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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten
Extrablatt - Mai 2009
zum 75sten Geburtstag von Dietrich Kuessner


Der fromme Rebell

von Kurt Dockhorn
(Download als pdf hier)

Begegnet bin ich Dietrich Küssner zum ersten Mal, als er 1981 seinen Vortrag in der Reihe "Braunschweig unter dem Hakenkreuz" hielt. Beim Zuhören hatte ich den Wunsch, mich mit diesem Menschen zu befreunden.
Gehört hatte ich freilich schon eher von ihm, eher beiläufig in Wichern, wo er sich parallel mit mir auf die neu eingerichtete zweite Pfarrstelle beworben hatte. Ein Kirchenvorsteher bemerkte, man habe ihn schwer einschätzen können: fromm und liturgisch einerseits, politisch radikal links andererseits. Mir scheint, er ist bis heute beides geblieben, ein frommer Rebell.
Seine stabilitas loci habe ich immer mit Hochachtung verfolgt, diese imponierende Beständigkeit, mit der er fast sein ganzes Berufsleben lang seinen Offlebenern die Treue gehalten hat. Und die haben es ihm gedankt, indem sie durch Dick und Dünn zu ihm standen. Und wie oft kam es knüppeldick vom Landeskirchenamt zurück, wenn er wieder einmal einen Konflikt angezettelt hatte. Der bevorzugte Ort, Landeskirchenpolitik im Brennglas der Aus-einandersetzungen durchzunehmen, war selbstverständlich das stets offene Pfarrhaus in Offleben, und dort wiederum die Küche, in der mehr die Fetzen flogen, als daß dort gekocht wurde.
Dietrich Küssner gehört zu den weiträumigsten Menschen, die ich kennengelernt habe: Er ist leidenschaftlicher Theologe und ebenso scharfsinniger Gesellschaftskritiker, und beide Eigenschaften stecken durchaus nicht nur in seinem Kopf. Ich denke, seine Leidenschaft macht ihn leiden an Kirche und Gesellschaft gleichermaßen.
Niemand hat im Laufe seiner schöpferischen Jahre ein solch umfang-reiches Werk zur regionalen Kirchengeschichte vorgelegt wie er, und ganz offenkundig ist sein Schaffensdrang in diesem Bereich noch stärker geworden, seit er im so genannten Ruhestand ist, also seit nunmehr zehn Jahren. Es ärgert mich seit langem, daß in der Theologischen Fakultät Göttingen oder an der TU Braunschweig, so weit ich weiß, nie jemand aktiv geworden ist, seine vorzüglichen kirchengeschichtlichen Arbeiten mit einem Ehrendoktor (auf den er allerdings keinen Wert legen würde!) zu würdigen.
Ich nannte ihn einen weiträumigen Menschen. Dazu gehört unbedingt seine Belesenheit, seine Liebe zur Dichtung, sein Verständnis der bildenden Kunst und seine Kenntnis der Musik. Man tippe bei ihm irgendein Gedicht an, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß er es auswendig kann. Andererseits: Ich war eigentlich nie mit ihm in einem Film, einem Konzert oder einer Theateraufführung, ohne zu erleben, daß er erst einmal polternd vor Verrißlust den Ort des Geschehens verläßt. Etwas später, wenn der heiße Dampf abgelassen ist, läßt sich dann sehr gut diskutieren über das gemeinsam Gehörte oder Gesehene. Fairerweise ist anzufügen, daß seine Emotionalität dabei stets in allen Belangen von Sachkenntnis gestützt wird.
Ich zögere etwas, aber auch dieses muß beim Versuch der Annäherung an den 75-jährigen Freund wohl doch auch gesagt werden: Ich kenne etliche Schwule in meinem näheren und weiteren Umfeld, aber einen, der so offen und unbefangen damit kommunmiziert wie Dietrich Küssner, traf ich nie. Vielleicht ist diese Offenheit der größte Dienst, den er seiner Landeskirche als Pfarrer erwiesen hat.
Schließlich: Welches Motto könnte treffender seine Lebensleistung kennzeichnen als der Titel seiner Erinnerungen an die Gemeinde in Offleben: "Gemeinsam-Zärtlich-Radikal"?




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvuExtrablatt/dockhorn.htm, Stand: Mai 2009, kd

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