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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

(Download des Textes als pdf hier)


Die Anfänge der St. Georg-Gemeinde und unsere Verantwortung in der Gegenwart

Vortrag am 14. 8. 2009 in der St. Georg Gemeinde, Braunschweig
von Dietrich Kuessner



Liebe Schwestern und Brüder an St. Georg,
unten in der Stadt zeigen sie die Schätze von Otto IV., wir wollen uns heute Abend für gut eine Stunde die Schätze von St. Georg ansehen. Der Unterschied ist: die Schätze von Otto IV. werden im November wieder abgeräumt, die Schätze von St. Georg hingegen bleiben.
Ich möchte Euch zum festlichen Anlass des 70-jährigen Bestehens drei Schätze zeigen, die diese Gemeinde besitzt:
den Erfahrungsschatz, den diese Gemeinde in drei verschiedenen Kirchenräumen erlebt hat,
den Gebetsschatz, nämlich wie kraftvoll und zeitgemäß´ in diesen Räumen gebetet worden ist,
einen Beispielschatz,
alle drei sind Schätze eines Glaubens, der in dieser Gemeinde lebendig war.


I
Schätze sind in der Regel etwas einzigartiges. Einzigartig ist unter den Braunschweiger Hauptkirchengemeinden, dass St. Georg intensive Gottesdiensterfahrungen in drei völlig unterschiedlichen Kirchenräumen hat.
In der Vereinsbaracke des Kleinkaliberschützenvereins Dowesee war es 1934 - 1937 etwas umständlich. Der Altar musste erst jeweils aufgestellt und von Frau Möhle, der Kirchenvögtin, und ihrem Mann hergerichtet werden, und die Schützentrophäen konnten und durften auch nicht alle abgehängt werden, aber man war dicht beieinander, eine hörte den andern singen, und Pfarrer Wilhelm Baeck war auch gut zu verstehen. Vom Gottesdienst drang etwas nach draußen. Und festlich war es auch. Zum Erntedankfest war der Altar üppig geschmückt, und die Fahne der Frauenhilfe ist auch auf einem Foto zu sehen.
Was fehlte an einer "richtigen Kirche"? Nichts, gar nichts, im Gegenteil: die Bewohner des Siegfriedviertels konnten merken: die Kirche kommt zu uns mit ihrem Singen und Beten.
Ein Erfahrungsschatz, den die großen Innenstadtgemeinden nicht haben.
Das größte Fest in dieser Barackenkirche war, als der junge, 31 jährige Pfarrer Erwin Bosse, Nachfolger von Baeck, 1936 als Pfarrer der St. Georggemeinde eingeführt wurde.
Das war vor mehr als 70 Jahren: die unschätzbare Erfahrung, dass sich die Kirche auch klein, sehr klein machen kann, und dass die Gemeinde daran keinen Schaden nimmt. Wer diese Erfahrung der Großmütter und Großväter dieser Gemeinde nicht als Defizit betrachtet, sondern als einen Schatz, der hat es in der gegenwärtigen Entwicklung unserer Landeskirche einfacher.

Nach der Grundsteinlegung am 20. September 1936 und dem Richtfest am 8. April 1937 waren die Keller und Gemeinderäume ab Weihnachten provisorisch bezugsfertig. Das war immer noch nicht der Raum, den sich die Gemeinde für ihren Gottesdienst wünschte, aber es war was Eigenes. Man war nicht mehr zur Miete und bei Leuten, die im Grunde mit Gottesdienst wohl nicht viel am Hut hatten. Wer sich im provisorischen Untergeschoss traf, der gehörte und wollte zu St. Georg. Das Provisorische, Unterirdische aber konnte einen an jene Zeiten erinnern, als die Christen in Rom ganz früher auch noch keine Kirchen hatten und unter der Erde sozusagen ihre Gottesdienste feierten.

Der Kirchbau war 1934 vom Stadtkirchentag für 700 Plätze in Auftrag gegeben worden, als die Braunschweiger in die Kirche nur so hineinströmten. Das war sehr ungewöhnlich. Viele holten sogar ihre Taufen und Konfirmationen nach.
Im Siegfriedviertel lebten 1934: 4.524 Evangelische, 2.344 Dissidenten, 340 Katholiken, 151 Reformierte, 246 Verschiedene und ein Jude. Das bedeutete ein überproportional hoher Anteil an Dissidenten. Kreispfarrer Wagner schrieb 1934 dazu:
"Durch die allmählich einsetzende Rücktrittsbewegung der Dissidenten wäre eine intensive seelsorgerliche Betreuung dringend notwendig."

Aber der Wind hatte sich bis zur Einweihung am 19. April 1939 gedreht. Das Schlagwort von der "Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens" wurde populär, die Freidenker von früher meldeten sich unter der neuen Konfessionsbezeichnung "gottgläubig" zu Worte und trommelten als "Deutsche Glaubensbewegung" unter der Augen der nazistisch-christlichen Obrigkeit zum Kirchenaustritt. Das war zwar nicht die offizielle Kirchenpolitik der Hitlerregierung, aber es irritierte die Kirche, die immer noch darauf hoffte, unter der nationalsozialistischen Regierung Deutschland zu einen "christlichen Volk" in einem "christlichen Staat" gestalten zu können. Es war inzwischen weiter viel gebaut worden und die Gemeindemitgliederzahl hatte sich verdoppelt.
In diesem Gegenwind konnte der Turm der St. Georgkirche als Leuchtturm in unruhiger See verstanden werden. Die erhöhte Lage der Kirche in einem vergleichsweise unbebauten Umfeld, der hohe Eingangsbereich, der treppenartig erhöhte Altar waren ein Ausdruck trotziger Selbstbehauptung. Die acht farbigen Fenster erzählten Geschichten aus dem Leben Jesu und das Himmelfahrtsmosaik sollte dem Eintretenden unausweichlich deutlich machen, wer hier angebetet und in wessen Haus er gekommen war.
Zwar betreute die Gemeindeschwester Helene Hantelmann auch Kranke und Bedürftige, aber Jesus wurde nicht mehr dort gesucht, wo er war, sondern: "Hier", hier in der Kirche, "ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht".

Pfarrer Erwin Bosse und der Vikar Ulrich Rüß wurden im Laufe des Krieges als Soldaten eingezogen, der ständige Fliegeralarm behinderte eine kontinuierliche Gemeindearbeit, schließlich wurde auch das auffällige Kirchengebäude am 20. Februar 1944 getroffen und für den Gottesdienst unbrauchbar. Man zog sich ins ebenfalls getroffene Pfarrhaus zurück, wo das Ehepaar Möhle zwei Räume für den Gottesdienst für 40 Teilnehmer hergerichtet hatte. Die Gemeinde war auf ihre Anfänge zurückgeworfen. Wie war es zu deuten, dass die Kirche trotziger Selbstbehauptung nur fünf Jahre Bestand hatte? Dass eine Gemeinde trotzdem zusammenblieb, ohne Pfarrer, ohne den üblichen Kirchenraum?


II.
Unter den Trümmern befand sich auch dieses dicke Gebetbuch aus dem Jahre 1935, das die bayrische Landeskirche herausgegeben hatte. Bleistiftstriche im Text machen darauf aufmerksam, dass dieses Gebetsbuch im Gottesdienst von St. Georg benutzt worden ist. Es sind Gebet in anschaulicher, knapper Sprache, die zum Mitglauben und Mitdenken einladen.
Ein weitere Schatz: Der Gebetsschatz dieser Kirche.
"Den Geist des Gebetes in unserer Kirche lebendig zu erhalten, alles gottesdienstliche Handeln auf den Grundton des Gebetes zu stimmen, die Gebetsschätze unserer Kirche vor der Gemeinde auszubreiten.. ist der Zweck dieses Buches", heißt es in der Einleitung von Landesbischof Meiser.

Das Eingangsgebet zu einem Anlass wie heute, in Bayern Kirchweihfest genannt, lautete so:
"Allmächtiger Gott und Vater, wir danken dir, dass du uns dieses Haus geschenkt und bis auf diesen Tag erhalten hast. Wie heilig ist diese Stätte, wo wir dein Wort hören und dich gemeinsam anbeten dürfen. Nimm auch fernerhin dieses Haus in deinen Schutz und gib, dass allezeit deine Ehre drinnen wohne. Mache uns selber zu einem Tempel, in dem du wohnest. Und führe uns einst in dein ewiges Vaterhaus, wo wir dich loben und preisen werden ohne Aufhören. Amen." (S. 376)
Das Gebet dankt für den Kirchbau als einem Geschenk Gottes, bittet, dass nicht die Ehre von Menschen, sondern Gottes Ehre dort wohnen möge, erinnert daran, dass jeder Mensch ein lebendiger Kirchbau ist und dass es noch ein ewiges Vaterhaus mit unaufhörlichem Lob bevorsteht. Den dreifachen Kirchbau: den aus Steinen, den aus Fleisch und Blut und den im Himmel - so hatte es die St. Georggemeinde erlebt.

In der Fürbitte zum Kirchweihfest heißt es dann unter anderem:
".. lass alle Kinder, die an dieser Stätte die heilige Taufe empfangen, zu deiner Ehre aufwachsen. Nimm unser Volk und seine Obrigkeit in Obhut, stehe unserem Führer bei mit deinem ewigen Rat. Gieße deinen Geist über unsere Kirche aus.." (S. 130)
Dass für die Regierung gebetet wurde, sollte einen nicht stören.
Das Gebet für die Obrigkeit, gleichgültig ob der Kirche zugewandt oder feindselig gesonnen, gehörte seit Jahrhunderten zu den sonntäglichen Gebetsanliegen der Kirche.
So heißt es also in diesem Gebetsbuch
"Segne, die zu seiner Führung berufen sind.." (S. 7) ",verleihe aller christliche Obrigkeit deinen Geist der Weisheit, Gerechtigkeit und Stärke.." (S. 15)

Es blieb aber nicht bei der allgemeinen Bezeichnung "Obrigkeit", sondern Hitler wurde bei seiner speziell auf ihn zugeschnittenen neuen Amtsbezeichnung "Führer" benannt.
Daher wirkt es aus heutiger Sicht befremdlich, in einem Atemzug von Taufe, Führer, Ausgießung des Geistes Gottes zu hören.
Während des gesamten Kirchenjahres wurde in dem Allgemeinen Fürbittgebet auch für Hitler gebetet:

Zum Jahresanfang:
"Lasst uns bitten für unsere Kirche, dass sie auch im neuen Jahre bei deiner reinen Lehre bleibe; für unser Volk und seinen Führer, dass Gott mit seinem Segen über ihm in Gnaden walte. Lasset uns beten für unsere Häuser.." (S. 33)

Epiphaniasfest
" Nimm unser Vaterland und seinen Führer in deinen gnädigen Schutz. Überwinde in unserm Volke die Mächte der Finsternis und stärke ihm den Glauben. Heilige das eheliche Leben in allen Ständen.." (S. 45)

Passionszeit ( S. 57 ff)
"Breite das Evangelium von dem Gekreuzigten und Auferstandenen immer mehr aus unter den Völkern, dass dein Heil offenbar werde bis an der Welt Ende.
Verleihe dem Führer unseres Volkes und aller weltlichen Obrigkeit die Gnade, nach deinem Willen zu regieren, auf dass die Gerechtigkeit gefördert, das Übel aber verhindert werde und wir in gutem Frieden unser Leben führen mögen." ( S. 63)

Ostern
"Schenke deinen Osterfrieden aller Welt, auch unserm Volk und Land. Sei mit dem Führer (durchgestrichen) unseres Volkes und aller Obrigkeit. Regiere du in unserm Häusern und Schulen.." ( S. 100)

Ich halte es für billig, an diesen Gebeten herumzumäkeln. So haben die frommen Väter und Großväter der Kirche gebetet. Für verantwortungslos halte ich es viel mehr, dieses Buch in die hintere Reihe zu stellen und so zu tun, als ob die Kirche so nicht gebetet hätte, als ob sie "im Widerstand" gewesen wäre und gegen Hitler gebetet hätte. Sie hat für ihn gebetet.
Was Gott dann hört und erhört, ist seine Sache.

Dass Gott derlei Gebete seiner Kirche nicht erhört hat, wird an folgendem Gebet deutlich

Am Geburtstag des Führers und am Jahrestag seiner Machtübernahme
"Herr, unser Gott. Am heutigen Tage gedenken wir in besonderer Weise des Führers und Kanzlers unseres Volkes.. Du hast ihn mit deiner Barmherzigkeit bis hierher geleitet und sein Wirken mit Erfolg gesegnet. Du hast unter seiner Führung unser Vaterland wider alle Fährlichkeit beschirmet und vor allem Übel behütet und bewahrtet. Herr, dafür danken wir dir heute von ganzem Herzen. Wir bitten dich: begnade ihn auch fernerhin mit deinem heiligen Geist, dass er seines schweren Amtes in Segen walten möge. Gib ihm rechten Rat und rechte Tat zur rechten Zeit. Lass unter seinem starken Arm unserem ganzen Lande deine Gnadensonne scheinen, auf dass allenhalben unter uns dein Name geheiligt werde, dein Reich komme und dein Wille geschehe, dir zu Lob und Preis, unserem Volk zum zeitlichen und ewigen Heil. Amen. (S. 285)

Diese fortdauernden Gebete für den "Führer" banden nicht nur die Pfarrer, sondern auch die Gemeindemitglieder innerlich und geistlich an Hitler.
Heutzutage wirkt es grotesk, in Hitler - wie es in anderen Gebeten hieß - "des Volkes Erzieher und Vorbild" zu sehen und dass ausgerechnet Hitler Ordnung und Zucht erhalten, Frieden und Versöhnung fördern möge. Aber dieses Hitlerbild bestimmte den Alltag von Kirche und Gesellschaft im Nationalsozialismus.

Gott hat dieses Gebet verworfen und Hitler in seiner Verstockung seinem mörderischen und selbstmörderischen Trieb überlassen.

Und worin besteht der Kirchenschatz? Weil es von der Frömmigkeit der Kirche vor uns zeugt, und weil wir uns selber angesichts dieses Schatzes fragen, ob und wann wir beten und wie wir heute die Verstrickungen und Verwerfungen von Staat und Wirtschaft in das globale Unrecht vor Gott legen.


III
Der dritte Kirchenschatz:
hat ein Gesicht, eine Berlinern, 22 Jahre alt, die im Mai 1942 in St. Georg als Gemeindehelferin angestellt wurde. Sie hatte ihr Handwerk im Burckhardthaus, einer soliden evangelischen Ausbildungsstätte in Berlin gelernt. In St. Georg machte sie Jugendarbeit, Hausbesuche und auch etwas Büroarbeit, ab Sommer 1943 auch die Frauenarbeit, die Bibelstunde und den ganze Konfirmandenunterricht übertragen. Mit 23 Jahren. Sie nahm die zehn Gebnote durch. Von den 120 Konfirmanden waren 60 gekommen, die anderen waren teils weggeblieben, teils bereits evakuiert. Sie nahm auch die Erklärungen von Martin Luther vor, wo es am Schluss der Gebote heißt: "Gott dräuet zu strafen alle, die diese Gebote übertreten. Darum sollen wir uns fürchten vor seinem Zorn und nicht wider solche Gebote tun." Auch der Krieg könnte, so die Gemeindehelferin, als ein Gericht für die Sünden der Menschen verstanden werden, auch "die Bomben auf Braunschweig."
Eine Konfirmandin erzählt das zu Hause, und der Vater, ein V Mann der Gestapo, macht Meldung. Er wird vom Gestapochef Macke vernommen, aber das mit den Bomben, das wolle er nicht gehört und gesagt haben. Damit könnte der Fall erledigt sein, aber Macke wittert ein schwaches, einfaches Opfer, lädt die junge, fromme, in Rechtssachen unbeholfene Gemeindehelferin zum Verhör vor. Sie berät sich vorher mit Frl. v. Hoerschelmann, die für die weibliche Jugendarbeit in der Landeskirche zuständig ist und mit dem nunmehr zuständigen Vertretungspfarrer, die es versäumen, ihr zu sagen, dass sie auf keinen Fall etwas sagen soll, sondern die Sache einem Rechtsanwalt übergeben soll. "Das kannst Du ruhig sagen, das ist nicht schlimm, und das sagen andere ja auch." So ungefähr wird der gute Rat gewesen sein. Kommissar Macke, der die juristisch anfechtbaren Formulierungen aus dem ff kennt, legt der Gemeindehelferin die Aussagen so in den Mund, dass sie nichts Böses ahnt. Sie wird von Macke noch ermuntert, es so zu wiederholen, wie er es ihr vorsagt, dann werde nichts passieren. Ingeborg Klünder, denkt, sie kann dann gehen, als sie alles gesagt hat, aber Macke behält sie in der Zelle des Amtsgerichts, für eine Nacht, wie er ihr vorlügt. "Ich hoffte ja immer noch, ich käme am nächsten Tag wieder heraus und nahm die ganze Angelegenheit sehr gelassen, ja sogar etwas humoristisch hin," schriebt sie später. Am nächsten Tag wurde sie dem Haftrichter vorgeführt, der die Untersuchungshaft im Rennelberg anordnete. Nun erst nahm Rechtsanwalt Kahn die Sache in die Hand, sorgte für Besuchserlaubnisse für die Eltern.
Propst Leistikow, der Gemeindepfarrer Bosse, Frl. v. Hoerschelmann und die anderen Gemeindehelferinnen bestellten Grüße und haben wohl auch geschrieben. "Es war sicher das größte Erleben während meiner Gefangenschaft, dass ich es spüren durfte, es wird für dich gebetet und ganz besonders in den schweren Tagen vor meinem Termin. Es war, als wenn eine Wolke von Betern mich umschloss, sodass ich einfach keine Angst hatte, so seltsam es auch klingen mag." Die Gemeindehelferin von St. Georg wußte immer noch nicht, wessen sie beschuldigt wurde. Die Nazijustiz hat da viele Möglichkeiten; z.B. Heimtücke, oder Wehrkraftzersetzung. Das ist nicht einerlei. Der Gestapochef Macke wollte auf jeden Fall vermeiden, dass der Fall in Braunschweig bleibt, wo Kirchenleute eher freigesprochen wurden. Dies ist die Zeit, wo das Landeskirchenamt tätig werden müsste, ihr Interesse bei der Gestapo an diesem "Fall" dokumentieren und Zeugen anbieten müßte. Die Oberlandeskircheräte Röpke und Dr. Breust schwiegen und blieben ihrer nationalsozialistischen Linie treu. Unterlassene Hilfeleistung im Straßenverkehr ist strafbar, in der Kirchenbehörde wird es als kluge Kirchenpolitik ausgelegt, "um dem Ganzen nicht zu schaden".
"Die hätte etwas vorsichtiger sein können", also: "selber schuld", sie stört das Verhältnis Kirche - Staat.
Erst nach einem halben Jahr im Juni 1944 erfährt Ingeborg Klünder die Anklage, die auf Wehrkraftzersetzung lautet, sie wird nach Berlin verbracht, dort wird Kahn als Verteidiger nicht zugelassen, nun geht die Suche nach einem theologisch versierten Verteidiger los, die Pflichtverteidigerin lehnt sie ab, schließlich besorgte ihr vermutlich das Burckhardthaus den Verteidiger Dr. Dix. Am 14. Juni 1944 fand die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof statt, der bereits in einer Aula tagen musste. Der Reichanwalt beantragte 4 Jahre Zuchthaus und 4 Jahre Ehrverlust. Das war eine vergleichsweise milde Strafe. Tatsächlich hat das Gericht nichts weiter in der Hand als das Geständnis und die Zeugenaussage der Konfirmandin, des Vaters und von Kommissar Macke. Die Direktor des Burckhardthauses Dr. Herntrich und Frl. Haedke vom kirchlichen Mädchenwerk der Stadt Braunschweig werden nicht als Zeugen aufgerufen. Vom Landeskirchenamt erscheint keiner, eine bleibende Schande für diese Behörde. Der Verteidiger hielt eine hochstehende Verteidigungsrede. Die Redewendung vom Krieg als Gericht Gottes wäre in der deutschen Geschichte in Kriegszeiten oft vorgekommen, sogar von der Königin Luise, er beantragte Freispruch. Das wäre vielleicht erfolgreich gewesen, wenn die Gemeindehelferin die Umstände geschildert hätte, unter denen ihr Geständnis zustande gekommen wäre. Der Rechtsanwalt rät ihr auch, die Aussage zu revidieren. Nun aber beharrt sie bei ihrer Überzeugung, dass der Krieg und der Bombenkrieg ein Gericht Gottes wäre. Jedem Pfarrer der damaligen Zeit hätte eine solche Predigt zur Ehre gereicht, jede Kirchenleitung hätte mit einer derart formulierten Kanzelabkündigung das blanke Evangelium verkündigt, so ist diese schlichte Gemeindehelferin dem Volksgerichtshof das Evangelium nicht schuldig geblieben. Das Gericht blieb mit drei Jahren Zuchthaus unter dem Antrag des Reichsanwaltes und begründet dies mit der Unerfahrenheit der Gemeindehelferin. Im übrigen wären die eigentlich Schuldigen ja jene, die solche Mädchen unterrichteten.

Die Gemeindehelferin Ingeborg Klünder wurde ins Frauenzuchthaus in Cottbus verbracht, bei herannahender Ostfront nach Leipzig verlegt, dann nach Waldheim, wo sie am 1. Mai 1945 entlassen wurde. Schwerkrank kam sie in einem Pfarrhaus unter, im Sommer 1945 schlug sie sich nach Berlin zu ihren Eltern durch und erkrankte für sieben Jahre an schwerer TBC. Nach 1953 nahm sie ihren Gemeindedienst wieder auf. Nicht in St. Georg, nicht in der Braunschweiger Landeskirche, sondern in einer Berliner Gemeinde.

Was sehen wir an diesem Glaubensschatz: "Kreuz und Not sind des Christen Tränenbrot. Die das Zeichen Christi tragen".

Die Gemeindehelferin verweigerte die Gefolgschaft und wählte die Nachfolge. Welche Braunschweiger Kirchengemeinde hat noch solch einen Schatz, den die Gemeinde Jahr für Jahr am Tag ihres Zeugnisses, dem 14. Juni 1944, als Dank - und Bußgottesdienst begehen könnte.

Wir alle haben Anteil an diesem Kirchenschatz, wenn auch wir uns in der Kirche sagen: Niemals mehr Gefolgschaft, nur Nachfolge.
Nie mehr Gefolgschaft hinter einem Pfarrer, einer Pfarrerin, hinter einem Kirchenvorstand, hinter einem Propst oder einer Kirchenleitung. Nie, nie, nie mehr.
Aber gemeinsam in der Nachfolge, gemeinsam mit der Pfarrerin und dem Pfarrer, gemeinsam mit den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit den Konfirmanden und den Alten gemeinsam in der Nachfolge.

Ich habe Euch zu Eurem Jubiläum drei Eurer Kirchenschätze gezeigt,
einen aus Holz und Stein, der uns die Einsicht gibt: wir müssen uns wohl auch mal selbst behaupten, aber das sind nicht die starken Augenblicke, wichtiger ist: wir können uns auch ganz klein machen.
Einen aus Papier, ein Zeugnis früherer Frömmigkeit und zum Nachdenken über unser eigenes Beten angesichts verderblicher Verstrickungen heute,
und einen aus Fleisch und Blut, der uns beschämt und ermutigt: nie wieder Gefolgschaft aber fröhlich in die Nachfolge.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/vortrag/stgeorg.htm, Stand: August 2009, dk

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