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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 124 - Dezember 2008


Zum Tod von Uwe Gronostay (1939 - 2008)

Hören - atmen - singen

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)


Uwe Gronostay ist vielen auch jüngeren Braunschweigern durch das von ihm organisierte Gedenken an seine Lehrerin und Domorganistin Ellinor v.d. Heyde -Dohrn anlässlich ihres 100. Geburtstages im Jahre 2005 und schon zehn Jahre zuvor durch eine Herausgabe einer weiteren CD mit historischen Klangdokumenten aus den Jahren 1954 - 1984 am Braunschweiger Dom bekannt geworden.

Uwe Gronostay war in jungen Jahren Organist an der St. Jakobikirche, heiratete die Tochter des Braunschweiger Predigerseminardirektors Rudolf Brinckmeier Maria, beide wurden in Katharinen unter dem Psalmwort "Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster" getraut, Uwe studierte Kirchenmusik in Bremen und wurde schon kurz vor dem A-Examen Kirchenmusiker an der Bremer Kirche in der Vahr, wo Hans Jürgen Kalberlah Pfarrer war. In Bremen gründete Gronostay den Norddeutschen Figuralchor, mit dem er erste Plattenaufnahmen veröffentlichte, die schon damals seine besondere Art der Chorleitung und Gesangskultur hörbar machten. Besonders beliebt wurde die Aufnahme von Johann Christoph Friedrich Bachs Motette "Ich lieg und schlafe ganz im Frieden". Er verabschiedete sich von der Kirchengemeinde mit einer Aufführung der h-moll Messe.

1972 ging er mit seiner Familie nach Berlin und übernahm den RIAS-Kammerchor, der seinerzeit ziemlich daniederlag, und den er während seiner 12jährigen Leitung bis 1984 in seiner Weise völlig neu formte.

"Dem Rias-Kammerchor hat er zu seinem heutigen Renommee verholfen. Die Homogenisierung des Chorklanges, die große stilistische Sensibilität für alte, romantische und neue Musik, die den Chor auch heute auszeichnen, gehen direkt auf Gronostays Wirken zurück und wirken noch heute in ganz Deutschland vorbildlich", heißt es in einem Nachruf der Berliner Zeitung vom 2.12.

20 Jahre leitete er dann von 1982-2002 den traditionsreichen Berliner Philharmonischen Chor, mit dem er in der Philharmonie ein Konzertprogramm mit Werken aus allen Jahrhunderte gestaltete. Daneben leitete er als Chefdirigent und Direktor zehn Jahre (1987-1997) den Niederländischen Kammerchor Amsterdam, ein Ensemble mit lauter Solisten, mit dem er zahlreiche CD Aufnahmen veröffentlichte, meine Lieblings-CD ist die mit Liedern aus der Romantik.

Hohe Auszeichnungen (Ritter vom Orden des Hauses Orange-Nassau durch die niederländische Königin, das Bundesverdienstkreuz) zeigten an, dass seine Aufführungen auch über den musikalischen Bereich hinaus Anerkennung fanden. Auch zu Aufnahmen mit dem staatlichen dänischen Rundfunkchor wurde er immer wieder gebeten.

Noch zur Zeit der schier unüberwindlichen Grenze gelang es ihm, in Wroslaw (Breslau) Bachs Johannespassion aufzuführen, wegen der besonderen Umstände für alle, die dabei waren, ein unvergessliches Erlebnis. In Danzig veranstaltete er wiederholt Chorleitertagungen. Nach der Wende arbeitete er auch mit dem Berliner Rundfunkchor. Neben seiner Chorarbeit hatte er seit 1989 eine Professur für Chorleitung an der Hochschule für Bildende Künste.

Im Rückblick ein Riesenprogramm, eine unerhörte Arbeitsintensität. Sein bester Lehrer wäre Fischer-Dieskau gewesen, der mit ihm in Hinsicht der Atemtechnik und Aufführungspraxis harmonierte und die zusammen viele Aufführungen gemeinsam durchführten, zuletzt die "Schöpfung" von Haydn.

Er hielt zu Braunschweig Kontakt, wo seine Mutter wohnte, gab an der neuen Orgel der St. Lorenzkirche in Schöningen wiederholt Orgelkonzerte, in der Petrigemeinde führte er eine Chorfreizeit für ältere Freundinnen, Freunde und Bekannte durch, eine weitere in diesem Jahr geplante musste ausfallen.

Im Dezember 2006 erkrankte er unerwartet nach seinem letzten Konzert in Süddeutschland. Am 25. Oktober dieses Jahres begann er sein 70. Lebensjahr. Er ordnete die vielen Bandaufnahmen und ist plötzlich am Samstag vor dem ersten Advent an einem Schlaganfall gestorben. Er folgt seiner Mutter, die er erst einige Wochen zuvor 99jährig in Braunschweig begraben hat. Die Berliner Zeitung würdigte sein Schaffen unter der Überschrift "Beweglicher Klang".

Der Trauergottesdienst findet am 15. Dezember in der Berliner Marienkirche statt. Die ganze Trauergemeinde darf Trauer und Auferstehungshoffnung in mehrstimmige gemeinsam gesungene Bachchoräle verhüllen. Ich kenne nur wenige, die wie er gerade den kirchendistanzierten Zeitgenossen das Evangelium aus Überzeugung vermittelte. Er hat den Verheißungen Gottes fest vertraut. Wenn es wahr ist, was die Kirche bei solchen Anlässen sagt, dass einer nun sieht, was er geglaubt hat, dann geht es ihm jetzt gut.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/nachrichten/gronostay.htm, Stand: Dezember 2008, dk

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