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[Kirche von unten]

Die Geschichte des Braunschweiger Gesangbuches

von Dietrich Kuessner

3. Kapitel




Das Gesangbuch der Aufklärung 1780

Gründe für die Notwendigkeit der Reform
Die Liedersammlung bzw. das sog. Gesangbuch von 1698 war von Anfang an revisionsbedürftig.
Die Liedauswahl wirkte teilweise willkürlich und zufällig. Man nahm, was auf dem Markte und durchaus auch austauschbar war. Die über 250 anonymen Verfasser oft billiger Reimkunst hätten zugunsten gehaltvoller nachwachsender Literatur ausgetauscht werden und auch ohne die theologische Wende zur Aufklärung hin hätte eine gründlich Revision erfolgen müssen.
Nun wurde seit 1761 an einem neuen Gesangbuch gearbeitet, denn das alte entsprach außerdem nicht mehr dem Zeitgeschmack. Beim Dichten zählte man nicht mehr nach Silben, sondern achtete auf Hebungen und Senkungen. Der Zeitgeschmack wünschte Nüchternheit und deutsche Wendungen. Lateinische Antiphone zu den hohen Festen, das Benedictus, Magnificat und das Te Deum waren aus pädagogischen Gründen unerwünscht. Die saftige Sprache der Reformationszeit wurde eher als ordinär und der gefühlvolle Ausdruck des Pietismus als schwülstig empfunden. „Er liegt an seiner Mutter Brust/ Ihr Milch ist seine Speis/ An dem die Engel sehn ihr Lust,/ denn er ist Davids Reis“ hatte Nikolaus Herman in seinem Weihnachtslied „Lobt Gott ihr Christen allzugleich“ (86,4) gedichtet und Paul Gerhardt bat in seinem Lied „Ich steh an deiner Krippen hier“ Jesus küssen zu dürfen. „Vergönne mir, o Jesulein/ daß ich dein Mündlein küsse/ das Mündlein, das den süßen Wein/ aus Milch und Honigflüsse/ weit übertrifft in seiner Kraft/ er ist voll Labsal Stärk und Kraft/ der Mark und Bein erquicket“ (90,6). Das ging der aufgeklärten Zeit stilistisch viel zu weit.
Die Theologie hatte außerdem neue Entdeckungen gemacht. Gott war nicht mehr als der schreckliche Richter gefürchtet, der am Jüngsten Gericht die Bösen verbrennen und vernichten läßt: „Der Augen Schmerz wird sich vermehrn/ wenn sie mit Zittern Tag und Nacht/ die bösen Geister werden schaun/ in höchstem Grimm mit aller Macht/ einhaun ihre scharfe Klaun/ in die, so Gottes Rat veracht’“ (796, 7). So hatte sich bisher der Fromme gefürchtet. Nach der Melodie „Nun ruhen alle Wälder“ hatte er gesungen: „Du wirst vor Stank vergehen/ wenn du dein As mußt sehen/ dein Mund wird lauter Gall/ und Höllenschwermut schmecken/ wobei sich wird erstrecken/ in Ewigkeit die schwere Qual// Es wird die Glut dich brennen/ Die Teufel werden trennen/ dein Adern Fleisch und Bein/ Sie werden dich zerreißen/ sie werden dich zerschmeißen/ und ewig deine Henker sein.“ (799, 16+17). Nun bestaunt er eher Gott als den allmächtigen Schöpfer des Universums, außerdem etwas allgemeiner, „wissenschaftlich-neutraler“ als „höchstes Wesen“. Jesus ist nicht Opferlamm und schon gar nicht „herzlieb“, sondern Mittler, Vorbild, Lehrer, Menschenfreund. Die menschliche Seite Jesu wurde betont. Jesus wurde „entdogmatisiert“. Der Fromme des alten Gesangbuches sehnte sich heraus aus der schnöden, elenden Welt. Auf die Melodie „Wer nun den lieben Gott läßt walten“ seufzte seine Seele sehnsuchtsvoll: „Ach! Wie betrübt sind fromme Seelen/ allhier in dieser Jammerwelt/ Wer kann ihr Leiden alle zählen/ das sie so gar gefangen hält/ Das beißet nun und kränket sehr/ Ach wenn ich nur im Himmel wär“ (785,1). Der aufgeklärte Mensch dagegen sinnt über das Dasein Gottes und empfindet die Erde eher als Ort der Freude, der Verantwortung, der Pflicht gegen den Nächsten und gegen sich selbst. Weil sich Geschmack, Stil, Sprache, Denken und Frömmigkeit gewandelt hatten, wurde ein neues Gesangbuch gemacht.


Gesangbuchtitelblatt

Es gab noch einen dritten Grund für die Herausgabe eines neuen Gesangbuches. Das Bürgertum emanzipierte sich von der Kirche, die sie mit der orthodoxen Theologie gleichsetzte. Die Möglichkeit zum Kirchenaustritt war noch nicht gegeben. Es bestand Taufzwang. Aber die Abstimmung mit den Füßen, die sich leerenden Kirchen und die sich lockernden Sitten einer Gesellschaft, die der Kirche das Primat der Wertesetzung längst bestritten hatte, ließen eine Kirchenreform dringend erscheinen. Es war den Braunschweiger Innenstadtpfarrern eine Anfechtung, daß die Braunschweiger Bürger lieber in die auf dem Hagenmarkt mit 1.200 Sitzplätzen 1690 eröffnete Braunschweiger Oper gingen als in die benachbarte Katharinenkirche. Der Katharinenpfarrer Pfeifer hatte am Tag der Grundsteinlegung von der Kanzel gewettert, wo sich Gott ein Haus erbaue, baue der Teufel eine Kapelle daneben.

Die Idee Karls I. und die Beauftragung der Pfarrerschaft der Stadt Braunschweig
Die Idee für ein neues Gesangbuch ging nicht von den Gemeinden oder vom Konsistorium aus. Die Kirchenbehörde war ernsthaft der Meinung, daß sich die Liedersammlung von 1698 als Gesangbuch in den Händen aller Gemeindemitglieder befand und durchaus ausreichte. Das entsprach der strukturell bedingten Gemeindefremdheit einer Kirchenbehörde. Der Fundus an gesungenen Liedern war klein und mündlich in der Schule eingepaukt. Die Lesefähigkeit in der großen Mehrzahl der Kirchengemeinden war sehr eingeschränkt. Die mündliche Überlieferung war allgemein üblich.
Aber Herzog Karl I. (1735-1780) wünschte ein Gesangbuch in zeitgerechter Sprache mit verständlichem Inhalt und mit Rücksicht auf ein verändertes Weltbild. Das Gesangbuch hatte für ihn auch eine innenpolitische Funktion. Es sollte den Braunschweiger Landeskindern den modernen Geist der Aufklärung nahebringen.
1761 beauftragte Herzog Karl I. das sog. Geistliche Ministerium der Stadt Braunschweig, das alte Gesangbuch zu revidieren. Das Geistliche Ministerium war die versammelte Braunschweiger Stadtpfarrerschaft, und diese machte zur Reform u.a. folgende Vorschläge: die lateinische Sprache sollte vollständig getilgt und übertriebene „mystische“ Lieder entfernt, allzu viele Strophen und Lieder mit übertriebenen und „unrichtigen“ Gedanken vermieden werden. Dagegen sollte Rücksicht auf den „Geschmack der Zeit“ genommen und Lieder wie „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (Nr. 768) entfernt werden.
Die Braunschweiger Stadtpfarrer teilten die Choräle unter sich auf, aber sie kamen mit der Bearbeitung neben ihrer amtlichen Tätigkeit nicht zu einem Abschluß. Außerdem waren die Meinungsunterschiede zu groß. Wie die Arbeit unter den Braunschweiger Pfarrer aufgeteilt wurde und wie weit die Arbeit gediehen war, ist leider noch nicht erforscht. (Beste S. 426 f) Immerhin ist festzuhalten, daß dieses Gesangbuch ein Produkt der Pfarrer und nicht ehrgeiziger Verleger und Drucker war. Das war bereits ein Fortschritt.
Auf herzogliche Ermahnung hin wurde die Arbeit am Gesangbuch 1767 wieder aufgenommen, zu der sich ein Ausschuss mit Generalsuperintendent Nikolaus Mejer, Andreaspfarrer Andreas Steinbrück, Martinipfarrer Christian Rautenberg und Ulricipfarrer Ludwig Paulmann bildete, der in den folgenden drei Jahren die Arbeit am Gesangbuch fortsetzte und eine Sammlung von über tausend Liedern zusammenstellte und in zwei Lesungen bis auf einen kleineren Teil abschloß und dies dem Herzog auch mitteilte, bei dem die Angelegenheit jedoch liegenblieb.
1775 griff Herzog Karl Wilhelm Ferdinand, dem Karl I. die Regierungsgeschäfte teilweise überlassen hatte, die Sache erneut auf. Da Generalsuperintendent Mejer krank geworden und P. Steinbrück verstorben war, wurde der Ausschuss durch den Martinipfarrer Johannes Flügge und P. Elieser Küster von der Andreaskirche ergänzt. Aber P. Rautenberg verstarb 1776, für den Prof. Eschenburg einsprang und P. Flügge verstarb 1772. In diesem Jahr wurde die Arbeit abgeschlossen und konnte dem Konsistorium zur Begutachtung vorgelegt werden.
Auch andernorts waren Reformgesangbücher in Arbeit und bereits erschienen: in Berlin 1765 von Pfarrer Diterich, in Leipzig 1766 von Pfarrer Zollikofer und in Lüneburg 1767. Außerdem waren Liedsammlungen durch Pfarrer Schulze (1770) und Pfarrer Waldau, Nürnberg als Privatgesangbücher erschienen. Aus diesen Quellen hatten auch die Braunschweiger Ausschussmitglieder ausgiebig geschöpft.

Umfang und Gliederung des völlig neuen Gesangbuches
Zu Ostern 1780 wurde das Gesangbuch offiziell in den Kirchengemeinden der Landeskirche eingeführt. In diesem Jahr starb Karl I. Im Vorwort zum neuen Gesangbuch von Silvester 1778 äußerten sich die Mitglieder der Liederkommission über ihre Arbeit. Das alte Gesangbuch wäre „den Bedürfnissen unserer Zeit nicht mehr angemessen“ gewesen. Die Veränderungen beträfen in keiner Weise „die Lehren der Religion“. Entschuldigend fügten sie hinzu, das neue Gesangbuch enthalte „keine anderen Lieder als die der heiligen Schrift und dem reinen evangelischen Lehrbegriffe gemäß wären.“ Neben der „richtigen Wahrheit“ empfehlten sich die neuen Lieder „durch ihre Faßlichkeit, edle Einfalt und Lindigkeit im Ausdruck und Wortfügung. Unverständliche, unedle, unschickliche, unbestimmte, mystische Wörter und Redensarten, theologische Kunstwörter, unwürdige und ganz menschliche Begriffe von Gott und selbst die biblischen Ausdrücke und Redensarten, die sich bloß auf die jüdische Verfassung beziehen und Ungelehrten unverständig sind“, wären weggelassen.

Diese Einleitung beschönigte den Tatbestand, daß es sich bei dem Gesangbuch von 1780 nicht um die Revision des alten Gesangbuches handelt, sondern um ein völlig neues Gesangbuch.
Das neue Gesangbuch hatte fast 200 Lieder weniger als das alte, insgesamt 718 Lieder. Das war ein großer Vorteil. Es handelte sich also nicht wie beim alten um eine Liedersammlung, sondern um ein Gesangbuch für den Gebrauch in der Kirche, in der Schule und für zu Hause.
Nach einer Berechnung von Pfarrer Oberhey waren von den 718 Liedern 160 Lieder unverändert geblieben, 216 teilweise stark bearbeitet und 342 neue Lieder hinzugefügt worden. (nach Oberhey S. XII). Ich halte diese Zahlen noch für zu optimistisch. Jedenfalls bedeutete diese Bearbeitung eine sehr starke Umstellung für die bisherigen Benutzer, und vor allem für jene, die sich an das alte Gesangbuch gewöhnt hatten.


Erste Abteilung

Es bekam eine neue Gliederung. Sie orientierte sich nicht an der Praxis des Gottesdienstes, sondern an einem dogmatischen Entwurf. Es begann mit Liedern über die Glaubenslehren, nämlich über das Dasein und die Eigenschaften Gottes, dem Lieder über die Erlösung durch Jesus, von Taufe und Abendmahl, Tod und ewiges Leben folgten. In einer zweiten Abteilung wurden Lieder „über die Sittenlehre“, nämlich die Pflichten gegen Gott und den Nächsten zusammengefaßt. Die Lob- und Danklieder, mit denen das alte Gesangbuch begonnen hatte, fand das Gemeindemitglied in dieser Abteilung. Es folgten die dritte Abteilung „Vom Kreuz und Trost der Christen“ und die vierte „Auf besondere Zeiten und Umstände“, worin wie schon im ersten Gesangbuch von 1698 verschiedene Fälle aufgezählt werden, in denen gesungen und gebetet werden konnte: bei betrübenden Führungen Gottes, bei Unglücksfällen im Zeitlichen, bei Sorgen in Dürftigkeit und Armut, bei Haß und Verfolgung durch böse Menschen, Ehrfurcht gegen Gott, bei Gewitter, nach dem Gewitter, am Geburtstag, Lied eines Jünglings, eines jungen Frauenzimmers, einer Herrschaft, eines Dienstboten, einer Waise, eines in fremde Länder reisenden Jünglings.

Benutzerfreundlichkeit des Gesangbuches
Anders als die Liedsammlung von 1698 hatte dieses Gesangbuch den Benutzer fest im Blick und gab ihm Lesehilfen. Was sich heute als penetrant liest, war damals im Gegensatz zum ersten sog. Gesangbuch ein energisches Bemühen, den Gesangbuchbenutzer zum Lesen zu gewinnen. Die letzten neun Lieder Nr. 292-300 „Vom Glauben“ erhielten folgende Überschriften: „Um Stärkung des Glaubens; der an Jesu festhaltende Glaube; getroster Mut eines im Glauben befestigten Christen; Glaubensfreudigkeit; Beständigkeit im Glauben; Kampf des Glaubens; Sieg des Glaubens.“ Mit diesen Überschriften sollte dem Benutzer eine Hilfe geboten werden, das erwünschte Lied schneller zu finden und ihm das suchende Einlesen ersparen. Die Lieder von der pflichtgemäßen Gesinnung gegen Jesus (Nr. 444-457) hatten folgende Überschriften erhalten: „Gläubige Zuversicht zu Jesu; Liebe gegen Jesum; Freude an Jesu; Sehnsucht nach der Vereinigung mit Jesu; Freimütiges Bekenntnis der Religion Jesu; Nachfolge Jesu; Nachfolge Jesu im Leiden; Jesus und sein Heil, das einzig Nothwendige“. Es ist billig, sich vom heutigen Standpunkt aus über diese schulmeisterliche Gestaltung als eine pädagogische Marotte zu erheben, statt im Vergleich zum sog. ersten Gesangbuch das Bemühen zu verstehen, das im Lesen eher unbeholfene Gemeindemitglied zur Lektüre zu gewinnen und die schmale eiserne Ration an Liedern zu erweitern.


von der Natur und Würde des Menschen

Die gottesdienstliche Praxis im Blick
Daß auch die gottesdienstliche Praxis im Blick war, zeigen die Lieder „von der heiligen Taufe“ (Nr. 188-196). Die immer noch gültige Kirchenordnung von Herzog Anton Ulrich von 1709 sah in seiner Taufordnung (S. 45 ff) überhaupt kein Lied vor. Die Paten und Hebamme brachten das Kind zur Kirche, ein Taufgespräch war nicht vorausgegangen, der Pastor notierte sich den Namen des Kindes, hielt eine Ansprache an die Paten, betete, las einige Bibelstellen, ließ durch die Paten dem Teufel und allen seinen Werken und Wesen absagen, taufte, vergatterte noch einmal die Paten, Schlußgebet und Segen beschlossen die Taufhandlung. Die Eltern kamen in dieser lutherisch-orthodoxen Taufagende nicht vor. Nun gab es ein besonderes Kapitel mit Liedern zur Taufe. Das war ein Fortschritt. Die Überschriften lauten: „Erneuerung des Taufbundes; vor und nach der Taufe, vor und nach der Konfirmation“. Unter den Liedern befindet sich das bekannte „Ich bin getauft auf deinen Namen“ (Nr. 190). Im Lied vor der Taufhandlung betet die Taufgemeinde um den Segen: „Dir sei auch dieses Kind empfohlen/ Dir dessen Treu unwandelbar/ Wir bringens wie du selbst befohlen/ dir in der heilgen Taufe dar/ Ach segn’ es Vater Sohn und Geist/ wie uns dein teures Wort verheißt“.
Ein aufdringlicher, weltfremder Ton läßt sich beim Lied nach der Konfirmation nicht überhören. Da wurden die Konfirmanden daran erinnert, daß viele nach der Konfirmation der Kirche den Rücken kehrten. Daher wurde Gott angerufen, ihnen beim „Heer der Spötter“ und in der Versuchung von „verbotnen Lüsten“ beizustehen. „Wie viele schwuren ehmals auch/ an dir Gott festzuhalten/ allein wie treulos ließen sie/ bald ihre Lieb erkalten/ Ach laß die, die sich hier dir weihn/ dich Höchster ewig lieben../ Versucht der Spötter zahlreich Heer Herr ihnen ihren Glauben/ und ihrer Hoffnung Zuversicht und Ruh und Trost zu rauben/ Ach dann steh ihnen großer Gott/ mit deiner Kraft zur Seiten/ hilf ihnen Irrtum Schmähung Spott/ und jeden Feind bestreiten/ und mutig überwinden.“ (Nr. 196, 2+3) Die Tatsache der Konfirmation war gewiß wichtig, die Tatsache des mit der Konfirmation verbundenen Schulabschlusses für die Familie wichtiger, weil ein kräftiger Esser in der Regel aus dem Haus kam, nun in der Lehrstelle mit anderen älteren Lehrlingen und Gesellen Zimmer und Bett teilen mußte, da spielte die zurückliegende Zeit beim Pastor keine große Rolle mehr, zumal die flehentlichen Warnungen hinter der Neugier eines neuen Lebensabschnittes weit zurückblieben.
Ein weiterer Schritt zu mehr Benutzerfreundlichkleit war der Abdruck der im Gottesdienst verlesenen Evangelien und Episteln für jeden Sonntag des Kirchenjahres.

Die prominenten Liederdichter
Im Gesangbuch waren berühmte Namen und Liederdichter aus der damaligen Neuzeit versammelt.
Zu ihnen gehörten der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), von dem 12 Lieder stammten. Die meisten jedoch, 58 Lieder, hatte Johann Samuel Diterich (1721-1797) geschrieben, der Pastor an der Berliner Marienkirche war und danach Oberkonsistorialrat wurde. Balthasar Münter (1734-1793 und 55 Lieder) hatte schon früh zu dichten angefangen und als Superintendent in Tonna und Pastor an der Kirche in Kopenhagen zwei Bände mit Geistlichen Liedern veröffentlicht. Joh. Andreas Cramer (1723-1788 und 44 Lieder) stammte aus dem sächsischen Erzgebirge und war Universitätsprofessor in Kiel. Johann Adolf Schlegel (1721-1793) gehörte zur benachbarten Hannoverschen Landeskirche, war Pastor an der dortigen Marktkirche und hatte 1766 eine Liedersammlung „Sämtliche Geistliche Gesänge zur Beförderung und Erbauung“ und später noch drei Liedbände veröffentlicht, aus denen 28 Lieder stammten. Die Liedsammlung „Sämtliche Gesänge“ begann mit einem Lied unter dem Titel „Gründe Gott zu danken“. Im Folgenden die vier Strophen:
„Auf Christen preist mit mir den Herrn/ wer preist, was herrlich ist, nicht gern/ Und welch ein Glanz, der Gott verklärt/ Wer ist wie er des Lobes wert?/ 2. Lobt ihn! Sein ganzer Nam ist Ruhm/ Unendlichkeit sein Eigentum/ Dies grenzenlose Meer von Licht/ durchschauet selbst der Engel nicht. 3. Ja, eure Lust sei, ihn erhöhen/ Solch Lob ist heilsam lieblich schön/ Schärft den Verstand erhebt das Herz/ und stillt im Leide allen Schmerz/ 4. Ja Pflicht ist’s daß ihr sein gedenkt/ Ihr denen er Verstand geschenkt/ Die Ehre des Verstandes ist/ daß ihr den Ew’gen kennt und wißt.“ Man muß diese Reime wirklich nicht schön finden.
Pastor Schlegel hatte vorhandene Choräle zeitpassend umgetextet. Die erste Strophe von „Allein Gott in der Höh sei Ehr“, hieß bei Schlegel: „Gott unsrem Gott allein sei Ehr/ Ihm Dank für seine Gnade/ Uns drücket nun sein Zorn nicht mehr/ Geheilt ist unser Schade/ Er der uns seinen Frieden gab/ Schaut auf die Erde nun herab/ mit Lieb und Wohlgefallen“.
Und die letzte Strophe des Adventslied von „Nun komm der Heiden Heiland“ im Original Luthers: „Dein Krippen glänzt hell und klar/ die Nacht gibt ein neu Licht dar/ Dunkel muß nicht kommen drein/ der Glaub bleibt immer im Schein“, heißt bei Schlegel: „Laß uns Nacht und Sünden scheun/ Unsres Glaubens heller Schein/ ist ein Ausfluß deines Lichts/ diesen Schein verdunkelt nichts.“
Das waren ärgerliche „Verschlimmbesserungen“ der Originaltexte.
Noch zwei Namen müssen genannt werden: Der Hamburger Pastor Christoph Christian Sturm (1740-1786) mit 19 Liedern und der baltische Propst Christoph Friedrich Neander (1724 –1802) mit 27 Liedern, der nicht zu verwechseln ist mit dem Bremer Pastor Joachim Neander und Dichter von „Lobe den Herren“.

Unter die damals modernen Dichter gehörten auch Mitglieder der Gesangbuchkommission. Laut Register waren von Pfarrer Elieser Gottlieb Küster allein 52 Lieder, von Pfarrer Ludwig Paulmann 18 Lieder, von Pfarrer Jakob Friedrich Feddersen vom Braunschweiger Dom drei Lieder, von Prof. Eschenburg teils eigene, teils von ihm bearbeitete 19 Lieder. Lieder von Tersteegen und Zinzendorf dagegen fehlten völlig. In einem von Paulmann stark veränderten Lied heißt es: „Gott Gott ist’s der durch sein Werde/ und durch seiner Allmacht Ruf/ unsern Leib aus Staub und Erde/ unsern Geist vernünftig schuf/ Wir sind seiner Schöpfung Ruhm/ sein erlöstes Eigentum“. (397,2) „Erlöstes Eigentum“ ist ein gutes Stichwort zum Verständnis der sog. natürlichen Theologie der Aufklärung.

Die Lieder von Christian Fürchtegott Gellert
Der bekannteste und am nachhaltigsten wirkende Liederdichter war Christian Fürchtegottt Gellert (1715-1769), über den Martin Rößler kürzlich eine anschauliche, die Lieder würdigende Lebensbeschreibung verfaßt hat. (Rößler Bd 3 S. 9 ff). Gellert war seinerzeit (ab 1751) außerordentlicher Professor an der Universität Leipzig, Pastorensohn, auch als Professor regelmäßiger Gottesdienstgänger, weithin berühmt und anerkannt, nach seinem frühen Tod wurde seine Grabstätte zu einem Wallfahrtsort. Er verfaßte Lustspiele, Satiren, Fabeln, durch die er weltberühmt wurde, und 1757 „Geistliche Oden und Lieder“, einen kleinen Gedicht- und Liederband mit 54 Liedern, aus dem viel abgedruckt wurde. Von diesen Liedern befinden 55 im Braunschweiger Gesangbuch. Die Kommission hatte ein 22 Strophen langes Gedicht in zwei Lieder geteilt, daher sogar ein Lied mehr als im Liederband. Im Vorwort äußerte sich Gellert respektvoll gegenüber den alten Gesängen und hielt rasche Eingriffe in den Text für falsch. Allerdings hielt er auch nicht mit Kritik an den alten Kirchengesängen zurück.
Für jedes Lied schlug er eine Melodie vor. „Bei den meisten Liedern habe ich auf Kirchenmelodien zurückgesehen“, schrieb er, die Melodien gäben den Liedern ihre ganze Kraft. Wenn nicht alle zum Singen geeignet wären, dann sollte man sie „zur Erbauung lesen.“

Gellert ist bekannt für das Lob der Schöpfung als ein Erweis der Güte Gottes. Wie es im Alten Testament zahlreiche sog. Natur- und Schöpfungspsalmen gibt, so sind einige Lieder Gellerts als solche Loblieder auf den Schöpfer zu verstehen. „Wie groß ist des Allmächtgen Güte“, ruft er aus (Nr. 28). Gott habe den Menschen nicht vergessen, daher „vergiß mein Herz auch seiner nicht“ (Nr. 28,1). Wie Paul Gerhardt fragt Gellert „Wer hat mich wunderbar bereitet?“, mit Langmut geleitet, den Frieden im Gewissen gestärkt. „Ist’s nicht sein Arm der alles schafft?“
(28,2) Der Mensch ist für die Ewigkeit geschaffen, für eine andere Welt als die vergängliche. Damit der Mensch diese Seligkeit erlebt, mußte Christus leiden. Gottes Wort bestärkt den Menschen: „Gott soll ich über alles lieben und meinen Nächsten gleich als mich.“ (28,4). Durch die Nächsten- und Gottesliebe stellt der Mensch das Ebenbild Gottes in sich her. „Lebt seine Lieb in meiner Seele, so treibt sie mich zu jeder Pflicht/ Und ob ich schon aus Schwachheit fehle/ herrscht doch in mir die Sünde nicht“ (28,5). Das Lied stand bis 1994 im Anhang des Braunschweiger Gesangbuches (EKG 430).
Unter der Überschrift „Von der Schöpfung“ waren im Gesangbuch Lieder zusammengefaßt, die mit dem Gellertlied „Wenn ich o Schöpfer deine Macht, die Weisheit deiner Wege, die Liebe die für alles wacht anbetend überlege“ beginnen. (Nr. 39). Gellerts Auge sieht, „wohin es blickt, die Wunder deiner Werke“ (39,2). Sonnenschein und Sturm predigen, Saat und Baum rufen: uns hat Gott gemacht (39,4), „der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis/ ist sich ein täglicher Beweis/ von deiner Güt und Größe“ (39,5). Dieses Lied ist von vielen Theologengenerationen verdächtigt worden als das Lob des natürlichen Menschen und einer natürlichen Theologie. Dabei ist übersehen worden, daß alle diese Aussagen nicht allgemein zugängliche Vernunfterkenntnisse sind, sondern aus dem Gebet kommen. „anbetend überlege“, hatte Gellert eingangs geschrieben. Das Gedicht ist 1757 veröffentlicht, 1755 erschrak die ganze westliche Welt vor der furchtbaren Zerstörung der Hauptstadt Lissabon durch ein Erdbeben und eine Flutwelle mit 30.000 Toten. Das Lied spricht daher auch von der Unzerstörbarkeit der Schöpfung Gottes.
Die Hoffnung Gellerts richtete sich ganz traditionell auf eine Ewigkeit. „Nach einer Prüfung kurzer Tage erwartet uns die Ewigkeit“ (Nr. 247,1). „Hoffnung auf Seligkeit“ ist das Lied Nr. 222 überschrieben: „Ich hoff o Gott mit frohem Mut/ auf deine Gnad und Christi Blut/ Ich hoff auf ewig Leben“ (222,1). Diese Hoffnung gründete sich auf das Wort Gottes. Daher bittet Gellert: „Erhalte mir, o Herr, mein Hort, den Glauben an dein göttlich Wort, um deines Namens willen“ (222,4). Es würde sich lohnen, allein der Bedeutung des Wortes Gottes in den Liedern Gellerts nachzugehen, um manche Vorurteile abzubauen. Das Lied Nr. 169 „Gott ist mein Hort“ ist ganz dem Wort Gottes gewidmet.
Daß für Gellert das Wort Gottes sich in der Bibel offenbarte, veranschaulichen die vielen biblischen Bilder und Anspielungen. Das Lied Nr. 307 „Wenn nicht zur Übung deiner Pflicht/ Dich Gottes Lieb beseelet/ so rühme dich der Tugend nicht/ weil dir dann alles fehlet“. Gellert griff Aussagen aus dem sog. Hohelied der Liebe aus 1. Kor. 13. auf: „Wohnt Liebe gegen Gott in dir/ wird sie die Tugend stärken/ Du wirst die Gegenwart von ihr/ an Lieb zum Nächsten merken/ Die Liebe die dich schmücken soll/ ist gütig ohne Tücke/ sie ist nicht stolz nicht langmutsvoll beneidet niemands Glücke// Sie deckt des Nächsten Fehler zu/ Freut sich nicht seines Falles/ sie suchet nicht bloß ihr Ruh/ beglücket gerne alles“ (307,8+9).
Ein Trutzlied auf die Kirche ist für jene Zeit ungewöhnlich. Auf die Melodie „ein feste Burg“ hat Gellert das Lied „Wenn Christus seine Kirche schützt“ (Nr. 182) gedichtet. Gellert sah die Kirche durch Fürsten, Frevler und Unchristen bedrängt. Dagegen stehen „Wir“, „seine Jünger“, die sein Wort halten. Das Original lautet in den letzten drei Zeilen der 1. Strophe: „Er schützet seinen Ruhm/ und hält das Christentum/ mag doch die Hölle schrecken.“ Die Braunschweiger Redaktion änderte die Zeilen in: „Er schützt zu seinem Ruhm/ mit Macht sein Christentum/ mag doch die Hölle schrecken.“ Das Bild, daß Gott seinen Ruhm schützt, ist tatsächlich auf Anhieb eine eher ungewohnte Aussage und dass er das Christentum „hält“ mag auch blaß klingen. Dagegen wirkt die Behauptung, daß Gott zu seinem Ruhm „sein“ Christentum“ schützt, nun doch reichlich massiv, beziehungsweise apologetisch. In Strophe vier ersetzt die Redaktion Gellerts „Herr Zebaoth“ durch „der höchste Gott“.
Als problematisch empfinde ich einen durchgängig moralisierenden Tonfall, der sich besonders aufdringlich im Lied Nr. 472 „Der Wollust Reiz zu widerstreben, laß täglich deine Weisheit sein“. Achtmal kommt Gellert auf die Kräfte, die Reize, den Unverstand der Wollust zu sprechen, daß ich versucht bin zu fragen: was müssen das an der Uni Leipzig für Sitten gewesen sein? „Wie blühte nicht des Jünglings Jugend/ eh ihn der Wollust Reiz betört/ Doch er vergaß den Weg der Tugend/ und seine Kräfte sind verzehrt/ Verwesung schändet sein Gesicht/ und predigt Gottes Strafgericht“. (472,13) „Sie raubt dem Herzen Mut und Stärke, erniedrigt dich zum Tier herab/ raubt dir den Eifer edler Werke/ die Würde, welche Gott dir gab/ du bleibst nicht mehr sein Ebenbild/ wenn wilde Lust dein Herz erfüllt“ (472,15).

Ich will nach den wenigen Bemerkungen zu Gellerts Liedern noch auf ein Lied aufmerksam machen, das lange Zeit im Gesangbuch der Kirchen der altpreußischen Union stand, und mir daher aus dem ostpreußischen Gesangbuch geläufig war Es stand im Braunschweigischen Gesangbuch von 1780 unter der Nr. 45 „Gott ist mein Lied“ und ist dort häßlich verschandelt worden. Der auf S. XI wiedergegebene Text entspricht dem Original. Es gehört zu den Schöpfungsliedern und hat eine mitreißende, leicht lernbare, eingängige Melodie. So ein Lied wäre mein Vorschlag für die Extraausgabe einer singefreudigen Kirchengemeinde.


Gellert

Völlig neue und sehr stark veränderte alte Lieder
Das ältere Gemeindemitglied mußte jedoch erschrecken, daß viele Lieder völlig neu waren. Von den sieben Adventsliedern waren fünf ganz neu, von den 13 Weihnachtsliedern waren 12 Nummern ganz neue Texte, von den 42 Passionsliedern 33, andere sehr stark verändert, von den 13 Osterliedern waren 11 ganz neue, von den neun Pfingstliedern sieben.
Noch gewöhnungsbedürftiger waren für die älteren Gottesdienstbesucher jene Lieder, die leicht oder bis zur Unkenntlichkeit verändert worden waren.

am Beispiel des Liedes „Jesu meine Freude“ und „Schmücke dich, o liebe Seele“
Es ist zu erwarten, daß die Reformer sich beim Lied „Jesu meine Freude“ an den Bildern „Herzens Weide“, „Lamm“, „Bräutigam“ stoßen und die Doppelung „wie lang ach lange“ ersetzen würden. Die erste Strophe lautete 1698: Nr. 112 (auch EG 396): „Jesu meine Freude/ meines Herzens Weide, Jesu meine Zier/ Ach wie lang, ach lange/ ist dem Herzen bange/ und verlangt nach dir/ Gottes Lamm mein Bräutigam/ ausser dir soll mir auf Erden/ nichts sonst liebers werden“.
Nach der Bearbeitung von Schlegel änderte die Kommission das Lied 1780 (Nr. 450) in: „Jesu meine Freude/ Bester Trost im Leide/ Bestes Gut im Glück/ Du hast meine Liebe/ du fühlst meine Triebe/ an dir hängt mein Blick/ Hab ich dich/ wie reich bin ich/ Doch beglückt kann ich auf Erden/ ohne dich nicht werden.“
Der Dichter dieses Liedes Johann Franck (1618-1677), auch Rechtsanwalt, Ratsherr und Bürgermeister seiner Heimatstadt Guben, war ein Zeitgenosse Paul Gerhardts und das Lied wurde von Johann Crüger, dem Komponisten und Organisten Gerhardts, vertont und veröffentlicht. Durch die gleichnamige Bachmotette ist der originale Text Francks heute so gegenwärtig, daß eine Abänderung wie ein Sakrileg vorkommt. Aber man lege beide Texte heutigen Konfirmanden zur Auswahl vor. Bei der Frage, welcher Text verständlicher wäre, hat die Bearbeitung von Schlegel gute Chancen.
In der Strophe zwei wird die Originalstrophe „Laß den Satan wittern/ laß den Feind erbittern/ mir steht Jesus bei“ ersetzt durch „Laß auch Felsen splittern/ laß den Erdkreis zittern/ und den Einsturz dräun“,
und das Original der Strophe sechs: „Weicht ihr Trauergeister/ denn mein Freudenmeister/ Jesu tritt herein“ durch Schlegel in: „Weichet Sorg und Zagen/ schweiget bange Klagen/ Jesus ist ja mein.“
Es ist die Frage, ob man in der stilistisch bilderärmeren Bearbeitung nicht dieselbe Frömmigkeit entwickeln kann wie im geliebten Originaltext.


Jesu meine Freude

Von Frank stammt auch das früher viel beliebte Abendmahlslied „Schmücke dich o liebe Seele“.
Es ist auch ins Evangelischen Gesangbuch aufgenommen. Klopstock hat das Lied bearbeitet.
Die erste Originalstrophe lautete 1698 Nr. 265 (= EG 218): „Schmücke dich o liebe Seele/ laß die dunkle Sündenhöhle/ komm ans helle Licht gegangen/ fange herrlich an zu prangen/ Denn der Herr voll Heil und Gnaden/ will dich jetzt zu Gaste laden/ der den Himmel kann verwalten/ will jetzt Herberg in dir halten“.
Daraus wurde 1780: „Seele willst du Ruhe finden/ drücket dich die Last der Sünden/ Komm Vergebung zu erlangen/ denn dein Licht ist aufgegangen/ Und der Herr voll Heil und Gnaden/ hat zu sich dich eingeladen/ Deinen Bund sollst du erneuen/ und dich seines Todes freuen.“

Die zweite Strophe lautet im Original 1696: „Eile wie Verlobte pflegen/ deinem Bräutigam entgegen/ Der da mit dem Gnadenhammer/ Klopft an deine Herzenskammer/ Öffn’ ihm bald die Geistespforten/ Red ihn an mit schönen Worten/ komm mein Liebster laß dich küssen/ laß mich deiner nicht mehr missen“.
1780: „Eil wie wahre Christen pflegen/ glaubensvoll dem Herrn entgegen/ Komm den gnadenvollen Willen/ deines Heilands zu erfüllen/ Komm mit brünstigem Verlangen/ Seine Güter zu empfangen/ daß er dich der Sünd entlade/ gibt er heute Gnad um Gnade.“ Im EG ist diese Strophe wie auch schon im EKG gestrichen. Am Ernst der Einstellung des Frommen vor dem Abendmahl ist auch im aufgeklärten Gesangbuch nicht zu zweifeln.

Bekannte Melodien zu neuen Texten
Die neuen Texte von den modernen Dichtern hatten oft keine Melodien. Es mußten also Melodien dazu erfunden werden und notfalls die Texte auf die Melodie zurechtgebogen werden. Als Hilfe für den Benutzer war es gedacht, daß wenigstens altbekannte Melodien verwendet wurden. In der mir vorliegenden Ausgabe von 1866 haben die 684 Lieder – also ohne den Anhang der Lutherlieder – insgesamt 106 unterschiedliche Melodien. Das ist kaum zu beanstanden. Es gab in diesem Gesangbuch keine Noten über den Liedern wie heute, wie es auch im vorhergehenden Gesangbuch von 1698 nicht üblich gewesen war. Viel mehr als 20 bis 30 Melodien werden auf dem Lande kaum bekannt gewesen sein. Da bedeutet die Angabe von 106 verschiedenen Melodien bereits einen erheblichen Fortschritt. Zahlreiche Lieder kamen häufiger vor. Anhand der Häufigkeit des Vorkommens kann man feststellen, welche Melodien seinerzeit bekannt und beliebt waren.
10 mal „Wie schön leucht uns der Morgenstern“, „Herzlich lieb hab ich dich o Herr“,
11 mal „Alle Menschen müssen sterben“,
12 mal „In dich hab ich gehoffet Herr,“ „Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn“, „Nun freut euch lieben Christen g’mein,
13 mal „Jesu meines Lebens Leben“, „Herzlich tut mich verlangen“,
14 mal „Von Gott will ich nicht lassen“, „Nun sich der Tag geendet“, „Jesus meine Zuversicht“, „An Wasserflüssen Babylons“,
24 mal „Freu sich sehr o meine Seele“,
26 mal „Nun ruhen alle Wälder“, „O Gott du frommer Gott“,
28 mal „Es ist das Heil uns kommen her“, „Wend ab deinen Zorn“
74 mal „Wer nur den lieben Gott läßt walten“.
Das sind insgesamt 17 Melodien, von denen der GesangbuchAusschuss sicher ausgeht, daß sie bekannt sind. Ausgesprochene Melodien der Lutherzeit sind davon lediglich „Nun freut euch lieben Christen g`mein“ und „Es ist das Heil uns kommen her.“
Dagegen werden „Ein feste Burg“, „Erhalt uns Herr bei deinem Wort“ und „Gelobet seist du Jesus Christ“ nur je zweimal genannt, „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ und „Durch Adams Fall ist ganz verderbt“ je dreimal, aber: „Aus tiefer Not“ und „Wär Gott nicht mit uns diese Zeit“ je sechs mal, „Christ unser Herr zum Jordan kam“ sieben mal, „Es woll uns Gott genädig sein“ acht mal.
Ich halte diese Melodieauswahl für durchaus respektabel.
Trotzdem wirkt es sonderbar, wenn von den 13 Osterliedern (Nr. 138 – 150) zehn auf folgende Melodien gesungen wurden: „Lobt Gott ihr Christen allegleich“, „Ermuntre dich mein schwacher Geist“, „Ein Kindelein so löbelich“, „Es ist das Heil uns kommen her“, „In dich hab ich gehoffet Herr“, je zweimal „Nun jauchzet all ihr Frommen“ und drei mal „Nun freut euch lieben Christen g`mein“. Es war keine einzige spezifische Ostermelodie darunter, wie wir sie heute kennen. Lediglich „Jesus lebt mit ihm auch ich“ (Nr. 149) wurde zur Melodie „Jesus meine Zuversicht“ gesungen. Es blieben Text und Melodie der drei Osterlieder Luthers aus dem Anhang „Christ lag in Todesbanden“ (Nr 695), „Christ ist erstanden“ (Nr. 696) und „Jesus Christus unser Heiland“ (Nr. 697), die aus dem vorhergehenden Gesangbuch bekannt sein konnten.

Veränderungen im Kernbestand der wenigen bekannten Lieder
Die Eingriffe in das Gesangbuch betrafen auch einen Kernbestand von Liedern, die in der Schule gepaukt und sonntäglich im Gottesdienst gesungen wurden und sich dadurch fest eingeprägt hatten. Es wäre allein aus taktischen Gründen klug gewesen, diesen Kernbestand von fünf/ sechs Liedern unverändert zu lassen, um für die Akzeptanz bisher unbekannter Lieder zu werben. Aber auch diese „eiserne Ration“ an Gesangbuchliederkenntnissen wurde derart verändert, daß ein ungestörtes Singen zunächst nicht möglich war. Als Lied vor der Predigt sah das alte Gesangbuch Nr. 671 „Liebster Jesu wir sind hier“ (EG 161) vor. Es waren drei kurze Strophen, auf Anhieb verständlich, wenig dogmatisch, trotzdem wurden zahlreiche Veränderungen vorgenommen. Im Inhaltsverzeichnis war das Lied unter dem gewohnten Liedanfang gar nicht zu finden.

1698/1902/1950/1994
Liebster Jesu wir sind hier
Dich und dein Wort anzuhören.
Lenke Sinne und Begier
Auf die süßen Himmelslehren
Daß die Herzen von der Erden
Ganz zu dir gezogen werden.

Unser Wissen und Verstand
Ist mit Finsternis umhüllet
Wo nicht Geistes Kraft
Uns mit hellem Licht erfüllet.
Gutes denken, tun und dichten
Muß du selbst in uns verrichten.

O du Glanz der Herrlichkeit
Licht von Licht aus Gott geboren
Mach uns allesamt bereit
Öffne Herzen, Mund und Ohren
Unser Bitten, Flehn und Singen
Laß, Herr Jesu, wohl gelingen.
1780
Jesu Christe! Wir sind hier
Um dein heilig Wort zu hören.
Schenk uns Andacht und Begier
zu den süßen Himmelslehren
Daß die Herzen von der Erden
ganz zu dir gezogen werden.

Dieses Lebens Wissenschaft
bleibt mit Finsternis umhüllet
Wenn nicht deines Geistes Kraft
Uns mit Licht von Gott erfüllet.
Lehr uns denn aufs Wort recht merken
Laß es uns zum Leben stärken.

O du Glanz der Herrlichkeit
Licht von Licht aus Gott geboren
Heiligster! Aus Ewigkeit
Hast du dir uns auserkoren
Lehre deines Himmels Erben
recht zu leben, recht zu sterben.

Dieses Lied stammt von Tobias Clausnizer (1618-1684), Oberpfarrer und Kirchenrat in Weiden in der Oberpfalz (EG 161). Das Lied war bereits von Klopstock und dann auch von anderen bearbeitet worden. Es wird das Bemühen deutlich, dieses bekannte und beliebte Lied möglichst wenig anzutasten. Die Strophenenden sind mehrheitlich belassen ebenso wie sieben Zeilen.
Die Bearbeiter nehmen den Sänger im Gottesdienst scheinbar in Schutz, wenn sie ihm das Bekenntnis ersparen, daß ihr Wissen und Verstand finster ist und in die allgemeine Formulierung flüchten „Dieses Lebens Wissenschaft“. Diese Aussage wirkt indes im Munde einer ländlichen Dorfgemeinde künstlich. Das Ende der Bearbeitung zerstört den Anlaß des Liedes, nämlich die Bitte um das aufmerksame, vom Geist Gottes begleitete Hören. Die Verallgemeinerung „recht zu leben, recht zu sterben“ hat keinen Bezug zur Situation des Sängers vor Beginn einer Predigt, wozu das Lied gedacht war.


Vor der Predigt

Auch das andere Lied vor der Predigt „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend“ (alt Nr. 670/ EG 155) ist von Anfang an völlig verändert, aber auf dieselbe Melodie zu singen. Sein Text (Nr. 441) lautete:
1) „Der du stets unsre Zuflucht bist/ Sei mit den Deinen, Jesu Christ/ Send uns den Geist der uns regiert/ Und uns den Weg zur Wahrheit führt.// 2) Er stärkt den wankenden Verstand/ Macht deine Lehre uns bekannt/ Er flammt zur Heiligkeit uns an/ Er leitet uns auf rechter Bahn// 3) Halleluja! Einst singen wir/ Gott! heilig, heilig heilig dir/ und schauen dich in deinem Licht/ von Angesicht zu Angesicht.“ Die vierte, später zugefügte trinitarische Schlußstrophe war schon bei Klopstock entfallen. In der zweiten Strophe ist die Bitte an Jesus Christus, er möge den Mund des Frommen zum Lob Christi auftun, „Tu auf den Mund zum Lobe dein/ Bereit das Herz zur Andacht fein, den Glauben mehr/ stärk den Verstand, daß uns dein Nam werde wohl bekannt“ in Behauptungssätze verwandelt „Er stärkt den wankenden Verstand“, macht bekannt, flammt an, leitet. Es hat gewiß eine ganze Generation gedauert, bis sich diese neue Fassung durchgesetzt hat, wenn sich die Lehrer in der Schule, auf die es ja vor allem bei der Einführung neuer Lieder ankam, überhaupt auf diesen neuen Text eingelassen haben.
Auch das bekannte Schlußlied am Ende des Gottesdienstes fiel der Reform zum Opfer. Nach dem alten Gesangbuch wurde wenigstens die Schlußstrophe „Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang gleichermaßen“ (EG 163), oder auch Strophe eins „Nun Gottlob es ist vollbracht, singen beten lehren hören“ gesungen. Das Lied entfiel völlig und an seine Stelle sollte auf dieselbe Melodie folgender Text gesungen werden: „Höchster Gott! Wir danken dir/ daß du uns dein Wort gegeben/ hilf uns ferner, daß auch wir/ nach demselben heilig leben/ Gib dem Glauben solche Stärke/ daß er tätig sei im Werke// Unser Gott und Vater, du/ du nur lehrst uns, was wir sollen/ Schenk uns deine Kraft dazu/ gib zum Wissen auch das Wollen/ Und zum Wollen das Vollbringen/ So wird alles wohl gelingen“//. Der Text war bereits von Klopstock und danach von anderen verändert worden.

Gottesdienst als öffentliches Bekenntnis
Dieser Abschnitt „Vom öffentlichen Gottesdienst“ wurde im neuen Gesangbuch unter der Überschrift „Pflicht und Nutzen des öffentlichen Gottesdienstes“ mit dem donnernden Appell eröffnet, sich öffentlich zu Gott, dem höchste Wesen zu bekennen. „Wenn du nur in der Still’ ihn ehrest/ zwar Jesum deine Heiland nennest/ Doch nicht ihn öffentlich verehrest/ nicht ihn auch vor der Welt bekennst/ Bist du dann sein?/ Bist du ein Christ/ der der Erlösung würdig ist?“ (Nr. 435, 3). Wer frech das Haus des Herrn flieht, sich des Gottesdienstes schämt, sich der Versammlung entzieht, „der raubt Gott eine heilge Pflicht/ verachtet ihn und ehrt ihn nicht“ (Str. 4). Hier wird die bereits oben beschriebene Kirchendistanz des Bürgertums angesprochen. Der Gottesdienstbesuch habe auch Vorbildfunktion: „Auch deinen Nächsten zu erbauen/ Mußt du zum Gotteshause gehn“ (Str. 5). Es ist ein 13 Strophen langes Lied von Pfarrer Küster von der Braunschweiger Andreaskirche, das sich wie ein über mageren Gottesdienstbesuch verzweifelter Ausruf des Großstadtpfarrers zu mehr Gottesdienstbesuch liest. Das Kriterium zu kurzen Liedern wurde hier mißachtet. Melodie: „Wer nur den lieben Gott läßt walten“.

Von Pfarrer Paulmann an der Brüdernkirche, ebenfalls Mitglied der Gesangbuchkommission, stammte das Lied von der „Pflicht und dem Nutzen des häuslichen Gottesdienstes“. Es wirkt etwas apart, wenn der Beter, der sich zu Hause zu einer Andacht entschlossen hat, sich in der ersten Strophe dazu erst ermuntert: „Auch zu Haus und in der Stille/ Christ vergiß die Andacht nicht/ Sie führt dich zur Segensfülle/ Sie ist eine sel’ge Pflicht/ Vor Gott täglich mit den Deinen/ dankbar im Gebet erscheinen/ Bringt viel Vorteil, bringet Lust/ Trost und Ruhe deiner Brust“. (Nr. 443,1) Die Melodie ist dem Frommen bekannt unter „Alle Menschen müssen sterben“, wenig aufmunternd.
Über den Nutzen von Glauben, den Nutzen von Gottesdienst in der Kirche und zu Hause nachzudenken und zu singen, ist nicht weit entfernt von der beliebten Frage heutzutage: „Was bringt mir das?“ „Was hab ich davon?“ und von dem Spruch: „Gutes tun und davon reden!“

Weiterhin Bittgesänge gegen Hunger, Teuerung, Krieg und Pest
Das Gesangbuch enthielt außer Liedern vom Leiden und Kreuz des Christen (Nr. 518-524) auch 25 Bittgesänge in Kriegs- und Hungerzeiten (Nr. 594-626). Ihnen lag dasselbe theologische Denken wie in der Liedersammlung aus der orthodox-pietistischen Zeit zugrunde: die Sünde des Menschen verursachte den Zorn Gottes, der zur Strafe Krieg, Teuerung, Krankheit und Naturkatastrophen schickte. Der Christ bat Gott um Gnade, erinnerte an seine Barmherzigkeit und die Erlösung durch Jesus, und dankte für die Wendung der bösen Zeit. Der Ton war zurückhaltender, das Frömmigkeitsprofil im Kern dasselbe. Ihm lag nicht, wie frühere Theologengenerationen spotteten, eine rationalistische Regelungswut zugrunde, die für alle Fälle ein Lied und Gebet parat hielt, sondern die kollektive Erinnerung an anhaltende schreckliche Hungerzeiten. Das 18. Jahrhundert nennt Massimo Montanari in seiner Buch „Der Hunger und der Überfluß“ das „Jahrhundert des Hungers“. Wilhelm Abel zählt folgende vor allem durch Naturkatastrophen hervorgerufenen Hungerjahre auf: 1709-1712; 1724-1725; 1739-1741; 1755-1757; 1760-1762; 1766-1768; 1770-1772; 1780-1784; 1787-1790; 1793-1795; 1799-1800; 1805-1807 (nach Kuczynski Bd 2 S. 271f). In der zweiten Hälfte dieses 18. Jahrhunderts herrschten fast alle vier Jahre Zeiten der Mangelernährung. Das Gesangbuch gab diesem kollektiven Gedächtnis der existentiellen Bedrohung einen schriftlichen Ausdruck.
Und es erschien nicht überflüssig, denn die erste Hälfte des folgenden 19. Jahrhunderts nennt man die Zeit des Pauperismus mit seiner schweren Hungerkrisen 1816/17 und der drastischen Verschlechterung der Ernährungslage durch Ernteausfälle in den 40iger Jahren.

Das schockierte Konsistorium
Der Schock des Konsistoriums über diese radikale Auswahl war so groß, daß es bat, wenigstens 66 der alten Lieder, „welche bisher von einer allgemeinen Erbauung gewesen sind“ in einem Anhang dem Gesangbuch anzufügen. (Oberhey Das braunschweigische Gesangbuch. S. 72) Diese Bitte wurde vom Herzog abgeschlagen. Allerdings wurden in den Anhang 33 Lutherlieder ungekürzt aufgenommen. Damit wollte die Kommission ihren Tribut an die Reformation leisten und sich den Anstrich der Rechtgläubigkeit geben. Vielleicht hatte sie auch die stille Absicht, daß die Lektüre der unbearbeiteten Lutherlieder eine gewisse Abschreckung ausüben würde.
Auf energischen Wunsch des Konsistoriums wurden die an den Festtagen am Altar gesprochenen sog. 23 Kirchengebete, die schon im alten Gesangbuch enthalten waren, im Gesangbuch ungekürzt wiedergegeben.
Ihnen waren 35 Gebete zu besonderen Tagen und Anlässen vorangestellt. Als ein typisches Beispiel aufgeklärter Frömmigkeit ist im Folgenden das Gebet am Sonntag morgen wiedergegeben.

Das Gebet eines aufgeklärten Frommen am Sonntag Morgen
Bei diesem Gebet fällt als erstes seine Länge auf. Wer kann so lange seine Gedanken zusammenhalten, fragen wir heute. Anders als die Gebete des orthodox-pietistischen Gesangbuches, die in der Regel mit der Anrufung des Dreieinigen Gottes beginnen, lautet hier die Anrede, „Großer und anbetungswürdiger Gott“ oder an anderer Stelle: „unendlicher und allmächtiger Gott“. Die trinitarische Anrede galt als formelhaft und wenig auf den Beter bezogen.
Die Nacht wurde nicht mehr als das Exerzierfeld des Teufels empfunden, der im Schlaf den Frommen in Versuchung führt, sondern der Fromme dankt für Schutz und Erhaltung des Lebens in der zurückliegenden Nacht. Es folgt – heute besonders aktuell – ein Dank für den Sonntag, der damals genauso umstritten war wie heute. „Ich danke dir für die Einsetzung des Sonntags, dieses Tages der heiligen Ruhe, den du von weltlichen Sorgen und Arbeiten zu deiner unmittelbaren Verehrung ausgezeichnet hast.“
Der Sonntag ist Auferstehungstag. Der Sonntag sollte ein von Gott ganz und gar ausgefüllter Tag sein. „Laß alle meine Gedanken, meine Worte und Handlungen..diesen ganzen Tag und künftig allezeit vor dir heilig und unsträflich sein.“ Der aufgeklärte Fromme malt sich nun im Bittgebet Dasein und Eigenschaften Gottes aus: „Gib mir o Gott solche würdigen Begriffe von deiner anbetungswürdigen Natur und deinen großen Eigenschaften, solche erhabenen Vorstellungen von deiner erschaffenden Macht und Weisheit, von deiner fürsorgenden Aufsicht auf alle deine Geschöpfe und von deiner erbarmenden Liebe und Gnade, die fähig sind, in meiner Seele die Empfindungen der tiefsten Ehrerbietung gegen dich, der reinste Liebe zu dir, der lebhaften Hoffung und Freude an dir zu erwecken.“ Nachdem sich der Beter die Größe Gottes vorgestellt hat, bittet er um das Gefühl des Glücks, ein Christ zu sein und um die Erfüllung der Pflicht zur Heiligung. „Laß mich es fühlen, welch eine Glückseligkeit es für mich ist, daß ich ein Christ bin, daß ich dein Wort und deine heilige Religion habe, daß ich mich mit dir durch meine häusliche Andacht unterhalten, mich mit andern Christen zum öffentlichen Gottesdienst versammeln, dadurch meine Erkenntnis, meinen Glauben und meine Tugend stärken und vermehren und mich in der seligsten Hoffnung befestigen kann, daß ich dich dereinst im Himmel werde vollkommner anbeten und verehren können.“

Die Einführung des Gesangbuches
Herzog Karl Wilhelm Ferdinand verfügte die Einführung des neuen Gesangbuches in der Stadt Braunschweig zum Osterfest 1780 und in den folgenden Jahren allmählich in den Landgemeinden.
Der Verkauf des Gesangbuches sollte über die Kirchengemeinden erfolgen. Außerdem sollten zur weiteren Verbreitung des Gesangbuches Soldaten und Arme kostenlose Exemplare erhalten, die Gemeinde wurden aufgefordert, die Stückzahl dem Konsistorium mitzuteilen. Die Reaktionen waren unterschiedlich: Pfr. Bernhard aus Wolsdorf erwiderte, für den eigenen Gebrauch wollte er kein Exemplar bestellen, man könnte sich welche in Schöningen besorgen, für die Armen 12 Stück. Königslutter bestellte für den Gebrauch in der Gemeinde 171 und zur Verteilung unter den Armen 65 Stück (in: LAW 1467). Die zögerliche Art der Einführung erklärt sich vor allem dadurch, daß die Gemeindemitglieder überzeugt werden mußten, sich überhaupt ein Gesangbuch anzuschaffen. Es war bisher ja auch ohne gegangen. Der Besitz eines Gesangbuches war für die meisten neu.

1780 hielt der Pfarrer an der Martinikirche August Christian Bartel (1749-1826) eine flammende Predigt „Von dem Nutzen guter geistlicher Lieder“ und ließ sie sogleich drucken und verbreiten.
„Hinweg mit den Liedern, hinweg mit den Gesangbüchern, die wesentliche, der Tugend und Freude der Menschen nachteilige Irrtümer begünstigen,“ rief er von der Kanzel. Das alte Gesangbuch habe „o so viel Schlechtes, viel Dunkles und Unerklärliches, zum Teil wirklich Anstößiges“ enthalten. „Wie wenig Rührendes, Edles und Erhabenes in dem ganzen (Gesang)Buch!“ Dagegen feierte er das neue Gesangbuch in den höchsten Tönen: es gebe uns „würdige Begriffe von Gott und göttlichen Dingen, Begriffe, die uns Ermunterung zur Erfüllung unserer Pflichten und Beruhigung bei den mannigfaltigen Veränderungen unseres Lebens gewähren.“ Die Kenntnisse der Religion sollten bei den Christen aufgeklärt und erweitert werden. Nicht das Predigen sondern das gemeinsame Beten und Singen wäre „die eigentliche Hauptsache einer gemeinschaftlichen Verehrung Gottes“ (nach Stroeve S.198).
Die Resonanz in der Stadt Braunschweig unterschied sich deutlich von der auf dem Lande.

Es sind in der Folgezeit sehr viele Ausgaben gedruckt worden.
In der Herzog August Bibliothek sind vom Aufklärungsgesangbuch Drucke aus folgenden Jahren vorhanden: 1779/ 1780/ 1782/ 1784/ 1791/ 1799/ 1801/ 1802/ 1805/ 1806/ 1807/ 1812/ 1815/ 1816/ 1817/ 1818/ 1822/ 1825/ 1828/ 1830/ 1840/ 1846/ 1849/ 1857/ 1865/ 1887/ 188/ 1890/ 1895/ 1901.
In anderen Bibliotheken können sich noch Drucke aus anderen Jahren befinden, z.B. in Goslar von 1781 und 1866. Immerhin macht die Druckhäufigkeit in den 30 Erscheinungsjahren, auch wenn die Auflagenhöhe unbekannt ist, deutlich, daß dieses Gesangbuch sich wirklich in den Händen der Gemeindemitglieder befunden hat. Es war sozusagen ihr erstes Gesangbuch. Das erklärt auch, warum sich viele Gemeindemitglieder, besonders auf dem Lande, von diesem „ihrem ersten“ Gesangbuch nicht trennen wollten.
Die hohe Anzahl von Auflagen spiegelt auch die Zunahme der Bevölkerung wieder, die sich von 90.000 in der Reformationszeit auf 158.980 (1760), 269.213 (1855) auf 464.333 (1900) erhöht hatte.
Leider hat dieses Gesangbuch keine besondere künstlerische Ausgestaltung erlebt. Gelegentlich befand sich neben dem Titelblatt die zeitgenössische Darstellung einer biblischen Geschichte.

Anders als in Braunschweig bewältigte die Nachbarkirche Hannover-Calenberg den Wunsch nach Liedern aus der neuen Zeit. Sie schuf für ihr seit 1740 bestehendes Gesangbuch mit ca 1000 Liedern 1792 einen Anhang mit 150 Liedern aus der Aufklärung. In dieser Form blieb es gut 100 Jahre bestehen.

Keine Hilfe von der Schule
Welche Bedeutung hatte die Schule bei der Einführung und Verbreitung des Gesangbuches? Die Situation in den Schulen hatte sich durch die Bevölkerungsentwicklung zugespitzt.
Um 1570 betrug die Bevölkerung im Herzogtum insgesamt ca 90.000 Bewohner. Sie hatte sich in zweihundert Jahren verdoppelt. Die Einwohnerzahl im Herzogtum betrug 1760: 158.980 Bewohner, 1788: 184.708 und stieg im Jahr 1803 auf 207.177 Bewohner.
Die wachsende Bevölkerungszahl wirkte sich natürlich erheblich auf die Anzahl der Schüler und die Stärke der Klassen aus. Das Schulwesen auf dem Lande besserte sich in dieser Zeit nicht wesentlich. Das veranschaulichen einige Visitationsberichte, die von den zuständigen Superintendenten stammen. 1786 wurden in der Wesergegend einige Landschulen visitiert. Den Visitationsbögen sind die Nebenbeschäftigungen der Dorflehrer zu entnehmen: „copirt, gärtnert, webt, schneidert, copirt, schneidert“. Die sog. Nebenbeschäftigungen wurden zeitweise zur Hauptbeschäftigung, weil sie mehr einbrachten als die wenigen Taler Schulgeld. In vier Orten war keine Schulstube vorhanden, der Schulunterricht fand also im Wohnzimmer des Lehrers statt. Von neun Orten waren in vieren die Schulstuben „groß und lüftig genug“, in fünfen „ zu klein und dämpfig“, „für die vielen Kinder zu klein und dünstig“ (Harderode), „für die vielen Kinder bei weitem nicht groß und lüftig genug, sondern dunstig und ungesund“ (Bisperode).
Aus dem Jahre 1788 stammt ein Schreiben von Lehrer Jürgens aus Bevern, der sich über seine Schulsituation beschwerte. Er beschrieb das Schulhaus als „äußerst elend“, unten Kammer, Küche, Schulstube, oben vier Kammern. Kein Schornstein in der Küche, kein Keller, es regnet durch das Dach. „Man ist seines Lebens nicht sicher! Denn das alte Gebäude hängt sehr nach der einen Seite, sodaß ein Windstoß den alten morschen Klumpen leicht ganz niederwerfen könnte.“ Die Schulstube „ein einziges, niedriges, dunkles Loch, in der man von Dunst schwindlig und ohnmächtig wird, 20 Fuß lang und 14 Fuß breit“, aber für die 120 bis 130 Kinder blieb wegen Tisch, Ofen und Tür nur wenig Platz. Wenn im Winter wegen der Kälte nicht gelüftet werden konnte, „ists auch fast unerträglich, und nicht selten, dass einige der Kinder ohnmächtig werden und nach Hause geschleppt werden müssen.“ Im Frühjahr war Lehrer Jürgens regelmäßig 4-6 Wochen krank.
In einem anderen Schreiben aus dem Jahre 1787 an das Schuldirektorium heißt es: die Landlehrer drängten wegen der miserablen Verhältnisse rasch in die Stadt zurück. Ein ruhiger Unterricht von kleinen und größeren Kindern sei wegen des Getöses der kleineren Kinder verdrießlich. Die Schulstuben zu klein und zu niedrig, „da denn sich die Kinder aneinander pressen müssen und kaum mit ihrem Lehrer Athem schöpfen können“. „Viele Kinder kommen ganz unordentlich und zum Teil nicht eher in die Schule bis sie 10 und mehrere Jahre erreicht haben. Dies macht auch den Unterricht fast vergeblich.“
Sehr belastet war auch das Verhältnis zum Ortspfarrer. „Sie sehen sich an als den Schäfer so wohl als bey der großen als kleinen Herde und den Schulmann als ihren Hund... Wenn der Schäfer einen guten Hund hält, so kann er sich ruhig in den Graben legen.“
Abt Häsler äußerte sich zur Schulsituation in der Schrift „Gedanken über die Dorfschule“: „Die mehrsten Schulmeisterstellen sind schlecht, indes ist es auch äußerst schwer, sie zu verbessern.“ Die Hauptsache im Lehrbetrieb wären Glaubenslehre, dann „recht gut lesen, ziemlich schreiben, etwas rechnen, der Gebrauch des Kalenders“. Der Bauer rechne „durch eigene Rechenkunst mit Kreuzen, die so uneben nicht ist.“ Es müßte erlaubt sein, daß ein Schulmeister nebenbei ein Handwerk betreibe, „nur kein schmutziges und das viel Platz erfordere, wie z. B. Buchbinder, Schneider, Riemer, er könne sonst nicht leben.. Auch ist es darum gut, weil er sonst im Sommer, da nicht so viel Schule gehalten wird, ein Faulenzer wird oder bei den Bauern tagelöhnern muß, welche ihn verächtlich macht.“ (Schmidt S. 96 f) Der Bau von Schulstuben würden die Bauern ruinieren. Sie wären auch deshalb nicht nötig, „weil die Bauern-Jungen in schmutzigen, dumpfen Stuben gewöhnt ist und in seines Vaters Haus es nicht besser hat, auch die Kinder ganz gesund dabei bleiben“ (Schmidt 97). Superintendent Spohr aus Deensen sah die Lage auf dem Lande ganz ähnlich und äußerte sich in einer Eingabe folgendermaßen. Auf dem Lande gäbe es nur Ackerleute, Handwerker und Tagelöhner. Der Unterricht müßte sie dazu tüchtig machen „entweder den Acker zu bebauen oder ein nützliches Handwerk zu treiben, oder durch Tagelohnarbeit dem Ackermann behilflich zu sein oder als Soldat dem Lande zu dienen“ (Schmidt 119).
Das evangelisch-lutherische Schulwesen auf dem Lande war auch zweieinhalb Jahrhunderte nach der Reformation zum großen Teil verwahrlost.
Ein Impuls für fröhliches Singen im Gottesdienst war von dieser Schule nicht zu erwarten.

Kirchenraum und Kirchengesang
Mit der Einführung des Gesangbuches der Aufklärung begann eine Revolution bei der Gestaltung des Kirchenraumes. Claus Rauterberg zählt in seiner fundierten Arbeit „Bauwesen und Bauten im Herzogtum Braunschweig zur Zeit Carl Wilhelm Ferdinands 1780-1806“ allein 56 Dorfkirchen auf, die in dieser Zeit von Grund auf verändert, manche auch neu errichtet wurden. Zur Bauplanung wurde die Gemeindemitgliederzahl und danach der Raumbedarf im Gotteshaus ermittelt. Jedes Gemeindemitglied sollte in Zukunft seinen eigenen Platz in seiner Dorfkirche erhalten. Weil die Planung von einem Bevölkerungszuwachs ausging, wurden zusätzliche Sitze vorgesehen. Der Kirchenraum erhielt höhere Fenster und wurde heller. Die für unsere Kirchen typischen Kanzelaltäre wurden eingebaut und an den Wänden ringsum Emporen. Die Emporen und der erweiterte Kirchenraum wurden vollständig zugestellt mit Bänken. Die Gemeindemitglieder konnten sich einen Platz kaufen. Auf Sitzplänen wurden die Platzinhaber eingetragen. Der Umbau des Kircheninnenraums hatte erhebliche Folgen für die Akustik und damit für das Singen in der Kirche. Während die Besucher sich früher im freien Raum sammeln und zusammenstehen konnten, wie es auch oft abgebildet ist, blieben sie nunmehr verstreut auf ihren festen Plätzen. Ein Aufeinanderhören war beim Liedersingen nun fast ausgeschlossen. Das zahlreiche Holz in der Kirche schluckte den Schall und dämpfte erheblich die Akustik.
Der Kirchenraum wurde vor allem als Hörsaal verstanden, was für das gemeinsame Singen nicht günstig war.


Choralmelodieen

Notenbild

Der Einbau von Orgeln
Der Kirchengesang der Gemeinde wurde außerdem durch den Einbau von Orgeln in den Dorfkirchen erheblich verändert. Einer Aufstellung von Uwe Pape zu Folge hatten um 1750 alle Stadtkirchen des Herzogtums und 55 Dorfkirchen eine Orgel. Ich halte diese Anzahl für erstaunlich und erfreulich hoch. Immerhin waren Orgeln auf den Dörfern trotzdem noch eine Ausnahme. In 294 Dorfkirchen sang die Gottesdienstgemeinde ohne Orgelbegleitung. Das änderte sich im 19. Jahrhundert allmählich. Es wurden auf den Emporen der Dorfkirchen Orgeln mit 4-9 Registern gebaut. Wie in den Städten waren die Orgeln auch in den Dorfkirchen Begleit- und Konzertinstrumente. Nun hörten die Gottesdienstbesucher beim Singen nicht mehr auf den Nachbarn und auf den Text des anstimmenden Kantors, sondern auf die Töne der Orgel. Das Orgelspiel konnte eine Hilfe sein, sie konnte aber auch als Ersatz für den Gemeindegesang mißverstanden werden.
1832 klagte der Organist der Braunschweiger Martinikirche Joh. Christoph Kelbe: „Die Klagen über schlechten Kirchengesang sind allgemein und das Bedürfnis einer Abhülfe wird immer fühlbarer“ und verfaßte aus diesem Grunde im Auftrag des Konsistoriums ein Choralbuch für das Herzogtum Braunschweig, das bei Vieweg erschien. Kelbe erleichterte den Organisten des Landes das Orgelspielen, indem er den vierstimmigen Satz vollständig aufschrieb. Bisher befanden sich über dem Generalbaß die Ziffern, mit deren Hilfe der Organist den Satz mehrstimmig begleiten konnte. Das Choralbuch enthält vierstimmige Vertonungen von 115 Kirchenliedern und bestätigt damit die oben genannte Anzahl von gängigen Melodien beim Singen der Choräle. Ein Blick auf das Notenbild offenbart nicht nur das langsame, tranige Singen, sondern hinter jedem Vers-Ende befand sich eine Fermate. Die Gemeinde machte also beim Singen einer Strophe mehrere Pausen und unterbrach den Melodiefluß. Außerdem hatten die Organisten die Angewohnheit, hinter den Pausen Schnörkel und Verzierungen zu produzieren, wie sie im Notenbild von „Ein feste Burg“ und „Herzlich tut mich verlangen“ von Kelbe ausnotiert sind. Kelbe hatte diese Ausführung mit dem Kommentar versehen, daß er damit „vor unzeitiger Kunstfertigkeit warnen“ wolle. Die aus heutiger Hörgewohnheit geradezu schrecklichen Zwischenspiele müssen also noch viel ausgedehnter und üppiger gewesen sein, als sie bei Kelbe notiert sind. Das war für das Singen der Gottesdienstgemeinde störend und schädlich. Denn die Gemeinde konnte nicht ahnen, wann das Zwischenspiel des improvisierfreudigen Organisten zu Ende war und sie wieder mit dem neuen Vers beginnen durfte. Kelbe berichtet weiter, daß er die Choräle „von manchen unstatthaften Varianten und Dehnungen älterer und neuerer Zeit“ gereinigt habe. Am Notenbeispiel von „Liebster Jesu wir sind hier“ und „Lobt Gott ihr Christen allzugleich“ fallen uns eher die Vereinfachungen in der Melodieführung auf.
Am Ende seines Choralbuches gibt Kelbe auch die vierstimmige Begleitung der Abendmahlsliturgie wieder. Durch die Orgelbegleitung hat sich nun auch eine mehr konzertartige Untermalung der vom Pfarrer gesungenen Abendmahlsworte herausgebildet, die bei Kelbe schon gebändigt zu sein scheint.


Notenbild

Wie es weiterging und Bewertung
Das Gesangbuch der Aufklärung hat die Landeskirche durch die Französische Revolution und ihre Auswirkungen auf das Herzogtum, die napoleonische Besetzung, die Wirren um die Thronabsetzung Karls II. und die Entstehung einer neuen Landesverfassung, richtiger: Landschaftsordnung, die 50 Jahre lange Regierungszeit Herzog Wilhelms, Reichsgründung und durch die enormen Veränderungen während die Industrialisierung bis ins Jahr 1903 begleitet. Als es 1903 abgelöst werden sollte, hatten sich sehr viele Kirchengemeinden daran gewöhnt.
Aber es hat in der Literatur eine sehr unterschiedliche Beschreibung erfahren. Johannes Beste hat es in seiner Darstellung der Geschichte der Landeskirche aus lutherisch-orthodoxer Sicht vollständig abgewertet. Es hätte in hohem Maße zur Entkirchlichung der Massen beigetragen. Tatsächlich war es eine Antwort auf die bereits eingetretenen Distanzierung der Bevölkerung von der Kirche. Aber das einseitige, vernichtende Urteil ist immer wieder bis in die Gegenwart übernommen worden. Es hat eine verheerende Breitenwirkung in unserer Landeskirche erzielt und sich in Folge der Verwerfung der Aufklärung in der Theologiegeschichte nach dem ersten Weltkrieg noch verfestigt. Eine abgewogene Darstellung des Gesangbuches der Aufklärung hat, ohne auf die Braunschweiger Verhältnisse einzugehen, Paul Sturm im Jahre 1923 veröffentlicht. Inge Mager hat in ihrem Aufsatz über die Rezeption der Paul Gerhardt Lieder in den niedersächsischen Gesangbüchern in einer Fußnote diese Verwerfung vorsichtig in Frage gestellt. Barbara Stroeve hat in einem Aufsatz „Zur Gesangbuchreform im Herzogtum Braunschweig am Ende des 18. Jahrhunderts in Braunschweig-Wolfenbüttel in der Frühen Neuzeit“ 2003 diese vorsichtige Korrektur übernommen. „Meiner Auffassung nach dokumentieren diese Lieder keinen religiösen Substanzverlust, sondern sind vielmehr der Versuch, den Glauben in einem sich wandelnden Alltag lebendig zu halten.“ Sie hätten einen „unübersehbaren ethischen Impetus“ (S. 206).


Neues Choralbuch

Beobachtung und Anfragen
Zusammenfassung

Das 1778 fertiggestellte und 1780 eingeführte Gesangbuch ist von einer Kommission von Pfarrern erarbeitet worden. Es wurde vom Konsistorium veröffentlicht. Es war im Gegensatz zu den vorhergehenden Gesangbüchern ein von der Kirche selbst organisiertes Buch.

Es ist das erste Gesangbuch im heute gebräuchlichen Sinn: ein Buch in der Hand der Gemeindemitglieder, das zum Gottesdienst mitgenommen und aus dem gesungen werden konnte. Das Konsistorium unterstützte die Verbreitung des Gesangbuches für Arme und Soldaten.
In dichter Folge erschienen immer neue Ausgaben dieses Gesangbuches.

Inhaltlich bedeutete dieses Gesangbuch einen völlig neuen Anfang. Die bisherigen Lieder wurden sprachlich vollständig verändert. Das hatte auch erhebliche inhaltliche Veränderungen zur Folge. Der Anteil neuer Lieder aus der Zeit der Aufklärung war hoch.

In dieser Zeit wurde der Innenraum zahlreicher Dorfkirchen stark verändert. Die Erweiterung der Fenster ermöglichte überhaupt erst ein Lesen des Gesangbuchtextes. Der Einbau von Bänken und die Einrichtung fester Plätze löste aber das bisherige Zusammenstehen auf und erschwerte das Singen.
Erst im 19. Jahrhundert wurden in den meisten Dorfkirchen Orgeln eingebaut. Der bisher vom Kantor und seinen Schülern angeführte Kirchengesang wurde nun vom Orgelklang diktiert.

Der Zusammenhang von Schule und Kirche blieb zwar bestehen, aber es mehrten sich die Stimmen, die eine Auflösung des eng verflochtenen Verhältnisses forderten. Trotzdem blieb der Lehrer des Dorfes als Kantor mit seinen Schülern oder als Organist für den Gesang im Gottesdienst die leitende Person.


Zum Teil 4: Reformbemühungen für ein anderes Gesangbuch im 19. Jahrhundert – der zweite Anhang






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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Gesangbuch/T1K3.htm, Stand: Dezember 2007, dk

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