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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 124 - Dezember 2008


Stolpernde Schritte ins Freie
Der Einfluss der 68er Bewegung auf unsere kirchliche Arbeit

von Herbert Erchinger
(Download als pdf hier)

Durch den Umbruch der 68er Bewegung wurde die bis dahin unterbliebene Einlösung wesentlicher Anliegen der Bekennenden Kirche wieder aufgenommen.

Zur Erinnerung: Als Vermächtnis des Bruderrates der Bekennenden Kirchen formulierte das Darmstädter Wort von 1947 unter der maßgeblichen Federführung von Prof Hans Joachim Iwandt In These 3: „Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, eine „christliche Front“ aufzurichten gegenüber notwendig gewordenen Neuordnungen im gesellschaftlichen Leben der Menschen. Das Bündnis der Kirche mit den das Alte und Herkömmliche konservierenden Mächten hat sich schwer an uns gerächt. Wir haben die christliche Freiheit verraten, die uns erlaubt und gebietet, Lebensformen abzuändern, wo das Zusammenleben der Menschen solche Wandlung erfordert…“

Dieses Darmstädter Wort, das die Irrtümer der Christen und Kirchen in der Nazizeit auf den Punkt bringt, fand im Aufbau der Kirchen nach dem Krieg kaum Beachtung. Stattdessen ließ man sich im Schlepptau der katholischen Kirche weithin widerspruchslos, von Privilegien geködert in den restaurativen „christlichen“ Adenauerstaat einbinden. Dibelius verdrängte Niemöller.

Diesen Hintergrund muss man sehen, um die dringend notwendigen und heilsamen, wenn auch manchmal burschikosen und pubertären Aktionen der 68er in der Kirche würdigen zu können.

Mir persönlich verhalfen die Jahre ab 1968 im Gemeindepfarramt in Hannover und seit 1977 im Studentenpfarramt in Braunschweig in diesem Sinne zu wichtigen Korrekturen:

Konfliktfähigkeit in einem ständig auf Ausgleich, Kompromiss und Neutralität gepolten kirchlichen Umfeld. (ecclesia militans)

Überwindung der oft anerzogenen Anpassung als christlicher Grundhaltung. Einübung der Bereitschaft, als Pfarrer Tadel und Disziplinierung lächelnd entgegenzunehmen.

Parteilichkeit für Benachteiligte in einer Kirche, die fast ganz vom Wohlstandsbürgertum bestimmt war. (Christus der Armen) Entwicklung weg vom rein karikativ Diakonischen hin zur Solidarität. Heimat für Protestkulturen in der Kirche.

Wiederentdeckung der gesellschaftlichen Dimension der Kirche mit der Einmischungspflicht bei sozialen Konflikten. (Ausbruch aus dem innerkirchlichen religiösen Ghetto.)Exemplarisch Dorothee Sölles politisches Nachtgebet: Information, Meditation, Aktion. Erweiterung der Gemeindearbeit hin zur Gemeinwesen- oder Stadtteilarbeit.

Neue Bündnispartner bei Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Studenten und Schülern bei gleichzeitiger befreiender Abkoppelung von bürgerlichen Gruppen ,die bisher die Kirche als selbstverständliche Einflusszone beansprucht hatten.

Thematische Gottesdienste, gestaltet von sozialen Gruppen, zB Strafgefangene, Arbeitslose, Migranten, Schüler, Studenten, Auszubildende.

Wiederentdeckung des linken Flügels der Reformation: Thomas Müntzer, Karlstadt, Hutterer u.a.

Entdämonisierung der marxistischen Gesellschaftsanalyse.“Das Sein prägt das Bewusstsein“. Gesprächsfähigkeit gegenüber marxistisch geschulten Gruppierungen. Abbau entsprechender Feindbilder.

Ungeschminkte Konfrontation mit den Verbrechen der Nationalsozialisten und den Versäumnissen der Kirchen.

Enttabuisierung der Sexualität in kirchlichen Gruppen. Wachsamkeit gegenüber jeder doppelten Moral.

Wiederbelebung der Sozialkritik der AT Propheten, zB Amos, Jeremia. Wiederentdeckung der Radikalität als Tugend: „Radikal sein heißt eine Sache an der Wurzel (radix) fassen.“

Entdeckung des revolutionären Jesus, der die Armen selig preist, den Reichen ihre Armut ankündigt und die Tische der Wechsler umwirft. Jesus als der, der wirklich befähigt, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein verächtliches, gedemütigtes Wesen ist.

Ein neuer sozialgeschichtlicher und sozialkritischer Blick auf biblische Texte. Zum Beispiele die Gleichnisse von den Arbeitern im Weinberg, den anvertrauten Pfunden, dem reichen Kornbauern und dem reichen Jüngling sind nicht nur allegorisch theologisch zu deuten, sondern enthalten auch eine sozialkritische Wahrheit.

Integration ausgegrenzter Personen: Politisch Radikale, Migranten, Unangepasste. Dies war ganz klar Gewaltprävention und bewahrte manche davor, zur Gewalt zu greifen oder in den Untergrund zu gehen.

Weitung des oekumenischen Horizonts durch Aufnahme von Anregungen der Befreiungstheologie Lateinamerikas und Südafrikas. Starke Bereicherung durch die Kirchentage.

Bewahrung der Leidenschaft für Spiritualität und Gottesdienst als Dreh- und Angelpunkt aller kirchlichen Öffnung, Befreiung und Horizonterweiterung.“Kampf und Kontemplation“.

Erfahrung der Kirche als eines insgesamt positiven Resonanzkörpers der 68er. Die Frommen liebten uns wie man missratene Kinder liebt, die Kirchenleitung hat vieles „nachdenkend ertragen“, wenn auch stirnrunzelnd. Insgesamt eine Integrationsleistung der Kirche. Erfrischend Vize-Präsident Meyer in Loccum 1977: „Ihr seid mir schöne Revolutionäre! Mit Beamtenstatus und Pensionsberechtigung“.

Wichtig war, die berechtigten emanzipatorischen Inhalte glaubwürdig theologisch zu begründen und zu untermauern. Ständige theologische Rückkopplung war überlebensnotwendig. Ernesto Cardenal war da eine große Hilfe.

Geradezu traumwandelnd orientierten wir uns an zukunftsbezogenen religiösen und politischen Utopien und nicht an rückwärts gewandten Traditionen. Diese Haltung ist heute vielfach verlorengegangen.

Wo die Marxisten sagten „Klassenlose Gesellschaft“, sagten wir „Reich Gottes“ und verwiesen damit ungewollt auf die Unverfügbarkeit hoher Ziele und den eschatologischen Vorbehalt.

Die Kirche braucht nicht nur den stabilisierenden „Wärmestrom“ der Geborgenheit, sonde rn auch den aufrüttelnden „Kältestrom“ des Bußrufs. Diesen Bußruf der 68er erkannte nicht jeder. Bischof Dr Heintze und ansatzweise Henje Becker waren seltene Ausnahmen.

Prägend war das Liedgut der 68er Bewegung von Franz-Josef Degenhards Schmuddelkindern bis Wolf Biermann „Du laß dich nicht verhärten“ und Bob Dylans „Blowing in the Wind“. In kirchlichen Gruppen setzte sich auch religiöses Liedgut durch von „We shall overcome“ über „Go down Moses“ bis zu Kirchentagsliedern wie „Wenn das Rote Meer grüne Welle hat“ (immer wieder die von Marx säkularisierte Exodustradition!) oder „Ich träume eine Kirche, in der kein Mensch mehr lügt“. Auch im EG finden sich einige von 68 angehauchte Lieder, zB „Komm in unsre stolze Welt“ EG 428 von Graf Lehndorf, „Vertrauen wagen“ EG 607 von Baltruweit. Dazu einige Kirchentags-Gesänge von Peter Jannsens EG 420, EG 557 und EG 588. Auch einige Taizé-Gesänge greifen diese Tradition auf:Z.B.“ The kingdom of God is justice and peace“ Ist es gelungen, so etwas wie eine die 68er Anliegen nachhaltig aufnehmende Frömmigkeit zu etablieren? Immer, wenn ich so etwas entdecke und mitmachen kann, bin ich glücklich. Denn nur so wird der Ertrag von 68 in der Kirche bewahrt.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu124/68er.htm, Stand: Dezember 2008, dk

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