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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 124 - Dezember 2008


Ende der Herrschaft - Wende des Denkens

von Eberhard Fincke
(Download als pdf hier)

Wir geben es nicht gern zu, aber noch immer ist Herrschaft die Grundorientierung, mit der wir denken und handeln. Wir sehen uns als Naturliebhaber, Tierfreunde und friedfertige Menschen, doch sobald es ums Geld geht, um den Lebensunterhalt, um die Sicherheit oder einfach um die Urlaubsreise, muss die Liebe zur Natur warten und wir nehmen doch das Auto oder das Flugzeug. Auch Demokratie ist schon vom Wort her Herrschaft, Gott wird nach wie vor als Herr oder Herrscher gedacht, wir suchen Krankheiten wissenschaftlich zu beherrschen und nicht zuletzt unseren Körper.

Besonders die biologische und medizinische Wissenschaft der letzten paar hundert Jahre hat diese herrschende Einstellung zur Natur gefördert, als wären lebendige Wesen eine Art Maschine, ein Organismus letztlich ein biochemisch-technisches System. Der Biologe und Philosoph Andreas Weber zeigt mit seinem Buch, ALLES FÜHLT (Berlin Verlag, Berlin 2007), wie die Biologie selbst inzwischen einzusehen beginnt, ähnlich wie schon länger die Physik, dass solche Vorstellungen nicht zutreffen. Unsere herrschende Grundorientierung geht an der Wirklichkeit vorbei.
Nur vordergründig stimmt die Wahrnehmung, wir könnten Materie und auch Lebendiges beherrschen, nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung bezwingen. Davon verleitet gehen wir mit dem Planeten Erde so um, dass er über kurz oder lang unbewohnbar sein wird (S. 287). Weber zeigt an vielen Beispielen, wie das Leben auf der Erde, von dem wir Menschen ein Teil sind, sich in Balance abspielt. "Alles fühlt", das heißt, Zellen, Mikroben, Pflanzen, Tiere bewegen sich in gegenseitigem Wahrnehmen und Mitfühlen. Indem sie fühlen, reagieren sie aufeinander und brauchen einander. Nichts lebt aus sich heraus, sondern ist immer schon Antwort. Lebendes strebt, angewiesen auf Austausch und Kooperation, in die Balance, das Gegenbild zu Herrschaft oder Zwang.
"Heilung" z.B. ist Balance. Sie kann ja nicht erzwungen werden. Im Grunde wissen wir, dass alle medizinischen Mittel nur Unterstützung der sog. Selbstheilung sind. Sie ist als Prozess zu verstehen, in dem die vielen Anteile eines Organismus zur Balance verhelfen, die ihnen verloren ging. Wir nennen das "Krankheit". Auch "Gesundheit" ist als Balance zu verstehen (S. 252 u. 295). Das Entscheidende tut der Körper selbst. Wie "er" das macht bzw. jene unendlich vielen Wesenheiten, die sein Leben ausmachen, davon wissen wir noch fast nichts. Wichtig ist nur, dass wir dieser Einsicht folgen. In der Medizin z.B. könnten wir unsere Grundorientierung des Beherrschen-Wollens wenigstens in Frage stellen und anfangen, dem Gedanken der Balance nachzugehen.
Auch für die soziale Ebene, für die Beziehung zur Natur, zu anderen Lebewesen und zu den Mitmenschen gilt, dass wir auf der Erde nur miteinander eine Zukunft haben, nicht aber gegeneinander. Menschen werden nur leben, wenn auch Pflanzen und Tiere leben und wenn die Menschen einander leben lassen.

Aber können wir Menschen das Beherrschen-Wollen aufgeben? Entspricht es nicht doch unserer Natur? Und ist nicht in der Natur überall ein Herrschen und Kämpfen zu sehen? In der Tat gehört auch das Kämpfen zum Leben. Aber es ist nicht die Grundorientierung, sondern eins von mehreren Elementen in der Balance. Die Berufung auf die Natur des Menschen stimmt gerade nicht, soll damit das Konkurrenzverhalten erklärt oder gerechtfertigt werden.
Die Natur des Menschen, vollständig wahrgenommen, kann uns vielmehr vergewissern, dass er von seinem Ursprung her und mit seinem Körper immer noch auf Balance angelegt ist. Es kommt nur darauf an, die Anzeichen dieser Veranlagung zu entdecken. Hat man erst einmal einen Blick dafür bekommen, so kann man viele spannende Entdeckungen machen, nicht nur im Wesen des eigenen Körpers und in der Natur, sondern auch in der religiösen und kulturellen Überlieferung.

Ein Beispiel ist das Zusammenspiel der fünf Finger in der Hand. An ihm lässt sich studieren, wie unser Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit mit Liebe und Lebensfreude zur Balance findet. (Vgl. E. Fincke, DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN INTELLIGENZ, Stuttgart 1997.) Da man von diesem bedeutungsvollen Zusammenspiel der Finger in biblischen Zeiten wusste und sog. Fingerreime formulierte, ist die Sache mit der Balance eigentlich nichts Neues, nur vergessen oder vergessen gemacht.
Die Absage an Herrschaft und die Freude an der Balance bildet sogar den Kern der biblischen Überlieferung, nur eben nicht unter dem Begriff "Balance", sondern dem der "Gerechtigkeit". Freilich wurde dieser Kern immer wieder vom Interesse an Zwang und Herrschaft überlagert oder unkenntlich gemacht. Wird die Kritik der Herrschaft nun sogar mit Hilfe der Naturwissenschaft wieder erkennbar, so können wir auch Gott ganz anders und wieder überzeugend wahrnehmen. Noch aber ist das meiste der heutigen Theologie im herr-schenden Denken befangen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu124/herrschaft.htm, Stand: Dezember 2008, dk

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