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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 124 - Dezember 2008


Zwischenruf

von Kurt Dockhorn
(Download als pdf hier)

Die Säulen und das Gebälk des internationalen Finanzsystems krachen zusammen. Da darf unter allen, die sich nun zum Kommentieren und zum Ratschläge-Erteilen berufen fühlen, der oberste Protestant Deutschlands Wolfgang Huber nicht fehlen. Er fordert eine Regulierung der Finanzmärkte. Ist es nicht peinlich, wie hier wieder einmal der EKD-Ratsvorsitzende den Trittbrettfahrer gibt? Jahre lang hören wir nur ein lauttönendes Schweigen von der Kirche, die es sich unter den herrschenden Verhältnissen bequem gemacht hat, zu sämtlichen Vorgängen von Gewicht in einem Weltwirtschaftssystem, dessen Komplexität Kirchenobere offensichtlich überfordert, und nun wieder die - unter den gegebenen Umständen wohlfeile - Rolle des Warners einnehmen zu wollen. Das ist schlicht entbehrlich. Dabei hätte man schon mindestens seit den neunziger Jahren die Stimme der Kassandras (Krugman in den USA, Galtung oder Ziegler in Europa) ernstnehmen und verstärken können. Aber es schien ja alles in Ordnung, bis dahin, daß nun auch ein Fall (der einzige?) bekannt geworden ist, in dem Rücklagen aus Kirchensteuer-Mitteln in den USA verzockt worden sind. Und ein Kirchensprecher im Oldenburgischen, am Tatort also, läßt uns wissen, daß die Kirche für solches Verhalten den Begriff Sünde kenne. Auch dies ein Beitrag zur Aktualität der Stunde.

Nehmen wir ein ganz anderes Beispiel: Seit Jahren betreibt die Bundesregierung eine Militarisierung der Außenpolitik, derzeit zusätzlich noch die Militarisierung der Innenpolitik. Wie begleitet die Kirche diese Vorgänge? Wie positioniert sie sich? Dumm gefragt, denn wie könnte sie sich positionieren, wenn sie Friedensethik und Friedensarbeit einerseits und - im Gleichschritt marsch! - die Käuflichkeit der Militärseelsorge andererseits gleichermaßen schultern will?
Man müßte einmal untersuchen, an welchem Punkt der Strecke seit 1945 dem Protestantismus seine vielgerühmte Fähigkeit zur Kritik abhanden gekommen ist, seine Lust, die Geschehnisse der "Welt" aus der Position der theologischen Differenz kritisch zu begleiten, Wirtschaft und Gesellschaft politisch statt moralisierend anzugehen.
Ich vermute, die Kapitulation ist frühzeitig passiert, die Nichtaufnahme des Darmstädter Wortes von 1947 - stattdessen das Stuttgarter Schuldbekenntnis (wohl doch nicht deshalb, weil es etwas älter war) - ist für mich so ein Signal, daß die Kirche sich auf irgendetwas als ihr vermeintliches Proprium, das "Eigentliche", zurückzuziehen gedenkt. 1968: Unendlich viel ist darüber in diesem Jahr erinnert und gewertet worden. Hat die Kirche auch Rückschau gehalten? Zum 1968 der Kirche gehört etwa das Kölner Politische Nachtgebet und, in Lateinamerika, die Theologie der Befreiung. Ich hörte im Radio eine Betrachtung über das Nachtgebet von Fulbert Steffensky, wunderbar in seiner leisen Art die Visionen und die Irrtümer beschreibend, auch die Konflikte mit der Kirche nicht aus-lassend. Bleibt es auch nach vierzig Jahren kirchlichen Randexistenzen wie Steffensky überlassen, sich zu erinnern? Rückblick auf die Theologie der Befreiung hierzulande? Fehlanzeige. Alles vergessen. Muß wohl alles vergeblich gewesen sein. Die Wahrheit im Nichtgedenken ist, daß die beiden genannten 68er Erscheinungen immer nur marginal waren und ohne Einfluß auf die kirchliche Tagesordnung blieben. Deshalb gibt es keinen Anlaß sich zu erinnern! Immerhin ist eine Ehrenrettung zu vermelden: Am 11.11., einem närrischen Datum also, lädt die reformierte Bartholomäuskirche zu einem Abend ein, an dem ein Bochumer Theologe, Okko Herlyn, der damals dem ASTA vorstand, sich erinnert. Besonders anregend war die Anreicherung seiner autobiographischen Stationen mit Liedern von Degenhardt und Hannes Wader.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu124/zwischenruf.htm, Stand: Dezember 2008, dk

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