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[Kirche von unten]

Lieder von Paul Gerhardt

in den fünf Braunschweiger Gesangbuchgenerationen

von Dietrich Kuessner

2. Kapitel




Paul Gerhardt Lieder im ersten Braunschweiger Gesangbuch


Das erste Braunschweiger Gesangbuch von 1698 enthielt 56 Paul Gerhardt Lieder. Sie sind in der Tabelle in der ersten Spalte aufgeführt. Von diesen 56 Liedern sind 30, also mehr als die Hälfte, bei den folgenden Gesangbuchausgaben nicht mehr berücksichtigt worden.

(Es sind folgende Liednummern aus dem ersten Gesangbuch (alphabetisch geordnete nach der vorgelegten Tabelle): 551/ 174/ 350/ 560/ 761/ 381/ 455/ 339/ 463/ 30/ 567/ 491/ 553/ 462/ 562/ 677/ 544/ 403/ 89/ 653/ 152/ 229/ 552/ 503/ 48/ 602/ 404/ 407/ 420/ 430).

Gereimte Psalmen
Von diesen 30 Liedern waren acht als Wiedergabe von Psalmen gedacht, nämlich Psalm 1 (Nr. 407), Ps. 13 (Nr. 404), Ps. 27 (Nr. 339), Ps. 39 (Nr. 667), Psalm 71 (Nr. 463), Ps. 73 (Nr. 653), Ps. 112 (Nr. 420), Ps. 121 (Nr. 567). Gerhardt hält sich eng an den Wortlaut des Psalms. Die Länge des Liedes entspricht meist der Länge des Psalmes. Die Umdichtung von Psalm 1 fällt daher durch seine Kürze auf. Er hat nur vier Strophen, während die übliche Strophenanzahl bei Gerhardt meist weit über 10 Strophen geht. Es konnte auf die Melodie „Werde munter mein Gemüte“ gesungen werden.

Lied Nr. 407
Wohl dem Menschen, der nicht wandelt
In gottloser Leute Rat!
Wohl dem, der nicht unrecht handelt
Noch tritt auf der Sünder Pfad;
Der der Spötter Freundschaft fleucht
Und von ihren Stühlen weicht.
Der hingegen herzlich ehret
Was uns Gott vom Himmel lehret.

Wohl dem, der mit Lust und Freuden
Das Gesetz des Höchsten treibt
Und hier, als auf süßer Weiden,
Tag und Nacht beständig bleibt;
dessen Segen wächst und blüht
Wie ein Palmbaum, den man sieht
Bei den Flüssen an der Seiten
Seine frischen Zweig ausbreiten.

Also, sag ich, wird auch grünen,
wer in Gottes Wort sich übt,
Luft und Sonne wird ihm dienen,
bis er reiche Früchte gibt.
Seine Blätter werden alt
Und doch niemals ungestalt.
Gott gibt Glück zu seinen Taten.
Was er macht, muß wohlgeraten.

Aber wen die Sünd erfreuet,
mit dem geht’s viel anders zu:
er wird wie die Spreu zerstreuet
von dem Wind im schnellen Nu.
Wo der Herr sein Häuflein richt’t,
da bleibt kein Gottloser nicht.
Summa: Gott liebt alle Frommen,
und wer bös ist, muß umkommen.
Psalm 1
Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen
Noch tritt auf den Weg der Sünder,
noch sitzt, da die Spötter sitzen,

sondern hat Lust zum Gesetz des Herrn
und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht.

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den
den Wasserbächen,

der seine Frucht bringt zu seiner Zeit
Und seine Blätter verwelken nicht
und was er macht, das gerät wohl.

Aber so sind die Gottlosen nicht sondern
wie Spreu, die der Wind verstreut.
Darum bleiben die Gottlosen nicht im
Gericht, noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten.
Aber der Gottlosen Weg vergeht.

Es ist eine schlichte Verreimung des Bibeltextes ohne weitere Auslegung, etwa des Wortes „Gesetz“ oder des Gegensatzes des „Gerechten“ und des „Gottlosen“. Gerhardt verzichtet auf den im liturgischen Gebrauch obligaten trinitarischen Schluß und beendet den Psalm mit einer etwas zu schlichten Zusammenfassung (summa). Gott liebt alle Frommen, die Bösen müssen umkommen. Vielleicht dachte Gerhardt sich das Lied zum Vorlesen in der damaligen Schule.

Ähnlich den Bibeltext begleitend ist die Verreimung von Psalm 13 in Lied Nr. 404 „Wie lang, o Herr, wie lange“ mit sechs Strophen, von Psalm 121 in Lied 567 „Ich erhebe Herr, zu dir“ in acht Strophen, von Psalm 27 im Lied Nr. 339 „Gott ist mein Licht, der Herr mein Heil“ in elf Strophen.

Andere gereimte Bibeltexte
Auch andere Bibeltexte hatte Gerhardt in Reime gebracht, z.B. Jeremia 31,20. Jeremia 31 ist das Trostkapitel vom neuen Bund Gottes mit Israel (Ephraim). Israels Klage aus der babylonischen Gefangenschaft hat Gott erhört. Gott erbarmt sich wieder über sein Volk.
Der Bibeltext lautet: „Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein trautes Kind? Denn ich denke noch wohl daran, was ich ihm geredet habe; darum bricht mir mein Herz gegen ihn, daß ich mich sein erbarmen muß, spricht der Herr.“

Für Gerhardt ist Ephraim der sich zu Gott bekehrende Mensch. Das Lied (Nr. 553) auf die Melodie „Es ist gewißlich an der Zeit“ beginnt wie im Bibeltext mit einem Selbstgespräch Gottes:

1. Ist Ephraim nicht meine Kron/ Und meines Herzens Wonne,/ Mein trautes Kind, mein teurer Sohn,
Mein Stern und meine Sonne/ Mein Augenlust mein edle Blum/ Mein auserwähltes Eigentum/ Und meiner Seelen Freude?

2. Ich höre seines Seufzens Stimm/ Und hochbetrübtes Klagen:/ Mein Gott hat mich, spricht Ephraim/
Gestraft und wohl geschlagen/ Er sucht mich heim mit harter Zucht/ Das ist mein Lohn das ist die Frucht/ Und Nutzen meiner Sünden.

7. Nun kehrt zu mir mein Ephraim/ Sucht Gnad in meinen Armen/ Drum bricht mein Herze gegen ihn
Und muß mich sein erbarmen/ Der Unmut fällt mir mit Gewalt/ Mein Eingeweide hitzt und wallt/ In treuer Lieb und Gnade.
Am Ende faßt Gerhardt die Lehre des Liedes folgendermaßen zusammen: „Wer sich mit Ephraim bekehrt/ wird auch mit Ephraim erhört/ und hier und dort getröstet.“
In der siebenten Strophe spricht Gerhardt von den hitzenden und wallenden Eingeweiden Gottes. Das ist drastische, barocke Aussprache. Das kann auch anschauliche Predigtsprache sein.

Das Ephraimmotiv wird auch in Hosea 11, 8 ff aufgenommen. (zur Melodie „Ein Lämmlein geht“):
„Was soll ich aus dir machen, Ephraim? Soll ich dich schützen, Israel? Soll ich nicht billig ein Adama aus dir machen und dich wie Zeboim zurichten? Aber mein Herz ist anderen Sinnes, meine Barmherzigkeit ist zu brünstig, daß ich nicht tun will nach meinem grimmigem Zorn, noch mich kehren, Ephraim gar zu verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir.“
Adama und Zeboim waren Städte, die wie Sodom und Gomorrha vernichtet wurden. Schon die Wahl des Bibeltextes finde ich bemerkenswert. In dem Lied Nr. 552 „Was soll ich denn, o Ephraim“ beschreibt Gerhardt das unverdiente, erbarmende Handeln Gottes an seinem Menschen


3 Ja billig sollt ich dich dahin
In alles Herzleid senken.
Allein es will mir nicht zu Sinn,
Ich hab ein andres Denken.
Mein Herze will durchaus nicht dran,
Daß es dir tut, was du getan,
Es brennt für Gnad und Liebe;
Mich jammert dein von Herzen sehr
Und kann nicht sehen, daß das Heer
Der Höllen dich betrübe.

4) Ich kann und mag nicht, wie du wohl
Verdienet, dich verderben;
Ich bin und bleib’ Erbarmens voll
Und halte nichts vom Sterben;
Denn ich bin Gott, der treue Gott,
Mitnichten einer aus der Rott
Der bösen Adamskinder,
Die ohne Treu und Glauben seind
Und werden ihren Feinden feind
Und täglich größre Sünder.

5. So bin ich nicht, das glaube mir
Und nimms recht zu Gemüte,
Ich bin der Heilge unter dir
Der ich aus lauter Güte
Für meine Feinde in den Tod
Und in des bittren Kreuzes Not
Mich als ein Lamm begeben.
Ich will selbst tragen deine Last,
Die du dir, Mensch, gehäufet hast
Auf daß du mögest leben.


Gut lutherisch beendet Gerhardt den Hoseatext christologisch (Str. 5) und mit der Bitte (Str. 6): „auch töte mich durch deinen Tod/ damit ich allen Sünden-Kot/ hinfort von Herzen hasse“.

Weitere gereimte Bibeltexte sind Sirach 23,2-6 (Lied Nr 456 „O Gott mein Schöpfer, edler Fürst“) und Lukas 15 (Lied Nr. 503 „Weg mein Herz mit den Gedanken“)

Dankgebet in Kriegeszeiten
Der schwierige, damals jedoch übliche, theologische Gedanke, daß Notzeiten Strafe Gottes und also Bußzeiten wären, führt zu dem anderen Gedanken, daß Bewahrung im Krieg Ausdruck der Güte Gottes wäre. In dem 18 Strophen langen „Dankgebet in Kriegszeiten“ „Wie ist so groß und schwer die Last“ (Nr. 602) lesen wir:

„ 7. Viel unsrer Brüder sind geplagt/ Von Haus und Hof dazu verjagt/ Wir aber haben noch/ Beim Weinstock und beim Feigenbaum/ Ein jeder seinen Sitz und Raum.

8. Sieh an, mein Herz wie Stadt und Land/ An vielen Orten ist gewandt/ Zum tiefen Untergang/ Der Menschen Hütten sind verstört/ Die Gotteshäuser umgekehrt.

9. Bei uns ist ja noch Polizei/ Auch leisten wir noch ohne Scheu/ Dem Herren seinen Dienst;/ Man lehrt und hört ja fort und fort/ Alltäglich bei uns Gottes Wort.

10. Wer dieses nun will nicht verstehn/ Läßt’s in die Luft und Winde gehn/ Und bei so hellem Licht/ Nicht Gottes Gnad und Güt erkennt/ Der ist fürwahr durchaus verblendt“.

Dieses Lied gehört zu jenen Liedern, die den 30jährigen Krieg zum Hintergrund haben. „Die Last, die ist die Kriegesflut/ so jetzt die Welt mit rotem Blut/ und heißen Tränen füllt/ Es ist das Feur, das hitzt und brennt/ so weit fast Sonn und Mond sich wendt.“
Dieses schlichte Schema: Friedenszeit gleich Gnadenzeit, Kriegszeit gleich Strafzeit hat sich bis weit ins 20. Jahrhundert gehalten. Es hat in Gerhardts Lied einen drastischen Ausdruck gefunden, der von Selbstgefälligkeit und Eigenlob des Frommen nicht frei ist.

Trost und Kreuzlieder
Die überwiegenden Lieder sind Kreuz- und Trostlieder. Sie verfahren im Grunde alle nach dem gleichen Schema, wonach Leidenszeiten von Gott wegen der Sünde auferlegt sind und wie ein Kreuz zu tragen wären. Der in der Welt verspottete Christ erlebt Kreuzeszeiten, auf denen aber nach dem Willen Gottes immer auch gute Tage folgen, und er geht zum Himmel ein.

In dem 16 Strophen langen Lied „Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ (Nr. 491) klagt Gerhardt:


„6. Bist du denn fromm und fleuchst die Welt/ Und liebst Gott mehr als Gold und Geld, /so wird dein Ruhm, dein Schmuck und Kron/ In aller Welt zu Spott und Hohn /Denn wer der Welt nicht heucheln kann/ den sieht die Welt für albern an.

8. Ein Christe der an Christo klebt,/ Und stets im Geist und Glauben lebt/ Dem kann kein Unglück keine Pein/ Im ganzen Leben schädlich sein/ Geht’s ihm nicht allzeit wie es soll/ So ist ihm dennoch allzeit wohl.“


Das Glaubensgeheimnis, das im Leiden auch Hoffnung und Kraft der Auferstehung sieht, wird von Gerhardt zu einer Alltagsweisheit des Christen aufgelöst: allzeit wohl, auch wenn’s nicht geht, so wie es soll. Das Lied sollte nach der Melodie von „Vater unser im Himmelreich“ gesungen werden.

Zu den 30 untergegangenen Liedern gehören ein Weihnachtslied (Nr. 89), zwei Passionslieder (Nr. 152/ 153), ein Lied zum Karsamstag (Nr. 174) und ein Trinitatislied ( Nr. 229).
Das Karsamstaglied „Als Gottes Lamm und Leue“ erzählt die Grablegung Jesu, die Geschichte von Nikodemus und den salbenden Frauen und folgert daraus für den Frommen von damals: „So soll man Christum ehren/ Wann er nun liegt danieder/ Wir sollen balsamieren/ Ihn und sein arme Glieder/ Die Unbekleid’ten wickeln ein/ Und die so ganz verlassen sein/ Mit unsrer Hilf annehmen“. Solche und andere Strophen kündigen bereits das Liedgut der Aufklärung an.

Bittlied um einen zuverlässigen Freund
In dem Lied „Jesu allerliebster Bruder“ (Nr. 462) bittet Gerhardt um einen festen Freund. Es ist ein merkwürdiges Lied. Das Lied in der Braunschweiger Liedersammlung stimmt mit dem Original völlig überein. Das Gedicht hat 14 Strophen. In Strophe 1 bezeichnet Gerhardt Jesus selber als „treusten Herzensfreund“, in Strophe 2 und 3 klagt er über die Welt voller Lüge und Heuchelei: „Ach wie untreu und verlogen/ ist die Liebe dieser Welt/ ist sie jemand wohl gewogen/ währts nicht länger als sein Geld/ Wenn das Glück uns fügt und gründet/ sind wir schön und hübsch bedienet/ kömmt ein wenig ungestüm/ kehrt sich alle Freundschaft um“ (Str.3). Gerhardt bittet, daß er sich selber anders verhält und gegenüber seinen Freunden beständig bleibt, auch wenn es denen schlecht geht und sie von Gott mit Kreuz und Schmerz belegt sind (Str. 6). In den nächsten drei Strophen bittet Gerhardt nun um einen Freund, dem gegenüber er sich offen aussprechen und sein Herz ausschütten kann, der in Wohl und Wehe zu ihm fest steht und fromm ist.

7 Gib mir auch nach deinem Willen
einen Freund in dessen Treu
ich mein Herze mögen stillen
da mein Mund sich ohne Scheu
öffnen und erklären möge
da ich alles abelege
nach der Maß das mir genügt
was mir auf dem Herzen liegt.

9 Herr ich bitte dich erwähle
Mir aus aller Menschen Meng
Eine fromme heilge Seele
Die an dir fein kleb und häng
auch nach deinem Sinn und Geiste
mir stets Trost und Hilfe leiste
Trost der in der Not besteht
Hilfe die von Herzen geht.
8 Laß mich Davids Glück erleben
gib mir einen Jonathan
der mir sein Herz möge geben
der auch wenn nun jedermann
mir nichts Gutes mehr will gönnen
sich nicht lasse von mir trennen
sondern fest in Wohl und Wehe
als ein Felsen bei mir stehe.

10 Wenn die Zung und Mund nur liebet
ist die Liebe schlecht bestellt
wer nur gute Worte gibet
und den Haß im Herzen hält
wer nur seinen Kuchen schmieret
und wanns Bienlein nicht mehr führet
alsdann geht er nach der Tür
Ei der bleibe fern von mir.

In den folgenden Strophen erhofft sich Gerhardt durch die Vermittlung von Jesus, dem Herzensfreund, einen solchen Freund, der ihm auch in Schwachheit und Gebrechen aufhilft und ihm auch mal die Meinung sagt: „Wer mich freundlich weiß zu schlagen/ ist als der in Freudentagen/ reichlich auf mein Haupt mir geußt/ Balsam der am Jordan fleußt“ (Str. 11). Das Gedicht schließt mit der Hoffnung, daß Gerhardt durch den Glauben doch einen Freund finden wird : „Wenn du dich mir wirst verbinden/ wird sich schon ein Herze finden/ das durch deinen Geist gerührt/ mir was Gutes gönnen wird“ (Str. 14).
Das Gedicht ist schwer einzuschätzen. In jedem Fall ist es kein Gemeindelied, sondern eine private Bitte, die sich der Leser zu eigen machen kann. Liegen dem Gedicht Wünsche und Erfahrungen Gerhardts zu Grunde? Enttäuschte Erfahrungen von einer Umgebung, die ihm keine Freunde zu bieten vermag? Das Gefühl von Einsamkeit, aus der heraus Gerhardt nun Jesus zum Herzensfreund hochstilisiert? Eine gehörige Portion Hilflosigkeit, sich von Jesus einen Freund zu erbitten, anstatt selber auf die Suche zu gehen? Ist die Zeile „Gib mir einen Jonathan“ eine schlichte Bitte oder ein Hilfeschrei? Gewiß kommt sie von einem, der eben keinen „Jonathan“ hat. Das Gedicht deutet auch die Gründe an, warum sich kein Freund einstellt. Die Meßlatte für einen Freund liegt sehr hoch. Er soll fromm, solidarisch in allen Lebenslagen, offen, hilfsbereit, und, wenn nötig auch, für ein zurechtweisendes Wort tapfer genug sein. Gerhardt pflegte viele Beziehungen zur besseren Gesellschaft. Wer war als Freund gut genug? In welchem Alter mag Gerhardt diese Zeilen geschrieben haben? Er hat das Gedicht mit anderen Gedichten 1661 seinem Kantor Crüger zur Veröffentlichung gegeben. Da war Gerhardt 54 Jahre alt.

Ein Lied auf die Gesundheit
Es gibt Gerhardt-Lieder von unbefangener Fröhlichkeit wie z. B. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, die aus dem Kreuz/Leid-Trost im Himmel Schema herausfallen. Sie sind uneingeschränkt „positiv“, wenden sich wie bei der Betrachtung eines holländischen Stillebens, den Dingen der Welt zu und danken für sie als Gottes schöne Gaben.
Zu diesen Gaben gehört die Gesundheit des Menschen, die Gerhardt ausführlich in dem Lied „Wer wohl auf ist und gesund“ beschreibt. Das Lied stand als Nr. 48 unter der Rubrik „Lobgesänge“ im ersten Braunschweiger Gesangbuch und ist dann leider nicht wieder aufgenommen worden. Es wurde in der evangelischen Singebewegung der 30iger Jahre des 20. Jahrhunderts wieder entdeckt und in deren Gesangbuch „Das neue Lied“, „Der helle Ton“ gekürzt unter den Nr. 347 aufgenommen. Es hat eine eigene frische, leicht eingängige Melodie, die von Georg Ebeling 1666 stammt. Im Braunschweiger Gesangbuch sollte es nach der Melodie „Christus, der uns selig macht“ gesungen werden, was kein guter Einfall war.


Lied 347

Das Lied hat im Braunschweiger Gesangbuch 15 Strophen, was dem Original entspricht. Es gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil (Str. 1+2) gibt Gerhardt das Thema an: der Dank des Menschen für „gesundes Blut“, was das Leben fröhlich macht und was genug ist. Dafür sollte der, der in dieser Weise „wohl auf“ ist, Tag und Nacht danken „unserm Gott, der uns bedacht mit gesunden Gliedern“.
In den folgenden fünf Strophen (3-7) zählt Gerhardt andere Güter der Welt auf, wie „Barschaft und kaiserlichen Triumph (Str. 3), einen „Tisch voller Lust und Freuden“ (Str. 4+6), Herrschaft und Macht (Str. 5), kostbare Kleidung (Str. 7), die ihm aber nicht nützen würden, wenn er „siech und schwach das Bett drücken müßte“, oder ihn „Hauptweh, Stein und Gicht und die Schwindsucht plagen“ würden (Str. 7). In den folgenden beiden Strophen (Str. 8+9) zählt Gerhardt weitere Krankheiten auf (stumm, blind, verwirrt) und folgert, dann „hätt ich zwar im Himmel nichts, doch hier viel verloren“. In anderen Liedern tröstet sich Gerhardt nach heutigem Geschmack zu rasch mit den Segnungen im Himmel, die den Frommen für Entsagungen auf der Erde entschädigen. Hier konstatiert Gerhardt den großen Verlust („ hie viel verloren“), der den derart Kranken befallen hat. Im dritten Teil, den folgenden drei Strophen (Str. 10-12), stellt Gerhardt fest, daß ihm im Gegensatz zu den aufgezählten Krankheiten „nichts gebricht“, „Händ und Füße, Herz und Geist sind bei guten Kräften“ (Str. 11), und „mein Gehöre höret, wie der Vöglein süße Stimm ihren Schöpfer ehret“ , am Tage kann er tätig sein und die Nacht als „süße Ruh“ verschlafen. Gerhardt singt in diesem Lied uneingeschränkt ein Lob der Nacht. In seinen meisten anderen Liedern ist die Nacht dämonenbesetzt, eine Zeit erhöhter Versuchung und der Mensch besonders schutzbedürftig. Hier empfindet Gerhardt anders: „Kömmt die Nacht und süße Ruh/ die zum Schlafen führet/ schlaf und ruh ich unbewegt/ bis die Sonne wieder/ mit den hellen Strahlen regt/ meine Augenlider“ (Str. 12). Das Lied mündet in den letzten drei Strophen in einen Dank (Str. 13), in eine Bitte, die Gabe der Gesundheit recht zu brauchen „Gib so lang ich bei mir hab/ ein lebendges Hauchen/ daß ich solche teure Gab/ auch wohl mög gebrauchen“ (Str. 14) und daß Stärk und Kraft auch im Alter anhalten mögen. „Halte mich bei Stärk und Kraft/ wenn ich nun alt werde/ bis mein Stündlein mich hinrafft/ in das Grab der Erde“ (Str. 15).
Der klare gedankliche Aufbau, die üppige Beschreibung von gesunden und kranken Zeiten und die zielstrebige Hinführung zu Dank und Bitte machen das Lied auch heute annehmbar und leicht nachempfindbar.

Die im Gesangbuch von 1698 vorliegende Fassung bringt in vier Strophen bereits eine geschickte Überarbeitung. Str. 3 lautet im Original:
„Wär ich gleich wie Krösus reich/ hätte Barschaft liegen/ Wär ich Alexander gleich/ an Triumph und Siegen/ müßte gleichwohl siech und schwach/ Pfühl und Bette drücken/ würd auch mich im Ungemach/ All mein Gut erquicken?“
Im Braunschweiger Gesangbuch sind die historischen Parallelen verallgemeinert:
„Wär ich gleich viel tausend reich/ hätte Barschaft liegen/ wär den größten Kaisern gleich/ an Triumph und Siegen/ müßte aber siech und schwach/ Pfühl und Bette drücken/ Würd mich auch im Ungemach/ all mein Gut erquicken?“ Die Überarbeitung ist eine Verdeutlichung der von Gerhardt gewählten historischen Bilder.

Auch Str. 4 ist leicht bearbeitet, wobei offenbar damalige stilistische Unebenheiten geglättet werden sollten. Das Original lautet folgendermaßen:
„Stünde gleich mein ganzer Tisch/ voller Lust und Freude/ Hätt ich Wildbret Wein und Fisch/ und die ganze Weide/ die den Hals und Schmack ergötzt/ wozu würd es nützen/ wenn ich dennoch ausgesetzt/ müßt in Schmerzen sitzen?“
Im Braunschweiger Gesangbuch ist das einem Stilleben entnommene Bild von Wildbret, Wein und Fisch leider aufgelöst.
„Stünde gleich mein ganzer Tisch/ voller Lust und Freude/ Hätt aus Wasser, Luft, Gebüsch/ überhäufte Weide/ die den lüstern Schmack ergetzt/ wozu würd es nützen/ wenn ich dennoch aufgesetzt/ müßt in Schmerzen sitzen?“
Das barock Genießerische und Schwelgerische im Originaltext, das frei ist von jeder moralischen Wertung, wird in der Braunschweiger Fassung leider moralisiert. Der Geschmack ist „lüstern“, die Weide „überhäuft“ statt allgemein „ganze“ Weide. Die aparte Zusammenstellung von „Hals und Schmack“, die ja auf dasselbe Organ Bezug nimmt, ist durch das eingefügte Adjektiv „lüstern“ zerstört, ebenso wie die Alliteration des „w“ in Wildbret, Wein, Weide“ (stattdessen: „Wasser, Luft, Weide“). Die Einfügung von „Luft“ hat keinen Bezug zu den genannten Freuden.

Am stärksten ist die Strophe 6 verändert. Sie lautet im Original:
„Ich erwähl ein Stücklein Brot/ das mir wohl gedeihet/ vor des roten Goldes Kot/ da man Ach bei schreiet/ Schmeckt mir Speis und Mahlzeit wohl/ und darf mein nicht schonen/ halt ich ein Gerichtlein Kohl/ höher als Melonen“. Hier sehen wir in die Küche von Frau Gerhardt, die „Kohl“ als ein Lieblingsessen jedenfalls beim Hausvater Gerhardt auftischt. Melonen sind wohl wieder eher einem barocken Stilleben entnommen und weniger dem Angebot des Berliner Marktes in der Nachkriegszeit des 30jährigen Krieges. Jedenfalls macht sich der Gegensatz von Kohl und Melonen preußisch asketisch.
Die Fassung im Braunschweiger Gesangbuch zerstört leider diese Sicht in der zweiten Hälfte
„Ich erwähl ein Stücklein Brot/ das mir wohl gedeihet/ vor des eiteln Goldes Kot/ da man Ach bei schreiet/ Denn was nützt ein guter Tisch/ voller rarer Bissen/ wenn man nicht gesund und frisch/ und es kann genießen?“
Wie schon in Strophe vier sind die Moralisierer am Werk. Bei Gerhardt ist das Gold „rot“, hier „eitel“. Gleichwohl bedeutet Gold „Kot“. „Geld ist Dreck“, war auch später ein geflügeltes Wort in preußischen Pfarrhäusern.
Die zweite Hälfte ist nun völlig verändert, der Kohl vom Tisch verschwunden und der Nutzen eines „guten Tisches“ bei mangelnder Frische und Gesundheit in Frage gestellt. Irritierend ist die Zusammenstellung eines „guten“ Tisches und eines „raren“ Bisses“. Schade.

In der achten Strophe hingegen halte ich die Überarbeitung für gelungen.
Im Original heißt der bereits zitierte Schluß: „Sollt ich gehen spat und früh/ mit verschloßnen Ohren/ würd ich wünschen, daß ich nie/ wäre ein Mensch geboren“.
Im Braunschweiger Gesangbuch:
„Sollt ich gehen spat und früh/ mit verschlossnen Ohren/ hätt ich zwar im Himmel nichts/ doch hier viel verloren“. Der Gegensatz von „Himmel“ und Verlust „hie“ ist also nicht, wie oben vermutet, eine besondere Zuwendung zu den Gaben auf der Erde, sondern von Paul Gerhardt gar nicht vorgenommen. Er wäre bei Gerhardt auch eine Ausnahme. Die Bearbeitung nimmt aber den „positiven“ Ton Gerhardts auf und verlängert ihn in einen Vergleich Himmel und Erde.

Ich halte dieses Lied, auf elf Strophen gekürzt ( Str. 1-3+7+9 -15) und in zwei oder drei Abschnitten gesungen, für einen Gerhardt-Gottesdienst mit offenem Singen für gut geeignet.

Paul Gerhardt - Lieder im Gesangbuch der Aufklärung 1780
Die Anzahl der Paul Gerhardt-Lieder wurde von 56 Liedern in der Liedersammlung/ Gesangbuch von 1698 auf 19 Lieder im Gesangbuch von 1780 reduziert . Das waren erheblich weniger Lieder als die 28 Lieder im Hannoverschen Gesangbuch von 1740 und auch weniger als die 21 bereits veränderten Lieder im Lüneburgischen Gesangbuch von 1767. Je weiter die Aufklärung fortschritt, desto mehr reduzierte sich der Anteil der Paul Gerhardt Lieder. Außerdem waren die Braunschweiger Stadtpfarrer, die für die Herstellung des Gesangbuches verantwortlich waren, im stärkeren Maße Anhänger der Aufklärung als anderswo.
Beim Eindruck des Traditionsabbruches ist zu bedenken, daß wohl die wenigsten Gerhardt- Lieder bisher im Gottesdienst gesungen worden waren. Sie waren wohl kaum in den Stamm der ca 6-14 geläufigen und sonntäglich immer wiederholten Gesangbuchliedern vorgedrungen und waren mit dem Gesangbuch von 1780 zum ersten Mal den Gemeindemitgliedern schriftlich vor Augen und zur Hand, zumal die Lesebereitschaft und Lesefreudigkeit in der Bevölkerung im 18. Jahrhundert gewachsen war.

Einige Lieder wurden geringfügig verändert wie z.B. „O Welt sieh hier dein Leben“ oder „Warum sollt ich mich denn grämen“, andere erheblich mehr, wie das Neujahrslied „Kommt laßt uns vor Gott treten/ Ihn kindlich anzubeten/ Sein Arm hat unserm Leben/ bis hierher Kraft gegeben“ (Nr.588) statt: „Nun laßt uns gehen und treten“ (EG 58). Andere Passagen dieses Liedes wie die Strophen 12-15 sind wieder Originalton Gerhardt. Mißlich sind die Veränderungen des Liedanfanges. Hinter „Der du voll Blut und Wunden für uns am Kreuze starbst und unsern letzten Stunden den größten Trost erwarbst“ (Nr. 142) verbirgt sich „O Haupt voll Blut und Wunden voll Schmerz und voller Hohn“.
Der poetische Schmelz war oft eingetrocknet.


Wie soll ich dich empfangen
Strophe 5 1780
O du an den ich glaube
Was wars das dich bewog
Was wars das dich zum Staube
Zu mir hernieder zog
Dein göttliches Erbarmen
Ja du o Jesu hast
Mit mitleidsvollen Armen
Die ganze Welt umfaßt.
1698/ 1994
Nichts nichts hat dich getrieben
zu mir vom Himmelszelt
als das geliebte Lieben
damit du alle Welt
in ihren tausend Plagen
und große Jammerlast
die kein Mund kann aussagen
So fest umfangen hast.

Die Fassung der fünften Strophe liest sich wie eine Übersetzung der Frage. Was wollte Gerhardt ausdrücken?

Im Lied „Sollt ich meinem Gott nicht singen?“ endet jede Strophe mit der Zeile „Alles Ding währt seine Zeit/ Gottes Lieb in Ewigkeit“. Der Aufklärung ist das zu eintönig, und sie paßt das Versende jeweils dem vorhergehenden Text an: in „Ich will als dein Eigentum/ stets erheben deinen Ruhm“ (Str. 1), „Leib und Seele gabst du mir/ Gott o wie verdank ichs dir“ (Str. 2), „seine Lieb ist immer neu/ ewig seine Gnad und Treu“ (Str. 3), vom Gedeihn und Überfluß/ trieft des Allerhöchsten Fuß“ (Str. 6), „vom Allsehenden bewacht/ ging ich durch die dunkle Nacht“ (Str. 7), „heilig heilig heilig ist/ Er der sein wird, war und ist“ (Str. 11).

Putzig wirkt es, wenn das Lied „Nun ruhen alle Wälder“ aus dem Gesangbuch gestrichen wird, zugleich aber drei Abendlieder hintereinander auf diese Melodie eingefügt werden (Nr. 656/ 657/ 658). So peinlich und geradezu platt manche sprachlichen Wendungen waren, so vermochten sie inhaltlich dem singenden Gemeindemitglied doch Trost versprechen.

Ein Grund für die unterschiedliche Bearbeitung der Texte mag auch darin gelegen haben, daß die Lieder unter den Kommissionsmitgliedern aufgeteilt worden waren und der eine revidierfreudiger war als der andere. Fünf wurden allerdings derart bearbeitet, daß sie nach dem Urteil von Inge Mager nicht mehr als Lieder von Paul Gerhardt angesprochen werden können.

Die Liedbearbeitung soll am Beispiel des Liedes „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ gezeigt werden.

Das Lied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ im Vergleich

1698 1902 EKG EG
1)
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
der Welt und ihrer Kinder.
Es geht und büßet in Geduld
Die Sünden aller Sünder:
Es geht dahin,
wird matt und krank:
Es gibt (ergibt) sich auf die Würgebank
Verzeiht sich (entsaget) aller Freuden
Es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod
Und spricht: ich wills gern leiden.

2)
Das Lämmlein ist der große Freund
und Heiland meiner Seelen.
Denn (den) den hat Gott zum Sünden-Feind
und Sühner wollen wählen.
Geh hin, mein Kind,
und nimm dich an der Kinder,
die ich ausgetan
zur Straf und Zornesruten
Die Straf ist schwer, der Zorn ist groß
Du kannst und sollst sie machen los
Durch Sterben und durch Bluten

3)
Ja Vater, ja von Herzensgrund
Leg auf, ich will dirs tragen.
Mein Wollen hängt an deinem Mund,
Mein Wirken ist dein sagen.
O Wunderlieb, o Liebes-Macht.
Du kannst, was nie kein Mensch gedacht
Gott seinen Sohn abzwingen;
O Liebe, Liebe, du bist stark,
Du streckest den in Grab und Sarg,
vor dem die Felsen springen.

4)
Du marterst ihn am Kreuzesstamm
mit Nägeln und mit Spießen.
Du schlachtest ihn als wie ein Lamm
machst Herz und Adern fließen.
Das Herze mit der Seufzer-Kraft
Die Adern mit dem edlen Saft
Des purpurroten Blutes
O süßes Lamm, was soll ich dir
Dafür erweisen, daß du mir
erzeigest so viel Gutes.
1780
1)
Ein Lamm geht hin und trägt die Schuld
der abgefallnen Kinder,
Geht hin und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder.
Es folgt belastet,
matt und krank
den Würgern zu der Würgebank,
wählt Martern statt der Freuden
Für uns will es nicht Schmach und Pein
nicht Striemen, Angst und Wunden scheun
Ja gar den Tod erleiden.

2)
Das Lamm ist der erhabne Freund
Der Heiland unsrer Seelen
Gott aller Sünde strenger Feind
Wollt ihn zum Mittler wählen.
Sohn, sprach er,
nimm dich derer an
die über sich im blinden Wahn
selbst Zorn und Strafe brachten
Die Straf ist schwer, der Zorn ist groß
Doch du vermagst es, mache los
die nun im Elend schmachten.

3)
Ja, sprachst du, dies sei unser Bund
Mich magst du für sie schlagen.
Mein Wille hängt an deinem Mund,
Ich will die Sünden tragen.
O Wunderlieb, o Liebesmacht
Du kannst, was nie ein Mensch gedacht
Gott seinen Sohn abzwingen
O Liebe, Liebe, du bist stark.
Du streckest den in Grab und Sarg
Vor dem die Felsen springen.

4)
Er büßt für uns am Kreuzesstamm
Damit wir Gnade finden.
Er wird geschlachtet als ein Lamm
Zum Opfer für die Sünden
Für alle stirbt er; auch für mich
ergießet hier sein Leben sich
in milden Strömen Blutes
O teures Lamm, wie soll ich dir
dafür gnug danken, daß du mir
erzeigest so viel Gutes.

Die 4. Strophe fehlt 1902/ EKG und EG

1698 EKG (4) und EG (4)
5)
Mein Lebetage will ich dich
Aus meinem Sinn nicht lassen.
Dich will ich stets gleich wie du mich
mit Liebesarmen fassen.
Du sollst sein meines Herzens Licht
Und wenn mein Herz in Stücken bricht
sollst du mein Herze bleiben.
Ich will mich dir, mein höchster Ruhm
hiermit zu deinem Eigentum
beständiglich verschreiben.

6) 1698
Ich will von deiner Lieblichkeit
bei Nacht und Tage singen.
Mich selbst auch hier nach Möglichkeit
zum Freudenopfer bringen.
Mein Bach des Lebens soll sich dir
Und deinen Namen für und für
in Dankbarkeit ergießen.
Und was du mir zugut getan
Das will ich stets so tief ich kann
in mein Gedächtnis schließen.
5)
Ich will von deiner Freundlichkeit
bei Nacht und Tage singen
Dir will ich auch zu aller Zeit
Mich selbst zum Opfer bringen.
Mein ganzes Leben soll sich dir
Das hilf du selbst, mein Heiland, mir
In stetem Dank ergießen.
Wie großes du an mir getan
das will ich stets, so tief ich kann
In mein Gedächtnis schliessen.

So auch 1902 (5) / EKG (5) und EG (5)

7)
Erweitre dich, mein Herzensschrein,
du sollst ein Schatzhaus werden
der Schätze, die viel grösser sein
als Himmel, Meer und Erden.
Weg Ehr und Stand der eitlen Welt,
weg Reichtum, Gold und alles Geld.
Ich hab ein Bessres funden.
Mein großer Schatz, Herr Jesu Christ,
ist dieses, was geflossen ist
aus deines Leibes Wunden.
6)
Wohlauf mein Herz, eröffne dich.
Dir soll mein Kleinod werden.
Kein Schatz wie dieser findet sich
Im weiten Schoß der Erden
Weg Ehr und Lust der eitlen Welt
Was mir vor allem dem gefällt
Hat nun mein Herz gefunden.
Dies Kleinod, dies mein bestes Gut,
ist, Jesu, dein vergossnes Blut
der Strom aus deinen Wunden.

so auch 1902 (6) EKG (6), gestrichen EG

8)
Das soll und will ich mir zunutz
Zu allen Zeiten machen:
Im Streite soll es sein mein Schutz,
in Traurigkeit mein Lachen,
in Fröhlichkeit mein Saitenspiel
und wann mir nichts mehr schmecken will soll mich dies Manna speisen.
Im Durst soll sein mein Wasser-Quell,
in Einsamkeit mein Sprach-Gesell
zu Haus und auch auf Reisen.

So auch 1902 (7), EKG (7) und EG (6)
7)
Dies soll und will ich mir zunutz
zu allen Zeiten machen.
In Sturm und Hitze sei’s mein Schutz
Lehr in Gefahr mich wachen.
Verleih im Glück Bescheidenheit
In Sorgen Ruhe, Trost im Leid
Vertrauen im Gebete
Zum letzten Siege stärk es mich
und sei auch dort mein Schmuck, wenn ich
vor Gottes Richtstuhl trete.

dies ist die letzte Strophe im Gesangbuch 1780

1698
9)
Was schadet mir des Todes Gift?
Dein Blut das ist mein Leben.
Wann mich der Sonnen Hitze trifft
kanns mir Schatten geben.
Setzt mir des Schwermuts Schmerzen zu?
So find ich bei dir meine Ruh
als auf dem Bett ein Kranker:
Und wenn des Kreuzes ungestüm
mein Schifflein treibet um und um,
so bist du denn mein Anker.
1902
9)
Was schadet mir des Todes Gift?
Dein Blut, das ist mein Leben
Wenn mich der Sonne Hitze trifft
So kann’s mir Schatten geben;
Setzt mir der Schmerz der Wehmut zu,
so find ich bei dir meine Ruh
wie auf dem Bett ein Kranker.
Und wenn des Kreuzes ungestüm
mein Schifflein treibet um und um
So bist du denn mein Anker.

gestrichen in EKG und EG

10)
Wenn endlich soll ich treten ein
in deines Reiches Freuden,
so laß (soll) dies Blut mein Purpur sein,
ich will mich darein kleiden.
Es soll sein meines Hauptes Kron,
in welcher ich will vor den Thron
des höchsten Vaters gehen
und dir, dem er mich anvertraut
als eine wohl geschmückte Braut
an deiner Seiten stehen.

so auch 1902 (St.9)
so auch EKG (Str. 8)
so auch EG ( Str. 7)

Die jeweiligen Gesangbuchkommissionen haben das Lied gekürzt. Sie haben von den ursprünglich zehn Strophen jeweils eine Strophe gestrichen. 1902 blieben neun Strophen übrig, 1950 acht und 1994 je sieben Strophen, aber verschiedene. In das neue Gesangbuch der reformierten Kirche ist das Lied nicht mehr aufgenommen worden. Auch das Gesangbuch der Aufklärung hat es wie das EG ohne Substanzverlust um drei Strophen (Strophen 5/ 9 und 10) gekürzt.
Es ist erstaunlich, daß das aufgeklärte Gesangbuch die vierte Strophe trotz seiner mystischen Sprache beibehalten hat. Sie beschreibt das im Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn verabredete Opfer des Sohnes. Diese Tatsache fehlt bei den Kürzungen im EG, das sofort zur Anwendung auf den Glaubenden: „Mein Lebetage will ich dich..“ übergeht. Diese Strophe streicht nun wiederum die Fassung von 1780, weil die folgende Strophe inhaltlich eine Wiederholung ist: „Ich will von deiner Freundlichkeit bei Nacht und Tage singen.“ Sie schließt sich auch gut als Antwort auf die in der Strophe vier gestellte Frage: Wie soll ich dir dafür gnug danken? Antwort: Ich will von deiner Freundlichkeit singen. Die Strophen 9 und 10 werden gestrichen und in den letzten drei Versen der nunmehr letzten Strophe sieben ein eschatologischer Schluß formuliert, der auch bei Gerhardt der letzten, dort der zehnten, Strophe vorbehalten war.

In beiden gegenübergestellten Fassungen hat das Lied als Mitte die Bedeutung des Blutes Jesu für den Frommen (Str. 4 –7). Das Blut Jesu ist das Blut des geschlachteten Opferlammes. Das Opfer entspricht dem Willen des Vaters (Str. 2) und nach einem Gespräch zwischen Gottvater und Gottsohn auch dem Einverständnis des Sohnes (Str. 3). Das Lied endet jeweils mit einem Bild im Himmel, das Gerhardt in der 10. Strophe breit ausmalt: das Blut ist der Purpurstoff, in welchem das singende Gemeindemitglied (das Ich des Dichters) vor den Thron Gottes tritt. Die Aufklärung verwendet das Bild vom Richterstuhl. Aber auch hier ist das Blut der Schmuck des Glaubenden.

Formal ersetzt die Fassung von 1780 Wörter, die eine andere Bedeutung haben wie in Str. 1 „Welt“, Welt ist für die Aufklärung ein positiv besetztes Wort, für Gerhardt vor allem in Verbindung mit „schnöder“, böser Welt“ negativ besetzt. Daher ersetzt die Fassung von 1780 Gerhardts „Schuld der Welt“ in „Schuld der abgefallnen Kinder“. Das kann man mit der geschärften dogmatischen Brille als Abschwächung bewerten.
Formal beseitigte die Aufklärung von ihr als sentimental empfundene Wörter wie „Lämmlein“, „süß“, „Lieblichkeit“, „Schatz“.
Es beseitigte dichterische Wortbildungen wie Seufzerkraft, Zornesrute, Sündenfeind, Liebesarme, Herzensschrein, Schatzhaus, Sprachgesell.
Es beseitigte als grob empfundene Wendungen: die Marter „mit Nägeln und mit Spießen“.
Gewollte, gegeneinander aufgebaute Substantive wie in Strophe 7 wurden durch Verben („lehren, verleihen, stärken, treten“) aufgelöst. Formal wurde aus einem gefühlsstarken Lied ein Lehrgedicht. Das war auch so gewollt. Statt Manna und Anker als besondere Symbole des Christus für seine Gemeinde waren Bescheidenheit, Ruhe, Vertrauen Gegenstände der besonderen Bitte des Frommen (Str. 7).
Gliederung und Inhalt des Liedes aber bleiben in beiden Fassungen erhalten. Die Änderungen betreffen vor allem die Form des Passionsliedes.

Paul Gerhardts Lieder im Kirchenbuch von Heinrich Thiele
Domprediger Heinrich Thiele hatte in sein Kirchenbuch von 1852 einen Liederteil mit insgesamt 233 Liedern eingefügt, der auch 16 Paul Gerhardt- Lieder enthielt. Thiele brachte die Lieder meistens im Originaltext, aber er nahm Rücksicht etwa bei den Liedanfängen und fügte auch eigene Strophen hinzu. „Befiehl du deine Wege“, „Ich singe dir mit Herz und Mund“, „Wach auf mein Herz und singe“, „Nun ruhen alle Wälder“ konnten die Braunschweiger Dombesucher nun im Gerhardtschen Originaltext singen. Erstmals in der Landeskirche.

Diese Lieder sind ein interessanter Versuch, die Paul Gerhardt-Lieder zu kürzen und so ihre Akzeptanz bei der singenden Gottesdienstgemeinde zu erhöhen. Thiele kürzte sämtliche Lieder gegenüber dem Text der beiden vorhergehenden Gesangbücher.
Für ein besonders glückliches Beispiel halte ich den Wegfall der drei Strophen 5-7 von „Nun ruhen alle Wälder“ (EG 477), wobei der Anschluß von Strophe vier („dagegen wird Christus mir anlegen“) an Strophe 8 „Breit aus die Flügel beide o Jesu meine Freude“ ausgesprochen gelungen ist. Das Lied hat immer noch sechs Strophen. Diesen Mut hätte man den Gesangbuchredaktoren von 1994 gewünscht. Das Lied „Warum soll ich mich denn grämen“ ist mit 12 Strophen unsingbar, bei Thiele entfallen, ohne daß das Lied Schaden nimmt oder inhaltliche Verkürzungen hinnehmen muß, die Strophen 2/ 5-7/ und 9 (nach EG 370). Die Strophen 5-7 wiederholen immer nur den einen Gedanken, daß der Christ sein Kreuz tragen soll und kann, weil ihm Gott dabei hilft. Dabei entfällt allerdings auch das geflügelte „Unverzagt und ohne Grauen soll ein Christ wo er ist stets sich lassen schauen“. Auch „O Haupt voll Blut und Wunden“ wurde von zehn auf sechs Strophen verkürzt. Es entfallen bei Thiele die Strophen 2/ 3/ 5/ 8. Die Strophen 2 und 3 sind Wiederholungen der ersten Strophe, die fünfte Strophe hat kaum vermittelbare Bilder („dein Mund labt mich mit Milch und süßer Kost“, wo kurz vorher vom bluttriefenden Haupt gesprochen war). Der Einwände, es handle sich um eine Übertragung aus dem Lateinischen, ist für den gegenwärtigen Menschen belanglos.
Das ebenfalls wegen seiner Länge (12 Strophen) und wegen zahlreicher inhaltlicher Wiederholungen heute so nicht singbare „Ich bin ein Gast auf Erden“ (EG 529) hatte Thiele auf 5 Strophen, nämlich die Strophen 1/ 2/ 6/ 11/ 12 gekürzt und die Strophe vier begonnen mit „O Jesu, meine Freude“. Erst solche Kürzungen holt dieses wegen seiner pessimistischen Grundhaltung kaum singbaren Gerhardt-Lieder wieder in den Gottesdienst zurück.

Gelegentlich machten die Kürzungen inhaltliche Brücken notwendig, die Thiele dann selber hinzukomponiert hat. Das radikalste Beispiel ist seine Fassung von „Ein Lämmlein geht“, die er von zehn Strophen auf drei kürzt. Es blieben nur die vierte Strophe vollständig erhalten (EG 83,4), von der ersten Strophe die erste Hälfte und seine dritte Strophe entnahm Thiele vollständig mit geringen Veränderungen aus der sechsten Strophe des aufgeklärten Gesangbuches. Das kaum verstehbare Zwiegespräch von Gottvater und Gottsohn in den Strophen 2 und 3 entfiel. Um die erste an die vierte Strophe anzuschließen, dichtete Thiele statt „Es nimmet an Schmach, Hohn und Spott“ folgende Frage: „O Gotteslamm was soll ich dir/ erweisen dafür/ daß du mir/ erzeigest so viel Gutes?“ Darauf antwortet die vierte Strophe: „Mein Lebetage will ich dich/ aus meinem Sinn nicht lassen“.
Die letzte Strophe lautet: „Wohlauf mein Herz eröffne dich/ dir soll ein Kleinod werden/ Kein Schatz wie dieser findet sich/ im Himmel und auf Erden/ weg Ehr und Lust der eitlen Welt/ und alles was dem Fleisch gefällt/ ich habe mehr gefunden/ Herr Jesu Christ mein höchstes Gut/ ist dein für mich vergoßnes Blut/ das Heil aus deinen Wunden“. Ich halte diese Fassung für eine intelligente Möglichkeit, das Lied wieder singbar zu machen.

Paul Gerhardt Lieder im Gesangbuch von 1902
Wenn die oben geäußerte Darstellung richtig ist, dann begegneten die Braunschweiger Kirchengemeinden den Liedern Paul Gerhardts im Gesangbuch von 1902 zum ersten Mal. Die Lieder aus der Liedersammlung von 1698 gehörten nicht zum Stamm der ca 6-12 bekannten und gesungenen Lieder und blieben unbekannt. Das Gesangbuch von 1780 war das erste Gesangbuch, das die Gemeindemitglieder in der Hand hatten und daraus die Paul Gerhardt Lieder kennen konnten, jedoch in der dort veränderten Fassung. Nun also sollten sie nicht mehr singen „Wie soll ich dich empfangen, Heil aller Sterblichen. Du Freude, du Verlangen der Trostbedürftigen“ sondern: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir, o aller Welt Verlangen o meiner Seelen Zier.“ Auch an eine völlig neue zweite Strophe hatten sie sich zu gewöhnen. Bisher hatten sie gesungen:

der alte Text
Dein Zion streut dir Palmen
und meine Dankbegier/
ergießt in Freudenpsalmen
sich Gütigster, vor dir/
Dich dich will ich erheben/
so gut ich Schwacher kann/
Mein Herz will ich dir geben/
Ach nimm es gnädig an.
der neue Text
Dein Zion streut dir Palmen
und grüne Zweige hin
und ich will dir in Psalmen
ermuntern meinen Sinn
mein Herze soll dir grünen
in stetem Lob und Preis
und deinem Namen diene
So gut es kann und weiß.

Fünf Paul Gerhardt-Lieder standen zum letzten Mal in diesem Gesangbuch: „Geduld ist euch vonnöten“, „Ich hab in Gottes Herz und Sinn“, „Ich preise dich und singe“, „O du allersüßte Freude“, „Wie schön ist doch“.
Es waren teilweise seinerzeit sehr beliebte Lieder. Das Kreuz- und Trostlied „Ich hab in Gottes Herz und Sinn“ hatten alle Gesangbücher der 19 evangelischen Landeskirchen; das Traulied „Wie schön ist’s doch, Herr Jesu Christ, im Stande da dein Segen ist“ stand in 18 Gesangbüchern, und das Pfingstlied „O du allersüßte Freude“ in 15; danach mit Abstand „Geduld ist euch vonnöten“ in Gesangbüchern von sieben Landeskirchen.

Das Kreuz- und Trostlied „Ich hab in Gottes Herz und Sinn“ (1902 Nr. 361) variiert in immer neuer, aber auf die Dauer doch ermüdender Weise das Thema, daß ein Christ sein Kreuz zu tragen habe, weil es Gott auferlegt habe und zum guten Ende führen werde. „Ob er gleich schlägt/ und Kreuz auflegt/ bleibt doch sein Herz gewogen“ (Str. 1), „was du jetzt nennest Kreuz und Pein/ wird dir zum Trost gedeihen“ (nach der Melodie „Was mein Gott will g’scheh all Zeit“). In immer neuen Anläufen tröstete sich der Fromme zu den verschiedensten widrigen Anlässen, daß Gott der treusorgende Vater bliebe (Str. 2), der gute Hirte, der „weiß wann Freud/ er weiß wann Leid/ uns seinen Kindern diene/ und was er tut/ ist alles gut/ ob’s noch so traurig scheine“ (Str. 3). Es ist ein Ergebenheitslied, wie auch der Liedanfang sagt: „Ich hab in Gottes Herz und Sinn mein Herz und Sinn ergeben“. Diese Ergebenheit speist sich aus dem Glauben an die Geschöpflichkeit des Menschen. „Ich bin ja von mir selber nicht/ entsprungen noch formieret/ mein Gott ist’s der mich zugericht’/ an Leib und Seel gezieret/ der Seelen Sitz/ mit Sinn und Witz/ den Leib mit Fleisch und Beinen/ Wer so viel tut/ des Herz und Mut/ kann’s nimmer böse meinen/ Woher wollt ich mein Aufenthalt/ auf dieser Welt erlangen/ ich wäre längsten tot und kalt/ wo mich nicht Gott umfangen/ mit seinem Arm/ der alles warm/ gesund und fröhlich machet/ was er nicht hält/ das bricht und fällt/ was er erfreut das lachet“ (1696 Nr. 373, 3+4). Da begegnet einem wieder der Gerhardt mit seinem unverdrießbaren Urvertrauen. Diese beiden Strophen waren leider im Gesangbuch von 1902 gestrichen wie auch jene andere mit seinen Vergleichen aus Gottes Schöpfung. „Das Feld kann ohne Ungestüm/ gar keine Früchte tragen/ so fällt auch Menschen Wohlfahrt um/ bei lauter guten Tagen/ zur Arzenei/ dient Aloe/ die bitter eingegangen/ so muß ein Herz/ durch Angst und Schmerz/ zu seinem Heil gelangen“(Str. 373, 9).

Ein Christenmensch, der sein Leben in guten wie in bösen Tagen aus Gottes Hand nimmt, muß in leidvoller Zeit als höchste Tugend Geduld lernen, wenn er bei Gott festhalten will. „Geduld ist euch vonnöten“ lautet daher ein anderes Gerhardt-Lied. Alle acht Strophen dieses Liedes (1902 Nr. 354) beginnen mit diesem Wort „Geduld“, die als Gottes Gabe beschrieben wird, die aus dem Glauben komme (352, 3), Gottes Willen tue (352,4), Gott zu Ehren diene (352,5), „erhält das Leben, vermehrt der Jahre Zahl/ vertreibt und dämpft daneben/ manch Angst und Herzensqual“ (352,6). Das Lied stand bereits 1698 in der Liedersammlung und zwar vollständig mit 14 Strophen, die 1902 um sechs gekürzt worden waren, darunter auch um solche schönen Verse: „Geduld kann lange warten/ vertreibt die lange Weil/ in Gottes schönem Garten/ durchsucht zu ihrem Heil/ den Paradies der Schrift“ (460,8) und Strophe 7: „Geduld ist wohl zufrieden/ mit Gottes weisem Rat/ Läßt sich nicht bald ermüden/ durch Aufschub seiner Gnad/ hält frisch und fröhlich aus/ läßt sich getrost beschweren/ und denkt wer wills ihm wehren/ Ist er doch Herr im Haus.“ Das ist ein besonders schönes Lob auf die Geduld abseits von einer falschen Demutsgeste.

Paul Gerhardt-Lieder im EKG 1950
Erstmals stand in einem Braunschweiger Gesangbuch 1902 das Lied „Gott Lob nun ist erschollen das edle Fried und Freudenwort“, allerdings nur drei Strophen 1 / 3/ 6.

1) Gott Lob, nun ist erschollen, das edle Fried – und Freudenwort,
daß nunmehr ruhen sollen die Spieß und Schwerter und ihr Mord.
Wohlauf und nimm nun wieder dein Saitenspiel hervor,
o Deutschland und sing Lieder im hohen, hellen Chor.
Erhebe dein Gemüte zu deinem Gott und sprich:
Herr, deine Gnad und Güte bleibt dennoch ewiglich.

2) Wir haben nichts verdienet als schwere Straf und großen Zorn
Weil stets noch bei uns grünet der freche schnöde Sündendorn
Wir sind fürwahr geschlagen mit harter scharfer Rut
Und dennoch muß man fragen: „Wer ist der Buße tut?“
Wir sind und bleiben böse. Gott ist und bleibet treu,
hilft daß sich bei uns löse der Krieg und sein Geschrei.

3) Sei tausendmal willkommen du teure, werte Friedensgab!
Jetzt sehn wir, was für Frommen dein Bei-uns-Wohnen in sich hab.
In dir hat Gott versenket all unser Glück und Heil;
Wer dich betrübt und kränket, der drückt sich selbst den Pfeil
Des Herzleids in das Herze und löscht aus Unverstand
Die güldne Freudenkerze mit seiner eigen Hand.

4) Das drückt uns niemand besser in unsre Seel und Herz hinein
Als ihr zerstörten Schlösser und Städte voller Schutt und Stein,
ihr vormals schönen Felder mit frischer Saat bestreut
jetzt aber lauter Wälder und dürre, wüste Heid,
ihr Gräber voller Leichen und blutgen Heldenschweiß,
der Helden, deren gleichen auf Erden man nicht weiß.

5) Hier trübe deine Sinnen o Mensch und laß den Tränenbach
Aus beiden Augen rinnen, geh in dein Herz und denke nach
Was Gott bisher gesendet, das hast du ausgelacht.
Nun hat er sich gewendet und väterlich bedacht
Vom Grimm und scharfem Dringen zu deinem Heil zu ruhn,
ob er dich möchte zwingen mit Lieb und Gutestun.

6) Ach laß dich doch erwecken, wach auf, wach auf du harte Welt
Eh als das harte Schrecken dich schnell und plötzlich überfällt.
Wer aber Christum liebet, sei unerschrocknen Muts.
Der Friede, den er gibet, bedeutet alles Guts.
Er will die Lehre geben: das Ende naht herzu,
da sollt ihr bei Gott leben in ewgem Fried und Ruh.

Das Lied war außerordentlich beliebt und stand in den Gesangbüchern von allen 19 Landeskirchen.
Die Situation in dem in vier Besatzungszonen geteilten ehemaligen deutschen Reich mit historisch beispiellosen Zerstörungen und den Millionen Toten nach 1945 motivierte dazu, das ganze Lied mit allen sechs Strophen in das EKG aufzunehmen. Das Wort „Deutschland“ (Str. 1) war zwar verpönt, aber die durch das Kriegsende geschaffene Erleichterung war wohl vergleichbar mit der Situation am Ende des 30jährigen Krieges, zu dessen Anlaß 1648 Gerhardt das Lied gedichtet hatte. Beide Kriege hinterließen für die Deutschen keine Siege aber der Ausruf „Sei tausendmal willkommen du teure werte Friedensgab“ machten sich die Deutschen zu beiden Zeiten zu eigen. Auch die Frage nach der Buße, die Gerhardt stellt, ist zu beiden Zeiten abweisend beantwortet worden. Die im Grunde nach derart viel Elend deprimierende Schlußfolgerung „Wir sind und bleiben böse“ führte Gerhardt nicht in die Schuldfrage, auch nicht in die totale Skepsis, sondern fährt bündig und prägnant fort: „Gott ist und bleibet treu“. Gerhardt beendet das Lied mit dem Hinweis auf den Frieden, den Christus gibt.
Warum dieses Lied nicht mehr in das EG aufgenommen worden ist, ist mir nicht klar.


Zum Teil 3: Die Passionslieder Paul Gerhardts in den Braunschweiger Gesangbüchern






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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Gesangbuch/T3K2.htm, Stand: Dezember 2007, dk

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