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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Die Geschichte der Pauligemeinde von 1930 - 1960

von Dietrich Kuessner

(Download des gesamten Textes als pdf hier)


Das Kriegsende 1943 - 1945


Mit der Nachricht von der verheerenden Niederlage bei Stalingrad im Februar 1943 und den einsetzenden feindlichen Fliegerverbänden, die zunächst meist weiter nach Osten flogen, dann aber auch vermehrt die Stadt Braunschweig bombardierten, begann der Zusammenbruch, der indes die Bevölkerung und „ihren Führer“ nicht zu trennen vermochte. Eine Alternative zu einem Deutschen Reich ohne Hitler überstieg die Vorstellungskraft der Bevölkerung und der Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 wurde als Verrat an der kämpfenden Truppe auch von den Kanzeln verurteilt. In der Innenstadt wurden ab 1940 in Eile große Hochbunker zum Überleben gebaut und waren ab 1943 bezugsfertig. Die Bewohner im östlichen Ringgebiet waren schutzlos und konnten sich höchstens in den Bunker in der Methfesselstraße flüchten. Die meisten Gemeindemitglieder flüchteten sich jedoch in den 600 Meter tiefen Luftschutzstollen, der in der ersten Hälfte 1944 von KZ Häftlingen, Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern vor aller Augen in Tag- und Nachtarbeit in den Nußberg getrieben worden war. Der Stollen war weit entfernt, die sechs Eingänge nur durch unwegsames, verschlammtes Gelände zu erreichen, sodaß bei Alarm unhaltbare Zustände vor den viel zu engen, nicht verschließbaren Stolleneingängen herrschten, wie der Polizeipräsident an den Oberbürgermeister berichtete. Die Bunker durften nur von Alten, Kindern und Frauen betreten werden, Jugendliche und Männer zwischen 16 und 60 Jahren hatten während des Alarms in der „Heimatfront“ zu wachen und zu löschen oder suchten die Luftschutzkeller in den Wohnhäusern auf.

Die Gemeindearbeit brach zum Kriegsende sichtlich in sich zusammen

Jahr

Taufen

Trauungen

Konfirmanden

1942

223

74

122

1943

193

90

93

1944

48

31

51

1945

12

39

45


Die niedrige Zahl der Amtshandlungen ist ein Hinweis auf die Massenflucht vor den Fliegerangriffen aus der Stadt auf das Land, die systematische Evakuierung der Jugend in den Harz, auf den Zusammenbruch des zivilen Umgangs und die immer schwieriger werdende Vornahme von Amtshandlungen. Pastor Henneberger erkrankte, nachdem er und seine Frau einen Bombentreffer im Keller des Hauses Bismarckstr. 1 am 10.2.1944 zwar überlebt hatte, aber nicht mehr dienstfähig war. In der Zeit vom 11.2. – 11.3. 1944 begrub Pastor Schwarze 76 Gemeindemitglieder. Die Gemeindearbeit beschränkte sich auf Bestattungen und vom Alarm ständig unterbrochene und wieder aufgenommene Gottesdienste. Der große Kirchenraum, die Sakristei und ein Konfirmandensaal der Paulikirche waren mit Möbel und Hausrat vollständig vollgestellt. „Im Konfirmandensaal hielten wir unsere Gottesdienste, oft genug gestört durch Luftwarnung, sogar am Heilig Abend 1944. Die Getreuen kamen nach der Entwarnung, wenn der Alarm nicht gar zu lange währte, oft noch zu einem kurzen Gottesdienst zusammen“, schrieb Pastor Schwarze in die Chronik.
Die Zerstörung der Innenstadtkirchen und des Marienstiftes, die historisch beispiellose Verwüstung der Innenstadt nach dem Angriff vom 14.10.1944, beendeten zum größten Teil die Gemeindearbeit. Die Kirchenbücher wurden am 15. März in das Salzbergwerk Grasleben verbracht. Der Transport vor Ort erfolgte durch gefangene Russen.

Die Frage nach dem Sinn des Krieges
Die Frage nach dem Sinn des Kriegsverlaufs und nach dem Sinn der größer werdenden Zahl der Gefallenen wurde von den Familienangehörigen gestellt und in den besonderen Gedächtnisgottesdiensten beantwortet, die in der ganzen evangelischen Kirche und auch in der Pauligemeinde von den Pfarrern Henneberger und Schwarze meist gemeinsam gehalten wurden. „Die Listen mit den Namen der Gefallenen, die zur Verlesung kamen, wurden immer länger. Zu den im Felde Gefallenen kamen die Opfer in der Heimat durch die Luftangriffe“, schrieb Schwarze 1946 in die Kirchenchronik. Der Opfergedanke wurde das zentrale Entlastungsthema: die gefallenen Männer wären Opfer der Feinde, die Ausgebombten verstanden sich als Opfer der Luftangriffe, die als „Terror“ definiert wurden. In diesem Opferverständnis wurden in den offiziellen Predigthilfen der Opfertod Jesu und dessen Unschuld und Gehorsam mit der Unschuldigkeit und dem Gehorsam der deutschen Soldaten und dem gehorsamen Ausharren der ausbombardierten Braunschweiger in Zusammenhang gebracht.
Ein anderer theologischer Begriff diente zur weiteren Sinngebung. OLKR Röpke sah in der Wendung des Krieges eine „Heimsuchung“, eine „Prüfung des Glaubens“, die es zu bestehen gelte.
Beide Begriffe erwiesen sich als tiefgreifend und wirkungsmächtig, denn sie konnten auch nach dem Krieg noch weiter verwendet werden und verhinderten die naheliegende Frage nach den Gründen für den Ausgang des Krieges. Die Wurzel dieser schwer verständlichen theologischen Verirrung, die nicht nach Einsicht, Schuld und Buße fragte, lag bereits in dem Charakter der Gedächtnisgottesdienste für die Gefallenen vor 1945.

Zum Teil 7: Die Nachkriegszeit 1945 - 1949




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Pogromnacht/Pauli_1930-1960.htm, Stand: Dezember 2006, dk

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