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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche


Vaterlandsliebe und Frömmigkeit, Patriotismus und Pietismus,
im Braunschweiger Land

von Dietrich Kuessner

(Download des gesamten Textes als pdf hier)


Die Reformationszeit


„Wach auf, wach auf du deutsches Land“, „Gott hat dich, Deutschland, hoch geehrt“, nämlich ihm das unverfälschte Evangelium zurückgegeben, „Wach auf ist’s hohe Zeit“, denn die Axt ist an deine Wurzel gelegt, „Deutschland laß dich erweichen, tu rechte Buße in der Zeit“. Dieses Lied stammt aus dem Jahre 1561, und zwar von Johann Walther, dem früheren Dresdner Hofkapellmeister, der auch die Melodie und einen vierstimmigen Satz dazu komponiert hatte.

Walther war bedrückt von den innenpolitischen Zuständen in Deutschland: die Wahrheit würde öffentlich verlacht und unterdrückt, Wucher, Geiz und Betrug bestimmten das öffentliche Leben in Deutschland. Auch der modische Luxus war ihm ärgerlich: „Wer jetzt nicht Pluderhosen hat, die schier zur Erde hangen/ mit Zotten wie des Teufels Wat, der kann nicht höflich prangen“, lautet eine weitere der insgesamt 26 Strophen.

Walther, 65 Jahre alt, erinnert sich an die Zeit, als er 29 Jahre alt war, in seiner Jugend eng mit Luther zusammengearbeitet und 1524 das erste evangelische Chorgesangbuch veröffentlicht hatte.
Luther hatte sich damals „an die Ratsherren aller Städte deutschen Landes“ gewandt und ihnen die Einrichtung qualifizierter Schulen dringend empfohlen. Dazu hatte sich Luther nicht nur an die Ratsherren seiner Stadt Wittenberg, oder an die Räte in seiner politischen Region, dem Land Kursachsen, sondern ausdrücklich an die Ratsherren aller Städte deutschen Landes gewandt. In dieser Schrift befindet sich das geflügelte Wort vom Platzregen: „Ich acht, daß Deutschland noch nie so viel von Gottes Wort gehört habe als jetzt. Liebe Deutschen, (nicht nur liebe Wittenberger, oder liebe Sachsen), liebe Deutsche kauft, weil der Markt vor der Tür ist, sammelt ein, weil es scheinet und gut Wetter ist. Denn das sollt ihr wissen, Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wieder kommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte ihn nach Griechenland. Hin ist auch hin, nun haben sie den Türken. Rom und latinisch Land hat ihn auch gehabt, hin ist hin, sie haben nun den Papst und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet.“

Luther will sagen, es gibt in Deutschland Chancen, die man nicht verpassen sollte. Damals: die Chance zu einer Bildungsoffensive in den Städten und vor allem auch auf den Dörfern.
Luther und 40 Jahre später Walther kümmern sich, bewegt von ihrer Frömmigkeit, um die damaligen Zustände in Deutschland. Das Thema „Vaterlandsliebe und evangelische Frömmigkeit“ hat hier, in der Reformationszeit, eine seiner Wurzeln.

1525 bearbeitete Luther die Reform des Gottesdienstes und veröffentlichte sie unter dem Titel „Deutsche Messe“. Wir hätten heute eher die Überschrift „evangelische Messe“ erwartet. Evangelisch im Gegensatz zu katholisch. Aber Luther schreibt „Deutsche Messe“. Er schreibt auch nicht „Gottesdienst auf deutsch“, im Gegensatz zur Messe in lateinischer Sprache, in Zukunft also in deutscher Sprache. Das beabsichtigte er zwar auch, aber mit der Überschrift „Deutsche Messe“ bezeichnete Luther den Gegensatz zur „Römischen Messe“. In der Römischen Messe bringt der katholische Priester Leib und Blut Christi Gott als Opfer dar, eine Art Speis- und Trankopfer. Das bezeichnete Luther als Götzendienst und hielt bei sonstigen Schwankungen in seiner Theologie an diesem Grundsatz fest und verknüpfte diesen, für die protestantische Theologie eminent wichtigen Gedanken mit dem Adjektiv „deutsch“: „Deutsche Messe“.
Findet hier in einem zentralen Bereich eine Verbindung von theologischer und nationaler Begrifflichkeit statt, die es noch näher zu untersuchen gilt und die wesentlich von dem Deutschlandverständnis in der Reformationszeit abhängt?

Nach dem Tode Luthers 1546 setzte eine verhängnisvolle Politisierung des Reformatorischen ein. Die Fürsten missbrauchten die Reformation der Kirche zu innenpolitischen Zwecken und setzten sich selber dauerhaft als geistliche Leitung einer neuen Kirche ein. Damit begann eine anhaltende Beschädigung der Reformation. Die Landeskirche begab sich in die vollständige finanzielle und kirchenpolitische Abhängigkeit der jeweiligen Regierungen. Die Kirchenleitungen wurden später Unterabteilungen der Ministerien. Aus der programmatischen Freiheit eines Christenmenschen wurde einer strukturelle Unfreiheit der Landeskirche.

Gut 100 Jahre später entwickelte sich die Bewegung des Pietismus in Opposition zur lutherischen Orthodoxie. Es käme nicht auf die bis ins kleinste ausgefeilte protestantische Lehre an und auf ihre Ausformung in schulgerechter Dogmatik, sondern auf das Leben, auf die Hinkehrung des Menschen zum lebendigen Gott, durch persönliche Ergriffenheit von der spürbaren Gegenwart Gottes.
Wer so nach innen schaut, hat keinen Blick für die Dinge draußen, für Staat und gesellschaftliche Zustände. Im pietistischen Denken haben Staat und weltliche Ordnung nichts zu suchen. Insofern sind Patriotismus und Pietismus zunächst einmal Gegensätze.
Es sei denn, die äußeren Verhältnisse störten die innere Einkehr, und der Staat etwa des Gr. Kurfürsten mischt sich in Glaubensangelegenheiten ein und bestimmt, was auf der Kanzel zu predigen wäre und was nicht. Gegen diese Art von Staatskirchentum ist dann Widerstand angesagt, wie das Beispiel von Paul Gerhardt zeigt.

Die Hinkehr nach inne, die eine Abkehr von der Welt bedeutete, erzeugt aber zugleich „einen vernehmlichen Unterton von sozialem Missbehagen“, wie Gerd Kaiser in seiner 1973 erschienenen Arbeit „Pietismus und Patriotismus im literarischen Deutschland“ beobachtet hat.
Wer seine egoistische Triebe besiegt und sich ganz in die Arme Gottes geworfen hat, der bekommt einen geschärften Blick für Egoismus und Verelendung in seiner Umgebung. So sind in Halle um 1700 als erstes großes und bleibendes Werk des Pietismus die Anstalten von August Hermann Francke entstanden, ein Waisenhaus, Werkstätten und eine Reihe von unterschiedlichen Schultypen.
A. H. Francke beließ es nicht bei solchen pädagogischen Reformen, sondern schlug auch eine Militärreform vor mit dem theologischen Hintergrund, daß das Heer ein Stück Gottesreich auf Erden darstelle, das die Werke des Satans zerstören solle.

Francke fand mit diesen Reformen Anklang am preußischen Hof Friedrich Wilhelms I. und der Pietismus setzte sich bei großen Teilen des preußischen Adels fest. So entstand das ideale Bild eines Beamten, Bürgers und einer Obrigkeit, die selbstlos dem Ganzen dienen und zu einer Gemeinschaft von Mitarbeitern am Werk Gottes werden.

Das Vaterland, das der Pietist suchte, war zwar das verborgene Vaterland, eine Art innerer Besitz, nach der Melodie des Apostels Paulus „unsere Heimat ist im Himmel“, aber zunehmend übertrug der Pietist die gläubige Anschauung des inneren Vaterlandes auf den bestehenden Staat. So wurde der Staat Gegenstand einer überschwänglichen religiösen Anhänglichkeit, die eigentlich dem inneren Vaterland vorbehalten war. In diesem Sinne verfaßte der hessische Minister und Staatsrechtler Karl Friedrich v. Moser (1723-1798) „patriotische Predigten“. „Wir müssen wieder ein Vaterland glauben, wie wir eine christliche Kirche glauben“. „Wer sein Vaterland nicht liebt, das er sieht, wie kann er das himmlische Jerusalem lieben, das er nicht sieht“, ruft einer dieser patriotischen Pietisten aus und variiert das Wort aus dem Johannesbrief (4,20) „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?“. So dicht rückten Gott und Vaterland bereits bei den Nachfolgern des Pietismus zusammen.
Der fromme Patriot machte Volk und Staat zum Gegenstand des Glaubens und übersteigerte sie zu einer Art Heilsanstalt. Der Tod für das Vaterland hatte demnach Märtyrercharakter und als Vorbild den Opfertod Jesu am Kreuz. „Willkommen Tod für das Vaterland! Wenn unser sinkend Haupt schön Blut bedeckt, dann sterben wir mit Ruhm fürs Vaterland“, so schon Klopstock (1724-1803) in seinem „Messias“ in Anklang an „O Haupt voll Blut und Wunden.“

Der Pietismus war auch im Braunschweiger Land eine kräftige, eigenständige Bewegung. Der Schwiegersohn A. H. Franckes, Johann Anastasius Freylinghausen, stammte aus Gandersheim und hatte dort nach Pietistenart häusliche Bet- und Bibelstunden gehalten. Herzog Rudolf August galt als „Pietist auf dem Thron“, als Sympathisant und Förderer des Pietismus in seiner Landeskirche. Mit Generalsuperintendent Meier gab es sogar Pietisten in der Kirchenleitung. 1686 ließ der Herzog ein pietistisch gefärbtes Gesangbuch für den Bereich seiner Landeskirche herausgeben. Aber die Einschätzung zum Pietismus änderte sich. Anders als in Preußen wurde das Treffen kleiner frommer Zirkel und deren selbständiges Bibelstudium als innenpolitische Gefahr betrachtet und der Pietismus grundsätzlich verboten. Sämtliche Pfarrer der Landeskirche hatten sich schriftlich zu verpflichten, derlei „umstürzlerische Umtriebe“ nicht zu dulden sondern zu melden. Pietistische Schriften und sogar das frische Gesangbuch wurden wieder eingezogen und ein neues in Auftrag gegeben. Zwischen Pietismus und Vaterlandsliebe klaffte im Braunschweigischen ein großer Riß. Damit dieser sich nicht wieder öffnete, veranlasste Herzog Karl I. bei einer neuen Gesangbuchausgabe anläßlich seines Regierungsantrittes 1735, ein ellenlanges Gebet für das fürstliche Haus und seine vielen Angehörigen, das Sonntag für Sonntag von den Kanzeln des Landes verlesen werden sollten .

Diese Verklammerung von Vaterlandsliebe und Frömmigkeit, von Staatstreue und Kirche geriet nach 1800 in Gegensatz zu den Idealen der französische Revolution. Für sie beruhte der Staat auf einem Gesellschaftsvertrag und einer Verfassung bürgerlicher Freiheiten und nicht, wie der Pietist glaubte, aus einer Schöpfung Gottes. Für ihn waren Gesetze und Verfassungen tote Buchstaben. Die „herzrührende Lehre von der Liebe des Vaterlandes“ wäre bei der Bildung der patriotischen Gemeinschaft viel wichtiger als Verfassungen, so v. Moser.


Zum Teil II: Das 19. Jahrhundert




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Patr-piet/Patr-piet-1.htm, Stand: Mai 2007, dk

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