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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 124 - Dezember 2008


Dünen, Kirchen, Hansestädte

Reisebericht Baltikum 11.-25.7.08
von Herbert Erchinger
(Download als pdf hier)

Auf der Fähre von Kiel nach Kleipeda (Memel) hatte es anfangs noch geregnet. Aber dann schien die Sonne. Links war Schweden, rechts Ostpreußen mehr zu ahnen als zu sehen. Und schließlich kam nach knapp 24 Stunden erholsamer Seefahrt Land voraus in Sicht. Die Einfahrt ins Haff nach Memel war ein großes Erlebnis. Rechts die Kurische Nehrung, links die endlosen Hafenanlagen von Memel und um die Ecke das Haff.

Unsere Reisegruppe bestand diesmal aus 11 Personen, die alle schon vorherige Reisen mitgemacht hatten. Über die letzte nach Siebenbürgen 2005 habe ich auch schon einen Bericht für KvU geschrieben.

Die Stadt Memel selbst war eigentlich eine Enttäuschung. Die Altstadt ist im Krieg stark zerstört worden. Viele Platten- und Gewerbebauten verstellten den Blick. Aber wir ließen es uns nicht nehmen, am nächsten Morgen vor der Abfahrt auf die Kurische Nehrung nach Nidden wenigstens mit dem Stadtplan in der Hand noch das Ännchen von Tharau zu besuchen. Es steht wieder auf dem schön restaurierten Theatervorplatz und die Litauer wundern sich, daß die deutschen Touristen immer zielbewußt dahin streben. Das liegt an dem schönen deutschen Volkslied, das Johann Gottfried Herder aus dem regionalen Dialekt ins Hochdeutsche übertragen hat. Doch hier wurde gleich deutlich, daß unsere Reise durchs Baltikum ständig zwischen Idylle und Schrecken changiert. Denn an diesem heutigen Anlaufpunkt deutscher Heimwehtouristen hielt Hitler im März 1939 vom Balkon des Theaters seine chauvinistische Anschlußrede, als er das Memelgebiet einfach annektiert hatte als Vorspiel des kurz danach angezettelten 2. Weltkriegs. Damals stand das ursprüngliche Ännchen noch, wurde aber bald durch eine Hitlerbüste ersetzt. Das heutige Ännchen wurde von ehemaligen deutschen Bewohnern Memels gestiftet. Es ist wie das Kantdenkmal vor dem Dom von Königsberg ein Zeichen der Versöhnung. Ja, es ist wichtig, die alten Streitpunkte zu begraben.

Die ganze Baltikum-Reise war für mich eine weitere Vertiefung des lebenslangen Lernprozesses, nationales Anspruchsdenken zu überwinden. Denn für meine hochgebildete preußische Großmutter, der ich auch viel Positives wie das Memorieren langer Gedichte, Dramen und Lieder verdanke, war das alles deutsch. „Jungens, es ist Eure Aufgabe, das wieder zu holen!“ So sprach sie mit blitzenden Augen und stellte en passant auch Demokratie und Gewerkschaften als schwere Verirrungen in Frage. Und zur Bergpredigt zitierte sie (als Pfarrfrau!) immer wieder abfällig Bismarck:“ Mit der Bergpredigt kann man keinen Staat regieren.“

Natürlich gibt es im Baltikum gewichtige deutsche Spuren und Wurzeln, denen ich gern nachspüre. Ich freue mich über jedes deutschsprachige Epitaph und Denkmal. Aber eins wurde gleich in Memel / Kleipeda klar und bestätigte sich bis Reval /Tallin. Deutsch waren im Wesentlichen die Oberschichten der Städte durch Kaufmannschaft und Hanse, die Burgen und Schlösser als Herrschaftsstützpunkte, das weite Land war immer von einheimischen Litauern, Polen , Letten und Esten sowie Juden besiedelt. Nur durch Herrschaft wurde zT ein Firnis deutscher Kultur darüber gelegt. Die Rechte dieser Landbevölkerung aber hatten deutsche Herrschaftsfantasien nie im Blick.

Kaum war nun das Ännchen digital im Kasten, setzten wir mit der Fähre auf die Nehrung über und bezogen in Nidden /Nida unser schönes Quartier. Gleich nachmittags wanderten wir auf die hohe Düne . Ich war mir bewußt, daß wir über von den Dünen begrabenen Häusern, Gräbern und Kirchen liefen. Bei unseren Vortreffen hatte ich das Gedicht von Agnes Miegel vorgelesen:

Nun, weiße Düne, gib wohl acht:

Tür und Tor sind dir aufgemacht,

In uns`re Stuben wirst du geh´n

Herd und Hof und Schober verweh`n


Oben angelangt, standen wir an der vom Sturm geknickten Sonnenuhr. Das war ein ergreifender Fernblick: Im NW die offene Ostsee, gegenüber das Haff und weit dahinter das Festland des Memeldeltas. Im SW endlos die Dünen und Kiefernhänge der Nehrung, bald hinter Nidden die russische Grenze. Und irgendwo dahinten das frühere Königsberg. (Wir hatten uns mit guten Gründen dagegen entschieden, auf dieser Reise auch noch in den Oblast Kaliningrad zu fahren. Das kommt später dran.) Nachdenklich wanderten wir dann durch den Kiefernwald an den Ostseestrand und badeten in der recht kühlen Ostsee. Unterwegs schaute ich stets vergeblich nach Elchen aus.

Das lange Jahrhunderte zu Preußen gehörende Memelgebiet ist der einzige Teil Litauens mit anteilig evangelischer Bevölkerung. So gibt es in Nidden noch eine ev.luth. Kirche. Die Kurseelsorge verrichtete ein Pfarrer aus Oldenburg, der auch regelmäßig deutschsprachige Gottesdienste anbot. Er erzählte mir von der kleinen litauischen und zT auch deutschprachigen Gemeinde. Interessant war der alte Friedhof. Viele Grabmäler haben noch archaische Formen aus vorchristlicher Zeit. Vor dem deutschsprachigen Grabmal im Sturm ertrunkener Fischer blieb ich nachdenklich stehen. So friedlich blinkte das Haff durch die Kiefern. Aber es kann wohl auch bedrohlich, stürmisch und gefährlich sein.

Schon immer interessierte ich mich für die alten ehrwürdigen Kurenkähne mit ihren originellen Wimpeln, die mit vielen Symbolen und Ornamenten die Herkunft des Fischers bezeichnen. Im Hafen lag noch ein einziges schwarz geteertes Exemplar dieser eindrucksvollen Fischerboote. Eigentlich wollten wir es für einen Nachmittag chartern, aber irgendwie haben wir den richtigen Zeitpunkt verpaßt. Doch ich habe es mir genau angesehen. Auffällig ist das massige Ruder mit beweglicher, in fächerförmigen Kerbungen arretierbarer Pinne. Eine geniale Erfindung, wenn der Rudergänger mal eben das Netz auswerfen oder einholen muß. Die Planken sind ganz roh von Hand gezimmert. Die Besegelung besteht aus einem fast rechteckigen großen, dunkel gelohten Sprietsegel ohne Großbaum, stattdessen mit Diagonalbaum (Spriet). Dazu vielleicht eine Fock. Da es sich wegen der geringen Wassertiefe im Haff um ein Plattbodenschiff ohne Kiel handelt, sorgen Seitenschwerter dafür, daß der Kahn seitlich nicht abdriftet. Das hätte ich gern mal ausprobiert. Insgesamt eine arbeitsintensive und hammerharte Form der Seefahrt, aber lang bewährt und sicher. Und viel Platz für den Fang. Noch 1940 gab es ca 150 solcher Kurenkähne auf der Nehrung. Sie brauchten nicht unbedingt einen Hafen, sondern konnten zur Not wie in Kapernaum auf den Strand gezogen werden. Die heute auf der Kurischen Nehrung genutzten Fischereifahrzeuge sind sämtlich aus Stahl oder GFK und haben eine Maschine. Romantik ade.

Am letzten Nachmittag in Nidden sprach Björn Engholm auf einer Veranstaltung des Goethe- Instituts im hoch auf der „Schwiegermutter-Düne“ gelegenen Thomas Mann- Haus über die Identitätsstiftenden Gemeinsamkeiten der Ostseeländer. Er zählte auf, was sie alle verbindet von der Geschichte der Hanse über die Backsteingotik bis hin zur protestantisch christlichen Tradition und der Aufklärung seit Immanuel Kant. Ich fand den Vortrag sehr anregend, bin aber gegenüber jeder Regionen-Heimattümelei skeptisch. Denn das Christentum oder die Renaissance, ganz wesentliche identitätsstiftende Elemente unserer Kultur, stammen ja nun gerade wirklich nicht von hier. Kräftige Impulse kamen aus der Wüste. Unsere Kultur sprengt mit Recht jeden Regionalismus.

Der Geist Thomas Manns schwebte natürlich über diesem Hause. 1930 – 32 verbrachte er die langen Sommermonate standesgemäß in diesem Domizil, das er sich, von der Landschaft und ihrem Italienblick begeistert, kurz entschlossen hatte bauen lassen, samt maßgefertigter Inneneinrichtung einschließlich Mobiliar. Ich ließ es mir nicht nehmen, kurz auf seinem Sessel im Arbeitszimmer Platz zu nehmen. Wie viel verdanken wir heute den wenigen Menschen, die sich durch die Parolen der Nazis nicht hatten täuschen lassen. Nach drei Sommern in Nidden ging er ins Exil und kehrte nie zurück. Doch nicht alle waren in schlimmer Zeit so weich gebettet wie er.

Abends trafen wir uns mit unserer Gruppe zum gemütlichen Sundowner- Rotwein auf der Mole, die weit ins Haff hineinragte. Der Zauber der Dämmerung umfing uns. Aber meine Gitarre blieb im Kasten. Deutsches Liedgut ist da sicher noch belastet und weckt vielleicht böse Erinnerungen.

Die nächste Station unserer Reise war Vilnius, die Hauptstadt Litauens. Obwohl etwa auf der geografischen Breite von Kiel, fühlt man sich in den Süden versetzt. Barockkirchen füllen die ganze Stadt. Mindestens vier sieht man immer. Die katholische Tradition ist überall spürbar. Da Vilnius bald Europäische Kulturhauptstadt wird, ist alles frisch gestrichen und vieles erstaunlich gut restauriert. Und die ganze Stadt voller junger Menschen, die jungen Frauen modisch super chic. Aber auch hier wieder das Changieren zwischen Idylle und Schrecken. Gleich bei unserem ersten abendlichen Stadtrundgang trafen wir auf Markierungen des Großen und des kleinen Ghettos, das die Nazis in Vilnius zur Vernichtung der dort zahlreichen jüdischen Bevölkerung angelegt hatten. Mitten in der Stadt! Viele Denkmale erinnerten an ermordete Rabbiner, jüdische Einrichtungen und jüdisches Leben. Als einzige von über hundert Synagogen war noch die große Choralsynagoge mit ihrer Kuppel erhalten, weil sie der Wehrmacht als medizinisches Magazin diente. Leider war sie geschlossen. Einige der schönen alten Backsteinkirchen waren auch im Mittelalter von deutschen Kaufleuten und ihren Gemeinden errichtet worden. Auf Grund der langen Personalunion der litauischen und polnischen Herrscherhäuser ist auch die polnische Tradition in Vilnius sehr stark. Das schönste Beispiel ist das Tor der Morgenröte. Das ist erst einmal ein ganz normales mittelalterliches Stadttor gen Osten, wie der Name sagt. Aber auf dem Balkon, nein der Galerie dieses Tores ist eine kleine Kapelle mit einem hochverehrten Gnadenbild der Mutter Gottes. Dort finden ständig Andachten polnischer Pilgergruppen statt. Und die Spiritualität dieser kleinen Andacht springt auf die Pilger über, die unten auf der Straße stehen. Auch viele Passanten bleiben ergriffen stehen, bekreuzigen sich, beten und singen mit in eingängigen Lobgesängen, die mich an Taizé erinnerten, den Blick zum Gnadenbild erhoben. Auch dies in einer spirituellen Atmosphäre, die mich an Taizé erinnerte und der ich mich selbst kaum entziehen konnte. So blieb ich verblüfft stehen, ließ meine Gruppe laufen , summte leise mit und ertappte mich sogar dabei, mich protestantisch ungelenk und nur ansatzweise zu bekreuzigen. Das muß man sich mal vorstellen: Der Andachtsgruppe in einer Minikapelle auf der Galerie eines Stadttores gelingt es, das Treiben einer ganzen bunt belebten Straße samt ihren Miniröcken zum Gottesdienst umzufunktionieren, umzuprogrammieren, umzuwidmen. Respekt. Da fallen alle Grenzen zwischen sakralem und profanem Bereich. Da springt der Funke über. Da wird ein Energiestrom spürbar.“Gottheit und Menschheit vereinen sich beide. Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah.“(EG 66,1) Ich fand das absolut faszinierend und auch verblüffend gegenüber dem frostigen Schattendasein des Religösen bei uns verkopften Protestanten. Erst beim Mittagessen mit einem kühlen Bier fand ich wieder in die Welt zurück.

Doch dann stiegen wir auf die Burg, Im 14. Jh fast uneinnehmbar von Großfürst Gediminas auf steiler Klippe an einer Flußmündung mit hoch aufragendem Bergfried errichtet. Von hier aus erweiterte Litauen seine Macht weit über Kiew fast bis ans Schwarze Meer. Und hier an dem Burggraben brach sich der Eroberungsdrang des Deutschen Ritterordens im 15.Jh. Die Schlacht bei Tannenberg 1410 beendete dann endgültig die deutsche Expansion. Und genauso erging es später der Expansion des Protestantismus.

Ein großer Glücksfall war für uns der Besuch der alten Universität, ein mosaikartiger Gebäudekomplex aus dem 16.Jh mit eigener Kirche und vielen Innenhöfen, eine regelrechte Stadt in der Stadt. Auf dem Flur sprach uns eine Dame in akzentfreiem Deutsch an. Sie war emeritierte Professorin für Deutsch und Geschichte und machte spontan für uns eine historisch äußerst fundierte Gratis- Führung . Die Gründung der Universität geht auf die Gegenreformation zurück. Die katholischen Herrscher von Vilnius wandten sich an die Jesuiten, um den wachsenden Einfluß des Protestantismus und reformatorischen Denkens zu stoppen. In der Tat brach sich in Vilnius die Welle der Reformation, so wie sich vorher schon hier an der Burgmauer die Welle der Eroberungen des Deutschen Ritterordens gebrochen hatte. Vilnius ist die Wasserscheide zwischen römisch katholischem und protestantischem Einfluß. Doch die ersten Professoren in Vilnius waren ausgerechnet Absolventen der Königsberger Universität, die von der Kurischen Nehrung stammten und deshalb litauisch sprachen. Die Professorin erzählte vom jahrhundertelangen Kampf der Universität um die Bewahrung und Stärkung litauischer Kultur und Sprache. Die Zaren schlossen die Universität im 19.Jh nach den Aufständen gegen die russische Herrschaft. Auch in der kommunistischen Zeit versuchte die Universität, Reste an Eigenständigkeit und kultureller Identität zu bewahren. Auch der Austausch mit westlichen Wissenschaften lag ihr immer am Herzen. Von daher appellierte die Professorin beim Abschied an uns: Bitte sagen sie es den jungen Leuten in Deutschland , sie möchten hierher kommen. Wir sehen immer nur die Rentner. Ja, leider waren auch wir schon etwas ältere Semester.

Genossen haben wir die reichhaltigen Gerichte in Litauen. Schon zum Frühstück gab es dicke Kartoffelpuffer mit saurer Sahne. Mittags waren Ceppelini der Renner , Kartoffelklöße mit Hackfleischeinlage. Oder Plinsen, die guten aus Ostpreußen bekannten Pfannekuchen. Und dann natürlich immer wieder Fisch in unterschiedlicher Zubereitung .

Es gab viel Schönes zu sehen in Vilnius. Nach vielen schönen Kirchen, Straßen, Plätzen und Palais gaben Gudrun und ich uns einen Ruck und machten uns auf den Weg zum Holocaust- Museum. Es war nicht leicht zu finden. Die Hausnummer war nicht sichtbar und nur ein kleines Schild an der Querwand eines Hauses führte uns zum Ziel, dem sogenannten Grünen Haus. Wir hatten nicht den Eindruck, daß dieses Museum ein Herzensanliegen der Litauer war. Es ist auch nicht von Litauen, sondern von Israel aus initiiert. Das Museum dokumentiert die Vernichtung der Juden in Vilnius und ganz Litauen mit vielen deutschsprachigen Dokumenten. In großsprecherischen und selbstgefälligen Briefen berichteten die SS Gruppenführer ihren Vorgesetzten in allen Einzelheiten von ihren Razzias und „Sonderbehandlungen“ sprich Mordaktionen an Juden. Dabei betonten sie immer wieder, daß ihre Maßnahmen auf begeisterte Zustimmung der einheimischen Bevölkerung stießen und daß sich viele Litauer aktiv an diesen beteiligten. Das geschah in aller Öffentlichkeit ohne jeden Versuch der Heimlichtuerei. Und der Anteil der jüdischen Bevölkerung lag in Vilnius bei 30%. Dazu kamen noch Tausende Kriegsflüchtlinge aus dem Westen Polens. Ein unfaßbares Geschehen. Als wir nachdenklich zurück ins Quartier gingen, sahen wir ein Hinweisschild „Genocide Memorial“. Erst aus dem Reiseführer begriff ich, daß damit nicht etwa der Holocaust, sondern die Verfolgungen und Verschleppungen der Litauer durch die Sowjets gemeint waren. Diese schlimmen und frischeren Repressions-Erfahrungen der Sowjetzeit überlagern in Litauen weitgehend die Schrecken der Nazizeit, decken sie zu und löschen die Erinnerung.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Linienbus nach Lettland bis Riga weiter. Hier begann der zweite Teil unserer Reise, dessen Planung und Betreuung wir Matthias Burghardt, dem deutschen Pfarrer in Tallin übertragen hatten. Er stammt aus der Braunschweigischen Landeskirche, war Vikar in Wendeburg und später Pfarrer in St Georg in Braunschweig, in Riga und jetzt Tallin, da seine Frau aus Estland stammt und dort auch als Theologin arbeitet. Es tut uns Einheimischen in unseren gesicherten Verhältnissen gut, einmal über den Tellerrand zu blicken und zu sehen, unter welchen finanziellen und sozialen Bedingungen Pfarrer in anderen Ländern leben. Den durch Kirchensteuern , öffentlich rechtlichen Status und Beamtenrecht wohl dotierten Pfarrerstand gibt es weltweit fast nirgends als bei uns. Matthias Burghardt verließ tapfer all diese Sicherungen und muß sich heute wesentliche Teile seines Einkommens hinzuverdienen. Eine möglichst preiswerte Wohnung muß er sich selber besorgen. Seine kleine deutsche Gemeinde allein kann ihn nicht ernähren. So gibt er Unterricht im College, arbeitet als Lektor für theologische Publikationen und verdient sich ein Zubrot als Reiseleiter und Reisebegleiter für kirchliche Gruppen, die ins Baltikum fahren. Er hat uns die Planung unserer Reise sehr erleichtert und wir fühlten uns von ihm persönlich und sachlich außerordentlich gut betreut. Er nahm uns ganz selbstverständlich mit in den Rigaer Dom zum Gottesdienst im Refektorium, wo er die Predigt hielt. Und einmal retteten wir seine deutschsprachige Andacht in Dorpat, weil außer uns niemand erschien. So sangen wir eben im Altarraum noch einige Taizé- Gesänge.

Doch erst einmal holte er uns in Riga vom Bus ab und wir ruckelten mit ihm in der Straßenbahn Linie 11 durch verschiedene Vororte und Villenviertel bis zur Endstation, wo wir ein noch etwas abgerocktes Sporthotel mit dem Charme der Sowjetzeit bezogen. Aber immerhin lag es direkt am See und wir konnten sogar darin schwimmen.

Matthias Burghardt zeigte uns die Stadt, insbesondere natürlich die ehrwürdigen Kirchen samt Turmbesteigung, die Jugendstilhäuser, die Markthallen und viele andere Sehenswürdigkeiten. Viele Jahrhunderte war die Altstadt von deutschen Kaufleuten bewohnt. Sie haben den Baustil geprägt. Das zentrale Rathaus und das Schwarzhäupterhaus sind nach der Zerstörung im letzten Krieg erst 1995 wieder aufgebaut worden, ganz im alten Stil, sogar mit deutschsprachigen Inschriften. Die riesigen Markthallen sind ursprünglich russische Zeppelinhangars im 1. Weltkrieg gewesen. Wir haben uns fast darin verlaufen. Stark beeindruckten uns auch die gut erhaltenen, ganze Straßenzüge prägenden riesigen Jugendstilfassaden in ganz unterschiedlicher floraler und sagen umwobener Struktur. Das großstädtische Leben pulsiert, aber am Rande der Stadt wird es schnell karg und man sieht auch viel Armut.

Für die nächste Etappe Richtung Estland hatten wir einen Kleinbus gemietet. Wir fuhren durch eine wunderschöne Landschaft mit vielen Störchen, die wir bald aufhörten zu zählen. Im Gauja Nationalpark wanderten wir zur ältesten noch erhaltenen Kirche des Baltikums in Krimulda und ehrten sie mit einem mehrstimmigen Taizé- Gesang. Danach besuchten wir die schön restaurierte Burg Turaida des Schwertbrüderordens. Trutzig steht sie auf dem Hügel inmitten der Waldlandschaft. Wir bestiegen den Bergfried und blickten hinüber zur ebenso wuchtigen Burg Sigulda, die einst dem Erzbischof von Riga gehörte. So standen sie sich feindlich gegenüber. Danach piknikten wir vor der Burgruine der alten Ordenshaupststadt Cesis (dt.: Wenden). Im Burggarten machten wir bei einem Spaziergang eine lustige Entdeckung: In einer riesigen sargähnlichen Kiste war eine ca fünf Meter lange Leninstatue bestattet. Das Denkmal war nach der Wende abgebaut worden. Aber man brachte es wohl doch nicht übers Herz, den alten Lenin einzuschmelzen, so brutal wollte man nicht sein. Er ist entmachtet, aber wer will, kann ihn mit nostalgischen Gefühlen noch in seiner ganzen Schönheit in der Waagerechten betrachten. Ich empfand das als einen versöhnlichen Umgang mit der Vergangenheit, die ja für immer ein Teil der Geschichte bleibt.

Über die geteilte Stadt Valka/ Valga reisten wir nun fast unbemerkt nach Estland ein. Unser Ziel war Tartu, deutsch Dorpat, die alte Unversitätsstadt, das baltische Göttingen. Hier stiegen wir standesgemäß im „Domus Dorpatensis“ der deutschbaltischen Kulturstiftung direkt am Marktplatz ab. Dem Gänseliesel in Göttingen entsprach das wasserspeiende Denkmal eines knutschend sich im Kreise drehenden Studentenpärchens.

Dorpat war mir schon in Studentenzeiten ein Begriff. Denn einige der von uns noch gelesenen Theologen waren vor dem Ersten Weltkrieg Professoren in Dorpat gewesen, zB der Alttestamentler W.Volck und der Systematiker Reinhold Seeberg. Die Universität war 1626 von Gustav Adolf gegründet worden und war die Ausbildungsstätte fast aller evangelischer Pfarrer des Baltikums. Noch heute kann man dort, wie ich hörte, an der theologischen Fakultät seine Doktorarbeit auf Deutsch schreiben. Dorpat hat auch einen Bezug zur Braunschweiger Landeskirche. Dort studierte nämlich von 1883 -87 Alexander Bernewitz, der spätere erste Bischof der Braunschweiger Landeskirche (1923-33). Seine stark deutschnationale Einstellung wurde maßgeblich durch die Russifizierungspolitik des Zaren Alexanders III in Kurland und Dorpat geprägt. Nach der Ermordung deutscher Theologen durch die Bolschewisten in Dorpat und Riga 1919 verließ er das Baltikum und setzte seine Karriere in Deutschland fort. Obwohl ein volkstümlicher Prediger und aufrichtiger Christ, hatte er maßgeblichen Anteil daran, daß die Braunschweiger Landeskirche in der Demokratie der Weimarer Republik nicht heimisch wurde. Und seine im Baltikum geprägte Vermischung von Deutschtum und lutherischer Frömmigkeit machte ihn zur leichten Beute der Nazis und der Deutschen Christen. Als er sich nach der Machtergreifung über die Rechtsbrüche der Nazis empörte, war es zu spät und er mußte sein Amt aufgeben. Das schöne Buch von Dietrich Küssner über Alexander Bernewitz habe ich Matthias Burghardt mitgebracht.

Matthias Burghardt zeigte uns in Dorpat die Stelle, wo der Praktische Theologe und Universitätsprediger Traugott Hahn mit anderen Theologen, u.a. dem orthodoxen Bischof im Januar 1919 erschossen wurde. Unmittelbar vor der „ Befreiung“ der Stadt durch deutsche Freikorps-Truppen. (Ich setze das Wort Befreiung bewußt in Häkchen, weil die Freikorps natürlich auch gemordet haben, nur wieder andere.) Leider gibt es noch keine Gedenktafel, die an diese Märtyrer in würdiger, nicht chauvinistischer Weise erinnert. Das Trauma dieser Bolschewistenmorde trug ja wesentlich zur Vergiftung der politischen Ausseinandersetzung mit den Linken in Deutschland bei, an deren Händen nun wirklich kein Blut klebte. Denn die Revolution 1918/19 in Kiel, Berlin und auch in Braunschweig war durchaus unblutig. Die Gewalt ging dann von den Freikorps aus, die keinerlei Tötungshemmung kannten, weil sie sich zT schon im Baltikum ausgetobt hatten. Aus den dortigen Erfahrungen leiteten sie die Rechtfertigung ab, Rosa Luxemburg , Karl Liebknecht und Tausende andere zu töten, die überhaupt keine Bolschewisten waren. So haben Feindbilder aus dem Baltikum die deutsche Innenpolitik vergiftet.

In Tartu speisten wir vorzüglich im Garten der Studentenkneipe Pulverkeller, dem höchsten Pub der Welt. Dann wanderten wir durch die Altstadt und überquerten auf der schönen Brücke den Fluß Emajögi. In der Nähe lagen Fahrgastschiffe, mit denen man bis zum Peipussee in Rußland fahren kann. Ein andermal.

In der Johanneskirche begleiteten wir Matthias Burghardt zu seiner regelmäßigen Andacht in Deutscher Sprache. Diese Backstein- Kirche ist ein sehr originelles gotisches Bauwerk, berühmt durch ihre vielen Terrakotta- Figuren. Die frühere Universitätskirche, in der Traugott Hahn kurz vor seiner Ermordung seinen letzten Gottesdienst hielt, ist heute ein Verwaltungsbau.

Eindrucksvoll war auch der Domhügel. Der von Deutschordensrittern im 14. Jh erbaute Dom war seinerzeit der größte Kirchenbau im Baltikum. Seit 1525 ist er Ruine, wurde teilweise wieder auf -gebaut und dient heute als Uni-Bibliothek.

Das „Domus Dorpatenssis“, in dem wir wohnten, gehörte übrigens einer deutschbaltischen Familie, die 1939 sich der „Heim ins Reich“- Aktion Hitlers verweigerte und im Lande blieb. Deshalb wurde das schöne Patrizierhaus den ursprünglichen Besitzern nach der Wende zurückgegeben.

Schon am nächsten Tag fuhren wir mit dem Linienbus direkt nach Tallin in die Hauptstadt Estlands, das ehemalige Reval. Dort wohnten wir östlich der Altstadt direkt an der Ostsee im Brigittinenkloster. Es ist ein modernes Gebäude mit Hotelartigem Gästehaus. Es setzt die Tradition des ehemaligen Brigittinenklosters aus dem 15.Jh fort, dessen eindrucksvolle Ruinen direkt daneben stehen. Seit der Reformationszeit war das Kloster Ruine. Weithin sichtbar ragt noch der wuchtige Westgiebel der ehemaligen gotischen Klosterkirche aus dem Ruinenfeld auf und dient als Deckpeilungs-Seezeichen für die Einfahrt in den nahen Hafen. Die Nonnen dieses Klosters, die uns rührend verwöhnten, kamen aus Indien und sprachen Englisch. Wir fühlten uns dort sehr wohl. Schon am Abend haben wir die geheimnisvolle Silhouette der Altstadt von der Hafenmole aus über die Meeresbucht blickend bewundert. Tallin sieht von Weitem fast wie eine orientalische Stadt aus, durch ihre schmalen Minarett-ähnlichen Türme. Ich mußte auch an das geheimnisumwitterte Avalon des Königs Artus denken. So schien die Stadt scheinbar unerreichbar jenseits des Wassers auf.

So schlimm war es dann aber doch nicht. Wir konnten mühelos in 20 Minuten mit dem Bus in die Stadt fahren. Dies taten wir gleich am nächsten Morgen und ließen uns von Matthias Burghardt in die Geheimnisse dieser wunderschönen völlig unzerstörten Hansestadt einführen. Man stelle sich Bremen und Lübeck unzerstört vor, dann hat man schon eine Ahnung, wie schön Tallin ist. Die Altstadt ist ganz geprägt von der Tradition und Bauweise der deutschen Kaufleute der Hanse. Der Ring der Stadtmauern samt Türmen, die Kirchen der verschiedenen Länder der Hanse, der Rathausplatz und unzählige Patrizierhäuser, eine Apotheke aus dem 18.Jh, alles erhalten. Die alten gotischen Stadtkirchen konnten wir alle besichtigen, ich versank darin, Inschriften auf Latein und Deutsch zu lesen. Die deutsche Gemeinde ist übrigens vorläufig zu Gast in der wunderschön restaurierten schwedischen Kirche. Matthias Burghardt zeigte uns in der Sakristei stolz den Koffer, der sämtliche Utensilien der deutschen Gemeinde enthält. So hat Paulus auch mal angefangen.

Der Dom auf dem hohen, Burgartig noch einmal von Mauern und Türmen umgebenen Domhügel (Toompea) war dann mit den vielen Epitaphen und Denkmalen doch arg verunstaltet. Fast jede deutschbaltische Familie hat dort ihr oft protziges Denkmal. Wo bleibt da die christliche Demut? Trotzdem beeindruckte mich das Denkmal des deutschbaltischen Admirals Krusenstern, dem 1803-1806 im Dienste des Zaren die erste russische Weltumsegelung gelang und dessen Name heute das weltgrößte russische Segelschulschiff ziert. Es ist jedoch befremdlich, wenn eine Kirche sichtlich nicht in erster Linie der Gottesverehrung, sondern der Heldenverehrung dient. Bei St Pauls Cathedral in London störte mich das genauso. Da lob ich mir den Koffer in der Sakristei. Selig sind, die da geistlich arm sind.

Am meisten Freude machte es, einfach ziellos durch die engen Gassen zu streifen, den weiten Blick von den Terrassen auf das Meer zu genießen oder an einem der vielen Plätze einen Kaffee zu trinken. Nostalgisch speisten wir im „Olde Hanse“. Aber als wir am nächsten Morgen im Hafen fünf riesengroße Kreuzfahrtschiffe von Cunard bis Aida liegen sahen, mit und ohne Kussmund, da wußten wir, was uns blühte. Innerhalb kürzester Zeit war die Altstadt überfüllt mit Touristen, die ihrem Fähnchen schwenkendem Guide folgten. Rechts sehen Sie links sehen Sie… Fluchtartig verließen wir die Stadt und streiften am Meeresufer entlang bis zur riesigen Sängerbühne. Das riesige Gelände erinnerte mich an Kirchentagsabschlußkundgebungsplätze und hat für die Loslösung Estlands von der Sowjetunion eine fundamentale Bedeutung. Die Sängerbewegung gab den Esten ähnlich wie in Lettland das Bewußtsein einer eigenständigen Kultur, den Mut und das Zusammengehörigkeitsgefühl für die Befreiung. Singend überwanden sie das Sowjetsystem. Auf ein singendes Land kann man schlecht schießen. Daß Estland seine Unabhängigkeit erringen konnte, ist schon ein kleines Wunder. So leben im Großraum Tallin nur ein Drittel Esten, ein Drittel sind Russen mit russischem Pass, ein Drittel sind russischsprachige ehemalige Sowjetbürger mit einem Fremdenpass. Da ist Vorsicht geboten.

Am nächsten Morgen mußten wir ganz früh zum Flugplatz. Die netten Brigittinen machten eine Ausnahme und wir konnten schon um sieben Uhr frühstücken. God bless you and Good Bye. Matthias Burghardt ließ es sich nicht nehmen, uns im Flughafen herzlich zu verabschieden. Seine Gemeinde wartete schon auf ihn.

Rückblickend kann ich nur staunen, wie viel an kultureller und historischer sowie kirchlicher Substanz im Baltikum noch erhalten ist, obwohl die Feuerstürme und Massenmorde zweier Weltkriege jeweils hin und zurück durch diese Länder getobt sind. Möge der Frieden Bestand haben und niemand wie in Georgien zündeln. Denn Sprengstoff ist genug vorhanden. Und die Angst vor dem russischen Bären sitzt tief. Den Sicherheitsgarantien der Nato trauen viele nicht über den Weg. Möge der Frieden Bestand haben.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu124/baltikum.htm, Stand: Dezember 2008, dk

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