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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

„Die Braunschweiger Kirchen im Nationalsozialismus – ein Blick in die Stöckheimer Chronik“

Vortrag am 24. Mai 2007
von Dietrich Kuessner

(Download als pdf hier)


Materialsammlung zur Geschichte der Kl. Stöckheimer Dorfkirchengemeinde
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts


Vorwort


Pfarrerin Hiltrud Becker lud mich zu einem Vortrag am 24. Mai 2007 über „Die Braunschweiger Kirchen im Nationalsozialismus – ein Blick in die Stöckheimer Chronik“ anläßlich der 1000 Jahrfeier des Dorfes Stöckheim ein. Dabei ist folgende Materialsammlung zur Geschichte der Kl. Stöckheimer Kirchengemeinde im 20. Jahrhundert entstanden, aus der ich anläßlich des Vortrages vorgetragen habe. Die Vortragsform ist im Folgenden eingehalten und um die Materialien erweitert. Daher erklärt sich auch der Einstieg im Jahr 1930, das ich über die Stöckheimer Kirche im Nationalsozialismus“ referieren sollte.

Ich habe vor allem die Kirchenchronik Kl. Stöckheim benutzt, die von 1907 an mit Lücken geführt worden ist. Die Eintragungen von Pastor Kramer sind nicht zeitgleich, sondern nachträglich geschrieben worden. Bei der Visitation 1938 wurde Pfr. Kramer aufgefordert, die Chronik zu vervollständigen. Offensichtlich ist sie erst nach 1945 anhand von Zeitungsnotizen und Notizen im Pfarramtskalender abgefaßt worden. Außerdem habe ich die zur Verfügung stehenden Akten im Landeskirchlichen Archiv eingesehen, insbesondere die Visitationsakten (unter der Archivnummer S 2553 verzeichnet), die wenigen vorhandenen Ortsakten und die Personalakte Willi Kramer. Zur allgemeinen Geschichte, vor allem der Wahlergebnisse, habe ich einige Zeitungsbände des Volksfreundes und der Braunschweiger Landeszeitung durchgesehen. Schließlich gibt es auch einen Aktenband im Pfarrarchiv. Wenige Adreßbücher für den Landkreis Braunschweig waren im Staatsarchiv und in der Herzog August Bibliothek vorhanden.
Das in der 2. Auflage 1992 erschienene Standardwerk von Wilhelm Bornstedt „Chronik von Stöckheim“ ist für die Geschichte des 20. Jahrhunderts wenig ergiebig. Das entsprach der Zurückhaltung der Heimatforschung der 60iger Jahre, als die erste Auflage erschien (1967). Anläßlich der 1000 Jahrfeier wurde von Peter Valentin und dem Heimatpfleger Rudolf Zehfuß die Festschrift „1000 Jahre Stöckheim 1007 bis 2007“ veröffentlicht, in der sehr anschaulich und lesefreundlich die Dorfgeschichte historisch und soziologisch aufgearbeitet worden ist. Sie ist auch für die Geschichte des Dorfes im 20. Jahrhundert ergiebig.
Dieser Materialsammlung ist ein Anhang mit einem Auszug aus einer längeren Ausarbeitung von Pastor Kramer angefügt.
Diese Arbeit ist also als Materialsammlung für eine weitere Beschäftigung mit der Dorfgeschichte in diesem Zeitraum anzusehen und nicht als eine abgeschlossene Abhandlung.

Kann man aus der Geschichte lernen? Die Frage wird von den Skeptikern verneint. Die Menschen wären kaum lernfähig. Außerdem wiederhole sich Geschichte nicht. Ich bin anderer Meinung. Wie die Interpretation der Bibel in der Predigt, die auf die Menschen und Fragen der Gegenwart ausgelegt wird, so kann auch die Interpretation von Geschichtsabläufen auf Fragestellungen und Befindlichkeiten in der Gegenwart verstanden und für sie fruchtbar gemacht werden.
Insofern ist die Geschichte eine Lehrmeisterin, wie die alten Römer sagten: historia magistra. Das wird dann besonders anschaulich, wenn die Geschichte nicht als ein zwangsläufig abgelaufener Prozeß angesehen wird, sondern als ein Verlauf, zu dem es auch immer andere Möglichkeiten gegeben hätte.

Braunschweig März 2008



Kl. Stöckheim und seine evangelische Kirche


Kl. Stöckheim um 1930
Mit dem Nationalsozialismus fing es im Braunschweigischen so richtig im Jahre 1930 an und im selben Jahr, am 16. Februar 1930, wurde Pastor Willi Kramer in das Kl Stöckheimer Pfarramt, zu dem auch noch die Kirchengemeinde Melverode gehörte, durch Kirchenrat Ramke aus Rautheim eingeführt.
Damals hatte Kl. Stöckheim (nach dem Adreßbuch der Landgemeinden Braunschweigs) 750 Einwohner in 99 Wohngebäuden. Die Straßen hatten noch keine Namen. Die Gebäude wurden mit Nummern durchgezählt. Nummer eins war das Gr. Weghaus und in Nr. 2 wohnte der Landwirt mit der größten Ackerfläche Reinhold Müller.
Die Landwirtschaft bestimmte das Dorf. Es gab neun Landwirte mit deutlich über 5 Hektar Land, Wiese und Wald, nämlich Reinhold Müller, Albert Isensee, Friedrich Halbe, Hermann Heine, Adolf Heuer als die größeren Höfe und Heinrich Goes, Erich Meyer, Otto Heine und Walter Kuthe als die kleineren. Mit 77 ha Land war Reinhold Müller der größte, Adolf Heuer betrieb eine Schäferei mit 160 Schafen und Kuthe eine Gemüsesamenzucht, so nach dem Adreßbuch. Herr Kuthe berichtigte mich, es wäre eine Obstplantage gewesen. Die 26 Pferde wurden in zwei Schmieden versorgt (Johann Tomczak und Albert Käserberg) und in zwei Stellmachereien (u.a. Konrad Wagner) der Fuhrpark. Der Tierarzt (Franz Bruns) kümmerte sich um die Gesundheit der Pferde und der 53 Kühe. Das Adreßbuch nennt 65 Arbeiter, davon 19 landwirtschaftliche Arbeiter, tatsächlich aber waren es in der Landwirtschaft viel mehr, weil in der Regel auch die Frauen mitarbeiteten. Auf dem Foto „gemeinsames Erbsenpflücken“ in der Festschrift „1000 Jahre Stöckheim“ S. 71 sind nur von den 17 Arbeitern nur Frauen und Kinder zu sehen. Auch zwei Viehhändler (Hermann Beddies und Heinrich Biethan) hatten sich im Dorf niedergelassen.

Die folgende Tabelle zählt die Landwirte nach ihrer Größe auf:

Ortsverzeichnis der Landwirtschaftlichen Güter im Jahr 1930

 Nr.

 Landwirt

Insges. ha

Acker

Pferde

Kühe

Schafe

 2

 Reinhold Müller

77

48,5

8

 

 

 13/14/74

 Albert Isensee j.

63

47

 

 

 

 26

 Friedrich Halbe

58

45

8

20

 

 9

 Hermann Heine

58

41

9

22

 

 25

 Adolf Heuer

55

35

 

11

160

 4

 Heinrich Goes

34

22,5

 

 

 

 34

 Erich Meyer

31

25,3

 

 

 

 12

 Otto Heine

17

14

 

 

 

 13/14/74

 Albert Isensee j.

63

47

 

 

 

 84

 Walter Kuthe

16

13,8

Obstplantage


Wie in jedem Dorf zu jener Zeit bot auch das Handwerk noch ein Auskommen, in Kl Stöckheim den neun Tischlern und drei Schneidern, dazu zwei Kolonialwarenläden (Heinrich Hasenfuß und Reinhold Meyer). Zu einem der zwei Bäckereien (Wilhelm Keller und Erich Meyer) trugen die Frauen am Sonnabend ihre Bleche für den Zuckerkuchen,
Da seit mehr als 30 Jahren eine Straßenbahn von Braunschweig nach Wolfenbüttel über Kl. Stöckheim fuhr, arbeiteten auch zehn Bewohner bei der Straßenbahn als Straßenbahnarbeiter, -schaffner oder –führer.
Viele andere Arbeiter gingen zur Arbeit zur Mühle in Rüningen oder nach Braunschweig.
Abwechslung vom Arbeitsalltag boten die Freiwillige Feuerwehr, der Landwehrverein und der Männergesangverein „Gr. Weghaus“, das der Ort für gesellschaftliche Veranstaltungen des Dorfes war.

Kl. Stöckheim seit 1918 fest in der Hand der Sozialdemokratie
Kommunalpolitisch war das Dorf fest in der Hand der Sozialdemokratie. Das ist für dieses Thema wichtig, denn die Nazis gaben sich programmatisch antisozialistisch und antidemokratisch. Um 1907 oder einige Zeit davor war, so die Kirchenchronik, ein „socialdemokratischer Arbeiter-Verein“ gegründet worden. Vielleicht war er dasselbe wie eine Ortsgruppe der SPD, die in der Festschrift allerdings auf 1873 datiert wird (S. 153). Seit der Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechtes 1918 verzeichnete die SPD bei den unterschiedlichsten Wahlen, zur Nationalversammlung, zum Reichstag und Landtag und auch zum Kreistag und zu den Gemeinderatswahlen eine stabile sozialdemokratische Mehrheit von regelmäßig 200 bis 290 Stimmen. Diese Linke hatte einen linken Anstrich, denn 1922 hatte die radikalere USPD in Kl. Stöckheim 191 Stimmen gegenüber nur 115 des bürgerlichen Landeswahlverbandes erhalten. Langsam im Steigen war in Kl. Stöckheim auch die KPD, von acht Stimmen 1922 auf 41 Stimmen 1931.

Wahlergebnisse in Kl. Stöckheim 1919 – 1928

Wahlen

Datum

SPD

USPD

KPD

DDP

DVP

LWV

HuG

DNVP

NSDAP

 Nationalvers.

19.01.1919

17

184

 

 

57

 

 

86

 

 Landtag

22.01.1922

31

191

8

 

 

115

 

 

 

 Landtag

07.12.1924

237

 

18

11

76

WE: 35

 

37

 

 Landtag

27.11.1927

262

 

18

14

65

WE: 14

45

26

3

 Reichstag

20.05.1928

290

 

23

 

66

 

 

52

9


In der Weimarer Zeit hatte sich neben der bürgerlichen Dorfkultur auch eine sozialistische Arbeiterkultur entwickelt. Seit 1924 trafen sich besonders die Arbeiter im Arbeitergesangverein. Kurt Heims schildert in der Festschrift die besonderen, typischen Umstände (S. 140 f). Die Sportler trafen sich im Arbeiter-Radverein und die Jugendlichen später in der Reichsbannerjugend. Der Volksfreund berichtete manchmal über deren Veranstaltungen.

Der Schulneubau 1907 - eine Anregung aus der Arbeiterklasse
Die politische Linke vertrat ihre Interessen in der sog. dritten Klasse des Gemeinderates. Vor 1918 wurden die Stimmen nach Einkommen verteilt. Der Vermögende hatte viele Stimmen, die dritte Klasse wenige. Dieser dritten Klasse der Gemeindevertretung war schon 1907 der Neubau einer Dorfschule und die Einrichtung einer zweiten Lehrerstelle zu verdanken. Bis dahin waren die über 120 Kinder von einem einzigen Lehrer in einem Raum unterrichtet worden, ein lange anhaltender, unmöglicher, pädagogisch unverantwortlicher Zustand. Der 1908 eingeweihte neue Schulbau mit zwei Lehrerwohnungen und mehreren Klassenräumen war räumlich erstmals nicht an die Kirche angebunden, sondern in auffälliger Entfernung gebaut. Über dem Eingang befinden sich zwei typische Symbole: ein Junge mit einem Schwert in der Hand. Die Schule sollte zu vaterländischem, also kriegsbereiten und christlichen Denken erziehen. Das pädagogische Konzept der damaligen ev. lutherische Gemeindeschule bestand darin, den Willen des Kindes zu brechen, weil dieser als von Anfang an verderbt und eigenwillig galt, um dann dem Kind die christlichen Werte und Grundsätze einzuflößen. Das ließ sich nur mit einer Prügelpädagogik durchsetzen, die noch bis 1918 üblich gewesen war. Das über dem Eingang der neuen Schule abgebildete Mädchen indes hat einen Ball in der Hand und spielt damit. Das war gegenüber der herkömmlichen Pädagogik ein starkes Stück. Die Kinder sollten Gehorsam und Einordnung lernen. Gelobt wurde nie und gespielt schon gar nicht. So wurde, was als Dekoration gedacht war, zu einer stillen und sichtlichen Abkehr von jahrhundertealten schulischen Zielen und Methoden. In der Kirchenchronik befindet sich ein ausführlicher Bericht von der Einweihungsfeier, denn rechtlich war sie immer noch eine ev. luth. Gemeindeschule.

Schule und Kirche
Die Schule war mit der Kirche traditionell durch den Lehrer verbunden. Der Lehrer ging nämlich bis 1918 dem Dorfpastor zur Hand, kümmerte sich auch um Abendmahlskelch und Taufschale und Altarschmuck, und vor allem spielte er Sonntag für Sonntag die Orgel. Das war zur Zeit der Einweihung der neuen Schule 1908 Kantor Sierig. Lehrer Sierig war derart beliebt, daß sich nach dem 2. Weltkrieg eine Gemeindeinitiative bildete, die den Enkel Sierig, der Pfarrer geworden war, gegen den amtierenden Pfarrer austauschen wollte.
Nachfolger von Sierig wurde seit 1913 15 Jahre lang als erster Lehrer Heinrich Schrader. Heinrich Schrader war ein durch und durch kirchlicher Mann, stellte schon vor 1920 seine Wohnung für Bibelstunden zur Verfügung und blieb als einziger Besucher auch in der Folgezeit den Bibelstunden von Pastor Clemens treu. Zweiter Lehrer blieb Heinrich Meyer. Am 2. Ostertag 1928 wurde Heinrich Schrader zum Ende seiner Dienstzeit von Pastor Clemens im Gottesdienst aus dem Kantorenamt verabschiedet. „Nach Schluß des Gottesdienstes widmete Pastor Clemens dem Scheidenden herzliche Worte der Anerkennung und feierte ihn als Mensch, Lehrer und Organisten und überreichte ihm im Auftrag des Kirchengemeinderates als Zeichen der Liebe und Dankbarkeit ein Buch und ein wundervolles Gemälde „Die Abendglocken läuten“. Abends acht Uhr brachten die Schulkinder einen Fackelzug. Herr Böwig überreichte dem Scheidenden als äußeres Zeichen der Verehrung einen Sessel. Herr Lehrer Meyer gab dem Abschiednehmenden in herzlicher Ansprache die Versicherung, daß die Gemeinde seiner stets in Liebe und Verehrung gedenken werde.“ (Zeitungsnotiz aus der Kirchenchronik)
Als Heinrich Meyer nun den Organistendienst übernahm, wurde die Orgel eigens aus diesem Anlaß festlich bekränzt. Zweiter Lehrer wurde Reinhold Gremmer (1889), damals 39 Jahre alt.

Kirche und Sozialdemokratie
Das Verhältnis des Pfarrers zur Sozialdemokratie war von Anfang an gespannt. Pastor Genuit sah 1907 eine besondere Ursache für die wachsende Unkirchlichkeit seiner Kirchengemeinde in der Gründung des sozialdemokratischen Arbeitervereins. Aus dem Gesangverein und aus der Freiwilligen Feuerwehr wären Mitglieder ausgetreten und die Teilnahme an Gottesdienst und Abendmahl hätten seitens der Arbeiterschaft nachgelassen. Die eigentlichen Gründe für die Entfremdung von Arbeiterschaft und ev. Kirche lagen aber vor allem in der strukturellen Staatsnähe der Landeskirche, der jahrhundertealten schädlichen Verbindung von Thron und Altar. In den kleinräumigen Verhältnissen eines Dorfes kam ein weiterer Grund hinzu. Die Kirche verlor die absoluten Deutungshoheit über die gesellschaftlichen Werte, die die Kirche immer noch innezuhaben glaubte. Tatsächlich hatte sich das Bürgertum in den Städten längst von der Kirche verabschiedet und je mehr auch in den Dörfern bürgerliche Kultur etwa durch das Vereinswesen eindrang, wurden der Geselligkeit, der Freude an Spiel und Sport, der Bildung der Vorzug gegenüber Kirchgang und Katechismus gegeben.
Die Sozialdemokratie verstärkte diesen Trend erheblich und löste daher bei der Kirche Verlustängste aus. Sie feierte längst ihr eigenes „Kirchenjahr“ mit dem 1. Mai und dem 10. August als dem Verfassungstag und der Volksfreund als das kämpferische Presseorgan dichtete zur Wintersonnenwende „Stille Nacht/ Weihe Nacht/ Lichterbaum strahlt und lacht/ leuchtet durch die Dunkelheit/ bald ja kommt eine bessere Zeit/ Sonnenwende ist da.//Weihenacht/ Licht entfacht/ Mann und Weib aufgewacht/ Freiheit erkämpft euch im heiligen Bund/Frieden dann läutet im Erdenrund/ Zeitenwende ist nah“ (Volksfreund 24.12.1927) Mit der Agitation „Heraus aus der Kirche“ wurden auch einige Erfolge erzielt, die für den Mitgliederbestand der Landeskirche zwar bedeutungslos blieben, aber die Kränkung der Kirche lag in dem bereits erwähnten Verlust, ganz allein die Werteordnung in der Gesellschaft zu bestimmen, wie sie es Jahrhunderte lang gewohnt gewesen war.

Die Braunschweigische Landeskirche im demokratischen Aufbruch
Zu jener Zeit war Theodor Clemens Pfarrer von Kl. Stöckheim. Pastor Theodor Clemens (1873-1945) hatte mit 47 Jahren 1920 die Gemeinde übernommen. Die Landeskirche befand sich in einem völligen Umbruch. Sie gab sich Anfang der 20iger Jahre eine neue Verfassung, die Kirchenbehörde war nicht mehr wie früher eine Unterabteilung des Staatsministeriums sondern unabhängig und mußte mit neuen Leuten eine eigene Verwaltung aufbauen; sie richtete eine Landeskirchenkasse ein, um sich finanziell vom Staat unabhängig zu machen, und an der Spitze der Landeskirche stand nicht mehr ein Jurist sondern als Theologe ein Landesbischof. Alexander Bernewitz wurde im September 1923 als erster vom Landeskirchentag frei gewählter Bischof im Braunschweiger Dom in sein Amt eingeführt. Es gab in der Landeskirche drei Fraktionen: Linke (Freunde der ev. Freiheit), die Rechte (Volkskirchenbund) und die kirchliche Mitte, die sich vor den Wahlen zum Landeskirchentag und auch zu den Kirchenvorständen erbittert öffentlich bekämpften. Die Linke begrüßte die Weimarer Republik und wollte eine liberale Kirche in einer republikanischen, liberalen Gesellschaft sein. die Rechte trauerte den alten Zeiten unter dem Herzog hinterher und wünschten sich lieber die Rückkehr zum patriachalischen Obrigkeitsstaat.
Die Demokratie hatte Einzug in die Landeskirche gehalten.

Der Verlust der geistlichen Schulaufsicht
Noch im November 1918 hatte eine staatliche Schulbehörde die Aufsicht und Verwaltung über alle Schulen, auch über die Gemeindeschulen auf den Dörfern übernommen, was von der Lehrerschaft lebhaft begrüßt worden war, nachdem sie Jahrzehnte vorher um die Beendigung der geistlichen Schulaufsicht vergeblich gekämpft hatte. Die Pfarrer der kirchlichen Rechten jammerten über den Rollenverlust an den Schulen und zettelten einen rückständigen, geradezu schädlichen Schulkampf an, der noch dadurch angeheizt wurde, daß die sozialistischen Landesregierungen auch den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach aus den Schulen entfernen wollten.
Aber die beiden Lehrer der Kl.Stöckheimer Volksschule Schrader und Meyer unterrichteten unbeeindruckt von den Schulkämpfen auf der Landesebene ihr altes Pensum mit den Schulkindern durch.

Die Kl. Stöckheimer Kirchengemeinde in der Weimarer Zeit mit Pastor Clemens
Auch in der Kl. Stöckheimer Kirchengemeinde wurde der Umschwung zur Republik spürbar. In der Landeskirche wurden die Verfassungsorgane durch Wahlen von der Basis bestimmt. 1923 stellten sich 15 Gemeindemitglieder zur Mitarbeit im neu zu wählenden Kirchengemeinderat zur Verfügung stellten.
Die Landwirte stellten mit fünf Kandidaten die größte Gruppe auf der Wahlvorschlagsliste. Es waren die Landwirte von den größeren Höfen. Es folgten drei Arbeiter, zwei Handwerker, ein Aufseher, Forstaufseher, und ein Großknecht. Diese Zwölf wählten aus ihrer Mitte den engeren Kirchenvorstand. Damals waren Kirchengemeinderat und Kirchenvorstand zwei getrennte Gremien. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde diese Doppelkonstruktion aufgegeben.

Die eingereichte Wahlvorschlagsliste enthielt folgende 12 Namen:

Wahlvorschlagsliste für den Kirchengemeinderat 1923

Beruf

Vorname

Name

Gemeindevorsteher

Friedrich

Halbe

Arbeiter

Ludwig

Fleige

Landwirt

Hermann

Isensee

Landwirt

Hermann

Sandau

Landwirt

Adolf

Heuer

Maurer

Hermann

Bäse

Aufseher

Karl

Prönnecke

Großknecht

Ferdinand

Mennecke

Landwirt

Reinhold

Müller

Forstaufseher

Willi

Böwig 

Dreher

Wilhelm

Helmbrecht

Arbeiter

Heinrich

Beddig

 

Ersatzmänner

Beruf

Vorname

Name

Kantor

Heinrich

Schrader

Lehrer

Heinrich

Meyer

Straßenbahnführer

Hermann

Stübig


Pastor Clemens als Anhänger des Volkskirchenbundes
Pastor Clemens war Anhänger des sog. Volkskirchenbundes. Dieser war aus der Ungewißheit, was denn nun nach 1918 aus den ev. Landeskirchen entstehen würde, gebildet worden. Würden die Kirchen wie in Rußland enteignet, ihr sämtliche staatlichen Zuschüsse gestrichen und aus den Kirchengebäuden Kulturhäuser werden? Es gab tatsächlich auf der politischen Linken widersprüchliche kirchenpolitische Vorstellungen und die extremsten erregten natürlich die größte Aufmerksamkeit. Immer wieder ließ die Kirche das Schreckgespenst einer Bolschewisierung aufleben, aber es war lediglich eine eingebildete, „gefühlte“ und keine reale Bedrohung.
Die Volkskirchenbünde forderten den Erhalt der ev. Kirche als Volkskirche und angemessene Staatsleistungen. Sie lehnten den Status der Kirche als Verein ab. Auch nachdem die Weimarer Verfassung den Kirchen den Status einer öffentlich-rechtlichen Einrichtung und die Erhebung von Kirchensteuern zugebilligt hatte, blieben die Volkskirchenbünde aus Befürchtung eines Rückfalls der politischen Verhältnisse bestehen. Mehrfach berichtet Clemens von Veranstaltungen des Volkskirchenbundes, die er mit Gemeindemitgliedern besucht hatte: eine Veranstaltung mit Bischof Bernewitz am 5. Oktober im Wolfenbüttler Gemeindehaus, am 8. Juni 1925 mit dem früheren Hof- und Domprediger Doehring über „Der alte Glaube und die neue Zeit“ in der Wolfenbüttler Trinitatiskirche,, am 21. Februar und 29. August 1926 in Wolfenbüttel, wo Pastor Lilje, der spätere Landesbischof der Hannoverschen Landeskirche, über „Christentum und Gemeinde“ und der „Welttagung des Jungmännerwerkes“ in Helsingfor sprach. Das Christentum sei keine Winkelsache sondern gehe sieghaft durch die Welt“, war sein Resume, das er auch später nach 1947 häufiger wiederholte. Clemens, der die Veranstaltung einleitete und das Schlußwort sprach, scheint im Volkskirchenbund führend tätig gewesen zu sein. Am 11. 9.1927 sprach Pastor Engelke, Hamburg beim Sommerfest des Volkskirchenbundes in Wolfenbüttel. „Teilnahme an der Feier auch seitens der Kl. Stöckheimer Gemeinde“, vermerkt Clemens in der Chronik, und am 28. Juni 1928 hieß das Thema „Der Kampf um die Seele und die evangelische Kirche“, am 23. Juni 1929 sprach Pfarrer Müller-Schwefe aus Münster. Der Volkskirchenbund war nicht stark genug, daß Clemens eine Veranstaltung in Kl. Stöckheim durchführen konnte, und Clemens vermied auch eine Politisierung der Gemeindearbeit.

Er baute eine Jugendarbeit in Zusammenarbeit mit dem CVJM in Braunschweig auf und eröffnete im Pfarrhaus eine Art Jugendheim. Er richtete Bibelstunden ein, veranstaltete Familienabende mit besonderen Themen im Gr. Weghaus und gründete 1927 eine Frauenhilfe, die bald an die 30 Mitglieder zählte. Das Erntedankfest wurde besonders reich ausgestaltet und in Melverode am Heiligen Abend erstmals eine Christmette gehalten und im Jahr mehrfach gut besuchte Jugendgottesdienste gefeiert. Zusammen mit dem Männergesangverein, den sein Kantor dirigierte, und dem Posaunenchor des CVJM wurden die zwei Gedächtnistafeln für die gefallenen Väter und Söhne der Gemeinde eingeweiht und immer wieder zu besonderen kirchlichen Jubiläen Vorträge gehalten. Besondere Missionsabende und Missionsvorträge sollten dem missionarischen Aufbau der Gemeinde dienen. Pastor Clemens blieb auch den Vereinen des Dorfes verbunden. Zum Jubiläum des Männergesangvereines 1926 weihte er dessen Fahne, zum 60. Stiftungsfestes der Freiwilligen Feuerwehr im selben Jahr hielt er unter der Friedenseiche die Ansprache.
In seinem letzten Jahr 1929 erhielt die Stöckheimer Dorfkirche eine neue Innenvermalung. Diese Aufbauarbeit in der Gemeinde blieb nicht verborgen und Clemens wurde zum zweiten Pfarrer der Hauptkirche St. Marien in Wolfenbüttel gewählt.

Nach den Kirchengemeinderatswahlen vom März 1929 wurde folgender Kirchenvorstands gewählt:

Die Kirchenvorstandsmitglieder 1929

Gemeindevorsteher

Friedrich

Halbe

Landwirt

Hermann

Isensee

Landwirt

Hermann

Sandau

 

Hermann

Ehlers

 

Der Beirat:

 

 

Frau Inspektorin

Gropp

 

Fräulein M.

Bültemann


Pastor Willi Kramer (1891 – 1975)
Am 16. Februar übernahm Pfarrer Willi Kramer die Amtsgeschäfte in der Kl. Stöckheimer und Melveroder Kirchengemeinden. Im Gegensatz zum bescheidenen und zurückhaltenden Auftreten von Pastor Clemens war Willi Kramer ein ausgesprochen nach außen gewendeter Mensch, kein Intellektueller, aber mit einer gehörigen Portion Selbstbewußtsein ausgestattet, ein Harzer Querkopf. Er war 1891 in Cattenstedt geboren, hatte den 1. Weltkrieg als Soldat mitgemacht und zum Schluß noch eine Verwundung erhalten. Vorher und nachher hatte er einige wenige Semester Theologie studiert und da seine Mutter früh Witwe geworden war, drängte er zu deren Unterstützung früh ins Pfarramt. Er hatte mit 30 Jahren geheiratet und beide hatten zwei Söhne und eine Tochter.
In seiner ersten Pfarrstelle in Golmbach in der Wesergegend begeisterte er sich für die nationale Freiheitsbewegung und traf sich mit dem Vorkämpfer der NSDAP in Niedersachsen, dem Major Dincklage, zu dessen Beerdigung 1930 sogar Hitler nach Braunschweig kam.
Kramer war mit einem gewissen rücksichtslosen Durchsetzungsvermögen ausgestattet. Er wollte gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in Kl. Stöckheim die Frauenhilfe übernehmen, für die sein Vorgänger die Frau des herzoglichen Amtmannes Bruns eingesetzt hatte. Kramer legte sich mit ihr öffentlich an, was ihm Nachfragen des Landeskirchenamtes einbrachte. Bei der Visitation im Sommer 1932 konnte Kramer berichten, daß sich die Mitgliederzahl der Frauenhilfe von 40 auf 70 Mitglieder gesteigert hatte. Die Zahl der Gottesdienstbesucher gab es mit 20 – 30 Personen an, an Festtagen hätte sie 100 – 120 Personen betragen. Der Konfirmandenunterricht betrug von den Herbstferien bis zur Osterzeit insgesamt vier Stunden an zwei Tagen wöchentlich. „Es werden vor allem die 5 Hauptstücke durchgenommen, aber auch Gesangbuchlieder, Bibelkunde, Kirchengeschichte usw. Sie wird mit einem Schlußgesang, Gebet und Segen geschlossen“, berichtete Kramer auf dem Visitationsbogen 1932. Von seinen pädagogischen Fertigkeiten berichtete später ein Lehrer der Stöckheimer Volksschule, daß Kramer, wenn er es für nötig hielt, Konfirmanden beschimpft und auch geschlagen hätte. Er drohte auch schon mal, wer nicht konfirmiert würde, bekäme später auch kein Kirchenland. Er selber bewirtschaftete das große Gelände seines Pfarrgrundstückes landwirtschaftlich und hielt sich auch Vieh, wie viele Pfarrer auf dem Lande auch. Das Urteil von Kirchenrat Witte fiel 1932 günstig aus: „Nach dem einmütigen Zeugnis des Kirchengemeinderates hat sich Pfarrer Kramer das ungeteilte Vertrauen der Gemeinde erworben.“

Pastor Willi Kramer und sein Verhältnis zum Nationalsozialismus
Hier im Stöckheimer Pfarrhaus verfaßte Pastor Kramer einen Aufsatz, in dem er sich offen als Sympathisant und Unterstützer der NSDAP bekannte und diese Meinung auch unter seinen Amtsbrüdern vertrat. Die Braunschweiger Pfarrer hatten alle zwei Jahre zu ihrer Fortbildung einen schriftlichen Aufsatz anzufertigen, über den dann gemeinsam diskutiert wurde. Für das Jahr 1930 hatte Landesbischof Bernewitz als Thema die Freidenkerbewegung oder die völkische Bewegung zur Auswahl gestellt und alle Pfarrer entschieden sich ohne Ausnahme für die Bearbeitung des Themas, in dem sie sich auch mit der ns. Bewegung auseinandersetzen sollten.
Pastor Kramer war ganz offensichtlich in dieser Zeit vor 1933 vom Nationalsozialismus sehr angetan. Natürlich gebe es zwischen Kirche und Nationalsozialismus Grenzen hinsichtlich der Aufgaben und Ziele und diese Grenzen müßten auch eingehalten werden, aber die Kirche habe eine pädagogische Aufgabe gegenüber den Nazis. Sie habe die Aufgabe, „die Bewegung immer mehr in christliche Bahnen zu lenken“. Der Nationalsozialismus fordere z.B. „erfreulicherweise die Säuberung des öffentlichen Lebens von jüdischem Geiste“, da habe die Kirche „die Aufgabe, hier mitzuhelfen“
Es gebe also, und das hebt Kramer am Schluß seines 17 Seiten langen, handschriftlich verfaßten Aufsatzes hervor, viele Berührungspunkte. Dazu komme die ungeheure Popularität der Bewegung: „Millionen Volksgenossen sehen in dem Nationalsozialismus den Retter und Befreier vom immer weiter um sich greifenden Bolschewismus.“
Die zahlreichen Berührungspunkte und die Popularität der Bewegung überhöhte Kramer noch: „Fast möchte man sagen, ist der Nationalsozialismus ein Werkzeug in der rettenden Hand Gottes. Sich diesen starken, bündnisfähigen Bundesgenossen im Kampf gegen die materialistische marxistische bolschewistische Weltanschauung zu gewinnen und zu erhalten, halte ich sogar für eine Pflicht der Kirche. Selbstverständlich bleiben bei dem gewünschten Zusammenarbeiten beider Gemeinschaften die Hauptaufgaben der Kirche unberührt.“
Kramer plädiert zwar für Neutralität im Pfarramt, hat aber nichts dagegen, wenn zu kirchlichen Amtshandlungen (Taufen und Trauungen) nationalsozialistische Gemeindemitglieder in brauner Uniform erscheinen würden.

Diese Meinung Kramers ist keine Seltenheit in der Landeskirche. Von den 139 eingereichten Arbeiten äußerten sich 98 Pfarrer überwiegend oder sogar enthusiastisch positiv zum Nationalsozialismus und suchten und fanden Anknüpfungspunkte zur braunen Bewegung.

Die Auseinandersetzung zwischen sozialdemokratischem und bürgerlichem Lager in Kl. Stöckheim
Mit dieser Meinung befand sich Kramer im Lande Braunschweig bereits auf der Seite der Sieger, aber nicht in Kl. Stöcklheim. Seine positive Einstellung zum Nationalsozialismus erhielt nämlich einen großen Schub durch folgende politische Entwicklung. Bei den Landtagswahlen im September 1930 verlor die sozialdemokratische Partei ihre Mehrheit im Braunschweiger Landtag und der Freistaat erhielt eine bürgerlich/ nationalsozialistische Mehrheit.
Wie wählten die Kl. Stöckheimer? Jene bürgerlich/nationalsozialistische Mehrheit erreichte in Kl. Stöckheim 182 Stimmen, die sich in 112 Stimmen für die Bürgerliche Einheitsliste, 62 für die NSDAP und 8 für die DVP teilten. Dem stand eine massive sozialdemokratische Mehrheit von 292 Stimmen gegenüber, verstärkt durch die 33 Stimmen für die KPD. Wenn es nach den Kl. Stöckheimern gegangen wären, hätten die Nazis im Braunschweiger Landtag keine Koalition mit den Bürgerlichen bilden können.
Die Kl. Stöckheimer waren nicht allein. Sie hatte stabile sozialdemokratische Nachbarn, nämlich in Leiferde Rüningen, Broitzem, deren Ergebnisse in der folgenden Tabelle wiedergegeben sind

  Landtagswahlen 1930 in Kl. Stöckheim und Umgebung

 Ort

SPD

KP

Bürgerliche

NSDAP

 Kl. Stöckheim

292

33

112

62

 Rüningen

422

107

129

60

 Leiferde

189

51

77

39

 Broitzem

433

44

172

100


Kl. Stöckheim gehörte zum Landkreis Braunschweig. Von den 78 Gemeinden des Landkreises Braunschweig hatten 40 Gemeinden sozialdemokratische Mehrheiten, aber 25 bereits nationalsozialistische Mehrheiten, in einigen Gemeinden von absolutem Ausmaß. Es war also im Vergleich mit dem Wahlverhalten in anderen Gemeinden keineswegs selbstverständlich, daß sich in Kl. Stöckheim noch eine derart massive sozialdemokratische Mehrheit erhalten hatte.

Landtagswahlen 14.09.1930 im Landkreis Braunschweig
mit absoluten nationalsozialistischen Mehrheiten

Ort

SPD

KP

Bürgerliche

NSDAP

 Lehre

124

8

77

304

 Wahle

63

32

64

105

 Völkenrode

34

4

46

116

 Wendeburg

63

5

109

234

 Zweidorf

59

15

65

158

 Schandelah

57

4

73

153

 Sonnenberg

58

 

65

155

 Harvesse

87

 

16

16


Das Anwachsen von Stimmen für den Nationalsozialismus
Für das Dorf war die stabile sozialdemokratische Mehrheit fast eine selbstverständliche Gewohnheit, auffällig war daher bei dieser Septemberwahl 1930, daß die Nazis von 3 Stimmen bei der Landtagswahl 1927 auf 62 Stimmen hochgeschnellt waren.
Von den insgesamt 507 abgegebenen Stimmen waren die 62 NSDAP Stimmen in Kl. Stöckheim zwar nicht viel, aber sie waren doch ein Signal.

Landtagswahlen 1927 und 1930 in Kl. Stöckheim

Wahlen

Datum

SPD

KPD

Bürgerliche

DVP

NSDAP

 Landtag

27.11.1927

262

18

99

65

3

 Landtag

14.09.1930

292

33

112

8

62


Die Gründung einer Ortsgruppe des Stahlhelm
Woher kam der Stimmezuwachs für die NSDAP?
Da spielte möglicherweise die Gründung einer Stöckheimer. Stahlhelm-Ortsgruppe im April 1929 eine Rolle. Der Stahlhelm war eine nach 1918 geschaffene Organisation, zunächst zur Unterstützung von durch den Krieg invalid gewordenen Soldaten, dann aber immer stärker eine paramilitärische Organisation, die sich scharf gegen die Republik und für eine Revision der Ergebnisse des Versailler Vertrages einsetzte. Das war nur durch einen neuen Krieg zu erreichen. Einen neuen Krieg nahm der Stahlhelm dafür glatt in Kauf. „ Noch tönt ein Klang aus fernen Siegestagen/ wie Mahnung klingt es noch einmal zu bluten/ den letzten heißen Kampf uns zuzumuten/ um unser Ziel nach dem wir Sehnsucht tragen.“ Landesführer des Stahlhelm war der Wolfenbüttler Kantor Schrader. Den Höhepunkt erlebte der Stahlhelm im Land Braunschweig in den Jahren 1924-1928, die Gründung der Stöckheimer Ortsgruppe kam also innerhalb der Stahlhelmgeschichte sehr spät. Immerhin traten 25 Stöckheimer der Stahlhelmgruppe bei. Das Hakenkreuz gehörte zum beliebten Symbol des Stahlhelm. Diese 25 Stöckheimer vermutlich mit Familienangehörigen könnten der Kern der 62 NSDAP Wähler und Wählerinnen 1930 gewesen sein.
Der Stahlhelm wurde aber auch als Konkurrenz zur NSDAP aufgefaßt. So ist es sehr wahrscheinlich, daß diese Stahlhelmgruppe die Gründung einer NSDAP Ortsgruppe verzögert hat. Ganz spät, erst im Mai 1933, als schon in zahlreichen Dörfern im Lande NSDAP Ortsgruppen gebildet worden waren, in Thiede schon 1929, in Leiferde und Rüningen im März 1932, wurde auch in Stöckheim im Mai 1933 eine Ortsgruppe der NSDAP gebildet.

Unaufhaltsam stieg indes der Stimmenzuwachs für die Person Hitlers, wie das Ergebnis der Reichspräsidentenwahl anzeigt. Es signalisiert auch einen Unterschied zwischen der Zustimmung zur NSDAP, die geringer war, und zur Person Adolf Hitlers, die erheblich größer war als die zur Partei.

Ergebnis der Reichspräsidentenwahl in Kl. Stöckheim

Wahltag

Hindenburg

Thälmann

Hitler

13.03.1932

296

46

152

10.04.1932

304

27

194


Der 5. März 1933: ein Glanztag in der Geschichte der Kl. Stöckheimer Linken
Dieser Wahl war ein fürchterlicher Terror durch SA und Hilfspolizei vorangegangen. Es waren keine normalen freien Wahlen, wie wir sie kennen. Aber weniger auf diesen Terror, der besonders in den Städten hauste, als auf echte Sympathie ist es zurückzuführen, daß von 78 Gemeinden des Landkreises Braunschweig 70 Gemeinden eine deutliche bis überdeutliche nationalsozialistische Mehrheit erzielten. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, daß es in Kl. Stöckheim anders war.

Landtagswahl 5.03.1933 in Kl. Stöckheim u.Umgebung

Ort

SPD

KP

DNVP

NSDAP

 Kl. Stöckheim

272

51

22

182

 Rüningen

391

127

15

236

 Leiferde

161

35

25

137

 Broitzem

308

 

 

269


Auch unter der Riesenpropaganda der Nazis blieb es in Kl. Stöckheim bei einer deutlichen sozialistischen Mehrheit. Die SPD hatte 90 Stimmen mehr als die NSDAP und zählt man die Stimmen des linken und nationalen Lagers zusammen, dann stand es 323 (SPD+KPD): 204 (NSDAP+DNVP). Wenn es nach den Kl. Stöckheimern gegangen wäre, wäre Hitler also auch im März 1933 nicht die Macht gekommen und vieles wäre ihnen erspart geblieben. Der 5. März 1933 ist ein stolzer Tag in der Dorfgeschichte, der nicht vergessen werden sollte. Erhebliche Mehrheiten gab es auch in Rüningen und Leiferde, wie aus der Tabelle oben zu ersehen ist. Kl. Stöckheim, Rüningen, Leiferde blieben im Frühjahr 1933 ein rotes Dreieck.

Nicht ganz so erhebliche Mehrheiten gab es noch in einigen wenigen anderen Gemeinden. Aus der Tabelle ersichtlich sind die Gemeinden Lehndorf, Melverode, Neu Oelsburg, Oelsburg und Querum/Kralenriede. Geradezu drastische Mehrheiten fanden die Nazis in Obersickte, Bortfeld, Flechtorf, Lehre und Watenbüttel.

Landtagswahl vom 5.03.1933

Ort

SPD

NSDAP

 Lehndorf

485

431

 Melverode

227

224

 Neu Oelsburg

496

251

 Oelsburg

244

229

 Querum/Kralenriede

364

341

 Obersickte

34

319

 Bortfeld

95

496

 Flechtorf

10

280

 Lehre

74

472

 Watenbüttel

32

251


Trotz der bemerkenswerten sozialistischen Mehrheit waren die Nazis auch in Kl. Stöckheim im Vormarsch. Im Vergleich zur Wahl von 1930 waren die Wählerstimmen für die NSDAP erheblich angewachsen: von 62 (1930) auf 183 (1932) und 182 (1933).

Nach der Wahl wurden die Städte und Dörfer mit sozialistischen Mehrheiten „überholt“ wie die Nazis sich ausdrückten. Kommunisten und Sozialdemokraten wurden öffentlich gewaltsam in Gasthäuser zusammengeholt und furchtbar zugerichtet, verprügelt, gefoltert und bedroht.

Das Wachsen der Nationalsozialisten in Kl. Stöckheim
Die Nationalsozialisten in Kl. Stöckheim hatten es bis dahin nicht zu einer eigenen Ortsgruppe der NSDAP geschafft, sie gehörten wie auch Melverode zur ns. Ortsgruppe von Rüningen und nahmen als solche am 19. April 1933, dem ersten Ostertag am „Deutschen Tag“ in Rüningen teil. Man 1933 feierte eine Fahnenweihe. Dabei hielt ein ehemaliger SPD Mitglied eine Werbeansprache an die Arbeiter, ihre Ablehnung aufzugeben und sich der Partei anzuschließen. Die NSDAP eroberte sich den klassischen Feiertag der Linken, den 1. Mai, für sich. Das war 1933 ein Montag, also verlängerter Wochenanfang. An diesem Tag veranstalteten die Nationalsozialisten einen Umzug durch Kl. Stöckheim und ein Fest auf dem Sportplatz, abends einen großen Feuerstoß, „Flamme empor“, und man hörte sich gemeinsam die über den Rundfunk übertragene Rede Hitlers auf dem Maifeld in Berlin an. Dann marschierten die Rüninger, Melveröder und Stöckheimer Begeisterten „in drei Marschsäulen“ wieder nach Hause (BLZ 3.5.1933). Noch in derselben Woche kam es zur Gründung einer Ortsgruppe der NSDAP in Kl. Stöckheim.

Eine einschneidende Veränderung gab es in der Stöckheimer Kommunalpolitik. Die ns. Regierung erklärte die Ergebnisse zum Landtag zugleich zu Ergebnissen der Gemeinden und ordnete an, entsprechend den neuen Mehrheiten auch die Gemeinderäte umzubilden. Das war in Stöckheim ein offensichtliches Unrecht, denn bei der Gemeinde- und Kreistagswahl im März 1931 hatten die Nazis keinen einzigen Sitz erhalten. Es standen sich 1931 250 SPD und 44 KPD Stimmen den 193 Stimmen aus dem bürgerlichen Lager gegenüber.

Kreistag und Gemeinderatswahlen vom 02.03.1931

Ort

SPD

KP

Bürgerliche

DNVP

NSDAP

sonstige

Kreistag Kl. Stöckheim

254

41

132

 

57

 

Gemeinderat Kl. Stö.

250

44

193

 

(0)

 

Kreistag Leiferde

198

46

36

28

36

 

Gemeinderat Thiede

372 (3)

220 (2)

318 (2)

 

198 (1)

 

 

 

 

 

 

 

 

Landkreis Braunschweig

9.624 (5)

1.643 (1)

5.713 (3)

 

7.230 (4)

 

LK BS 26.02.1928

9.485 (7)

 

5.261 (4)

 

1.231 (0)

(2)


Nach dem Wahlergebnis vom März 1933, bei der die SPD wieder eine Mehrheit erhalten hatte, hätte wiederum keine ns. Mehrheit im Gemeinderat gebildet werden dürfen. Es sei denn, die Sozialdemokraten gaben ihre Sitze „freiwillig“ auf. So geschah es überall in den Dörfern und so wird es wohl auch in Stöckheim gewesen sein. Als Bürgermeister wurde vom NSDAP Kreisleiter Dröge der Ortsgruppenleiter Michael Naujok eingesetzt von Beruf Eisenbahnsekretär, dazu weitere sieben Gemeindevorsteher. Davon 70 % Parteigenossen, berichtete Kramer. Das würde bedeuten, daß auch einige Bürgerliche bis 1935 im Gemeinderat gewesen wären.
Nach der modischen politischen Parole von der „Gleichschaltung“ wurden nun auch die Dorfvereine gleichgeschaltet. Der Arbeitergesangverein wurde gezwungen sich aufzulösen und Herr Heims berichtet in der Festschrift, daß „die Vereinsfahne und Arbeiterchorliteratur trotz vieler Hausdurchsuchungen bei den einzelnen Mitgliedern und trotz Strafandrohung nicht gefunden wurden. Sie wanderten vom Mitglied zu Mitglied“ (S. 141). Sogar die Freiwillige Feuerwehr wurde gleichgeschaltet und erhielt neue Uniformen (Bericht von Simon Bartel Festschrift S. 136).

Der Siegeszug Hitlers und der braune Aufschwung auch im Dorf
Im Reich begann nun der unaufhaltsame Siegeszug der Nationalsozialisten. Adolf Hitlers Popularität wuchs sehr rasch und blieb bei der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung bis 1941 erhalten. Die Hitlerregierung hatte imponierende außenpolitische Erfolge: 1935 kam das Saarland zu Deutschland, 1936 wurde das Rheinland wieder militärische Zone Deutschlands und 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Im Inneren begann ein braunes Wirtschaftswunder und die Wirtschaft brummte, denn Hitler hatte schon im Februar 1934 den Generälen einen neuen Krieg versprochen. Dazu mußte gerüstet werden und Rüstung schafft für kurze Zeit Arbeitsplätze und Verdienst. Es ging der Mehrheit der Deutschen unter Hitler von 1933- 1939 deutlich besser als zuvor. Und das wurde mit Fahnen und Feiern und Aufmärschen gründlich gefeiert. Auch in Stöckheim ging es aufwärts. Die Bauwirtschaft boomte im ganzen Reich, und in Stöckheim wurde ein neues Baugebiet im Anschluß an die Schule erschlossen. „Mit der Siedlungspolitik während der Zeit des Nationalsozialismus änderte sich die Entwicklung Stöckheims gravierend“, schreibt dazu der Heimatpfleger Zehfuß in der Festschrift. (S. 160)
Die Dorfbevölkerung wuchs und die Anzahl der Wohngebäude auch.

Einwohnerzahl von Kl. Stöckheim

Jahr

Anzahl

Haushalte

Wohngebäude

1928

750

202

99

1938

928

298

128

1942

1.092

339

 


Die Gleichschaltung der Landeskirche und der Kurs der Mitte
Wie schon die Vereine in Kl. Stöckheim, so wurde auch die Landeskirche mit dem nationalsozialistischen System „gleichgeschaltet“. Das war das Ziel der sog. „Deutschen Christen“, die im Herbst 1932 anläßlich von Kirchenwahlen in Preußen gegründet worden waren. In Braunschweig war vom gleichgeschalteten Landeskirchentag der 29 jährige Pastor Wilhelm Beye zum neuen Landesbischof gewählt worden. „Man muß den Roten das Evangelium in die Fresse schlagen“ war seine Parole und es wurde Kirchengesetz, daß jeder Pfarrer, der nicht die Gewähr dafür biete, daß er rückhaltlos für den nationalen Staat eintrete, in den Ruhestand versetzt werden konnte. (Gesetz vom 12.9.1933). Gegen Beye und seine Kirchenpolitik organisierten sich ungefähr 70 Pfarrer zum sog. Pfarrernotbund, eine Art innerkirchliche Opposition, keinesfalls gegen den Nationalsozialismus.
Aber schon nach wenigen Monaten mußte Beye, der erst im Januar feierlich im Braunschweiger Dom mit viel braunem Tam Tam eingeführt worden war, an der auch Pastor Kramer teilgenommen hatte, im März sein Amt aufgeben und verließ die Landeskirche. Beye hatte sich geringfügige Unregelmäßigkeiten in der Führung der Kirchenkasse zu schulden kommen lassen, und war dafür vor dem Landgericht angeklagt worden.. Beye wurde zwar „mangels Beweisen“ freigesprochen aber war im Amt nicht zu halten gewesen und wurde auch mit Hilfe der Nazis aus dem Amt gedrängt worden.
Nachfolger wurde Pastor Dr. Helmut Johnsen, der nun auch die Kirchenpolitik änderte. Er war auch überzeugter Nationalsozialist, aber gegen die Gleichschaltung. Die evangelische Kirche sollte neben dem Nationalsozialismus eine selbstständige Rolle einnehmen. „Lutherische Kirche im nationalsozialistischen Staat“ war seine Parole, mit der er durchaus Erfolg hatte. Er blieb Bischof bis nach 1945, hatte sich allerdings an die Front einziehen lassen, war in Kriegsgefangenschaft geraten und in Jugoslawien ermordet worden.

Die evangelische Kirchengemeinde Kl. Stöckheim in den Anfangsjahren des nationalsozialistischen Aufschwungs
Wie wirkte sich der politische Umbruch in der Stöckheimer Kirchengemeinde aus?
Pastor Kramer hatte schon 1932 seine Neutralität verlassen und war öffentlich für die NSDAP eingetreten.
Die Notiz, die Kramer in der Kirchenchronik zum Jahr 1933 verfaßte, ist ziemlich kurz aber zeichnet zutreffend den persönlichen Eindruck, den Kramer von diesem Jahr hat. „Das Jahr steht im Zeichen der großen politischen Umwälzung im deutschen Volk. Immer mehr Volksgenossen stoßen zu der nationalsozialistischen Freiheitsbewegung und erwarten voll Hoffnung von ihrer Machtübernahme die Wende zu einer neuen glücklichen Zeit Am 30. Januar große Massenkundgebung in Berlin. Adolf Hitlers Marsch vom Hotel „Kaiserhof“ zur Reichskanzlei und Übernahme der Macht. Allgemein große Begeisterung in allen Volksschichten“.
Hier muß eine Bemerkung zum Quellenwert der Eintragungen von Pastor Kramer in die Kirchenchronik gemacht werden. Die Eintragungen erfolgten nicht zeitgleich. Das ist auch nicht üblich. Sie sind nachträglich verfaßt. So bezeichnet z.B. Kramer in einer Notiz des Jahres 1937 Pfarrer Rauls als Propst, aber Rauls wurde erst 1943 Propst. Die Eintragung stammt also aus einer Zeit nach dem Krieg. Das wird auch an anderen Beurteilungen sehr deutlich. Ich habe meine eigenen Eintragungen in die Kirchenchronik meiner Gemeinde auch mehrere Jahre später niedergeschrieben, aber ich habe das zu Anfang auch vermerkt. Dies hat Kramer versäumt. Um so bezeichnender ist es, daß Kramer auch im Nachhinein, in der Erinnerung, so positiv über den Nationalsozialismus schreibt. Und natürlich ist zu berücksichtigen, daß Kramer ein Interesse hatte, seine eigene Gemeindearbeit in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Kritische oder selbstkritische Bemerkungen und Auffassungen waren nicht seine Stärke.

Diese oben zitierte Notiz vom Januar 1933 trifft nicht für das ganze Dorf Stöckheim zu, das sich ja bei der Märzwahl mehrheitlich gegen die Nationalsozialisten ausgesprochen hatte. Es ist die persönliche Meinung Kramers und nun vollzieht er auch persönlich den Schritt. Am 1. Mai 1933 trat er mit ca 70 anderen Braunschweiger Pastoren in die NSDAP ein. Das früher von den Alliierten verwaltete ns. Mitgliederarchiv in Berlin, verzeichnet für Kramer die Parteinummer 3.124.407. Vor fast 20 Jahren hatte ich im Heft 32 der Kirche von Unten Juni 1988 die Namen aller Parteimitglieder innerhalb der Braunschweiger Pfarrerschaft veröffentlicht.

Wie der kommunalen Gemeinderat sollten nun auch Kirchenvorstand und Kirchengemeinderat umgebildet werden. Dazu hatte es am 23. Juli 1933 Kirchenwahlen in ganz Deutschland und auch in Kl. Stöckheim gegeben. Es standen sich gegenüber die Gruppe „Evangelium und Kirche“, das waren die konservativen Lutheraner und die Deutschen Christen, das waren jene, die auch die ev. Kirche mit dem braunen Apparat gleichschalten wollten. Wie in anderen Gemeinden auch, reichte die NSDAP Ortsgruppe eine Wahlliste ein. Wo keine weitere Liste eingereicht wurde, entfiel die Wahl.
Pastor Kramer war, wie er in der Chronik schreibt, im Urlaub. Die Wahl in Kl. Stöckheim leitete, wenn sie stattgefunden hat, sein Urlaubsvertreter Georg Seebaß aus Rautheim. In den veröffentlichten Wahlergebnissen fehlt das Ergebnis von Kl. Stöckheim. „13.8. Einführung des neuen Kirchengemeinderates“, vermerkte Kramer in der Chronik.

Der kirchliche Aufschwung am Beispiel der Amtshandlungen
In der Landeskirche wie auch in Kl. Stöckheim ging es aufwärts, wie die Zahlen für Taufen, Trauungen, Konfirmationen und Beerdigungen zeigen:

Kasualien in Kl. Stöckheim 1923 – 1938

Jahr

Taufen

Konfirmationen

Trauungen

Beerdigungen

1923

11

15

4

5

1924

12

16

3

8

1925

8

14

0

8

1926

17

11

6

6

1927

3

16

3

3

1928

6

8

3

7

1929

3

14

5

6

1930

6

5

3

8

1931

6

2

2

10

1932

5

11

2

7

1933

8

8

8

6

1934

14

17

7

9

1935

22

11

3

15

1936

15

17

2

6

1937

17

12

3

9

1938

25

19

4

6


Der Anstieg zeigt, daß Taufen und Trauungen wieder begehrt wurden. Es war chic in diesem Jahr, in der evangelischen Kirche zu sein. Massenhaft ließen sich in Berlin SA Leute in Uniform trauen. Die früher ausgetreten waren, traten nun wieder in die Kirche ein. Die Kircheneintritte überstiegen die Kirchenaustritte bei weitem. Die Zahlen für die Landeskirche sind:

Kircheneintritte und Kirchenaustritte

in der Landeskirche Braunschweig

Jahr

Austritte

Eintritte

1930

2.336

430

1932

1.575

729

1933

478

5.334

1934

245

1.974

1935

705

992


Dazu ein Eintrag von Pastor Kramer in die Kirchenchronik: „21. April 1934 Durch die „positive“ Haltung der Partei und des Staates zur Kirche veranlaßt, halten manche Dissidenten es für richtig und nützlich, in die Kirche wieder einzutreten. So wurden heute 10 Dissidenten hier in der Kirche nach dem Gottesdienst wiederaufgenommen“. Das Wörtchen „positiv“, das Kramer in Anführungsstriche setzte, bezog sich auf die Tatsache, daß es im § 24 des Parteiprogrammes der NSDAP hieß, die Partei stünde auf dem Standpunkt des „positiven Christentum“. Sie ließ offen, wie sie das meinte, aber von vielen Pfarrern wurde es so verstanden, als ob die NSDAP doch eine christliche oder wenigstens dem Christentum positiv gegenüberstehende Partei wäre, im Gegensatz natürlich zur SPD. Damit hatte sie auch viele Stimmen eingefangen. Endlich wieder christliche Werte in Staat und Gesellschaft, hieß es. Hitler hatte das in seiner Regierungserklärung am 23. März 1933 fett unterstrichen. Er halte die beiden Kirchen für Säulen seiner Politik.
Im ganzen aber klingt die Notiz doch etwas reserviert. Kramer verlangte nämlich von den wieder Eintretenden, daß sie sich häufig am Gottesdienst beteiligten und lebendige Mitglieder in der Kirchengemeinde würden. Davon war bei den meisten natürlich nicht die Rede. Kramer lehnte daher auch die Aufnahme Einiger ab und wurde giftig, wenn diese dann etwa in einer anderen Gemeinde z.B. am Zuckerbergweg in Braunschweig, eintraten. „Die hätte ich nie wieder aufgenommen“, schäumte er, als er die Nachricht von deren neuer Kirchenmitgliedschaft erhielt und beschwerte sich beim dortigen Ortspfarrer.

Aber die Kirche teilte die allgemeine Begeisterung. „1. Mai 1934. Nationaler Feiertag der Arbeit. Kundgebungen, Umzüge, Fahnen über Fahnen, Häuserschmuck“ (Eintragung in der Kirchenchronik).
Der Gedenkgottesdienst anläßlich des Kriegsbeginns des 1. Weltkrieges am 2. August 1934 war besonders gut besucht, zumal es zu einer Trauerfeier für den am Vormittag verstorbenen Reichspräsident v. Hindenburg wurde. Hier sammelten sich gewiß auch jene Konservativen und Bürgerlichen, denen Hindenburg in den letzten Monaten als eine Alternative zu Hitler erschien. Am 7.8.1934, dem Tag des Begräbnisses in Tannenberg, stand das Jungvolk am Ehrenmal an der Kirche Wache.
Als die Saar sich für den Anschluß an das deutsche Reich entschlossen hatte, wurde am 20. Januar 1935 in der Kirche ein Dankgottesdienst gehalten.

Zu den Aktivposten der Kirchengemeinde gehört in diesen Jahren ohne Frage die Frauenhilfe. Man trifft sich regelmäßig gesellig, der Pastor hält Vorträge, unternimmt Fahrten nach Bad Pyrmont. manchmal auch gemeinsam mit anderen Frauenhilfen im Juli 1937 mit 69 Teilnehmern nach Potsdam oder beteiligt sich an der Jahresfeier der Frauenhilfe in der Nachbargemeinde Leiferde mit 50 Frauen und 1936 am Missionsfest in Fürstenau mit 53 Frauen und drei Männern. Die Frauenhilfen sind in Kreisverbänden zusammengefaßt , die ihre Jahresfeste mal in Magnigemeindesaal in Braunschweig oder in Sickte abhalten. Als am 13. Juni 1937 die Kl. Stöckheimer Frauenhilfe ihr zehnjähriges Bestehen feiert, kommt der Landesbischof Johnsen und hält einen Festgottesdienst im Freien bei strahlendem Sonnenschein. Zum Gemeindefest kommen auch der Männerwerkspfarrer Dr. Schäfer, Pfarrer Rauls und Frl. v. Sengbusch von der Mädchenarbeit.
Außerdem besteht ein Kirchenchor und die traditionell schwierige Arbeit mit Männern der Kirchengemeinde wird wenigstens begonnen und belebt. An einem reichsweiten kirchlichen Wartburgtreffen der Männer im Sommer 1938 beteiligen sich sieben Männer und auch 25 Frauen.
Auch im Kirchenraum gibt es Verbesserungen. Die Kirche erhält im November 1936 eine elektrische Lichtanlage, die von Spenden aus der Gemeinde finanziert wird.

Kramer versucht auch Kontakt zu den Vereinen im Dorf zu halten. Im November 1935 hält Kramer einen Lichtbildervortrag bei der Kriegerkameradschaft über die Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Diese revanchiert sich und nimmt wie auch die Freiwillige Feuerwehr am Heldengedenktag im März 1936 am Gottesdienst teil. Der Kirchenchor beteiligt sich im Juli 1935 am allgemeinen Sängerfest in Kl. Stöckheim.

Ich halte diese Beschreibung deshalb für typisch, weil sie völlig unberührt ist von den Auseinandersetzungen, die sich in anderen Landeskirchen und auf der oberen Ebene der Deutschen Ev. Kirche abspielten. Dort tobte zwischen 1934 und 1936 die Auseinandersetzung zwischen den Deutschen Christen und der Bekennenden Kirche. Es gab vier große sog Reichssynoden der Bekennenden Kirche in Barmen und Dahlem 1934, in Augsburg 1935 und Oeynhausen 1936. Dieser sog. Kirchenkampf spielte im Alltag der meisten Kirchengemeinden im Braunschweigischen keine Rolle. Das galt eher als Gezänk zwischen den Pastoren. Es war die Kirchenpolitik der damaligen Kirchenleitung unter Bischof Johnsen und OLKR Röpke und ab 1937 auch OLKR Seebaß, die Kirche „in der Mitte“ zu halten. Es sollte keine Kirchenpolitik gemacht und auch nicht gegen die NSDAP agitiert werden. Das traf genau den Wunsch der Gemeindemitglieder. Sie wollten nicht etwa, wovon nach 1945 reichlich die Rede war, in den Widerstand geführt werden, sondern gesagt bekommen, wie man als evangelischer Christ im Dritten Reich leben und glauben könne. Nationalsozialismus und Kirche nicht etwa gegeneinander, wie man das nach dem Krieg behauptet hatte, sondern geordnet nebeneinander, das war der offizielle Kurs, und den unterstützte auch Pastor Kramer und wurde daher im Herbst 1937 offiziell zum stellvertretenden Propst ernannt. Er war jetzt Stellvertreter von Propst Gremmelt, der diesen Kurs der Mitte falsch fand und gemäßigter Deutscher Christ geblieben war.

Die lokalen Spannungen zwischen Nationalsozialisten und ev. Kirche,
zwischen Ortsgruppenleiter Michael Naujok und Pastor Willi Kramer

Trotzdem gab es in Kl. Stöckheim, wenn man so nennen will, eine Art von „Kirchenkampf“, den es in dieser Form in anderen Gemeinden nicht gegeben hat. Er schlägt sich auch in der interessengeleiteten Kirchenchronik von Pastor Kramer nieder.
Die Eintragungen werden, was die Partei und NSDAP betrifft, dünner und deutlich reservierter.
Diese Reserviertheit hatte einen persönlichen Grund. Kramer war im April 1934 gegen seinen Wunsch aus der Partei ausgeschlossen worden. So läßt es die Eintragung in der Mitgliedskarte vermuten. Es kann auch sein, daß er im April 1934 die Nachricht erhielt, daß er nicht in die Partei aufgenommen werden würde. Kramer war wütend und entsetzt und schrieb an den Minister Rust einen deftigen Brief. Er wäre schon früh für die NSDAP tätig gewesen. „Ich als langjähriger Anhänger Hitlers und seiner Bewegung werde ohne Grund von dem Eintritt in die Partei zurückgewiesen“. „Es kann nicht sein, daß das neue Deutschland, für das ich gekämpft, geblutet und viele Opfer gebracht habe, mich ausschließt“. Es mag sein, daß Kramer im Brief übertreibt, wenn er schreibt, daß seine Kinder bei der Gründung des Jungvolks die ersten gewesen wären. Aber es ist deutlich, Kramer ist gekränkt, daß er nicht (mehr) als Parteimitglied akzeptiert wird.

Er vermutet wohl nicht zu Unrecht eine Intrige des Ortsgruppenleiters Naujok, der den Pastor nicht in seiner Ortsgruppe haben wollte. Naujok war wie seine Ehefrau nicht Mitglied der Kirche. Als im März 1935 an Wänden und Lichtmasten im Dorf Plakate hingen mit der Aufschrift „Wer ist der größte Staatsfeind? Pastor Kramer. Wer ist der größte Gegner der NSDAP? Pastor Kramer. Wer schlägt den Amtswalter des Führers? Pastor Kramer“, erstattete Kramer Anzeige gegen unbekannt, wurde selber vor dem Landgericht angeklagt, aber noch im Mai 1935 auf Kosten der Staatskasse freigesprochen. Es kam auch noch zu einer ausgiebigen parteiinternen Aussprache, an der sogar der Gauleiter teilgenommen haben soll, in der Naujok und Kramer gezwungen wurden, sich zu vertragen. Kramer berichtet darüber in der Kirchenchronik ausführlich auf zwei Seiten.
Die Mitglieder der Kirchengemeinde wußte Kramer hinter sich. Eine Delegation von 25 Personen fuhr noch einen Tag nach der schmutzigen Plakataktion ins Landeskirchenamt und sprach seinem Pastor das Vertrauen aus. Das Landeskirchenamt stützte Pastor Kramer und im Advent 1936 kamen Landesbischof Johnsen und OLKR Röpke zu Besuch in die Gemeinde. Bischof Johnsen hielt in der überfüllten Kirche einen Gottesdienst, OLKR Röpke im Saal des Weghauses eine Ansprache. Kramer berichtet darüber in der Chronik folgendermaßen:
„Der Saal war brechend voll. Die sog „Adventsfeier“ der Partei am gleichen Abend in der Gastwirtschaft Rittgerodt war äußerst schwach besucht, fast nur von Kommandierten. Wegen der Schimpfkanonade des O.G.L. Naujok gegen das Christentum und die Kirche verließ die SA geschlossen den Saal und kam mitten im Vortrag des Oberkirchenrates unter Führung ihres Scharführers R. Müller in unsere Feier. O.K.R. Röpke unterbrach seine Rede, Unruhe bemächtigte sich der Versammlung. Doch alle atmeten auf, als Scharführer Reinhold Müller mich bat, mit seinen Kameraden an unserer Feier teilnehmen zu dürfen, da sie die ausfallenden und lästerlichen Redensarten Naujoks in der Gegenversammlung nicht länger ertragen könnten. Da alle Plätze besetzt waren, nahmen die SA Leute an den Wänden stehend an unserer Feier teil. Beim unerwarteten Erscheinen der SA hatten mehrere Frauen einen Nervenschock bekommen. Die Feier verlief programmmäßig.“

Die landeskirchlich verordnete Kirchenpolitik „der Mitte“ war in Kl. Stöckheim gestört und Kramer wurde auch von Johnsen dringend ermahnt, jede Provokation zu unterlassen. Auch reichsweit gab die Partei immer öffentlicher ihre anfängliche Kirchenfreundlichkeit auf und ließ ihren Parteigenossen auf der unteren Ebene freie Hand. Ortsgruppenleiter Naukok war überzeugter Dissident und setzte seinen Kleinkrieg weiter fort. Wie schon die Freidenker in der Weimarer Zeit so versuchten die Nationalsozialisten unter der geistigen Führung von Alfred Rosenberg eine alternative Feiertagskultur aufzubauen. Der überzeugte Nationalsozialist sollte danach nicht getauft werden sondern eine Lebensweihe erhalten, im jugendlichen Alter eine Jugendweihe und konnte auch „unter der Fahne“ getraut werden. Da Naujok auch Bürgermeister war, organisierte er staatlicherseits solche Feiern auch in Kl. Stöckheim.
Am 3. April 1938 war in Kl. Stöckheim Konfirmation zusammen mit Melverode. Es ließen sich 19 Konfirmanden aus Kl. Stöckheim und vier aus Melverode konfirmieren. Kramer notiert noch nachträglich pikiert in der Chronik: „Durch Parteieinwirkung ließen die 100 %igen und darüber Nationalsozialisten ihre Kinder „unter der Fahne konfirmieren“ (Jugendweihe)“. Anstatt sich über die hohe Zahl von 19 Konfirmanden zu freuen und mit denen eine flotte Gemeindearbeit mitten im Dritten Reich aufzubauen, ärgerte sich Kramer noch nach 1945, daß sich nicht sämtliche Jugendliche des Dorfes konfirmieren liessen. Dazu kam, daß der Konfirmandenunterricht seit 1937 zeitlich erheblich erweitert worden war. Statt des üblichen halben Jahres, meist seit den Herbstferien bis zu den Osterferien, sollte nun der Unterricht zwei Jahre lang dauern, wahrhaftig ein Grund für Jugendliche, sich nach einer Alternative mit derselben Anzahl von Geschenken umzusehen.

Die folgende Eintragung ist knapp aber schwergewichtig. Sie lautet: „20.4.(1938) Vereidigung aller Pfarrer auf den Führer in der Martinikirche“. Die Pfarrer hatten wie alle Beamten längst einen Beamteneid zu Beginn ihres Dienstantritts geleistet. Aber Landesbischof Johnsen organisierte im vorauseilenden Gehorsam eine gemeinsame Vereidigung aller Braunschweiger Pfarrer auf die Person Hitlers, am bedeutsamen Datum des 20. April, also dem 49. Geburtstag Hitlers. Nach dem Gottesdienst traten die Pfarrer, auch Willi Kramer, in der Sakristei der Braunschweiger Martinikirche reihenweise an und schworen mit ihrer Unterschrift „Ich schwöre: ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe“. 90 Prozent aller evangelischen Pfarrer in der ganzen Deutschen Evangelischen Kirche schworen, nicht ganz so feierlich wie in Braunschweig, den Eid auf Hitler. Der Pfarrer aus Salder, einer der Ältesten der Braunschweiger Pfarrerschaft, schrieb ergriffen in die Kirchenchronik: „Es war doch ein noch nie gesehenes, aber darum unvergeßliches Bild, die 200 Pfarrer im Talar und Barett vom Gemeindehof St. Martin zum Gottesdienst in feierlichem, militärisch geordneten Zug ziehen zu sehen“.
Damit waren nun alle Pfarrer „unter der Fahne“ in den Dienst für Hitler genommen. Wie konnte sich da jemand aufregen, wenn nun Jugendliche sich ihrerseits „unter der Fahne konfirmieren“ ließen und dann auf die Kirche verzichteten?
Die Zusammenstellung dieser beiden Eintragungen von dicht aufeinanderfolgenden Ereignissen (3.4. und 20.4. 1938) finde ich außerordentlich bezeichnend für den widersprüchlichen und unhaltbaren Kurs der kirchlichen Mitte und könnte für uns ein Signal sein, daß ein Kurs der Mitte in der Kirche immer seine Tücken hat und meist in die Irre führt.
Er trug jedenfalls nichts zur Beruhigung des Konfliktes bei, denn beim Werbeabend der NS Frauenschaft im März 1939 in der „Heinrichshöhe“ trug der Redner und Lehrer Lotze „unflätige Angriffe auf Kirche und Christentum“ vor, was nicht allen Teilnehmerinnen gefiel.(Eintrag in die Kirchenchronik)

Die Visitation am 23. Oktober 1938
Am 23. Oktober 1938 erlebte die Kirchengemeinde eine Visitation durch Propst Gremmelt.

 Ehlers

 Hermann

 Beamter

 Meyer

 Heinrich

 Lehrer

 Herbst

 Friedrich

 Gärtner

 Halbe

 Friedrich

 Landwirt

 Wagner

 Conrad

 Wagnermeister

 Rose

 Wilhelm

 Schuhmachermeister

 Heine

 Hermann

 Landwirt

 Schneider

 Otto

 Tischler

 Reupke

 Albert

 Schlosser

 Sandau

 Franz

 Heizer

 Helms

 Ferdinand

 Schneidermeister

 Keil

Hermann

 Schuhmacher


Diese zwölf Männer bildeten 1938 den Kirchengemeinderat, die ersten vier den engeren Kirchenvorstand. Hermann Ehlers war stellvertretender Vorsitzender. Die Mitgliederzahl wird mit ca 820 angegeben. Es gäbe rund 100 Dissidenten in der Gemeinde, vor fünf Jahren wären es „erheblich mehr“ gewesen. Die Dissidenten bezeichneten sich meistens als „Deutschgläubige“. Der Gottesdienst werde von 10-15 Erwachsenen besucht, an Festtagen von 80 – 100 Personen. Die Arbeit des Organisten und Lehrers Heinrich Meyer wurde ausdrücklich hervorgehoben. Das Landeskirchenamt beanstandete die geringe Anzahl von vier Abendmahlsgottesdiensten.

Abendmahlsbesuch 1934 – 1937

 1934

127

 

1935

109

 

1936

111

 

1937

72

 


Zu den Trauungen bemerkte Kramer, sie würden jetzt häufiger nicht begehrt.
Von Politik oder Kirchenpolitik war keine Rede. Propst Gremmelt schrieb als Eindruck an das Landeskirchenamt: „Mein Gesamteindruck aus der Besprechung (mit den Mitgliedern des Kirchengemeinderates) war: Wenn auch vieles im kirchlichen Leben besser sein müßte, so finden sich doch mancherlei erfreuliche Zeichen des Aufstiegs. Verschiedene Kirchengemeinderatsmitglieder betonten, daß es gegenüber früher unter dem jetzigen Pastor durch die Mitarbeit der Frauenhilfe im kirchlichen Leben sich rege.“
Das Landeskirchenamt stellte in der abschließenden Beurteilung fest, Kramer habe „einen festen Stamm treuer Gemeindeglieder gewonnen“, die Arbeit in der Kirchengemeinde wäre „nicht leicht“.

Der Oktober 1938 war eine außerordentlich aufgeregte Zeit. In München hatten sich die Außenminister von England, Frankreich und Italien mit Hitler getroffen und das sog. Münchner Abkommen geschlossen. Es gab Hitler im Sudentenland, das zur Tschecheslowakei gehörte, freie Hand. Der bedrohlich vor der Tür stehende Krieg war vermieden. Die Bevölkerung in Europa atmete auf, Hitler war wütend. Er hätte gerne schon jetzt den Krieg begonnen. Nun durfte er „nur“ ins Sudetenland einmarschieren, was er auch prompt tat. Die Zeitungen waren voll von den Ereignissen. In der evangelischen Kirche kursierte eine Gottesdienstordnung, die sog. Septemberliturgie. Es war der Entwurf eines Bußgottesdienstes für den 30. September, gegliedert an den zehn Geboten. Diese Liturgie löste später eine Protestwelle bei den Nationalsozialisten aus. Der Landesbischof Johnsen hatte einen Aufruf zum vorhergehenden Männersonntag erlassen, der folgendermaßen begann: „In den Jubel, der das ganze deutsche Volk über die glückliche Befreiung sudentendeutschen Landes und die gnädige Erhaltung des Friedens erfüllt, stimmen wir aus vollem Herzen ein. Als deutsche Männer wissen wir, was wir unserm Führer auf Erden zu verdanken haben. Als evangelische Männer sind wir dessen eingedenk, daß unser Herrgott im Himmel alles so herrlich hinausgeführt hat. Wir danken unserm Führer! Wir geben Gott die Ehre.“ (Amtsblatt 1938. S. 41). Es ist bezeichnend, daß Kramer von diesen außenpolitischen Ereignissen in der Visitationspredigt über die Heilung des Gichtbrüchigen Mt. 9,1-9 nichts erwähnt. Er gab der Predigt die erbauliche Gliederung: „Auf unsrer Seite besteht viel Sünde und Schuld/ auf Jesu Seite viel Gnade und Huld“.

Gab es Widerstand?
Gab es keinen Widerstand? wird heute oft gefragt? Dabei muß man sich klar machen, daß sich Hitler und seine Anhänger seit 1933 auf einer steilen Siegerstraße befanden. Wer sich in den Widerstand begab, gehörte auf die Seite der Verlierer. Von wem war das zu erwarten? Aber es gab Widerstand, wie geschildert, zu Anfang gegen die gewaltsame Einführung des Nationalsozialismus und die unwillig ertragene „Gleichschaltung“. Es gab auch Unwillen bei den Konservativen, auch in Kl. Stöckheim, z.B. bei SA Scharführer Reinhold Müller, wie oben anläßlich der Adventsfeier geschildert. Wer eine Nische in der nationalsozialistischen Gesellschaft suchte, der fand sie z.B. bei der SA Reiterstandarte. Da trafen sich die Eliten und die besser Betuchten, waren unter sich, lästerten ab, ohne gleich befürchten zu müssen, denunziert zu werden. In der Reiterstandarte – ob SA oder SS ist ungeklärt – war auch Reitersturmoberscharführer Halbe. Halbe hatte eine schriftliche Beschwerde gegen den Ortsgruppenleiter Naujok bei der Parteileitung eingereicht, was Pastor Kramer bei seinem Parteiverfahren sehr zustatten kam. Es gab also auch innerhalb der ns. Partei Auseinandersetzungen, Eifersucht, Widerspruch, und den braunen Apparat darf man sich keinesfalls gleichförmig vorstellen, sondern er war in gegensätzliche Gruppierungen aufgespalten, auch im Hinblick auf das Verhalten gegenüber der Kirche.

Am 28. Juli 1944 erschoß sich der Lehrer, Sozialdemokrat, dann Parteigenosse und Mitglied der ev. Kirche Reinhold Gremmer im Alter von 55 Jahren und wurde am 31. Juli kirchlich bestattet. Das Datum gibt mir Fragen auf. Am 20. Juli scheiterte das Attentat auf Hitler und löste auch im Land Braunschweig eine Verhaftungswelle aus, der z.B. Heinrich Jasper zum Opfer fiel. Gab es einen Zusammenhang mit dem Tod Gremmers am 28. Juli?

Kl. Stöckheim im 2. Weltkrieg
Das erste Kriegsjahr 1939/40 gehört zu den Aufschwungjahren des Dritten Reiches. Immer wieder ist zu lesen, daß die deutsche Bevölkerung 1939 von dem von Hitler ausgelösten Krieg nicht gerade begeistert war. Die Stimmung im Volk wäre gedrückt und pessimistisch gewesen. „Keine Begeisterung bei den ausrückenden Truppenteilen wie etwa 1914“, schrieb Kramer in die Kirchenchronik. Im Dorf kamen 250 aus dem Saargebiet vorsorglich evakuierte Menschen mit nur 30 Pfund Gepäck an. „Ihre Erregung teilte sich bald uns und anderen mit. Einzelne schimpfen auf den Führer“. Die Kl. Stöckheimer mußten nun erheblich zusammenrücken. Diese Stimmung schlug allerdings in eine unwiderstehliche Begeisterung im Juni 1940 nach dem Sieg über Frankreich um. Und die evangelischen Kirchen im ganzen Lande und auch in Kl. Stöckheim siegten mit. Sieben Tage lang läuteten vom 3.-10. Oktober 1939 eine Stunde lang die Glocken zum Dank für den Sieg über Polen und ein dreiviertel Jahr später wieder: 30.6. (1940) „Dankgottesdienst für den Sieg über Frankreich, der wiederum alle überrascht hat. Guter Besuch“, vermerkte Kramer in der Kirchenchronik. Wir kennen auch das Gebet nach dem Sieg über Polen, das mit dem Erntedankgottesdienst verbunden wurde. Da hieß es u.a.: „Wir danken Gott, daß Er unsern Waffen einen schnellen Sieg gegeben hat. Wir danken ihm, daß uralter deutscher Boden zum Vaterland heimkehren durfte. Wir danken Ihm, daß Jahrzehnte altes Unrecht durch das Geschenk seiner Gnade zerbrochen und die Bahn frei gemacht ist für eine neue Ordnung der Völker, für einen Frieden der Ehre und der Gerechtigkeit. Und mit dem Dank gegen Gott verbinden wir den Dank gegen alle, die in wenigen Wochen eine solche gewaltige Wende heraufgeführt haben: gegen den Führer und seine Generale, gegen unsere tapferen Soldaten auf dem Lande, zu Wasser und in der Luft, die freudig ihr Leben für das Vaterland eingesetzt haben: Wir loben dich droben du Lenker der Schlachten und flehen mögst stehen uns fernerhin bei.“ Das war die von der Kirchenleitung Ende September 1939 für alle Pfarrer angeordnete allgemeine Fürbitte.

Mit vielen anderen Stöckheimern wurde auch Pfarrer Kramer einberufen, und zwar als Leutnant der Reserve, und war vom September 1940 – 1. Mai 1943 Soldat, zunächst bei der Kraftfahrt-Ersatz-Abteilung im Magdeburg. Mit seinen 46 Jahren gehörte Kramer eigentlich nicht mehr zur ersten Garde der Einberufenen. Nicht ohne Stolz indes schrieb Kramer noch nachträglich in die Kirchenchronik: „Am 16.9. (1940) vertauschte der Chronist seinen Talar mit dem feldgrauen Waffenrock als Leutnant d.R. bei der K.E.A. 31.“ Auch nachträglich bei Kramer kein Nachdenken und Bedauern, unter dem für alle sichtbaren Verbrecher Hitler und seinen furchtbaren Kriegzielen „gedient“ zu haben.

Die letzte für das Dorf gewiß „große“ Kriegsnachricht war die vom 4. Dezember 1942 in der BLZ, daß der Sohn der Besitzerin des Schriftsassengutes, , U-Boot Kapitänleutnant Günter Müller, das Ritterkreuz verliehen bekommen hatte. Der Vater Reinhold Müller war längst verstorben, sein Bruder Reinhold Müller war im März 1942 mit 29 Jahren gefallen. Ein bitteres Schicksal für diese Mutter, und nun vielleicht eine kurze Freude über die Auszeichnung.


Der Krieg im Spiegel der Kirchenbücher



Kasualien in Kl. Stöckheim 1939 – 1950

Jahr

Taufen

Konfirmationen

Trauungen

Beerdigungen

1939

11

8

0

8

1940

18

18

2

9

1941

7

7

4

7

1942

15

3

4

3

1943

25

9

1

10

1944

5

14

1

8

1945

19

10

3

19

1946

25

12

9

11

1947

21

16

2

14

1948

15

9

10

7

1949

21

22

1

10


Wie aus der Tabelle hervorgeht, gingen die Taufen eher unvermindert weiter und schwankten in der Regel zwischen elf und 25 Taufen im Jahr. Die geringe Anzahl 1941 (sieben Taufen) könnte auch mit „Taufen unter der Fahne“ zusammenhängen.
Der volkskirchliche Betrieb ging also sogar unter dem Ausnahmezustand eines Krieges ohne gravierende Beschädigungen weiter wie bisher. Bezeichnenderweise war dazu die Anwesenheit des Ortspfarrers nicht zwingend nötig. Denn Pastor Kramer war ja 1941 und 1942 kriegsbedingt abwesend und wurde vom Nachbarpfarrer in Rüningen vertreten, und ab 1943 war er nur vier Tage in der Woche in Kl. Stöckheim, denn er selber wurde zum Vertretungsdienst in Duttenstedt, Essinghausen und Meedorf abgeordnet, weil dort die Pfarrer eingezogen waren, und richtete sich für drei Tage im Duttenstedter Pfarrhaus ein. Ihm gefiel es dort, denn „in den auswärtigen Gemeinden sind die Gottesdienste weit besser besucht als daheim“, vermerkte er in der Kirchenchronik.
Aber bei den Konfirmationen gab es in Kl. Stöckheim einen Einbruch, deren geringe Zahl in den Jahren 1941- 1943 auffällig ist. Bei vier Trauungen des Jahres 1942 steht der Vermerk „Kriegstrauung“. Das war eine Trauung ohne das traditionell bestellte Aufgebot, weil der einberufene Bräutigam wieder an die Front mußte.
Bei den Begräbnissen befinden sich selten solche zeittypischen Bemerkungen: „die Beerdigung erfolgte unter Mitwirkung der Ortsgruppe der NSDAP ohne Mitwirkung des Geistlichen und ohne Geläut.“, oder: „hier von der SS und der Schutzpolizei beerdigt, obwohl Hinterbliebene und der Verstorbene kirchliche Bestattung wünschten.“

Auch eine weitere Beerdigung fand ohne den Pfarrer statt. Am 8. Mai 1944 war ein amerikanisches Flugzeug abgeschossen worden. Kramer eilte zur Absturzstelle beim Lechlumer Holz. Die fünf Leichen der Piloten wurden auf Anweisung der Wehrmachtsstelle auf dem Stöckheimer Friedhof am nächsten Tag im Stillen morgens in einem gemeinsamen Grab ohne Särge beigesetzt. Als Kramer wieder auf den Friedhof kam, nachdem er die Stellen mit dem Bürgermeister ausgesucht hatte, waren die Gräber schon zugeschüttet.
Auch andere ungewöhnliche Beerdigungen fanden im Beisein des katholischen Pfarrers oder „im Stimmen“ statt: am 13. November 1944 verunglückte der 14jähriger Pole Tadeus Stepniak beim Spielen mit einer Brandbombe und wurde vom katholischen Pfarrer am 16. November öffentlich begraben. Paar Tage später verunglückte ebenfalls beim Spielen mit einer Brandbombe ein 23 jähriger Pole und wurde am 22. November vom katholischen Pfarrer begraben. Am 13. Januar 1945 wurde ein drei Wochen altes Kind einer polnischen Arbeiterin in der Stille begraben. Wo wurde es entbunden? Wer war der Vater? Wo hat sie gearbeitet?

Das Kriegselend in Kl-. Stöckheim
Das Kriegselend begann mit der Abwesenheit der Väter und Söhne, die eingezogen waren und nun ersetzt werden mußten von Gastarbeitern, Zivilgefangenen, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Schon vor Kriegsausbruch waren Italiener in der Kl. Stöckheimer Landwirtschaft eingesetzt. Zu Recht schreibt Herr Valentin in der Festschrift, diese Zwangsarbeitern dürften auch bei einem solchen festlichen Anlaß nicht vergessen werden (S. 96). Nach dem 2003 erschienenen Buch „Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft im Lande Braunschweig 1939-1945“ von Hans Ulrich Ludewig und Gudrun Fiedler befanden sich im Gasthaus Lambrecht und im Gr. Weghaus je ein Kriegsgefangenen- und Arbeitslager mit 100 Frauen und 20 Männern aus Polen, auch ein Franzose, 2 Belgier als Kriegsgefangene und sog. „freiwillige Arbeiter“. Im Gasthaus Rottgerodt befand sich ein Arbeitslager für Landarbeit mit 25 Personen, teils Polen, teils Italiener. Auch im Maschinen-. und Zahnradbau von Wilhelm Bothner waren von den insgesamt 28 Beschäftigten 17 Deutsche und elf Ausländische. Die Bevölkerung Kl. Stöckheims hatte sich verändert.

Es gab im Braunschweigischen Dörfer, die vom Krieg nichts gemerkt haben, etwa im Heeseberg oder südlich von Vorsfelde. Die Dorfbewohner hatten nur die eine Sorge, daß sie nicht beim Schwarzschlachten erwischt wurden, aber im Dorf hielt man zusammen und der Fleischbeschauer drückte paar Augen zu. Das war in Kl. Stöckheim anders. Vom August 1940 an gab es fast täglich Fliegeralarm, der zunächst nicht ernst genommen wurde. Aber im Bericht der Feuerwehr heißt es: 14. Januar 1944 waren Spreng- und Brandbomben im Südteil des Dorfes abgeworfen, wobei das Grundstück der Firma Kühn zerstört wurde. (Festschrift S. 138).

Am 30. Januar 1944 aber erhielt das Haus von Malermeister Tönjes einen Volltreffer und die dreiköpfige Familie Eckardt, 38, 31 und 2 Jahre alt wurde getötet und am 5.2. begraben. Am 28. September 1944 fiel auf den Stöckheimer Friedhof eine schwere Luftmine, die gerade bestatteten Leichen aus den frischen Gräbern lagen herum. „In der Siedlung schwere Schäden an fast allen Häusern. Das Lippersche Haus erlitt auch erheblichen Schaden, viele Häuser bis tief in das Dorf hinein, darunter die Schule, das Pfarrhaus, die Kirche und viele andere Häuser erlitten Schäden an Dächern und Fenstern.“ (Kirchenchronik; siehe Bild in der Festschrift S. 96) Der Schulunterricht fiel seither aus.
Nun suchten die Stöckheimer schon beim Voralarm Schutz im mächtigen Melveröder Luftschutzbunker. Manche übernachteten sogar in Melverode. Die Kirche von Melverode war für Gottesdienste unbrauchbar geworden, weil dort Möbel untergestellt worden war. Das Elend des Krieges hatte endgültig Kl. Stöckheim erreicht.

Es wirkt grotesk und verzweifelt, als im Oktober 1943 die Metallsammlung für den Endsieg begann. Es wurden die beiden Altarleuchter, der Kollektenteller, die Abendmahls- und Taufkanne in der Propstei abgegeben werden. So war es schon 1917 und für die Nachdenklichen ein sicheres Zeichen, dass der Krieg verloren war.

Am 31. März 1945 wurde die Dorfkirche durch zwei Bomben so stark zerstört, daß sie Jahre lang unbenutzbar blieb. Wer hatte sie zerstört? War es die Folge des von Hitler unbedingt gewollten und schließlich total geführten Krieges, die Folge des unbedingten Gehorsams, den die Pfarrer geschworen hatten? Hatten die Stöckheimer selber ihre Kirche zerstört?

Das Kriegsende
Das Kriegsende beschreibt Pfarrer Kramer ausführlich in der Kirchenchronik. Es sind nachträgliche Eintragungen, die er aus Notizen angefertigt hat. Dabei gibt sich Kramer als militärischer Fachmann. Der mehrseitige Bericht ist gespickt mit militärischen Beobachtungen („Unsere Luftwaffe war nicht mehr kampffähig.“)
Das Dorf richtete sich im April 1945 auf eine Art Endkampf ein. Dazu wurden vor den Dorfeingängen an der Wartehalle am Lechlumer Holz, vor Müllers Tagelöhnerhaus und am südlichen Dorfeingang auf der Hauptstraße mit gefällten Bäumen sog. „Panzersperren“ errichtet. Am 10. April tauchte nach der Darstellung von Kramer ein „fremder junger Leutnant auf, und erklärte, als Ortskommandant eingesetzt zu sein. Kl. Stöckheim sollte bis zum letzten Blutstropfen verteidigt werden. Sein Befehlsstand befand sich im Garten der „Heinrichshöhe“. Er veranlasste Ausgabe von Munition an den Volkssturm, Wurstdosen, Zigarren, Zigaretten, Kerzen. Die Kaufleute gaben ihre Lebensmittelvorräte wie Butter, Margarine, Zucker, Reis u.a. aus an die Einwohner, ohne Lebensmittelkarten. Angeblich stammten diese Sachen aus den Lagerhäusern und Speichern am Hafen Veltenhof. Sie sollten dem Feind nicht in die Hände fallen.“ Offenbar nahm Kramer am Abend an einer vom „Ortskommandanten“ einberufenen Versammlung an der „Heinrichshöhe“ teil.
„Er sprach als gläubiger Gefolgsmann des Führers, wie ein Hitlerjunge in Wehrmachtsuniform, fanatisch und drohend „wer nicht gehorcht, wird erschossen!“ Die Zuhörer ließen solches über sich ergehen.“
In der Nacht zum 11. April wurde mit einer riesigen Detonation die Brücke in Rüningen gesprengt, sodass sogar in Stückheim viele Fensterscheiben zu Bruch gingen. Das Elternhaus von Richard Johns wurde bei dieser Sprengung dem Boden gleichgemacht. Als dieser von Rüningen nach Stöckheim zurückkam, riss er die Panzersperren ab, wofür Bürgermeister Halbe vom „Ortskommandanten“ zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Das zeigt das Maß an Unsicherheit dieser letzten Tage. Tatsächlich wurden bei ähnlicher Gelegenheit noch bedächtige Bürger von fanatischen Parteigenossen erschossen. Schließlich wäre der selbsternannte „Ortskommandant“ spurlos verschwunden.
Die Stöckheimer bekamen die Auflösung der deutschen Wehrmacht vor Augen geführt. „Wehrmachtteile fluteten aufgelöst ununterbrochen durch unsern Ort nach Osten, suchten nach Zivilkleidung, führten requirierte Handwagen, Fahrräder, Kinderwagen mit sich, um ihr Gepäck nicht im Stich zu lassen. Eine Flakgruppe ohne Waffen kam von Leiferde her über die Wiesen u. konnte nicht über die Oker.“
Die Bevölkerung richtete sich auf das Überleben ein, übernachtete in den Kellern, vernichtete Uniformen, Fahnen, Bücher und alles was eine Zugehörigkeit zur NSDAPO schließen ließ und vergruben Wertgegenstände und Essbares im Garten. Auch Kramers. Aber die Angst vor der Partei blieb, denn offenbar wurden keine weißen Fahnen zum Zeichen der Ergebung gehisst. Auch Kramer „bedauerte“ nachträglich, dass sie „versäumt hätten, weiße Fahnen zu zeigen, als amerikanische Infanterie über die Leiferder Wiesen sich Stöckheim näherten. Typisch scheint mir folgende Begebenheit, die Kramer berichtet: „Am Abend bezogen die Amis bei Leiferde, diesseits, Biwack in Zelten, auch am Lechlumer Holze und bereits südlich von Mascherode. Im Bäckerstieg begegnete gegen Abend der alte Fritz Halbe zwei Ami-Soldaten und sagte etwas erschrocken „good evening“. Darauf grüßten die Amis mit „Guten Tag!“.
Fassungslos beobachtete die Bevölkerung den Durchmarsch der alliierten Truppen. „Seit der Nacht zum Donnerstag zogen den ganzen Donnerstag über amerikanische motorisierte Einheiten in ununterbrochener Folge von Rüningen kommend durch unsern Ort in Richtung Mascherode, Elm. Riesige Geschütze und Fahrzeuge, wie sie der Chronist bei der deutschen Wehrmacht nie gesehen hat. Auch viele Stäbe, Nachrichtentruppen, Pioniere mit viel Negern, meist als Fahrer; Alle Fahrzeuge standen in Funkverbindung, wie Chronist beobachtete. Die Soldaten machten frischen Eindruck, kauten Gummi, schwangen im Siegerstolz Schnapsflaschen, benahmen sich aber im allgemeinen korrekt.“ Jetzt erst brach das propagandistische Feindbild bei den meisten Deutschen und so auch in Stöckheim zusammen.

Nach dem Fortzug der alliierten Truppen wurden die zurückgelassenen Bestände von der Bevölkerung scharen weise geplündert und ausgeraubt. Die Stöckheimer bedienten sich in großem Stil in der Rüninger Mühle und der Broitzemer Zuckerfabrik. Die Proviantlager in den umliegenden Braunschweiger Kasernen wurden geräumt. Die berühmte Volksgemeinschaft hatte ein gründliches Ende gefunden. Es wurde, wie es damals hieß, völlig wahllos „organisiert“.

Es öffneten sich aber auch die Kriegsgefangen- und Zwangsarbeiterlager und das berüchtigte Lager 21. Die Amerikaner hatten ein Lager mit russischen Arbeitern ins Dorf verlegt. Es wurden auch Inhaftierte des Lagers 21 auf einem Hof untergebracht.
Nun raubten die ehemals polnischen Zwangsarbeiter die Ställe aus und „besorgten“ sich Uhren, Schmuck, Radioapparate, Fahrräder, Fotoapparate, Ferngläser, Lebensmittel. Sie drangen dazu auch in die Häuser ein. Kramer berichtet von einem solchen nächtlichen Überfall auch im Pfarrhaus, der jedoch glimpflich ausging. Aber es gab auch Tragödien: im September wurde die 61 jährige Frau Kuth in ihrem Haus erschossen und am 16.9. begraben. Am Reformationstag wurde der Gärtner, Bürgermeister und Kirchengemeinderatsmitglied Friedrich Herbst von Banden erschossen. Unter furchtbaren Umständen wurden der 72jährige Schneidermeister und Kirchengemeinderatsmitglied Ferdinand Helms und seine Frau ermordet und am 15. Dezember 1945 begraben.
Schon am 15. April 1945 erschossen amerikanische Soldaten einen Russen, den sie beim Plündern erwischt hatte. Sein Alter und seine Personalien sind unbekannt. Er wurde am nächsten Tag begraben.

Der Krieg war im Frühjahr 1945 nicht zu Ende.
Und er ging im nächsten Jahr weiter: der britische Geheimdienst hatte Listen mit belasteten Personen mitgebracht. Auf einer dieser Liste stand auch der Name des Bischofskandidaten Martin Erdmann, der daraufhin seinen Abgeordnetensitz im neuen Braunschweiger Landtag aufgeben mußte.
Es kursierten aber auch in den Dörfern Listen, die von deutschen Opfern des Nationalsozialismus verfaßt worden waren. Wie in vielen Dörfern wurden nun auch in Kl. Stöckheim Transporte zusammengestellt. Es wurden der frühere Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Michael Naujok verhaftet und abtransportiert, wie auch der Bauer Hermann Heine jun., der Kohlenhändler Otto Klingenberg und die Bäuerin Martha Isensee. Dabei konnte die Auswahl durchaus willkürlich sein.

Pfarrer Kramer in der Nachkriegszeit
Der kirchliche Betrieb hatte erneut begonnen: die Frauenhilfe traf sich wieder, Gottesdienste fanden im Wohnzimmer des Pfarrhauses statt, provisorisch wurde sogar für kurze Zeit Religionsunterricht gegeben, Kantor Meier, der bereits 1943 als Lehrer der Kl. Stöckheimer Volksschule in den verdienten Ruhestand gegangen war, hatte im Gr. Weghaus im Herbst 1945 einen provisorischen Unterricht begonnen. Es war ein ev. Hilfswerk gegründet worden.
In dieser Nachkriegszeit wurden zwei gegensätzliche Charaktereigenschaften im Pfarrhaus Kramer aktiviert: mit seiner ihm eigenen Energie holte Pastor Kramer die eingeklemmte Glocke aus dem Kirchturm und stellte sie neben der Ruine auf. Sein Sohn besserte mit einem jungen Polen das Kirchdach wieder etwas aus. Kramer engagierte sich auch im Wohlfahrtsausschuß der Kommune.
Aber als die Flüchtlinge aus dem Osten kamen, da schloß er wie die meisten Braunschweiger seine Haustür lieber vor ihnen zu und hoffte, daß sie weiterziehen würden. Der Bauunternehmer Sack ging auf die Bitte von Kramer ein, den großen Bombentrichter neben der Kirche mit Hilfe deutscher Kriegsgefangener kostenlos zuzuschütten, wenn der Pastor für Verpflegung sorgen würde. Aber es war der Pfarrfrau nicht möglich, trotz der ausgiebig betriebenen Landwirtschaft, und obwohl Kramer selber sechs Jahre Soldat war, paar Töpfe mit Gemüse zu kochen. Schließlich blieben die Kriegsgefangenen weg.
Anfang 1947 erhielt Kramer die Nachricht, daß die Militärregierung seine Entfernung aus dem Amt beantragt hatte. Es traf noch eine Reihe anderer Braunschweiger Pfarrer. Bischof Erdmann, seit April 1947 amtierender Landesbischof, riet allen, in Berufung zu gehen. Das kirchliche Entnazifizierungsverfahren endete für Kramer mit der Einstufung in die Gruppe IV (Mitläufer) und mit einer Vermögenssperre. Erst zwei Jahre später wurde die Gruppierung und die Vermögenssperre aufgehoben.

Im Dorf staute sich 1949 ein organisierter Unwille gegen Pastor Kramer auf, daß eine erhebliche Gruppe seine Ablösung forderte. Im Laufe der Ermittlungen erklärte der bis 1951 noch tätige Kantor Meyer, langjähriges Kirchengemeinderatsmitglied, in der Bibel hieße es doch: Geben ist seliger als Nehmen“, die Devise Kramers wäre genau umgekehrt gewesen, also: „Nehmen ist seliger denn geben“. Er bemängelte außerdem die inhaltlich dürftigen Predigten und bezeichnete die Zustände in der Nachkriegszeit als „unhaltbar“. Die Kirchenregierung empfahl Kramer, sich auf eine andere Stelle versetzen zu lassen. Kramer aber weigerte sich und wurde in ein längeres Verfahren verwickelt, an dessen Ende er einen Verweis hielt.

Im Dorf übernahmen nach der ersten Wahl die Sozialdemokraten wieder die Führung, bei der Gemeindewahl im November 1952 aber gewann eine Wählergemeinschaft mit 1.373 Stimmen sieben Sitze und die SPD mit 1.2662 Stimmen sechs Sitze im Gemeinderat.
Die Reste der alten Nationalsozialisten trafen sich in der Deutschen Reichspartei, die bei den Wahlen 1959 immerhin 41 Stimmen erhalten hatten.

Die durch einen Bombenangriff zerstörte Friedhofskapelle wurde in Gemeinschaftsarbeit wieder errichtet und am 28. 10.1951 eingeweiht. Nach dreijähriger Bauzeit wurde am 27. März 1955 die Kirche von Landesbischof Erdmann in Gebrauch genommen, am 27.4 1958 die Glocken eingeweiht und im Jahre 1959 ging Pfarrer Willi Kramer in Ruhestand. Er starb am 13. April 1975 83 Jahre alt.



Anhang


Auszug des 17-seitigen handschriftlichen Aufsatzes von Willi Kramer über das Thema:
„Die religiöse Richtung der völkischen Bewegung, insbesondere des Nationalsozialismus, in ihrem Verhältnis zum Christentum und zur Kirche. Darstellung und Beurteilung. Wie hat sich die Kirche dazu zu stellen, welche Aufgaben erwachsen dem Pfarramt?“

Die Kirche, unsere evangelische Kirche besonders, hat von dem Nationalsozialismus keine Nachteile zu befürchten, und kann auf kulturellem und religiösem Gebiet mit ihm zum Segen beider arbeiten, wenn auch auf wirtschaftlichem Gebiete von Seiten des Nationalsozialismus der Kirche erhebliche materielle Gefahren drohen. Ich erinnere nur an die Forderung der Nationalsozialisten, die Brechung der Zinsknechtschaft, also die Abschaffung jedes Zinses z.B. des Pachtzinses!

Zwischen beiden Gemeinschaften, dem Nationalsozialismus und der christlichen Kirche, sind in Folge ihrer verschiedenen Wesensarten Grenzen gezogen auch bezüglich der Aufgaben und Ziele. Diese Grenzen müssen gewahrt bleiben von beiden Seiten. Auch darf die Kirche ihre grundsätzlich neutrale Stellung zu allen Parteien also auch zum Nationalsozialismus, keinesfalls aufgeben, auch wenn der Nationalsozialismus seine Ziele erreicht und seine Herrschaft aufgerichtet haben wird. Es gibt aber doch genügend Berührungspunkte bzw. gemeinsame Interessen besonders auf kulturellem Gebiete, auf dem ein sich gegenseitig ergänzendes und befruchtendes Zusammengehen und Zusammenarbeiten geradezu wünschenswert ist. Vor allem darf die Kirche an der nationalsozialistischen Bewegung nicht vorübergehen, weil in dieser immer wieder einzelne völkische Weltanschauungsgedanken auftauchen, die bei den evangelischen Mitgliedern der Bewegung Verwirrung in ihrem Glaubensleben anrichten können. Fordert der Nationalsozialismus erfreulicherweise die Säuberung des öffentlichen Lebens von jüdischem Geiste, so hat die Kirche die Aufgaben, hier mitzuhelfen und die Bewegung immer mehr in christliche Bahnen zu lenken. Millionen Volksgenossen sehen in dem Nationalsozialismus den Retter und Befreier vom immer weiter um sich greifenden Bolschewismus. Fast möchte man sagen, ist der Nationalsozialismus ein Werkzeug in der rettenden Hand Gottes. Sich diesen starken, bündnisfähigen Bundesgenossen im Kampf gegen die materialistische marxistische bolschewistische Weltanschauung zu gewinnen und zu erhalten halte ich sogar für eine Pflicht der Kirche. Selbstverständlich bleiben bei dem gewünschten Zusammenarbeiten beider Gemeinschaften die Hauptaufgaben der Kirche unberührt.

IV. Welche Aufgaben erwachsen dem Pfarramt?
Was von den Aufgaben der Kirche gegenüber dem Nationalsozialismus gesagt ist, gilt auch vom Pfarramt. Hier liegen der Verhältnisse jedoch oft schwieriger. Das Pfarramt ist eben Amt, geistliches Amt mit genau vorgeschriebenen Aufgaben: Verkündigung der Wortes Gottes, Verwaltung der Sakramente, Seelsorge, Verwaltung der Geschäfte, Amtshandlungen, Vereinstätigkeit usw. Auch für das Pfarramt gilt wie für die Kirche: unbedingte Neutralität gegenüber den Parteien in der eigenen Gemeinde und Überparteilichkeit. Mit einer Partei als solcher kommt der Träger des Amtes kaum in Berührung, es sei denn, daß sein Dienst von einer Partei begehrt wird. Ein solches Begehren soll der Pfarrer nicht abschlagen, wenn es mit seinen Amtspflichten zu vereinigen ist. Auch der gottesdienstliche Raum kann auf Antrag und mit Genehmigung der Gemeindevertretung wunschgemäß zur Verfügung gestellt werden, wenn der kirchliche Anstand und die Weihe nicht beeinträchtigt werden. Z.B. soll der Pfarrer den Gotteshausbesuchern nicht die Parteiuniform verbieten, die in den Augen des Trägers ein Ehrenkleid bedeutet. Hier soll der Pfarrer auch nicht ängstlich die Kritik anderer Kreise fürchten.
Die oft sehr unklarer weltanschaulichen Vorstellungen N.S.D.A.P. lassen sich in vorsichtiger Weise am besten bei seelsorgerlichen Gelegenheiten klären; auch eignen sich hierfür sehr gut die Veranstaltungen von Männerabenden und Weltanschauungsabenden im kleinen Kreise mit Aussprache. Hierbei wie bei der ganzen Frage, wie das Pfarramt sich zum Nationalsozialismus zu stellen hat, spielt die Eignung des Pfarramtsträgers eine große Rolle. Vorschriften lassen sich da als allgemeingültig nicht aufstellen. Immerhin bleibt die Aufgabe und Pflicht des Pfarrer unberührt, in erster Linie Helfer und Wegweiser zu sein zu dem höchsten Ziele, zu Gott und zur Seligkeit.
Wir Evangelischen haben schließlich allen Grund, die neue jugendlich frische und starke Partei des Nationalsozialismus zu begrüßen und wenn möglich bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu unterstützen. Ganz offensichtlich ist auch der Nationalsozialismus ein Werkzeug in der Hand unseres gnädigen Gottes.

Kramer, Pfarrer.
Anmerkung:
Ich bedaure, daß nicht genügende Zeit zur Bearbeitung einer so aktuellen Frage zur Verfügung stand.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/vortrag/Stoeckheim.htm, Stand: März 2008, dk

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