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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 125 - April 2009


Seid wachsam!

Predigt zum 9. Goslarer Ratsgottesdienst
Marktkirche Goslar, 9. November 2008,
70. Jahrestag der Reichspogromnacht

von Helmut Liersch
(Download als pdf hier)

"Wir wollen wachsam sein!", so haben wir es in der biblischen Lesung (1. Thessalonicher 5, 1-6) gehört, die der Herr Oberbürgermeister gehalten hat, liebe Gemeinde. "Seid wachsam!" - diese Mahnung durchzieht das Neue Testament. "Wenn man euch sagt: seid nur ruhig, es ist alles in Ordnung" - "gerade dann braut sich" etwas zusammen. Diese Warnung steht wie ein Motto über diesem Gottesdienst, aber nicht nur das: sie steht auch über diesem 9. November mit seiner Erinnerung an die Ausschreitungen gegen die jüdischen Mitbürger. Damit erinnern wir uns heute auch an den Beginn der Shoah.

Wir haben seitens der Propstei diesem 70. Jahrestag ein komplettes Wochenende gewidmet. Gestern waren wir den ganzen Tag über auf der Rathausdiele zusammen: etwa 70-80 Menschen, ein Drittel davon Schülerinnen und Schüler waren zum Symposion zusammen gekommen: "Kirche und totalitärer Staat". Wir haben uns der Vergangenheit gestellt und nach Konsequenzen für uns heute gefragte, nach "Lehren" sozusagen.

Zwei Themen sollen heute zur Sprache kommen: einmal die Frage, was "Wachsamkeit" heute heißen kann, "Wächteramt" - für "die" Kirche, für "die" Politik. Und die Frage, die uns durch das Anspiel der Schülerinnen und Schüler so eindringlich vor Augen geführt wurde: jüdische Existenz in einer überwiegend christlich geprägten Gesellschaft…beide Themen gehören zusammen!

Ich beginne mit dem letzteren: Für den Apostel Paulus war es seinerzeit eine Schicksalsfrage. Er selber war Jude - und anfangs hat er die Christen verfolgt. Dann aber erkannte er: das, was da über Jesus von Nazareth erzählt wird, ist etwas Wunderbares, das ist Frohe Botschaft, Entlastung…Und er gibt das weiter, im ganzen römischen Reich reist er umher - und ist fassungslos: Nichtjuden nehmen seine Botschaft freudig an - das hatte er so gar nicht erwartet. Aber Gottes eigenes Volk, Israel: das lehnte ab. Nur wenige Juden wollten akzeptieren, dass Jesus der erwartete Messias ist. Für Paulus war das eine Schicksalsfrage - und für Kirche und Theologie ist es eine Problematik, an der sie katastrophal gescheitert sind. Martin Luther hat sich zu schrecklichen Polemiken verstiegen - dafür muss man sich heute noch schämen!

Die Nazis griffen solche Entgleisungen emsig auf und unterfütterten damit den Judenhass. Eine große Schuld von Kirche und Theologie! Hätte man Paulus richtig gelesen, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen! Im Römerbrief sagt er klipp und klar: sie sind und bleiben von Gott erwählt und geliebt! (Röm. 11,28). Was Gott geschenkt hat, nimmt er nicht zurück. Die Verheißungen an Abraham und Sarah, an Isaak und Jakob, an Mose und Mirjam, sie gelten. Aber was Gott zusätzlich getan hat, ist dies: er lässt die Heidenvölker am Heil teilhaben. Eine universelle Öffnung also, eine "Globalisierung" der Heilszusagen könnte man sagen - wenn dieser Begriff "Globalisierung" nicht so negativ besetzt wäre.

Wenn man das nur immer so verstanden hätte. Wir Christen haben an dieser Stelle versagt. Wir haben das, was Paulus hier sagt, verleugnet und verdreht! Jahrhunderte hindurch wurde gepredigt, Gott habe sein Volk endgültig verworfen. An die Stelle Israels sei die Christenheit getreten, das neue Volk Gottes. Die Beerbungs-Theorie. "Wir" haben angeblich die Verheißungen an Abraham und Mose "geerbt", "wir" sind im gelobten Land angekommen; "die Juden" haben ihre geschichtliche Rolle ausgespielt. Ein Irrglaube mit schrecklichen Folgen! Juden wurden ausgegrenzt als Gottesmörder, beschimpft, verfolgt, ermordet… Man hielt sich selbst für klug, wie es bei Paulus heißt. In Wirklichkeit entfernte man sich von der göttlichen Klugheit. Heute nachmittag werden um 17 Uhr in der ganzen Propstei und im Dekanat die Trauerglocken läuten.

Spät, viel zu spät hat es Einsicht und Umkehr gegeben. Man hat Paulus wieder entdeckt: "…was er ihnen geschenkt hat, wird Gott niemals zurücknehmen", heißt es bei ihm eindeutig. Ich freue mich sehr, dass auch in unserer Landeskirche die bleibende Erwählung Israels erkannt und bejaht wird. 2004 bekam unsere landeskirchliche Verfassung eine Präambel. Darin heißt es: "Durch ihren Herrn Jesus Christus weiß die Kirche sich hineingenommen in die Verheißungsgeschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk Israel". Die Synode erinnerte in diesem Zusammenhang auch ausdrücklich an Menschen, die weitsichtiger waren als andere; an Menschen, die der Judenverfolgung widersprachen und Juden schützen wollten und geschützt haben. Namentlich: Georg Althaus, Klaus Kennburg und Julius Seebaß… und man erinnert sich auch jener, die sich nach 1945 für eine Versöhnung von Christen und Juden einsetzten - und da ist ausdrücklich Charley Jakob in Goslar genannt, der das Konzentrationslager überlebt hat.
Es ist natürlich wohltuend zu hören, dass keiner unserer Pfarrer hier in Goslar Nazi oder "Deutscher Christ" war… vielleicht auch deswegen, weil man hier hautnah die Entwicklung dieser "Blut-und-Boden"-Ideologie mitbekam… so eine These von Peter Schyga, der im Auftrag der Propstei zur Zeit die Zeit des Nationalsozialismus im Blick auf die Rolle der Kirche in Goslar untersucht. Was für die Kirche gilt, das gilt auch für die Kommune damals, für die Bürgerschaft, die Lehrer, die Kulturschaffenden, die Politiker, die Presse, den Oberbürgermeister… Auch da ist noch viel zu erarbeiten.

Und damit komme ich zum anderen Teil. "Seid wachsam"!, diese Mahnung gilt nicht allein für Menschen, die der Kirche nahestehen. Sie gilt für alle! Ein "Wächteramt" haben wir alle! Gern wird es ja der Kirche zugeschoben, so in dem Sinne, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer dafür sorgen sollen, dass aus den jungen Menschen anständige Leute werden, die höflich sind, nicht stehlen und "was Ordentliches" lernen, Familien gründen und nicht fremdgehen. Das ist alles irgendwie richtig - aber eine Verharmlosung der Aufgabe der Kirche. Für Sitte und Anstand ist jeder Mensch zuständig, es ist uns Menschen gesagt, was gut ist, es hat längst Eingang gefunden in das Grundgesetz, in die Menschenrechte und in die europäischen Verfassungs-Versuche…

Unser Thema sind nicht kleinbürgerliche Moralvorstellungen - es geht um Menschenwürde. Als Christen sagen wir mit den Juden: der Mensch ist Ebenbild Gottes. Aber auch, wenn man das nicht glaubt, hat man die Würde des Menschen zu achten, unabhängig von seiner Herkunft und von dem, was er oder sie zu leisten im Stande ist. Damit sind wir voll drin in den zentralen Themen unserer Zeit. Da greift das "Wächteramt", das uns allen aufgetragen ist. Ist wirklich die Würde jedes einzelnen Menschen das unverrückbare Leitbild in unserer Gesellschaft? Oder geht es nicht doch viel zu viel um Gruppeninteressen, um Lobbyismus, um Macht?

Beispiel: Guantanamo! Seit Barack Obama gewählt ist, sind alle dagegen, waren immer dagegen… - o Wunder…, ich habe es so nicht gehört, als die Folterungen bekannt wurden, ….; jetzt sind auch fast alle gegen den Irak-Krieg, geben sich empört über die Lügen, auf denen er basiert. All diese Empörung hätte man gern eher gehört, mutiger, gern auch gegen die Wucht der veröffentlichten Meinung, auch gegen die Vorgaben aus Parteizentralen und ohne Rücksicht auf internationale Partnerschaften… "Seid wachsam!" - leicht ist das nicht! Wir müssen uns dabei gegenseitig unterstützen! Das gilt auch für die Probleme hier vor Ort! Wie helfen wir Kindern, deren Eltern den Schulalltag nicht mehr finanzieren können? Welche Perspektiven entwickeln wir für Menschen, deren Arbeitsplatz verloren geht? Welche Zuflucht bieten wir den seelisch Verwundeten in unserer Stadt? Wie integrieren wir Fremde? Zum Glück darf man es seit einigen Wochen ja wieder deutlicher sagen: unsere Marktwirtschaft hat eine qualifizierte zu sein, deshalb trägt sie das Adjektiv "sozial". Auch dies ist ein Gegenstand für erhöhte Wachsamkeit!

Aber das Fordern und Mahnen ist nicht alles und ist nicht das Letzte. Hier in der Kirche begegnet uns etwas darüber hinaus. Wir dürfen bekennen - und haben das ja vorhin getan: selbst bei bestem Willen können wir nicht dafür garantieren, dass wir alles richtig machen. Wir scheitern immer wieder mit unseren guten Absichten, wir erschrecken: es gibt eine Freiheit zum Falschen. So ist schuldig werden ein Merkmal, das uns alle eint… Zum Glück gibt es etwas außerhalb von mir, den Un-Bedingten, Gott. Wo meine Kräfte nicht reichen, schenkt er sie mir, - oder er stellt mir Menschen an die Seite, die an meiner Stelle handeln. Wo ich Fehler mache, zerstört das nicht meine Person, meine Würde. Das meinen wir, wenn wir sagen: wir können, ja, wir brauchen uns nicht selber zu erlösen. Das hat Gott für uns getan. Amen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu125/seidwachsam.htm, Stand: April 2009, dk

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