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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Die Geschichte der Pauligemeinde von 1930 - 1960

von Dietrich Kuessner

(Download des gesamten Textes als pdf hier)


Der volkskirchliche Aufschwung und Fragen in den 50iger Jahren


Die Volkskirche geht immer noch weiter.
Eine Übersicht über die Kasualpraxis der 50iger Jahre zeigt die außerordentliche Verfestigung des volkskirchlichen Charakters in der Gemeinde, die dem Trend der Landeskirche entsprach.

Jahr

Taufen

Trauungen

Konfirmation

Bestattungen

Eintritte

Austritte

1951

275

98

285

287

29

97

1952

265

107

316

305

31

78

1953

296

126

375

372

79

75

1954

264

100

379

380

37

87

1955

243

115

451

315

40

83

1956

313

101

520

385

75

81

1957

310

134

437

357

75

52

1958

262

134

435

353

62

51

1959

260

118

373

351

46

103


Die Ziffern von Taufen und Konfirmationen gipfelten im Jahr 1956. Die in der Nachkriegszeit unbeantwortet gebliebenen Fragen stellten sich erneut: was bedeutet die Zahl von 520 Hauptkonfirmanden und 437 Vorkonfirmanden für einen soliden Unterricht? In einen Klassenraum waren bis zu 70 Konfirmanden gestopft. Wie ist eine Konfirmation mit 267 Konfirmanden am 18. März 1956 durch Pastor Schwarze und 183 Konfirmanden am 25. März durch Pastor Henneberger noch sinnvoll und seelsorgerlich abzuhalten? Das Kirchenvorstandsmitglied Wagner brachte das Thema wiederholt jedoch vergeblich in den Kirchenvorstandssitzungen auf die Tagesordnung. „Es ist doch unverantwortlich, die Pastoren zu beauftragen, in so großer Zahl Kinder zur Konfirmation vorzubereiten. Hier ist doch wirklich ein echtes Problem zu lösen,“ schüttete er im Mai 1954 sein Herz bei Propst Jürgens aus. Die drei Pfarrer waren mit der Erledigung der Amtshandlungen vollauf beschäftigt. Bereits in den 50iger Jahren setzte eine Entwicklung ein, die sich in den folgenden Jahrzehnte beschleunigte, nämlich daß die Anzahl der Bestattungen die der Taufen überstieg und die Zahl der Austritte die der Eintritte.

Die Frauenhilfen der drei Bezirke hatten ihre Vereinstätigkeit wieder aufgenommen. Sie wurden von, Frau Lüddeckens (Bezirk 1), Frau Höse (Bezirk 2) und Frau Tetzlaff (Bezirk 3) geleitet. Die Frauenhilfen feierten im Mai und Oktober 1953 ihr jeweils 25 jähriges Bestehen mit Festgottesdiensten und einem festlichen Nachmittag im Stadtparkrestaurant. Auch die Arbeit im Männerkreis nahm ihren Fortgang. Neu war das starke Aufblühen der Mädchenarbeit durch Frau Johanna Schnabel, die von der Propstei als Stadtjugendwart eingestellt worden war und die konfirmierte weibliche Jugend in drei Gruppen zu ca. 15-20 Mädchen an drei Tagen in den beengten Räumlichkeiten der Pfarrwohnung von Pastor Schwarze in der Bernerstraße um sich sammelte. Aus dieser Arbeit sind zwei Pastorinnen, eine Diakonin und eine langjährige Mitarbeiterin im Diakonischen Werk hervorgegangen. Neu war auch die Gründung einer Müttergruppe, die sich jahrzehnte lang gehalten hat.

Neues Gesangbuch - neuer Gottesdienstraum – neue Gottesdienstordnung
Die 50iger Jahre brachten wie in der ganzen Landeskirche so auch in der Pauligemeinde einschneidende Reformen für die Gottesdienstbesucher.
Ab Januar 1955 wurde auch in Pauli das neue Evangelische Gesangbuch (EKG) benutzt. Es löste das Braunschweigische Gesangbuch von 1902 ab, das die Gemeinde durch zwei Weltkriege begleitet hatte. Es entfiel das Anschlagen von jeweils zwei Nummern für ein Lied, nämlich die Nummer aus dem Braunschweiger und aus dem schlesischen bzw. ostpreußischen Gesangbuch. Viele Gemeindemitglieder von Pauli trauerten ihrem alten Gesangbuch nach. Das neue war textlich und melodiemäßig ein Weg zurück in die reformatorische Zeit. Es fehlten die eher gemütvollen Lieder des 19. Jahrhunderts.

1956 hatte die Kirche eine neue Vermalung und einen neuen Fußboden erhalten, sodaß nunmehr im September im Zusammenhang mit der 50. Wiederkehr der Kirchweihe eine feierliche Wiedereinweihung durch Landesbischof Martin Erdmann vorgenommen wurde. Wer die alte neuromanische Innenvermalung und den gotisierenden Altaraufsatz kannte, mußte feststellen: die alte, geläufige Paulikirche des Stadtbaurats Winter war nicht mehr restaurierbar. Sie war auch gezielt von den erhaltenen Gegenständen des Historismus „gereinigt“ worden. Pastor Schwarze schrieb in die Kirchenchronik: „Nun haben wir unsere Kirche schöner denn je.“
Immer wieder hatte sich der Organist Pleus-Volkmann für die Begleitung der Gemeinde mit einem Harmonium im Konfirmandensaal begnügen müssen und dies meisterlich traktiert. Im Sommer 1957 wurde die vom Braunschweiger Orgelbauer Otto Dutkowski reparierte und neu gestimmte historische Orgel mit einem Abendkonzert vom Organisten Pleus-Volkmann in Gebrauch genommen.

1959 wurde früher als in anderen Kirchengemeinden die von der Landessynode zur Erprobung freigegebene völlig neue Gottesdienstordnung in Pauli eingeführt. Damit verabschiedete sich die Gottesdienstgemeinde von dem verbliebenen Rest einer Braunschweiger territorialen Eigenständigkeit. Auch diese neue Ordnung bedeutete für die regelmäßigen Gottesdienstbesucher wie schon bei den Gesängen ein Ende vom erhebenden, mit Orgel begleiteten Altargesang und ein Eingewöhnen in strengere, in die Zeit Luthers zurückreichende liturgische Formen. Aber die Einführung gelang mit Hilfe des vom Organisten Pleus-Volkmann geleiteten Jugendchores und des gemischten Chores von Dr. Böhme ohne Schwierigkeiten.

Besondere Gottesdienste
Neben der Veränderung der sonntäglichen Gottesdienstform bürgerte sich der wiederkehrende Gottesdienst anläßlich der Goldenen Konfirmation ein, die erstmals im Frühsommer 1957 gefeiert wurde.

Nach dem Kriege waren immer wieder in der Landeskirche und auch in Pauli am Ende des Kirchenjahres abwechselnd von allen drei Paulipfarrern Fürbittandachten für die Rückkehr der Kriegsgefangenen gehalten worden. „Aber die Beteiligung der „großen Gemeinde“ ließ leider sehr zu wünschen übrig,“ vermerkte Pastor Wedekind in der Chronik. „Wenn das unsere Gefangenen, ja immer noch gefangen gehaltenen Brüder im Osten wüßten“. Wedekind sprach aus Erfahrung. Er war in die Luftwaffe eingezogen worden und am Ende in amerikanische Gefangenschaft geraten und 1945 wieder entlassen worden. Als 1953 die ersten großen Heimkehrertransporte aus dem Osten in der Bundesrepublik ankamen, wurde der Heimkehrenden der Pauligemeinde in einem besonderen Dank- und Bittgottesdienst gedacht. Auch im Oktober 1955 waren unter den Freigelassenen wieder Gemeindemitglieder aus Pauli, derer im Gottesdienst besonders gedacht und für die Rückkehr gedankt wurde.

Auf besondere Resonanz stieß ein Gedenkgottesdienst anläßlich der zehnjährigen Wiederkehr der Bombennacht vom Oktober 1944, den Pastor Henneberger in Pauli hielt.
Aus diesem Anlaß war im Braunschweiger Volksblatt ein Artikel von Pastor H.H.Ulrich erschienen , der die Situation des noch immer schwer gezeichneten Braunschweig und seiner Gemeindemitglieder mit der Lage des Gottesknechtes Hiob verglich. Hiob war das unschuldige Opfer eines Streites zwischen Gott und dem Versucher und mochte sein schweres Schicksal als Heimsuchung verstehen. Ratlos stünden die Braunschweiger Gemeinden vor der Frage, wie Gott dies alles hätte zulasen können. Damit war die andere, naheliegendere Frage verdrängt, wie die Braunschweiger ihre Begeisterung für Hitler und die Kirche ihre Nähe und ihr „geordnetes Nebeneinander“ zum sichtbar verbrecherischen Staat Hitlers hatten zulassen können. Der Vergleich mit Hiob endete mit dem Zitat, daß Hiob zweifach wiedervergolten worden wäre, was er erlitten hatte, ein deplazierter und peinlicher Hinweis auf Wiederaufbau und Wirtschaftswunder.

Eine sehr große Zahl von festlich gestimmten Gottesdienstbesuchern fand sich im Januar 1955 anläßlich des 25jährigen Dienstjubiläums von Pastor Schwarze an Pauli ein.

Eine besondere Anziehung zu den Gottesdiensten übte das kunstvolle, textbezogene Orgelspiel des Organisten Pleus-Volkmann aus. Pleus-Volkmann gab auch wiederholt Orgelkonzerte. Sein bevorzugter Komponist war Joh. Seb. Bach, dessen „Kunst der Fuge“ er bis zum seinem Tode 1983 viermal auf der Pauliorgel darbot. Neben seinem Chor, der vor allem die Gottesdienste bereicherte, organisierte Pleus auch Chorkonzerte auswärtiger Chöre, z.B. der Schützkantorei. In der Nachkriegszeit wurde die Aufführung der Johannespassion im Bachjahr 1950 durch die Braunschweiger Singakademie als herausragender Höhepunkt empfunden. Dabei kamen auch die musikalischen Gegensätze zur Musikauffassung von Ellinor Heyde-Dohrn zum Vorschein, die seit 1945 am Dom neben den Werken Alter Meister auch die Aufführungen zeitgenössischer Kirchenmusik pflegte.

Ein erster konfessionsüberschreitender Anfang wurde mit einem Allianzgottesdienst am 7. September 1952 für alle Stadtgemeinden gemacht. Gemeinsam mit den Gemeindemitgliedern der Freikirchen und der methodistischen Kirche wurde das Thema des Stuttgarter Kirchentages „Wähle das Leben“ anhand biblischer Texte behandelt. „Die Beteiligung seitens der Gemeinschaften, die auch für mehrfachen Chorgesang sorgten, war erfreulicher als die der Kirchengemeinden“, bemerkte P. Wedekind in der Kirchenchronik. Immerhin öffnete sich die Pauligemeinde, wenn auch zurückhaltend nun auch anderen christlichen Kirchen, ein Vorspiel für die spätere Zusammenarbeit mit der katholischen Kirchengemeinde.

Zum Teil 9: Anfragen durch Pastor Wilhelm Wedekind




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Pogromnacht/Pauli_1930-1960.htm, Stand: Dezember 2006, dk

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