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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 126 - Mai/Juni 2009


Berlin - vorbildlich für den Religionsunterricht in einer säkularen Welt

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

Es gehört zu meinen schönsten Erinnerungen an das geräumige Offleber Pfarrhaus, wenn Jugend- oder Erwachsenengruppen zur Übernachtung zu Besuch kamen. Dazu gehörte auch der regelmäßige Besuch des Katechetischen Seminars von Berlin unter Leitung von Udo Kelch. Ich fand prima, was sie erzählten. In Berlin war der Religionsunterricht ganz unter der Verantwortung der Kirche. Die Landeskirche bildete aus, und schickte die Lehrer, bzw Katechetinnen /Katecheten in die Berliner Schulen. Der Senat bezahlte die Lehrer und stellte die Räume. Mit dem Unterbringen des Religionsunterrichtes im Stundenplan gab es kein Theater, jedenfalls nicht mehr als anderswo auch.
Da waren Staat und Kirche säuberlich getrennt, aber man vertrug sich. Religion war freiwillig und erschien auch nicht auf dem Zeugnis.

Dieser Unterricht wurde von der Grundschule Klasse 1 bis zum jeweiligen Schulabschluss gegeben. Hunderttausende von Berliner Mädchen und Jungen haben auf diese Weise Religionsunterricht erlebt. So war es im Westen und nach dem Mauerfall 1989 sogar im Osten.

Mein Bekannter Thomas unterrichtete an den Schulen in Hellersdorf, wo etwa 5 % der Bevölkerung der ev. Kirche angehören. Trotzdem nahmen zum größten Teil die Schülerinnen und Schüler der Grundschule am Religionsunterricht teil. Im Gymnasium waren es dann sehr kleine Gruppen, etwa 6- 10 Schüler von einem Jahrgangskursus. Aber immerhin! Und in Köpenick und Mitte (beides früher Ost) war die Beteiligung besser.

Angesichts dieser Situation von einer atheistischen Stadt zu reden, finde ich haarsträubend.

Nun kam die Situation mit der Gewalt an den Schulen und der Senat führte 2006 zusätzlich (!) für die Klassen 7-10 das Pflichtfach Ethik ein. Das Problem dieser Sache war, dass der Senat überhaupt keine Lehrer hatte, die Ethik geben konnten und oft genug auf die Lehrkräfte von früher mit der berüchtigten Staatsbürgerkunde zurückgreifen musste. Die Religionslehrer durften keine Ethik geben. Und es gab auch besonders im Ostteil unerquickliche Situationen. Beispiel eines anderen Bekannten: er will im Deutschunterricht was über Sprache vermitteln und benutzt als Einstieg die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Kennt die einer? Keiner. Also das war so: Steht ein Mädchen auf und schreit: Sie dürfen hier nichts aus der Bibel vorlesen. Soweit - so typisch. Aber in dieser Situation freiwilligen, vom Staat bezahlten Religionsunterricht anbieten zu können, ist doch toll.

Nun kam die Kampagne: Religionsunterricht als Pflichtfach. Religionsunterricht oder Ethikunterricht. Damit war eine jahrzehntelange Tradition zur Disposition gestellt. Es war zunächst eine Elterninitiative mit dem irrefühenden Titel "Pro Reli", meist von Eltern, die aus dem Westen nach Berlin umgezogen waren und nun westliche Verhältnisse auch an ihrer Schule erwarteten.
Der führende Kopf hieß Lehmann, katholisch und CDU Politiker, aber netter Kerl.

Für die Einreichung eines Volksentscheids waren immerhin paar zehntausend Stimmen nötig. Die Religionslehrer waren zurückhaltend und wünschten keine Veränderungen der schulischen Lage. Die Stimmen für die Durchführung eines Volksentscheides kamen zusammen und so kam es zum Wahlkampf.

Berlin wurde in einen "Kulturkampf" gestürzt. Es wurde der Eindruck erweckt, als ob es früher überhaupt keinen Religionsunterricht gegeben habe und Religionsunterricht erst eingeführt werden sollte. Nun beteiligten sich auch die Religionslehrer an der Kampagne "pro Reli". Vor allem: Bischof Huber beließ es nicht bei der Elterninitiative, sondern die Berliner Synode unterstützte die Kampagne und das Konsistorium machte Kirchensteuergelder locker. Nun ergriff auch der Senat Partei, denn es hatte sich eine andere Gruppe "pro Ethik" gebildet, die es bei dem bisherigen Zustand belassen wollte, also auch für Religionsunterricht war, aber freiwillig und bezahlt und in den Schulenräumen und außerdem Ethik. Das Ganze geriet in den Parteiensumpf. CDU natürlich dafür, Linke natürlich dagegen. Promis wurden mobilisiert. Merkel dafür, Momper (Senatspräsident, SPD) dagegen. Auch dieser Kasper vom Ratefernsehen (Jauch) dafür, ein Hertha Fußballer auch dafür. Die Pfarrer wurden eingespannt und mussten zu Weihnachten Unterschriften sammeln. Einer, der öffentlich dagegen war, wurde aufs Konsistorium bestellt. Plakate über Plakate. "Fronten verhärtet" (EZ 19.4.), "ein Glaubenskonflikt geht zu Ende" (Hamburger Abendblatt),

2,45 Millionen Berliner konnten am 26.April wählen. Zum "Sieg" war nicht die Mehrheit der 2,45 Millionen erforderlich, sondern nur 25 % der Wahlberechtigten also 613 355 Berliner und - klar - mehr Ja als Neinstimmen.. Die Abstimmung wurde zu einem Reinfall für die Initiatoren und für Bischof Huber: es kamen nur 29, 2 % zur Wahl und davon stimmte die Mehrheit (51,3 %) für Nein. Das waren 14 % aller Wahlbeteiligten. Auf deutsch: die Berliner interessierten sich nicht für die Wahl. Es war schönes Wetter, sie gingen in die Sonne und ins Grüne. Es sollte so bleiben, wie es war und ist. "Berliner sind helle", kommentierte Momper.

Die meisten Berliner gehören ja keiner christlichen Kirche an. Wieviele sind es genau? Im früheren Ostteil der Stadt (heute sagt man "Mitte") sind es wohl zwischen 5 und 15 Prozent der Bevölkerung. In so einer Gegend Religionsunterricht als Pflichtfach einzuführen, ist ja ein Irrsinn. Der Initiator von pro Reli Lehmann zeigte sich überrascht und tief enttäuscht. Schon Adenauer war Berlin immer unheimlich.
Hubers Kommentar: Es ginge eine Kluft durch die Stadt. Aber das ist bei 14 % Zustimmung aller Berliner reichlich analyseschwach. Bischöfe können nicht verlieren. Und prompt münzte Huber dann auch die schwere Niederlage in einen Sieg um. Religion wäre mal wieder ein Thema in der Stadt gewesen. Ja, aber wie?

Landesbischof Weber "äußerte sich zum Streit in Berlin" und wurde dazu von der BZ am Samstag vor der Wahl zitiert: "Es ist wichtig, dass auch in Zukunft der Religionsunterricht an unseren Schulen didaktisch, fachlich und rechtlich in dem Rahmen erteilt wird, den unsere Verfassung vorsieht" (BZ 25.4.09). Wollte er damit sagen, das der Unterricht der von der Kirche ausgebildeten Religionslehrer (jetzt Ev. Fachhochschule) didaktisch und fachlich nicht kompetent gewesen ist? Hängt das davon ab, dass der Religionsunterricht freiwillig oder Pflichtfach ist? Wie kompetent wird denn der Religionsunterricht an den Braunschweiger Berufsschulen erteilt?

Frau Huber bestätigte am Wahltag, dass ihre Familie durch den Wahlkampfeinsatz ihres Mannes schwer gestresst wäre. Nun ist das Porzellan zwischen Senat und diesem Bischof zerdeppert. Hubers Kommentar, man müsse nun mit dem Senat über den Ethikunterricht sprechen, ist ja blanker Hohn. Das hätte der Bischof auch ohne Volksentscheid tun können. Ein anderer Kommentar lautete: "Nun müsse die Kirche auf den Senat zugehen. Warum eigentlich? Es war mal wieder ein Reinfall der von Huber so glaubwürdig vertretenen Arroganz der Freiheit. Aber dazu an anderer Stelle mehr.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu126/berlin.htm, Stand: Mai 2009, dk

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