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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 124 - Dezember 2008


In Memoriam P.-O. Gutmann

von Hartmut Padel
(Download als pdf hier)

Paul-Otto Gutmann, mein Freund und Förderer, ist tot. Er starb Ende Februar dieses Jahres im Alter von 86 Jahren in dem Altersheim Haus Abendfrieden in Goslar.
Paul-Otto Gutmann wurde am 9. Oktober des Jahres 1921 in Remkersleben bei Magdeburg geboren. Nach der Grundschulzeit kam er – wie das bei Kindern aus der Magdeburger Börde, die auf eine höhere Schule gehen sollten, üblich war – auf das Gymnasium in Helmstedt. Da es nicht möglich war, täglich hin und her zu fahren, wohnte er während der Schulzeit in einer Pension in Helmstedt.
Der Ausbruch des Krieges brachte eine große Veränderung in sein und unser aller Leben. Gutmann hat sich gleich zu Beginn des Krieges als Freiwilliger gemeldet und wurde alsbald auch eingezogen, ohne sein Abitur abgelegt zu haben, lediglich mit einem Reifevermerk in seinen Papieren, der ihm das spätere Studium ermöglichen sollte. Er war wie viele von uns damals von Beruf Schüler“.
Am Ende des Krieges geriet er nach einer abenteuerlichen und teilweise gefährlichen Flucht vor den immer weiter nach Westen vorrückenden Russen in ein amerikanisches Gefangenenlager. Er hoffte, von dort bald entlassen zu werden. Die Amerikaner aber hatten nichts besseres zu tun, als die Insassen dieses Lagers auf eine höchst hinterhältige Weise an die Russen auszuliefern. Sie erzählten den Gefangenen, sie würden jetzt nach Passau gebracht und dort entlassen. Das aber geschah nicht. Statt dessen wurden sie in ein von russischen Soldaten umstelltes Lager gebracht und dort mittels der Kippvorrichtung der Lastkraftwagen wie ein Haufen Kies oder Sand „entladen“.
Das war der Beginn einer fünfjährigen Gefangenschaft. Es ist bewegend zu erfahren, wie P.-O.Gutmann es verstand, aus jeder noch so schlimmen Situation, wie zum Beispiel dieser Auslieferung an die Russen, das Beste herauszulesen. Das war einer der Wesenszüge Paul-Otto Gutmanns. So hat er sich selber und die ihm als einem ehemaligen deutschen Offizier anvertrauten verschiedenen Brigaden gefangener Soldaten immer wieder ermutigt. Unter dem, was ihm half, die Gefangenschaft leichter zu ertragen, nennt er an erster Stelle Freunde und Gefährten. Er fand immer wieder treue Freunde, mit denen er auch über die Zeit der Gefangenschaft hinaus enge Verbindung hielt. Als ebenso wichtiges nennt er die vielfach erfahrene „Fügung und Bewahrung.“
Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft 1949 hat er nicht, wie er ursprünglich beabsichtigte, Theologie studiert. Statt dessen ging er auf die Pädagogische Hochschule in Braunschweig, um sich dort in sechs Semestern als Volksschullehrer ausbilden zu lassen. Dort lernte er auch seine zukünftige Frau kennen. Später hat er durch ein Zusatzstudium die Befähigung zum Realschullehrer erworben. Zuerst war er in seinem zukünftigen Wohnort Immenrode bei Goslar und später als Realschullehrer in Goslar tätig.
Gutmanns haben sehr bald nach Beendigung ihres Studiums geheiratet. Sie bauten sich in Immenrode ein Haus und gehörten somit ganz fest zur dörflichen Gemeinschaft. Seine Frau Margarete hat wie ihr Mann zunächst in der Grundschule in Immenrode und später in Goslar unterrichtet. Gutmanns hatten zwei Söhne, deren Entwicklung ihnen große Freude bereitete. So wie sie sich in der Erziehung gegenseitig unterstützten, so taten sie das auch in allen Bereichen ihres Lebens. Sie teilten wirklich Freud und Leid. Das bewährte sich zum Ende ihres Lebens ganz besonders, als beide der nachlassenden Kräfte wegen in das Haus Abendfrieden in Goslar zogen. Es fügte sich, daß seine Frau sehr bald nach seinem Tode starb.
Paul Otto Gutmann hat sich von Anfang seines Wirkens eng an die Kirchengemeinde in Immenrode angeschlossen. Er übernahm das Amt des Organisten, gründete bald einen Kirchenchor und einen dörflichen Gesangsverein. Viele Jahre war er Mitglied des Kirchenvorstandes in Immenrode. Von 1958 bis 1982 war er mit einer Unterbrechung Mitglied der Landessynode und von 1958 bis 1971 Mitglied der Kirchenregierung, dem obersten Leitungsgremium unserer Landeskirche.
Gutmann hat sich auf meine Bitte hin erst für zwei und dann noch einmal für weitere zwei Jahre vom Staatsdienst beurlauben lassen, um in unserm Katechetischen Amt als Pädagoge zu arbeiten. In dieser Zeit habe ich meinen Helmstedter Mitschüler und Freund so richtig kennen und schätzen gelernt. Salopp würde ich sagen, er war ein Gemütsmensch. Es konnte durchaus passieren, daß er mit den Vikaren oder Lehrern noch eine Viertelstunde nach dem eigentlichen Beginn der Sitzung zusammen saß und klöhnte. Das aber tat der Arbeit überhaupt keinen Abbruch. Im Gegenteil; er hatte die großartige Fähigkeit, in alle Veranstaltungen eine wohltuende menschliche Atmosphäre einzubringen. Ob das bei den Vikaren war, oder ob es das Team im PS. war, in dem wir die Arbeit mit und für die Vikare besprachen und planten. Ich vermute, daß das in den Sitzungen der Kirchenregierung so ähnlich war. Team-Arbeit (leider haben wir im Deutschen dafür kein so recht passendes Wort), in der sich jeder so recht entfalten konnte, war seine Stärke. Wir hätten ihn gerne nach Ablauf dieser vier Jahre im Katechetischen Amt behalten. Aber die Landeskirche und auch die Kirchenregierung sahen das vor allem der Finanzen wegen anders und haben unserm Antrag nicht entsprochen. Da war er traurig und zornig. Doch am Ende hatte diese Entscheidung dazu beigetragen, daß er nach der Rückkehr in den staatlichen Dienst, Leiter des Studienseminars in Goslar wurde; eine Aufgabe die ihm sehr lag.
Zusammenfassend möchte ich sagen, Paul Otto Gutmann war ein Christ und ein Mensch. Ich denke, er wäre es wert, ihm ein ehrendes Andenken zu bewahren und ihn nicht zu vergessen, was in unserer schnelllebigen Zeit leider oft geschieht.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu124/gutmann2.htm, Stand: Dezember 2008, dk

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