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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 135 - Mai 2012


Hans Martin Brackhahn

von Geert Beyer
(Download als pdf hier)

Aus meinen Erinnerungen an Hans-Martin Brackhahn möchte ich zwei auswählen und ihm zum Gedenken noch einmal schildern:

Eine dünne Schneedecke liegt über den Gräbern des Friedhofs Jammertal. Mehr als 3000 Zwangsarbeiter, Opfer des Naziregimes in Salzgitter, liegen dort begraben. Die Wege zu den verschiedenen Mahnmalen der Nationen sind markiert. Ein kalter Novembersonntag, Abschluss der Friedensdekade, 15 Uhr. Der Propsteiposaunenchor intoniert „Herr, gib uns deinen Frieden“. An die 100 Mitglieder der an der Friedensgebetskette beteiligten Gemeinden gehen zu den einzelnen Gedenkstätten. Ein Wort der Erinnerung, ein kurzes Gebet und der Kanon: „Herr, gib uns deinen Frieden.“ Abschließend am Mahnmal der Alliierten wird noch einmal das Friedensgebet gesprochen, das uns die ganze Woche Tag und Nacht in der St. Andreaskirche begleitet hat.
Hans -Martin Brackhahn, 1974 – 1994 Propst in Salzgitter-Lebenstedt, hat die Tradition des Friedensgebetes aus Dresden übernommen. In der bewegten Zeit der Nachrüstungsdebatten in Ost und West war diese alte mönchische Tradition Ausdruck der Friedenssehnsucht in der vom Krieg so gezeichneten Stadt Dresden. Eine Woche lang steht eine Kirche Tag und Nacht offen und lädt ein zum Gebet für den Frieden. Jeweils nach einem Stundenschlag wird ein vorbereitetes Stundengebet gesprochen. In meiner ganzen Amtszeit in mehreren Propsteien hat es keine Veranstaltung gegeben, die so viele Gemeinden in einem gemeinsamen Engagement miteinander und mit der Bevölkerung so eng verbunden hat, wie dieses Friedensgebet.
In ebenfalls lebhafter und guter Erinnerung sind die mehrtägigen Pfarrkonvente in Amelungsborn. Das lag nicht nur an dem spirituellen Ort im schönen Weserbergland. Es war die Art und Weise, in der dienstliche und persönliche Probleme angesprochen werden konnten. Hans Martin Brackhahn und Lothar Mischke haben es verstanden, Offenheit und Vertrauen im Umgang miteinander zu ermöglichen. Das führte zu so intensiven und tief gehenden Gesprächen, wie ich sie in keinem anderen Konvent erlebt habe. Überhaupt entsprach es seiner Persönlichkeit, Probleme geradlinig und offen anzusprechen, ohne dabei seine Solidarität aufzugeben. Diese Atmosphäre der Solidarität und Verlässlichkeit habe ich in besonderer Weise in den Jahren 1991/92 spüren können, als meine Frau und Mutter von vier Kindern erkrankte und starb. Hans Martin Brackhahn hat sich vor seine Pfarrer gestellt, auch in so kritischen Phasen wie in der Zeit des wilden Huhns in Salzgitter, an die sich die älteren Amtsbrüder noch erinnern. Solidarität, Geradlinigkeit und Kompetenz - Wenn ich nun aus räumlicher und zeitlicher Distanz heraus die derzeitigen Probleme der Kirche und der Diakonie betrachte: Ein Mann wie Hans Martin Brackhahn täte uns heute gut.
Geert Beyer, Pfarrer im Ruhestand
Dresden

Am 25. April wurde Hans Martin Brackhahn auf dem Friedhof in Drübeck, wo er in den letzten Jahren mit seiner Familie gelebt hat, bestattet. In der Trauerfeier nahm der Pfarrer von Heimburg, Nachfolger von Irene Sonnabend, Bezug zur letzten Predigt, die Hans Martin Brackhahn wenige Tage vor seinem tragischen Unfall im November 2006 gehalten hatte. „Die Zeit drängt“, diese eschatologische Aufforderung zu einer bewussten und dem wirklichen Wert des Lebens entsprechenden Haltung war im Nachhinein eine Vision des eigenen bevorstehenden Lebens. Die letzten fünf Jahre seines Lebens war er nach einer langen Zeit im Koma an Bett und Rollstuhl gebunden. Seine Sprache erlangte er nicht wieder. Jedoch bereits bei meinem ersten Besuch wurde sofort deutlich, dass er von dem, was seine Persönlichkeit ausmachte, nichts verloren hatte. Im Gegenteil. Die Sprache der Augen, die ohne Worte auskommt und sagt, was Worte nicht zu sagen vermögen, beherrschte er ganz. Ich saß an der Seite eines Menschen, der keineswegs verzagt und mutlos war, sondern voller Anteilnahme und Lebenserwartung wie in früheren Zeiten und ging jedes mal ermutigt und erfreut. So war die Trauerfeier konsequenter Weise ein Ostergottesdienst, der seine Handschrift trug. Das Fürbittgebet, von seinen Söhnen gesprochen, hatte er selbst verfasst. Dass ausschließlich Osterlieder gesungen wurden, war ganz in seinem Sinn. Der Schlusschoral, „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“, aus der Johannespassion von Joh. Seb. Bach war sein Wunsch. Dass ich dieses Stück auf dem Klavier spielen und ihn anschließend mit zum Grab tragen durfte, war nicht nur eine große Freude, sondern auch ein Ausdruck der Verbundenheit zu einem Menschen, der nicht nur als Propst, sondern als Mensch für mich eine besondere Bedeutung im Leben hat.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu135/propstbrackhahn2.htm, Stand: Mai 2012, dk

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