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[Kirche von unten]

Das Kirchenjahr im Spiegel der Braunschweiger Gesangbücher

von Dietrich Kuessner

4. Kapitel




Die Osterlieder

Osterlieder in den Braunschweiger Gesangbüchern durch die Jahrhunderte
 Jahr 1698 1780 1902 1950 1994
 Anzahl 24 17 22 21 22
 lat. Antiphon 178        
 Ihr Christen seht, daß ihr ausfegt 179 (6)        
 Christ ist erstanden von der Marter 180 (3) 696 (3) 96 (3) 75 (3) 99 (3)
 Nun ist auferstanden aus des Todes Banden 181 (10)        
 Christ lag in Todesbanden 182 (7) 695 (7) 97 (7) 76 (7) 101 (7)
 Jesus Christus unser Heiland 183 (3) 697 (3) 105 (3) 77 (3) 102 (3)
 Also heilig ist der Tag 184 (10)        
 Jesus meine Zuversicht 185 (10) 236 (10) 525 (9) 330 (9) 526 (7)
 Nun triumphieret Jesus Christ 186 (7)   103 (7) 83 (6) 109 (6)
 Lebt Christus, was bin ich betrübt? 187 (12)     85 (13)  
 Ich weiß, daß mein Erlöser lebt 188 (3)        
 Ich weiß, daß mein Erlöser lebt 189 (3)        
 Laßt uns den Herren preisen 190 (12)     408 (5)  
 O Tod, wo ist dein Stachel nun? 191 (10) 147 (7) 108 (7) 87 (8) 113 (8)
 Erschienen ist der herrlich Tag 192 (14)   99 (5) 80 (5) 106 (5)
 Der Höllen Pforten sind zerstört 193 (6)        
 Wo willt du hin, weils Abend ist 194 (5)   114 (5) 456 (8)  
 Früh morgens, da die Sonn aufgeht 195 (19) 139(13)* 100 (12) 85 (15) 111 (15)
 Gott sei gedankt zu jeder Zeit 196 (5) 141 (5) 101 (5) 407 (5)  
 Victimae Paschali 197        
 Auf auf mein Herz mit Freuden 198 (9)   95 (6) 86 (8) 112 (8)
 Erstanden ist der heilig Christ 199 (5)     78 (15) 105 (17)
 Laßt uns jauchzen, laßt uns singen 200 (8)        
 Heut ist der Tag der Freuden 201 (12)        
1780  Frohlockt ihr Christen preist und ehrt 138 (14)      
  Triumph, verlasst die leere Gruft 140 (6) 109 (6)    
  Freiwillig hab ich dargebracht 142 (12)      
  Bring Preis und Ruhm dem Heiland dar 143 (8)      
  Das Grab ist leer 144 (5)      
  Erinnere dich, mein Geist 145 (11)      
  Dich bet ich an, erstandner Held 146 (10)      
  Vollendet bist Du nun vor Gott 148 (4)      
  Jesus lebt, mit ihm auch ich 149 (6) 106 (6) 89 (6) 115 (6)
  Es ist erstanden Jesus Christ 150 (11)      
  1902  Erhöhter Siegesfürst und Held 98 (5)    
  Halleluja, jauchzt ihr Chöre 102 (4)    
  Ich geh zu deinem Grabe 104 (7)    
  O du fröhliche, o du selige 107 (3)    
  Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin 110 (9) 88 (10) 114 (10)
  Wandle, leuchtender und schöner 111 (8)    
  Willkommen Held im Streite 112 (9)    
  Wir danken dir Herr Jesu Christ 113 (3) 84 (3) 107 (3)
    Zween der Jüngen gehn mit Sehnen 115 4)    
  1950  Gelobt sei Gott im höchsten Thron 79 (6) 103 (6)
  Mit Freuden zart 81 (3) 108 (3)
  Wir wollen alle fröhlich sein 82 (5) 100 (5)
      Die ganze Welt Herr Jesu Christ 369 (6) 110 (6)
  1994  Singen wir heut mit einem Mund 104 (3)
  Er ist erstanden Halleluja 116 (5)
  Der schöne Ostertag 117 (3)
  Der Herr ist auferstanden (Kanon) 118 (1)
        Christus ist auferstanden und Christus is opstahn 551 550 (4)

Beobachtungen zu den Osterliedern in den fünf Gesangbuchgenerationen

a) Die Osterlieder im Gesangbuch 1698
Auch die Osterlieder enthalten Lateinisches: die lateinische Antiphon (Nr. 178) und unvermittelt zwischen den Osterliedern den lateinischen Hymnus victimae paschali (Nr. 197). Von den verbleibenden 22 Osterliedern sind elf Lieder nicht mehr, aber zehn bis in unsere Zeit tradiert worden. Das ist ein hoher Anteil. Zu ihnen gehören die drei Lutherlieder in der Originalfassung. Auch das Lied „Christ lag in Todesbanden“ (Nr. 182) ist in der urspünglichen Lesart abgedruckt. Das rechte Osterlamm ist „hoch an des Kreuzes Stamm in heißer Lieb gebraten“ (Str. 5) heute: „in heißer Lieb gegeben“ (EG 101,5). Und Str. 7: „Wir essen hie und leben wohl in rechten Oster-Fladen, der alte Sauerteig nicht soll sein bei dem Wort der Gnaden“, heute: „Wir essen und leben wohl zum süßen Brot geladen..“. Außerdem ist unverändert überliefert „Heut triumphieret Jesus Christ“ (Nr. 186 = EG 109), allerdings ohne Schaden um die 4. Strophe gekürzt: „Hier ist doch nichts denn Angst und Not/ von Kindheit an bis in den Tod/ Halleluja/ Dort aber in des Himmels Thron/ folgt auf den Kampf die Ehrenkron Halleluja“. Heute singt die Gemeinde in der Strophe vier: „Er liegt im Staub der arge Feind“, 1698 hieß es etwas drastischer: „Er liegt im Kot der arge Feind“.
Von den Liedern, die nur in dieser Liedersammlung stehen, stammten zwei von Johannes Rist „Laßt uns den Herren preisen“ (Nr. 190) und „Heut ist der Tag der Freuden“ (Nr. 201) mit jeweils 12 Strophen voll sprudelnder Originalität, zwei von Michael Schirmer „Also heilig ist der Tag“ (Nr. 184) und „Der Höllen Pforten sind zerstört“ (Nr. 193), eins von Ernst Christian Homburg „Laßt uns jauchzen, laßt uns singen“ (Nr. 200) und eins von Philip Jakob Spener „Nun ist auferstanden aus des Todes Banden“ (Nr. 181).

Man kann zwei Arten von Osterliedern in dieser Liedersammlung unterscheiden: die eine ist die eines Erzählliedes, das den Gang der Frauen zum Grab besingt (Nr. 192). „Am Sabbath früh mit Spezerei/ kamen zum Grab der Weiber drei/ zu salben da des Menschen Sohn/ der von dem Tod erstanden schon / Halleluja“ (192,3). „Der Herre hält ein schön Gespräch/ mit zween Jüngern auf dem Weg/ Vor Freud das Herz im Leib ihn’n brennt/ Am Brotbrechen wird er erkennt Halleluja“. (192,6) In den folgenden Strophen bedichtet Nikolaus Herman die alttestamentlichen Personen, die auf Christus ausgelegt wurden: „Der rechte Simson unser Held/Christus den starken Löwen fällt/ Der Höllen Pforten er hin trägt/ dem Teufel sein Gewalt erlegt. (192,7) „Jonas im Walfisch war drei Tag/ so lang im Grab auch Christus lag/ Der Tod ihm länger keine Stund/ in seinem Rachen halten kunt Halleluja“ (192,8). Danach wird die Gemeinde in die a.t. Geschichte einbezogen: „Heut gehn wir aus Ägyptenland/ aus Pharaonis Dienst und Band/ Wir essen heut in Brot und Wein/ das rechte Osterlämmelein Halleluja“ (192,10). Erzählende Elemente kehren auch in anderen Osterliedern wieder: „Heut ist die Zeit zu singen/ viel wunders ist geschehen/ denn als die Weiber gingen/ ins Grab da ließ sich sehen/ Gottes Engel der sagt an/ Christus unser Wundermann/ sei von dem Tod erwachet/ wie man’s spüren kann“ (Nr. 201,5). Rist beschreibt weiter, welche Freude den Engeln im Grab die Verkündigung der Osterbotschaft macht: „Ach es ist doch eure Lust/ wenn euch unser Heil bewußt/ o Botschaft die der Engel heut uns bringen mußt“ (Nr. 201,6).

Die andere und häufigere Art von Osterliedern beschreibt den Sieg von Christus über den Tod in unterschiedlich lauten Trompetentönen. Ostern ist „der Siegestag “ (200,1), Jesus der „Siegesheld“ (200,3), der „Siegesfürst“ (196,2). Dieser Sieg wird gerne mit Bildern des A.T. beschrieben: „Er ist frei von Todesbanden/ Simson der vom Himmel kam/ und der Löw aus Judas Stamm/ Christus Jesus ist erstanden/ Nun ist hin der lange Streit/ freue dich o Christenheit// Christus selbst hat überwunden des ergrimmten Todes Macht/ der in Tüchern lag gebunden/ hat die Schlang jetzt umgebracht/ Satans Reich ist ganz verheeret/ Christus hat es nach der Ruh/ ausgetilget und dazu/ Belial sein Schloß zerstöret/ Daß wir haben frei Geleit/ freue dich o Christenheit“ (190,1+2).

Entsprechend wird die Niederlage des besiegten Feindes üppig beschrieben: „Der Höllen Pforten sind zerstört/ der Tod ist nun verschlungen/ des Satans Reich ist ganz verheert/ Lob sei dir Gott gesungen“ (Nr. 193,1). „Wo ist Teufel nun dein Toben/ Es ist wie ein Rauch zerstoben/ Tod wo ist dein Stachel hin/ Höll wo ist dein Meuchelsinn/ Du bist Teufel überwunden/ Tod und Hölle fest gebunden“ (200,5). Und auf die Melodie „Sollt ich meinem Gott nicht singen“: „Tod wo sind nun deine Waffen/ Hölle wo ist dein Triumph/ Satan konnte gar nichts schaffen/ seine Pfeile wurden stumpf/ Christus ist sein Gift gewesen/ ja der Höllen Seuch und Pest/ Welt und Sünde liegen fest/ und wir Menschen sind genesen/ wiederum durch solchen Streit/ freue dich o Christenheit“ (190,4).

Mit deutlichen Bildern werden die Folgen der Auferstehung für den Christen entworfen. „Er macht ja durch sein Auferstehn/ daß ich zum Himmel kann eingehn/ kein Sünd, kein Tod im Weg mehr sein/ Die Strasse hält er frei und rein// Wie könnt ich denn verloren sein?/ Es ist unmöglich, nein ach nein/ Gott lob, der starke Jesus lebt, mit ihm lebt, wer im Glauben schwebt“ (187,5+11). Die Früchte der Auferstehung sind „Gnad und Leben Freud und Sieg/ Trost und Friede nach dem Krieg/ O die sollen kräftig laben/ Leib und Seel in allem Leid/ freue dich o Christenheit“ (190,8). Besonders deutlich wieder Johann Rist: „Was frag ich nach der Höllen/ welch ewiglich muß brennen/ Ihr Herren und Gesellen/ werd ich hinfort nicht kennen/ Christus dämpfet diesen Pfuhl/ führet mich zur Himmel-Schul/ in der ich werde singen/ vor dem Gnadenstuhl“ (nach der Melodie „Christ lag in Todesbanden“ (Nr. 210,10).

Unter die Osterlieder ist auch „Jesus meine Zuversicht“ eingeordnet (Nr. 185), im EG unter der Rubrik „Sterben und ewiges Leben“ (EG 526). 1902 und 1950 ist eine Strophe gestrichen worden. Sie nimmt eine Stelle aus dem Hiobbuch auf (Hiob 19,26) und beschreibt die Haut des auferstandenen Christen in der Ewigkeit: „Dann wird eben diese Haut/ mich umgeben wie ich gläube/ Gott wird werden angeschaut/ dann von mir in diesem Leibe/ und in diesem Fleisch werd ich/ Jesum schauen ewiglich“ (185,5). Im heutigen EG sind zwei weitere Strophen entfallen, die noch bis 1994 singbar waren. Es waren die beiden Schlußstrophen: „Lacht der finstern Erdenkluft/ lacht des Todes und der Höllen/ denn ihr sollt euch durch die Luft/ eurem Heiland zugesellen/ Dann wird Schwachheit und Verdruß/ liegen unter eurem Fuß// Nur daß ihr den Geist erhebt/ von den Lüsten dieser Erden/ und euch dem schon jetzt ergebt/ dem ihr beigefügt wollt werden/ Schickt das Herze da hinein/ wo ihre ewig wünscht zu sein“. (185,9+10 = EKG 330,8+9).

b) die Osterlieder der Aufklärung
Die Aufklärung reduziert die Osterlieder von 24 (1698) auf 17 Lieder. Es übernahm sieben und fügte zehn neue hinzu. Von den 17 stammen drei von Luther, die aus dem Anhang gesungen werden können.
Die 14 Osterlieder sind unter folgende Überschriften gegliedert: „Jesu Auferstehung, ein Beweis seiner göttlichen Sendung“, „Erweckung mit Jesu geistlicher Weise auferstehen“ und „Hoffung und Trost aus der Auferstehung Jesu“.
Die ersten vier Lieder, die nicht unter diese Überschriften fallen, besingen die Tatsache der Auferstehung.
„Daß der Herr auferstanden sei/ das ist von allem Zweifel frei/ Ja, es ist je gewißlich wahr/ das leere Grab machts offenbar/ Halleluja“ (139 6). Da dieses Lied unter dem ursprünglichen Liedanfang „Frühmorgens, da die Sonn aufgeht“ in allen fünf Generationen vorkommt (195/ 139/ 100/ 85/ 111), lohnt sich eine nähere Betrachtung. Das Lied ist im heutigen EG 111 wie schon im EKG um vier Strophen gekürzt. Uns interessieren an dieser Stelle die Veränderungen im Gesangbuch der Aufklärung und zwar im Vergleich zu der Fassung im Gesangbuch von 1698, die dem Original entspricht. Schlegel hatte das Lied bearbeitet, umgestellt und verändert und zwar im Sinne einer Historisierung. Die oben genannten Strophe, daß der Herr zweifelsfrei auferstanden wäre, findet sich auch bei Heermann (195,14), aber erst als 14. Strophe. Schlegel rückt diese Behauptung als Strophe sechs nach vorne und dichtet weitere Schilderungen hinzu: „Die Erd erbebt, es wälzt vom Grab/ den Stein ein Engel Gottes ab/ und kündiget den Siegsheld an/ den bald auch seine Jünger sahn// Sie sehen hören fühlten ihn/ und die Verzagten sind nun kühn/ in vieler Schmach mit ihrem Blut/ versiegelt es ihr Heldenmut“ (139,7+8). Schlegel verändert auch den Anfang historisierend.

Heermann
„Frühmorgens, da die Sonn aufgeht
mein Heiland Jesus auferstehet
Vertrieben ist der Sünden Nacht
Licht Heil und Leben wiederbracht.
Halleluja

Wenn ich des Nachts oft lieg in Not
verschlossen gleich als wäre ich tot
läßt du mir früh die Gnadensonn
aufgehn nach Trauern Freud und Wonn“
Halleluja
(195,1+2)
Schlegel
Kaum steigt zu ihrem frohen Lauf
Die Sonn in voller Pracht herauf
Seht so verläßt der Herr sein Grab
Der erst für uns sein Leben gab
Halleluja

Vertrieben ist der Sünden Nacht
Licht Heil und Leben wiederbracht
Er der uns Ehr und Sieg erstritt
Er bringt uns seinen Frieden mit
Halleluja
(139, 1+2)


Schlegel zerstört den Zusammenhang vom Morgen, Nacht, Sonnenaufgang und Auferstehung, den Heermann hergestellt hat.. Jeder Morgen, den der Sänger besingt, ist nach Heermann eine Erinnerung an die Auferstehung, eine Auferstehung aus der Nacht der Sünden, weil er einen „Heiland“ hat. Schlegel objektiviert die erste Strophe. Es gibt etwas zu sehen. „Seht, so verläßt der Herr das Grab“. Mit der zweiten Strophenhälfte der ersten Strophe von Heermann beginnt Schlegel seine zweite Strophe und verallgemeinert: Jesus bringt „Ehr und Sieg“. Heermann liegt an der persönlichen Zuspitzung und an der persönlichen Situation des Sängers am Morgen: Nach einer unerfreulichen Nacht geht mit der Morgensonne „die Gnadensonn“ auf. Die zweite Strophe bleibt also bei dem mit der ersten Strophe begonnenen Grundgedanken: Jeder Morgen ist wie Auferstehung.

Ein weiterer Erweis für die Richtigkeit und Beweisbarkeit der Auferstehung ist für Gellert der Siegeszug der Lehre Jesu. So beschreibt Gellert die göttliche Sendung Jesu von der Geburt an bis zum Taufbefehl als eine Rede Jesu (142, 1-7) und in den folgenden fünf Strophen den Sieg der Lehre Jesu. „Herr, deine Lehre hat gesiegt/ und siegt in allen Landen/ und zeuget, dass dein Wort nicht trügt/ und zeugt du bist erstanden“ (142,7). Das Lied mündet in das Bekenntnis „Nun irren mich nicht Schmach noch Spott/ noch deines Kreuzes Schanden/ Du bist mein Herr, du bist mein Gott/ Denn du bist auferstanden/ Du bist mein Heil, mein Fels, mein Hort/ Der Herr durch dessen mächtig Wort/ auch ich einst ewig lebe“ (142,11).

Dem Wort „Auferstehung“ korrespondiert das von der „Auferweckung“, das das Osterereignis mehr als eine Tat Gottes betont. So dichtete Diterich: „Gott selbst der dich dem Grab entrückt/ hat dem, was du gelehret/ der Wahrheit Siegel aufgedrückt/ und dich als Sohn geehret/ Denn deines Opfers hohen Wert/ hat er aufs herrlichste bewährt/ da er dich auferwecket“. (143,3) Oberkonsistorialrat Diterich, von dem die Zeilen stammen, sah darin den „Trostgrund des Glaubens“: „Sein Leben in der Majestät befestigt unsern Glauben/ Wer kann da dich dein Gott erhöht/ uns nun den Trostgrund rauben“ (143,2).

Die Hoffnung und Trost des Frommen liegt in der „existentiellen Zuspitzung“. Die Auferstehung wird aus der Vergangenheit in die Gegenwart des Frommen gerückt. „Fühl alle Dankbarkeit für ihn/ als ob er heute dir erschien/ als spräch er Friede sei mit dir“ (145,2). In dieser gegenwärtigen Hoffnung ist der Blick fest auf die Zeit nach dem Tod gerichtet: „Durch dich gestärkt seh ich aufs Grab/ mit unerschrocknem Aug herab// Welch neue Welt voll Seligkeit/ erwartet mich nach dieser Zeit/ Da findet der verklärte Christ/ das Heil das unaussprechlich ist“ (146,8+9).
Aber nicht nur dort, sondern auch schon „auf Erden“ gibt es Seligkeit: „Dies ist die große Seligkeit, der wir teilhaftig werden/ Fried Freude Heil Gerechtigkeit/ im Himmel und auf Erden/ Hier sind wir still und hoffnungsvoll“ (147,6).
Diese Hoffnung und dieser Trost, daß die Auferstehung kein Vorgang nur in der Vergangenheit war, wird für den Frommen zum Imperativ. Er muß jetzt aufstehn: „Doch soll ich einst o Gottes Sohn/ in deinem Reich dich sehen/, so muß ich auch auf Erden schon/ vom Tode auferstehen/ Der lebt nicht, den die Lust der Welt/ und ihre Pracht gefesselt hält/ nach Gott und Tugend streben/ nur das heißt wirklich leben“ (144,3).
Dieses Streben nach Tugend ersetzt keineswegs den Glauben an die Auferstehung, wie man polemisch einwenden könnte, sondern setzt ihn voraus „Das Grab ist leer, des höchsten Sohn verlässt der Toten Grüfte“ (144,1) beginnt das Lied. Aber die Auferstehung muß Folgen für den Glauben und das Tun haben. „Du auferstandner Menschenfreund/ Erweck in mir die Triebe/ Durch die man sich mit dir vereint/ den Glauben und die Liebe/ Ich will o Herr dein eigen sein/ Laß mich mit Ernst die Sünde scheun/ und gib selbst Mut und Kräfte/ zum Heiligungsgeschäfte“ (144,4).

Einen völlig anderen Weg geht das letzte der Osterlieder von Balthasar Münter. Münter (1735-1793) war Pfarrer an der deutschen Kirche in Kopenhagen und hatte eine seinerzeit viel abgedruckte Gedichtsammlung herausgegeben. Von ihm stammten noch zwei Lieder (Nr. 180 und 522) im Gesangbuch von 1902.
Nr. 180 war ein offenbar viel gesungenes Lied nach der Konfirmation.
In diesem Osterlied mit 11 Strophen zur Melodie „Wir danken dir Herr Jesu Christ“ deutet Münter das Osterereignis vor allem Dingen auf seine Bedeutsamkeit für den Frommen:


4. „Ich lebe sprach er und auch ihr
sollt leben Gläubige mit mir
Ich komme meine Stimme ruft:
Verlaßt ihr Toten eure Gruft
Und folgt mir nach

7. Gelobt sei Gott ich werde nun
Wie er auf kurze Zeit nur ruhn
der Abend wird mich sterben sehn
Der Morgen wieder auferstehn
Gelobt sei Gott

9. Er führt mir in des Todes Ruh
Auch meine Lieben wieder zu
Erwachen werden wir zugleich
Und mit ihm eingehn in sein Reich
Gott welch ein Tag.


5. Er wird’s erfüllen Jesus Christ
der selbst vom Tod erstanden ist
der Lazarus ins Leben rief
als er im Staub des Todes schlief
Erfüllts gewiß

8. So lange mich des Todes Nacht
umgibt werd ich von ihm bewacht
durch seinen Schutz wird mein Gebein
im Schoß der Erde sicher sein
Bis er erscheint.

10. Sollt ich mich vor dem Tode scheun
Mich nicht vielmehr der Hinfahrt freun
Nicht deiner der du mich erschufst
begierig warten bis du rufst:
Entschlummre nun.



Ausgiebig beschäftigt sich Münter mit den Gedanken, was nach dem Tode und vor der Auferstehung aller nun noch kommt: es folgt eine kurze Ruh, die Sicherheit verspricht, weil Christus selber die Wache hält. Die Ruhe im Grab teilt der Verstorbene mit seinen Familienangehörigen, mit denen er gemeinsam auferstehen wird. Münter geht von der Vorstellung einer heilen Familienwelt aus.

Das Osterlied aus dem Hannoverschen Gesangbuch vermutlich von Gesenius „O Tod wo ist dein Stachel nun“( Nr. 147) ist stilistisch überarbeitet auch im EG 113 und das zweite Gellertlied „Jesus lebt, mit ihm auch ich“ (Nr. 149) ist wörtlich bis auf unsere Tage (EG 115) überliefert.

Es fehlt nicht die das Ostergeschehen begleitende Triumphmusik: „Triumph! Verlasst die leere Gruft/ Triumph! Der Heiland lebet! Hört wie der Kreis der heitren Luft/ von Siegestönen bebet/ Sei uns gegrüßt erstandner Held/ Die Höll und Tod entrissne Welt/ ruft dir Triumph entgegen“ (140,1). „Auch hat der Herr in Siegespracht/ viel Beute aus dem Grab gebracht“ (141,3). Es stammt von Joh. Valentin Pietsch, einem Königsberger Professor für Dichtkunst.

c) Das Gesangbuch von 1902 vermehrte geringfügig die Anzahl der Osterlieder von 17 auf 22, von denen elf bereits im ersten Gesangbuch standen. Von den zehn in der Aufklärung hinzugefügten Liedern wurden nur zwei übernommen und neun neue hinzugefügt.
Aber auch von diesen neun neuen haben nur zwei in der Folgezeit Bestand (Nr. 110 = EG 114 und Nr. 113 = EG 107). Die neuen Lieder fügen keinen neuen österlichen Gedanken hinzu. Das Lied von Benjamin Schmolck (1672-1737) „Ich geh zu deinem Grabe“ (Nr. 104) geht von der ländlichen Sitte aus, zu Ostern die Familiengräber zu besuchen. Die Gewohnheit wendet Schmolck auf das Grab Jesu an, besucht es und läßt sich von Jesus belehren, wie man „fröhlich sterben“ (104,1) und im Grab ausruhen kann (104,3), Es ist ein Osterlied mit kaum einer biblischen Andeutung, jedoch mit dem aparten Gedanken, daß sich der Fromme in das Grab Jesu hineinlegen wird: „Ich will mein Bette machen/ in deine liebe Gruft/ da werd ich schon erwachen/ wenn deine Stimme ruft“ (104,6).
Der Auswahl spürt man eine gewisse Verlegenheit an, die sich auch darin äußert, daß selbst ein so dürftiges Lied wie Nr. 107 „ O du fröhliche du selige gnadenbringende Osterzeit/ Welt lag in Banden/ Christ ist erstanden/ freue dich o Christenheit“ von Daniel Falk unter die neuen Lieder aufgenommen wurde.

d) Das Evangelische Kirchengesangbuch 1950
Das EKG reduzierte die Osterlieder von 22 auf 21, war aber darin bedeutsam, daß alle vier Neuerwerbungen auch ins EG übernommen worden sind und zwei davon ausgesprochen beliebt wurden. „Wir wollen alle fröhlich sein“ (EKG 82=EG 100) hat einen festen Platz in den Ostergottesdiensten erobert. Mit seinen drei Versen je Strophe ist es kurz, stört nicht durch ausladende theologischen Aussagen und meint nur, wie es der erste Vers sagt: „Wir wollen alle fröhlich sein“. Als Schlußlied in den Ostergottesdiensten hat es fast den Rang von „ O du fröhliche“ in den Weihnachtsgottesdiensten erreicht. Das „Gelobt sei Gott im höchsten Thron“ (EKG 79=EG 103) ist eine bündige Wiedergabe des Osterevangeliums, in das die Gemeinde durch die anschließende Bitte „Nun bitten wir dich“ hineingenommen wird.
Beide Lieder entsprachen auch der Mahrenholzschen Maxime des Reformatorischen. Das erste entstammte aus dem Jahr 1568, das andere von 1531.
„Mit Freuden zart“ (EKG 81) scheint mir eher durch den beliebten vierstimmigen Satz im Gölz nun auch in das EKG geraten zu sein. Es eignet sich wegen seiner kunstvollen Melodie eher für einen Chor oder für einen Wechselgesang zwischen Chor und Gemeinde.
Das Osterlied von Friedrich v. Spee ist leider unter den Jahreszeitenliedern versteckt. Einen Zusammenhang zwischen Kirchenjahr und Naturjahr herzustellen, galt den liturgischen Lutheranern seinerzeit als unfein. Spee beschreibt das Osterfest als Freudenfest der blühenden Bäume, (369,3), der singenden Vögel (369,4), des Sonnenscheins (369,5). Alle freuen sich über die Auferstehung, dort die „Urständ“. Die liturgische Prüderie hat sich in dem letzten Jahrzehnt gelegt. Deshalb hat das EG das Lied auch nach vorne unter die Osterlieder eingeordnet, allerdings mit einer sprachlich nicht einleuchtenden Veränderung in der 1. Strophe: „Die ganze Welt Herr Jesu Christ in deiner Urständ fröhlich ist“, statt „zu deiner Urständ fröhlich ist.“ „Zu“ war im Sinne von „über“ deine Auferstehung fröhlich verständlich. „Fröhlich sein „in“ ist nicht gebräuchlich. Vermutlich ist wieder ein Originaltext beachtet worden.
Es kam dem hohen Anteil an reformatorischen Liedgut entgegen, daß seit den 60iger Jahren die Liturgie der Osternacht in den Kirchengemeinden unserer Landeskirche immer mehr gefeiert wurde.

e) Das Evangelische Gesangbuch 1994
Der Stammteil des EG enthält 20 Osterlieder, im niedersächsischen Anhang sind zwei hinzugefügt, insgesamt 22 Osterlieder, wobei „Jesus meine Zuversicht“ nicht mitgezählt ist, weil nicht unter die Osterlieder eingeordnet ist. Der alte Bestand bleibt erhalten. Es gibt inhaltlich keine neuen Aussagen. Die alte Botschaft „Christ ist erstanden“ ist auch die neue. Es gibt allerdings auch keine Versuche, die „Botschaft“ zu übersetzen. Offenbar ist sie nicht übersetzbar.
Ein neuer Ton wird durch EG 116 angeschlagen, der aus Tansania stammt. Die Melodie ist sehr einfach, der Kehrvers „Sünd ist vergeben Halleluja, Jesus bringt Leben Halleluja“ verabscheut jede Reflektion. Das Lied ist fröhlich, einfach, vielleicht etwas zu fröhlich und zu einfach.
Wer die zügigen Ostermelodien schätzt, wird sich auch bei EG 117 über einen flotten Melodiefluß freuen können, wobei die Zuordnung des Textes nicht einfach ist. Auch diese Melodie ist importiert.
Schließlich ist unter den vielen Osterkanon ein zweistimmiger Kanon ausgesucht worden, dessen Einsatz leider einen Dirigenten benötigt. Das erschwert die Akzeptanz.
Dagegen ist EG 550 im niedersächsischen Anhang ein sehr leicht und auf Anhieb in jeder kleineren und größeren Versammlung zu singendes Osterlied, verteilt auf verschiedene Chöre.
Das plattdeutsche „Christus is opstahn“ (EG 551) ist kein gewachsener plattdeutscher Osterchoral, sondern in unserer Zeit gedichtet und mit der nicht gerade österlichen Melodie „In dir ist Freude“ versehen.



Zum Teil 5: Die Himmelfahrtslieder






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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Gesangbuch/T2K4.htm, Stand: Dezember 2007, dk

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