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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 125 - April 2009


Der Unterschied von Recht und Gesetz
- Was die heutige Theologie vergessen hat -

von Eberhard Fincke
(Download als pdf hier)

Das Gebot "du sollst nicht töten" wird immer wieder übersetzt "du sollst nicht morden" oder "morde nicht". Diese Übersetzung ist im Deutschen ganz unmöglich bzw. Unsinn. Keinem Menschen muss das so gesagt werden. Und es gibt keine Situation, in der dieser Satz sinnvoll wäre. Man fragt sich also, was selbst geachtete, jüdische und christliche Bibelübersetzer zu sol-cher Fehlleistung bringt. Die Übersetzung "Die Gute Nachricht": "morde nicht" sowohl II. Mo-se 20,13 als auch V. Mose 5,17; die "Bibel in gerechter Sprache" II. Mose 20,13: "bring niemand um".

Vielleicht liegt es an der auch unter Theologen heutzutage verbreiteten Naivität, in der man den Unterschied von Recht und Gesetz vergessen hat. Ein Gesetz verbietet unter Androhung von Strafe, also Gewalt. Man darf etwas nicht tun. Vieles dagegen ist nicht verboten, aber auch nicht Recht. Darum wird davon abgeraten. Aber mit Gewalt wird nicht gedroht. Man soll es nicht tun.

Schon immer war bei den Zehn Geboten leicht zu erkennen, dass alle Zehn einen solchen Rat geben, was man tun oder lassen soll. Man soll den Feiertag halten, den Namen Gottes nicht missbrauchen, die Eltern ehren, nicht ehebrechen, nicht begehren und eben auch nicht töten. Hält man sich nicht an diese Ratschläge, so wird man Unfrieden und Leid über sich und andere bringen, doch bestraft wird man nicht. Das geht schon deswegen nicht, weil genau angegeben werden müsste, wofür man bestraft wird. Bei den Geboten ist das aber nicht zu erkennen; denn sie sind sehr allgemein formuliert. Was genau mit ehren, ehebrechen, töten oder stehlen gemeint ist, wird ja nicht gesagt.
So sind die Zehn Gebote kein Gesetz, sondern Fingerzeige für ein gelingendes Leben. Der heb-räische Ausdruck für eine solche Weisheitsrede ist "Tora", auf Deutsch "Weisung".

Leider hat man in biblischen Zeiten schon den Unterschied zwischen Gesetz und Weisung bzw. Recht nicht beachtet und sowohl im II. wie im V. Buch Mose die Zehn Gebote als feierliche Eröffnung dem Gesetz vorangestellt, sodass sie als Teil des Gesetzes erscheinen. Das so ent-standene Gesetzbuch hat man dann aber wieder "Tora", also "Weisung" genannt. So ist die Verwirrung vollkommen und hat bei Juden und Christen bis heute üble Folgen gehabt.

Als Jesus lebte, ging der Streit vor allen Dingen um die Themen "Feiertag" und "Ehebruch". Heute wird man angesichts der modernen medizintechnischen Möglichkeiten vor allen Dingen mit dem Gebot "du sollst nicht töten" nicht fertig. Wer sich an diesem Gebot wie an einem Ge-setz orientiert, hat zwei Möglichkeiten.
1. Die eine Möglichkeit besteht darin zu übersetzen "du sollst nicht morden" oder "morde nicht". Man ist damit alle Probleme los; denn es ist klar, was Mord ist. Alle anderen Fragen, was töten heißt, entfallen.

2. Der andere Weg besteht darin, bei der herkömmlichen Übersetzung "du sollst nicht töten" zu bleiben. Wenn das als Gesetz verstanden werden soll, ist man allerdings gezwungen, alles töten zu verbieten, wobei unterstellt wird, dass ein Gesetz auch befolgt werden kann. So setzt man sich hier bekanntlich dafür ein, alles unter Strafe zu stellen, was einen Eingriff in werdendes oder vergehendes Leben bedeutet von der Empfängnisverhütung, Abtreibung, künstlicher Be-fruchtung bis hin zur Sterbehilfe. Merkwürdigerweise haben die Anhänger solcher Denkweise aber zumeist nichts gegen die Todesstrafe oder gegen den Kriegsdienst junger Menschen. Um aus solchen Widersprüchen herauszukommen, machen sie flugs die ganze Bibel zu einem Ge-setz und können dann argumentieren, dass dieses Gesetz ja an anderer Stelle die Todesstrafe und den Kriegsdienst voraussetzt.

Auf beiden Wegen, das Gebot als Gesetz bzw. als Verbot zu verstehen, gerät man also entweder in Banalitäten oder aber in unerträgliche Rechthaberei, Heuchelei oder spitzfindige und wider-sprüchliche Argumentation. Das alles hat Jesus sich drastisch verbeten. In seinen Streitreden hat er es auf die Spitze und damit ad absurdum getrieben, das Gebot als Verbot zu verstehen. Da alles, was gesetzlich verboten ist, bestraft werden muss, nimmt die Gewalt und das Töten kein Ende. Er sagt:

"Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: "Du sollst nicht töten"; wer aber tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: jeder, der seinem Bruder zürnt, soll dem Gericht verfallen sein. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka (Idiot!), soll dem hohen Rat verfallen sein. Wer aber sagt: "Du Tor", soll der Hölle mit ihrem Feuer verfallen sein." (Mt 5,21 f)

Zu anderen Geboten äußert sich Jesus ähnlich. Er lehnt mit solchen Worten Gesetze nicht ab, jedoch den Glauben an Gesetze. Gesetze sind sozusagen als Nothilfe wichtig, um Menschen von den schlimmsten Grobheiten abzuhalten oder abzuschrecken. Bei den Geboten geht es jedoch um etwas anderes. Sie sind denen gesagt, die wissen wollen, wie das denn praktisch geht: "Lie-be deinen Nächsten wie dich selbst". Sie sollen von der Liebe ausgehen und dann wissen sie von allein, was sie tun und lassen sollen, wenn es heißt "du sollst nicht töten".

Nicht von ungefähr haben Paulus und Martin Luther das Gesetz und die Orientierung am Gesetz in den Mittelpunkt ihrer Theologie gestellt und den Menschen kritisiert, der sich am Gesetz orientiert. Aber unsere moderne Welt ist so sehr vom Gesetz abhängig, dass eine Kritik des Gesetzes überhaupt nicht verstanden wird.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu125/rechtundgesetz.htm, Stand: April 2009, dk

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