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[Kirche von unten]

Lieder von Paul Gerhardt

in den fünf Braunschweiger Gesangbuchgenerationen

von Dietrich Kuessner

3. Kapitel




Die Passionslieder Gerhardts in den Braunschweiger Gesangbüchern

Paul Gerhardt hat 13 Passionslieder gedichtet, die im Folgenden aufgeführt sind:

1. Ein Lämmlein geht und trägt
2. O Welt sieh hier dein Leben
3. Siehe mein geliebter Knecht

Sieben Lieder an die Gliedmaßen des Herrn Jesu
4. An die Füße des Herrn Jesu
Sei mir tausendmal gegrüßet
5. An die Knie des Herrn Jesu
Gegrüßet seist du meine Kron
6. An die Hände Jesu
Sei wohl gegrüßet guter Hirt
7. An die Seite des Herrn Jesu
Ich grüße dich du frömmster Mann
8. An die Brust des Herrn Jesu
Gegrüßet seist du Gott mein Heil
9. An das Herz des Herrn Jesu
O Herz des Königs aller Welt
10. An das Angesicht des Herrn Jesu
O Haupt voll Blut und Wunden

11. Das Leiden unsres Herrn Jesu
O Mensch beweine deine Sünd
12. Die sieben Worte am Kreuz geredet
Hör an mein Herz die sieben Wort
13 Das Begräbnis des Herrn Jesu
Als Gottes Lamm und Leue

10 Strophen
16 Strophen
18 Strophen


5 Strophen

5 Strophen

5 Strophen

5 Strophen

7 Strophen

10 Strophen



29 Strophen

15 Strophen

10 Strophen


Das Lied „O Mensch beweine deine Sünd“ mit seinen 29 Strophen ist eine schlichte gereimte Beschreibung der Stationen der Leidengeschichte ohne „Anwendung“ für den Frommen. Eine Art Oberammergau im 17. Jahrhundert. Als Melodie ist „O Mensch bewein dein Sünde groß“ angegeben, was zur Folge hatte, daß jede Strophe 12 Verse hatte. Möglicherweise ist dieses Lied von einem Schülerchor „aufgeführt“ worden. Textprobe: „Er kam zum heilgen Öleberg/ da da ging an das hohe Werk/ Mit Zittern und mit Zagen/ Die Erde nahm den Blutschweiß an/ der häufig aus ihm drang und rann/ der Himmel hört ihn sagen/ O Vaterherz gefällt es dir/so gehe dieser Kelch von mir/ Wo nicht gescheh dein Wille/ Und tat also zum dritten Mal/ Indessen lag der Jünger Zahl/ im Schlaf und süßer Stille“. Das Lied fand keine Aufnahme im Gesangbuch.

Von ähnlicher Art und Qualität ist das Lied über die sieben Worte Jesu am Kreuz. Das strophenmäßig gleichförmig und schließlich an Strophenzahl sich steigernde Gedicht von den Körperteilen des gekreuzigten Herrn Jesus folgt einem Gedicht des Mönches Bernhard v. Clairveaux. Es setzt eine völlig andere Art von Meditation voraus, die dem evangelischen Haus und Gottesdienst fremd ist. Inhaltlich sucht man beim Gedicht auf das Knie Jesu vergeblich Anspielungen auf diesen Körperteil. Das Lob auf die Wunde Jesu ist ein Rückfall in die Geschmacklosigkeiten des orthodoxen Liedgutes: „Mein Mund streckt sich mit aller Kraft/ damit ich dich berühre/ und ich den teuren Lebenssaft/ in Mark und Beinen spüre/ Ach wie so süße bist du doch/ Herr Jesu meinem Herzen/ Wer dich recht liebt dem wird das Joch/ der bittren Todesschmerzen/ Gleich als wie lauter Zucker“. Gesegnete Mahlzeit! Dieser Schwulst ist benebelte Frömmigkeit und nimmt das Kreuz nicht mehr ernst. Was hinter hohen strengen kalten Klostermauern auf lateinisch möglich gewesen war, ist für die evangelische Frömmigkeit schlicht ein Mißgriff. Aber er gehört zur Persönlichkeit und zum Frömmigkeitsstil von Paul Gerhardt. Manche Sonderbarkeiten des Liedes „O Haupt voll Blut und Wunden“ werden aus diesem Zusammenhang einleuchtend, bleiben aber für einen Frömmigkeitsversuch im 21. Jahrhundert ungeeignet.

Fünf der oben aufgeführten Lieder haben Eingang in die erste Liedersammlung gefunden: außer den drei bekannten, die bis ins EG reichen „O Haupt voll Blut“, „O Welt sieh hier“ und „Ein Lämmlein geht“, auch noch das 18 strophige „Siehe mein geliebter Knecht“ (Nr. 152) und „Als Gottes Lamm und Leue“ (Nr. 174).
Das 18strophige Lied „Siehe mein geliebter Knecht“ (im Gesangbuch dann „mein getreuer Knecht“) geht den Bibeltext Jesaja 53 versweise entlang und bringt den Text in Reime. Das ist aber keine Auslegung und erzeugt heftige Mißverständnisse. Wenn in Jes 53,12 geschrieben ist, daß Gott dem Gottesknecht „die vielen zur Beute geben“ werde und „die Starken zum Raube“ und Gerhardt den Gottesknecht lutherisch-dogmatisch korrekt mit Jesus identifiziert, wird daraus folgende Strophe: „Große Menge wird ihm Gott/ zur Verehrung schenken/darum daß er sich mit Spott/ für uns lassen kränken“ (Str. 18). An welche „große Menge“ mag Gerhardt gedacht haben? an die gefüllte Nikolaikirche, oder das christliche Berlin oder das evangelische Deutschland? In Strophe 2 und 3 zieht Gerhardt diese Linie vom Kreuz zur allgemeinen Verehrung Jesu selbst durch die Obrigkeit aus:

Siehe mein getreuer Knecht
Strophe 2
Hoch am Kreuze wird mein Sohn
Große Marter leiden
Und viel werden ihn mit Hohn
Als ein Scheusal meiden
Aber also wird sein Blut
Auf die Herzen springen
Und das ewge wahre Gut
In ihr Herze bringen.
Strophe 3
Kön’ge werden ihren Mund
gegen ihn verhalten
und aus innerm Herzensgrund
ihre Hände falten
das verblendte taube Heer
wird ihn sehn und hören
und mit Lust zu seiner Ehr
ihren Glauben mehren.

Es ist wenig gewonnen, wenn der Bibeltext 1:1 in Reime umgesetzt wird. Und zum Verständnis der Passion trägt die unmittelbare Gleichsetzung des Gottesknechtes mit Jesus nicht bei.

Das Lied „O Welt sieh hier dein Leben“ beginnt auch mit diesem großen Anspruch: Alle Welt möge nun auf das Kreuz sehen. Aber die Welt sieht und sah auch früher ganz woanders hin. „Gemeinde, sieh hier“ wäre bescheidener und im Raum des Gottesdienstes auch sachlicher als das pathetische „O Welt“. Das Lied gliedert sich in einen ersten Teil, der die Passion als „durch mich“ verursacht und „für mich“ geschehen schildert (Str. 1-8) und im zweiten Teil nach den Möglichkeiten einer Gegenleistung fragt, der vor allem in einem ethischen Impuls besteht (Str. 9-16). Das Gesangbuch von 1698 hat das Lied komplett übernommen, die folgende 8. Strophe ohne Nachteil gestrichen: „Du springst in Todes Rachen/ mich frei und los zu machen/ von solchem Ungeheur/ Mein Sterben nimmt du abe/vergräbst es in dem Grabe/ o unerhörtes Liebesfeur“. Das Gesangbuch der Aufklärung und das EKG haben dies gemeinsam, daß sie 15 Strophen in das Gesangbuch aufnehmen, obwohl es in dieser Länge völlig unsingbar ist. Noch von 1950 bis 1994 sollte sich die Gemeinde solche Bilder zu eigen machen: „sein Leib ist ganz mit Schweiße des Blutes überfüllt“ (EKG 64,2), ich sollte „gebunden an Händen und an Füßen in der Höll büßen“ (Str. 5), und in Strophe 11 erfährt der Sänger etwas von Rache und dem Eifer Gottes, von seinen grausamen Ruten und zornigen Fluten. Der Intellektuelle kann dies als seinerzeitige Poesie verstehen, als Lied in einem heutigen Gottesdienst ist es nicht tragbar. Der zweite Teil zeigt den starken belehrenden Anteil: ich will „vor Augen setzen“ (EG 84,9), „daraus studieren“ (84,10), „mich zähmen“ (84,11), „will absagen, was mein Fleisch gelüst“ (84,12), „das Unrecht dulden “ (84,11). Es ist kein Zufall, daß dieses Lied in der Aufklärung am wenigstens verändert worden ist. Ich wünschte der Kirche bei aller berechtigten Gerhardt- Begeisterung und Verehrung auch den nötigen Abstand zu den Liedern, die sie wegen seines Namens noch in das Gesangbuch aufgenommen hat. Auch die Wiedergabe einzelner Strophen in der Bachschen Passionsmusik rechtfertigt noch längst nicht ihre Aufnahme in ein Gesangbuch. Solche ein Lied wie „O Welt sieh hier dein Leben“ macht eine Beheimatung des säkularen Menschen in der Kirche des 21. Jahrhunderts unmöglich und entfremdet die Beheimateten dem Glauben. Domprediger Thiele hatte in seinem Kirchenbuch einen Kürzungsvorschlag gemacht, der leider nicht weiter aufgegriffen wurde. Er kürzte das Lied auf sieben Strophen, nämlich auf die EG 84 1/ 2/ 3/ 5/ 6/ 8/ 9. Den zweiten Teil der neunten Strophe hatte Thiele als Schlußstrophe zusammenfassend folgendermaßen umgedichtet: „Ich will vor Augen setzen/ mich stets daran ergötzen/ ich sei auch wo ich sei/ du wollst o Herr mich stärken/ zu allen guten Werken/ in Lieb und unverfälschter Treu“.


Zum Teil 4: Die Pfingstlieder Paul Gerhardts






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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Gesangbuch/T3K3.htm, Stand: Dezember 2007, dk

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