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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 125 - April 2009


Aus einem Brief

von Hartmut Barsnick, Pastor i. R. aus Tandala, Tanzania
(Download als pdf hier)

19.03.2009

Die Nachricht über die Lichterkette BS - Asse - SZ war natürlich sehr willkommen und erinnerte mich an die vielen Gottesdienste am Schacht. Im Fall Asse ist man ja mit falschen Angaben hinters Licht geführt worden, und im Fall Konrad droht nun dasselbe.
Immerhin gibt es nach wie vor Leute, die mitdenken, opponieren, Zeichen setzen.

Ja, die Situation hier ist recht authentisch, ich merke immer wieder, wie biblische Texte, Geschichten, Gebete recht einfach ausgelegt und verlebendigt werden können. Ich stehe ja fast jeden Sonntag auf einer anderen Kanzel, und jetzt im März handelt es sich immer um einen "Sonntag der Waisen", mit Programm für 70 bis 200 Kinder von 9 bis 15 Uhr, einschließlich Familiengottesdienst, in dem Marlis und ich die "Ehrengäste" sind und ich den Kindern und Erwachsenen Gen. 9 (Gottes Bund des Lebens nach der Sintflut) auslege, die Kinder dann drinnen und draußen ausgelassen spielen, dann ein sättigendes Mittagessen im Freien bekommen (Reis, Kartoffeln, Bohnen) und kindgemäße Aufklärung über Gesundheit, besonders Aids-Prävention, erhalten; man kann ja gar nicht früh genug und offen genug damit beginnen. Je länger ich hier bin, desto deutlicher wird mir die Riesenherausforderung durch massenhafte Ansteckung, frühes Sterben und das neue Millionenheer der Waisen.

Ja, hier ist die Bezirksregierung schwach, arm und auch langsam, und die Zentralregierung weit weg. Viele, viele kleine Selbsthilfeprojekte, manchmal mit ausländischer Unterstützung, sind angesagt und sind auch zu beachten. Manches wird mutig begonnen und angepackt, ohne dass es einen soliden Finanzierungsplan gibt - gäbe es den, würde man gar nicht erst beginnen angesichts des riesengroßen Defizits - und das Wunder, dass dann manches auch gelingt, ist immer wieder zu beobachten. Ja, es gibt viel Solidarität, aber genauso viel Neid oder Leerlauf oder Auszug in die Großstädte. Die Mangelsituation fördert beides, gute und schlechte Eigenschaften. Ich staune über ganz viel Liebe, Hingabe, Nachbarschaftshilfe, und dann wieder über Korruption und Schlamperei.

Tansania ist im Großen und Ganzen ein sehr friedliches Land, das auch das Glück hat, dass keine der rund 130 Völkerschaften und Sprachgruppen dominiert (die größten stellen nicht mehr als 10 % der Bevölkerung; hier die Wakingas zählen nur ca. 100.000), und die Kriminalitätsrate ist viel niedriger als in Deutschland. Gewalttätige Jugendliche und Banden gibt es vielleicht gerade mal in Arusha und Dar es Salaam, aber gar kein Vergleich zu Johannesburg oder Nairobi oder Chicago. Wenn hier mal etwas passiert (in Ihanga, einem ganz entlegenen Dorf, hat kürzlich ein 1 5jähriger Junge einen Gleichaltrigen beim Streit um den Besitz von Vögeln erschlagen), ist es das aufgeregte Gesprächsthema in der ganzen Ukinga. Ich beobachte, dass hier Konflikte normalerweise nicht auf die Spitze getrieben werden. Übeltätern wird verziehen, manchmal ist man nach unserem Geschmack zu tolerant, z. B. gegenüber unfähigen Pfarrern, aber man will es sich mit niemandem total verderben, da man weiterhin irgendwie aufeinander angewiesen ist. Aber die alten afrikanischen Traditionen der "extended family", der Großfamilie, wo alle solidarisch aufgehoben sind, ist weitgehend Vergangenheit und durch "modernes westliches" Verhalten des "interindividuellen Wettbewerbs" verdrängt worden.

Mein Freund und Bruder Adrick Mwambemba hat in seiner Arbeit zur Erlangung des theologischen Master-Degree eindrucksvoll diesen Verlust beschrieben. Auch wenn man die Vergangenheit nicht zu sehr verklären darf, denn die Solidarität endete zwei, drei Dörfer weiter, dort wo andere Sippen lebten, und die Bereitschaft, Albinos, Behinderte, Fremde zu akzeptieren, ist erst mit dem Evangelium gekommen, mit der Zurückdrängung der Angst vor bösen Geistern durch den Glauben an den guten Geist, der in Jesus Fleisch geworden ist. Noch immer passiert es, dass "Feinde" angeschwärzt werden, indem man behauptet, sie hätten einen "verhext".

Es gibt kein Zurück zur heilen afrikanischen vorchristlichen Welt, und die wirklich schöne Erfahrung hier ist, dass die Zusammenschau von christlicher Botschaft und konkreter Armutsbekämpfung nicht nur gelingen kann, sondern auch messbare positive Resultate zeigt. Damit ist es hier eigentlich viel einfacher als in Mitteleuropa, christliche Existenz zu praktizieren, und darum ist so manche Bewunderung, von der wir hören in Bezug auf unsere Arbeit, fehl am Platz. Zu bewundern ist eigentlich, wer in der Unübersichtlichkeit der reichen Welt nicht aufgibt, sondern versucht, Schneisen zu schlagen. Das tun so manche meiner Freunde in USA (Wisconsin und Pennsylvania), und deshalb werde ich sie auch im Juni besuchen (und meine Tochter in Ohio).

Bis bald, Hartmut




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu125/brief.htm, Stand: April 2009, dk

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