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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 124 - Dezember 2008


Von der Notwendigkeit der Kritik in der Landeskirche

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

Das ist ein schwieriges und leidiges Kapitel. Dem evangelischen Glauben ist die Kritik angeboren. Martin Luther hat heftige bis deftige Kritik an den Zeitumständen und der Kirche seiner Zeit geübt. Man soll Unsitten ja nicht nachahmen. Aber zu den Anfängen der protestantischen Kirchen gehört eine gehörige Portion Kritik. Also irgendwie „angeboren“.
Zum evangelischen Verhältnis zur Bibel gehört eine Grundform der Kritik. Jeder Pfarrer, jede Pfarrerin lernt das in der Ausbildung durch die historisch-kritisch Form, die Bibel zu lesen. In der Bibel ist eben nicht alles „historisch“ zu nehmen und zu lesen. Die Verfasser hatten kein historisches Interesse beim Schreiben. Sie wollten nicht historische Neugier befriedigen, sondern Glauben wecken.
Also: Jesus ist nicht in Bethlehem geboren. Die Geburtsgeschichte ist keine historische sondern eine liturgische Geschichte. Jesus ist nicht so auferstanden, dass er aus dem Grab gekommen ist und 40 Tage lang bis zu seiner legendären Himmelfahrt Gurken und Tomaten in der Gegend von Galiläa gegessen hat. Die Auferstehungsgeschichte sagt etwas über den Tod Jesu aus, nicht über sein Leben nach dem Tod. Genauer: über das Verständnis der Jünger über den Tod ihres Meisters. Wer Jesu Himmelfahrt historisch liest, verwechselt den Auferstandenen mit dem fliegenden Robert. Das sollte er lieber lassen.
Das Volk Israel ist nicht so aus Ägypten gezogen wie es in der Bibel steht und das mit den Zehn Geboten schon gar nicht.
Auch das Gottesbild ist nicht von der energischen Kritik ausgenommen. Gott ist eben nichts Objektives in unserm Leben, auch nicht eine subjektive Oase der persönlichen Glückseligkeit, sondern eben ganz anders und noch größer.

Wenn die Bibel, die Gestalt Jesu, Gott selber einer so massiven Kritik durch den Glauben
(nicht etwa durch den Unglauben, von dem gewiss auch!) ausgesetzt sind, wie viel eher Zustände, Kirchenpolitik, Vorgehensweise in der Kirche, genauer: in unserer Landeskirche.

Kürzlich besuchte eine ökumenische Delegation Teile unserer Landeskirche und berichtete ungeschminkt von ihren Eindrücken. Die waren nicht nur schmeichelhaft. Darüber gab es zunächst Unwillen, die Veröffentlichung müsste noch „überarbeitet“ werden. Kritik war von den Besuchten weniger willkommen als von den Besuchern gedacht. Denn die Grundaussage über unsere Landeskirche heißt ja bekanntlich – so meist unsere landeskirchliche Pressestelle (übrigens in einem scheußlichen Bild): „Wir sind gut aufgestellt“. Aufgestellt wie? In Reih und Glied? Vor wem? Ich weiß, es ist nur so eine der vielen schlechten modernistischen Redewendungen. Aber da steckt meist oft unbewusst mehr hinter als der Redner denkt. Kritik hat natürlich bei einer in Reih und Glied aufgestellten Kirche keinen Platz. Gehorsam ja, Kritik – große Unsicherheit. Mehr Verlegenheit, meist kein Anlass zu Nachfragen: wie meinste denn das?

Darf ich z.B. sagen: ich halte die Vorgehensweise von OLKR Vollbach in vielerlei Hinsicht schädlich für unsere Landeskirche? Gott kritisieren - ja. Vollbach kritisieren – nein? Hallo – wo sind wir denn!
Darf ich sagen, dass ich eine vierte Amtszeit von Herrn Eckels als Synodalpräsident für nicht förderlich halte? Vermutlich muss ich mit Konsequenzen rechnen, etwa die, dass er nun kein Vorwort für die geplante Geschichte der Landessynode schreibt.

Darf ich sagen, dass ich die von OLKR Dr. Fischer jahrelang betriebene Umweltpolitik, also seine Haltung zu Schacht Konrad, aber überhaupt zur Frage der Endlagerung in Morsleben und Asse für verheerend halte. Asse ist ja kein neues Problem. Pfr. Stammberger hat seiner Zeit heftige Kampagnen in dieser Hinsicht in unserer Landeskirche organisiert, die heute keiner mehr kennt und an die keiner anknüpft.

Darf ich sagen, dass ich bei manchen Lektoren einen autoritären Trend zum „Klein – Pastor“ entdecke und wenig Freiheit, den eigenen Gaben entsprechend den Gottesdienst zu gestalten?

Ist Predigtkritik erwünscht?
Darf ich sagen, dass ich die Redeweise von den vielen – es sollen 50 % sein – ausgepowerten, „ausgebrannten“ Pfarrern zum Kotzen finde. Wehleidigkeit statt Dienstbereitschaft, ja gewiss nicht über die körperlichen und psychischen Grenzen. Aber der Vikar, der bei der ersten (!) Begegnung mit seinem Mentor fragt, an welchem Sonntag er frei hat, gehört m.E. überhaupt nicht in unserer Landeskirche.
Darf ich feststellen, dass die Vakanzvertreterin Frau Pastorin Glebe zwischen Advent und Karfreitag 2007/2008 in Offleben geschlagene drei (!!) Gottesdienste selber gehalten hat und alle anderen (über 20!) hat „halten lassen“, was nicht in den Kirchennachrichten erscheinen durfte. Sonst hätte das der Propst erfahren. Womit hat dieses Töchterlein Zions ihr Geld verdient?

Die Gegner von Kritik arbeiten gerne mit einer verschleierten Form von Ablehnung. Sie unterscheiden „aufbauende“ Kritik und „zerstörerische“ Kritik. Das da oben ist natürlich falsche Kritik. Aber eine Kritik, die nicht zerstört, ist gar keine. Richtig ist, dass zur Kritik auch die Darstellung von besseren Alternativen gehört. Oft ergeben sich diese allerdings von alleine.

Zum Schluss ein Beispiel für Kritik, die mir natürlich auch übel genommen wurde:

Liebe Brüder Hempel und Raue, so nicht.
Zu Reformationstag im Braunschweiger Dom
von Dietrich Kuessner
Man weiß ja nicht, ob man sich überhaupt noch in dieser Landeskirche äußern soll. Kritik ist verhasst und wird mit Empfindlichkeit und Wehleidigkeit beantwortet. Aber weil heute Reformationstag ist, will ich mir noch mal einen Ruck geben.
Über die Braunschweiger Zeitungsausgabe am 31.10.08 konnte sich die Landeskirche nicht beschweren: Seite 1 ein Plädoyer des Landesbischofs für einen staatlich anerkannten Reformationstag. Find ich gut, haben ja sogar die postchristlichen Nachbarn aus der Provinz Sachsen. Kommentar von Th. Parr zum Tag mit einem Bekenntnis zum Kirchenjahr (!). Er geht sämtliche Feiertage samt ihren säkularen Alternativen durch und hebt die Bedeutung der kirchlichen hervor. Also so was hat es lange nicht mehr bei der BZ gegeben. Ich kenne ja noch die Zeitung aus der Zeit von Hosang und Company. Damit nicht genug. Seite Lokales, großer Aufmacher über Bugenhagen, den Reformator der Stadt Braunschweig, mit Bild mehrspaltig. Noch was auf Seite Kultur: wieder ein Vierspalter über eine Ausstellung in Halle mit Artikeln aus der Reformationszeit „Fundsache Luther“ von Berger. Und dann noch ein Wort zum Reformationstag von Frau Pfarrerin Kühnbaum-Schmidt. Also, Leute: die Landeskirche kann sich nicht beschweren.
Und als kick: Raue, der Chefredakteur der BZ auf der Domkanzel. Das Wort zum Tag.
Ich schätze eigentlich diese Promisachen nicht so sehr, aber wegen Raue bin ich hingegangen. Wie wird er das machen? denkt man sich. Raue hat vorzügliche Artikel über Augustin, Pelagius, Bonhoeffer, Simon Dach, I. Kant, über seine Fastentour veröffentlicht, also die BZ Leser auf eine harte Probe gestellt. Wie wird er es diesmal machen? Ein Lutherbild eines aufgeklärten, nicht gerade romhoerigen Katholiken? Das wäre ihm ja glatt zuzutrauen. Vielleicht mit Kläsener zusammen. Könnte ich mir gut vorstellen, und wie sie zur Lutherarbeit von Pesch greifen. War nicht. Oder: Ein Bibelwort, das ihm persönlich liegt, und das er sozusagen als „Zeugnis seines persönlichen Glaubens“ auslegt? War auch nicht. Hat er sich vielleicht gedacht: das haben die anderen vor mir gemacht. Ich mach mal was anderes. Ja was nun ? Raue redet über die Pressefreiheit und glorifiziert den Artikel 5 des Grundgesetzes, bringt allerlei Beispiele, beginnt mit dem 8. Gebot „Du sollst nicht lügen“, behauptet dann aber, davon wäre hier nicht die Rede, sondern, man solle kein falsches Zeugnis ablegen, nämlich vor Gericht. Wo hat er denn den Käse her? Also es geht ihm um das Verhältnis der Presse zur Wahrheit. Das umkreist er ohne erkennbare Gliederung, stellt Fragen: Wieviel Wahrheit können wir vertragen? Wie ist das Verhältnis vom Leseranspruch, die Wahrheit zu erfahren und doch die Menschenwürde zu schützen? Aber es geht ohne Punkt und Komma eine halbe Stunde lang. Am Ende dann ein ganz komischer Satz von Raue: der Bischof und Hempel könnten sich ja auf die Kanzel stellen und mit dem Johannesevangelium zitieren: „Ich bin die Wahrheit“. Er aber könnte nur bescheiden sagen, dass die Presse die Wahrheit suche. So einen Quatsch haben Hempel und Weber nie erklärt. Und etwas mehr Lessing könnte Raue der Landeskirche ruhig zutrauen. Einer vor mir hatte das Redemanuskript, aber ich hatte keine Lust gehabt, mir das mal auszuleihen.
Luther und die Presse – was für ein Thema! Und wie sich Luther immer wieder an der Wahrheit vergriffen hat, etwa mit seinen durchgehenden Antisemitismen, und wie war das mit der Wahrheit beim Bescheid zum Ehebruch des Philipp? Oder ein Beispiel aus unserer Gegend: Luthers maßlose, lieblose, nach Raue zu Recht also wahrheitswidrige Replik auf den Braunschweiger Herzog in „Wider Hans Worst“. Es gäbe endlose Beispiele.
Oder heute: der Kirche auf die Finger geschaut: wie steht es mit der Wahrheit und der Presse in Afghanistan? Die BZ hat zu diesem Themenkomplex sehr früh tapfer die gegenwärtige Regierungspolitik für grundfalsch kritisiert. Aber die Kirche? Da hätte die Lokalpresse der Landeskirche mal die rote Karte zeigen können!
Am Ende mussten wir zum Segen alle aufstehen, klar, segnet sich besser, aber in Erwartung des Segens zitierte Hempel plötzlich laut die Erklärung Luthers zum 8. Gebot: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten..“ usw. Tja, damit hätte er mal anfangen sollen, vielleicht hätte Raue sich dann seine Einleitung, die das Gegenteil behauptete, erspart.
Zum liturgischen Rahmen nur dies: ich fand gut, dass Teile der Vesperordnung verwendet wurden. Das Ganze nannte sich ja Luthervesper. Besonders gut, dass die Gemeinde beim Antiphon „Der Engel des Herrn behütet alle die ihn fürchten“ mit Orgelunterstützung beteiligt wurde. Die Schola dagegen war beim Psalmodieren schrecklich: helle, in der Höhe nicht ganz sichere sieben (?) Mädchenstimmen, und dann noch dirigiert. Liturgisch einfach grässlich. Und dann das Gefuchtele zentral über dem Altar. Bekanntlich muss man beim Psalmodieren den/die vom andern Chor sehen und sein Atmen hören. Dann klappt es auch organisch mit der bekannten Pause zwischen den Verszeilen: sehen – atmen – singen. Davon war nichts zu hören. Dann lieber zu Brüdern bei Gozdek., wo ich erlebt habe, dass nur noch der Küster respondiert. Aber stilecht.
Auch das noch: die klassischen Lesungen wurden vorgetragen, na gut die Seligpreisungen. Ganz früher war es ja die Tempelreinigung nach Johannes. Ganz gut, dass diese Lesung nicht mehr vorkommt. Ich könnte mir die Seligpreisungen auch gemeinsam, auch im knallvollen Dom, gesprochen denken. Aber Röm 3 geht einfach nicht mehr, jedenfalls nicht in der Lutherschen Urform, da muß eine neue, luthernahe, texttreue Übersetzung her. Ja, die Leute schlucken das, weil es Hempel auch gut und langsam vorträgt. Aber der Text ist nicht lektionabel.
Und da wären wir dann zum Schluss bei der Frage: Warum als Väterlesung nicht ein Auszug aus den 95 Thesen? Welche Anregung geht vom Referat 2, das der Gemeinde und der Theologie gewidmet ist, für die Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Landeskirche aus? Wie wäre es, wenn die Agendenkommission diese mit einem Gottesdienstvorschlag anregen würde? Sollten wir also nicht erst mal selber vor unserer Tür kehren und sehen: Wo wird überhaupt noch am Reformationstag Gottesdienst gehalten? Mit Wort und Sakrament? Der Bischof soll die Geistlichkeit dazu verdonnert haben. Mit Erfolg? Was sagt der Blick in die Kirchennachrichten? Tja mit der Reformation ist das in der lutherischen Kirche sone Sache zumal wir uns jetzt eine Dekade lang in die „Schreckenskammern der Lutherjubiläen“ begeben sollen. Himmel, was wurde und wird da gelogen, allein über den 31.10.1517!




Nachwort: Auf diese Zuschrift hat Raue mit einem Brief geantwortet, von dem ich annehme, dass er ihn gar nicht selber geschrieben hat, sondern einem seiner Nebenredakteure zum Beantworten gegeben hat. Pikiert. Ach ja, siehe oben.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu124/kritik.htm, Stand: Dezember 2008, dk

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