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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 124 - Dezember 2008


Unternehmensdenkschrift der EKD

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

Wer wissen will, wie die Kirche da oben über ihr Verhältnis zur Wirtschaft denkt, sollte zu dieser im Sommer dieses Jahres erschienenen Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ greifen. 128 Seiten, 138 Textabschnitte, 9 Kapitel, verfasst von 19 Mitgliedern der Kammer für Soziale Ordnung, welche Theologen dabei sind, ist nicht erkennbar. Das „Unternehmerische Handeln“ wird beleuchtet „in der Perspektive des christlichen Glaubens“ (Kap. 2), ins Verhältnis gesetzt zur „Sozialen Marktwirtschaft“ (Kap.3), zum Konsumenten (Kap.5) zum Kapitalmarkt (Kap.6). Einige Textbeispiele: der evangelische Glaube habe zum unternehmerischen Handeln „ein positives Verhältnis“ (Huber, S 7), gerade in unserer heutigen Situation in Deutschland wäre „von zentraler Bedeutung die beständige Neuschaffung von Reichtum und seine Nutzung als Wohlstand für viele“ ( S. 20), „das Streben nach einem angemessenen Wohlstand, um ihn für sich selbst und für die Gemeinschaft zu nutzen, ist in sich nicht verwerflich – auf ihm kann durchaus der Segen Gottes ruhn“ (S. 20). Der Absatz über die Managergehälter, der ungeniert die Steigerung der Managergehälter beschreibt, schließt mit dem Satz: „In Fällen besonderer schwieriger Sanierungsaufgaben können steigende Gehälter auch bei einem –vorübergehenden – Sinken des Unternehmenswertes gerechtfertigt sein“ (S. 88). Noch Lust auf weitere Zitate?

Im Kapitel über die soziale Marktwirtschaft wird unterschlagen, dass mit dem Kohlschen Regierungsantritt die „Soziale“ Marktwirtschaft in die „Freie“ Marktwirtschaft überführt wurde. Am Ende der Freien Marktwirtschaft steht der heutige Raubtierkapitalismus. „Soziale Marktwirtschaft ist heute ein Fremdwort und als Ausgangspunkt oder Zielpunkt völlig ungeeignet. Es verschleiert nur die gegenwärtige katastrophale Lage. Nichts über die totale Herrschaft der Wirtschaft über die Regierung. Nichts darüber, wie eine völlig überschuldete Staatsregierung total verschuldeten Konzernen helfen will, ohne die Lasten einseitig auf die allgemeine Bevölkerung zu legen.

Und was die biblische Begründung betrifft, so sei allen Wirtschaftsleuten die a.t. Lesung des Erntedankfestes an die Eingangstür geheftet: „Brich dem Hungrigen dein Brot und die im Elend sind, führe ins Haus.“ DEIN Brot, Dein Gehalt, deine Millionen. Die „Neuschaffung von Reichtum“ ist ein völlig evangeliumswidriges Ziel. Man achte auf die glasperlenförmigen Unklarheiten. Was ist „angemessener“ Wohlstand? Darüber wird Herr Ackermann wohl andere Vorstellungen haben als ein Hartz IV Empfänger.

Wie ist das Echo auf diese Denkschrift? Der epd hat bisher keine Zusammenfassung der kritischen Äußerungen herausgebracht. Das ist schade und verdächtig. Eine Serie von Stellungnahmen gibt es im Publik Forum. So hält z.B. in Nr. 23 vom 5.12. der frühere Leipziger Propst Heino Falcke die Aufgabe der Denkschrift für verfehlt, das Leitbild des „ehrbaren Kaufmanns“ für reichlich überholt und vermisst vor allem die Einbeziehung der ökumenischen Äußerungen.
In Publik Forum Nr.20 vom 24.10. wurde informiert, dass in der Kommission der Geschäftsführer des Bundes der Deutschen Arbeitgeberverbände CDU Bundespolitiker Reinhard Göhner die Vorlagen machte und die Richtung bestimmte. Überraschend? Kein bisschen. Die paar Zitate haben bereits genügt.
Der Bundesvorstand des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt trat aus Protest gegen die Unternehmensdenkschrift zurück. (Publik Forum 10.10.08). In unserer Landeskirche gibt es schon längst keinen mehr, daher auch kein Echo. Die EZ stellte die Denkschrift am 13. 7. unter trefflichen Überschrift „Wirtschaftlicher Kurswechsel“ vor, nämlich von der Seiten der Schwachen auf die Seite der ach so notleidenden Unternehmer.

Auf der EKD Synode kritisierte die Jungdelegierte Anna Maria Busch die Denkschrift und bekam von Bischof Kähler die dämliche Antwort, sie wolle wohl in die ehemalige DDR zurück. Das erinnert sehr an Reaktionen aus den 60er Jahren bei uns: „Dann gehen sie doch gleich in die Ostzone!“
(siehe Publik, Forum 21.11. S. 9 „Chance verpasst“).

Der Berliner Arbeitskreis Ökonomie und Kirche warf den Denkschriftverfassern ein völlig falsches Verständnis von zwei Gleichnissen Jesu mit einer sehr interessanten, der gängigen Interpretation widersprechenden Auslegung vor. (siehe Publik Forum 21.11. S. 37 „Auf den Kopf gestellt“)

Inzwischen ist ein Buch von Ulrich Duchrow erschienen „Frieden mit dem Kapital? Wider die Anpassung der evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft“, 192 S. 13,90 €.

Dass so eine Missgeburt nur unter der Führung des immer auf jung gequälten und glatt gelackten Ratsvorsitzenden Huber passieren konnte, ist wahrlich keine Überraschung mehr.

Auf der nächsten Seite befindet sich ein Aufruf von angesehenen Theologen, der sich gut zur Besprechung in den Kirchenvorständen eignet, wie auch die Auslegung der beiden Gleichnissen Jesu
von den Talenten (Mt.25,14-30 und Luk. 19,11-27) und von den Arbeitern im Weinberg (Mt. 20,1-16).




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu124/denkschrift.htm, Stand: Dezember 2008, dk

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