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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 125 - April 2009


Veränderungen in der Bestattungskultur
Standortbestimmung

von Christina Kühnbaum-Schmidt
(Download als pdf hier)

Im Konvent der evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer haben wir uns in diesem Jahr eingehend mit dem Schwerpunktthema "Veränderungen in der Bestattungskultur" beschäftigt und sind dabei ausgegangen von den Beobachtungen, die wir in unser pfarramtlichen Praxis und auf dem Hintergrund der Daten des evangelischen Friedhofs machen können:

  1. Rückgang kirchlicher Bestattungen

  2. deutlich steigender Anteil von Bestattungen, die ohne Trauerfeier stattfinden

  3. eine deutliche Zahl von Bestattungen "Unbedachter" (in diesem Jahr über 150) und die Frage nach dem Umgang damit (Begleitung durch PfarrerInnen nach Information durch Friedhof / Gottesdienst für Unbedachte)

  4. Wahrnehmungen zur Veränderungen der Bestattungskultur von der Auswahl des Ortes für die Trauerfeier (Abschiedsräume der Bestatter, Kirchen, Friedhofkapellen) bis hin zu deren Ausgestaltung/ Dekoration und Musikwünschen

  5. Anfragen an den Umgang der Bestatter mit Pfarrern/ Pfarrerinnen: Verstehen Bestatter die PfarrerInnen als bloße Dienstleister, die den Wünschen der Kunden nachzukommen haben oder sehen sie sie als PartnerInnen in der Begleitung Trauernder?

  6. Überlegungen zur Gestaltung des evangelischen Hauptfriedhofs und seiner Kapelle sowie zu dessen Wahrnehmung als eines kirchlichen Ortes mit einem evtl. besonderen seelsorgerlichen Angebot

  7. Anfragen an die durch Rahmenbedingungen des Friedhofs und der Kapelle zuweilen eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten für Trauerfeier (nur bestimmte Zeitfenster, Musikanlage etc. ...)

  8. Überlegungen dazu, inwieweit eine christliche Bestattungs- und Trauerkultur nicht einer vermehrten "Öffentlichkeitsarbeit" bedarf; klarere Ansagen zum Umgang mit Sterben und Tod in unserer Gesellschaft und städtischen Öffentlichkeit


Bestattung und Bindung

  1. Die Bestattung ist eine der zentralen Schnittstellen kirchlicher Praxis; in dieser Situation wird den christlichen Kirchen -sowohl von sog. Kirchentreuen wie Kirchenfremden - eine besondere religiöse Kompetenz zugetraut, zumindest wird ihnen noch immer eine besondere Zuständigkeit zugeschrieben. In der Praxis ist die Beerdigung die bedeutsamste kirchliche Amtshandlung, gemeindlich wie gesellschaftlich. Die Perspektive, einmal christlich bestattet zu werden, ist volkskirchlich gesehen das stärkste Motiv, in der Kirche zu bleiben oder gegebenenfalls sogar wieder einzutreten. Man könnte sogar sagen (mit dem praktischen Theologen Kristian Fechtner): Die eigene kirchliche Bestattung und diejenige der Angehörigen fungiert heute als eine Art Grenzstein praktizierter Kirchlichkeit. Jenseits dieser Grenze beginnt manifeste Unkirchlichkeit, die sich auch nach außen hin sichtbar dokumentiert - im Akt des nicht mehr kirchlich bestattet werden.

  2. Von diesem Gedankengang ausgehend, stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen "Bestattung" und "Bindung" - in der Gestaltung des Abschiedes von einem Toten wird deutlich, an welche Menschen, an welche Institutionen, an welche Werte sich der Gestorbene (und seine Angehörigen, Freunde) gebunden fühlte (und fühlen). Diese Bindungen gilt es - auch dafür steht die liturgische Gestaltung von Trauergottesdiensten - einerseits zu lösen ( in der Trauerrede wird die Beziehung zu diesem bislang lebenden Menschen überführt in die Erinnerung an den nun Verstorbenen) und andererseits zu transformieren und eine neue Gewichtung der Bindungen zu formulieren, also z.B. in den theologischen Redefiguren der begrenzten irdischen Heimat, aber der ewigen Geborgenheit bei Gott; in liturgischen Formulierungen wie "wo unsere menschliche Liebe nicht hinreicht, da hält Gottes Liebe" etc.

  3. In der Bestattungskultur drückt sich Bindung aus - sei es an Menschen oder Institutionen und Werte - und in der Bestattungskultur drückt sich dann auch aus, wenn eine Bindung nicht mehr erlebt, als relevant angesehen oder als tragfähig empfunden wird. So drücken anonyme Bestattungen, die als solche bewusst gestaltet wurden (von den Toten oder ihren Angehörigen) aus, dass der Abschied aus dem Leben nicht mehr als ein soziales Geschehen begangen wird, weil auch das eigene leben nicht als ein in eine Gemeinschaft eingebundenes leben verstanden oder erfahren wurde. Auch die Erinnerung, wie sie mit einem Grabstein mit Namen verbunden ist, muss dann unterbunden werden, weil sie immer noch eine soziale Beziehung konstituiert: "Ich erinnere mich an Dich".

  4. "Bestattung" und "Bindung" - in der Gestaltung des Abschiedes von einem Toten wird deutlich, an welche Menschen, an welche Institutionen, an welche Werte sich der Gestorbene (und seine Angehörigen, Freunde) gebunden fühlte (und fühlen). Das heißt auch: Wer sich der Natur verbunden will, will im Friedwald vom Förster bestattet werden und wer einen guten Teil seiner Lebenszeit bei Wind und Wetter auf der HSV-Tribüne verbracht hat, der nutzt auch gern die jetzt neue Möglichkeit (seit 10. 9.2008), gleich hinter dem Hamburger Stadion auf dem HSV-Friedhof in der Fußballurne in Vereinsfarben bestattet zu werden. Die Besonderheiten: Original-Arena-Rasen, Arena-Treppenstufen, auf Wunsch "Hamburg, meine Perle" in der Friedhofskapelle. Verrückte Anfragen von Fans habe er bereits bekommen. So habe ein 40 Jahre altes HSV-Mitglied gefragt, ob nach seinem Tod Freunde die Urne auf seinen Dauerkartenplatz stellen dürften. Keine Chance, ebenso wie die Anfrage, Asche im Stadion zu verstreuen oder Urnen am Elferpunkt zu vergraben. Vier Ruhestätten sind derzeit im Angebot: vom Teamgrab (20 Urnen, Preis pro Beisetzung: 2419 Euro) bis zur Ruhestätte "Doppelpass" (Doppelgrab, Preis: 10556 Euro). Dazu kommen die Kosten für Urne oder Sarg. "Wahre Leidenschaft kennt keinen Abpfiff", so der Slogan eines Instituts.

  5. Spricht also all das dafür, dass die Bindung an Kirche gelockert ist oder immer mehr zurück geht? Vielleicht, aber in diesem Zusammenhang erscheint es mir wichtig, was wir überhaupt unter Bindung, speziell "kirchlicher Bindung" verstehen. Sind die ideal kirchlich gebundenen die, die wir sonntags im Gottesdienst und unter der Woche in einem oder mehreren Kreisen treffen, ehrenamtlich engagiert, vielleicht sogar in Kirchenparlamente wie Pfarrgemeinderäten, Kirchenvorständen, Synoden tätig?

  6. Ein kurzer Blick auf psychoanalytische Einsichten aus der sog. Bindungsforschung: Grob skizziert unterscheidet die Bindungsforschung aufgrund von Untersuchungen an Kleinkindern und ihren primären Bezugspersonen, meistens also den Müttern, nach: sicher/ unsicher/ambivalent gebunden. "Fremde Situation": Sicher gebundene Kinder sind sichtlich beunruhigt, wenn sich die Mutter von ihnen trennt. Nach der Rückkehr der Mutter wenden sie sich ihr unmittelbar zu, halten sich in ihrer Nähe auf und beginnen dann, sich wieder von ihr zu entfernen und ihrem Spiel weiter nachzugehen. Unsicher-vermeidend gebundene Kinder zeigen wenig offene Zeichen von Beunruhigung während der Trennung von der Mutter, vermeiden aber auch Nähe und Kontakt, wenn sie zurückkommt. Unsicher ambivalent gebundene Kinder sind sehr verängstigt, wenn die Mutter abwesend ist, lassen sich aber durch die zurückgekehrte Mutter nur sehr schwer beruhigen und sind dann aber in einer Mischung aus großer Nähe und aggressiver Ablehnung dieser Nähe auf die Mutter fixiert, gehen also nicht weiter anderen Aktivitäten und Spielen nach (Unterschied zu den sicher gebundenen Kindern).

  7. Eine sichere kirchliche Bindung könnte auf diesem Hintergrund also gerade darin bestehen, Trennungen zur "Mutter Kirche" gut überstehen zu können, ja geradezu zu suchen, um dann auch ganz selbstverständlich wieder auf sie zuzugehen, ohne sonst gewissermaßen "am Rockzipfel" zu hängen und in einer gewissen ambivalenten Haltung auf sie fixiert zu sein (stark engagiert, aber ständig was zu meckern). Das könnte eine neue Wertschätzung des relativ weit verbreiteten Verhaltens, nur in bestimmten Situationen die Kirche und ihre Amtsträger in Anspruch zu nehmen, bei Gelegenheit vorbeizuschauen bedeuten - denn diese Bindung ist offensichtlich so sicher, dass sie auch ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass die Beziehung jederzeit wieder geknüpft werden kann.

  8. Was wäre beizutragen zu einer kirchlichen Bindung? In der evangelischen Kirche ist in diesem Zusammenhang häufig von einem geschärften "evangelischen Profil" die Rede. Mitgliederbindung, so hieß es beim letzten Gesamtpfarrkonvent unserer Landeskirche, "Mitgliederbindung setzt eine profilierte Kirche voraus." Auch hier wäre eine schöne Frage, was denn unter Mitglieder"bindung" verstanden wird - siehe These 7. Dazu nur eine kleine Anmerkung aus der Parteienforschung: Auf der Jagd nach neuen Wählerschichten haben die großen Volksparteien SPD und CDU ihr Profil an zentralen Punkten korrigiert - die SPD mit der Agenda 2010, die CDU mit einer neuen Familienpolitik und einem neuen Familienbild. Aber, so die Erkenntnisse der Politikwissenschaftler, während es der CDU offenbar gelungen ist, ihren Wertewandel als Bewegung zu einer modernen Familienpolitik darzustellen, ist es der SPD nicht gelungen, sich als eine Partei mit moderner Sozialpolitik darzustellen. Weil die SPD nicht mehr vermitteln konnte "wir sind die Partei der sozial Schwachen oder der sozialen Gerechtigkeit", hat sie ihr konstitutives Grundmuster aufgegeben - und das ist für eine Institution tödlich. Mitgliederbindung setzt also voraus, dass das sie konstituierende Grundmuster, in gewisser Weise ihre Gründungslegende, als die sie durch die Zeiten tragende Basis immer wieder deutlich wird - und das eben nicht nur in Verlautbarungen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu125/bestattungskultur.htm, Stand: April 2009, dk

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