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[Kirche von unten]

Lieder von Paul Gerhardt

in den fünf Braunschweiger Gesangbuchgenerationen

von Dietrich Kuessner

4. Kapitel




Die Pfingstlieder Paul Gerhardts in den Braunschweiger Gesangbüchern

Das Braunschweiger Gesangbuch von 1698 enthält zwei Pfingstlieder von Paul Gerhardt „O du allersüß’ste Freude“ (Nr. 218) und „Zeuch ein zu deinen Toren“ (Nr. 219).
Das Pfingstlied „O du allersüß’ste Freude“ (Nr. 218) ist wie das Lied eines schlichten Gotteskindes. Es bittet den Heiligen Geist um Gehör (Str. 1), der ganz oben auf der Wunschliste steht „Wenn ich dich erwünsch und habe/ geb ich alles Wünschen hin“ (Str. 2). In den nächsten fünf Strophen wird in der ersten Hälfte beschrieben, wie der Heilige Geist erlebt wird: „wie ein Regen ausgeschütt“ (Str. 3), weise und voll Verstandes und alles ist ihm bekannt (Str. 4), heilig (Str. 5), „frommen Herzens, sanften Muts“ (Str. 6). Die zweite Strophenhälfte bringt eine Bitte vor: der Geist möge den Beter erfüllen ( Str. 3), „drum gib Weisheit und vor allem/ wie ich möge Gott gefallen“. Das ist die Demutsgeste des Kindes gegenüber dem gestrengen Vater oder des Frommen gegenüber dem „Geist des Höchsten, höchster Fürst“ (Str. 1), und „gib mir, was du gerne siehst“. In den Augen dieses Gottes ist das Kind „verderbt und blind“, was dem Geist nicht verborgen ist („Nun du weißt auch zweifelsfrei/ wie verderbt und blind ich sei“ Str. 4). In der zweiten Liedhälfte (ab Str. 7) verspricht das Gotteskind, immer und ewig dieses Geistes Eigentum zu bleiben (Str. 7), aber es ist verbunden mit der Angst des Verstoßenwerdens: „Mein Hort ich bin wohl zufrieden/ wenn du mich nur nicht verstößt“. Denn die Verbindung mit dem heiligen Geist ist vom Satan bedroht: „Was der Satan will und sucht/ soll bei mir sein ganz verflucht“ (Str. 8), und vom „Sinn des bösen Fleisches“: „Brich des bösen Fleisches Sinn/ nimm den alten Willen hin“ (Str.9). Das Lied endet mit der Bitte, in den Himmel zu kommen: „Wenn ich sterbe, sei mein Leben, wenn ich liege, sei mein Grab/ wenn ich wieder aufersteh/ ei so hilf mir, daß ich geh/ hin da du in vielen Freuden/ wirst die Deinen ewig weiden“ (Str. 10).
Der im Braunschweiger Gesangbuch wiedergegebene Text ist an wenigen Stellen leicht geglättet, wo Gerhardt zu drastisch war. Strophe 5 im Original: „Du bist heilig, läßt dich finden/ wo man rein und sauber ist/ Fleuchst hingegen Schand und Sünden/ wie die Tauben Stank und Mist“. Da ist gut beobachtet und so geglättet: „Fleuchst hingegen Schand und Sünden, hassest Bosheit, Trug und List“. Soweit der Beitrag zu einem auch „sauberen“ Gesangbuch. Strophe sechs war den Herausgebern selbst offenbar zu kindlich. Sie lautete im Original: „Du bist wie ein Schäflein pfleget, frommen Herzens sanften Muts/ bleibst im Lieben unbeweget/ tust uns Bösen alles Guts“. Im Gesangbuch heißt es: „Du bist reich von Lieb und Treue/ Frommes Herzens, sanften Muts,/ Deine Güt ist täglich neue/ tust uns Bösen alles Guts“. Diese Glättung kann bereits früher vorgenommen sein.

Dieses Pfingstlied ist erstaunlicherweise auch im Gesangbuch der Aufklärung (Nr. 163) mit demselben Liedanfang enthalten, jedoch in einer von Schlegel völlig überarbeiteten und dann von der Braunschweiger Redaktion erneut bearbeiteten Weise.
Str. 2 1780: „Edelster von allen Segen/ die uns Gott in Christo gab/ du träufst als ein milder Regen/ aus des Himmels Schoß herab/ du machst harte Herzen weich/ Wüsten auch an Früchten reich/ Was der Drangsal Hitze drücket/ wird durch deinen Trost erquicket“
1698: „Du wirst aus des Himmels Throne/ wie ein Regen ausgeschütt/ Bringst vom Vater und vom Sohne/ nichts als lauter Segen mit/ laß doch, o du werter Gast/ Gottes Segen den du hast/ und verwaltest’ nach dein Willen/ mich an Leib und Seel erfüllen.“ Die Redaktion von 1902 entschied sich für die letzte, also ursprüngliche Version und stellte in Strophe sechs sogar die oben zitierte Schäfleinversion wieder her. Da bestand also historistisches Interesse.
Den Schluß mit der Weide und den Himmelsfreuden änderte das Gesangbuch der Aufklärung folgendermaßen: „Stärke dann mein mattes Herz/ daß ich unter allem Schmerz/ noch im letzten Todesschweiße/ Gott in Jesu Vater heiße“. Die Himmel-Hölle Ansicht und auch jene vom Himmel nach dem Tode hat sich durch das neue Weltverständnis verändert. 1902 wurde sie unter der lutherisch-konfessionalistischen Reaktion wieder hergestellt und blieb bis 1950 gültig.
Die Revision von 1950 entfernte dieses Paul Gerhardt-Lied aus dem Liederkanon.

Das andere Pfingstlied von Paul Gerhardt-Lied „Zeuch ein zu deinen Toren“ (Nr. 219/ EG 133) gehörte mit Unterbrechung in der Aufklärungszeit zum Repertoire der Pfingstlieder. Das Gedicht hatte ursprünglich 16 Strophen. Die Strophen 9 – 11 nahmen Bezug auf den 30jährigen Krieg, was im Grunde kein Anlaß wäre, sie zu streichen:
„Ach edle Friedensquelle/ schleuß deinen Abgrund auf/ Und gib dem Frieden schnelle/ hier wieder seinen Lauf/ Halt ein die große Flut/ die Flut die eingerissen// so daß man siehet fließen/ wie Wasser Menschenblut.
Laß deinem Volk erkennen/ die Vielheit seiner Sünd/ Auch Gottes Grimm so brennen/ daß er bei uns entzünd/ den ernsten bittren Schmerz/ und Buße, so bereuet/ des sich zuerst erfreuet/ ein weltergebnes Herz.
Auf Buße folgt der Gnaden/ auf Reu der Freuden Blick/ sich bessern heilt den Schaden/ fromm werden bringet Glück/ Herr tus zu deiner Ehr/ erweiche Stahl und Steine/ auf daß das Herze weine/ das böse sich bekehr.“
Im ersten Gesangbuch fehlte wie auch im EKG die im EG enthaltene 12. Strophe (133,12), ein seltener Fall, daß ein Lied nicht wie üblich gekürzt, sondern erweitert wird.
Eine eher amüsante Variation hat die 10. Strophe erfahren:
Sie lautete 1698 wie im Urtext:
„Beschirm die Polizeien/ bau unsres Fürsten Thron/ daß er und wir gedeien/ schmück als mit einer Kron/ die Alten mit Verstand...“
1902 wurde die Polizei gestrichen und der Fürst samt Thron erhalten:
Beschirm die Obrigkeiten/ bau unsres Fürsten Thron/ steh ihm und uns zur Seiten/ schmück als mit einer Kron/ die Alten mit Verstand...“
1950 wurden die Polizei und der Fürst gestrichen, auf dem Thron sitzt nun das Recht.
„Beschirm die Obrigkeiten/ richt auf des Rechtes Thron/ steh treulich uns zur Seiten/ schmück als mit einer Kron/ die Alten mit Verstand.“
Stalmann weist in seinem Kommentar darauf hin, daß mit Polizei die allgemeine politische Ordnung im Sinne von polis gemeint war, was aber die Aussage nicht besser macht, nämlich, daß die Kirche Paul Gerhardts nicht für die Veränderung und Verbesserung der politischen Verhältnisse sondern für die Zementierung des Feudalismus gebetet hatte. Dann vielleicht besser gar nicht.
Auch 1990 ist es bei den Obrigkeiten geblieben. Ich möchte doch annehmen, daß auch die Fortsetzung der Strophe 10 heute nur mit Schmunzeln zu singen ist: „ Schmück als mit einer Kron/ die Alten mit Verstand/ mit Frömmigkeit die Jugend/ mit Gottesfurcht und Tugend/ das Volk im ganzen Land.“ Wie bitte?


Zum Teil 5: Ein Entwurf für einen Informationsgottesdienst






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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Gesangbuch/T3K4.htm, Stand: Dezember 2007, dk

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