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[Kirche von Unten]

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Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 135 - Mai 2012


Über die Heilung des Gelähmten
Predigt am 19. Sonntag n. Trinitatis 6.10.1991

von Hans Martin Brackhahn
(Download als pdf hier)

Liebe Gemeinde!
In der Geschichte von der Heilung eines Gelähmten wird etwas erzählt, was wir gut verstehen und auch bejahen. Anderes in dieser Geschichte ist allerdings schwerer verständlich. Damit werden wir auf den ersten Blick wenig anfangen können. Aber lassen wir uns einmal auf diese Geschichte ein.

Da ist ein Mann mit einem schweren Schicksal. Er ist vollständig gelähmt. Trotzdem ist er in einer Hinsicht gut dran. Er hat Freunde, die auch in seiner Krankheit zu ihm stehen. Sie tragen ihn mit seiner Krankheit, nicht nur im buchstäblichen Sinne mit ihren Händen. Sie glauben daran, daß er wieder gesund werden kann. Deshalb lassen sie nichts unversucht, um ihm zu helfen. Sie tragen ihn nicht nur dort hin, wo Jesus sich aufhält. Sie lassen sich nicht einmal dadurch abweisen, daß wegen vieler Menschen zu Jesus kein Durchkommen ist. Sie tragen ihn die Außentreppe des Hauses hinauf bis auf das Dach, stemmen ein Loch hinein und lassen den Kranken auf Seilen auf den Boden herunter. Jesus soll ihn vor allen anderen im Blick haben. Zwar gehört das Haus Jesu Familie. Aber auch die wird über ein Loch im Dach des Hauses nicht erfreut sein. Wie die Geschichte auch immer ausgeht, sie mußten bereit sein, für den Schaden aufzukommen. Mit solchen Freunden in der Not wird es selbst im dunklen Leben hell.

Ein Sprichwort zeigt, daß es meistens anders ist. Freunde in der Not gehen auf ein Lot. Bei einem Kondolenzgespräch wurde mir kürzlich gesagt: Von den Arbeitskollegen hat ihn in den fast zwei Jahren seiner schwerden Krankheit nicht ein einziger besucht. Sie waren erst bei der Beerdigung wieder da. Glücklicherweise hatte dieser Kranke eine Frau, die ihn Tag für Tag begleitet und Licht in das Dunkel seiner Krankheit gebracht hat. Sogar nach dem Ende des Kampfes, bei dem Kondolenzgespräch, war von diesem Licht noch etwas sichtbar. Solche Menschen, die uns nicht verlassen, wünschen wir uns in unserer Not. Solche Menschen möchten wir wohl auch selber sein. Aber dazu gehört große Liebe, starke Kraft und viel Geduld.

Dieser Teil der Geschichte ist sehr einleuchtend. Mit der nächsten Szene bekommen wir unsere Schwierigkeiten. Jesus wendet sich dem Kranken zu, der da überraschend von oben vor seine Füße gelegt wird. Er ist bewegt von der Freundschaft und dem Vertrauen, die ihm in den fünf Männern begegnen. Aber Jesus reagiert ganz anders als wir von ihm erwarten. Er geht nicht auf das ein, was der Kranke und seine Helfer von ihm erhoffen. Er geht nicht zuerst auf die Krankheit ein. Er sagt vielmehr: Dir sind deine Sünden vergeben.

Warum tut Jesus, was nicht nur uns heute befremdet, sondern den Kranken damals vermutlich weh getan hat? An anderer Stelle wird deutlich: Jesus meint nicht, wie viele damals und manche auch noch heute: Hier leide ein Mensch sichtbar vor anderen unter dem Zorn Gottes. Ich meine, es ist vermessen und gotteslästerlich, anderen ihr Leiden deuten zu wollen. Nur der Leidende selbst kann in seinem Glauben an Gott den tieferen Sinn des Leidens entdecken. Und diese Entdeckung ist Gnade.

Für Jesus gibt es auch nicht die beiden Arten von Menschen, von denen die einen Gottes Willen tun und die anderen seinen Willen nicht tun. Er meint auch nicht, daß die einen deshalb die Vergebung eigentlich nicht brauchen und die anderen, weil sie sich doch nicht ändern, unter dem Zorn Gottes bleiben.

Sünde hat für Jesus nicht in erster Linie mit Moral zu tun, erst recht nicht mit einer bestimmten Moral. Sünde ist für ihn zu allererst ein gestörtes Gottesverhältnis. Der Strom des Lebens, der aus dem lebendigen Gott kommt und Urgrund unseres menschlichen Daseins ist, der ist gestört. Er ist gestört, weil wir falsch leben. Er ist gestört, weil wir auf den Tod und nicht auf das Leben aus sind. Aber Gott will nicht unseren Tod und unser Verderben. Gott will unser Heil. Das glaubt Jesus. Deshalb wendet er sich ganz Gott zu. Auf diese Weise läßt er sich von der Liebe Gottes zu den Menschen bestimmen. Das soll nicht nur für ihn Gültigkeit haben, sondern auch für andere Menschen. Deshalb kann er sagen: Dir ist deine Sünde vergeben. Der Lebensstrom Gottes will auch in dir wieder fließen. Weil wir diesen Strom der Liebe Gottes immer wieder nicht in uns fließen lassen, deshalb meinen wir es mit uns selbst und anderen nicht gut.

In diesen Tagen geschehen in unserem Land schreckliche Dinge. Brandflaschen werden in Asylantenheime und Aussiedlerunterkünfte geworfen. Menschen, die bei uns wohnen, haben Angst um ihr Leben. Sie fürchten, daß ihren Kindern etwas angetan werden könnte. Es ist zu einfach, wenn wir sagen: Das sind doch nur ein paar Rechtsradikale. Das sind Skinheads, mit denen die Polizei fertig werden muß. Von vielen wird dann noch der Satz dazu gesetzt: Vor allem aber müssen unsere Grenzen dicht gemacht und die abgeschoben werden, die sich hier zu unrecht aufhalten. Ich denke, mit solchen Gedanken und Worten bleiben wir ganz an der Oberfläche des Problems. Wir dringen nicht zu dem durch, was das alles mit uns und unserem Verhältnis zu Gott zu tun hat.

Natürlich dürfen wir weder Brandflaschenwerfer noch Polizistenmörder gewähren lassen. Wir müssen dafür sorgen, daß kein Mensch bei uns sich Sorge darum machen muß, andere könnten sein Leben und seine Gesundheit gefährden. Aber die Brandflaschenwerfer sind auch nicht der Abgrund des Bösen, die man nur einsperren muß und dann wird alles gut. Es sind die Zukurzgekommenen im Leben. Viele in unserem Land haben Angst, "die Fremden könnten ihnen eines Tages die Haare vom Kopf fressen". Bei den Gewalttätern, die häufig nur zu einer primitiven Lebensanschauung fähig sind, entladen sich diese allgemeinen Ängste in Kurzschlußhandlungen.

Wir sollten dagegen Gottes Güte mehr vertrauen. Denn er ist es, der über Gerechte und Ungerechte regnen läßt, der uns und die Fremden bei uns liebt. Wenn dieses Vertrauen uns mehr bestimmen würde, dann wäre weniger Angst und Sozialneid und mehr Bereitschaft zum Teilen bei uns. Dann lebten wir nicht nur im Wohlstand, sondern auch in einer tiefen Freude und Zufriedenheit. Dann gebe es weniger Gewalttäter unter uns.

Vielleicht haben Sie jetzt mehr und besser verstanden, warum Jesus nicht zuerst auf den Wunsch nach der äußeren Heilung eingeht, warum er die Sünde, unsere gestörte Beziehung zu Gott anspricht.

Der Schluß der Geschichte zeigt eigentlich, wie richtig Jesus auf den Gelähmten reagiert hat. Als er ihm sagt: Steh auf, nimm dein Bett auf die Schulter und geht auf eigenen Füßen nach Hause, da gelingt das dem Kranken auch. Während er vorher von vielen Männern getragen werden mußte, kann er nun sein Bett selber tragen. Er kann mit seinem eigenen Schicksal fertig werden. Er versucht, auf eigenen Füßen seinen Weg zu gehen.

Wo der Strom des Lebens Gottes wieder fließt, kann Heil und Heilung erfahren werden in unserem eigenen leiblichen Leben ebenso wie im Organismus unserer Städte und Dörfer, unserer Länder und Kontinente. Damit ist nicht alles gut geworden und in Ordnung gekommen. Aber wir müssen uns den Krankheiten des Leibes und den schlimmen Entwicklungen im Zusammenleben von Menschen nicht einfach ergeben. Wir finden Hoffnung und Kraft , dort wo sie gebraucht werden. Wir entdecken Wege, auf denen wir gehen können und Antworten, die weiterhelfen. Amen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu135/brackhahn.htm, Stand: Mai 2012, dk

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