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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche


Vaterlandsliebe und Frömmigkeit, Patriotismus und Pietismus,
im Braunschweiger Land

von Dietrich Kuessner

(Download des gesamten Textes als pdf hier)


Die Weimarer Zeit


Diese grundsätzliche Fehlentwicklung, die die kirchenpolitische und finanzielle Abhängigkeit der Landeskirche besiegelte und das Vaterland zum Glaubensgut erhoben hatte, hatte im November 1918 ein Ende; nicht aus eigener Kraft der Landeskirchen sondern durch die totale militärische Niederlage und die Abdankung von Kaiser und Herzog als geistliche Oberhäupter ihrer Landeskirchen.
Für die Zukunft boten sich zwei Möglichkeiten: an der alten schädlichen Konstruktion trotzdem festhalten oder einen neuen Ansatz suchen?

In unserer Landeskirche gab es beide Gruppen: die einen sammelten sich im Stahlhelm und Luisenbund. Sie trommelten für eine Revanche und zogen mit Fahnen in die Kirchen. Vor den Kirchen wurden Kriegerdenkmäler errichtet, die am Heldengendenktag jahraus jahrein Schauplatz gefühlsreicher Erinnerungskulte wurden. Dazu brachten sie ihre Feldgesangbücher für den Stahlhelm und Luisenbund mit, in denen sie jene Lieder aus den Freiheitskriegen wiederfanden.

In diesen Gruppen entstand die Frage: Wer ist der wahre Patriot? Etwa jene, die den Waffenstillstand unterzeichnet und dann dem Reich eine demokratische Verfassung aufgedrückt hatten? Oder jene, die in einen differenzierten Widerstand gegen den Weimarer Staat eintraten?

Die anderen warben für Respekt gegenüber der Weimarer Verfassung. Ein erstaunliches Beispiel war der Domprediger v. Schwartz. Der Braunschweiger Dom war Hofkirche und der amtierende Pfarrer war vom Hof besoldeter Hofprediger. Vor und nach 1918 amtierte hier der Domprediger Karl v. Schwartz, ein theologisch fundierter, kenntnisreicher Lutheraner. Zu den öffentlichen Höhepunkten seiner Tätigkeit am Dom gehörte die viel abgebildete Taufe des Erbprinzen von Herzog Ernst August und Victoria Luise, ein Bild, das die Verbindung von Vaterlandsliebe und Frömmigkeit optisch realisiert. Ähnlich wie sein Freund Ottmar Palmer hatte er die Schrecken des 1. Weltkrieges gerechtfertigt. Er blieb aber auch am Dom, als nun Heinrich Jasper und Otto Grotewohl die weltliche Obrigkeit bildeten und in gewissem Sinne zuständig für den Dom wurden. Diese hatten mit der Konstruktion „Thron und Altar“ gründlich gebrochen. Ihnen fehlte es auch an kirchlich gebundener Frömmigkeit aber auch an Patriotismus? Als der erste Landesbischof nach der Reformation, der Theologe Alexander Bernewitz, 1923 an einem Septembersonntag im Dom zum Bischof eingeführt wurde, ließ sich der eingeladene Ministerpräsident Jasper mit Regierungsgeschäften entschuldigen. „Am Sonntag“? vermerkte Bernewitz mit Fragezeichen auf der Karte.
Wie sollte man sich nun am 10. August, dem von den politischen Rechten verhassten Verfassungstag, dem Tag der Verkündigung der Weimarer Verfassung, verhalten. Bischof Bernwitz hatte seit 1924 Jahr für Jahr einen Gottesdienst im Dom halten lassen. Die Predigt zum 10. Jahrestag im August 1929 ließ der Domprediger v. Schwartz in seiner innerkirchlichen Hauszeitschrift „Ruf und Rüstung“ abdrucken.
„Wir wollen uns“, so beendete er seine Predigt, „als Christen durch diesen Verfassungstag dazu ermuntern lassen, ehrfürchtiger zu werden gegenüber dem Staat, den wir haben, als wir es vielleicht manchmal sind. Für die aber, die auf Grund der Verfassung die Leitung des Reiches führen, wollen wir erbitten, dass Gott ihnen einen klaren Blick gebe, eine feste Hand und ein waches Gewissen, dass sie sich als Diener der ganzen Nation, jedem gleich verantwortlich fühlen.“ v. Schwartz ließ eine deutliche Distanz spüren, übte aber Kritik an den täglichen wüsten Verdächtigungen der politischen Rechten, der er als DNVP Mitglied selber angehört hatte. In seine Fürbitte für die Staatsführung schloß er die Erwartung ein, daß sie sich allen gleich verantwortlich fühlen solle und deutete damit den kirchlichen Vorwurf an, daß die Landeskirche sich nicht ganz zu Unrecht als ungleich behandelt fühlte. Immerhin: v. Schwartz gibt sich hier als nüchterner Verfassungspatriot.


Zum Teil IV: Die Zeit des Dritten Reiches




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Patr-piet/Patr-piet-3.htm, Stand: Mai 2007, dk

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