schon immer sehr interessiert haben. Auch hier wieder der Unterschied: Antwort auf Fragen und nicht Belehrung von oben herab.
Der Begriff Kuschel-Religiosität unterstellt, dass hier ein Rückzug in die Passivität der Geborgenheit stattfindet. Das kann ich nicht bestätigen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Stärkung durch meditative Stille führt zu Demut und einer starken Empathie, fördert Akzeptanz der Schwachen und Barmherzigkeit ihnen gegenüber. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Die gegenseitige Hilfsbereitschaft ist erstaunlich. Immer wieder erfahre ich von Krankenhausbesuchen und Hilfeleistungen, die ich nicht erwartet hatte.
"Sowas wollen die Leute" sagte ein Pfarrerkollege abfällig nach einer sehr gut besuchten Taizé- "Nacht der Lichter" mit Kerzenprozession und vielfacher persönlicher Segnung in der Paulikirche. Ja, das wollen die Leute, das sollte man ernstnehmen. Bis vor Kurzem galt Mystik und meditative Stille in den protestantischen Kirchen nichts und wurde als weltflüchtig verdächtigt. Aber das Christentum der Zukunft wird aus mystischen und meditativen Quellen schöpfen. Das Evangelium wird eben nicht nur intellektuell über den Kopf vermittelt, sondern auch durch Gefühle, Atmosphäre, Gemeinschaftserlebnis und Erfahrung der Geborgenheit. Nur Erfahrene Liebe löst Nächstenliebe aus.- Die akademische Kompetenz der Pfarrerschaft ist weiter wichtig. Aber immer mehr das allgemeine Priestertum aller Gläubigen, die in die Mitverantwortung genommen werden. Die Zukunft der Kirche geht von der Basis aus. Und der Kirche außerhalb der Kirche. Aber gewiss nicht von der wasserkopfartigen Behördenstruktur. Und auch die theologischen Fakultäten dürfen nicht nur den Kopf, sondern sollten auch das Herz trainieren.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu139/spiritualitaetbasis.htm, Stand: März/April 2016, dk