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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 124 - Dezember 2008


Aus der Landeskirche

chronologisch zusammengestellt von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

Achtung Zeitbombe Jugendkirche
Die BZ vom 9.7. 08 berichtete mit Bild vierspaltig von der in der Matthäuskirche (früher Garnisonkirche) geplanten „Jugendkirche“ in Braunschweig. Erst wollte der Kirchenvorstand von Matthäus nicht, dann hat er sich weichklopfen lassen, zieht zum Gottesdienst in den Gemeindesaal und hofft auf eine fruchtbare Zusammenarbeit. Der Innenraum von Matthäus wird irgendwie jugendgemäß umgeräumt. Drei Hauptamtliche sollen den Spaß organisieren: ein Pfarrer, ein Diakon, ein Musiker. Es handele sich um ein „einzigartiges“ Projekt, EkD-weit gibt es aber schon 120, einige von ihnen haben bereits wieder dichtgemacht. Die Sache kostet den Kirchensteuerzahler eine Million Euro, verteilt auf fünf Jahre.
Nun gibt es keine Altersgruppe, die mehr mit Kirche in Berührung kommt, als die Jugendlichen zwischen 1 und 18 Jahren: Taufe – Kindergottesdienst – Religionsunterricht in den Schulen von der 1. bis zur 12. Klasse - Konfirmandenunterricht; also: ein Riesenangebot. Dieses Angebot ist mit spezifischen Gottesdiensten verbunden: in allen Schularten gibt es Schulanfängergottesdienste, Gottesdienste anlässlich des Abiturs, von Schülern gestaltete thematische Gottesdienste (Frieden, Umwelt, u.a.), zum Bußtag, zum Reformationsfest, vor Ort vorbereitet, manchmal auch in den Schulen gehalten, manchmal in eine der Kirchen. Die Schulen, auch auf dem Lande, sind ein besonderer Transporteur von jugendgemäßen Gottesdiensten. Auch der Konfirmandenunterricht versorgt die Jugendlichen zwischen 12 und 14 Jahren bestens mit Kirche und Gottesdienst. Was soll da noch eine Jugendkirche, die ja nichts anderes machen kann als in eine bestehende Jugendgruppenarbeit einzugreifen und sie nach Matthäus zu ziehen.

Jugendliche organisieren sich selber in den Kirchengemeinden. Die musikalischen gehen in eine der 80 Posaunenchöre, wo sie überdies generationsübergreifend arbeiten. Die Domsingschule in Braunschweig sammelt m.W. um die 800 Jugendliche von 6 – 18 Jahre in den verschiedensten, nach Begabung gegliederten Gruppen und bietet ihnen Möglichkeiten zu Auftritten. Aber es gibt ja in der Landeskirche zahlreiche weitere Chöre. Dazu gehören die Musikgruppen der charismatisch angehauchten Gemeinden. Es gibt Jugendliche zwischen 15 – 20 Jahren nach dem Konfirmandenunterricht, die sich in teams sammeln und die nächste Konfirmandengeneration pädagogisch mit Anleitung Älterer begleiten. Wie viel mögen es inzwischen sein? Allein beim KFS ca 80 – 100? Und die vielen anderen außerhalb des KFS? Wer hat die je erhoben? Es gibt immer noch Christliche Pfadfinder, eine völlig im Verborgenen arbeitende, von der Kirche wenig beachtete Gruppe, die sich vor allem auch in der Arbeit der Kirchengemeinde vor Ort bemerkbar macht und ihren eigenen geistlichen Rhythmus hat. Sind es nicht vor allem auch Jugendliche, die sich in den Taizegruppen sammeln?
Wie stellt sich die Arbeit der anerkannten Kriegsdienstverweigerer in den Kirchengemeinden und anderswo dar? Das sind ja auch Jugendliche in dem von der Jugendkirche angedachten Zielalter, die tagtäglich mit Kirche in Kontakt kommen.
Von Christian Werners seit längerem durchgeführten generationsübergreifenden Sing- und Erzählnachmittagen im Marienstift, ein Projekt von der Christopherusschule, war in der letzten KvU die Rede.
Wie steht es mit der Zusammenarbeit mit behinderten Jugendlichen?
Ausgesprochen politisch ist die Arbeit jener Jugendlichen, die ähnlich wie Aktion Sühnezeichen zu Arbeiten in die früheren „Feindländer“ fahren. Diakon Kretschmann macht da beispielhafte Arbeit.

Wer eine Jugendkirche plant, sollte erst einmal die vorhandene Jugendarbeit gründlich darstellen, analysieren und danach fragen, was denn darin nun nötig wäre. Davon lese und hören ich nichts, aber von viel Geld, das von den Gemeinden abgezogen wird.

Was ist eine Frauenfrage?
Unter diesem merkwürdigen Titel wurden im August die „20 Jahre kirchenpolitischer Frauenarbeit“ in unserer Landeskirche dokumentiert. Also nicht der Frauenhilfe, sondern vor allem die Entstehung und Betätigung der Frauenbeauftragten, erst ehrenamtlich, dann hauptamtlich eine halbe Stelle, dann eine ganze Stelle, jetzt wieder beseitigt, und die Arbeit der synodalen Kammer für Frauenfragen. Es ist also ein Resume am Ende der Tätigkeit der letzten hauptamtlichen Frauenbeauftragten Gudrun Herrmann. Es sind 16 Beiträge und am Ende interessante Tabellen. Danach betrug der Anteil der Pfarrerinnen in der Landeskirche 1985 4 % und 2007 26,9 %. Der Anteil ist von 20,9 % (2001) auf 26,9 % /(2007) gestiegen, in absoluten Zahlen: von 75 (2001) auf 89 (2007) Pfarrerinnen. Der Anteil der Pfarrer ist im gleichen Zeitraum von 284 (2001) auf 242 (2007) zurückgegangen.
Von den insgesamt 89 Pfarrerinnen haben 39 eine ganze Pfarrerstelle (100 %) und 44 eine halbe Pfarrstelle (50 %). Bei den Männern ist das Verhältnis anders: von den 242 Pfarrern haben 208 eine ganze Pfarrstelle und 15 eine halbe Stelle.
Es gibt in der Landeskirche 38 Ehepaare, wo sie und er Pfarrerin und Pfarrer sind 32 der Pfarrerinnen haben jedoch nur eine halbe Pfarrstelle, bei den Männern sind es immerhin 13, die eine halbe Stelle ausüben.
Eine andere Tabelle informiert über die Beschäftigungsstruktur der letzten zehn Jahre (S. 138). Danach sind im Landeskirchenamt zusammen mit den zugeordneten Dienststellen 115 Stellen gestrichen worden, ein Hinweis auf die enormen Anstrengungen innerhalb der Behörde. Die Zahl der insgesamt Beschäftigten fiel von 328 (1997) auf 213 (2007). Der Anteil der Frauen war dabei besonders hoch. Er fiel von 220 (1997) auf 129 (2007), bei den Männern von 108 (1997) auf 84 (2007). Das Sparpotential scheint ausgeschöpft zu sein. Von 1997-2000 wurden 64 Stellen gestrichen, 200-2002: 23, 2002-2004: 18, von 2004-2007: 10.
Die Tabellen bieten weitere Infos.

Arbeitsgespräch 27.-29. August 2008
Der Pietismus im Fürstentum Wolfenbüttel

Erstmalig fand in der Herzog August Bibliothek ein Gespräch über den Pietismus in unserer Landeskirche statt, an dem Trinitatispfarrer Hans Günter Ludewig über die Pietisten in Wolfenbüttel und Braunschweig berichtete, die Archivleiterin Birgit Hoffmann das Antipietistenedikt interpretierte, wonach ja alle pietistischen Bestrebungen in der Landeskirche verboten waren und dem auch zwei Leutchen aus der Kirchenleitung zum Opfer fielen, Pfarrerin Astrid Berger-Kapp stellte ihre Arbeit über das Gesangbuch von 1686 vor und die Bibliothekarin des Predigerseminars Gabriele Canstein berichtete über die Wirkungen des Pietismus unter Harzer Bergleuten. Andere Referenten waren u.a. Frau Prof. Inge Mager, Paul Raabe und Frau Gudrun Busch. Es war eine Spezialistentagung, bei der sich die Referenten unserer Landeskirche nicht zu verstecken brauchten. Es fehlt noch an Detailforschungen, damit nicht jeder vom anderen abschreibt.

Ein weiterer Schritt zur Trennung von Staat und Kirche
Die Regierung Merkel hat ein Gesetz erlassen, wonach kirchliche Trauungen auch ohne standesamtliche möglich wären. Die FAZ vom 4.7. berichtete auf S. 37 „Der deutsche Gesetzgeber hat eine Revolution beschlossen, und niemand hat es bemerkt.“ Überschrift: „Vom 1. Januar 2009 an wird es in Deutschland kirchliche Ehen ohne standesamtliche Absegnung geben dürfen.“ Darauf hatte ich lange gewartet. Aber das soll ein Versehen gewesen sein. Die BZ vom 4.7. „Staat erlaubt kirchliches Ja- Wort ohne Standesamt“ berichtete, dass die Kirchen jedoch an der alten Regelung festhalten wollten, nämlich die standesamtliche Trauung zur Voraussetzung für die kirchliche Trauung zu machen. Das ist bedauerlich und geht an den Bedürfnissen der Gemeinden vorbei.
Diese Frage wurde bereits bei der Reformsynode 1995 in der AG Staat- Kirche ventiliert. Eine kirchliche Trauung ist theologisch unabhängig von der standesamtlichen. Das ist 1875 nur so beschlossen, um den Kirchen die Möglichkeit zu nehmen, die standesamtliche zu unterlaufen. OLKR Niemann schlug damals im Gesetzbuch nach, und stellte fest, es gäbe nur eine leichte Bestrafung.
Längst hätte die Landeskirche eine Segnung für die Ehepaare anbieten müssen, die ihre Intimbeziehung nicht verstaatlichen wollen. Dafür hatte die Agendenkommission sogar einen agendarischen Entwurf vorgeschlagen.
Es gibt eine Reihe von Paaren, die schon mal verheiratet waren und nun eine zweiten Anlauf ohne Standesamt machen, aber eine kirchliche Trauung oder Segenshandlung wünschen. Ich verstehe nicht, warum die Kirchenleitung solche Paare zum Standesamt zwingen will, um dann erst eine kirchliche Trauung vornehmen zu können. Wo sind die Gründe?
Die Verantwortlichkeit einer Beziehung wird doch nicht vom Standesamt festgestellt, sondern machen die beiden unter sich aus.

Braunschweigisches in Berlin
* In der „Gedenkstätte des deutschen Widerstandes“ wurde im Sommer eine vorzügliche Ausstellung über den Kirchbau im Dritten Reich gezeigt. Was in der allgemeinen Kirchengeschichte kaum behandelt wird, wurde vom Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart präsentiert. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde nämlich von beiden Kirchen viel gebaut, insgesamt 900 kirchliche Bauten (Pfarrhäuser, Gemeindehäuser, Kirchen), davon 370 katholische und 190 evangelische. Herausragendes Beispiel ist die Martin Lutherkirche in Berlin, mit SA Mann am Taufstein und anderen unappetitlichen Details. Jochen Klepper wurde in dieser Kirche getraut. Auch die martialische Tauftaube der Braunschweiger St. Georgkirche und das Mittelfenster des Domes mit dem St. Georg sind in dieser Sammlung enthalten. Sieh an! Für aufmerksame Braunschweiger Historiker war dies keine Überraschung, denn der Beitrag „Kirche und Kunst im Nationalsozialismus“, dem ein Vortrag im Städtischen Museum aus dem Jahre 2000 zu Grunde liegt, liegt seit 2001 erweitert und mit eben diesem und anderem Bildmaterial versehen im den „Werkstücken“ gedruckt vor. Von den Braunschweiger berufsmäßigen und hobbymäßigen Kirchengeschichtlern ignoriert, konnte keine, keiner den Berlinern Auskunft geben.

* In eben dieser Gedenkstätte wird auch des kirchlichen Widerstandes gedacht. Da werden eine Reihe von Pfarrern gezeigt, darunter auch Hans Buttler, der 1939 – 1945 im Konzentrationslager verbrachte, obwohl er vom Braunschweiger Sondergericht freigesprochen worden war. Dieses hatte nämlich durchschaut, dass der Anklage eine kümmerliche Denunziation aus dem Dorf zu Grunde lag. Pfarrer Buttler war kein Widerstandskämpfer. Er gehörte dem Braunschweiger Pfarrernotbund an und war in seiner Grundhaltung ein Deutsch-Nationaler, anders etwa als Pfarrer Keck, Herrhausen, der schon 1933 wegen antinazistischer Reden ins Gefängnis kam und dann von der damaligen Kirchenleitung „aus dem Gefecht“ gezogen und pensioniert wurde.
Trotzdem finde ich es goldrichtig, dass die Kirchengemeinde Alvesse, und hier besonders die rührige Pfarrerin Ellen Marten eine Idee vom Sohn, Hans Martin Buttler, früher im Braunschweigischen, dann in Alfeld Pfarrer, aufgegriffen hat, und den Grabstein von der abgelaufenen Grabstelle als Gedenkstein an Hans und Elisabeth Buttler an der Kirchenmauer aufgestellt hat.
Am 15. November fand in der gut besetzten Dorfkirche von Alvesse, die innen ein völlig anderes Aussehen erhalten hat als zu Buttlers Zeiten, ein Gedenkgottesdienst statt mit Liedern, Gebeten, Texten, Erinnerungen von Zeitzeugen, einer Rede des Bürgermeisters, einer Ansprache von OLKR Brigitte Müller, die in die Akten des Entnazifizierungsausschusses eingesehen hatte, dessen Vorsitzender Buttler 1946-49 gewesen war und bei der Lektüre doch nachdenklich über die damalige Lage in unserer Landeskirche geworden war. Nach dem Gottesdienst war bei heißer Suppe und Kaffee in der Kirche noch ein gemütliches Beisammensein, das der Sohn nutzte, um noch persönlich von seinem Vater zu berichten. Die Arbeit Buttlers in der Entnazifizierungskommission ist ausführlich in einer Sonderbeilage zum Amtsblatt 1993 von Prof. Klaus Erich Pollmann dokumentiert.

300 Jahre katholische Kirche in Braunschweig
Mit einer ökumenischen Vesper, bei der Landesbischof Weber die Predigt hielt, wurde das Jubiläumsjahr am 10. März eröffnet. Ich erlebte zwei gehaltvolle Vorträge. Einen über die Geschichte der Ägidienkirche und die katholische Kirche seit den Schmerzenjahren der Reformation, wobei der vortragende Dr. Thomas Scharf-Wrede, Hildesheim, die kirchlich untragbaren Verhältnisse im 16. Jahrhundert als Grund zur Reform der Kirche durchaus anerkannte. Die Reformation in der Stadt Braunschweig war ja vom Ägidienkloster und dem Benediktinermönch Kruse ausgegangen.
Überfüllt war der Gemeindesaal am 28.11. beim Vortrag von Bischof Warnecke, der einen vorzüglichen Vortrag über die Befindlichkeit der katholischen Kirche in den „neuen Bundesländern“ im Umfeld einer sich ständig säkularisierenden Welt hielt. Die katholische Kirche stünde „im Osten“ vor Fragen, die sich auch sehr bald im Westen einstellen würden. Warnecke, der Vorsitzender der Pastoralkommission der kath. Bischofskonferenz ist, nannte als Folge des radikalen Abbruchs christlicher Traditionen drei Grundbefindlichkeiten: ein allgemeines Nörglertum bei den Bürgern, einen „Grundverdacht“ gegen Umwelt, Gesellschaft und Kirche, und die zunehmende Bindungsschwäche. Er führte sie auf den Sozialismus und Nihilismus zurück. Demgegenüber sollte die Kirche „von Gott immer größer denken“, den Säkularismus als Frage an die Kirche verstehen,, den „Atheisten“ im Gläubigen selber entdecken, suchen wäre besser als verstehen und erklären, den Nächsten als Anruf Gottes und das Sakrament der Fußwaschung, das vor der Tür geschähe, neu entdecken. Er zitierte keinmal den Papst aber das 2. Vatikanische Konzil, er relativierte den Katechismus, der zu eng geführt wäre und Gott zu einer Allerweltsformel verkommen lasse.

Aus Anlass des Jubiläums ist eine Festschrift über die Geschichte der kath. Kirche in der Stadt Braunschweig unter dem Titel „Unterwegs zwischen Zeit und Ewigkeit“ erschienen mit einem kirchengeschichtlichen Abriss und der Vorstellung der sieben katholischen Kirche. Propst Hofer schrieb im Grußwort; „ Wir stehen freundschaftlich dafür ein, dass der christliche Glaube in unserer Stadt ein friedensorientierter, die Menschenwürde achtender und die Vernunft widerspiegelnder Glaube ist.“

Seit längerer Zeit nahm ich mal wieder am 1. Advent an einem katholischen Gottesdienst teil.
Ein mir bekannter katholischer Seelsorger wurde als neuer Pfarrer in einer Braunschweiger Kirche eingeführt. Dabei wurden „unsere“ Lesungen des 2. Advent gelesen, Eingangslied: „O Heiland reiß die Himmel auf“, Lesung: Jesaja „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab“. Mir wurde schmerzlich bewusst, welch ein kapitaler Verlust durch die katholische Lektionarreform in den ökumenischen Beziehungen eingetreten ist. Es wäre gut, wenn Bischof Weber als Catholicabeauftragter auf diesen Missstand immer wieder hinweisen würde. Vor Jahrzehnten gab die katholische Kirche die altkirchliche, Jahrhunderte lang bewährte Leseordnung auf. Es wäre zu wünschen, dass diese wenigstens als Alternative im Messgottesdienst angeboten würde, etwa für ökumenischen Vespern im Advent.

Zur Goslarer Geschichte
In Goslar hatte Propst Liersch am 8. November zu einem ganztägigen Symposion fachkundige Historiker zum Thema „Kirche und totalitärer Staat“ eingeladen. Goslar gehörte bis 1942 zur Hannoverschen Landeskirche und so kam durch den Historiker Joachim Perels, Hannover, vorzüglich die Bedeutung des Hannoverschen Bischofs Marahrens zur Sprache. Die Archivrätin Birgit Hoffmann, Wolfenbüttel, gab einen allgemeinen Überblick über die damalige Lage der braunschweigischen Landeskirche und Gerhard Lindemann die schwer belastete Haltung der Hannoverschen Landeskirche zur Judenpolitik. Pfarrer Dirk Glufke beleuchtete als Gegenbeispiel die kritische Haltung des Osnabrücker Pfarrers Richard Karwehl. Der Historiker Schyga, Hannover, arbeitete die kritische Haltung einzelner Goslarer Pfarrer zum Nationalsozialismus heraus. Es waren ca 80 Teilnehmer in die Rathausdiele am Marktplatz gekommen. Gleichzeitig protestierten 100 Teilnehmer des Bündnisses gegen Rechtsextremismus gegen einen NPD Stand. Am Sonntag dem 9.11. führten im Ratsgottesdienst in der Marktkirche Schülerinnen und Schüler Szenen über die Judenverfolgung in Goslar vor. Nach dem Gottesdienst wurde eine Ausstellung mit Bildern zum Thema des heute 85jährigen Rudolf Sattler eröffnet, die bis Ende November gezeigt wurde. Am Nachmittag läuteten anlässlich der 70. Wiederkehr der „Reichspogromnacht“ 15 Minuten alle Glocken der Stadt. Liersch selber referierte beim Symposion zum Thema „Kirche und öffentlicher Raum heute“, zu dem kürzlich auch eine Denkschrift der EKD erschienen ist.

Von Personen
* Frau Renate Heintze, die zweite Frau des früheren Landesbischofs Dr. Gerhard Heintze, ist im Alter von 73 Jahren am 8.Oktober in Stuttgart verstorben. Frau Heintze war am 6.11.1934 in Königsberg geboren, 1944 ging die Familie auf die Flucht und kam nach Hildesheim, wo Frau Heintze in der kirchlichen Jugendarbeit den Wiederaufbau der Michaeliskirche erlebte. Sie studierte Musik und wurde Musikpädagogin in Stuttgart. In Hildesheim hatte sie den damaligen Landesuperintendenten Heintze schon früher kennen gelernt. Die erste Frau Heintzes, die in Wolfenbüttel unvergessene Ilse Hoppe, verstarb 1977. Der 67 jährige Gerhard Heintze und die 45jährige Renate Wiegand verliebten sich und wurden am 24.8.1979 vom von ihnen hoch geschätzten Dichter und Pfarrer Albrecht Goes in der Michaeliskirche getraut. Die drei Jahre an der Seite des amtierenden Bischofs im Braunschweigischen waren mit Ausnahme der unerfreulichen Umstände beim Ausscheiden aus dem Bischofsamt 1982 eine sehr glückliche Zeit. Sie siedelten nach Stuttgart über und erlebten 2005 noch ihre Silberhochzeit. Hochbetagt verstarb Gerhard Heintze am 14.12.2006 in Gegenwart seiner Frau. Er wurde von Bischof Weber begraben. Ihrem Mann folgte nun seine seit langem an Multiplisklerose immer schwerer erkrankende Frau, eine Krankheit, von der Heintze schon bei seiner Trauung wusste. Sie ist einen sanften Tod gestorben. Bei der Trauerfeier sang die Gemeinde „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.

* Nach 41jähriger Tätigkeit in der Kirchengemeinde Hüttenrode wurde Pfarrer Hans Georg Marschke am 9. November von OLKR Müller und der Pröpstin Meyer aus seinem Dienst verabschiedet. Er wird im Laufe des nächsten Jahres in seinen Geburtsort Quedlinburg verziehen. Marschke gehört zu den aufrichtigen Pfarrern in der früheren DDR, die ihren Pfarrdienst als Auftrag verstanden haben und eisern vor Ort geblieben sind, als andere immer wieder in den goldenen Westen abwanderten oder damit liebäugelten. Er war durch die Sing-Rüstzeiten der Quedlinburger Jungen Gemeinde zur Kirche gestoßen, studierte in Halle Theologie und wurde am 1.11.1967 mit 24 Jahren Vikar in Hüttenrode. Marschke ist der letzte der alten Blankenburger Propstei, der ihre wechselvolle Geschichte miterlebte und auch mitgestaltete, nämlich den alten Haudegen Rennig Radkau, der sich auch in der Ostzone immer noch im Kirchenkampf wähnte und von den zwei furchtbaren „B“ sprach, nämlich Bolschewismus und Bultmann. Radkau wurde von den jüngeren Pfarrern der dortigen Propstei zum Rücktritt gedrängt. An seine Stelle trat für kurze Zeit Pfarrer Düsterdieck, der indes über eine private Sache stolperte und nach Berlin gehen musste. Dadurch verzögerte sich die vorgesehene Ordination von Marschke, die der Vakanzvertreter Johannes Seebaß auf eigene Faust nicht vornehmen wollte. Blankenburg wurde nach lutherisch Sachsen eingegliedert, Friedrich Kölbel Superintendent, da aber das Ende der westlichen Fleischtöpfe, die immer noch reichlich hingestellt wurden, schon aus Rücksicht auf die anderen DDR Pfarrer in der sächsischen Landeskirche nahte, verschlossen sich unter Führung der Pfarrer Stiller und Minkner einer weiteren Zusammenarbeit mit Dresden. Blankenburg wurde nun von Magdeburg aus regiert, und dann nahte schon die Wende. Marschke gehörte nicht zu denen, die über den Anschluss an die Braunschweigische Landeskirche euphorisch glücklich war, sondern seiner traditionellen, in der Gemeinde gegen die DDR Führung hart erkämpften Position treu blieb. Seine Gemeinden Hüttenrode, Rübeland, Altenbrak hat noch 670 Gemeindemitglieder und wird gewiss einer „Strukturreform“ zum Opfer fallen. Wir wünschen Herrn und Frau Marschke einen gesegneten Ruhestand.

Kirchenmusik ohne Ende
Wolfenbüttel feierte ein ganz Jahr lang das 400jährige Gründungsjahr der Hauptkirche BMV (beatae Mariae virginis = der Jungfrau Maria) mit Führungen, Ausstellungen und Vorträgen. Geradezu ein Feuerwerk der Kirchenmusik zündete aus diesem Anlass Almut Bretschneider drei Bachkantaten (am 15.1./ 20.4./ 14.9.), Weihnachtsoratorium Kantate IV am 26.12. zum Abschluss, alles mit eigenen Chorkräften von der Marienkirche; dazu Michael Prätorius ohne Ende: eine mit Stücken von P. zusammengestellte Vesper, etwas Ähnliches Erlebte ich zum Weihnachtsthema in Martini, BS, eine auf der Nordost Empore eröffnete Dauerausstellung zum dort begrabenen Prätorius, dem übrigens Wolfenbüttel auf die Dauer zu piefig war und der sich lieber in Dresden und anderswo aufhielt. Dazu zahlreiche Orgelkonzerte.
Die Katharinenkantorei von Braunschweig feierte mit ihrem Begründer Kai Uwe Groß ihr 50jähriges Jubiläum mit einer Aufführung des Weihnachtsoratoriums, wobei alle ehemaligen Kantoreimitglieder mitsingen konnten. Es waren insgesamt 250 gekommen. „Jauchzet frohlocket“ nicht nur von vorn, sondern von allen Seiten umgibt sie dich. Mich störte das Datum. Es war der Sonnabend vor dem ersten Advent, noch die Woche vom Totensonntag. „Rühmet was heute der Höchste getan.“ Heute?
Ebenfalls 40 Jahre alt wurde die Kantorei der Emmauskirche in der Braunschweiger Weststadt, die vom damaligen Pfarrer Apitz gegründet worden war. Die Emmauskirche wurde ca 20 Jahre später gebaut. Der jetzige Kirchenmusiker der Weststadtkirche Michael Vogelsänger hatte dem früheren Landeskirchenmusikdirektor Gunther Martin Göttsche die Komposition einer Messe für Sopran, sieben Soloinstrumente und Chor in Auftrag gegeben, die am 2. Dezember in der vollbesetzten Kirche aufgeführt wurde. Schwieriger zu singen als der nachfolgende erste Teil des Messias von Händel, dem als krönender Abschluss das Halleluja angefügt wurde. Jede Gemeindekantorei braucht zur Motivation und für die Weiterentwicklung ihrer musikalischen Arbeit mal eine kräftige Herausforderung, die indes die Ausnahme bleibt. Bei der Aufführung erlebte man Frau Göttsche als Sopranistin und den Bad Harzburger Propsteikantor Karsten Krüger als Altus.

Am Samstag und Sonntag dem 4. Advent singt die Gandersheimer Domkantorei die Kantaten 1-3 des Weihnachtsoratoriums und dazu die Bachkantate „Meine Seele erhebt den Herrn“ unter Leitung des Propsteikantor Martin Heubach.
Schon am 1. Advent Teil I und VI des Weihnachtsoratoriums in der Schöninger St. Vincenzkirche, kurz zuvor hatten die 14. Schöninger Orgeltage organisiert von Matthias Laidler stattgefunden.
In Königslutter kontrastiert der dortige Propsteikantor Matthias Wengler im Kaiserdom die ersten drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums mit einem Magnificat von Arvo Part unter der Überschrift „Bach-Kontraste.
Im Braunschweiger Dom wird am 13. 12. das Weihnachtsoratorium am Nachmittag für Kinder erklärt und gespielt, am Abend Kantate 1-3 und am folgenden Sonntag 4-6.

Und in den vielen anderen Kirchen Flöten, Posaunen, Orgel pure, Kirchenchöre abseits der großen Stücke.

Manche Chöre weichen schon vom Weihnachtstermin aus:
Die Kantorei von Martini, Braunschweig führte unter dem Dirigat von Gabriele Carl-Liebold am 16.11. das Brahmssche „Requiem“ auf, die Helmstedter Bachkantorei am 2. November mit dem Heidelberger Barockorchester in der Stephanikirche unter der Leitung des Propsteikantors Mathias Michaely die Bachsche „H-moll Messe“. Die „Schöpfung“ von Haydn erklang in der Goslarschen Marktkirche am 27. September unter Leitung von Gerald de Vries.
Ich wüsste keine Zeit in der Geschichte unserer Landeskirche, in der ein derart breites Angebot an Kirchenmusik die Gemeinden in Stadt und Land erfreute.

800jähriges Jubiläum Frankenberg Goslar
Wenn wir schon bei Jubiläen sind, darf Frankenberg nicht fehlen. Zu diesem Anlass ist ein schöner Kalender mit Bildern aus der Umgebung der Kirche entstanden, der bis zum Dezember 2009 (!) reicht, also noch gut fürs kommende Jahr zu haben ist. Im Jubiläumsgemeindebrief befindet sich eine wichtige Darstellung zum Frankenberger Pfarrer Holtermann (gest. 1938), der zunächst Gottesdienste in SA Uniform gehalten hat, und sich dann öffentlich kritisch zum kirchenfeindlichen Flügel des Nationalsozialismus (es gab auch einen anderern) geäußert hat.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu124/landeskirche.htm, Stand: Dezember 2008, dk

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