Kirche von unten: Home - Archiv - Geschichte - Vorträge, Beiträge - Cyty - Glaube

[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 124 - Dezember 2008


Alle Obrigkeit ist von Gott: Röm 13, 1-7

Eine Predigt von Ulrich Dämmgen
(Download als pdf hier)

Liebe Gemeinde,

ich will Ihnen zunächst eine Geschichte erzählen, besser: ein Stück deutscher Geschichte um den Reformationstag herum - eine Geschichte von der Wahl Karls V. zum deutschen König und Kaiser und von seiner Arbeit:

Karl nannte sich selbst "Karl V. von Gottes Gnaden Römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reiches, König in Germanien, zu Castillien, Aragon, Leon, beider Sizilien, Jerusalem, Ungarn, Dalmatien etc. und der festen Länder des ozeanischen Meeres".

Von Gottes Gnaden - das war Teil seines Titels. Diesen Zusatz führt auch heute noch die Königin von England in ihrem Namen. Der Titel ist also nicht nur Geschichte. Was bedeutet er aber? Wer den Titel "von Gottes Gnaden König" führt, bringt damit zum Ausdruck, dass er sich als ein von Gott eingesetzter Herrscher empfindet, dass er Gottes Werk in seinem Herrschaftsgebiet voran treibt.

Wie war das mit dem Wirken Gottes bei Karl V.? Der Papst hatte ihn zum Kaiser gekrönt, und der war schließlich Stellvertreter Christi auf Erden, und wenn man das mit der Dreieinigkeit Gottes ernst nimmt, auch Stellvertreter Gottes auf Erden. Wenn das so ist, dann war Karl also wirklich von Gottes Gnaden Kaiser im Heiligen Römischen reich Deutscher Nation.

Nun die Geschichte:
Im Jahr des Herrn 1519 stirbt Kaiser Maximilian. Der deutsche König wurde gewählt von den Kurfürsten des Reiches. Kaiser Maximilian hat die Kurfürsten zwar instruiert, wie sie nach seinem Tode zu wählen haben. Aber die halten sich nicht unbedingt daran. Wahrscheinlich waren auch sie damals schon in erster Linie ihrem Gewissen verpflichtet. Das aber scheint auch damals "formbar" gewesen zu sein.

Ein Kandidat war Friedrich der Weise von Sachsen - wir kennen ihn als den Beschützer Martin Luthers. Friedrich war vom Papst vorgeschlagen worden in der Hoffnung, dass er dann mit den lutherischen Gedanken in Deutschland aufräumen würde.

Da waren aber auch noch zwei weitere Kandidaten. Da waren noch der König von Frankreich und Karl von Gent, König von Spanien. Die wollten auch gern deutsche Könige und Kaiser werden. Sie brachten Geld ins Spiel und das Versprechen auf Titel und Würden. Für Friedrich von Sachsen war das Grund genug, sich aus dem Geschäft zurück zu ziehen. Er wollte nicht bestechen und nicht bestochen werden. Bestechen - am besten konnte das dann Karl. Er zahlte irrsinnige Summen Geldes. Insgesamt eine knappe Million Gulden werden "investiert" in die Gewissensbildung der Kurfürsten. Am meisten bekam der Erzbischof von Mainz. An seiner Zustimmung wurde deshalb Gottes Wille in besonderer Weise sichtbar. So wurde Karl mit Hilfe des Erzbischofs von Mainz von Gottes Gnaden zuerst König in Deutschland und dann Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Der die Sache "in die Hand genommen" hatte, der Erzbischof von Mainz, war gleichzeitig auch Bischof in Madgeburg. Das widersprach dem Kirchenrecht ebenso wie der Umstand, dass er erst 24 Jahre alt war. Gottes Gnade überwindet halt auch das Kirchenrecht.

Mit Gottes Hilfe und mit seiner Gnade ausgestattet will Karl V. nun im Jahr nach seiner Wahl (1521) Martin Luther zur Räson bringen. Er lädt ihn vor den Reichstag in Worms.
Eigentlich will er ihn von dort gleich nach Rom überstellen lassen, wo man Luther sicherlich verbrannt hätte. Das hätte zwar deutschem Recht widersprochen. Von Gottes Gnaden freilich wäre das möglich gewesen.

Eigentlich war Luther auf dem Reichstag zu Worms auch freies Geleit zugesagt worden. Dennoch wurde die Reichsacht über ihn verhängt, wiederum von Gottes Gnaden.

Sie wissen: Luther kann mit Gottes und Friedrichs Hilfe fliehen. Und die deutschen Kurfürsten, allesamt von Gottes Gnaden, freuen sich, dass sie mit Martin Luther ein Werkzeug haben, mit dessen Hilfe sich ihr Kaiser piesacken lässt.

Noch einmal zurück nach Mainz: Gottes Gnade hat Karl viel Geld gekostet. Der Erzbischof von Mainz brauchte das Geld dringend, denn auch er hatte für Gottes Gnade viel Geld ausgegeben. Aber das Bestechungsgeld, es war nicht Karls eigenes Geld. Er hatte es in Augsburg bei den Fuggern geliehen.
Während seiner ganzen Regierungszeit musste Karl V. nun Kriege und Beutezüge in Südamerika führen, um mit dem dort gestohlenen Gold die Fugger zu bezahlen. Auch in Amerika war er Herrscher von Gottes Gnaden. Die Indios werden in wohl dennoch nicht recht haben lieben können.

Man wird den Eindruck nicht los, dass die Gnade Gottes vor allem mit denen ist, die mit dem Geld anderer Leute besonders verantwortungslos umgehen können.

Die Geschichte von Karl V. ist nun kein Einzelfall. Im Gegenteil, die Geschichte Westeuropas legt beredt Zeugnis davon ab, wie sich Kirche und Staat zum gegenseitigen Vorteil als göttliche Einrichtungen verstanden, ohne dass es einen Hauch von Rechtfertigung dafür gäbe.

Bleibt die Frage: Woher kommt das ganze Gottesgnadentum?
Es leitet sich aus dem Römerbrief des Paulus ab. In diesem Brief an die Römer schrieb Paulus nicht nur so etwas wie die Summe seiner theologischen Einsichten und Ansichten.
Der Brief beschreibt auch eine Reihe christlicher Pflichten und enthält deshalb auch eine Reihe von Ermahnungen - so zum Umgang miteinander, privat und in der Gemeinde, zum "ehrbaren Wandel" innerhalb der Gesellschaft. Paulus schreibt auch zum Umgang mit der Obrigkeit. Dort heißt es:

1 Jedermann sei der vorgesetzten Obrigkeit untertan, denn es gibt keine Obrigkeit außer von Gott, die bestehenden sind aber von Gott eingesetzt. 2 Somit widersteht der, der sich der Obrigkeit widersetzt, der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden für sich ein Urteil empfangen. 3 Denn die Regierenden sind ein Gegenstand der Furcht nicht für den, der Gutes tut, sondern für den Bösen. Willst du dich aber vor der Obrigkeit nicht fürchten? Dann tu das Gute, und du wirst Lob von ihr haben; 4 denn Gottes Dienerin ist für dich zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, so fürchte dich, denn nicht umsonst trägt sie das Schwert; denn Gottes Dienerin ist sie, eine Rächerin zum Zorngericht für den, der das Böse verübt.5 Darum ist es notwendig, untertan zu sein, nicht allein um des [Zornes] Gottes willen.6 Deshalb entrichtet ihr ja auch Steuern. Denn sie [die Steuerbeamten] sind Diener Gottes, die eben hierzu beständig tätig sind. 7 Leistet jedermann das, wozu ihr verpflichtet seid: die Steuer, wem die Steuer, den Zoll, wem der Zoll, die Furcht, wem die Furcht, die Ehre, wem die Ehre gebührt.

So aufgeschrieben an die Gemeinde in Rom im Winter 56/57 in Korinth im römischen Griechenland.
Im Jahr darauf wird Paulus gefangen genommen. Die Geschichte bis zu seinem Tode im Jahr 62 ist höchst widersprüchlich. Er blieb offenbar gefangen -ohne Verfahren zuerst in Jerusalem, dann auch in Rom. Seine Spur verliert sich eher . Der Legende nach wurde er enthauptet. Wenn es hierzu einenProzess gegeben hatte, so müsste er Paulus' Aussagen über die Rolle der Obrigkeit bereits damals widerlegt haben, denn er hätte nach geltendem Recht freigelassen werden müssen.

Alle Obrigkeit ist von Gott, sagt uns Paulus damals. Er sagt das ohne Einschränkung. Freilich konnte er die ganz großen Mörder und Ausbeuter der Geschichte nicht kennen, wusste nichts über das britische Weltreich, über Nationalsozialismus, über den Stalinismus und den amerikanischen Imperialismus unserer Tage. Was hätte er dann gesagt?

Aber er ist doch für damalige Verhältnis viel herum gekommen in der Welt. Hat er nicht mitbekommen, wie auch in seiner Welt Macht missbraucht wurde? Hat er die unmittelbar zurückliegende Geschichte, den König Herodes (den Großen) und seinen Sohn (Herodes Antipas), vergessen?

Paulus hatte ein recht einfaches Bild von der Welt. Er war Kind seiner Zeit und konnte mit Inbrunst die Frauen zu Menschen zweiten Ranges machen, ohne anzuecken. Das war so üblich. Bei ihm aber hat es mit Gott zu tun. Er konnte sich über Liebe äußern, obwohl er davon keine Ahnung hatte, und konnte bei seinem Reden über Jesus den lebendigen Jesus einfach ausklammern. Wenn ich das bedenke, dann könnte ich auch das Reden über die staatliche Macht als einen Traum ansehen, der dem einfachen (oder besser: naiven) Weltbild des Paulus geschuldet ist.

Das ist aber nicht ganz zutreffend: Der Brief des Paulus an die Römer ist ein polemischer Brief und so etwas wie ein Rechenschaftsbericht. Er schreibt an die Gemeinde oder Gemeinden in Rom, wohl wissend, dass es außer ihm andere Missionare gibt, die die Botschaft von Jesus als dem Christus anders predigen als er. Er verteidigt seine Position, die eben anders ist als die des Jerusalemer Apostelkreises um den Jesus-Bruder Jakobus . Dabei geht er durchaus so weit, die anders denkenden Christen und seine Mit-Missionare zu verunglimpfen.

Der Brief des Paulus an die Römer ist nicht nur ein polemischer Brief, er ist auch ein politischer Brief.
Er ist vielleicht naiv, mit einiger Sicherheit aber berechnend: Paulus will in den römischen Gemeinden Fuß fassen und Rom zur Basis seiner Mission in Spanien machen. Dazu braucht er den Rückhalt der Römer, und er darf es sich nicht mit dem Staat verderben, der ihm als einem römischen Bürger Bewegungsfreiheit verschafft, dessen Nachrichtenwesen er nutzt und auf dessen relativ gute Gerichtsbarkeit und Verwaltung er sich verlassen kann. Nach der Erfahrung, die man in Rom mit der Behandlung der aufrührerischen römischen Judenchristen unter Kaiser Claudius gemacht hatte, war es taktisch klug, sich nicht gegen die Allmacht des Staates zu stellen.

Überdies passt die Allmacht des Staates in das Gottesbild des Paulus als eines allmächtigen Gottes, der alle Zügel in der Hand hält und dessen Geschichte mit den Menschen ein Ziel hat, dass dann auch die jeweilige staatliche Ordnung von Gott gewollt ist. In dieses System der göttlichen Legitimation bezieht Paulus sich auch selbst ein, wenn er von sich sagt, er sei ein "berufener Apostel" 8, mit Gnade und einem Sendungsauftrag ausgestattet zum Gehorsam des Glaubens . Was er also sagt, ist so viel richtiger als das, was die anderen sagen! Schließlich ist er von Gott legitimiert.

Und die anderen? Petrus? Jakobus?

Viele sind Paulus gefolgt, aber bei weitem nicht alle. Die Evangelien des Neuen Testaments folgen Paulus in ihren Aussagen nicht, obwohl sie seine Theologie sicher gekannt haben. Der Uneingeschränktheit, mit der Paulus die staatliche Ordnung zu schützen scheint, kann schon die Apostelgeschichte nicht folgen, wo "Petrus und die anderen Apostel ... sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen "
Ich denke, es ist schon wichtig, nicht zu vergessen, dass Paulus im gleichen Brief - kurz vor dem Predigttext - deutlich macht, wie Leben in der Welt, die auf die Wiederkunft Christi wartet aussehen soll "Richtet euch nicht nach dieser Welt, sondern wandelt euch um durch die Erneuerung des Sinnes, damit ihr prüfen möget, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene"

In meinen lieblosen Bemerkungen zur Herrschaft von Gottes Gnaden wurde deutlich, dass das Gute tun und wollen und die Geschichte der "Begnadeten Gottes" wenig miteinander zu tun haben. So verstehe ich denn auch die Einsicht der Reformatoren, dass "alle Obrigkeit in der Welt und geordnetes Regiment und Gesetze gute Ordnungen sind .... [und dass] es die Christen schuldig [sind], der Obrigkeit untertan und ihren Geboten und Gesetzen gehorsam zu sein in allem [und jetzt kommt die Einschränkung], in allem, was ohne Sünde geschehen kann. Wenn aber der Obrigkeit Gebot ohne Sünde nicht befolgt werden kann, soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen."

Die Barmer theologische Erklärung aus dem Jahre 1934 weist denn auch dem Staat eine Rolle als ordnende Macht zu, die "nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens zur Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden" 13 sorgen soll.
Die Barmer Erklärung erinnert allerdings ausdrücklich an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie spricht nicht mehr davon, dass alle Obrigkeit von Gott ist.

Die Regierenden in unseren westeuropäischen Staaten tragen Verantwortung, weil sie ihnen von den Regierten übertragen wurde. Die Kandidatinnen und Kandidaten für die Regierungsämter haben zuvor um das Vertrauen der Wählenden geworben. Wenn sie das Vertrauen missbrauchen und sich unverantwortlichverhalten, können sie zur Ordnung gerufen werden oder sie werden nicht wieder gewählt. Die Verantwortung liegt letztlich bei den Wählenden, beim Volke.
Das Volk ist die Summe der einzelnen Menschen.

Der einzelne Mensch entscheidet; der einzelne Mensch ist in die Verantwortung gerufen, ist aufgerufen, sich verantwortlich zu entscheiden. Verantwortung trage ich als einzelner Mensch für all das, was ich durch mein Denken und Handeln beeinflussen kann. Ich bin deshalb für das, was in meiner unmittelbaren räumlichen Nähe und zeitnah geschieht, in anderer Weise verantwortlich als für das, das räumlich weit entfernt oder nicht in der nahen Zukunft liegt. Und da halte ich es lieber mit dem Praktiker Jesus als mit Theoretiker Paulus. Jesus sagt (sinngemäß) 14: Jede einzelne Entscheidung im praktischen Leben ist daran zu messen, inwieweit sie dem Liebesgebot oder der Einsicht genügt, dass menschliches Zusammenleben mit gegenseitiger Achtung besser gelingt.

Und was hat das mit Gott zu tun?
Das Nachdenken darüber, wie sich das Liebesgebot umsetzen lässt, ist Beten. Es ist das Nachdenken in Frage und Antwort Gott gegenüber, das Sich-fragen-lassen, das Antworten-müssen. Antworten-müssen setzt freilich Mündigkeit und das Selbstverständnis der Mündigkeit voraus. In dem Zwiegespräch mit Gott bin ich ein aktiver Partner. Dort gehorche ich in dem Sinne, dass ich genau hinhöre. Gemeint ist nicht der Gehorsam des Kasernenhofes, sondern das sich hinwendende, intensive Zuhören - ein Zuhören, das Nachfragen und Argumentieren einschließt. Beten bringt Wissen ein in dieses Fragen und Verantworten, braucht Informationen und führt dann zu Bewertungen. Aus den Bewertungen folgt dann das verantwortliche Handeln.

Wir denken nicht dasselbe. Eine jede und ein jeder von uns denkt anders vor einem anderen Hintergrund und kommt im Detail und manchmal auch im Großen zu anderen Ergebnissen.
Anders als Paulus haben wir gelernt, dass die Verschiedenheit des Denkens ein Gewinn für die Gesellschaft ist, dass es sich lohnt, auf mehrere Missionare zu hören, und dass Zusammenleben schief geht, wenn man sich auf einfache Lebenskonzepte und Weltbilder stützt.

Alle Obrigkeit ist von Gott.
Was bleibt? Was bleibt für mich? Die Regierenden sind nicht durch Gott legitimiert, sondern durch uns. Mein Handeln, unser Handeln trägt dazu bei, menschliches Miteinander jetzt und in Zukunft zu gestalten. Ich bin dabei keine Marionette an Gottes längen Bindfäden, sondern jemand, der wichtige Entscheidungen erst fällt nach dem Zwiegespräch mit Gott. Erfahrungsgemäß sind diese Entscheidungen besser als die, die sich aus dem Nachbeten von Sprüchen ergeben. Erfahrungsgemäß kosten sie mehr Kraft und erzeugen mehr Glück.

So wünsche ich uns allen die Kraft zum Gebet. Ich wünsche uns allen den Mut zu solchen Entscheidungen, aus denen Gottes Wollen in der politischen Welt deutlich wird. Das kann
"Obrigkeit von Gott"
sein. Aber so hatte Paulus das sicher nicht gemeint.




[Zurück] [Glaube] [Helfen]
Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu124/roemer13.htm, Stand: Dezember 2008, dk

Besucherstatistik