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[Kirche von unten]

Das Kirchenjahr im Spiegel der Braunschweiger Gesangbücher

von Dietrich Kuessner

3. Kapitel




Die Passionslieder

Passionslieder in den Braunschweiger Gesangbüchern durch die Jahrhunderte
 Jahr 1698 1780 1902 1950 1994
 Anzahl 46 42 24 27 29
 Kommt her und schaut 132 (15)        
 Christus der uns selig macht 133 (8)   86 (1) 56 (8) 77 (8)
 O Lamm Gottes unschuldig 134 (3) 125(3)* 87(3) 55 (3) 190.1 (3)
 Christe du Lamm Gottes 135 (3) 124(3) 68(3) 136 (3) 190.2 (1)
 O Christe Jesu Gottes Sohn 136 (28)        
 Laß uns doch Christo dankbar sein 137 (2)        
 O Jesu Gottes Lamm für unsre Sünd 138 (14)        
 O wir armen Sünder unsre Missetat 139 (6)     57 (7)  
 Sieh an uns arme Sünder Gott 140 (12)        
 Jesu meines Lebens Leben 141 (8) 117(8)* 80(8) 65 (8) 86 (8)
 O Haupt voll Blut und Wunden 142 (10) 136(10)* 85(10) 63 (10) 85 (10)
 Wenn meine Sünd mich kränken 143 (8) 135(8) 93(8) 61 (8) 82 (8)
 Hilf Gott daß mir's gelinge 144 (13)        
 Herzliebster Jesu was hast du 145 (15) 102(15)* 77(12) 60 (13) 81 (11)
 Ach Herr wie schrecklich ist dein Grimm 146 (13)        
 Jesu deine heilgen Wunden 147 (6)   79 (5)    
 O falsche Treu ach Heuchelei 148 (10)        
 O großer Gott ins Himmelsthron 149 (16)        
 Bevor Christus ohne Schuld 150 (6)        
 Bringt uns denn das die Seligkeit 151 (20)        
 Siehe mein getreuer Knecht 152 (18)        
 Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld 153 (10) 131(7)* 72(9) 62 (8) 83 (7)
 Herr Jesu deine Angst und Pein 154 (6) 118(6)* 75(5) 69 (5) 89 (5)
 O du allerliebster Gott 155 (6)        
 O große Not o großer Spott 156 (6)        
 Wer ist dieser der durchdringet 157 (7)        
 Weg weg mit dir du schnöde Welt 158 (7)        
 O Welt sieh hier dein Leben 159 (16) 128(15)* 89(13) 64 (15) 84 (13)
 Wenn ich in Todesnöten 160 (8)        
 O edle Wunden was soll ich 161 (4)        
 Herr was sind das für Wunden 162 (6)        
 Jesu o du edle Gabe 163 (10)        
 O teures Blut o rote Flut 164 (8)        
 Da Jesus an des Kreuzes Stamm 165 (9)        
 Da Jesus an dem Kreuze stund 166 (9)        
 O Jesu deine sieben Wort 167 (9)        
 Bedenk o Mensch die Angst und Not 168 (4)        
 O Traurigkeit o Herzeleid 169 (8)   88(8) 73 (6) 80 (5)
 Nun gibt mein Jesus gute Nacht 170 (20)        
 Weil mein liebster Freund gestorben 171 (11)        
 Ist dieser nicht des Höchsten Sohn 172 (12)        
 Brich entzwei mein armes Herze 173 (8)        
Als Gottes Lamm und Leu 174 (10)        
 Weil du für mich den bittren Tod 175 (7)        
 Jesu dein betrübtes Leiden 176 (7)        
 Jesu meiner Seelen Licht 177 (10) 122 (9)      
1780  Meine Seel ermuntre dich 96 (15)      
  Herr stärke mich dein Leiden zu bed 97 (10) 76(10) 71 (8) 91 (10)
  Weg Welt mit deinen Freuden 98 (8)      
  So gehst du Jesu williglich 99 (6)      
  Was für Leiden starker Held 100 (8)      
  Mein Jesu für dein Herz 101 (13)      
  Seht welch ein Mensch 103 (10)      
  O blinde Wut o Durst nach Blut 104 (12)      
  Erhebe vom Geräusch der Welt 105 (3)      
  Am Kreuze rief der Sohn 106 (15)      
  Begleite mich nach Golgatha 107 (10)      
  Erniedrigt hatte sich bereits 108 (9)      
  Um Gnade für die Sündenwelt 109 (6)      
  Lobsingt ihr Völker preist den Sohn 110 (11)      
  Nun ist es alles wohlgemacht 111 (11)      
  Die Sonne stand verfinstert 112 (12)      
  Am Kreuz erblaßt der Marter Last 113 (10)      
  Frohlocke mein Gemüte 114 (4)      
  Sei hoch gepriesen Herr für deine Liebe 115 (8)      
  Gott der du für uns deinen Sohn 116 (9)      
  Erforsche mich erfahre mein Herz 119 (8)      
  Herr an dein Kreuz zu treten 120 (9)      
  Schwing dich auf gen Golgatha 121 (8)      
  Mein Erlöser Gottes Sohn 123 (9)      
  Wie grundlos sind die Tiefen 126 (11)      
  Der am Kreuz ist meine Liebe 127 (6) 69 (6) *    
  O Herr mein Heil der du für mich 129 (15)      
  Laß deinen Geist mich stets 130 (14)      
  Mein Erlöser auch für mich 132 (4)      
  Der du der Strafen schwere Last 133 (11)      
  Jesu Christ durch deine Wunden 134 (8)      
  So schlummerst du 137 (8) 92 (7) 74 (7)  
  1902  Der du Herr Jesu Ruh und Rast 70 (3)    
  Eines wünsch ich  mir vor allem andern 71 (4) 406 (4) 547 (4)
  Es ist vollbracht 73 (5)    
  Herr Jesu Christ dein teures Blut 74 (4)    
  Jesu deine Passion 78 (6) 67 (6) 88 (6)
  O du Liebe meines Lebens 84 (5)    
  Seele geh nach Golgatha 90 (8) 488(8)  
  Sei mir tausendmal gegrüßet 91 (4) 402 (4)  
    Wir danken dir Herr Jesu Christ 94 (4) 59 (4) 79 (4)
  1950  O Mensch bewein dein Sünde groß 54 (2) 76 (2)
  Jesu Kreuz Leiden und Pein 58 (10) 78 (10)
  Du großer Schmerzensmann 66 (6) 87 (6)
      Seele mach dich heilig auf 68 (5)  
  Ich grüße dich am Kreuzesstamm 70 (2) 90 (2)
  Christe du Schöpfer aller Welt 72 (6) 92 (6)
  Ach Jesu mein was große Pein 404 (4)  
      Du Brunnquell aller Liebe 405 (4)  
  1994  Ehre sei dir Christe 75 (1)
    Nun gehören unsre Herzen 93 (4)
  Das Kreuz ist aufgerichtet 94 (5)
  Seht hin er ist allein im Garten 95 (4)
  Du schöner Lebensbaum 96 (6)
  Holz auf Jesu Schultern 97 (6)
  Korn das in die Erde 98 (3)
  Jetzt, da die Zeit sich nähert 548 (3)
        Am Abend nach dem Lobgsang 549 (10)

Beobachtungen zu den Passionsliedern in den fünf Gesangbuchgenerationen

a) Die Gesangbuchsammlung von 1698
enthält 46 Lieder zur Passionszeit (Nr. 132-177). Davon werden neun von allen weiteren Gesangbuchgenerationen übernommen (EG 81-86; 89; 190.1; 190.2). Im heutigen EG stehen 13 Lieder, die schon im Gesangbuch 1698 vorhanden waren. Zu den eben aufgezählten noch: EG 75; 77; Nr. 80. 32 Lieder wurden dagegen nicht mehr in die nächste Gesangbuchgeneration übernommen.
Von diesen 32 Liedern stammten drei von Johann Rist ( Nr. 149/ 170/ 172), zwei von Paul Gerhardt (Nr. 152/ 174), zwei vom Hamburger Pfarrer Balthasar Schuppius (Nr. 158/ 161), außerdem von Johann Heermann (Nr. 146), Ernst Christian Homburg (Nr. 148), Simon Dach (Nr. 164), Valentin Thilo (168) und anderen; sieben wurden als Anonymus angegeben.

Die ersten Lieder geben in einer Art Historienmalerei die Handlung der Passion Jesu wieder, angefangen vom Gebet und der Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane bis zu seinem Tod. „Komm her und schaut/ kommt laßt uns doch von Herzen/ betrachten Christi Leiden“ lautet die programmatische Aussage des ersten Liedes (Nr. 132,1). Es ist wird stundenweise beschrieben, von der ersten, dritten, sechsten und neunten Stunde an (Nr. 133) und nicht nur beschrieben sondern in der zweiten Strophenhälfte auf den Frommen gedeutet: „Die Jünger flohen von dir all/ auch Petrus leugnet dich dreimal/ eh als der Hahn noch krähet/ daß wir uns hüten desto mehr/ und frei bekennen deine Lehr/ ob gleich Gefahr drauf stehet“(136,7). In 28 Strophen dieses unbekannten Dichters werden die Passionsstationen gedeutet. „Eh man zum Tod dich führt hinaus, zog man dir deine Kleider aus/ du mußtest alles leiden/ daß du uns mit dem rechten Kleid/ des Heils und der Gerechtigkeit/ dagegen möchtest kleiden“ (136,17).
Die Lieder sind zu einem großen Teil mit Bibelstellen (insgesamt 21) aus dem Alten und Neuen Testament versehen, später auch mit erklärenden Überschriften: „Von Christi Leiden im Garten“ (155), „Von Jesu Leiden im Richthaus Pilati“ (156), „Von der Hinführung Jesu zur Richtstätte“ (157), „Von der Kreuzigung Jesu“ (158), „Von den Wunden Jesu“ (161), „Von dem Blute Jesu“ (162), „Von den sieben Worten Jesu am Kreuz“ (165 - 168), „Begräbnis Jesu“ (170). Es ist ein gereimtes Passionsdrama. Gelegentlich reicht die Darstellung über Ostern und Himmelfahrt bis zur Pfingstgeschichte (Nr. 144) Möglicherweise wurden solche Passionsdramen auch im Gottesdienst vorgelesen (Handbuch I, S. 262).
An diesem Passionsdrama konnte sich das singende Gemeindemitglied beteiligen und sich über die Passion empören: „O falsche Treu/ Ach Heuchelei/ Ist das nicht Sünd und Schande?/ Jesus will man dulden nicht/ in dem Lebenslande// Die freche Schar/ ganz offenbar/ den zarten Leib entkleiden/ speien ihn ins Angesicht/ doppelt Pein zu leiden// Ja was noch mehr/ sie geißeln sehr/ durchbohren und durchpfriemen/ meinen Jesum daß sein Leib/ voller Wunden Striemen“ (148,1,3,5). Das ist sozusagen die Außenansicht der Passion, an der teilzunehmen Joh. Heermann sogar Gott auffordert: „Schau an“, „Schau doch“ wird Gott aufgefordert: „Schau doch wie bluten sein Händ“ (146,6), „schau an mit was für Grausamkeit/ hat man sein allerheiligst Seit/ mit einem Speer durchdrungen“ (146,7), „schau Herr, wie ist sein Leib entblößt..wie blaß sind seine Wangen/ der Leib verschmacht’/ der Mund verbleicht/ den Armen alle Kraft entweicht/ die Bein gestrecket hangen“ (46,10).

Wie bei jedem guten Drama identifiziert sich der Zuschauer mit den handelnden Personen, und zwar in doppelter Weise, entweder verliebt er sich in eine der handelnden Personen oder er sympathisiert mit dem Bösewicht. Im ersteren Fall macht sich der Fromme Jesus zum Freund, mehr noch; zum Verliebten, zum Schatz. Mit dem leidenden Jesus leidet der Fromme wie eine Braut um ihren Bräutigam. Die fromme Seele klagt um die Entkleidung ihres Bräutigams: „O große Not/ o großer Spott/ den mein Heiland leidet/ der die ganze weite Welt/ schmücket, ziert und schön erhält. / Jesus wird entkleidet// Man entblößt das keusche Lamm/ den verlobten Bräutigam/ und die heiligen Glieder“ (156, 1. 2). Der sterbende Jesus küßt den Frommen: „sein Haupt er neiget mir zum Kuß/ aus herzlichem Verlangen“ (160,3). „Jesulein mein Schatz ist tot“ klagt der Sänger am Ende von allen acht Strophen des Liedes „Brich entzwei mein armes Herze“ (Nr. 173), „weil mein liebster Freund gestorben“, beginnt ein Lied zum Begräbnis Jesu (Nr. 171,1).
Die andere Art ist die Identifikation mit dem Schurken, dem Bösewicht, dem Verursacher der dramatischen Situation. Das nun nicht mehr bloß zuschauende und mitleidende, sondern mitbeteiligte Gemeindemitglied, das nach den Ursachen dieses gräßlichen Leidens fragt, erhält die von Paulus vorgegebene, aber überraschende Antwort: „Ach freilich/ wir wir haben ihn geschlagen ans Holz..Ach unsre Sünd ist Ursach seiner Wunden/ wir haben ihm die Ruten selbst gebunden“ (Nr. 132,11+12). „Für unsere Sünd geschlachtet“ (Nr. 138,1), für unsre Sünd gestorben williglich“ (Nr. 139,3). Dadurch wird aus der Außenansicht eine dramatische Innenansicht. Das singende Gemeindemitglied wird an dem Passionsdrama mitbeteiligt, nicht nur, wie oben geschildert, als protestierender Zuschauer sondern als Verursacher. Die Sünde des Frommen ist die Ursache des Leidens Jesu: „Mein Sünden-leid/ mein Üppigkeit/ hat dich so hart geplaget/ Jesu meine Missetat hat dich angeklaget“ (Nr. 148,8).
„Du trägst die Strafe meiner Schuld und schweren Missetaten“( 149,10). Die Sünde hat Gottes Zorn herausgefordert, den der Sohn durch seinen Tod kühlt. Der Sohn Gottes muß den Sündenlohn empfangen, „des Vaters Grimm zu kühlen“ (Nr. 151, 12).

Der durchgehende Grundgedanke der Passionslieder ist der stellvertretende Charakter des Leidens Jesu.
Dieses stellvertretende Tun wird gelegentlich mit im Drama verarbeitet: „Er tat deine Bosheit ab und nahm sie gänzlich mit ins Grab“ (Nr. 170,15). Und die Mitbeteiligung des zuschauenden Frommen setzt sich bei der Auferstehung fort: „Sterb ich nun gleich was ist es mehr/ steh ich doch auf mit Pracht und Ehr/ im Grabe bleibt der Sündenschlamm/ den ich aus dieser Welt mitnahm“ (Nr. 170,16).

Das Kreuz und das Blut Jesu haben in der Hand des Frommen eine doppelte Wirkung: sie schrecken ab und machen glücklich. Das Kreuz hat abschreckende Wirkung auf den Satan. „Dringt der Satan ein zu mir/ hilf daß ich ihm halte für/ deine Wundenmal und Zeichen/ daß er von mir müsse weichen“ (147,2). Es ist die Zeit der Hexenprozesse. Das Blut Jesu macht glücklich und ist wie ein Labsal. „Jesu , o du edle Gabe/ mich mit deinem Blute labe“ (163,1).

Für das stellvertretende Leiden, für die Begleichung der Schuld sagt der Fromme tausendmal Dank. Zwei Danklieder stehen ziemlich am Anfang der Passionslieder. Zehn mal beginnt eine Strophe mit „Ich danke dir“. „Ich danke dir für deine Herzensangst.., daß du dich lassen hart verklagen.., daß du dein Kreuz für mich getragen.., daß du wie ein Fluch aufgehangen.., daß du das Paradies geschenkt dem Schächer.., daß du auch bist für mich begraben“ (138,1.2.4.7.8). Das andere Danklied ist das bekannte, auch im EG vorhandene „Jesu, meines Lebens Leben“ (141 = EG 86).

Das Passionsdrama gehörte im Mittelalter zum selbstverständlichen Erlösungsschema der Menschen. Sein Defizit lag in der Art des aufrechnenden Heilsschemas, das im 17. Jahrhundert wieder aufgenommen wurde und die Erkenntnisse der Reformation in Frage stellte. Für Luther war ein wesentlicher Bestandteil der „Theologie des Kreuzes“ der unter dem Kreuz verborgene Gott. Im Laufe der Autonomiebestrebung des Bürgers seit der Renaissance beugte sich der Mensch nicht mehr unbesehen dem Dogma der Kirche und entfernte sich von ihr zunehmend. Diese Passionstheologie hat die Menschen dem Gottesdienst und der Kirche entfremdet. Das ist bis heute spürbar.

Von dieser ausladenden Sündenschuldtheologie hebt sich das Lied von Justus Gesenius, dem ehemals Braunschweiger Magnipfarrer und Hannoverschen Generalsuperintendent „Wenn meine Sünd mich kränken“ (143) ab. Der Fromme wird angehalten „zu bedenken“ (143,1), „recht zu betrachten (143,2), theoretisch zu fragen „Was kann mir denn nun schaden?“ (143,3). Das Lied mündet in die Bitte, „dem Exempel Jesu“ zu folgen und die Welt zu verleugnen. Das Handeln Jesu und des Frommen ist durchaus vergleichbar: „Laß mich an andern üben/ was du an mir getan/ und meinen Nächsten lieben/ gern dienen jedermann“(143,7). Gesenius nahm mit diesem Lied zahlreiche Gedanken der Aufklärung vorweg und es ist bezeichnend, daß die nächste Gesangbuchgeneration dieses Lied kaum veränderte. Es ist das einzige Lied, das daher mit allen acht Strophen bis in das EG (EG 82) gelangt ist. Das macht allerdings heute auch seine Problematik aus. Auf den Konditionalsatz „Wenn meine Sünd mich kränken“ antwortet heute der Fromme möglicherweise: „Und wenn nicht? Wenn sie mich nicht kränken, was dann?“

b) Passionslieder im Gesangbuch der Aufklärung
Es ist erstaunlich, daß das Gesangbuch der Aufklärung mit 42 Passionsliedern fast genauso viele Lieder enthält wie das vorhergehende (46 Lieder). Die Passionstheologie bleibt auch in der Zeit der Aufklärung in der Kirche ein zentrales Thema. Die Passionslieder sind zur Erleichterung der Benutzer inhaltlich folgendermaßen gegliedert: „Erweckung zur fruchtbaren Betrachtung des Leidens Jesu“; „von dem innerlichen Leiden Jesu“; „äußerliche Leiden Jesu“, unterteilt in: die an ihm verübten Grausamkeiten; Kreuzigung Jesu. „Letzte Reden Jesu am Kreuz“; „Fürbitte Jesu am Kreuz für seine Feinde“; „Es ist vollbracht“; „Der Tod Jesu“, „Erweckung zur Dankbarkeit für die Leiden Jesu“; „Erweckung zur Buße aus dem Leiden Jesu“; „Erweckung zum Glauben aus dem Leiden Jesu“; „Erweckung zur Gegenliebe gegen Jesum aus dem Leiden“; „Anwendung der Leiden Jesu zur Tugend“; „Anwendung der Leiden Jesu zur Geduld im Leiden“; „Antrieb zur Selbstverleugnung aus Jesu Leiden“; „Trost und Beruhigung aus den Leiden Jesu“, „Begräbnis Jesu.“ Diese 17 benutzerfreundlichen Überschriften lesen sich wie eine Predigtgliederung: 1) die Stationen der Passion Jesu (Gethsemane, vor dem Hohen Rat, Kreuzigung, die sieben Worte Jesu am Kreuz), 2) die geistliche Bedeutung des Todes Jesu, nämlich die Erweckung zu Dank, Buße, Glaube und Liebe; 3) die ethische Folgen aus der Betrachtung der Passion, nämlich Tugend, Geduld, Selbstverleugnung und Trost. Diese Gliederung entspricht einem geradezu zeitlosen homiletischen Frageraster bei der Auslegung biblischer Texte: 1) was ist passiert? 2) was bedeutet das Geschehen? 3) Was bedeutet es für mich persönlich? Darin entsprach diese Gliederung der herkömmlichen Theologie.

Diese Gliederung wird eingeleitet mit einem pädagogischen Hinweis im Lied Nr. 96, das Leiden Jesu „fruchtbar“ zu betrachten. Es ist eine Belehrung über die Grundzüge der Passion Jesu: das Verdienst Jesu, der den Tod überwunden habe, im Gegenzug übergibt der Fromme Jesu sein Leben. Auch im zweiten Lied geht es darum, „das Leiden zu bedenken“. Es ist das zeitgenössische Gellertlied „Herr stärke mich, dein Leiden zu bedenken“ (Nr. 97/ EG 91).
1) Die folgenden Passionslieder (Nr. 99 – 113) beantworten die Frage „Was ist passiert?“ ´und sparen nicht mit einer drastischen Schilderung der Situationen. Das Gebet Jesu in Gethsemane: „Du Held, der andern Stärke gibt/ was kann dich so erschüttern/ Auch seine Seele wird betrübt/ des Helden Glieder zittern/ Auch hingesunken auf die Knie/ arbeitet er in schwerer Müh/ und kämpfet im Gebete/ Er wünscht den bangen Kampf verkürzt/ wer sieht dies und wird nicht bestürzt/ O schaudervolle Stätte“ (Nr. 99,2). Die Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane wird ausführlich beschrieben „Kaum naht sich die Gefahr/ so bebt der Jünger Schar/ Die erst sich hoch vermessen/ eh sie die Treu vergäßen/ den Tod auch vorzuziehn/ verlassen dich und fliehn// Der kühn sein Schwert gezückt/ Dein Petrus selbst erschrickt/ er flieht eh Bande drohen/ doch da er feig entflohen/ ermannt er sich von allen/ um schrecklicher zu fallen (Nr. 101,2+3).
Es sind vier Lieder von Schlegel (Nr. 99/ 100/ 101/ 104), die diese Beschreibung dominieren: „O blinde Wut/ O Durst nach Blut/ als nie erhöret worden/ Ihn den Lebensfürsten selbst/ wagt man zu ermorden.// Frech, ruchlos, blind/ Unmenschen sind/ die ihn so grausam höhnen/ dass sie den Zergeisselten/ noch mit Dornen krönen“ (Nr. 104,1+6).
2) Das Gewicht der geistlichen Aussagen lag in den Liedern, die der Erweckung dienen sollten (Nr. 114 – 127), etwa der Erweckung zum Glauben: „Laß sobald mein Herz erschrickt/ über seine Sünden/ wenn auf dich mein Glaube blickt/ mich Herr Gnade finden/ Sieh ich fall zerknirscht von Reu/ mit wahrhafter Buße/ und dem Vorsatz bessrer Reu/ Jesu dir zu Fuße// Nun ich weiß, worauf ich bau/ und bei wem ich bleibe/ wessen Fürsprach ich vertrau/ und an wen ich gläube“ (Nr. 122,7+8). Hier findet sich auch das bekannte Lied „Christe du Lamm Gottes“ von Martin Luther unverändert (Nr. 124/ EG 190.2) und das „O Lamm Gottes unschuldig“ von Decius in einer sehr emotionalen, vollständigen Umarbeitung: „O Lamm Gottes im Staube/ mit Blut und Tränen bedecket/ Dein tröste sich mein Glaube/ wenn Tod und Sünde mich schrecket/ dein Ringen, Winseln Klagen/ dein Todeskampf dein Zagen/ sei meine Ruhe Herr Jesu// O Lamm Gottes unschuldig/ trugst du die herbe Verhöhnung/ und immer so geduldig/ zu meines Frevels Versöhnung/ Dein Bild müss uns beleben/ zu dulden zu vergeben/ Wie du zu lieben Herr Jesu// O Lamm Gottes so kläglich/ zerfleischt durchgraben geschlachtet/ dein Tod belehr uns täglich/ wie hoch du Seelen geachtet/ Er schreck uns ab von Sünden/ er müß uns dir verbinden/ zu steter Liebe Herr Jesu“ (Nr. 125).
3) Welchen ethischen Impuls gibt die Betrachtung der Passion? Das Wort „Tugend“ hatte zu Gellerts Zeit im Gegensatz zu heute einen ausgesprochen positiven Klang. So sollte die Passion Jesu nach Gellert zur Tugend anleiten: „Ja wenn ich stets der Tugend Pfad betrete/ im Glauben kämpf, im Glauben wach und bete/ so ist mein Heil schon so gewiß erstrebet/ als Jesus lebet// Lockt böse Lust mein Herz mit ihrem Reize/ so schrecke mich dein Wort das Wort vom Kreuze/ und werd ich matt im Laufe guter Werke/ so sei mir’s Stärke// Seh ich dein Kreuz, den Klugen dieser Erde,/ ein Ärgernis und eine Torheit werden/ so sei’s doch mir trotz allen frechen Spottes/ die Weisheit Gottes“ (Nr. 130 10+11+12). Die letzte Strophe hat man später aus diesem Lied herausgelöst und dem Lied „Herr stärke mich dein Leiden zu bedenken“ hinzugefügt (EG 91,5).
Die Passionsstationen werden zum Vorbild für den Betrachter, z.B. Jesu „heiliges Betragen“ am Kreuz, nämlich für die Feinde zu bitten und für seine Mutter und den Jünger Johannes zu sorgen: „Er sah die Mutter, sah den Freund/ liebt, sprach der treue Menschenfreund/ liebt euch, wir sehn uns wieder/ So sag ich einst den Meinen auch/ Liebt euch, dann liebet Gott euch auch. Liebt euch wir sehn uns wieder“ (108,4). Neander nahm das beliebte zeitgenössische fromme Motiv des Wiedersehens der Verstorbenen im Himmel, das in der Bibel und auch in der Passionsgeschichte nicht bezeugt ist, in sein Lied auf und trug es in das Kreuzeswort Jesu „Siehe das ist dein Sohn, siehe das ist deine Mutter“ hinein.

Das Gesangbuch der Aufklärung enthielt 32 neue Lieder, trotzdem blieb auch in diesem Gesangbuch die Struktur des Heilsschemas aus dem orthodoxen Gesangbuch vollständig enthalten: der Zorn Gottes – die Verdorbenheit des Menschen – die Passion als Stellvertretung – die Erlösung, das Glück des Frommen.
Schon im ersten Lied, das kompendiumhaft die Passion zusammenfaßt, wird dies deutlich: „Sieh der wahre Gottessohn/ ist für dich ans Kreuz geheftet/hier hängt er voll Schmach und Hohn/ blutig schmerzensvoll entkräftet/ ach für dich mit Fluch beschweret/ wo ist größre Lieb erhöret// Du du solltest große Pein/ ewig in der Hölle leiden/ und von Gott verstoßen sein/ ewig fern von allen Freuden/ Nun trägt Jesus deine Sünden/ daß du könntest Gnade finden“ (Nr. 96,2+3).
Die Passion kann er von außen sehen. „Begleite mich nach Golgatha/ o Christ auf dessen Höhen/ die Welt die höchste Liebe sah/ sah was sie nie gesehen“ ( Nr. 107,1). Die folgenden Strophen beginnen: „Sieh den Blutberg dort von weitem ( Nr. 107, 2), „sieh ihn bei seinem größten Schmerz“ (Str. 3). Es ist in den ersten Strophen ein Schauspiel.
Vorrangig aber ist das Bekenntnis, daß der „Zuschauer“ das Leiden Jesu verursacht habe. Die Ursache für das Leiden im Gebetskampf Jesu in Gethsemane nimmt der Fromme auf sich: „Ach Herr der Sündenknecht war ich/ Ich sollte Blutschweiß schwitzen/ es sollten billig nur auf mich/ der Rache Wetter blitzen“ (99,4). „O Seele, denkst du auch dabei/ an deine Sünden. Bist du frei/ von Schuld am Tode Jesu?“ (Nr. 103,6).
Die zwar umformulierten Paul Gerhardt-Lieder bleiben inhaltlich aber unverändert. Auf die Frage, „was ist die Ursach dieser deiner Plagen?“ antwortet er: „Ich großer Mittler, ich hab das verschuldet/ was du erduldet“ (Nr. 102,4), und auf die andere Frage Gerhardts „Wer hat dich so geschlagen?“ antwortet der Fromme: „Ich ich und meine Sünden/ der sich so viele finden/ wie Sand am weiten Meer/ die haben dich geschlagen..ich bins ich sollte büßen/ in ewgen Finsternissen../die Geißeln und die Banden/ und was du ausgestanden/ das alles Herr hab ich verdient“ (Nr. 128,3-5).
Der Mensch versinkt in theatralischem Überschwang in Selbstanklagen: „Ich bin verderbt/ vom Fuße bis zum Scheitel/ Mein Herz ist trotzig widerspenstig eitel/ mein bestes Tun ist mangelhaft und sündlich/ ich fehle stündlich“ (126,7).
Für das am Kreuz vergossene Blut und seine Erlösung dankt der Fromme: „Für alle stirbt er auch für mich/ ergießet hier sein Leben sich/ in milden Strömen Blutes/ o teures Lamm wie soll ich dir/ dafür gnug danken daß du mir/ erzeigest so viel Gutes“ (aus dem 3. Gerhardtlied „Ein Lamm geht hin“ Nr. 131,4).

Der Fromme sieht sich schließlich selber von der Passion Jesu im Herzen durchbohrt unter dem Kreuz stehen. Nach der bekannten Melodie „Jesus meine Zuversicht“ singt er: „Du für uns erwürgtes Lamm/ Groß ach groß ist deine Liebe/ Schau von deines Kreuzes Stamm/ wie ich mich um dich betrübe/ Ich bin schuldig. Aller Schmerz/ der dich trifft durchbohrt mein Herz.“ Nun leiden sie also beide: Jesus am Kreuz und der Fromme unter dem Kreuz. Diese Einigkeit mündet in die Bitte, unverwandt auf Jesus zu sehen. „Kreuzige mein Fleisch und Blut/ lehre mich die Welt verschmähen// laß auf dich du höchstes Gut/ immer unverwandt mich sehen/ und im Kreuze führe mich/ selig wenn schon wunderlich“ (121,7).
Auch das Passionslied der Aufklärung entwickelt eine Art Kulissentheologie, das dem orthodoxen Passionsdrama entspricht.
Es wäre zu überlegen, ob aus der Sicht des singenden Gemeindemitgliedes der Unterschied zwischen den Liedern des ersten und des zweiten Gesangbuches wirklich so erheblich gewesen ist, wie es in der Theologie – und Dogmengeschichte gemacht wird.

c) Das Gesangbuch von 1902 reduzierte die Passionslieder um fast die Hälfte. Es ist die vergleichsweise geringste Anzahl von 24 Liedern. Davon gehörte die Hälfte bereits dem Gesangbuch von 1698 an und wurden in ihre Originalfassung zurückgeführt. Drei Lieder wurden vom Vorgängergesangbuch übernommen und neun Lieder neu entdeckt.
Zu den beliebten Liedern der Passionszeit gehörte Nr. 69 „Der am Kreuz ist meine Liebe“, das daher auch ganz an den Anfang aller Passionslieder gerückt worden ist. Es stammte von Ahasverus Fritsch (1629-1701), dem Konsistorialpräsidenten und Kanzler der Kirche des thüringischen Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt. Es war ein außerordentlich beliebtes Lied und stand in den 30iger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch in 16 Gesangbüchern der Deutschen Evangelischen Kirche. Es ist ein Bekenntnislied. Insgesamt 12 mal wird der Satz, „der am Kreuz ist meine Liebe“ jeweils am Anfang und am Ende jeder Strophe wiederholt, am Schluß mit dem Zusatz: „weil ich mich im Glauben übe.“ Dieses Bekenntnis zu Jesus wurde seinerzeit angezweifelt. Daher fragte der Dichter in der 2. Strophe: „Frevler was befremdet dich, daß ich mich im Glauben übe?“ Jesus ist ihm Friedensschild und Lebensbild. Es ist ein schlichtes Jesuslied, das den Frommen mit bekannten biblischen Zitaten in eine innige Beziehung zu Jesus hineinsingt.
Im Gesangbuch der Aufklärung hatte es bereits eine starke Umwandlung erfahren. Dort endete das Lied in allen sechs Strophen mit dem Satz, Jesus wäre „der Erwürgte, der für mich beim Richter bürgte.“ Ein Vergleich der jeweils ersten Strophe im Braunschweiger Gesangbuch 1780 und 1902 und im Württembergischen Gesangbuch:

1902
Der am Kreuz ist meine Liebe
Mein Lieb ist Jesus Christ
Weg ihr argen Sündentriebe
Welt und Fleisch mit eurer List
Eure Lieb ist nicht von Gott
Eure Lieb ist gar der Tod
Der am Kreuz ist meine Liebe
Weil ich mich im Glauben übe
1780
Der am Kreuz ist meine Liebe
Meine Lieb ist Jesus Christ
Weicht ihr schnöden Fleischestriebe
Alles fern was eitel ist
Eitle Wollust wirkt den Tod
Wer sie liebt ist nicht von Gott
Meine Lieb ist der Erwürgte
der für mich beim Richter bürgte.
Württemberg 1912
Der am Kreuz ist meine Liebe
und sonst nichts auf dieser Welt
O daß er’s doch ewig bliebe
der mir jetzt so wohl gefällt
Nun mein Herz soll immerfort
fest bestehn auf diesem Wort
sei es heiter oder trübe:
der am Kreuz ist meine Liebe.

Die stärksten Veränderungen erfuhr das Lied in der Württembergischen Version. Es kürzte um eine Strophe und behielt lediglich im Schlußvers den Satz „der am Kreuz ist meine Liebe“. Er wurde auch im jeweiligen Anfangsvers ersetzt. Die im Braunschweiger Gesangbuch 1902 wiedergegebene Version war jene, die sich allgemein durchgesetzt hatte. Das Lied ist ein Beispiel für die Zähigkeit der Gemeinden, sich ein Lied nicht nehmen zu lassen.

Eine neue Errungenschaft des Braunschweiger Gesangbuches war Albert Knapps „Eines wünsch ich mir vor allem andern“ (Nr. 71), das bald besonders in der Passionszeit und beim Abendmahl sehr populär wurde. Es konnte seinerzeit als zeitgenössisches Lied gelten. Es eroberte sich einen Platz in allen 19 Gesangbüchern der Deutschen Evangelischen Kirche und als es 1950 aus dem Stammteil des EKG gestrichen worden war, holten es sich viele Landeskirchen in ihre Liederanhänge zurück (EKG 406= EG 547). Es ist völlig undogmatisch und pflegt statt dessen eine Art von persönlicher Christuszentrik. Nur einen Wunsch hat der Fromme: unverrückt auf Jesus zu sehen, „wie er dürstend rang um meine Seele“ (Str. 2), wie er hinter dem einen verlorenen Schaf, nämlich dem Frommen, herging (Str. 3) und schließlich das Gelübde: „Ich bin dein, sprich du darauf ein Amen, und: „mit dir tun und mit dir alles lassen“. Es ist mit vier Strophen kurz, und komponiert jenen Wohlfühlglauben, der weder durch zu schwülstige Bilder noch durch schwere theologische Inhalte den Frommen überfordert, aber ihn sehr direkt anspricht. Die Eindringlichkeit dieser persönlichen Ansprache und Zwiesprache darf nicht unterschätzt werden und hat viel zur Beheimatung in der Kirche beigetragen.

Benjamin Schmolcks literarischer Stil kam dem Zeitgefühl weit entgegen. Von ihm waren genauso viel Lieder wie von M. Luther, nämlich 23, im Gesangbuch versammelt. Von ihm stammte das Passionslied „Seele geh auf Golgatha“ (Nr. 90= EKG 488), das auf die Melodie „Jesus meine Zuversicht“ gesungen wurde. Es begegnet uns seinerzeit noch in zehn weiteren Gesangbüchern der DEK. Wie im Lied „Eines wünsch ich mir vor allem andern“ wird der Tod Jesu vollständig auf den Einzelnen hin entfaltet, näherhin: auf die Empfindungen der mitleidenden Seele, die sich unter dem Kreuz von Golgatha niedergelassen hat. „Dein im Blute wallend Herz/ setzet mich in tausend Schmerz“ (Str. 4). Der Fromme gewinnt Kraft durch den Anblick der Wunden Jesu. Daher bittet er: „Laß dein Herz mir offen stehn/ öffne deiner Wunden Türe/ da hinein will ich stets gehn/ wenn ich Kreuz und Not verspüre“ (Str. 6), „führ in allem Kreuze mich/ wunderlich nur seliglich“. In Schmolcks leicht voluminöser Art endet das Lied mit dem Bild, daß der Fromme auch an seinem Ende in den Wunden Jesu ruhen und sich dessen Kreuzeswort zu eigen machen wird. „Wer darin (nämlich in den Wunden Jesu) sein Bette macht/ spricht zuletzt: Es ist vollbracht“ (Str. 8). Das Lied gehörte für OLKR Röpke zu den für ihn unaufgebbaren Liedern, das daher in den Braunschweiger Sonderanhang aufgenommen worden ist und bis 1994 in unserer Landeskirche gesungen werden konnte. Der nächsten Generation ist das Lied fremd geblieben.

d) Das EKG kann kein einziges zeitgenössisches Lied zur Passionszeit aufweisen. Die neu aufgenommenen Lieder EKG 54/ 58/ 66/ 68/ 70/ 72 reichen ins 16. und 17. Jahrhundert zurück und bringen keinen neuen Gedanken in die immer schwieriger zu vermittelnden Grundgedanken der Passionszeit von Opfer- und Sühnetod Jesu.

e) Das Evangelische Gesangbuch enthält 29 Passionslieder, 26 im Stammteil und drei im niedersächsisch-bremischen Anhang. Von den 26 Liedern des Stammteils gehörten 18 dem EKG an, sechs sind neu und zeitgenössisch. Die 18 bereits dem EKG angehörenden Passionslieder sind im großen und ganzen bis auf kleine sprachliche Angleichungen unverändert. Sie schleppen damit die formalen und inhaltlichen Verlegenheiten ins neue Jahrhundert fort. Die Passionslieder sind in der Regel viel zu lang. Was über sechs Strophen geht, ist kaum singbar und wird zum gottesdienstlichen Gebrauch gekürzt, was oft den inhaltlichen Zusammenhang zerstört. Die Strophenanzahl ist im Folgenden in der Klammer angegeben: EG 77 (8), 78 (10), 81 (11), 82 (8), 83 (7), 84 (13), 85 (10), 86 (8), 91 (10). Das Lied „Herzliebster Jesu“ (EG 81) ist von ehemals 13 (EKG) auf elf Strophen um zwei Strophen gekürzt worden. Das Lied „Herr stärke mich dein Leiden zu bedenken“ (EG 91) hingegen ist von ehemals 8 Strophen (EKG 71) um zwei Strophen (EG 91) auf zehn Strophen verlängert worden. Die Strophe sechs (EKG 71,6) in der es heißt, daß der Fromme an das „Blut Jesu glaube“, ist gestrichen worden, dafür aber drei neue hinzugefügt worden, darin es u.a. heißt: „Unendlich Glück! Du littest uns zugute/ Ich bin versöhnt in deinem teuren Blute“ (EG 91,9). Bezeichnenderweise sind die zeitgenössischen Passionslieder alle wesentlich kürzer und nehmen auf die immer stärker werdende Kurzatmigkeit unserer Zeit Rücksicht.

Die fortschreitende Säkularisierung in Deutschland und der Traditionsabbruch in der evangelischen Kirche selber schaffen eine so starke Distanz zu traditionell sonst noch geläufigen Gedanken der Passionszeit, daß die Lieder die Beheimatung in der Kirche erschweren, wenn nicht unmöglich machen.
Es sind folgende, heute unverständliche Gedanken:
Christus wird geehrt, der „für uns bittren Tod“ am Stamm des Kreuzes erlitt (EG 75,1), „für uns gestorben“ ( EG 79,1), Jesus ist zum Tode verurteilt, ja verdammt „für uns arme Sünder“ (EG 78,3). In der neu hinzugefügten Strophe heißt es: „Da du dich selbst für mich dahingegeben“ (EG 91,7). Für uns, uns zu gut, näherhin: für mich gestorben, mir zu gut: das ist die Grundaussage der Passionslieder. Wenn man danach fragt, was denn Jesus für den Menschen, für uns Gutes getan hat, erhält man folgende Antworten: der Mensch ist seiner Verdammung entgangen, („so hätten wir müssen verdammt sein ewiglich“ (EG 75,2), er ist nunmehr „vor Gott gerecht und gut“ (EG 79,2), er kann seine Angst besser aushalten: „Dein Angst kommt uns zu gut, wenn wir in Ängsten liegen“ (EG 87.5), Jesus beruhigt das Gewissen. Wenn die Sünde dem Frommen die Hölle heiß machen will, stillt Jesus sein Gewissen: „wenn mir meine Sünde will/ machen heiß die Hölle/ Jesu mein Gewissen still“ (EG 88,5), der Fromme schöpft Geduld in schwierigen Zeiten (EG 82,6 „mein Kreuz und Plagen/ hilf mir geduldig tragen“), er wird ethisch angespornt: er lebt nicht nach seinem eigenen, sondern nach Gottes Willen (EG 91,7), er ist glücklich: „Unendlich Glück! Du littest uns zugute“ (EG 91,9), er erlebt den Tod als „Fried und Freude“ (EG 91,10).
Der Fromme ist also für den Tod Jesu unendlich dankbar: „Tausend tausendmal sei dir, liebster Jesu, Dank dafür“ ruft er dem Gekreuzigten sieben Mal zu (EG 86,1 ff). „Wir danken dir Herr Jesu Christ, daß du für uns gestorben bist“ (EG 79,1), „o Jesu Lob und Dank für deine Not und Angstgeschrei“ (EG 82,4).

Das „für uns, für mich“ hat noch einen anderen Sinn als nur „uns zugute“. Der Fromme ist nicht unbeteiligt am Leiden und Tod Jesu, sondern hat dessen Tod geradezu verursacht. Die Sünde des Frommen ist die Ursache für den Tod Jesu. „Ach die Ursach war auch ich, ich und meine Sünde“ (EG 88,3), „Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach meine Sünden haben dich geschlagen“ (EG 81,3), „nur deine Sünd, o Menschenkind, hat dieses angerichtet“ (EG 80,3), „wer hat dich so geschlagen? ich ich und meine Sünden haben dir erreget das Elend“ ( EG 84,2+3), der Fromme habe geholfen, die Wunden zu schlagen (EG 89,2). Aber der fromme Zeitgenosse sieht keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen seiner möglichen Sünde und dem Tod Jesu. Wieso soll er den Tod Jesu verursacht haben? Èr war nicht dabei; er hätte sich vielleicht anders verhalten. Die Behauptung der Verursachung des Todes Jesu nicht etwa durch die böse, gottlose Welt sondern durch den Frommen, setzt bereits ein trainiertes, automatisiertes, typisch kirchliches Schuldmodell voraus, das heute auch der Gemeinde abhanden gekommen ist. Es wird in der ästhetizierten Form von Bachschen Passionsspassagen emotional akzeptiert, ohne jedoch inhaltlich hinterfragt zu werden. Das ist für den Kunstgenuß nicht zwingend nötig.
Die Verursachungsgedanken gibt dem „für uns“ noch eine weitere Bedeutung, nicht nur uns zugute, sondern an unserer Stelle. Wenn der Fromme der Schuldige ist, hätte eigentlich er gekreuzigt werden müssen. An seine Stelle aber wird Jesus gekreuzigt. Des Frommen Sünde und Missetat habe verschuldet, „was du an unsrer Statt/ was du für uns erduldet“ (EG 87,2). Der Unbefangene fragt: „Bin ich in einer so ausweglosen Lage, daß einer für mich sterben muß? Ist die Passion ein Geiseldrama? Jesus als die Geisel Gottes, die schließlich doch sterben muß. Sein Tod wirkt als „Lösegeld“ (EG 87,3).

Da die Passion Anlaß zu vielfachem Dank ist, kann das Passionsgeschehen gar nicht breit genug ausgestellt werden. Solche Passionsausstellungen bieten die Lieder EG 77 und EG 78. Im Stundentakt wird die Passion mit allen Nebenpersonen vor Augen gestellt (erste, dritte, sechste, neunte Stunde EG 77), beziehungsweise die Orte der dramatischen Handlung (Fußwaschung, Garten, Hoherat, Golgatha) vorgestellt (EG 78). EG 77 „Christus der uns selig macht“ ist nach einem mittelalterlichen Lied „patris sapientia“ gedichtet. Es kann sein, daß in unserer bildersüchtigen Zeit solche Lieder wieder aktuell klingen oder sie sind durch andere Medien abgelöst.

Leider ist die Kategorie „Lieder zur Grablegung“, die noch das EKG kannte (EKG 73 und 74), abgeschafft. Das Lied EKG 74 „So ruhest du“ ist entfallen und das Lied EKG 73 „O Traurigkeit, o Herzeleid“ (EG 80) um die vierte Strophe gekürzt unter die Passionslieder eingereiht. Das werden diejenigen bedauern, die auch am Karsamstag eine Passionsandacht mit den Lesungen der Grablegung Jesu gehalten haben.

Einige zeitgenössische Lieder knüpfen inhaltlich an die überkommene Liedtradition an wie „Seht hin er ist allein im Garten“ (EG 95) und „Am Abend nach dem Lobgesang“ (EG 549), wobei im Lied EG 95 Götz Wiese das Lied zweichörig aufbaut und dazu den Text teilt. Der zweite Teil wird nach der bekannten Melodie „O daß doch bald dein Feuer brennte“ gesungen. Wer sich erst in den Text des Liedes hineinsingen will, kann das ganze Lied auf diese Melodie durchsingen. In einem zweiten Schritt kann dann die wegen ihrer Engführung anspruchsvolle Melodie von Götz Wiese ebenfalls auf das ganze Lied angewendet werden. In einem dritten Schritt der Aneignung kann sich die Gemeinde teilen und die Mutigen den ersten Teil nach Götz Wiese und die Traditionsbewußten nach der bekannte EKG-Melodie singen. Das ergibt ein für die Passionszeit zwar ungewohntes aber lebendiges Singen.
Andere zeitgenössische Lieder suchen andere Bilder für das Passionsgeschehen jenseits von Sühnevorstellungen und Passionsdramen. Leider wird das Bild von Lebensbaum (EG 96) in den folgenden Strophen nicht weiter ausgeführt. Aber EG 97 bezieht den Lebensbaum auf das Kreuz, das „Holz auf Jesu Schulter“, das von Früchten schwer wird (Str. 6). Die Strophen in der Mitte entfernen sich vom Bild.
Jesus als „Weizenkorn“ ist auch in anderen Passionsliedern besungen. Das Lied „Korn das in die Erde“ (EG 98) verbindet das Bild vom Weizenkorn mit dem Gleichnis von der Saat, die auf steinigen Boden und unter Dornengestrüpp gesät wird. Die drei Strophen des Liedes enden mit dem Bild von grünenden Halm als Symbol für die Liebe Gottes, die auch durch den Acker, aus dem Felsengrab, durch das Gestrüpp des menschlichen Herzens aufersteht. Das Lied von Kurt Ihlenfeld („Das Kreuz ist aufgerichtet“ EG 94) ist von seinem Text her konventionell, gewinnt aber durch die Melodie von Manfred Schlenker einen neuen kräftigen Ton. Bodelschwinghs „Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha“ (EG 93) erinnert mich von ferne stimmungsmäßig an „Eines wünsch ich mir vor allem andern“, das sich im Anhang (EG 547) befindet. Der Glaube sieht die Passion als ein Geheimnis. Dreimal wird dieses Wort in der ersten Strophe verwendet. Es ist das doppelte Geheimnis Gottes vom kommenden Gericht und des neuen Lichtes. Es geht auch durch die schlichte Melodie von Richard Löscher eine große tröstliche Ruhe von dem Lied aus: Christus führt zum Leben und macht einst alles neu. Deshalb sagt die „begnadete Gemeinde“ zu „Christi Wegen: Ja“ (Str. 4). Der Sitz im Leben dieses Liedes ist wohl die Zionskirche in Bethel.


Zum Teil 4: Die Osterlieder






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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Gesangbuch/T2K3.htm, Stand: Dezember 2007, dk

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