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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

(Download des Textes als pdf hier)


Die Geschichte der evangelischen Kirche Wolfenbüttels im 20. Jahrhundert

Die Volkskirche zwischen Säkularisierung und Re-Christianisierung

Vortrag im November 2008 in Wolfenbüttel von Dietrich Kuessner



Werte Anwesende, Freunde der Braunschweiger Kirchengeschichte, liebe Schwestern und Brüder, bei der Vorbereitung dieses Referates erinnerte ich mich häufig an eine Frau, die für mich in prägnanter Weise Wolfenbüttel und evangelische Kirche im 20. Jahrhundert miteinander verbindet. Sie ist 1920 in Wolfenbüttel geboren und zur Schule gegangen. Ihr Vater gehörte dem Kirchenvorstand von Trinitatis an und veranstaltete hin und wieder theologische Hausabende mit neuzeitlichen Themen. Sie heiratete einen Pfarrer, hatten drei Kinder, trennten sich und dann heiratete sie erneut und zwar den Pfarrer von Johannis Ernst August Schütze. Nach dessen Tod wurde diese zweifache Pfarrfrau die rechte Hand von Bibliotheksdirektor Raabe: eine kritische, kultivierte, humorvolle, vielseitig interessierte Frau, die das, was ich geschrieben hatte, furchtbar fand und sagte: Musst Du das alles wieder aufrühren? Wir schätzten uns. Während der Vorbereitung zu diesem Referat erinnerte ich mich immer wieder an: Elisabeth Schütze, vormals Sierig, geborene Barnewitz.

Die Aufgabe dieses Referates bestand darin, einen roten Faden zu finden, ein Geländer, an dem ich mit Ihnen durch die erhebliche Geschichtsmasse der Geschichte der Wolfenbüttler evangelischen Kirchen im 20. Jahrhundert gehen kann. Er lautet folgendermaßen:
Die evangelische Kirche stand im 20. Jahrhundert einer wachsenden Bewegung der Säkularisierung gegenüber. Der säkulare Mensch trennt sich langsam von der Kirche und will ohne sie mit beiden Beinen auf der Erde stehen. Kirche bietet ihm auf die Dauer nicht genug, die Welt umso mehr.
Auf diese Säkularisierung antwortet die christliche Welt und auch die evangelische Kirche mit Versuchen einer Re-Christianisierung. Sie möchte die Säkularisierung rückgängig und christliche Werte wieder allgemeingültig machen.
Volkskirche zwischen Säkularisierung und Re- Christianisierung lautet also der Untertitel meines Vortrags, und Sie müssen am Ende der Darlegung für sich unter Hintanstellung Ihrer selber erlebten Geschichte im 20. Jahrhundert entscheiden, ob dieser Grundgedanke tragend war, um wesentliche Ereignisse, Highlights, im Wolfenbüttler 20. Jahrhundert zu verstehen.

Es gab im 20. Jahrhundert in unserer Landeskirche sechs große Säkularisierungswellen und entsprechende Re-Christianisierungsversuche: die erste vor dem 1. Weltkrieg als Folge der Industrialisierung, die zweite in den 20er Jahren während der vorwiegend sozialistisch-sozialdemokratischen Landesregierung, die dritte in den 30er Jahren unter dem Einfluss der sog. Deutschen Glaubensbewegung, eine vierte in den 50er Jahren im Gefolge des Wirtschaftswunders, eine fünfte zu Beginn der 70er Jahre als Folge der 68er Revolte, als sich die Kirchenaustritte eine Zeitlang bei 5.000 Mitgliedern pro Jahr stabilisierten und schließlich eine sechste, eine schleichende Säkularisierungswelle seit den 90er Jahren, die bis in die Gegenwart reicht. Im Februar dieses Jahres hatte die Mitgliederzahl in der Landeskirche die magische 400.000 Grenze unterschritten. 398.000 Mitglieder hatte die Landeskirche auch vor hundert Jahren etwa im Jahr 1897. Sind wir also weit zurückgeworfen?

Die erste Säkularisierungswelle
Wolfenbüttel hat zu Jahrhundertbeginn die Phase einer aufstrebender Industrialisierung hinter sich. Wolfenbüttel war nicht mehr das verträumte Blumen- und Beamtenstädtchen, sondern ein Industriestandort: es beherbergte um 1901 sechs Maschinenfabriken, drei Konservenfabriken, drei Mühlenfabriken, die Wolfenbüttler Verbundsteinefabrik, eine Kunst- und Zementsteinefabrik, aus früherer Zeit zwei Spinnereien. Die Zahl der Beschäftigen in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie, in der Metallverarbeitung und im Baugewerbe hatte sich von 5.810 (1882) auf 9.828 (1907) erhöht. - Mit wachsender Arbeitsmöglichkeit hatte sich der Lebensstandard verbessert. Die 30 öffentlichen Brunnen im Stadtgebiet waren einem 1904 gebauten Wasserturm als zentraler Wasserversorgungsanlage gewichen, die für eine erheblich verbesserte Wasserqualität sorgte. Der krankheitserregende Gestank aus den Okergräben wurde durch den Bau einer Kanalisation beseitigt. Die Stadtbevölkerung stieg von 12.224 (1882) auf 18.838 (1907). 34 Kolonial- und Materialläden, 24 Bäckereien, neun Zigarrenläden und 24 Bierhandlungen versorgten sie mit dem Notwendigsten und am Wochenende landete die arbeitende Bevölkerung in einer der vier Badeanstalten, in den zahlreichen Vereinen oder in einer der 60 Kneipen. Die Post hatte von sieben Uhr morgens bis abends um acht Uhr geöffnet und Telegramme und Pakete konnten auch nach Schalterschluss aufgegeben werden. Und es war eine junge Stadt: von den 17.864 Bewohnern zum Jahrhundertbeginn waren fast 6.000 bis 15 Jahre alt, also 33 Prozent und nur ca 1.200 über 60 Jahre alt, das sind ca 7 %. Heute ist die Zahl der über 60-Jährigen (11.655) doppelt so groß wie die bis 16- Jährigen (5.812). Wolfenbüttel um 1900 das Abbild einer glücklichen, aufstrebenden, säkularen Welt.
Und mitten in diesem neuen Zeitgefühl von Modernisierung und Wohlstand für viele: die drei historischen Kirchen: die Marienkirche in der Heinrichstadt, die Trinitatiskirche in der Juliusstadt und die Johanniskirche in der Auguststadt. In diesen Kirchen wurde, weil die Stadtbevölkerung jung war, das ganze Jahr über am laufenden Bande getauft: in der Marienkirche zwischen 1900 und 1911 ca 220 Täuflinge pro Jahr. 1902 in allen drei Kirchen insgesamt 408 und 1909: 388 Taufen. Es war wohl mehr ein Registrieren. Seelsorgerlicher Umgang mit den Eltern konnte da nicht stattfinden. Auch die Konfirmandengruppen waren bei dem jungen Altersdurchschnitt der Bevölkerung riesig, in der Hauptkirche durchschnittlich 185 Jungen und Mädchen, in der Johanniskirche 115, in der Trinitiatiskirche 75. Sie wurden an einem einzigen Gottesdienst, der drei Stunden dauerte, konfirmiert.
Ein pädagogisch sinnvoller Unterricht konnte bei den Massen nicht stattfinden. Ein sonntäglicher Höhepunkt waren dagegen die sensationell gut besuchter Kindergottesdienste. In einer Zeit ohne Radio und Fernsehen, ohne Handy und Computer war der Kindergottesdienst damals das Highlight der Woche. 600 Kinder strömten um 11.15 in die Hauptkirche und wurden von 40 Helferinnen und Helfern empfangen.
Ansonsten aber stammten die vier Pfarrer samt ihrem Stadtsuperintendenten Beste aus einer anderen Zeit. Sie konnten sich in der neuen Zeit nicht zurechtfinden.
Ein klassisches Konfliktfeld zwischen säkularer und christlicher Welt war schon damals der Sonntag. Am Sonntag herrschte traditionell die staatlich geschützte Arbeitsruhe. Nun hatte die Landesregierung 1904 auch die Sonntagsarbeit mit Einschränkungen erlaubt und zwar morgens bis 8 Uhr und nachmittags ab 14 Uhr. Das Herzogliche Konsistorium erkundigte sich bei den Kirchengemeinden nach den Auswirkungen. Pastor Steyerthal von der Johanniskirche, damals 43 Jahre alt, referierte vor der Inspektionssynode, einem gemischten Gremium aus Pfarrern und Kirchenvorstandmitgliedern, das Gesetz wäre für den Kirchenbesuch eher nachteilig, die Vergnügungssucht habe bedeutend zugenommen, der Besuch der Lichtspiele und Tanzlokale sollte verboten werden. Der anwesende Stadtdirektor Floto sagte den Synodalen „mögliche Beschränkung der Sonntagstanzlustbarkeit“ zu.

Der Gründonnerstag war bisher staatlich geschützter Feiertag gewesen. Nun verlor der Gründonnerstag den staatlichen Schutz am Vormittag, damit vormittags gearbeitet werden konnte, und die Gottesdienste finden seither gezwungenermaßen am Abend statt.

Diese Zeit zu Jahrhundertbeginn war der Pfarrerschaft in ausgesprochen unguter Erinnerung.
Daher begrüßte sie den Beginn des ersten Weltkrieges einhellig als eine Rückkehr des Volkes zur christlichen Kirche. Die Gottesdienste waren brechend voll, auch die eingerichteten Kriegsgebetsstunden. In den Predigten wurde das Frontgeschehen als eine besonders aufgeladene religiöse Situation gedeutet. An der Front begegne der Soldat Gott viel unmittelbarer als etwa in der laschen Heimat. An der Front vernehme der Soldat Gottes Stimme unüberhörbar. Das Vaterland wurde als ein Glaubensgut verstanden, für das sich der Soldat märtyrerhaft zu opfern habe. Wer den Heldentod stirbt, wird selig, lautete ein Postkartengruß aus der Heimtat an die Front.
Ottmar Palmer, seit 1908 Pfarrer an der Hauptkirche, eine Nachwuchshoffnung der Landeskirche, hat sechs Predigten aus den Jahren 1914-1916 veröffentlicht, die genau diesen Gedankengängen entsprechen und sie vielfach variieren. „Halte fest, lieber Christ,“ so Palmer im August 1914 in der Hauptkirche, „Gott redet zu uns in diesem Krieg in jener Sprache von Blut und Elend, von Sorge und Gefahr., von Not und Tod“. Diese harte Sprache wäre nötig, weil die Menschen vor dem Krieg nicht auf die freundliche Sprache Gottes gehört hätten. „Gottes Stimme verhallte in Lustgeschrei und Jubelgetön, .. die schier nichts andres kannte als die gierige Brunst nach dem Flittergold der Diesseitsgenüsse“ – Säkularisierung. Am Ende des Krieges aber, so in der Novemberpredigt 1914, würde „ein großes, einiges, starkes, und zugleich frommes – rechristianisiertes - Deutschland an der Spitze der Welt“ stehen.

Die erhoffte und anfangs auch eingetretene Re-Christianisierung hatte auf der Kehrseite die schauerliche Tatsache einer drastischen Selbstsäkularisierung der Kirche zur Folge. Anstatt sich in der Krise vermehrt auf das Dogma von der Versöhnung unter den Menschen und Völkern, von der Vergebung zuzuwenden, unterwarf sich die evangelische Kirche dem säkularen Dogma vom Siegenmüssen, dem Zwang zum Sieg. Diesem säkularem Dogma wurde das ganze Leben der Zivilbevölkerung viereinhalb Jahre unterworfen und mit ihr die Kirche.
Diesem säkularen Dogma diente das ständige Glockenläuten nach den Siegen 1914/1915. Ein Glockengeläut lädt in der Regel zu Gottesdienst und Gebet ein. Der Pfarrer der Trinitatiskirche Hermann Fischer hat penibel in der Kirchenchronik jedes Glockengeläut und dessen Anlass festgehalten. Es lud nicht zum Gottesdienst ein, sondern diente in erster Linie der Information der Bevölkerung und der Verkündigung des Sieges.
Die vielen Bibelstellen vom Sieg und Siegen („Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten“) wurden nun auf den Sieg der deutschen Truppen in Flandern und Frankreich umgedeutet.
Bis zum Ende hielt die Kirche fast krampfhaft am Zwang zum Siegen fest. Die Gemeindemitglieder hingegen verließen Gottesdienst und Kriegsbetstunden, weil sie diese Art von Trost verabscheuten. Sie wollten ihre Männer und Söhne nicht als Heilige im Himmel haben, sondern bei der Arbeit in Beruf und Familie und Bett. Und es war ihnen nicht zu erklären, wozu Millionen junger Männer als Krüppel und Kriegsversehrte sich in neue Arbeit finden sollten.

In diesem Spannungsfeld der Volkskirche zwischen Säkularisierung und Re-Christianisierung wuchs als Alternative ein neues Bild von Kirche, die Gemeindekirche. Sie war bereits Ende des 19. Jahrhunderts aus dem unhaltbaren Zustand der Massenkirchen in den Großstädten entworfen worden und forderte kleine, engagierte, lebendige Gemeindeeinheiten. Ottmar Palmer war ein lebhafter Verfechter dieses Kirchenmodells und gab 1911 ein „Gemeindeblatt“ heraus und erläuterte diese Idee in der ersten Nummer: Es solle helfen, „eine Schar bewußter, lebendiger evangelischer Christen zu bilden und zum Bewußtsein bringen, dass wir mehr miteinander gemeinsam haben als den Wohnsitz in demselben Stadtteil“. Das „Gemeindehaus“, das 1915 eingeweiht wurde, stammte aus eben derselben Idee einer lebendigen Gemeindekirche, und war als Gemeindeinitiative entstanden und nicht etwa ein Produkt der Konsistorialbehörde. Die Wolfenbüttler Hauptkirche gehörte in jener Zeit zu den Reformmotoren unserer Landeskirche.

Die zweite Säkularisierungswelle
In der Weimarer Zeit erlebte die evangelische Kirche den zweiten Säkularisierungsschub. Säkularisierung erlebte sie nunmehr als marxistische Ideologie, als Säkularismus. In den neun Jahre unter der vorwiegend sozialdemokratisch/sozialistisch geführten Regierung von Heinrich Jasper 1919-1924 und 1927-1930 schuf sich die Arbeiterschaft eine ausgeprägte Parallel- und Festtagskultur im Gegensatz zum Kirchenjahr, feierte statt Weihnachten Wintersonnenwende, und statt Pfingsten das Fest der Völkerversöhnung, außerdem den 1. Mai und 8. November als Beginn einer neuen, eher religionskritischen Zeit. Das sozialdemokratische Blatt „Der Volksfreund“ trommelte zum Austritt aus der Kirche. Furchterregend war der Massenaustritt im Jahre 1922: aus der Hauptkirche Wolfenbüttel traten 533 Erwachsene und 93 Kinder aus, in der Landeskirche insgesamt 21.000 Gemeindemitglieder, eine nie wieder erreichte Zahl pro Jahr, ein negatives Highlight, hervorgerufen durch die psychologisch völlig falsche, viel zu hohe erstmalige Erhebung der Landeskirchensteuer von 15 % des Lohnes. Nur wenige kehrten in den nächsten Jahren wieder zurück. In die Hauptkirche 1923 ca. 38, 1924 ebenso viele. Die meisten blieben bei ihrer Entscheidung. Es brach hier sichtbar in der Volkskirche zusammen, was sich längst im Inneren als Aushöhlung vollzogen hatte.
In den Jahren 1928 –31 bewegte sich in der Landeskirche die Austrittsziffer bei ca. 2.500 Austritten.

Die Kirche konnte damals nicht wissen, wohin diese Entwicklung führen würde. Wieder war das Kirchenjahr ein dramatisches Konfliktfeld. Der Bußtag verlor durch die sozialistische Landtagsmehrheit seinen staatlichen Schutz, die Kinder mussten in die Schule und die Geschäfte öffnen. Dagegen organisierte die Kirche auch in Wolfenbüttel demonstrativ gut besuchte Gottesdienste am Vor- und Nachmittag.
Zum Dauerkonfliktfeld wurde die Braunschweigische Gemeindeschule. Die Landeskirche beharrte auf dem christlich - vaterländischen Charakter, der im Schulgesetz von 1913 festgeschrieben war, das war also ein Schule, in der gebetet wurde und in der alle Fächer irgendwie auch christlich-kirchlich geprägt sein sollten. Die sozialdemokratische Landesregierung schlug daneben noch zwei weitere Schultypen vor: die Gemeinschaftsschule, die den Religionsunterricht als Fach zwar behielt, aber keine Aufsicht der Landeskirche über Unterrichtsinhalte und Unterrichtsablauf duldete und die sog. „weltliche Schule“, in der an die Stelle des Religionsunterrichtes das Fach Lebenskunde treten sollte. Die Landeskirche begab sich in einen heillosen, dauerhaften Kampf.
In Wolfenbüttel wurde eine weltliche Schule eingerichtet. Im Schuljahr 1928/29 besuchten 149 Jungen und 135 Mädchen die Schule, die in acht Klassen völlig antiautoritär unterrichtet wurden. In der christlich vaterländischen Schule wurde vor allem, wenn nötig mit Prügel, zum Gehorsam erzogen. Hier aber gab es nicht mal einen üblichen Stundenplan.

Führend im Kampf gegen diese Säkularisierung war Landesbischof Bernewitz. Wolfenbüttel war nämlich seit 1923 – was Braunschweig nie geschafft hat – Bischofsstadt geworden. Hier hatten und haben die folgenden sieben Bischöfe ihren Dienstsitz und Wohnsitz. Erstmals seit rund 380 Jahren wurde die Landeskirche nicht von einem Juristen geleitet, sondern von einem Theologen. Ein Jahrhundertereignis in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Aber Wolfenbüttel als Bischofsstadt ist nicht in das kulturelle Bewusstsein dieser Stadt gedrungen. In den Porträtdarstellungen über Wolfenbüttler Persönlichkeiten kommen sie nicht vor. Keine Straße ist nach ihnen benannt, obwohl rund um das neue Landeskirchenamt an der Lindenstrasse viele neue Strassen entstanden waren.
Der erste Landesbischof Alexander Bernewitz, ein gebürtiger Balte, war ein patriarchalischer Prediger und Steuermann. Im Baltikum hatte er als Generalsuperintendent den Aufstand der Liberalen und der Kommunisten gegen das zaristische System erlebt und brachte eine satte antidemokratische und antikommunistische Portion Lebenserfahrung aus seiner östlichen Heimat mit. Er war bei der Anfahrt zu einem Gottesdienst knapp einem Attentat entgangen. Wegen dieser Lebenserfahrung galt er den Braunschweiger Synodalen als der richtige Mann in der Auseinandersetzung mit den sozialdemokratischen und bürgerlichen Landesregierungen. Demokratie und Kommunismus waren für ihn die Summe von Säkularisierung. Das Wolfenbüttler Gemeindeblatt veröffentlichte im Mai 1930 einen Auszug aus dem Vortrag des Bischofs „Christentum und Weltkultur“, darin heißt es: „Die Verweltlichung des Geisteslebens hat man mit dem Namen Säkularismus bezeichnet, der Grundsatz des Säkularismus heißt: Es gibt nur eine Welt der Wirklichkeiten und das ist das Diesseits. Das bedeutet die Lösung von allen ewigen Gesetzen.... Man mag noch so viel von Menschenwürde und Entfaltung des Menschentums reden, der Weg von der Religiösität zur Irreligiösität führe weiter zum Gotteshaß und zur Gotteslästerung.“ siehe Moslau und der Bolschewismus als Weltanschauung. Bernewitz sah weithin auch die zeitgenössische deutsche Literatur und Kunst und das allgemeine Verständnis von Ehe und Familie vom Säkularismus erfasst.
Wie vor dem ersten Weltkrieg beherrschte die Kirche zu Anfang der 30er Jahre das ungute Gefühl, eine Randerscheinung zu sein und sie hegte die Hoffnung auf einen Sieg zur Überwindung des Säkularismus.
Diese Hoffnung auf Re-Christianisierung erfüllte sich für Bernewitz und wenig später für die ganze Kirche, auch in Wolfenbüttel, im Nationalsozialismus.
„Es war rührend, ja, ergreifend“, schrieb Bernewitz in seinen Lebenserinnerungen 1935, „mit welcher Hingabe u. Opferwilligkeit sich auch die vielen „kleinen Leute“ in den Dienst seiner (Hitlers) Ideen stellten... in Wolfenbüttel standen wir den armen „Nazis“ wo irgend möglich bei. Unsere Martha kochte mit Begeisterung für sie, eimerweise trugen sie dankend die Suppe aus der Küche u. wenn Not war, kamen sie. Sonst ballten die Arbeiter die Fäuste u. es war fast gefährlich, die Haufen zu passieren, die schimpfend an den Stempelstellen standen, diese aber waren so zutraulich, so offen, sprachen sich gern aus u. es verdross mich nicht, wenn ich in anonymen Briefen „der Nazi-Bischof“ genannt wurde. Die bürgerlichen Kreise waren weithin abwartend, wenn nicht ablehnend, u. erst spät erkannte die Pfarrerschaft, dass ich fernsichtiger gewesen war“. Man versteht solche Textpassagen besser, wenn man sie in den inhaltlichen Zusammenhang von Säkularismus und Re- Christianisierung stellt. Hier erweist sich mein „roter Faden“ als ein Beitrag zum vieldiskutierten Thema „Opa war kein Nazi“, sondern: er wollte die Re-Christianisierung Wolfenbüttels.
Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Revolution ab Januar 1933 begann sich diese Hoffnung auf Rückkehr zum Christentum vielfach zu erfüllen. Die Vorstellung vom Nationalsozialismus als einer massiven Form der Re-Christianisierung kommt uns heute komisch vor, sie widerspricht lediglich den apologetischen Selbstbehauptungen nach 1945, aber die Quellen sind erdrückend.
Pfarrer Johannes Besser schrieb über den 30. Januar 1933 in der Chronik der Kirchengemeinde Trinitatis: „Das kirchl. Leben steht naturnotwendig unter der Wirkung des politischen Geschehens. Nach langen, schweren Kämpfen, nach Opfern und Leiden aller Art ist der Führer der deutschen Erneuerungsbewegung – Adolf Hitler – zum Reichskanzler ernannt worden. Die ev. Kirche begrüßt dieses aufrichtigen Herzens und denkt mit Beschämung daran zurück, wie internationaler Marxismus ungestört die Gottlosigkeit predigen durfte, zur Gotteslästerung aufrufen und erziehen durfte.“
Kirche wurde unter Hitler wieder chic. In Massen traten die Menschen in die Kirche ein. In der Landeskirche Braunschweig 1933 über 5.000 Personen, die höchste Eintrittsziffer im 20. Jahrhundert überhaupt, und bis 1935 überstiegen die Eintrittsziffern die Austrittsziffern. In der Johanniskirche schnellten die Anzahl der Taufen 1933 bis 1937 in eine Höhe, die sie in den Jahren davor nie erreicht hatten: 1928 - 1932 durchschnittlich 40 Taufen, 1933 – 1937 durchschnittlich 70 Taufen. Noch deutlicher war der Anstieg in der Hauptkirche. Viele holten ihre Taufe nun nach. Die Anzahl der Taufe überstieg daher die Anzahl der Geburten. Wolfenbüttel erlebte und erhoffte sich, wie die Deutsche ev. Kirche im Reich und im Braunschweiger Land, eine Re-Christianisierung durch die Hitlerregierung.
Träger dieser Re-Christianisierung war die Kirchenpartei der „Deutschen Christen“. Die „Deutschen Christen“ verstanden die NSDAP als eine christliche Partei, die Partei des sog. „positiven Christentum“, wie es im § 24 des Naziparteiprogramm ausdrücklich hieß. Die NSDAP trat im Vergleich zu SPD und KPD gezielt als eine dem Christentum zugewandte Partei auf.
Die Wolfenbüttler Ortsgruppe der Deutschen Christen leitete der Mittelschullehrer Karl Oppe.
In einer deutsch-christlichen Versammlung Mitte Juni 1933 resümierte Oppe einleitend, in den letzten Jahren wäre die Kultur des deutschen Volkes flach geworden, auch das Glaubensleben wäre rückwärts gegangen. 70 Prozent des Volkes stünde außerhalb der Kirche. „Unsere Aufgabe aber ist es, diese wieder der Kirche zuzuführen. Wir glaubten, mit der Freiheit alles bewältigen zu können. Wir aber wollen wieder glauben lernen – Re-Christianisierung - und eine Gemeinschaft aufbauen auf Grund des Glaubens“, dann erst würde es wieder zu einer wahren Volksgemeinschaft kommen.
Sechs Wochen später fanden Kirchenwahlen zur Neubildung der Kirchenvorstände und Landessynoden statt, in der gegen die Deutschen Christen die konservative Gruppe der bekenntnistreuen Lutheraner unter dem Namen „Evangelium und Kirche“ kandidierte. Die Deutschen Christen eroberten mit einer Mehrheit von 82 % aller Stimmen die Landeskirche im Sturm In Wolfenbüttel sah das Ergebnis folgendermaßen aus: in Trinitatis 190 Stimmen für Evangelium und Kirche, 868 für die Deutschen Christen, 82 %. In Johannis 145 für Evangelium und Kirche, 736 für die Deutschen Christen, 84 %. In der Hauptkirche 292 für Evangelium und Kirche, für die Deutschen Christen 1.656 Stimmen, 85 %. Es überbot den hohen landeskirchlichen Durchschnitt noch um drei Prozent.
Der Versuch der Re-Christianisierung durch die Deutschen Christen scheiterte. Denn die Gleichschaltung von Nationalsozialismus und ev. Kirche, die die Deutschen Christen betrieben, bedeutete eine wesensfremde „Selbstnazifizierung“ der Kirche. Es wiederholte sich der Vorgang der Selbstsäkularisierung der Kirche während des 1. Weltkrieges auf einer anderen Ebene.
Das Modell des totalen Ineinander von Hakenkreuz und Christuskreuz, einer totalen Kirche im totalen Staat bewährte sich nicht, und verkümmerte.

Damit war aber die Hoffnung auf weitere Re- Christianisierung nicht aufgegeben. Es war Helmut Johnsen, Landesbischof seit 1934, der diese Hoffnung weiter hegte, aber nicht durch Selbstnazifizierung sondern durch ein geregeltes Nebeneinander von Nationalsozialismus und ev. Kirche. Johnsen stellte sich als nationalen Lutheraner vor, der offen überzeugter Nationalsozialist und daneben bekenntnistreuer Lutheraner war. Er lebte sich sehr rasch in der Landeskirche ein und war ein begabter, packender Kanzelredner. In der Hauptkirche nahm er die Ordinationen der jungen Pfarrer vor. Diese sog. „kirchliche Mitte“ begleitete die außenpolitischen Erfolge Hitlers, den Anschluss an die Saar 1935, den völkerrechtswidrigen Einmarsch in das Rheinland 1936, die Besetzung Österreichs 1938 mit Gebeten und Glockengeläut und schließlich den Überfall auf Polen und den militärischen Sieg über Frankreich Juni 1940 mit einem eine Woche langen, täglich einstündigen Geläut um die Mittagszeit. Natürlich auch in Wolfenbüttel. Deutschland erlebte zwischen 1933 und 1940 einen rasanten Aufstieg und ein „braunes Wirtschaftswunder“. Hitler rangierte unter den beliebten deutschen Politikern des 20. Jahrhunderts, die sich auf die breiteste Mehrheit in der deutschen Bevölkerung stützen konnte. An Widerstand war da nicht zu denken.
Die Kirchenpolitik des geordneten Nebeneinander der kirchlichen Mitte hatte zur Folge, dass die volkskirchlichen Strukturen nicht nur erhalten, sondern gefestigt wurden. Taufen und Trauungen wurden weiterhin begehrt wie nie zuvor. In der Hauptkirche hatte es in den 20ger Jahren Taufziffern bis einhundert Taufen gegeben. Dagegen 1935: 135 Taufen, 1936: 131, 1937:136 Taufen. Von 1939 – 1943 überstiegen in der Johanniskirche anders als heute die Anzahl der Taufen die Anzahl der Bestattungen.
Die Wolfenbüttler nationalsozialistisch geprägte Welt von 1935, eben jenes braune Wirtschaftswunder wurde vom schlichten, frommen Gemeindemitglied in Anlehnung an das Wort aus dem 118. Psalm „Das ist vom Herrn geschehn und ist ein Wunder vor unseren Augen“ als ein Wunder gedeutet, das „vom Herrn geschehen“ wäre. Im Wolfenbüttler Gemeindebrief April 1935 veröffentlichte es ein vierstrophiges schlichtes Gedicht, in dem es u. a. heißt: „Tief in die Seele dringet/ dies Wort so heilig ernst/ Wenn du des Wortes Segen/ nur recht verstehen lernst/ Die Welt ist voller Wunder/ was wir erleben, sehn - / Wir müssen es erkennen/ das ist vom Herrn geschehn. // Von ungefähr nichts kommet/ Gott sitzt im Regiment/ Der seine Menschenkinder/ und ihre Wege kennt/ Denn nichts geschieht auf Erden/ was er nicht hat ersehn/ es ist ein froh Bekenntnis/ Das ist vom Herrn geschehn“.
Man merkt die Tendenz dieser schlichten Zeilen nicht, wenn man nicht auf sein Entstehungsjahr 1935 achtet.
Dieser Kurs zur Erhaltung der Volkskirche hatte auch seine Opfer: die gewalttätige Ausschaltung der Kommunisten und Sozialdemokraten im Frühjahr 1933, die zahlreichen Verhaftungen und Ermordungen, die Brandstiftung an der Wolfenbüttler Synagoge 1938 nahmen die Pfarrreschaft aktiv hin: „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, hatte Bischof Bernewitz im Sommer 1933 noch erklärt.

Der dritte Säkularisierungsschub
Der Nationalsozialismus hatte zwei gegensätzliche Seiten: die kirchenfreundliche und antikirchliche. Die antikirchliche, die aber auch innerhalb der ns. Führungsgruppe nicht unumstritten war, agitierte in Wolfenbüttel mit einer kleinen, aber wirksamen Gruppe der sog. „Deutschen Glaubensbewegung“. Das waren Anhänger des ns Chefideologen Artur Rosenberg, der aber von Hitler nicht für ganz voll genommen wurde, der in seinem unsäglichen antisemitischen Standardbuch „Der Mythos der 20. Jahrhunderts“ die Überlegenheit einer germanischen Religion publiziert hatte. Diese Gruppe plakatierte im Sommer 1935 in Wolfenbüttel (anlässlich eines Vortrages von Prof. Hauer), einen Vortrag über die Unvereinbarkeit von Deutschtum und Christentum. Die Frauenhilfen in Wolfenbüttel waren empört, ließen Gegenplakate drucken und luden den Landesbischof zu einem Gegenvortrag am 20. Mai ein. Der Gemeindesaal von Marien platzte aus allen Nähten, man zog in die Hauptkirche um, die überfüllt war. Johnsens Thema: „Kann ein Deutscher Christ sein?“: Einen Monat später wiederholte Johnsen seinen Vortrag in der Hauptkirche vor 1.500 Zuhörern. „Wiederum wies der Herr Landesbischof, der selbst alter Nationalsozialist ist, nach, dass Deutschtum und Christentum keine unüberbrückbaren Gegensätze sind, sondern engverbunden, wie an der deutschen Geschichte und der deutschen Kunst ersichtlich. „Die ev.- luth. Kirche will nicht neben, sondern im Staat stehen, im Staate Adolf Hitlers.“ In den Wolfenbüttler Gemeindeblättern Juni und Juli 1935 wurde seitenlang über den Inhalt beider Vorträge berichtet. Johnsen verteidigte das Modell des geordneten Nebeneinander gegenüber den Versuchen jener säkularen Nationalsozialisten, die die christliche Kirche aus der Gesellschaft des nationalsozialistischen Deutschland herauszudrängen wollten.

Die Agitation der Deutschen Glaubensbewegung blieb nicht wirkungslos: 1937 – 1939 traten jährlich ca 4.500 Gemeindemitglieder aus der Landeskirche aus, in Wolfenbüttel in den Jahren 1937-1940 1.014 Gemeindemitglieder.

Mit dem zweiten Weltkrieg unterwarf sich die Kirche wie schon im ersten erst jubelnd dann stillschweigend dem Dogma vom Siegen, der mit der Person Hitlers untrennbar verbunden war.
Bis zum bitteren Ende hielt diese für uns heute kaum vorstellbare, von Illusionen an den Endsieg genährte Bindung an Person und Werk Hitlers an.
Am Jahresende (Silvester 1944) schrieb Pastor Besser in die Kirchenchronik von Trinitatis folgenden Stimmungsbericht: „Ein Lichtschein am Himmel der militärischen Ereignisse hat sich zum Feste gezeigt, da, für unsere Gegner im Westen ganz überraschend eine kraftvolle deutsche Offensive eingesetzt hat, durch die die Stadt Aachen wieder befreit worden ist, und im bisher nicht aufzuhaltendem Vormarsch ins belgische Gebiet weitergeht. Die Nachrichten des OKW sind aus bestimmten Gründen noch zurückhaltend. Die Überraschung, ja Bestürzung in England und Amerika sind naturgemäß groß. Nun ist der schwere Druck, der auf dem deutschen Volke lag, etwas gelinder geworden. Wir wissen, dass auch das neue Jahr 1945 noch ein Jahr des Krieges sein wird. Nach den schweren Rückschlägen dürfen wir aber nun wieder die Hoffnung haben, dass das neue Jahr auch neue Wendungen bringen wird... Wir wollen auch im neuen Jahr unsere Pflicht tun im totalen Kriege - Männer, Frauen, Jünglinge und junge Mädchen im Kriegseinsatz – und uns der Hand Gottes befehlen“ (S.198).

Die vierte Säkularisierungswelle
Nach 1945 wurde der Nationalsozialismus einseitig als ein dämonisches, säkulares Unrechtssystem interpretiert, dem die Kirche wiederum ein Programm der Re-christianisierung entgegensetzen wollte.
Dazu bot sich als Mithelfer wieder eine christliche Partei an, die CDU. Frühes Mitglied der CDU und später zweimal zum Bürgermeister gewählt wurde der Pfarrer an Johanniskirche Ernst August Schütze. Stellvertretender Landrat in den 50ßiger Jahren war das VCDU Mitglied und Pfarrer in Bad Harzburg Schulz. Sein Sohn wurde kürzlich als Pfarrer der Johanniskirche verabschiedet.
Kirche wurde wie schon nach 1933 wieder chic und gefragt.
Die Anzahl der Taufen, die die Pfarrer Johannes Leistikow und Otto Schrader an der Hauptkirche zu bewältigen hatten, stiegen ins Unübersichtliche: häufig fanden an einem Tag 4, 5, 6 Taufen statt, am 5. Juni 1949 sogar 13 Taufen, am 17. April 14 Taufen. Es ist mir unvorstellbar, wie diese Taufgottesdienste gottesdienstlich sinnvoll gefeiert und vorbereitet wurden. (Das ist kein Einzelfall: 1957 fanden in Trinitatis zu Weihnachten 4, am 3. Advent 5, am 6. Oktober 6, am 21. April elf und am 9. Juni wiederum elf Taufen statt.)
Ebenso stand es mit den Konfirmationen. (am 28. März 1954 wurden in Trinitatis 200 Konfirmanden in einem Gottesdienst konfirmiert, 1956 205 Konfirmanden, 1957: 194, 1959: 167 Konfirmanden und Konfirmandinnen. Das ist ein volkskirchliche Situation, in die sich heute kein Pfarrer, keine Pfarrerin zurücksehnt. Wen will man in diesem Gewimmel noch seelsorgerlich ansprechen? Aber die Erinnerungen an jene Zeit sind ungebrochen schön.)
Trotz dieser imponierenden Zahlen beschlich die Kirche ein banges Gefühl. Als typischen Text für jene Zeit Ende der 50iger Jahre habe ich die Urkunde ausgesucht, die der Kirchenvorstand der Martin Luthergemeinde in monatelanger Arbeit unter Leitung seines Pfarrer Hermann Wicke formuliert hatte. Sie beschreibt das Lebensgefühl jener Zeit. Die Urkunde lautet:.

„Die Kirchengemeinde St, Trinitatis baute dieses Haus im Jahre 1961
als die erste interplanetarische Rakete von Menschenhand zur Venus geschickt wurde, als der erste Mensch in 103 Minuten um die Erde flog, als man den Atlantik in sechs Stunden überqueren konnte, als in Deutschland jährlich 1,75 Millionen Autos produziert und verkauft werden konnten –

sie baute dieses Haus zu einer Zeit überquellenden Wohlstandes, als es in Deutschland keine Arbeitslosen gab und jährlich ein Brutto-Sozialprodukt von 2375 Milliarden DM erarbeitet wurde, als jede zweite Familie einen Fernsehapparat besaß und jede vierte einen Waschautomaten –

sie baute dieses Haus zu einer Zeit politischer Not und Hilflosigkeit, als Deutschland seit sechzehn Jahren zweigeteilt war, als die Welt unter dem Druck des atomaren Kriegsrüstens zitterte, als im Kongo der weiße Mann den schwarzen in sein Unglück laufen ließ und als in der Welt an jedem Tag tausende von Menschen verhungerten –

sie baute dieses Haus zu einer Zeit triumphierenden Unglaubens, als viele Christen sich auf das Zahlen ihrer Kirchensteuer beschränkten, als Pfarrer anfingen, daran zu verzagen, dass das Wort Gottes im technischen Zeitalter noch verständlich gemacht werden könnte, und als Kirchenleitungen bürokratischer Erstarrung verfielen und in ihrem Amt ermüdeten –

Sie baute dieses Haus als Zeichen ihrer Armut und ihres Reichtums. Sie baute dieses Haus unter der Jahreslosung „Herr, lehre uns beten“ als die Bittenden, die alles von Gott erwarten, als Glaubende, die ihrem HERRN alles zutrauen, als Hoffende, die allen Kleinglauben hinter sich lassen, als Liebende, die alles zur Ehre GOTTes und zum Segen der Gemeinde tun.“

Der Kirchenvorstand formulierte das Erstaunen über den wachsenden Wohlstand, die Verunsicherung über die technische Entwicklung, die berechtigte Angst vor dem Wettrüsten im Kalten Krieg, das Erschrecken über die Lage in Afrika und sein Bedauern über die resignative Situation in der Landeskirche und fügte hinzu:
„Diese Urkunde, vom Kirchenvorstand in monatelanger Arbeit zusammengestellt, fand nicht die Billigung des Landeskirchenamtes und musste aus diesem Grunde fallen gelassen werden“.

Die Landeskirche erhoffte sich eine Wende durch den 5. Bischof Gerhard Heintze, der zügig ein erhebliches Reformwerk in Gang setzte, den Frauen den Zugang zum geistlichen Amt ermöglichte, und mit seinen Mitarbeitern im Landeskirchenamt, den Oberlandeskirchenräten Kaulitz und Bluhm, eine neue Verfassung, Propstei- und Kirchengemeindeordnung erarbeitete. Es war die Zeit des 2. Vatikanische Konzils von Papst Johannes XXIII, und Heintze öffnete die Landeskirche weit diesem Reformkatholizismus, der das krasse Gegenteil zum heutigen Papst darstellt. Zum ersten Mal besuchte am 17. März 1972 ein Kardinal in Wolfenbüttel den evangelischen Landesbischof. Kardinal Willebrands erläuterte den Pfarrern der Landeskirche in der Herzog August Bibliothek die kirchliche Lage und die ökumenischen Aussichten jener Zeit. Das war ein historischer Einschnitt in der Geschichte der Landeskirche und der Wolfenbüttler evangelischen Kirchen. Ein weiteres erfreuliches Highlight, das nicht vergessen werden sollte.

Die fünfte Säkularisierungswelle
Als sich in den 70iger Jahren 1970-1975 die Austrittsziffer auf ca. 4.300 erhöhte, bat die Kirchenleitung die Pfarrer, den Gründen für den Kirchenaustritt nachzugehen. Der Pfarrer aus Linden, Alexander Knackstedt, schrieb dazu an das Landeskirchenamt: Die Leute wären gerne bereit für die Kirche und ihre Dienste zu spenden, aber sie wollten sich nicht in der bisherigen Weise veranlagen und die Steuern abziehen lassen. Die Kirche wäre in ihrer derzeitigen Struktur belanglos und unwesentlich „die Kirche ist ihnen gleichgültig geworden, weil sie den Sinn und den Nutzen dieser Institution nicht einsehen können. Sie erwarten von einer Kirche der Gegenwart, dass sie Wegbegleiterin ist, was sie nur sein kann, wenn sie mit der Entwicklung dieser modernen Gesellschaft Schritt hält und nicht beginnt, exklusiv zu werden und sich einzuigeln“. Ich halte diese Sicht auch heute für stichhaltig.

Der sechste Säkularisierungsschub
In den letzten 30 Jahren erlebte Wolfenbüttel – und auch die Landeskirche - einen deutlichen Wandel ihrer Gemeindegrößen.
In der Stadt Wolfenbüttel sank der prozentuale Anteil der evangelischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung von 60,4 Prozent 1975 kontinuierlich auf 46,1 % im Jahr 2007. Der Anteil der Konfessionslosen stieg im gleichen Zeitraum von 26 auf 39 Prozent.
Der Mitgliederschwund verteilt sich auf die Wolfenbüttler Kirchengemeinden dermaßen, dass ihre Mitgliederzahlen fast halbiert wurden: Martin Luther Gemeinde von 4.400 (1976) auf 2.102 (2007), Thomasgemeinde von 10.000 auf 4.491, Johannisgemeinde von 6.500 auf 3.251, Versöhnungsgemeinde von 4.600 auf 2.029, insgesamt von 36.645 auf 18.078 Gemeindemitglieder.
Diese Säkularisierungswelle macht sich in den letzten Jahrzehnten in der Anzahl der Taufen und Trauungen bemerkbar.
In allen Wolfenbüttler Kirchengemeinden sank die Zahl der Taufen und Trauungen, auch die der Beerdigungen, beträchtlich, z.B. zwischen 1981 und 2002 in Thomas von 39 auf 26 Taufen, von 5 auf 2 Trauungen, von 72 auf 54 Bestattungen, aber die Zahl der Abendmahlsgäste nahm von 1.200 auf 2.800 zu.
In Johannis, der klassischen Traukirche, nahm die Anzahl der Trauungen im gleichen Zeitraum von 25 auf 15 ab.
Das ist keine Wolfenbüttler Besonderheit sondern entspricht dem Trend in der Landeskirche, in der zwischen 1975 und 2006 die Mitgliederzahlen von 580.000 auf 405.931 gesunken sind, die Taufen von 4.600 auf 3.400, die Trauungen von 2.200 auf 917.
Da mehr als die Hälfte der Wolfenbüttler nicht mehr der evangelischen Kirche angehören, ist es auch nicht mehr üblich und zu erwarten, dass beide Elternteile selbstverständlich evangelisch sind.
1999, 2000 und 2001 übertrafen die Taufen mit einem nichtkirchlichen Elternteil in Johannis jene, wo beide Elternteile evangelisch waren, teilweise sogar erheblich. 1999 war das Verhältnis 28/25, 2000 32/22, 2001 25/23.
Es kommt sogar vor, dass beide Elternteile nicht der Kirche angehören und trotzdem die Taufe ihres Kindes begehren. In Johannis war das seit 1995 bei 23 Taufen der Fall, in Trinitatis bei zehn Taufen, in Thomas bei 22 Taufen.

Die Eltern haben die Kirche als Kirchensteuergemeinschaft verlassen, suchen aber die Kirche als Glaubensgemeinschaft. Das ist ein interessanter Vorgang, aus dem endlich die Folgen gezogen werden sollten. Es ist in der Tat ein abstoßender Gedanken, dass die Taufe heutzutage immer noch den Täufling zugleich in die Kirchensteuergemeinschaft vereinnahmt, obwohl das Sakrament der Taufe ein reines Glaubensakt ist. Seit 15 Jahren wird das Modell einer abgestuften Kirchenmitgliedschaft diskutiert, für das endlich ein rechtlicher Rahmen gefunden werden sollte.
Dieser Vorgang ist übrigens nicht neu. Schon im sog., Dritten Reich gab es Taufen, in denen ein Elternteil als „gottgläubig“ firmierte, das war die verschämte Bezeichnung für die Beendigung der Kirchensteuergemeinschaft.

Historia magistra? Kann man aus der Geschichte lernen? Sehr viel!
Die Landeskirche könnte den Kreislauf von resignativer Krisenanalyse und der Illusion auf Re- Christianisierung dem gegenwärtigen Papst überlassen und sich auf die Weiterentwicklung lebendiger, kritischer, selbständiger Gemeinden konzentrieren.
Sie könnte die Verteufelung der Säkularisierung beenden und diese als eine tragende gesellschaftliche Größe mit eigenen Wertvorstellungen und Lebensstilen anerkennen.
Sie könnte ihr Gesicht als Volkskirche abschminken und sich im Wettbewerb mit anderen Wertvorstellungen und Lebensstilen ein neues, überzeugendes, werbendes, weltoffenes, ökumenisches Profil zulegen.
Das ist eine lohnende Perspektive für die evangelischen Kirchen in Wolfenbüttel im 21. Jahrhundert.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/vortrag/Wolfenbuettel.htm, Stand: November 2008, dk

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