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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kommentar zur Atompolitik

von Eckhard Etzold

Die bei der Kernspaltung freiwerdenden Spaltprodukte sind zum Teil über viele Jahrtausende, ja sogar Jahrmillionen radioaktiv und stellen eine Gefahr nicht nur für die Menschheit dar, sondern für die gesamte biologische Evolution auf diesem Planeten. Es sind Zeiträume, in denen Eiszeiten und Warmzeiten sich abwechseln, in denen die Erdoberfläche in einem Maße ihre Gestalt verändert, wie wir es uns heute kaum ausmalen können. Eine wirkliche "Entsorgung" dieser Gifte bedeutet, sie für diesen Zeitraum von uns und der lebenden Welt sicher abzuschirmen. Aber schon die Frage, wie die Menschheit ueber viele Jahrtausende das Wissen um die Lagerorte der radioaktiven Abfälle erhalten und weitergeben soll, ist angesichts der Erfahrungen mit der Entwicklung von Schrift und Sprache in den letzten vier Jahrtausenden mehr als fraglich geworden. Platon berichtet von der untergegangenen Insel Atlantis. Das war vor gut 2500 - 3000 Jahren - ein vergleichsweise geringer Zeitraum. Wer weiß denn heute noch, wo die Insel gelegen hat?

Selbst wenn es gelingt, Karten und Textdokumente bis in 30.000 oder 100.000 Jahren zu überliefern, ist damit noch nicht gesagt, dass die Menschen dann in der Zukunft in der Lage sein werden, diese Dokumente zu entziffern und zu verstehen. Schrift und Sprache haben sich verändert und werden es weiter tun. Bereits heute erleben wir, dass handwerkliche Fähigkeiten, die vor 100 Jahren selbstverständlich waren, in Vergessenheit geraten sind. Wer kann heute noch mit einem Webstuhl umgehen oder ein Stuhlbein mit der Hand dreckseln? Oder: Bringt man heute einen Farbfernseher aus dem Jahre 1968 zur Reparatur in eine Meisterwerkstatt, so müssen bereits die meisten Fernsehtechniker passen, weil sie die alte Röhrentechnik nicht mehr beherrschen.

Ein ähnlicher Effekt kann sich auch bei der Endlagerung einstellen: wer weiß denn noch in 200 Jahren um die Details und die Erfahrungen im Umgang mit radioaktiven Spaltprodukte, nachdem dann bereits 100 Jahre verstrichen sind, in denen keine Kernkraftwerke mehr betrieben wurden? Und das ist bereits sehr kurzfristig gedacht.

Ich meine: es gibt erwiesenermaßen keinen sicheren Ort auf der Erde, wo der Atommüll so gelagert werden kann, dass er das Leben auf der Erde nicht gefährdet. Alles, was wir haben, sind nur Restrisiko-Berechnungen und Wahrscheinlichkeitsstatistiken. Ich habe mich eingehend mit den Letzteren beschäftigt - und zwar nicht nur in der Gaus'schen Verteilungscharakteristik, sondern auch in ihren anomalen und nicht voraussagbaren Entwicklungsmoeglichkeiten. Diese treten auf, aber sie können nicht in einem wissenschaftlichen Gutachten vorausgesetzt werden, weil es solche Anomalien im Rahmen konventioneller Forschung gar nicht gibt. Und wie wenig die konventionellen statistischen Voraussagen greifen, wissen wir hier bei uns spätestens, seit dem der Atommüll in Asse II in - vorher als völlig unwahrscheinlich geltenden - Salzlaugeneinbruch von 11 000 Litern täglich abzusaufen droht. Irgendwann wird dann diese Lauge wieder an die Erdoberfläche treten - das ist sicher. Durchtränkt mit der Restradioaktivität aus mittel- und schwachradioaktivem Atommüll. Und das wird keine 100 000 Jahre mehr dauern, sondern kann unter Umständen nur wenige Menschen-Generationen an Zeit beanspruchen.

Wer angesichts dieses Wissens weiterhin Atommüll produziert, handelt nicht nur fahrlässig, sondern setzt - aus Profitgier! - die Zukunft des Lebens auf der Erde aufs Spiel. Und wenn wir irgendwo einen Ort zulassen in der Meinung, irgendwo müssen wir ihn ja "entsorgen" -, dann machen wir uns zu Verbündeten eines verbrecherischen Systems, dem der eigene finanzielle Ertrag wichtiger ist als die Zukunft des Lebens auf der Erde. So bitter das ist: die Folgen eines Krieges sind in wenigen Generationen - global gesehen - überwunden. Aber die Wirkungen des Atommülls können die gesamte Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten in Frage stellen, die Gott ermöglicht hat. Das halte ich für die eigentliche Blasphemie - und nicht die Frage, ob zwei Frauen zusammen im Pfarrhaus leben dürfen oder nicht.

Nachdem unsere Kirche so klar und eindeutig gegen den Wahnsinn des Krieges im Irak ihre Stimme erhob, hatte ich geglaubt, sie würde mit derselben Klarheit und Eindeutigkeit gegenüber dem Kernenergie-Wahnsinn ihre Stimme erheben. Aber offenbar war der Kriegsprotest als imageförderlicher eingestuft worden als die Klage gegen Schacht Konrad und konnte deshalb durchgehalten werden. Warum auch nicht? - Es sind ja schliesslich nur unsere Ur-, ur-, ur....-Enkel, die das betrifft, deren Wirklichkeit wir heute noch nicht einmal in unseren Träumen berühren können, und die uns deshalb ja auch nicht zur Rechenschaft ziehen werden

Daten

Bisherige Opfer der Atompolitik:

- mehr als 20 000 anerkannte Opfer nur schon allein im ostdeutschen Uranabbau <http://www.atomopfer.de/>
- die Zahl der Todesopfer durch Kernspaltungsexperimente (in "Friedenszeiten") wird auf 150 000 (UNO-Studie "Kernwaffen", München 1982, S. 118) geschätzt.
- insgesamt 430 000 tödliche Krebsfälle durch radioaktive Substanzen aus oberirdischen Kernspaltungsexperimenten bis zum Jahr 2000 <http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-90/9010503m.htm>
- In Tschernobyl wurden über 800 000 Menschen zu Aufräumungs- und Dekontaminationsarbeiten eingesetzt. Mindestens 7 000 der so genannten Liquidatoren sind bereits gestorben, Schätzungen verschiedener Organisationen gehen sogar von mehreren 10 000 Toten aus. - Schwer erkrankt sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis heute rund 125 000 Menschen. <http://www.wissen.swr.de/sf/begleit/bg0041/ts03.htm>
- Ungezählt bisher die indirekten Opfer der Atompolitik, die im Rahmen der Wiederaufbereitung von Brennstäben, von atmosphärischer Belastung und Kontakt mit Spalt- und Zerfallsprodukten, von Uranabbau und Anreicherung Schaden an Leib und Leben nahmen und nehmen werden.

Atomare Spaltprodukte:

- pro Tag fallen in Deutschland 1377 kg hoch strahlender Spaltprodukte an (weltweit das 15-fache) <http://www.ippnw-ulm.de/text_gundremmingen-60jahre-atommuell.htm> Allein das AKW Gundremmingen produziert täglich etwa 170 kg strahlenden Atommüll neu. Darin sind ca. 1,7 kg Plutonium enthalten.
 
- Yucca Mountain: Amerikas Endlager für Atommüll: Seit fünfzehn Jahren prüfen Wissenschaftler den Yucca Mountain auf seine Tauglichkeit. Rund 6,4 Mrd. Euro haben die Arbeiten bisher verschlungen, ein Probetunnel wurde gebohrt. Der Energieminister hat das Areal als Lagerstätte empfohlen und Präsident Bush ist entschlossen, das nun per Gesetz durchzusetzen. Dreihundert Meter tief unter dem Berggipfel sollen abgebrannte Brennstäbe aus Atomkraftwerken und anderer hochradioaktiver Müll gelagert werden. 70.000 Tonnen insgesamt. In dreihundert Meter Tiefe - und dreihundert Meter oberhalb des Grundwasserspiegels. Es sickert Wasser ins Gestein. Zu Beginn der Erforschung von Yucca Mountain vor fünfzehn Jahren hatten die Planer noch vor, Atommüll ohne großen Aufwand in die Felsstollen zu kippen. Das gilt nun nicht mehr. Jetzt soll er in aufwendigen Schutzcontainern gelagert werden. Außerdem ist geplant, die Stollen mit speziellen Metallen auszukleiden. Davon erhoffen sich die Experten die endgültige Sicherheit für Mensch und Umwelt. 40 000 Tonnen Atommüll warten in den USA derzeit darauf, endgültig eingelagert zu werden. Wann aber die ersten Mülltransporte tatsächlich in der Wüste Nevadas ankommen werden, weiß im Moment niemand. <http://www.ndrtv.de/globus/20020515_4a.html>
 
- Uranvorräte der Welt liegen nach Angaben der Institution "The Uranium Institute, London" bei rund 2,1 Millionen Tonnen, statische Reichweite dieser Uranvorräte wird auf etwa 80 bis 100 Jahre geschätzt. <http://www.infokreis-kernenergie.de/d/faq_thema04.cfm>
 
- Bis zum Ende der Uranvorräte werden (von heute an) noch weitere 680 000 Tonnen hochradioaktiver Atommüll weltweit anfallen.

Endlager Asse II

- Als Versuch deklariert werden insgesamt 125 000 Fässer mit schwachaktiven Stoffen von April 1967 bis Ende 1978 in der Asse eingelagert, davon allein in den 2 Jahren bis zum Ende der Genehmigung 52 000 Fässer - das ist der gesamte in dieser Zeit in der Bundesrepublik angefallene schwachaktive Atommüll.
 
- Bis 1977 wurden im Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel 1 300 Behälter mit mittelaktivem Abfall zusätzlich eingelagert, insgesamt also mehr als 126 000 Fässer in die Asse verbracht. Auf Anfrage muß die GSF zugeben, daß in diesem Abfall auch 23 kg hochgiftiges Plutonium ist.
 
- Zwischenzeitlich war auch geplant, hochradioaktiven Müll aus den USA in der Asse zu lagern, was aber aus politischen Gründen in den USA nicht zustande kam. <http://www.ag-schacht-konrad.de/asse/ashint/auseinandersetzungasse2.html>
 
- In einem Gutachten, das das Niedersächsische Landesamt für Bodenforschung, das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld und das Bergamt Goslar im Auftrag des Niedersächsischen Umweltministeriums 1994 erstellen, wird festgestellt, daß ein nicht mehr beherrschbarer Wassereinbruch in das Bergwerk ("Absaufen") nicht auszuschließen ist. Zur Verbesserung der Standfestigkeit empfehlen die Gutachter daher die Verfüllung der verbliebenen Hohlräume (insgesamt ca. 2,5 Millionen Kubikmeter) mit Salz.
 
- 1995 beginnt die Verfüllung. Tag für Tag bringen Güterzüge Abraumsalz zur Schachtanlage, das dann in die Hohlräume geblasen wird. (Wir konnten das bei der Besichtigung miterleben.) Die Versuchstätigkeit mit radioaktiven Stoffen wird eingestellt. Im Lauf der Jahre nehmen die Zuflüsse von Wasser in den Salzstock zu. Aus dem Deckgebirge, das über dem Salzstock liegt, dringt Wasser und löst sich Wege durch das Salz frei. <http://bs.cyty.com/menschen/e-etzold/archiv/salz.htm>
 
- 1998 sind es 10 Kubikmeter am Tag, die von der GSF als Laugenzufluß festgestellt werden. Löst sich das Salz weiter auf, so kann es die (im Lauf der Zeit korrodierten) Fässer nicht mehr von der Umwelt abschirmen; mit dem Wasser wird sich die Radioaktivität unkontrollierbar im Berg verteilen und im Laufe der Jahre auch ihren Weg nach draußen finden. <http://www.aaa-wf.de/tabelle.htm>

Als Beleg dafür, dass schon im Frühjahr 1979 die Sicherheit von Asse II in Frage gestellt wurde, schicke ich einen Gemeindebriefartikel mit, den ich damals als 19jähriger geschrieben hatte. Es war damals also schon einem Gymnasiasten (!) klar, dass die Endlagerung nicht sicher war. Zu dieser Einsicht bedurfte es keiner "Experten"!

Aus: Groß Elbe - Gustedt - Klein Elbe. Nachrichten aus dem Pfarrverband, Nr. 2, Juni - September 1979, S. 8f.:
 
"Atomkraft? - Nein Danke"
 
Wer kennt sie nicht, die gelben Aufkleber mit der roten lachenden Sonne und dem "Atomkraft? Nein Danke". Neuerdings gibt es sie überall und in den verschiedensten Sprachen. Man sollte meinen, das deutsche Volk sei in zwei Lager aufgespalten. Ist es eine neue Mode geworden, gelbe Plaketten zu tragen? Als Kontrastfarbe zu blauen Jeans machen sie sich gut - oder steckt da tatsächlich mehr dahinter?
In Rundfunk und Fernsehen konnten wir Berichte über das "Gorleben - Hearing" mitverfolgen, "Harrisburg" ist auch schon zu einem Schlagwort nicht nur für Atomkraftgegner geworden. Diese Umstände bringen es natürlich mit sich, daß gerade auch die Christen und die Kirche beginnen, im Gespräch über die Atomkraft mitzureden.
Viele werden sagen: Was hat die Kirche damit zu tun? Sie soll sich doch gefälligst da heraus halten.
Doch so einfach geht es nicht. Aus dem Fall Harrisburg sollten wir lernen, daß geringste Mengen Radioaktivität Gesundheitsschäden bei Mensch und Tier verursachen können.
In diesem Augenblick, wo es um die Bedrohung des Menschen und seiner Umwelt geht, haben wir als Christen die Pflicht Klarheit zu schaffen und dafür zu sorgen, daß die Bevölkerung informiert wird.
Lange genug hat sich die Kirche auf die Seite der Mächtigen und des Reichtums gestellt. Jetzt hat sie die Möglichkeit, der ihr anvertrauten christlichen Botschaft volle Ehre zu geben.
Sind diese Überlegungen hier bei uns fehl am Platze? Ganz bestimmt nicht! Es geht ja auch uns an: Direkt "vor der Haustür" liegt Asse II, als Atommülllagerstätte im Betrieb. Untersuchungen lassen auch hier bereits Zweifel an der Sicherheit aufkommen.
So wird es auch bei uns höchste Zeit, daß Aufklärungsarbeit durchgeführt wird, um auf die Gefahren vorbereitet zu sein. Doch sollte ein Protest der Atomkraftgegner auch im "Kleinen" anfangen. Energiesparen, wo es möglich ist, kann und muß ein erster Ansatzpunkt sein, der nicht nur für AKW - Gegner selbstverständlich sein sollte.
So steht auch hinter jedem "Atomkraft? - Nein Danke" Forderung an uns Christen, über die Situation und die Gefahren beim Einsatz der Kernenergie und durch die Umwelt-Verschmutzung nachzudenken. Gleichzeitig ist auch die Aufforderung zu einer christlichen Lebensweise. Eckhard Etzold

Zur theologischen Auseinandersetzung:

- EKD-Synode befürwortet den Ausstieg aus der Atomenergie <http://www.ekd.de/predigten/predigt_muenster1998_sorg.html>
 
- Beschlüsse 3. Tagung der 9. Synode der EKD (1.-6. November 1998, Münster): Ausstieg aus der gegenwärtigen Kernenergienutzung <http://www.ekd.de/synode98/aufbau_beschluesse_energie.html>
 
- EKHN-Synode dringt auf Ausstieg aus der Atomenergie <http://www.ekhn.de/info/pm202001.htm>
 
- Stellungnahme von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Evang.-Luth. Dekanatsbezirk Neu-Ulm zur Planung des Zwischenlagers für abgebrannte Brennelemente am Standort des Atomkraftwerks Gundremmingen <http://www.atommuell-zwischenlager.de/EvangPfarrerStellungnahmeAKW.pdf>
 
- Margot Käsmann: Predigt in der St. Johannis-Kirche in Dannenberg am 27. März 2001 <http://www.evlka.de/labi/predigt-dannenberg.html>
 
- Die Kirchenkreistage Lüchow und Dannenberg wenden sich an Christen aller Konfessionen, an Gemeinden und Leitungsgremien der Evangelischen Kirche in Deutschland und an den Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf: In unserer Region ist der soziale Friede gest&oml;rt. <http://www.oneworldweb.de/castor/diskus/sonst/evkirchkreis.html>
 
- Beschluss der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ohne Gegenstimmen: "Wir fordern erneut den Ausstieg aus der Atomenergie." <http://www.oneworldweb.de/castor/diskus/flugbl/christ2.htm>
 
- Presseerklärung der Ev.-luth. Landeskirche Hannover in Dannenberg - 27. März 2001 <http://www.evlka.de/labi/pm-castor.html>
 
- Eugen Drewermann: Der tödliche Fortschritt. Von der Zerstörung der Erde und des Menschen im Erbe des Christentums. 3. Aufl., Regensburg 1981
 
- Manfred Josuttis: Der Kampf des Glaubens im Zeitalter der Lebensgefahr. München 1987

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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu108/konrad.htm, Stand: 28. Juli 2003, dk