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[Kirche von unten]

Die Braunschweiger Landeskirche in den 70er Jahren

und ihr Bischof Gerhard Heintze

22 Rundbriefe von Landesbischof Heintze in Auswahl und Auszügen

9. Verfassungs- und Demokratiebrief

Rundbrief 05.06.1969

An die Pfarrer, Pastorinnen und sonstigen Mitarbeiter der Braunschweigischen evangelisch-lutherischen Landeskirche nachrichtlich: an die Vikare und Studenten der Landeskirche sowie an die Pfarrer im Ruhestand und die Pfarrwitwen aus dem Bereich der Landeskirche.

Liebe Brüder! Liebe Schwestern!

Seit meinem letzten Rundbrief sind schon wieder mehrere Monate vergangen. Schon längst wollte ich Ihnen einmal wieder schreiben, kam aber wegen anderer sich häufender zusätzlicher Aufgaben nicht dazu. Mancherlei wäre zu berichten und zu verschiedenen Themen Stellung zu nehmen, die auch für die Entwicklung in unserer Landeskirche wichtig sind und auch Ihr Mitdenken wie Ihre Fürbitte fordern. Ich will mich aber auf ein paar Punkte beschränken.

I. Zur Diskussion um den neuen Verfassungsentwurf
Sie haben sicher schon verschiedene Berichte darüber gelesen. Einige von Ihnen haben sich auch an der Diskussion darüber mit eigenen Beiträgen beteiligt. Ich selber sah zunächst dem Versuch, zum gegenwärtigen Zeitpunkt einen ganz neuen Verfassungsentwurf für unsere Landeskirche zu schaffen, mit einigem Bedenken entgegen. Die starken Spannungen theologischer und sonstiger Art, die uns auch in unserer Kirche zu schaffen machen, sowie die Notwendigkeit, zu einer kirchlichen Neugliederung im niedersächsischen Bereich zu kommen, zumal nach der zu erwartenden Verabschiedung der Gebiets- und Verwaltungsreform, scheinen mir jedenfalls nur eine Verfassung zuzulassen, die mehr einem provisorischen Zeltdach als einem festen Haus gleicht. Aber diese Gefahr hat der Verfassungsausschuss der Synode, der in jahrelanger intensiver Arbeit den Entwurf vorbereitet hat, auch seinerseits deutlich gesehen. Sein Vorsitzender hat bei der Vorlage des Entwurfs vor der Synode ausdrücklich unterstrichen, dass auch eine neue Verfassung von Anfang an offen für notwendig werdende Veränderungen sein müsse. Dazu hat sich auch die schon vor der Beratung des Entwurfs in weitem Maß gewährte Möglichkeit, sich mit dem Entwurf zu befassen und zu ihm Stellung zu nehmen, entschieden positiv ausgewirkt. In beträchtlichem Maß wurde von ihr Gebrauch gemacht und die kritischen Beiträge wurden auch allen Synodalen zugeleitet. Die Beratungen in der Synode sind noch nicht zu Ende. Es bleibt auch weiterhin möglich und erwünscht, dass auch außerhalb der Synode sich viele am Nachdenken über Sinn, Auftrag und Gestalt der Kirche beteiligen.

Man wird auch weiterhin bei der Beratung der neuen Verfassung namentlich darauf achten müssen, sowohl eine voreilige Gleichsetzung der geglaubten Kirche im Sinn des 3. Glaubensartikels mit der institutionell verfassten Kirche zu vermeiden, wie auch zu verhindern, dass bei der Ordnung der letzteren die Orientierung an der ersteren verloren geht.

Besonderes Interesse fand, wie Sie wissen, die intensive Diskussion über die Frage der befristeten Besetzung der Ämter der Pröpste und auch des Landesbischofs. Ich habe schon in meinem Rundbrief vom 20. Februar 1969 darzulegen versucht, weshalb mir die Erwägung, diese Ämter befristet statt auf Lebenszeit zu besetzen, heute grundsätzlich berechtigt zu sein scheint. Leitender Gesichtspunkt ist für mich dabei wie in der ganzen Verfassung, dass die Institution im Dienst der Funktion steht und nicht umgekehrt. D.h. es kommt darauf an, ob durch die zu verabschiedende Ordnung der Dienst, der in den Ämtern geleistet werden soll, besser und intensiver getan werden kann und nicht etwa im Gegenteil gehindert wird. Von diesem Gesichtspunkt her lässt sich nach meiner Meinung tatsächlich Wesentliches für eine befristete Besetzung kirchenleitender Ämter sagen. Die Synode hat bislang allerdings dahinweisende Vorschläge nicht aufgenommen, weil ihr das Anliegen der Kontinuität und der Unabhängigkeit in der Amtsführung bei der herkömmlichen unbefristeten Ämterbesetzung besser gewahrt zu sein schien. Auf alle Fälle muss das Nachdenken darüber, wie die Kirche in der heutigen Welt den ihr gegebenen Auftrag am besten ausrichten kann und welche Ordnungen dafür am geeignetsten erscheinen, weitergehen. Auch diejenigen, die bislang ihre eigenen Vorstellungen nicht genügend berücksichtigt finden, möchte ich herzlich bitten, bei diesem Nachdenken mitzuhelfen, ohne zu resignieren.

Bei den Verhandlungen in der Synode über die Ordnung von Ämtern und Diensten in den Gemeinden, Propsteien und der ganzen Kirche mußte ich besonders auch daran denken, wie vergeblich dieses ganze Bemühen bleiben muß, wenn nicht die Menschen da sind, die zur Mitarbeit und zur Übernahme von Verantwortung bereit sind. Wir haben allen Grund, dafür dankbar zu sein, daß es auch in unserer Kirche solche Bereitschaft gibt, besonders auch für die Bereitschaft, die sich selbständig und kritisch äußert. Es sollte auch nicht übersehen werden, wie viel Opfer an Zeit und Kraft namentlich von denen gebracht werden, die neben einem sie voll beanspruchenden Beruf ehrenamtlich mitarbeiten. Vielleicht nehmen wir „Hauptamtlichen“ diese Bereitschaft oft allzu selbstverständlich hin.

II. Zum Thema „Demokratie in der Kirche“
Das Schlagwort „Demokratie“ taucht heute bekanntlich häufig auf, wo von Kirchenreform und neuen Verfassungen die Rede ist. Wie bei allen Schlagworten liegen Mißverständnisse und schematisierende Verzerrungen dabei nahe. Es wäre aber schade, wenn über den Gefahren die mit diesen Begriff verbundene berechtigte Herausforderung und Erwartung übersehen würde. Demokratische Leitbilder und Modelle können sich als wertvolle Hilfe und Anregung erweisen, um dem neutestamentlichen Leitbild von der Gemeinde als dem Leib mit den vielen Gliedern, die unter Christus als ihrem Haupt in gemeinsamer Verantwortung stehen, Geltung zu verschaffen. Es darf ja auch nicht vergessen werden, daß die reformatorische Wiederentdeckung der Freiheit des Christenmenschen und des allgemeinen Priestertums eine wesentliche Mitursache der Entwicklung der modernen Demokratie gewesen ist. Bis heute dürfte in der Kirche ein autoritäres Gehabe derer, die an Leitungsverantwortung Anteil haben, begleitet von einem allzu bereitwilligen Sichabfinden des Gros der Gemeindeglieder mit der eigenen kirchlichen Unmündigkeit, gefährlicher und bedenklicher sein als die allerdings auch bestehende Möglichkeit, dass das Streben nach „demokratischer“ Mitverantwortung in Willkür und Eigenmächtigkeit ausartet.

Das Stichwort „Demokratisierung“ erinnert in der Kirche vor allem an die Notwendigkeit, die Mitverantwortung der „Laien“ zu stärken. Die zur Mitverantwortung stärker heranzuziehenden Nichttheologen sind nicht zuerst als Gehilfen des Pfarrers anzusehen. Sie sollten vielmehr mit den gerade ihnen eigenen Gaben und Fähigkeiten zum Einsatz kommen und in den Bereichen, in denen sie selber Fachleute und die Fachtheologen „Laien“ sind, selbständige Mithilfe leisten. Hier dürften besonders auch Aufgaben aus dem Bereich gesellschaftspolitischer Verantwortung in der heutigen pluralistischen Gesellschaft in Frage kommen. Ferner zielt das Stichwort „Demokratisierung“ auf eine stärkere Mitverantwortung der Gemeinden bei kirchlichen Wahlen. Hier werden von unserer Landessynode noch mancherlei Überlegungen anzustellen sein. Eine Erweiterung der Direktwahlen über die Wahlen zum Kirchenvorstand hinaus würde ich jedenfalls auch bei den Wahlen zur Propsteisynode für realisierbar halten. Und natürlich legt sich im Zusammenhang der Überlegungen einer demokratischeren Gestaltung der Ordnung der Kirche auch die Forderung befristeter Ämterbesetzung nahe, von der oben schon die Rede war.

„Demokratisierung“, kann allerdings ebenso wenig wie andere Verfassungsformen das Wirken des Geistes Gottes garantieren. Auch in der Kirche ist „Volkes Stimme“ nicht einfach mit „Gottes Stimme“ gleichzusetzen – ebenso wenig allerdings auch die Stimme patriarchalischer Autorität. Ob „Demokratie“ zu einer Verbesserung wird, hängt wesentlich davon ab, wieweit es gelingt, in größerer Breite Bereitschaft zum persönlichen verantwortlichen Engagement im Dienst Jesu Christi zu wecken. Aber diese Bereitschaft muss in der Kirche ehrlich gesucht und auf alle Weise gefördert werden – ohne Furcht davor, dass sie sich notwendigerweise auch kritisch betätigen und nicht autoritätshörig sein wird. Die Berufung zur gemeinsamen Verantwortung des allgemeinen Priestertums bleibt die noch immer viel zu wenig ergriffene Verheißung und Chance der Kirche heute und morgen.

III. Zum Kirchensteuerproblem
Die zunehmende Kritik an der Kirchensteuer hat auch in unseren Gemeinden viel Beachtung gefunden und manche Unruhe hervorgerufen. Im „Grünen Dienst“ des epd erschien jetzt ein Interview, das der Präsident der Kirchenkanzlei der EKD, Walter Hammer, zu dieser Frage gegeben hat, und in dem er zu den wichtigsten Punkten der Kritik Stellung nimmt« (epd Dokumentation Nr. 20/69 vom 29.4.1969). Wer für die Diskussion über diese Fragen Material braucht, sei besonders auf diesen Beitrag hingewiesen.

Mir scheinen manche der gegen das heutige Kirchensteuersystem geäußerten Vorwürfe zu sehr an der Oberfläche zu bleiben und auch die wirklichen Verhältnisse nicht immer zutreffend darzustellen. Wenn man sich aufregt über das starke Ansteigen der Kirchensteuererträge in den letzten fünfzehn Jahren, darf man nicht vergessen, daß im gleichen Verhältnis die Erträge von Lohn- und Einkommensteuer, nach denen die Kirchensteuer berechnet wird, und damit vor allem Löhne und Einkommen selber in der Bundesrepublik sich hoch entwickelt haben. Und wenn der durchschnittliche Pro-Kopf-Betrag der Kirchensteuer im Jahr etwa zwischen 50,- bis 70,- DM liegt, darf man doch wohl auch fragen, ob dieser Betrag im Vergleich zu den sonstigen Aufwendungen, die nicht nur für unmittelbare Lebensbedürfnisse, sondern etwa für persönliche Annehmlichkeiten und Liebhabereien ganz selbstverständlich gemacht und ständig erhöht werden, wirklich unzulässig hoch ist. Vor allem muß, was an Kirchensteuer einkommt, in Beziehung gesetzt werden zu dem, was heute und in Zukunft an Aufgaben von der Kirche zu bewältigen ist. Wer der Ansicht ist, daß die Kirchen Recht daran tun, sich in Lohn- und Gehalts- und Pensionszahlungen an die in vergleichbaren Berufen üblichen Sätze zu halten, und wer namentlich für ein verstärktes soziales Engagement der Kirche im eigenen Land wie besonders auch in der Beteiligung an der Entwicklungshilfe für die „Dritte Welt“ eintritt, wird schnell merken, daß mit der Kirchensteuer keine „Juliustürme“ angelegt werden, sondern im Gegenteil längst nicht alle Aufgaben so bewältigt werden können, wie es eigentlich sein müßte. Eine wesentliche Senkung des Kirchensteueraufkommens würde vermutlich zu erheblichen Einschränkungen gerade im kirchlichen Sozialprogramm führen. Bei aller Problematik des herrschenden Einzugssystems darf auch nicht übersehen werden, wieviel niedriger in ihm die Verwaltungskosten sind als beim Aufbau eines eigenen Verwaltungsapparates. Die Freiheit der Kirche in der Verwendung der ihr zufließenden Steuermittel ist dabei ausdrücklich garantiert, und man kann nicht behaupten, daß sich aus der staatlichen Hilfestellung bei der Einziehung der Kirchensteuer eine ungute Abhängigkeit der Kirche vom Staat ergeben hätte.

Das wachsende Unbehagen an dem herrschenden Kirchensteuersystem darf dennoch von uns nicht leichtgenommen werden. Es genügt auch nicht, etwa in der Frage der linearen Senkung des heute zugrunde gelegten Prozentsatzes oder des Finanzausgleichs zwischen finanziell stärkeren und schwächeren Landeskirchen oder der Kappung des Steuersatzes bei hohen Einkommen oder des zu Recht bei vielen Ärger hervorrufenden Ortskirchgeldes zu einsichtigeren und besseren Lösungen zu kommen, so wichtig das alles ist und so wenig Zeit hier verloren gehen darf. Aber das Mißverhältnis zwischen dem äußeren Erscheinungsbild der kirchlichen Institution als eines vermögenden und nach wie vor einflußreichen Faktors im öffentlichen Leben und dem geringen Maß dessen, was an echter geistlicher Kraft vorhanden ist und im Dienst der Wahrheit und der Liebe ausstrahlt, ist wirklich höchst beunruhigend. Es sollte uns in der Kirche anhaltend und viel mehr zu schaffen machen als die zunehmende und vielleicht nicht immer gerechte Kritik am Kirchensteuersystem. Vielleicht steckt ja auch hinter dieser Kritik, auch wenn sie von „Außenseitern“ kommt, mitunter eine tiefe Enttäuschung darüber, wie wenig die Zeit des äußeren Wohlstandes und freier unbegrenzter Wirkungsmöglichkeiten, die wir in den beiden letzten Jahrzehnten in den Kirchen in der Bundesrepublik erlebt haben, den Dienst der Kirche glaubwürdiger gemacht und zur Stärkung von Freude und Zuversicht des Glaubens und zu einem überzeugenden Einsatz opferbereiter Liebe geführt haben. In geistlicher Beziehung sind wir trotz des äußeren Wohlstandes heute wohl sehr viel ärmer dran als in den Notjahren von Kriegs- und Nachkriegszeit. Die hier notwendige Erneuerung wird auch nicht durch veränderte Verfassungsparagraphen zu erreichen sein. Wir müssen nüchtern damit rechnen, dass in Zukunft sehr viel mehr Menschen als bisher aus der Kirche austreten werden, weil sie ohnehin keine innere Bindung mehr zu ihr haben, und der volkskirchliche Rahmen sich von selber mehr und mehr auflösen wird. Wir sollten uns auf keinen Fall darüber entrüsten und niemanden aus Angst um den Bestand der Kirche oder gar um des Geldes willen zurückzuhalten suchen. Vielleicht müßten wir sogar häufiger unsererseits den Rat geben, aus Gründen der Ehrlichkeit einen praktisch schon längst vollzogenen Bruch durch den Austritt auch rechtlich zu besiegeln. Auf lange Sicht dürfte das Zukunftsbild der Kirche jedenfalls nicht dem jetzigen Zustand der als Körperschaft Öffentlichen Rechts staatlich geförderten Mehrheitskirche entsprechen, sondern viel eher dem eines zahlenmäßig vielleicht sehr klein werdenden und dann auch in seinen finanziellen Mitteln sehr viel beschränkteren freien Vereins in einer überwiegend auch erklärtermaßen nichtchristlichen Gesellschaft. Wir werden viel umzulernen haben und ein enges parochiales Versorgungsdenken wird nicht durchzuhalten sein. Trotzdem darf es, wenn wir uns auf eine solche Entwicklung einrichten, dadurch nicht zu einem verengten Ghetto-Verständnis von Kirche kommen. Je mehr die Entwicklung äußerlich in diese Richtung weist, um so mehr gilt es, daß wir für den mit dem Evangelium unauflöslich verbundenen missionarischen und diakonischen Auftrag die Augen offen halten und, was uns gegeben ist, dafür einsetzen. Auch wenn die Organisation der Volkskirche weiter abstirbt, darf die Kirche die Bereitschaft nicht verlieren, Kirche für das Volk und für die Welt zu sein. Zu den konkreten Aufgaben, die durch die verbreitete Kirchensteuerkritik noch dringlicher werden, gehört es auf alle Fälle, den Einsatz und die Verteilung der der Kirche zufließenden Steuerbeträge fortlaufend neu zu überprüfen. Hier ist in unseren Gemeinden noch viel Bewußtseinsveränderung erforderlich. Es fehlt noch sehr an dem Verständnis dafür, dass der Einsatz für den „fernen Nächsten“ nicht weniger unmittelbare kirchliche Aufgabe ist als die Sorge um die Aufrechterhaltung des heimatlichen kirchlichen Betriebs. Man braucht nicht die heute häufig begegnende radikale Forderung sich zu eigen zumachen, es dürften in Zukunft überhaupt keine Kirchen und Gemeindezentren mehr gebaut werden. Wo keine geeigneten Möglichkeiten für die Sammlung der Gemeinde bestehen, wird es in der Regel auch mit der Teilnahme an der missionarischen und diakonischen Sendung der Gemeinde nicht weit her sein. Und grundsätzlich ist, wo gebaut und gestaltet wird, heute wie früher auch die Berechtigung, dass künstlerische Gesichtspunkte mit geltend gemacht werden, nicht aufgehoben. Was Jesus in der Geschichte von der Salbung in Bethanien über die Möglichkeiten der sich selbst hingebenden und verschwenderischen Liebe sagt, mag auch in diesen Zusammenhängen seine Bedeutung behalten. Aber der Hauptmangel liegt heute allerdings darin, dass die Neigung zu einem selbstgenügsamen, introvertierten Denken, das nur die eigenen unmittelbaren Bedürfnisse vor Augen hat, nach wie vor in unseren Gemeinden so unheimlich groß ist. Im Vergleich dazu äußert sich die Bereitschaft, Verantwortung auch für den fernen Nächsten zu übernehmen, immer noch viel zu schwach und zaghaft. Es wäre eine sehr unheilvolle Wirkung der gegenwärtigen Diskussion über die Kirchensteuer, wenn dadurch in unseren Gemeinden die ohnehin verbreitete Meinung Auftrieb bekäme, dass Entwicklungshilfe nicht zu den eigentlichen kirchlichen Aufgaben gehöre, sondern gestrichen werden könnte. Und es wäre gut, wenn kirchliche Aufwendungen, die in dieser Richtung gemacht werden, nicht nur aus etwaigen Steuerüberschüssen bestritten würden, sondern wenn um ihretwillen anders als bisher auch im eigenen Bereich als berechtigt und nötig erkannte Planungen zurückgestellt würden. Vor allem ist gerade in dieser Hinsicht nach wie vor viel anhaltende Informationsarbeit nötig.
Ich möchte besonders hinweisen auf
1. Georg Picht, Mut zur Utopie
2. Helmut Gollwitzer, Die reichen Christen und der arme Lazarus, München 1968.

Neben dem Appell an die Kirchen im ganzen bleibt nach wie vor die Bereitschaft der einzelnen Christen zu regelmäßigen persönlichen Opfern unerläßlich. Ich danke denen, die sich schon seit längerer Zeit dafür bereit gefunden haben und bitte diejenigen, die es noch nicht getan haben, zu prüfen, ob sie sich nicht künftig auch daran beteiligen könnten (am einfachsten ist eine Dauerüberweisung an das Evangelische Hilfswerk in Braunschweig, Konto Braunschweigische Staatsbank 822858 oder Postscheckkonto Hannover 104188 mit der Zweckbestimmung „Brot für die Welt“ oder „Kirchlicher Entwicklungsdienst“).

IV. Verschiedenes
1) Diesem Rundbrief liegt ein Brief von Oberlandeskirchenrat Wedemeyer bei, in dem er denen dankt, die seiner aus Anlass seines Abschieds aus dem Amt freundlich gedacht haben. Der Brief ist schon vor einigen Wochen geschrieben, konnte aber aus technischen Gründen erst jetzt vervielfältigt und versandt werden. Ich bitte Sie, auch weiterhin seiner herzlich und fürbittend zu gedenken. Es bleibt für ihn wie auch für unsere Kirche schwer, dass er um seiner angeschlagenen Gesundheit willen so früh in den Ruhestand treten mußte.

2) Leider kommt der Rundbrief zu spät, um noch zum Landesfrauentreffen unserer Frauenhilfe in Braunschweig am 7. Juni einzuladen. Hoffentlich können wir, wenn dieser Brief Sie erreicht, auf ein Treffen zurücksehen, das vielen Freude gemacht und neuen Mut und neue Anregungen gegeben hat. Ich möchte denen danken, die Last und Mühe der Vorbereitung dieses Treffens getragen haben, aber überhaupt allen, die in der Frauenhilfe mitarbeiten. Darf ich auch darauf hinweisen, daß am 10. Juli die langjährige frühere Vorsitzende unserer landeskirchlichen Frauenhilfe, Frau Marie von Grone, 3451 Westerbrak über Holzminden, ihren achtzigsten Geburtstag feiert? Unsere Landeskirche hat viel Grund, ihrer in Dankbarkeit an diesem Tage zu gedenken. Sie hat wesentlich mit dazu beigetragen, daß die Frauenhilfskreise gelernt haben, nicht die eigene Erbauung als Hauptzweck anzusehen, sondern sich vor allem als aktive Dienstgruppen in den Gemeinden zu verstehen.

3) Sehr bedaure ich es, daß aus dem Bereich unserer Landeskirche sich bislang nur sehr wenige zur Teilnahme am 14. Deutschen Evangelischen Kirchentag angemeldet haben, der vom 16. bis 20. Juli in Stuttgart stattfindet. Sein Hauptthema heißt „Hungern nach Gerechtigkeit“. In der Einladung, die Dr. Richard von Weizsäcker, der Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages dazu ausgehen ließ, heißt es: „Wir sprechen von Gottes Gerechtigkeit, aber sie übersteigt unsere Vernunft und Sprache. Wir bemühen uns um irdische Gerechtigkeit, aber die Erfahrung lehrt uns, daß eine gerechte Ordnung in der Geschichte der Menschheit noch nicht verwirklicht worden ist. Mit Gerechtigkeit beschreiben wir, wie die Welt bisher nicht ist. Dennoch können wir nicht aufhören, uns die Gerechtigkeit als Ziel zu setzen. Untrennbar gehört sie zum Frieden, der unser Thema auf dem letzten Kirchentag in Hannover war und der unsere Aufgabe bleibt. Denn nicht nur Kriege verhindern den Frieden, auch menschliche, soziale und politische Ungerechtigkeit verhindert ihn. Der Kampf gegen die Ungerechtigkeit ist darum eine Friedensaufgabe von höchster Dringlichkeit. Die Bergpredigt träumt nicht von einer idealen Welt ohne Spannungen und Gegensätze, aber sie ermutigt uns, für eine gerechtere Welt zu arbeiten. Wir werden uns in Stuttgart den vielfältigen Anforderungen der Gerechtigkeit stellen. Unsere Einladung ergeht wie immer an jedermann. Alle sind eingeladen, die sich bemühen wollen, zu hören, den eigenen Standpunkt zu vertreten, zu lernen und über praktische Schritte Verständigung zu erzielen. Wir freuen uns, wenn Sie dabei sein können.“

Auch ich würde mich freuen, wenn Sie noch einmal überlegen könnten, ob Ihnen die Teilnahme nicht vielleicht doch möglich ist. Im Bereich unserer Landeskirche ist Herr Franz Gebert vom Amt für Volksmission, Wolfenbüttel, Leibnizstr. 12 (Tel. 05331/4700) gern zu näherer Auskunft bereit.

Wir kommen von Pfingsten her. Die vielerorts betrüblich kleinen Zahlen der Besucher der Pfingstgottesdienste haben neu deutlich gemacht, wie fremd dieses Fest selbst unseren Gemeinden in seinem eigentlichen Sinn geworden ist. Um so mehr tut es uns und unseren Gemeinden not, auf die Verheißung des Heiligen Geistes zu hören, uns an ihr zu orientieren und neu um sein Kommen zu bitten.

Aus Paul Gerhardts Pfingstlied „Zeuch ein zu deinen Toren“ ist mir selber in diesem Jahr der Vers „Du bist ein Geist der Freuden ...“ besonders wichtig geworden, Kritik an der Kirche ist nötig, zuallererst in der Kirche selber. Und zum Klagen über das, was in der Kirche geschieht und noch mehr nicht geschieht, ist leider immer noch viel Grund. Aber es wäre schlimm, wenn darüber die Freude verloren ginge. Wo der Geist Gottes wirkt, kann jedenfalls die Freude nicht ausbleiben. Denn Gott hört ja nicht auf, Freude daran zu haben, diese unsere Welt zu suchen und zu lieben. Einladung und Verheißung zu seiner Freude bleiben bestehen, so trübe es um uns und bei uns auch aussehen mag. Der „Geist der Freuden“ verwehrt es uns auf das Entschiedenste, uns der oft so naheliegenden Resignation zu überlassen. Daß dieser Geist auch Sie nicht verlasse, sondern neu ermutige, wünsche und erbitte ich für Sie von Herzen.

In brüderlicher Verbundenheit Ihr Heintze

Quelle: Landeskirchliches Archiv LBf 8 und Acc. 102/07


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/Heintze/, Stand: November 2015, dk