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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 125 - April 2009


Dr. Ellinor Dohrn
Kirchenmusikerin an St. Petri von 1935 bis 1945

von Helmut Kruse, Domkantor i.R.
(Download als pdf hier)


Vortrag in der St. Petri-Kirche am 23. Februar 2005, dem 100. Geburtstag von Ellinor von der Heyde-Dohrn

Vorbemerkung:

Mir geht es in meinem Vortrag um vornehmlich drei Dinge:

  • Ihnen die Person und die hochqualifizierte Künstlerin Dr. Ellinor von der Heyde-Dohrn so lebendig wie irgend möglich vor Augen zu stellen, die in der Gemeinde St. Petri ein kirchenmusikalisches Zentrum für Braunschweig aufbaute,
  • zugleich aber auch darum, deutlich werden zu lassen, mit welchen Schwierigkeiten sie im Dritten Reich zu kämpfen hatte,
  • und schließlich darum, wie sie es schaffte, was in keiner anderen Braunschweiger Kirchengemeinde gelang: Nämlich innerlich und äußerlich von der gesteuerten und hoch subventionierten Musik am Braunschweiger Staatsdom unabhängig und dennoch erfolgreich zu sein.

I. Aufbau der Kirchenmusik an St. Petri

Über den Einführungsgottesdienst von Dr. Ellinor Dohrn am Sonntag, dem 18. August 1935, gibt es keinen Zeitungsbericht. Allerdings lesen wir im Gemeindeblatt "Kirchengemeinde St. Petri" vom 1. August des Jahres Interessantes über ihren künstlerischen Werdegang:

"Für das Organistenamt wurde durch den Kirchenvorstand Fräulein Dr. Dohrn gewählt. Die musikalische Ausbildung von Fräulein Dohrn ist sehr vielseitig. Nach zweijährigem Klavierstudium bei Dr. Zulauf, Kassel, besuchte sie in Berlin die Hochschule für Musik. Durch die Inflation musste sie das Studium abbrechen. in ihrer Vaterstadt Hannover hörte sie sodann Vorlesungen an der Technischen Hochschule, nahm Unterricht in Harmonielehre und Komposition bei Prof. Werner und entschloss sich zum Studium der Musikwissenschaft. An der Universität Berlin befasste sie sich vor allem mit dem Studium der mittelalterlichen Musik und der alten Sprachen. Nach bestandenem Gymnasialabitur ging Fräulein Dohrn, da ihr besonderes Interesse den Fragen der Kirchenmusik und der Liturgik galt, nach Freiburg (Schweiz), um bei Prof. Wagner, einem Spezialisten des Gregorianischen Chorales, die frühesten Quellen der Kirchenmusik kennenzulernen."

"Im Februar 1930 bestand sie an der Universität Berlin ihre Doktorprüfung in den Fächern Musikwissenschaft (Prof. Dr. Schering), Tonpsychologie, Instrumentenkunde usw. (Prof. von Hornbostel), Philosophie (Prof. Dr. Spranger) und Germanistik (Prof. Dr. Petersen). Um ihre Doktorarbeit über "Die Madrigale des Marc Antonio Ingegneri" zu ergänzen, machte sie eine Studienreise nach Italien."

Es folgte eine mannigfache Tätigkeit in Hannover, wobei das Studium des Orgelspiels bei Prof. Dr. Dettmer im Vordergrund stand. 1932 führte der Weg Fräulein Dohrn wieder nach Italien an die Musikakademie nach Sienna zu einem Vervollkommnungskurs bei dem italienischen Orgelmeister Prof. Germani. Ein Stipendium ermöglichte ihr den Besuch des Konservatoriums Santa Cecilia in Rom, wo sie sich bei Prof. Germani weiter dem Orgelstudium widmete und mehrere Konzerte gab. Nebenher leitete Fräulein Dohrn den Chor der deutsch-evangelischen Kirche und war als Musikberichterstatterin für deutsche Zeitungen tätig. Fäulein Dohrns Ausbildung und bisherige Tätigkeit lassen uns hoffen, dass wir mit ihr eine für unser kirchliches Leben wertvolle Kraft gewonnen haben. Möge ihre Tätigkeit bei uns ihr zur Freude, der Petrigemeinde zum Segen sein." Dieser Wunsch sollte dann ja wohl auch in Erfüllung gehen.

Ellinor Dohrn ging mit Elan an die Arbeit. Im Oktober schon das erste Konzert zum Thema "Schütz und seine Zeit" (1935 war ja Schütz - Bach - Händel - Jahr). Übrigens wirkten schon hier Ilse Diestelmann und Dr. Hans Hartwig als Geiger und Käthe Hecke-Isensee als Sopranistin mit - auch in den kommenden Jahren so etwas wie "artists in residence" an St. Petri.

Dann zum Erntedankfest eine Abendmusik mit ihr als Organistin. Die Braunschweiger Tageszeitung schrieb in ihrer Kritik u.a.:
"Unfehlbare Technik, fein abgewogene Registrierung und eine ebenso klar wie machtvoll aufbauende Gestaltungskraft zeigte sich im Spiel dieser berufenen jungen Organistin."

Das waren Charakterisierungen ihres Spiels, die auch später immer wieder in den verschiedenen und häufigen Kritiken vorkamen.

Vom ersten Tage an aber war ihr klar, dass der Umbau der Petri-Orgel zwingend notwendig war. Nicht zuletzt setzte sie bei der Verwirklichung ihrer Pläne als ehemalige Journalistin die Presse ein. Keine Konzertkritik ohne eine Bemerkung wie "Hoffentlich gelingt es, die technischen Mängel der Orgel bald zu beseitigen."

Wie schnell und intensiv der Kontakt zur Presse da war und das Interesse der Presse an ihr, ist auch daran abzulesen, dass schon in der Weihnachtsausgabe 1935 in des Braunschweiger Allgemeinen Anzeigers auf der ersten Seite ein Artikel von ihr über "Das Weihnachtslied" erschien, in dem sie auch ein wenig von sich als Hymnologin und als Christin preisgibt, wenn sie am Schluss formuliert: "Das Schönste ist den Weihnachtsliedern allen gemeinsam. Sie sprechen in schlichter, volkstümlicher Sprache das aus, was nicht nur den einen oder andern, sondern uns alle an der Krippe des Kindleins bewegt. Fast möchte man sagen, dass in diesen Liedern noch etwas von dem Geiste der Hirten lebt, die anbetend die Knie beugten und in Töne fassten, was sich in Worte nicht fassen liess."

Wie überhaupt die großen kirchlichen Feste an St. Petri immer musikalisch begangen wurden, ganz bewußt wohl auch im Gegensatz zum neuen Kalender der Nationalsozialisten, die den "Tag der Machtergreifung" oder "Hitlers Geburtstag" feierten.

Noch wurden die Kritiken ihrer Musiken nach rein musikalischen Kriterien verfasst, aber man kann auch schon wie etwa in der Braunschweiger Tageszeitung lesen:
"Bachs hohe Kunst zwingt den gestaltenden Künstler so in ihren Bann, dass er nicht anders als werktreu sein kann, Bachs herbe Tonsprache als Ausdruck der nordischen Rassenseele mit ihrer sachlichen Leidenschaft verträgt kein Jonglieren in Experimenten."

Das Jahr 1936 ist für Ellinor Dohrn und ihre Arbeit besonders wichtig. Der Todestag Regers jährt sich zum 20. Male, in ihren Orgelmusiken erklingen dessen Werke. Aber es kommt auch der Lübecker Sing- und Spielkreis unter Bruno Grusnick auf ihre Einladung hin in die Petrikirche. Dieser Chor und sein Leiter waren die Vorbilder für die "Sing- und Spielgemeinde an St. Petri", die sie kurze Zeit später gründete.

Durch Grusnick lernte sie Hugo Distler kennen, der damals als 25jähriger Mann zu den großen deutschen Komponistenhoffnungen zählte und Organist an der Jakobikirche in Lübeck war, zugleich auch die Heimat des Grusnickschen Chores.

Schon im November 1936, zwei Monate nach ihrer Gründung, gab die Sing- und Spielgemeinde ihr erstes Konzert, u.a. mit der Buxtehude-Kantate "Jesu, meine Freude". Die Braunschweiger Neuesten Nachrichten schrieben:
"In St. Petri ist etwas Neues, Vielversprechendes im Werden: die neugegründete Sing- und Spielgemeinde stellte sich zum ersten Male in einer Feierstunde vor, die am Busstagabend in der alten Kreuzklosterkirche stattfand. Es ist erstaunlich, was Dr. Ellinor Dohrn, unter deren Leitung die Arbeit steht, in knapp zwei Monaten mit dem Chor erreicht hat."

Und dann wurde auch noch drei Monate später der Orgelumbau in St. Petri endlich fertig. In einem Festgottesdienst unter dem Thema "Gott loben, das ist unser Amt" wurde die Orgel eingeweiht. Der Chor sang die Buxtehude-Kantate "Alles, was ihr tut", und drei Tage später erklangen in einem festlichen Orgelkonzert ausschließlich Bach-Werke. Die Braunschweiger Neuesten Nachrichten schrieben darüber:
"Die überragenden Fähigkeiten Dr. Ellinor Dohrns bürgen uns dafür, dass sich St. Petri zur kochgeschätzten Pflegestätte geistlicher Musik entwickeln wird."

Ellinor Dohm schrieb über die Geschichte des Orgelbaus, natürlich auch speziell über ihre eigene neue Orgel, mehrere Artikel in verschiedenen Zeitungen. Darin schreibt sie z.B., dass die erste Petri-Orgel im Jahr 1410 erwähnt wird, und dass die jetzige nach dem Umbau nicht mehr 30 Register wie die alte Ladegast-Orgel hätte, sondern 43. 20 der alten Register seien in die neue Orgel übernommen, 6 Register wurden von Grund auf umgebaut und 15 Register seien neu dazugekommen. Das war im Februar 1937. Nun gab sie zwei Orgelmusiken in der Woche, jeweils mittwochs und sonnabends von 12 bis 12.30 Uhr.

Zudem wurde der 300. Geburtstag Dietrich Buxtehudes musikalisch-festlich begangen - aI1es Aktivitäten, die auch Geld erforderten, so dass Gemeindepfarrer Freise das Landeskirchenamt um die Erhöhung von Zuschüssen bat. Die damalige Antwort könnte auch aus dem Jahr 2005 stammen: "Auf ihre Eingabe vom 12.7.37 betreffend Gewährung einer Beihilfe für die dortige kirchenmusikalische Arbeit müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass uns z.Zt. keine Mittel zur Verfügung stehen, die hiefür aufgewandt werden können."

Nun begann die Zeit, in der sich Ellinor Dohrn sehr intensiv mit Heinrich Schütz und seinem Werk beschäftigte. Seine Musik ist für sie geistliche Musik schlechthin. In einem Zeitungsartikel formulierte sie selbst es so: "Denn wo die Musik von Schütz gesungen wird, da ist das Evangelium lebendig, da ist das Wort Gottes mitten unter uns." Ist das nicht zugleich auch ein Bekenntnis zu ihrem Amt als Kantorin?

Im April 1938 sang die Sing- und Spielgemeinde als erster Braunschweiger Chor die Matthäus-Passion von Heinrich Schütz a capella und nicht in der damals üblichen Fassung von Arnold Mendelssohn mit Orgelbegleitung. Das war für Braunschweigs Musikwelt durchaus ein Ereignis und wurde dementsprechend in den verschiedenen Zeitungen gewürdigt.

Die Orgelmusiken gingen natürlich auch weiter. Allein in der Saison 1937/38 spielte sie 30 Orgelmusiken, in denen sie 118 verschiedene Werke zur Aufführung brachte - von Frescobaldi bis Distler und Honegger. 65 der 118 Stücke waren von Bach, ihrem Hauptschwerpunkt. Sie lud aber auch mehrere Gastorganisten ein wie Hans Heintze, den Nachfolger Günther Ramins als Leipziger Thomasorganist, oder Kurt Fiebig vom Quedinburger Dom und nicht zuletzt ihren italienischen Lehrmeister, Prof. Fernando Germani.

II. Sogenannte "Vierteljüdin" und Kirchenmusikerin während des Dritten Reiches

Nun könnte man den Eindruck haben, es sei für Ellinor Dohrn eine wunderbare, eine höchst erfolgreiche Zeit an St. Petri gewesen. Musikalisch war sie das auch - auf vielen Gebieten. Es gab aber Vorkommnisse, die sie seelisch furchtbar gequält und ihr Leben zeitweise zur Hölle gemacht haben müssen. Von ihnen sei nun berichtet:

Am 15. September 1935 wurden von den Nationalsozialisten die "Nürnberger Gesetze" verabschiedet. Das hatte auch für Ellinor Dohrn Konsequenzen, wurde sie doch nach diesen Gesetzen als sog. "Vierteljüdin" angesehen - und das stellte ihre Beschäftigung als hauptamtliche Organistin in Frage oder machte sie u. U. auch unmöglich.

Das Problem war ein grundsätzliches. Viele Kirchengemeinden in Deutschland fragten bei ihren oberen Kirchenbehörden nach, wie sie sich in solchen Fällen zu verhalten hätten. Das führte dazu, dass der Hannoversche Oberlandeskirchenrat Dr. Christhard Mahrenholz als Mitglied des Reichskirchenausschusses in Berlin am 3. Juli 1937 an alle obersten Behörden der deutschen evangelischen Landeskirchen schrieb:
"Im Herbst vergangenen Jahres wurde die Kirchenbehörde durch die Nachricht überrascht, die durch die ganze Presse lief, wonach eine Reihe von nichtarischen Kirchenmusikern aus der Reichmusikkammer ausgeschlossen worden seien." Er führt dann weiter aus, dass zwar die Befolgung dieser Gesetze schwierig sei, weil ja die Kirche und nicht die Reichsmusikkammer letztendlich über die Anstellungen der Kirchenmusiker zu befinden habe. Aber:
"Die evangelische Kirche glaubt bewiesen zu haben, dass sie sich vor den Notwendigkeiten der rassischen Erneuerung unseres deutschen Volkes nicht nur beugt, sondern zu freudiger Mitarbeit bereit ist.

Was geschieht unter diesen Umständen mit Ellinor Dohrn? Ein umfangreicher Briefwechsel zwischen den zuständigen Stellen in Berlin und der Braunschweiger Landeskirche sowie der Propstei Braunschweig entfaltet sich. Der Braunschweiger Propst Leistikow macht am 26. Juni 1936 den Anfang. In einem Brief an den Reichskirchenausschuss in Berlin bestätigt er, dass Frau Dohrn nicht "rein arisch" sei, der betreffende Großvater mütterlicherseits sei aber in zwei Kriegen 1866 und 1870/71 hoch dekoriert und 1930 mit allen militärischen Ehren bestattet worden. "Wir bitten jedoch, eine Entscheidung des Reichsministers für kirchliche Angelegenheiten herbeizuführen, ob bei dem gegenwärtig so notwendigen Kampf für die Reinerhaltung unserer Rasse es verantwortet werden kann, Fräulein Dr. Dohrn dieses wichtige Amt in der Stadt Braunschweig zu übertragen."

Im Dezember 1936 informierte die Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche in Berlin das Wolfenbütteler Landeskirchenamt darüber, dass beim Präsidenten der Reichsmusikkammer angefragt sei, wie denn nun im Fall Dohrn zu entscheiden sei. Dieser Präsident aber gibt den "schwarzen Peter" weiter. Frau Dohrn habe am 1. Januar 1934 wahrheitswidrig die Frage nach ihrer arischen Abstammung bejaht, weswegen sie auch bisher noch nicht aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen worden sei. Nur der Präsident der Reichskulturkammer könne eine endgültige Entscheidung fällen.

Daraufhin schaltet sich Oberlandeskirchenrat Wilhelm Röpke aus Wolfenbüttel ein und drängt Propst Leistikow, doch nun endlich Frau Dohrn zu zwingen, dazu Stellung zu nehmen. Leistikow kommt dem nach und schreibt am 19. Februar 1937 zurück: Frau Dohrn sei 1933 für mehrere Jahre im Ausland gewesen. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums sei ihr im Ausland nicht zur Kenntnis gekommen, sie sei zudem damals ja auch nur eine freie Mitarbeiterin gewesen, und es sei bei der Frage auf dem betreffenden Fragebogen nicht um die Rasse, sondern um die Konfession der Vorfahren gegangen, und die sei evangelisch-lutherisch gewesen.

In der Folge schlägt Oberlandeskirchenrat Röpke vor, Frau Dohrn solle sich direkt an den Präsidenten der Reichsmusikkammer wenden, der sich schon in einem Schreiben vom 19. Dezember 1936 auf den Standpunkt gestellt hatte, dass er die Einstellung von Fräulein Dr. Dohrn für bedenklich halte.

Dann wird von Dr. Hoffmeister, dem Vorsitzenden der Finanzabteilung der Braunschweigischen Landeskirche, am 12. April 1937 in einem Brief an Propst Leistikow nochmals nach dem Stand der Dinge gefragt und festgestellt: "Nach der bestehenden Sachlage ist, solange die Sondergenehmigung nicht erteilt ist, keine Möglichkeit gegeben, dass Fräulein Dr. Dohm ihren Beruf ausübt."

Schließlich aber schreibt der Präsident der Reichsmusikkammer am 23. Juli 1940 an Ellinor Dohrn: "Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda hat Ihnen am 8. Juli 1940 die jederzeit widerrufliche Sondergenehmigung zur weiteren Berufsausübung im Rahmen der Reichsmusikkammer erteilt. Ihre ordentliche Mitgliedschaft zur Reichsmusikkammer wird hierdurch aufgehoben. Ich bitte Sie, den Lichtbildausweis bei der für Sie zuständigen Ortsmusikerschaft abzugeben und den Beitrag zur Kammer an diese nach den bisher geltenden Richtlinien und in der Höhe der bisherigen Zahlungen weiter zu entrichten. Dieser Bescheid gilt als Ausweis für Sie gegenüber den Kontrollorganen."

Man kann sich vorstellen, wie Ellinor Dohrn unter den geschilderten Vorgängen gelitten haben muss. Natürlich hatte sie nicht einfach still die Entwicklung und die Entscheidungen abgewartet. Gleich 1936 wandte sie sich z.B. in einem Brief an den schon erwähnten Oberlandeskirchenart Christhard Mahrenholz, erklärte ihm ihre Situation und fragte ihn, ob sie als sog. "Vierteljüdin" die ihr durch Propst Leistikow an der Petrikirche angebotene Stellung als dann besser bezahlte "Stadtorganistin" annehmen könne. Mahrenholz beruhigte sie in seinem Antwortschreiben dahingehend, dass mögliche Arierparagraphen sich wohl nur auf Beamte, nicht aber auf Angestellte beziehen würden. Sie brauche sich also keine Sorgen zu machen und solle den Vertrag unterschreiben.

Zu all den geschilderten kamen aber auch noch sozusagen "hauseigene Probleme" in Braunschweig, verursacht durch Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die versuchten, Ellinor Dohrn wegen ihrer "nichtarischen" Herkunft zu verunglimpfen. Kurz informiert Dr. Heinrich Sievers, bis zu seinem Rauswurf Musikschriftleiter bei der Braunschweiger Tageszeitung und nach dem Krieg Professor für Musikgeschichte an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, darüber in einem Brief vom 22. Juni 1946 den Braunschweiger Oberlandeskirchenrat Dr. Reinhold Breust:
"Mir war lange nicht bekannt, dass die Umtriebe gegen Dr. Dohrn in erster Linie von Hilde Pfeiffer und Dr. Duerkop ausgingen. Die Schwierigkeiten, die ich aus meinem Eintreten für Dr. Dohrn von Seiten Erika Kupfers (Feuilletonschriftleiterin der BTZ und sehr aktives Parteimitglied), Hilde Pfeiffers und Dr. Duerkops hatte, begannen bereits um Weihnachten 1938 offenen Krach anzunehmen."

Dr. Breust selbst erklärte in seinem Entnazifizierungsverfahren im Mai l 949: "Ich stellte bald fest, dass sie eine außergewöhnliche Künstlerin und von Charakter ein besonders wertvoller Mensch war. Da sie aber nicht voll arisch war, war sie selbstverständlich im 3. Reiche den schwersten Anfeindungen ausgesetzt. Die schlimmste Gegnerschaft gegen Frau von der Heyde ging aus vom Museumsdirektor und Referenten beim braunschweigischen Volksbildungsministerium Dr. Dürkop, welcher seit 1935 der heimliche, später der öffentliche Verlobte und dann der Ehemann der Organistin an der Katharinenkirche, Fräulein Hilde Pfeiffer, war."

"Da Frau v.d.Heyde 1935 die einzige hauptamtliche Organistin im Stadtkirchenverbande Braunschweig geworden war, zog sie sich die Feindschaft von Frau Pfeiffer-Dürkop zu, welche Feindschaft auch fortdauerte, als Frau Pfeiffer-Dürkop Ostern 1940 ebenfalls hauptamtlich angestellt wurde. Die Intrigen Dürkops gingen darauf hinaus, Frau v.d. Heyde ihre Existenz zu untergraben und sie schließlich überhaupt zum Verschwinden zu bringen. Das ging einwandfrei daraus hervor, dass er noch gegen Ende 1944, als allgemein bekannt war, dass auch 1/4- und 1/2-Juden nicht selten "abgeholt" wurden, Frau v.d. Heyde bei der Gestapo anzeigte."

Schließlich wurde Ellinor Dohrn auch noch tief in riesige Spannungen innerhalb der Petrigemeinde hineingezogen: Dein damaligen Gemeindepfarrer Walter Freise waren 1938 finanzielle Unregelmäßigkeiten bei der Gemeindekassenführung vorgeworfen worden, weswegen er sich einem Dienststrafverfahren unterwerfen musste. Er erhielt in diesem Verfahren einen Verweis, durfte dann aber doch wieder als Gemeindepfarrer in St. Petri arbeiten. In diesem Verfahren wurden auch mehrere Gemeindeglieder als Zeugen vernommen, u.a. auch Ellinor Dohrn. Ihre Aussagen fielen wahrheitsgemäß zu Freises Ungunsten aus, was er sie dann auch nach seiner Wiedereinsetzung empfindlich - auch öffentlich - spüren ließ. So predigte er z.B. Karfreitag 1939 über Übertretungen des 8. Gebotes ("Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten") in einer solchen Weise, dass jedem Anwesenden deutlich wurde, dass er dabei in erster Linie seine Organistin im Auge hatte.

Das war deshalb besonders perfide, weil damit höchste Gefahr bestand, dass nur irgend jemand mit diesen Anschuldigungen zur Partei oder bestimmten örtlichen Dienststellen oder auch zu Herrn Dürkop oder Frau Pfeiffer zu gehen brauchte, um Ellinor Dohrn in ihrer ohnehin immer gefährdeten Stelle in größte Gefahr zu bringen.

Freise ging aber noch einen Schritt weiter und ließ in der Gemeinde das Gerücht kursieren, "vier Verleumder und Verräter" aus der Gemeinde hätten ihn damals nur angezeigt, um ihn aus der Gemeinde zu entfernen. So wandten sich drei dieser von ihm Beschuldigten in einem Brief an Dr. Breust im Landeskirchenamt und baten die Kirchenbehörde um Schutz und eine schriftliche Erklärung über den wahren Sachverhalt. Für Dr. Breust schrieb dann Dr. Hoffineister einen Brief, mit dem das Landeskirchenamt Feise aufforderte, er möge sein Verhalten gegen die drei Personen (das waren Frau Nibelung, Herr Dörmann und Ellinor Dohrn) unbedingt ändern. Freise dachte gar nicht daran, sorgte vielmehr dafür, dass im Kirchenvorstand zukünftig nur noch Mitglieder saßen, die voll hinter ihm standen.

Unter diesen war auch der Steuerinspektor Grünkorn. Er ging noch einen Schritt weiter, um Frau Dohrn unmöglich zu machen und behauptete, sie habe nach dem Erntedankgottesdienst 1939 eine Vase mit Blumen vom Altar gestohlen, die Freise zu seiner Silberhochzeit geschenkt bekommen habe. Man muss dazu wissen, dass es damals in der Petrigemeinde üblich war, nach dem Erntedankgottesdienst die Blumen vom Altar als Gruß der Gemeinde zu kranken und einsamen Menschen zu bringen. Nichtsahnend hatte Ellinor Dohrn ausgerechnet die Freisische Vase mit den Blumen mitgenommen. Im letzten Moment konnte die Anzeige Grünkorns, die zwangsläufig die Entlassung der Organistin zur Folge gehabt hätte, durch Propst Leistikow verhindert werden.

Die Situation in der Gemeinde war für sie dann aber doch so unerträglich, dass sie sich von Juni bis Oktober 1939 an die St. Magnikirche versetzen ließ (dafür kam Domorganist Walrad Guericke für diese Zeit an die Petrikirche, weil er ja wegen der Umbauten im Dom sozusagen "arbeitslos" war). Dort in Magni machte sie genauso weiter wie in Petri, nämlich mit Orgelmusiken, Abendmusiken, mit den Proben der Sing- und Spielgemeinde. Zum 1. November kehrte sie aber an ihre alte Wirkungsstätte zurück.

Eines - und das ist höchst erstaunlich! - änderte sich allerdings bei diesen ganzen gemeinen Intrigen nicht: Ellinor Dohrn blieb die ganze Zeit über ohne Unterbrechungen als einzige aller Braunschweiger Kirchenmusiker bis 1945 im Amt, und die Zeitungen berichteten auch weiterhin recht ausführlich über ihre Aktivitäten.

III. Das Spannungsverhältnis St. Petri und Staatsdom

Das Jahr 1939 brachte auf musikalischem Gebiet für Braunschweig neben vielem anderen auch Folgendes: 1. Es wurde die Staatsmusikschule gegründet, 2. Die Domorgel wurde umgebaut und mit einem neuen Prospekt versehen.

Beides wurde für das musikalisch-inhaltliche Verhältnis St. Petri - Staatsdom eminent wichtig. Adolf Hitler liebte Orgeln und Orgelmusik sehr, und so nimmt es nicht wunder, dass nach dem Umbau die Orgelmusik im Dom eine große Rolle spielte. Als der damalige Domorganist Walrad Guericke die umgebaute Orgel in einer Demonstration der Presse vorstellte, wurde deutlich, dass damit ein politischer Akt vollzogen war. Vordergründig sollte, wie die Braunschweiger Neuesten Nachrichten schrieben, klanglich "die Brutalität in ihrem vollen Werk verschwinden." Aber sie schrieben auch: "Es musste erkannt werden, dass die Orgel auch außerhalb der Kirche ein Instrument ist, dem eine ungeheure Bedeutung zukommt. In den Musikheimen der Hitler-Jugend und in den Monumentalbauten des Dritten Reiches werden Orgeln eingebaut, die uns erkennen lassen, dass die Orgel ein wahrhaft politisches Instrument ist, das die große Gemeinschaft in Feierstunden entscheidend formt."

Das ließ Ellinor Dohrn, die ihre Orgelmusiken immer als liturgische Feiern sah, nicht ruhen. In einem Artikel vom 12. Mai 1940 macht der BVB das in Bezug auf ihre Orgelmusiken deutlich: "Und doch verlangt diese Musik (i.e. die Orgelmusik, Helmut Kruse) gebieterisch danach, im kirchlichen Raum zum Erklingen gebracht zu werden. Daher hat sich Ellinor Dohrn entschlossen, unter möglichster Anlehnung an den Charakter des Kirchenjahres die Meisterwerke der Orgelmusik regelmäßig zur Aufführung zu bringen und so den Zugang zu einem Bereich offenzuhalten, der die lebendigsten Zeugnisse deutscher Glaubenskraft umschließt."

Erika Kupfer, damalige Feuilletonleiterin der Braunschweiger Tageszeitung, versuchte trotzdem, Ellinor Dohrns Auffassung von Kirchenmusik in eine ganz andere Richtung zu zwingen. Eine Kritik von ihr über einen Bach-Kantatenabend der Sing- und Spielgemeinde am 15. Juni 1940 (die deutschen Truppen waren gerade in Paris einmarschiert), schwingt sich zu folgendem Graus empor: "Es ist das gleiche deutsche Herz, das im Siegessturm unserer tapferen Soldaten schlägt und das uns aus der Größe der Bachschen Musik entgegenklingt, die gleiche mitreißende Gewalt, die sich dem Schicksal stellt und im Bewusstsein des höchsten Einsatzes Gott dankt für die Weisheit seiner Fügungen. Es ist darum nicht zweierlei: In stolzer Freude der gigantischen Taten unserer Truppen zu gedenken und sich dabei in das Wunderwerk Bachscher Kantaten zu versenken. Beides zusammen kommt aus der gleichen Tiefe der deutschen Seele."

Ellinor Dohm verlängert ab Oktober 1940 ihre Orgelmusiken auf 40 Minuten. Sie arbeitet rastlos, wie ein "typischer" Monat wie der November 1940 zeigt: Orgelkonzert zum Reformationstag mit Choralvorspielen über Lutherlieder und dem f-moll-Präludium und Fuge von Bach, eine Woche später ein Orgelkonzert mit ausschließlich Bachschen Kompositionen, am Bußtag Solokonzerte von Schütz, Weiland, Bach und der Reger-Orgelfantasie über "Straf mich nicht in deinem Zorn", am Sonntag darauf wieder Bach-Werke, u.a. das große e-moll-Präludium und Fuge. - Im Dom fand derweil die Tagung des Deutschen Gemeindetages statt. Alfred Rosenberg sprach, Walrad Guericke spielte die Orgel.

Jedes Jahr, am 26. Dezember, gibt Ellinor Dohrn ihr großes Weihnachts-Orgelkonzert, 1940 u.a. mit Regers Fantasie über "Wie schön leuchtet der Morgenstern". Dr. Heinrich Sievers schrieb dazu in der Braunschweiger Tageszeitung: "Eine zahlreiche treue Zuhörerschaft füllte die Petrikirche. Wir haben schon des öfteren Ellinor Dohrns technisches wie geistig gleichermaßen fundiertes Spiel rückhaltlos gewürdigt. Die glückliche Disposition im Tempo wie in der Registerwahl (trotz der technisch vollkommen unzureichenden Petri-Orgel!), mit der Ellinor Dohrn das komplizierte Werk Regers gliederte, verriet uns eine bis in die letzten Regungen vorgedrungene Konzentration, die bei allem Wissen um die Dinge den gesunden musikalischen Zug nicht verloren hat. Wie selten ist doch solche Art des Musizierens gerade unter den Organisten geworden."

Im Juni 1941 stellten die Braunschweiger Neuesten Nachrichten und der Braunschweiger Allgemeine Anzeiger ihr Erscheinen ein. Es bleiben jetzt nur noch zwei, absolut linientreue Zeitungen übrig, die Braunschweiger Landeszeitung und die Braunschweiger Tageszeitung. Da wird es noch schwieriger für die Petri-Organistin, sich durchzusetzen, wird doch nun der neue Staatsdomorganist, Wolfgang Auler, propagandistisch durch die Presse, finanziell durch den Staat, massiv unterstützt. Auch er ging gleich mit vollem Elan an die Arbeit, gründete den Staatsdomchor, führte Konzertzyklen im Dom und in der Burg ein, gründete ein Collegium musicum, wurde Dozent an der Staatsmusikschule, suchte und fand Kontakt zum Staatstheater, versuchte über die Hitlerjugend und die Schulen mit Hilfe des Ministerpräsidenten einen Knabenchor aufzubauen usw. Gottesdienste gab es natürlich nicht mehr im Dom, dafür sogenannte "Morgenfeiern".

Die Morgenfeiern in dem zur "nationalen Weihestätte" umfunktionierten Braunschweiger Dom hatten wohl ganz bewusst liturgische Teile des christlichen Gottesdienstes übernommen, natürlich mit einer völlig anderen Bedeutung. Selbstverständlich gab es kein Evangelium aus dem Neuen Testament, dafür aber Worte Adolf Hitlers, kein apostolisches Glaubensbekenntnis, dafür aber das Bekenntnis zu Staat und Partei, keine Predigt in unserem Sinne, dafür aber Reden von Parteigrößen, keine Gebete, dafür besinnliche Worte nationalsozialistischer Dichter, und es gab gemeinsame Gesänge, Chor- und Orgelmusik.

Um sich solche Morgenfeiern vorstellen zu können, möchte ich ihnen, sehr gekürzt, den Bericht von Albert Trapp aus der Braunschweiger Tageszeitung vom 21. Juli 1941 nicht vorenthalten:
"Wir bauen und tragen das Reich. Großartige Morgenfeier im Staatsdom - Die Halle bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Morgenschein glühen die Farben der Fenster im Staatsdorn, verblasst an den Pfeilern das Licht feierlicher Schalenleuchter. Schon füllen Volksgenossen Kopf an Kopf die ehrwürdige Halle, und immer noch begehren viele Einlass. Neben dem Braun der SA und politischen Leiter und dem Grau der Waffen-SS bestimmten Uniformen von HJ, BDM und weiblichen RAD das festliche Bild. Über allem leuchtet das Hakenkreuz vom hohen Chor. Dort haben das Staatsmusikkorps der Waffen-SS Berlin, die Führerinnen der Bezirksschule 6 des RAD und Angehörige der Junkerschule Braunschweig Platz gefunden. Die Weihe der historischen Stätte nimmt gefangen. Von den Wänden grüßen Gestalten der Krieger und Bauern, die einst vor Jahrhunderten unter dem Löwen gen Ostland zogen, und unwillkürlich eilen Gedanken und Wünsche den gleichen Weg zu unseren Brüdern und Söhnen, die im unvergleichlichen Siegeszug das Banner des Germanentums in Feindesland aufrichten."

"So begegnen sich hier am Grabe des kühnen Sachsenherzogs zu dieser Veranstaltung Vergangenheit und Gegenwart. Musik klingt auf. Joh. Seb. Bachs D-Dur-Suite zieht durch den Raum. Dann helle Fanfaren! Standarten und Fahnen, Symbole des Großdeutschen Reiches marschieren auf. Max Regers a-moll-Toccata, vom Staatsdomorganisten Wolfgang Auler meisterhaft gespielt, ist Auftakt zu Führerworten vom Reich der Deutschen. Im gemeinsamen Lied - Nun lasst die Fahnen fliegen - finden sie ihr kraftvolles Echo. Nun dringen Worte von Wolfgang Brockmeier, dem Lyriker der jungen Generation, mahnend an unser Ohr. Im Wechsel vorgetragen von SS-Junkern und Arbeitsdienstführerinnen, umrahmt von Bachs c-moll-Fantasie und Beethovens Coriolan-Ouvertüre, erhalten sie packenden Anschlag und wuchtige Zusammenfassung in der kraftvollen Rede des SSUntersturmführers Dr. Gerhart Schinke von der Junkerschule Braunschweig." - ist das nicht furchtbar?

Fast zeitgleich erklingt in der Petrikirche die Bach-Kantate "Tritt auf die Glaubensbahn". Ich denke, hier wird der grausame und zugleich auch wiederum tröstende Gegensatz - staatlicher Dom und Petrigemeinde - wie auch die Bedeutung der Arbeit Ellinor Dohrns deutlich. Jeder, der in die Petrikirche kam, spürte wohl, welche Überzeugung hier verkündigt und gelebt wurde.

Im Frühjahr 1942 bekam die Petri-Orgel noch einmal drei neue Register. Auch wenn nun die Braunschweiger Presse nicht mehr so häufig von Ellinor Dohrn berichtete, so fanden ihre Arbeit und ihr Können nicht nur in Braunschweig Beachtung. Sie machte Konzertreisen, über die auch in den beiden Braunschweiger Zeitungen berichtet wurde. So spielte sie u.a. in Hannover, Bielefeld und Stuttgart, in der Thomaskirche in Leipzig, im Ulmer Münster. Über dieses letztgenannte Konzert schrieb das Ulmer Tageblatt:
"Wenn eine auswärtige Organistin einem Riesenwerk wie unserer Münsterorgel gleich so sicher begegnet, wie das hier geschah, so ist damit ihre bedeutsame künstlerische Überlegenheit auch unmittelbar festgestellt."

Als die Petrikirche in der Nacht vom 14./15. Oktober 1944 zerstört wurde und mit ihr auch ihre Orgel, konzertierte Ellinor Dohrn fortan an der St. Martinikirche weiter. In den Zeitungen erscheint letztmalig am 29. Juni 1944 ein Bericht über ein Orgelkonzert von ihr im Martin-Luther-Haus am Zuckerbergweg.

Als nach dem Krieg die Kirchenmusikerstelle am Dom besetzt werden sollte, meldeten sich zunächst zwei Bewerber, die ältere Rechte an dieser Stelle für sich beanspruchten: Der frühere Domorganist Walrad Guericke, der allerdings erst spät aus englischer Gefangenschaft zurückkehrte, und sehr massiv der frühere Staatsdomorganist Wolfgang Auler, der in einem Brief vom 27. Juli 1945 an das Braunschweigische Staatsministerium wie selbstverständlich davon ausging, dass er auch weiterhin Staatsdomorganist bliebe.

Er machte auch gleich Vorschläge für die Arbeit, die in verblüffender Weise fast wortgetreu den Vorschlägen glichen, die er 1941 bei seinem Dienstantritt dem nationalsozialistischen Braunschweiger Staat gegenüber gemacht hatte: Wiederbeginn der Arbeit des Domchores mit dem Schwerpunkt "Händel", Aufbau eines Knabenchores für das Singen in den sonntäglichen Gottesdiensten, Orgelmusiken, Konzerte mit Solisten, Chor und Orchester. Mit seinem Ansinnen blitzte er aber bei Dr. Breust ab, der jetzt wieder im Landeskirchenamt tätig war.

So ist es eine gute Fügung gewesen, dass Dr. Ellinor Dohrn - später nach ihrer Heirat mit dem Solocellisten des Braunschweiger Staatsorchesters Fritz von der Heyde - Dr. Ellinor von der Heyde-Dohrn - zum 1. Dezember 1945 Domorganistin wurde, eine segensreiche Fügung für die Kirchenmusik am Dom, für die Landeskirche und das gesamte Musikleben in Braunschweig - aber zugleich natürlich auch ein herber Verlust für die Petri-Gemeinde, deren Kirche damals allerdings noch zerstört und noch nicht wieder aufgebaut war.




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