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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche


Die Braunschweigische Evangelisch-Lutherische Landeskirche
und der Nationalsozialismus

Ein Referat vom 11. März 1980 im Städtischen Museum in Braunschweig
von Dietrich Kuessner

(Download des gesamten Textes als pdf hier)



Teil 5: Die Bilanz des Konzeptes der Öffnung

Die braunschweigische Landeskirche hat von der Konzeption des vertrauensvollen Nebeneinanders durchaus profitiert:
In der nationalsozialistischen Zeit gelingt es der Landeskirche den Kirchbau wieder anzukurbeln. Während in den 20iger Jahren keine einzige Kirche errichtet wurde, werden von September 1934 bis zum Erntedank 1940 allein 5 Kirchen gebaut. In Wolfenbüttel wird 1936 ein neues Predigerseminar bezogen, in Räbke wird ein Jugendheim eröffnet, mehrere Pfarrhäuser werden gebaut, eine Vielzahl von Dorfkirchen überholt und festlich eingeweiht.
Auch die Personallage bessert sich. Bischof Johnsen kann 1935 - 37 allein sieben Diakonstellen neu einrichten und auch besetzen. Die Anzahl der Pfarrstellen wird vermehrt. Braunschweig erlebt 1933 einen Zuzug von auswärtigen Pfarrern und die Zahl der jungen Pfarrer steigt.
Diese Verbesserung der Personalsituation ist nur möglich, weil der Landeskirche im Dritten Reich kontinuierlich mehr Reichsmark im Haushalt zur Verfügung stehen. Das Steueraufkommen steigt beständig: 1933 RM 776.000,--, 1936 RM 847.000,--, 1939 RM 1,3 Mio., 1942 RM 1,6 Mio. 61)
Das Staatsministerium zahlt bis 1939 über RM 300.000,-- an Zuschüssen, zu denen es rechtlich verpflichtet ist. 62) In Sachen "kirchlicher Finanzverpflichtung" gibt sich der nationalsozialistische Staat als Rechtsstaat.
Das Landeskirchenamt vermeidet verständlicherweise jeden Anlaß, sich diese überaus günstige Situation durch unnötigen Widerstand zu verderben.
Aber auch sonst wird das volkskirchliche Gemeindeleben nicht entscheidend gestört. Die Anzahl der Konfirmanden, Täuflinge und kirchlichen Bestattungen bleibt im wesentlichen konstant. Es gibt Missionsfeste, Kreisverbandstreffen der Frauenhilfe, Goldene Konfirmation. Die Anzahl der kirchlichen Trauungen reduziert sich allerdings auf die Hälfte. Die überwältigende Mehrheit der Gemeindeglieder will von ihrem Pfarrer wie bisher auf Wunsch zu besonderen Anlässen bedient und versorgt und nicht etwa in den Widerstand geführt werden. Diese Art der Volkskirche nimmt im Dritten Reich keinen Schaden. Die Volkszählungen von 1933 und 1939 ergeben sogar einen geringen Mitgliederzuwachs von 450.000 Mitglieder auf 459.000 Mitglieder (rund gerechnet).
Die günstige gesamtkirchliche Lage, die wesentlich durch den Anpassungskurs verursacht ist, fordert auch ihre Opfer. Wer mit dieser Obrigkeit auffallend und anhaltend in Konflikt kommt, wird auch von seiner Kirche fallengelassen. Dafür erwähne ich folgende 5 Beispiele:
1935 stehen an den Braunschweiger Dorfeingängen Schilder u. a. mit der Aufschrift: "Juden betreten den Ort auf eigene Gefahr." Der 37jährige Pfarrer Althaus in Timmerlah wendet sich im Konfirmandenunterricht gegen diese Schilder. Er verwendet auch nicht im Unterricht, wie von der Landeskirche vorgeschrieben, den Hitlergruß. Althaus wird angezeigt, für zwei Monate ins Untersuchungsgefängnis gesperrt und am 6. 2. 1936 wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz vom Braunschweiger Sondergericht zu 6 Monaten Haft verurteilt. 6 Tage später beschließt die Kirchenregierung ein Dienststrafverfahren gegen Althaus und schickt ihm ins Gefängnis den Bescheid, daß er vorläufig des Amtes enthoben sei. Nach seiner Entlassung erhält Althaus vom kirchlichen Dienstgericht einen Verweis mit der Begründung, er habe sein Amt und seine Pflicht als Lehrer, Pastor und Deutscher verletzt. Inhaltlich stimmen Sondergericht und Kirchengericht überein. 63) Einen Tag nach der sogen. 'Reichskristallnacht', dem 10. November, bekommt Pfarrer Goetze von der braunschweiger Paulikirche einen telephonischen Anruf von Oberkirchenrat Dr. Breust, daß er beurlaubt sei. Auch Pfarrer Niemann, Mitglied der Kirchenregierung bis 1933, verdienter langjähriger Geschäftsführer der Landesfrauenhilfe, wird am 10, 11. 1938 beurlaubt. Beide haben jüdische Elternteile. Goetze erhält von Oberlandeskirchenrat Röpke, der seit 1934 im Amt ist, am 24. 2. 1941 ein Schreiben, das Wohl der Gesamtkirche erfordere, daß er künftig nicht mehr ein öffentliches Pfarramt der Braunschweigischen Landeskirche bekleiden könne. 64) Goetze verläßt die Landeskirche. Ist Braunschweig auf dem Weg zu einer judenfreien Landeskirche? Und worin unterscheidet sich dieses Kirchenverständnis vom arischen Jesusbild des Ministerpräsidenten Klagges?
Am 11. Okt. 1938 wird der 44jährige Pfarrer Buttler aus Alvesse verhaftet.
Ein Parteigenosse hat sich geärgert, daß er seine Hühner nicht in der Nähe des Kirchhofes laufen lassen darf. Buttler, vom Sondergericht in Braunschweig freigesprochen, wird von der Gestapo ins Konzentrationslager Sachsenhausen, dann Flossenbürg und ab 1942 nach Dachau gebracht. Die Kirchenregierung beschließt ein Dienstverfahren vor dem kirchlichen Dienstgericht. Die Vertretung der Anklage hat Kirchenregierungsrat Steffen. Die Kirchenregierung lehnt am 29. 3. 1940 eine Gewährung von Straffreiheit ab, "da Sie sich z.Zt. in Schutzhaft befinden". Während Buttler im KZ sitzt, wird das Dienststrafverfahren durchgeführt und Buttler mit Suspendierung und Gehaltskürzung bestraft. 65)
Bei Matthäus 25 heißt es in der Bibel: Jesus spricht: Ich bin gefangen gewesen und ihr habt mich besucht. In der braunschweiger Fassung heißt es 1940: Jesus spricht: Ich bin gefangen gewesen und ihr habt mir den Prozeß gemacht. Buttler wird am 3. April 1945 aus Dachau entlassen und trifft am 5. April 1945 in seiner Gemeinde Alvesse ein. Die Obrigkeit hat gewechselt. Die Amerikaner haben Wolfenbüttel und Braunschweig besetzt. Am 5. Mai wird mit sofortiger Wirkung die Suspendierung aufgehoben und die einbehaltenen Gehaltsbeträge zurückgezahlt.
Dieses Beispiel macht deutlich, in welche bedrückende Abhängigkeit von den staatlichen Machtverhältnissen sich die Landeskirche begeben hat.
1942 erhält der 69jährige Dompropst von Schwartz Reichsredeverbot.
Eigentlich ist das eine Auszeichnung für jeden Pfarrer im Dritten Reich. Post-wendend versetzt die Kirchenregierung jedoch v. Schwartz im Mai 1942 zum zweiten Male zwangsweise in den Ruhestand. 66)
Es gibt noch eine Reihe anderer personeller Opfer, z. B. von Gemeindehelferinnen. Um der Deutlichkeit willen füge ich hinzu: es sind zwar Opfer des Nationalsozialismus, es sind zugleich Opfer, die die koalitionswillige Landeskirche für das staatsabhängige Gesamtwohl der Kirche glaubte bringen zu müssen.
Es ist 1942 wie 1931: "Es gibt viele Fäden, die sich zwischen dem, was der Nationalsozialismus will und dem, was die Kirche will, hin und her spinnen". Es ist der Obrigkeitsbegriff, der die Kirche ins Schlepptau des Staates nimmt und in seichte, menschenunwürdige Gewässer zieht.
Diesem Gesamtwohl der Kirche hat die Kirchenleitung nicht nur personelle Opfer gebracht, sondern auch Abstriche an der Lehre hingenommen. Es erstaunt nicht, daß diese Kirchenleitung nicht dort vorgeht, wo nun wirklich Irrlehre in die Landeskirche einbricht: der eine Pfarrer hat ein Hitlerbild auf dem Altar, der andere verwendet zur Taufe nicht mehr die trinitarische Formel, an St. Katharinen in Braunschweig wird bei Liedern alles "Jüdische" vermieden, wie Zion, Jehova und Halleluja. Im Gegenteil: Oberlandeskirchenrat Dr. Breust verteilt "gereinigte" Gesangbücher der "kommenden Kirche" an einige Pfarrer.
Diese abwegigen Irrlehren werden nicht etwa mit Hilfe der Verfassung der Landeskirche bekämpft, sondern ihre Anhänger werden im ganzen Reich unter Minderheitenschutz gestellt, und es werden ihnen die Kirchen geöffnet. In Braunschweig, Goslar, Bad Harzburg, Blankenburg und gelegentlich auch Helmstedt werden die Kirchen mit Hilfe der Finanzabteilung solchen Minderheitengottesdiensten geöffnet.
Wenn in der Nachfolge Jesu die Solidarität mit den Bedrängten schlichte Christenpflicht ist, dann stellt sich die Frage: hat sich die Landeskirche der im Volksfreundehaus und in der AOK Braunschweigs im Frühjahr 1933 gefolterten Menschen und deren Familienangehörigen angenommen? Hat sie die fast 60.000 Deutschen und Ausländer in den 52 Barackenlagern der Hermann-Göring-Stadt im Blick gehabt? Und es gab im Gebiet der Landeskirche noch sehr viel mehr Lager. Darf hier an das Lager 21 erinnert werden? Und an die in Judenhäusern zusammengefaßten jüdischen Mitbürger in der Stadt Braunschweig? Wie steht es mit den etwa 50 zum Tode verurteilten Soldaten, die in Stöckheim erschossen wurden? Später wurden die Todesurteile durch die Guillotine in Wolfenbüttel vollstreckt. Und ist das letzte Wort über die Tötung geistig und körperlich Behinderter im Lande Braunschweig schon gesprochen, nachdem die Pflegeanstalt Neu-Erkerode in staatliche Hände übergegangen war?
Auf diese Fragen gibt es kein ja und nein, sondern hier wären Berichte von Beteiligten wichtig und förderlich.


Zum Teil 6: Nationalsozialismus und Landeskirche nach 1945


Anmerkungen:

  1. Landeskirchliches Amtsblatt 1935 S. 12 ff / 1937, S. 12 ff/ 1939 5. 31 ff / 1942 5. 30 ff
  2. Evangelisches Zentralarchiv Berlin B 2/62 und C 2/81
  3. Das Urteil des Sondergerichtes ist abgedruckt in "Ruf und Rüstung" 1936 S. 24 ff. Siehe auch Palmer "Material ... " a.a.0. S. 101 f
  4. Der 'Vorgang Goetze 'befindet sich im Evangelischen Zentralarchiv Berlin A 4/358 und C 2/85. Vergleiche außerdem die ausführliche Darstellung in Palmer "Material ... " S. 76 ff
  5. Ich hatte dankenswerterweise Einsicht in die bei Herrn Pfarrer Hans Martin Buttler befindlichen umfänglichen Akten über seinen Vater Hans Buttler. Siehe auch Palmer "Material ... " a.a.0. S. 100
  6. Zum 'Vorgang Dompropst v. Schwartz' siehe Evangelisches Zentralarchiv A 4/357 und die Sammlung von Lic. v. Schwartz im Landeskirchlichen Archiv Braunschweig




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/BS-LK-NS/BS-LK-NS-5.htm, Stand: Mai 2007, dk

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