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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

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Nachsicht mit einem armen Irrenden

Zum Artikel „Kirchen in Not - es fehlen Millionen“ der Braunschweiger Zeitung vom 17.07.2009
von Dietrich Kuessner



Selten habe ich einen derart miserabel recherchierten Bericht in der BZ gelesen wie den vom Freitag d. 17. Juli über die kirchlichen Finanzen unter der irreführenden Überschrift „Kirchen in Not“, nicht irgendwo im Innern sondern als Aufmacher auf Seite eins. Vielleicht ist Herr Raue gerade im Urlaub und das dritte Glied der Redaktion will mit dieser falschen Nachricht das Sommerloch füllen. Andre Dolle und Thomas Stecher plappern nur nach, was ihnen die Finanzexperten vorflüstern. Eigene Nachforschungen oder energische Nachfragen: Fehlanzeige. Peinlich, peinlich, peinlich.

Inszenator dieser Irreführung ist mal wieder unser lieber Doktor Fischer, dessen breites Gesicht dem Leser zufrieden entgegenstrahlt. Gott, man will diesem Mann ja nichts Böses. Er macht zu Weihnachten flotte Gedichte bei der Belegschaftsfeier des Landeskirchenamtes oder auch zum Abschied einer Synode. Er hat überhaupt auch sympathische Seiten. Er hat mir zum 75. Geburtstag sogar einige freundliche Blumen gestreut. Aber was zu weit geht, geht zu weit.

Das Gegenteil der Zeitungsüberschrift ist richtig: über die Gemeinden geht ein sanfter Euroregen nieder, nämlich die Anteile aus den erhöhten Kirchensteuereinnahmen von vor zwei Jahren. Die Gemeinden sind gut beraten, diese in die eiserne Reserve zurückzulegen. Das haben die Landeskirchenämter natürlich vor ein, zwei, drei Jahren auch getan. Also sie sind allesamt gut gepolstert, vor allem die vielen verschiedenen Rücklagen in Wolfenbüttel. Wenn die Überschrift also gelautet hätte: „Gut gepolstert für magere Jahre“ wäre der Leser normal informiert worden. Und das Gejammere der Finanzdezernenten, nun müsse man in die Rücklagen greifen, - ja wofür sind die denn da!!
Wenn Dolle, Stechert normal recherchiert hätten, dann hätten sie nach diesen Rücklagen gefragt. Wenn sie sich außerdem nur ein bißchen umgesehen hätten, wären sie in der Propstei Braunschweig auf allerlei teure Neuerungen gestoßen: ein neuer Eingang, ein Aufzug, alles prima, aber kein Zeichen von „Kirchen in Not“. Für mehr als 100.000 € wird der Franziskussaal von der Propstei hergerichtet. Alles aus eigener Kasse, was gar nicht geplant war. Wie also steht es mit den Rücklagen der Propstei Braunschweig? Und in den anderen Propsteien? Alles „Kirchen in Not?“. Zwergfellerschütternde Heiterkeit durchbraust die Landeskirche.

Eine hübsche Nebenquelle mancher Braunschweiger Kirchengemeinden sind die Gemeindestiftungen. Wer hat die Übersicht? Dr. Fischer? Der Finanzausschuss? Keiner. Warum nicht? Das gehöre nicht zu seinem Ressort, wird Dr. Fischer erwidern, was ich für ganz falsch halte. Es fehlt eine Gesamtübersicht über die kirchlichen Finanzen, ohne die er Behauptungen wie in der BZ nicht aufstellen sollte. Ja, Gott, er meint es ja gut. Er glaubt, dem Herrn der Kirche damit einen Dienst zu tun. Glaubt er. Andere nicht.

Der größte „Betrieb“ der Landeskirche ist die Diakonie in Riddagshausen. Wie steht es mit den Rücklagen der Diakonie? Da wird sogar der Vorsitzende des Finanzausschusses verlegen und keine Antwort wissen. Der stellvertretende Vorsitzende, Domprediger Hempel, wohl auch nicht. Bei dem dankenswerten guten Draht der BZ zum Dom hätten die Rechercheure den Artikel ja Hempel als stellv. Finanzausschussvorsitzenden zeigen können. Mitglied des Finanzausschusses ist Dr. Peter Albrecht. Der hätte eine ganze Latte von Gebäudeeinsparungen in der Propstei aufzählen können, ein erfreuliches Beispiel dafür, dass Kirchen eben nicht in Not kommen. Das Gemeindehaus von Martini, in der Studentengemeinde, das Haus der Frauenhilfe sind nur einige Beispiele. Wie sind die Erlöse verteilt worden? Es ist also sehr misslich, sich auf die Auskünfte der Kirche von oben zu verlassen. Zu diesem Thema hat gerade die Propsteisynode Braunschweig getagt und hat dem Baudezernenten des Landeskirchenamtes ziemlich abfahren lassen. Da hätte es sich gelohnt, mal in das Protokoll reinzugucken, wenn man schon das Thema anfassen muss, wozu die BZ ja nicht genötigt war.

Kurz: es ist sehr viel Geld vorhanden. Es ist breit gestreut.

Es ist gut angelegt: die Rechercheure hätten mal nachfragen sollen, wie die zahlreichen, immer älter werdenden Pfarrerinnen und Pfarrer etwa im Gegensatz zu Vater Staat den normalen kirchlichen Haushalt belasten. Während der Staat an den Pensionslasten schwer zu tragen hat, hat die Kirche vor der Zeit von Dr. Fischer hohe Reserven in eine Pensionskasse eingezahlt, was jetzt die Ausgaben ganz erheblich senkt. Fischer weiß das. Er ist Vorsitzender dieser Kasse.

Nun kombinieren die Rechercheure die Finanznot der Kirche mit einer Neugliederung der Propsteien. Das hat beides miteinander überhaupt nichts zu tun. Die Behauptung, eine Zusammenlegung würde Kosten senken, ist durch nichts bewiesen, wird auch nicht nachgefragt und wird vom Vorsitzenden des synodalen Gemeindeausschusses Harald Welge bestritten. Der wohnt in Timmerlah und wäre für die BZ leicht zu erreichen. Der ortsfremde Rechtsreferent Vollbach hatte es bereits einmal versucht und war in der Synode mit seinem Vorschlag gescheitert. Nun versucht er es aufs Neue. Fischer ist das dienstälteste Mitglied des Kollegiums und hat eine besondere Verantwortung für das Zusammenspiel im Landeskirchenamt. Tatsächlich aber macht zur Zeit jedes Referat, was es will, wie die afghanischen Provinzfürsten, was beim Vorschlag, eine niedersächsische Kirche zu bilden, offenbar wurde.

Herr Oberlandeskirchenrat Dr. Fischer wird im nächsten Sommer keine Gelegenheit mehr haben, mit solchen Nachrichten unbedarfte, gutgläubige Redakteure in die Irre zu führen. Er wird 65 und sein Nachfolger während der Novembersynode gewählt. Das heißt: Fischer steht kurz vor seiner Heiligsprechung. Bevor die Lobreden formuliert und dann wieder in der BZ erscheinen werden, sollte folgendes bedacht werden: Fischer hat mit der Baupflegestiftung Millionengelder an der Synode vorbeigelenkt und damit der Aufsicht entzogen. Fischer hat durch sein unbegründetes Misstrauen gegenüber den Kirchenvorständen die Kirchengemeinden in Finanzfragen entmündigt. Sein wiederholt eingebrachter Vorschlag, die Finanzen zu zentralisieren, ist zweimal an der Landessynode gescheitert. Fischer hat rechtslastige, fundamentalistische Kirchenpolitik betrieben. Das ist sein gutes Recht, aber dafür muss man ihn nicht auch noch loben. Es bleibt dann immer noch des Lobes manches übrig. Das dann zu gegebener Zeit.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/nachrichten/finanzen.htm, Stand: Juli 20098, dk

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