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Materialsammlung zur Geschichte der Kl. Stöckheimer Dorfkirchengemeinde
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Vorwort
Pfarrerin Hiltrud Becker lud mich zu einem Vortrag am 24. Mai 2007 über „Die Braunschweiger Kirchen im Nationalsozialismus – ein Blick in die Stöckheimer Chronik“ anläßlich der 1000 Jahrfeier des Dorfes Stöckheim ein. Dabei ist folgende Materialsammlung zur Geschichte der Kl. Stöckheimer Kirchengemeinde im 20. Jahrhundert entstanden, aus der ich anläßlich des Vortrages vorgetragen habe. Die Vortragsform ist im Folgenden eingehalten und um die Materialien erweitert. Daher erklärt sich auch der Einstieg im Jahr 1930, das ich über die Stöckheimer Kirche im Nationalsozialismus“ referieren sollte.
Ich habe vor allem die Kirchenchronik Kl. Stöckheim benutzt, die von 1907 an mit Lücken geführt worden ist. Die Eintragungen von Pastor Kramer sind nicht zeitgleich, sondern nachträglich geschrieben worden. Bei der Visitation 1938 wurde Pfr. Kramer aufgefordert, die Chronik zu vervollständigen. Offensichtlich ist sie erst nach 1945 anhand von Zeitungsnotizen und Notizen im Pfarramtskalender abgefaßt worden. Außerdem habe ich die zur Verfügung stehenden Akten im Landeskirchlichen Archiv eingesehen, insbesondere die Visitationsakten (unter der Archivnummer S 2553 verzeichnet), die wenigen vorhandenen Ortsakten und die Personalakte Willi Kramer. Zur allgemeinen Geschichte, vor allem der Wahlergebnisse, habe ich einige Zeitungsbände des Volksfreundes und der Braunschweiger Landeszeitung durchgesehen. Schließlich gibt es auch einen Aktenband im Pfarrarchiv. Wenige Adreßbücher für den Landkreis Braunschweig waren im Staatsarchiv und in der Herzog August Bibliothek vorhanden.
Das in der 2. Auflage 1992 erschienene Standardwerk von Wilhelm Bornstedt „Chronik von Stöckheim“ ist für die Geschichte des 20. Jahrhunderts wenig ergiebig. Das entsprach der Zurückhaltung der Heimatforschung der 60iger Jahre, als die erste Auflage erschien (1967). Anläßlich der 1000 Jahrfeier wurde von Peter Valentin und dem Heimatpfleger Rudolf Zehfuß die Festschrift „1000 Jahre Stöckheim 1007 bis 2007“ veröffentlicht, in der sehr anschaulich und lesefreundlich die Dorfgeschichte historisch und soziologisch aufgearbeitet worden ist. Sie ist auch für die Geschichte des Dorfes im 20. Jahrhundert ergiebig.
Dieser Materialsammlung ist ein Anhang mit einem Auszug aus einer längeren Ausarbeitung von Pastor Kramer angefügt.
Diese Arbeit ist also als Materialsammlung für eine weitere Beschäftigung mit der Dorfgeschichte in diesem Zeitraum anzusehen und nicht als eine abgeschlossene Abhandlung.
Kann man aus der Geschichte lernen? Die Frage wird von den Skeptikern verneint. Die Menschen wären kaum lernfähig. Außerdem wiederhole sich Geschichte nicht. Ich bin anderer Meinung. Wie die Interpretation der Bibel in der Predigt, die auf die Menschen und Fragen der Gegenwart ausgelegt wird, so kann auch die Interpretation von Geschichtsabläufen auf Fragestellungen und Befindlichkeiten in der Gegenwart verstanden und für sie fruchtbar gemacht werden.
Insofern ist die Geschichte eine Lehrmeisterin, wie die alten Römer sagten: historia magistra. Das wird dann besonders anschaulich, wenn die Geschichte nicht als ein zwangsläufig abgelaufener Prozeß angesehen wird, sondern als ein Verlauf, zu dem es auch immer andere Möglichkeiten gegeben hätte.
Braunschweig März 2008
Kl. Stöckheim und seine evangelische Kirche
Kl. Stöckheim um 1930
Mit dem Nationalsozialismus fing es im Braunschweigischen so richtig im Jahre 1930 an und im selben Jahr, am 16. Februar 1930, wurde Pastor Willi Kramer in das Kl Stöckheimer Pfarramt, zu dem auch noch die Kirchengemeinde Melverode gehörte, durch Kirchenrat Ramke aus Rautheim eingeführt.
Damals hatte Kl. Stöckheim (nach dem Adreßbuch der Landgemeinden Braunschweigs) 750 Einwohner in 99 Wohngebäuden. Die Straßen hatten noch keine Namen. Die Gebäude wurden mit Nummern durchgezählt. Nummer eins war das Gr. Weghaus und in Nr. 2 wohnte der Landwirt mit der größten Ackerfläche Reinhold Müller.
Die Landwirtschaft bestimmte das Dorf. Es gab neun Landwirte mit deutlich über 5 Hektar Land, Wiese und Wald, nämlich Reinhold Müller, Albert Isensee, Friedrich Halbe, Hermann Heine, Adolf Heuer als die größeren Höfe und Heinrich Goes, Erich Meyer, Otto Heine und Walter Kuthe als die kleineren. Mit 77 ha Land war Reinhold Müller der größte, Adolf Heuer betrieb eine Schäferei mit 160 Schafen und Kuthe eine Gemüsesamenzucht, so nach dem Adreßbuch. Herr Kuthe berichtigte mich, es wäre eine Obstplantage gewesen. Die 26 Pferde wurden in zwei Schmieden versorgt (Johann Tomczak und Albert Käserberg) und in zwei Stellmachereien (u.a. Konrad Wagner) der Fuhrpark. Der Tierarzt (Franz Bruns) kümmerte sich um die Gesundheit der Pferde und der 53 Kühe. Das Adreßbuch nennt 65 Arbeiter, davon 19 landwirtschaftliche Arbeiter, tatsächlich aber waren es in der Landwirtschaft viel mehr, weil in der Regel auch die Frauen mitarbeiteten. Auf dem Foto „gemeinsames Erbsenpflücken“ in der Festschrift „1000 Jahre Stöckheim“ S. 71 sind nur von den 17 Arbeitern nur Frauen und Kinder zu sehen. Auch zwei Viehhändler (Hermann Beddies und Heinrich Biethan) hatten sich im Dorf niedergelassen.
Die folgende Tabelle zählt die Landwirte nach ihrer Größe auf:
Ortsverzeichnis der Landwirtschaftlichen Güter im Jahr 1930
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Nr.
|
Landwirt
|
Insges. ha
|
Acker
|
Pferde
|
Kühe
|
Schafe
|
|
2
|
Reinhold Müller
|
77
|
48,5
|
8
|
|
|
|
13/14/74
|
Albert Isensee j.
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63
|
47
|
|
|
|
|
26
|
Friedrich Halbe
|
58
|
45
|
8
|
20
|
|
|
9
|
Hermann Heine
|
58
|
41
|
9
|
22
|
|
|
25
|
Adolf Heuer
|
55
|
35
|
|
11
|
160
|
|
4
|
Heinrich Goes
|
34
|
22,5
|
|
|
|
|
34
|
Erich Meyer
|
31
|
25,3
|
|
|
|
|
12
|
Otto Heine
|
17
|
14
|
|
|
|
|
13/14/74
|
Albert Isensee j.
|
63
|
47
|
|
|
|
|
84
|
Walter Kuthe
|
16
|
13,8
|
Obstplantage
|
Wie in jedem Dorf zu jener Zeit bot auch das Handwerk noch ein Auskommen, in Kl Stöckheim den neun Tischlern und drei Schneidern, dazu zwei Kolonialwarenläden (Heinrich Hasenfuß und Reinhold Meyer). Zu einem der zwei Bäckereien (Wilhelm Keller und Erich Meyer) trugen die Frauen am Sonnabend ihre Bleche für den Zuckerkuchen,
Da seit mehr als 30 Jahren eine Straßenbahn von Braunschweig nach Wolfenbüttel über Kl. Stöckheim fuhr, arbeiteten auch zehn Bewohner bei der Straßenbahn als Straßenbahnarbeiter, -schaffner oder –führer.
Viele andere Arbeiter gingen zur Arbeit zur Mühle in Rüningen oder nach Braunschweig.
Abwechslung vom Arbeitsalltag boten die Freiwillige Feuerwehr, der Landwehrverein und der Männergesangverein „Gr. Weghaus“, das der Ort für gesellschaftliche Veranstaltungen des Dorfes war.
Kl. Stöckheim seit 1918 fest in der Hand der Sozialdemokratie
Kommunalpolitisch war das Dorf fest in der Hand der Sozialdemokratie. Das ist für dieses Thema wichtig, denn die Nazis gaben sich programmatisch antisozialistisch und antidemokratisch. Um 1907 oder einige Zeit davor war, so die Kirchenchronik, ein „socialdemokratischer Arbeiter-Verein“ gegründet worden. Vielleicht war er dasselbe wie eine Ortsgruppe der SPD, die in der Festschrift allerdings auf 1873 datiert wird (S. 153). Seit der Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechtes 1918 verzeichnete die SPD bei den unterschiedlichsten Wahlen, zur Nationalversammlung, zum Reichstag und Landtag und auch zum Kreistag und zu den Gemeinderatswahlen eine stabile sozialdemokratische Mehrheit von regelmäßig 200 bis 290 Stimmen. Diese Linke hatte einen linken Anstrich, denn 1922 hatte die radikalere USPD in Kl. Stöckheim 191 Stimmen gegenüber nur 115 des bürgerlichen Landeswahlverbandes erhalten. Langsam im Steigen war in Kl. Stöckheim auch die KPD, von acht Stimmen 1922 auf 41 Stimmen 1931.
Wahlergebnisse in Kl. Stöckheim 1919 – 1928
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Wahlen
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Datum
|
SPD
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USPD
|
KPD
|
DDP
|
DVP
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LWV
|
HuG
|
DNVP
|
NSDAP
|
|
Nationalvers.
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19.01.1919
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17
|
184
|
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57
|
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|
86
|
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Landtag
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22.01.1922
|
31
|
191
|
8
|
|
|
115
|
|
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|
Landtag
|
07.12.1924
|
237
|
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18
|
11
|
76
|
WE: 35
|
|
37
|
|
|
Landtag
|
27.11.1927
|
262
|
|
18
|
14
|
65
|
WE: 14
|
45
|
26
|
3
|
|
Reichstag
|
20.05.1928
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290
|
|
23
|
|
66
|
|
|
52
|
9
|
In der Weimarer Zeit hatte sich neben der bürgerlichen Dorfkultur auch eine sozialistische Arbeiterkultur entwickelt. Seit 1924 trafen sich besonders die Arbeiter im Arbeitergesangverein. Kurt Heims schildert in der Festschrift die besonderen, typischen Umstände (S. 140 f). Die Sportler trafen sich im Arbeiter-Radverein und die Jugendlichen später in der Reichsbannerjugend. Der Volksfreund berichtete manchmal über deren Veranstaltungen.
Der Schulneubau 1907 - eine Anregung aus der Arbeiterklasse
Die politische Linke vertrat ihre Interessen in der sog. dritten Klasse des Gemeinderates. Vor 1918 wurden die Stimmen nach Einkommen verteilt. Der Vermögende hatte viele Stimmen, die dritte Klasse wenige. Dieser dritten Klasse der Gemeindevertretung war schon 1907 der Neubau einer Dorfschule und die Einrichtung einer zweiten Lehrerstelle zu verdanken. Bis dahin waren die über 120 Kinder von einem einzigen Lehrer in einem Raum unterrichtet worden, ein lange anhaltender, unmöglicher, pädagogisch unverantwortlicher Zustand. Der 1908 eingeweihte neue Schulbau mit zwei Lehrerwohnungen und mehreren Klassenräumen war räumlich erstmals nicht an die Kirche angebunden, sondern in auffälliger Entfernung gebaut. Über dem Eingang befinden sich zwei typische Symbole: ein Junge mit einem Schwert in der Hand. Die Schule sollte zu vaterländischem, also kriegsbereiten und christlichen Denken erziehen. Das pädagogische Konzept der damaligen ev. lutherische Gemeindeschule bestand darin, den Willen des Kindes zu brechen, weil dieser als von Anfang an verderbt und eigenwillig galt, um dann dem Kind die christlichen Werte und Grundsätze einzuflößen. Das ließ sich nur mit einer Prügelpädagogik durchsetzen, die noch bis 1918 üblich gewesen war. Das über dem Eingang der neuen Schule abgebildete Mädchen indes hat einen Ball in der Hand und spielt damit. Das war gegenüber der herkömmlichen Pädagogik ein starkes Stück. Die Kinder sollten Gehorsam und Einordnung lernen. Gelobt wurde nie und gespielt schon gar nicht. So wurde, was als Dekoration gedacht war, zu einer stillen und sichtlichen Abkehr von jahrhundertealten schulischen Zielen und Methoden. In der Kirchenchronik befindet sich ein ausführlicher Bericht von der Einweihungsfeier, denn rechtlich war sie immer noch eine ev. luth. Gemeindeschule.
Schule und Kirche
Die Schule war mit der Kirche traditionell durch den Lehrer verbunden. Der Lehrer ging nämlich bis 1918 dem Dorfpastor zur Hand, kümmerte sich auch um Abendmahlskelch und Taufschale und Altarschmuck, und vor allem spielte er Sonntag für Sonntag die Orgel. Das war zur Zeit der Einweihung der neuen Schule 1908 Kantor Sierig. Lehrer Sierig war derart beliebt, daß sich nach dem 2. Weltkrieg eine Gemeindeinitiative bildete, die den Enkel Sierig, der Pfarrer geworden war, gegen den amtierenden Pfarrer austauschen wollte.
Nachfolger von Sierig wurde seit 1913 15 Jahre lang als erster Lehrer Heinrich Schrader. Heinrich Schrader war ein durch und durch kirchlicher Mann, stellte schon vor 1920 seine Wohnung für Bibelstunden zur Verfügung und blieb als einziger Besucher auch in der Folgezeit den Bibelstunden von Pastor Clemens treu. Zweiter Lehrer blieb Heinrich Meyer. Am 2. Ostertag 1928 wurde Heinrich Schrader zum Ende seiner Dienstzeit von Pastor Clemens im Gottesdienst aus dem Kantorenamt verabschiedet. „Nach Schluß des Gottesdienstes widmete Pastor Clemens dem Scheidenden herzliche Worte der Anerkennung und feierte ihn als Mensch, Lehrer und Organisten und überreichte ihm im Auftrag des Kirchengemeinderates als Zeichen der Liebe und Dankbarkeit ein Buch und ein wundervolles Gemälde „Die Abendglocken läuten“. Abends acht Uhr brachten die Schulkinder einen Fackelzug. Herr Böwig überreichte dem Scheidenden als äußeres Zeichen der Verehrung einen Sessel. Herr Lehrer Meyer gab dem Abschiednehmenden in herzlicher Ansprache die Versicherung, daß die Gemeinde seiner stets in Liebe und Verehrung gedenken werde.“ (Zeitungsnotiz aus der Kirchenchronik)
Als Heinrich Meyer nun den Organistendienst übernahm, wurde die Orgel eigens aus diesem Anlaß festlich bekränzt. Zweiter Lehrer wurde Reinhold Gremmer (1889), damals 39 Jahre alt.
Kirche und Sozialdemokratie
Das Verhältnis des Pfarrers zur Sozialdemokratie war von Anfang an gespannt. Pastor Genuit sah 1907 eine besondere Ursache für die wachsende Unkirchlichkeit seiner Kirchengemeinde in der Gründung des sozialdemokratischen Arbeitervereins. Aus dem Gesangverein und aus der Freiwilligen Feuerwehr wären Mitglieder ausgetreten und die Teilnahme an Gottesdienst und Abendmahl hätten seitens der Arbeiterschaft nachgelassen. Die eigentlichen Gründe für die Entfremdung von Arbeiterschaft und ev. Kirche lagen aber vor allem in der strukturellen Staatsnähe der Landeskirche, der jahrhundertealten schädlichen Verbindung von Thron und Altar. In den kleinräumigen Verhältnissen eines Dorfes kam ein weiterer Grund hinzu. Die Kirche verlor die absoluten Deutungshoheit über die gesellschaftlichen Werte, die die Kirche immer noch innezuhaben glaubte. Tatsächlich hatte sich das Bürgertum in den Städten längst von der Kirche verabschiedet und je mehr auch in den Dörfern bürgerliche Kultur etwa durch das Vereinswesen eindrang, wurden der Geselligkeit, der Freude an Spiel und Sport, der Bildung der Vorzug gegenüber Kirchgang und Katechismus gegeben.
Die Sozialdemokratie verstärkte diesen Trend erheblich und löste daher bei der Kirche Verlustängste aus. Sie feierte längst ihr eigenes „Kirchenjahr“ mit dem 1. Mai und dem 10. August als dem Verfassungstag und der Volksfreund als das kämpferische Presseorgan dichtete zur Wintersonnenwende „Stille Nacht/ Weihe Nacht/ Lichterbaum strahlt und lacht/ leuchtet durch die Dunkelheit/ bald ja kommt eine bessere Zeit/ Sonnenwende ist da.//Weihenacht/ Licht entfacht/ Mann und Weib aufgewacht/ Freiheit erkämpft euch im heiligen Bund/Frieden dann läutet im Erdenrund/ Zeitenwende ist nah“ (Volksfreund 24.12.1927) Mit der Agitation „Heraus aus der Kirche“ wurden auch einige Erfolge erzielt, die für den Mitgliederbestand der Landeskirche zwar bedeutungslos blieben, aber die Kränkung der Kirche lag in dem bereits erwähnten Verlust, ganz allein die Werteordnung in der Gesellschaft zu bestimmen, wie sie es Jahrhunderte lang gewohnt gewesen war.
Die Braunschweigische Landeskirche im demokratischen Aufbruch
Zu jener Zeit war Theodor Clemens Pfarrer von Kl. Stöckheim. Pastor Theodor Clemens (1873-1945) hatte mit 47 Jahren 1920 die Gemeinde übernommen. Die Landeskirche befand sich in einem völligen Umbruch. Sie gab sich Anfang der 20iger Jahre eine neue Verfassung, die Kirchenbehörde war nicht mehr wie früher eine Unterabteilung des Staatsministeriums sondern unabhängig und mußte mit neuen Leuten eine eigene Verwaltung aufbauen; sie richtete eine Landeskirchenkasse ein, um sich finanziell vom Staat unabhängig zu machen, und an der Spitze der Landeskirche stand nicht mehr ein Jurist sondern als Theologe ein Landesbischof. Alexander Bernewitz wurde im September 1923 als erster vom Landeskirchentag frei gewählter Bischof im Braunschweiger Dom in sein Amt eingeführt. Es gab in der Landeskirche drei Fraktionen: Linke (Freunde der ev. Freiheit), die Rechte (Volkskirchenbund) und die kirchliche Mitte, die sich vor den Wahlen zum Landeskirchentag und auch zu den Kirchenvorständen erbittert öffentlich bekämpften. Die Linke begrüßte die Weimarer Republik und wollte eine liberale Kirche in einer republikanischen, liberalen Gesellschaft sein. die Rechte trauerte den alten Zeiten unter dem Herzog hinterher und wünschten sich lieber die Rückkehr zum patriachalischen Obrigkeitsstaat.
Die Demokratie hatte Einzug in die Landeskirche gehalten.
Der Verlust der geistlichen Schulaufsicht
Noch im November 1918 hatte eine staatliche Schulbehörde die Aufsicht und Verwaltung über alle Schulen, auch über die Gemeindeschulen auf den Dörfern übernommen, was von der Lehrerschaft lebhaft begrüßt worden war, nachdem sie Jahrzehnte vorher um die Beendigung der geistlichen Schulaufsicht vergeblich gekämpft hatte. Die Pfarrer der kirchlichen Rechten jammerten über den Rollenverlust an den Schulen und zettelten einen rückständigen, geradezu schädlichen Schulkampf an, der noch dadurch angeheizt wurde, daß die sozialistischen Landesregierungen auch den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach aus den Schulen entfernen wollten.
Aber die beiden Lehrer der Kl.Stöckheimer Volksschule Schrader und Meyer unterrichteten unbeeindruckt von den Schulkämpfen auf der Landesebene ihr altes Pensum mit den Schulkindern durch.
Die Kl. Stöckheimer Kirchengemeinde in der Weimarer Zeit mit Pastor Clemens
Auch in der Kl. Stöckheimer Kirchengemeinde wurde der Umschwung zur Republik spürbar. In der Landeskirche wurden die Verfassungsorgane durch Wahlen von der Basis bestimmt. 1923 stellten sich 15 Gemeindemitglieder zur Mitarbeit im neu zu wählenden Kirchengemeinderat zur Verfügung stellten.
Die Landwirte stellten mit fünf Kandidaten die größte Gruppe auf der Wahlvorschlagsliste. Es waren die Landwirte von den größeren Höfen. Es folgten drei Arbeiter, zwei Handwerker, ein Aufseher, Forstaufseher, und ein Großknecht. Diese Zwölf wählten aus ihrer Mitte den engeren Kirchenvorstand. Damals waren Kirchengemeinderat und Kirchenvorstand zwei getrennte Gremien. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde diese Doppelkonstruktion aufgegeben.
Die eingereichte Wahlvorschlagsliste enthielt folgende 12 Namen:
Wahlvorschlagsliste für den
Kirchengemeinderat 1923
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|
Beruf
|
Vorname
|
Name
|
|
Gemeindevorsteher
|
Friedrich
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Halbe
|
|
Arbeiter
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Ludwig
|
Fleige
|
|
Landwirt
|
Hermann
|
Isensee
|
|
Landwirt
|
Hermann
|
Sandau
|
|
Landwirt
|
Adolf
|
Heuer
|
|
Maurer
|
Hermann
|
Bäse
|
|
Aufseher
|
Karl
|
Prönnecke
|
|
Großknecht
|
Ferdinand
|
Mennecke
|
|
Landwirt
|
Reinhold
|
Müller
|
|
Forstaufseher
|
Willi
|
Böwig
|
|
Dreher
|
Wilhelm
|
Helmbrecht
|
|
Arbeiter
|
Heinrich
|
Beddig
|
|
|
|
Ersatzmänner
|
|
Beruf
|
Vorname
|
Name
|
|
Kantor
|
Heinrich
|
Schrader
|
|
Lehrer
|
Heinrich
|
Meyer
|
|
Straßenbahnführer
|
Hermann
|
Stübig
|
Pastor Clemens als Anhänger des Volkskirchenbundes
Pastor Clemens war Anhänger des sog. Volkskirchenbundes. Dieser war aus der Ungewißheit, was denn nun nach 1918 aus den ev. Landeskirchen entstehen würde, gebildet worden. Würden die Kirchen wie in Rußland enteignet, ihr sämtliche staatlichen Zuschüsse gestrichen und aus den Kirchengebäuden Kulturhäuser werden? Es gab tatsächlich auf der politischen Linken widersprüchliche kirchenpolitische Vorstellungen und die extremsten erregten natürlich die größte Aufmerksamkeit. Immer wieder ließ die Kirche das Schreckgespenst einer Bolschewisierung aufleben, aber es war lediglich eine eingebildete, „gefühlte“ und keine reale Bedrohung.
Die Volkskirchenbünde forderten den Erhalt der ev. Kirche als Volkskirche und angemessene Staatsleistungen. Sie lehnten den Status der Kirche als Verein ab. Auch nachdem die Weimarer Verfassung den Kirchen den Status einer öffentlich-rechtlichen Einrichtung und die Erhebung von Kirchensteuern zugebilligt hatte, blieben die Volkskirchenbünde aus Befürchtung eines Rückfalls der politischen Verhältnisse bestehen. Mehrfach berichtet Clemens von Veranstaltungen des Volkskirchenbundes, die er mit Gemeindemitgliedern besucht hatte: eine Veranstaltung mit Bischof Bernewitz am 5. Oktober im Wolfenbüttler Gemeindehaus, am 8. Juni 1925 mit dem früheren Hof- und Domprediger Doehring über „Der alte Glaube und die neue Zeit“ in der Wolfenbüttler Trinitatiskirche,, am 21. Februar und 29. August 1926 in Wolfenbüttel, wo Pastor Lilje, der spätere Landesbischof der Hannoverschen Landeskirche, über „Christentum und Gemeinde“ und der „Welttagung des Jungmännerwerkes“ in Helsingfor sprach. Das Christentum sei keine Winkelsache sondern gehe sieghaft durch die Welt“, war sein Resume, das er auch später nach 1947 häufiger wiederholte. Clemens, der die Veranstaltung einleitete und das Schlußwort sprach, scheint im Volkskirchenbund führend tätig gewesen zu sein. Am 11. 9.1927 sprach Pastor Engelke, Hamburg beim Sommerfest des Volkskirchenbundes in Wolfenbüttel. „Teilnahme an der Feier auch seitens der Kl. Stöckheimer Gemeinde“, vermerkt Clemens in der Chronik, und am 28. Juni 1928 hieß das Thema „Der Kampf um die Seele und die evangelische Kirche“, am 23. Juni 1929 sprach Pfarrer Müller-Schwefe aus Münster. Der Volkskirchenbund war nicht stark genug, daß Clemens eine Veranstaltung in Kl. Stöckheim durchführen konnte, und Clemens vermied auch eine Politisierung der Gemeindearbeit.
Er baute eine Jugendarbeit in Zusammenarbeit mit dem CVJM in Braunschweig auf und eröffnete im Pfarrhaus eine Art Jugendheim. Er richtete Bibelstunden ein, veranstaltete Familienabende mit besonderen Themen im Gr. Weghaus und gründete 1927 eine Frauenhilfe, die bald an die 30 Mitglieder zählte. Das Erntedankfest wurde besonders reich ausgestaltet und in Melverode am Heiligen Abend erstmals eine Christmette gehalten und im Jahr mehrfach gut besuchte Jugendgottesdienste gefeiert. Zusammen mit dem Männergesangverein, den sein Kantor dirigierte, und dem Posaunenchor des CVJM wurden die zwei Gedächtnistafeln für die gefallenen Väter und Söhne der Gemeinde eingeweiht und immer wieder zu besonderen kirchlichen Jubiläen Vorträge gehalten. Besondere Missionsabende und Missionsvorträge sollten dem missionarischen Aufbau der Gemeinde dienen. Pastor Clemens blieb auch den Vereinen des Dorfes verbunden. Zum Jubiläum des Männergesangvereines 1926 weihte er dessen Fahne, zum 60. Stiftungsfestes der Freiwilligen Feuerwehr im selben Jahr hielt er unter der Friedenseiche die Ansprache.
In seinem letzten Jahr 1929 erhielt die Stöckheimer Dorfkirche eine neue Innenvermalung. Diese Aufbauarbeit in der Gemeinde blieb nicht verborgen und Clemens wurde zum zweiten Pfarrer der Hauptkirche St. Marien in Wolfenbüttel gewählt.
Nach den Kirchengemeinderatswahlen vom März 1929 wurde folgender Kirchenvorstands gewählt:
Die Kirchenvorstandsmitglieder
1929
|
|
Gemeindevorsteher
|
Friedrich
|
Halbe
|
|
Landwirt
|
Hermann
|
Isensee
|
|
Landwirt
|
Hermann
|
Sandau
|
|
|
Hermann
|
Ehlers
|
|
|
|
Der Beirat:
|
|
|
|
Frau Inspektorin
|
Gropp
|
|
|
Fräulein M.
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Bültemann
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Pastor Willi Kramer (1891 – 1975)
Am 16. Februar übernahm Pfarrer Willi Kramer die Amtsgeschäfte in der Kl. Stöckheimer und Melveroder Kirchengemeinden. Im Gegensatz zum bescheidenen und zurückhaltenden Auftreten von Pastor Clemens war Willi Kramer ein ausgesprochen nach außen gewendeter Mensch, kein Intellektueller, aber mit einer gehörigen Portion Selbstbewußtsein ausgestattet, ein Harzer Querkopf. Er war 1891 in Cattenstedt geboren, hatte den 1. Weltkrieg als Soldat mitgemacht und zum Schluß noch eine Verwundung erhalten. Vorher und nachher hatte er einige wenige Semester Theologie studiert und da seine Mutter früh Witwe geworden war, drängte er zu deren Unterstützung früh ins Pfarramt. Er hatte mit 30 Jahren geheiratet und beide hatten zwei Söhne und eine Tochter.
In seiner ersten Pfarrstelle in Golmbach in der Wesergegend begeisterte er sich für die nationale Freiheitsbewegung und traf sich mit dem Vorkämpfer der NSDAP in Niedersachsen, dem Major Dincklage, zu dessen Beerdigung 1930 sogar Hitler nach Braunschweig kam.
Kramer war mit einem gewissen rücksichtslosen Durchsetzungsvermögen ausgestattet. Er wollte gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in Kl. Stöckheim die Frauenhilfe übernehmen, für die sein Vorgänger die Frau des herzoglichen Amtmannes Bruns eingesetzt hatte. Kramer legte sich mit ihr öffentlich an, was ihm Nachfragen des Landeskirchenamtes einbrachte. Bei der Visitation im Sommer 1932 konnte Kramer berichten, daß sich die Mitgliederzahl der Frauenhilfe von 4 |