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[Kirche von unten]

Die Geschichte des Braunschweiger Gesangbuches

von Dietrich Kuessner



Vorwort

Dieser Gang durch die fünf Gesangbuchgenerationen will das geschichtlich interessierte, sangesfreudige Kirchenmitglied über die Schätze unseres Gesangbuches und ihre Entstehung informieren. Es gibt für unsere Landeskirche fünf offiziell eingeführte dauerhafte Gesangbücher, das von 1698, von 1780, von 1902, von 1950 und von 1994. Über diese Entwicklung wird die Leserin, der Leser historisch zuverlässig unterrichtet. Im Blickpunkt ist vor allem die Situation des Gebrauches des Gesangbuches im Gottesdienst. Ich verliere mich also nicht in eine Diskussion mit kirchenmusikalischen Fachleuten.
Aus dieser einseitigen Perspektive „von unten“ ergeben sich Fragestellungen: wie wurde in den Kirchengemeinden auf dem Lande gesungen, wenn die Gottesdienstbesucher keine Gesangbücher in der Hand hatten? Schon die Überschrift des ersten Kapitels (Singen ohne Gesangbuch) deutet diese einseitige Perspektive an. Natürlich gab es für Chorsänger und Chorleiter großartige Partituren und Chorbücher, aus denen musiziert, abgeschrieben und deren Abschriften weitergereicht wurden. Aber das Interesse dieser Abhandlung sind nicht die musikalischen vielstimmigen Glanznummern an den Höfen der Herzöge und in den großen Stadtkirchen, sondern das Singen in den Gemeinden vor allem auf dem Lande. Wir sind bis heute eine vor allem ländlich strukturierte Landeskirche.
Bis wann wurde ohne Orgel gesungen? Wie war es, wenn sich eine Gemeinde an ein neues Gesangbuch gewöhnen mußte? Nach welchen Gesichtspunkten wurden die Lieder für ein Gesangbuch herausgesucht? Von wem? Waren die Gemeinden an der Auswahl beteiligt?

Eine bis in die Gegenwart fortgeführte Darstellung der Gesangbuchgeschichte in unserer Landeskirche gibt es bisher nicht. So versteht sich diese Abhandlung als Einstieg und nicht etwa als Abschluß einer derartigen Gesangbuchgeschichte. Sie soll zu Ergänzungen und begründetem Widerspruch herausfordern.

Das Predigerseminar in Braunschweig, die Goslarsche Marktkirche, die Herzog August Bibliothek, das Niedersächsische Staatsarchiv in Wolfenbüttel und die Stadtbibliothek Braunschweig verfügen über eine beträchtliche Gesangbuchbibliothek.

Da ich 25 Jahre lang Mitglied der Agendenkommission unserer Landeskirche war, hatte ich Gelegenheit, die Entstehung des Evangelischen Gesangbuches vom 1994 aus nächster Nähe zu beobachten. Während dieser Zeit hatte ich in Amtskonferenzen verschiedentlich über den Stand der Gesangbuchreform informiert und 1985 in zwei Nummern der EZ eine erste kleine Geschichte unseres Braunschweiger Gesangbuches veröffentlicht. Aus jener Zeit waren auch beträchtliche Vorarbeiten zur Weiterarbeit entstanden, die ich im zweiten, vergleichenden Teil knapp behandele, und die die Leserin, den Leser zur Weiterarbeit locken sollen. Solche Textvergleiche eigen sich auch für den Religionsunterricht in den Schulen. Während im ersten Teil die Geschichte des Gesangbuches epochenmäßig dargestellt wird, werden im zweiten Teil die Lieder zur festlichen Hälfte des Kirchenjahres querschnittmäßig beobachtet.

Da wir in einem Paul Gerhardt Jubiläumsjahr leben, werden in einem dritten Teil dieser Abhandlung die Paul Gerhardt-Lieder in den fünf Gesangbuchgenerationen miteinander verglichen und ein Entwurf für einen Informationsgottesdienst zu Person und Werk Gerhardts angeboten, der über das Jubiläumsjahr hinaus praktikabel ist.
In diesem letzten Teil hätte ich gerne eine kleine Auseinandersetzung mit Karl Barths Äußerungen zu Paul Gerhardt unternommen. In der Kirchlichen Dogmatik I,2 S. 275 ff äußert sich Barth ziemlich ausführlich zu den Kirchengesangbüchern. In Luthers Liedern findet er „Anbetung und sachliche Mitteilung, Glaubensbekenntnis, Sündenbekenntnis, Verkündigung. Man müßte ja merkwürdig lesen, wenn man in ihnen nicht Zeile für Zeile die Gemeinde der Kinder Gottes reden hörte“ (S. 276). Von dieser inhaltlichen Höhe des Kirchengesanges geht es Epoche für Epoche rasant abwärts, und zwar in Form einer „inneren Säkularisierung“. Davon ist auch Paul Gerhardt betroffen. Barth: „Sicher, der alte reformatorische Ton fehlt auch bei ihnen allen, P. Gerhardt selbstverständlich voran, keineswegs, kommt sogar auf weiten Strecken in ergreifender Weise zum Ausdruck. Aber immer deutlicher wird auch das andere: nämlich einerseits die Vertiefung der Aufmerksamkeit auf die Tiefen des glaubenden Subjekts, seine Sünden, seine Begnadigung, seine Heiligung, und auf die Empfindungen, Stimmungen und Gefühle, mit denen es diesen Vorgang begleitet, andrerseits die Ausbreitung der in den Liedern angestellten religiösen Betrachtung und Reflexion, auf die Mannigfaltigkeit der äußeren Existenz dieses Subjektes in den verschiedenen Tages- und Jahrzeszeiten, in seinem Beruf, in seinen guten und besonders auch in seinen bösen Stunden, in seinem Leben und besonders auch in der Erwartung seines Todes. An Stelle des Dramas der Schöpfung, Versöhnung und Erlösung als das Werk des dreieinigen Gottes tritt nunmehr ein anderes Drama: man hört nun monologisch die Seele mit sich selbst oder dialogisch die Seele mit Gott oder Gott mit der Seele oder auch bereits eine Seele zu der andern reden.“ Ganz schrecklich wird für Barth die weitere Entwicklung des Kirchenliedes im 19. Jahrhundert, wo Luthers „Ein feste Burg“ und Arndts „Ich weiß an wen ich glaube“ nebeneinander Bestand haben. Es „verschwindet faktisch das reformatorische Lob in dem gurgelnden Schlund des modernen religiösen Selbstbekenntnisses“ (S. 279). „Die Geschichte des Kirchenliedes zeigt uns die innere Säkularisierung, die sich da vollzogen hat....., eine verborgene Häresie, die in der ganzen Richtung liegt, die sich an jeder einzelnen Abteilung unserer Kirchengesangbücher mehr oder weniger deutlich nachweisen läßt“ (S. 280). Ich ahne nicht, ob in der ausgedehnten Gerhardt-Literatur dieses Jahres eine Auseinandersetzung mit dieser Sicht der Geschichte des evangelischen Kirchenliedes erfolgt ist. Wie in vieler Hinsicht, so hat auch dieser rote Faden, den Barth da spinnt, einen einnehmenden Gedanken und macht uns scharfsinnig gegenüber der ausufernden Gefühligkeit und Empfindsamkeit in den Kirchenliedern. Andrerseits hätte ich Barth gerne gefragt: Wie ist es mit den irdenen Gefäßen, in denen uns Gott von den Schätzen seiner Offenbarung einschenkt? Wie steht es mit der Wirklichkeit des Hl. Geistes, dem es gefällt, mit den schrecklichsten Liedern des 19. Jahrhunderts Menschen zu trösten und über die Schwelle des Sterbens zu verhelfen? Und ist es gerechtfertigt, eine kirchengeschichtliche Epoche wie die der Reformation in eine solche Höhe zu stemmen, von der wir wissen, daß auch viel Gewalt und Unheil von ihr ausgegangen ist? Ich will an dieser Stelle nur auf das schöne Barthzitat hinweisen. Vielleicht greift ein Propst oder immer noch lesender Pfarrer/ Pastorin zur KD und läßt sich zum Widerspruch inspirieren.

Ich habe herzlich zu danken für viel Unterstützung bei dieser Arbeit: für die Einsicht in jene Aktenbestände zur Entstehung des Evangelischen Gesangbuches, die noch in der Registratur des Landeskirchenamtes lagern und noch nicht in die Archivbestände aufgenommen sind. Für die Hilfsbereitschaft in der Bibliothek des Predigerseminars und für die freundliche Aufnahme in einigen Archiven. Für viele hilfreiche persönliche Gespräche. Für die erhebliche Unterstützung in der technischen Herstellung des Manuskriptes durch Herrn Reemt S. Heijen, schließlich für das gründliche Gegenlesen des Manuskriptes durch Gerhard Hinrichs, Pfarrer i.R. und ehemals Kollege in der Propstei Helmstedt.
Das Landeskirchenamt hat dankenswerter Weise einen Zuschuß zu den Herstellungs- und die Druckkosten bewilligt.

Die Arbeit ist der singenden Gemeinde in Offleben und Reinsdorf gewidmet, in denen ich 35 Jahre lang altes Liedgut wie z. B. die in unserer Landeskirche selten gesungene Litanei oder das sonntägliche laudamus, das ich von meinem Vorgänger übernommen hatte und das heute die jungen Nachfolger vor unüberwindliche Schwierigkeiten stellt, weiterpflegen und neues Liedgut mit aber vor allem auch ohne Orgel ausprobieren konnte.

Die Lektüre mag zum lauten Singen und inneren Klingen zu passender und unpassender Zeit anregen.

Braunschweig Oktober 2007 Dietrich Kuessner

Bei dieser Internetfassung handelt es sich um eine gründlich durchgesehene und mit Bildern angereicherte zweite Ausgabe.



Zum Kapitel 1: Mehr als ein Jahrhundert Singen ohne Gesangbuch (1569 – 1698)




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Gesangbuch/T1K1.htm, Stand: Dezember 2007, dk

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