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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 135 - Mai 2012


Nächstenliebe und Transplantation

von Eberhard Fincke
(Download als pdf hier)

Da die Transplantationsmedizin auf mehr Bereitschaft zur Organspende drängt, versuchen die Politiker mit einem neuen Transplantationsgesetz den moralischen Druck zu erhöhen und viele Sprecher der Kirchen bemühen zu dem selben Zweck das Evangelium. Für nicht Wenige von ihnen, auch für den Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Braunschweig, Professor Dr. Friedrich Weber „ist die Organspende Ausdruck christlicher Nächstenliebe und Solidarität“. Aber passt das zusammen?
Als der Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gesagt und aufgeschrieben wurde, war man weit entfernt davon, so wie heute zwischen Körper und Geist zu trennen und den eigenen Körper wie einen Gegenstand oder ein Werkzeug zu behandeln. Man war medizinisch weitgehend auf die Selbstheilungskräfte des Körpers angewiesen, mit denen man nur partnerschaftlich umgehen kann wie mit einem Freund oder mit Gott. Wir alle reagieren abweisend, wenn uns ein Mensch, Partner oder Freund instrumentalisieren, steuern oder gar zwingen will. So schließen sich Partnerschaft und Instrumentalisierung gegenseitig aus.
Die Liebe nun gehört zweifellos auf die Seite des partnerschaftlichen Umgangs, die Transplantation auf die andere Seite. Sie bildet vorläufig den Höhepunkt in der Entwicklung, den Körper zu instrumentalisieren, uns also von der Partnerschaft zu entfernen, von der wir doch alle leben. Den so gewachsenen Zwiespalt zwischen dem, was wir können und dem, was wir dürfen, erfahren besonders alle, die sich in der Regel plötzlich vor das Hirntod-Problem gestellt sehen. Doch auch alle Transplantierten leiden mehr oder weniger daran, dass sie die Selbstheilungskräfte ihres Organismus fortan lebenslang durch Medikamente herabsetzen müssen, um ihn zu zwingen, das eingepflanzte Organ anzunehmen.
Natürlich hängen wir alle am Leben, doch gerade weil die Angst vor dem Sterben uns dazu treiben kann, alle Rücksicht zu vergessen, sollten wir genau hinschauen, um zu wissen, was wir tun. Setzen wir in unserer berechtigten Angst vor dem Sterben auf die Transplantationsmedizin, suchen wir das Leben in der Instrumentalisierung des Körpers, obwohl wir es im Grunde dem Partnersein verdanken. Ist da die Rede von der Nächstenliebe nicht etwas vorschnell? Wird jener Widerspruch von uns vertuscht und verwischt, der aber dann in einer konkreten Situation umso schmerzlicher aufbricht?
Bei der Neufassung des Organspendegesetzes geht es um Situationen, in denen ein Mensch und seine Ärzte bis zuletzt um sein Leben kämpfen und der andere ebenfalls mit seinen Ärzten um sein Leben kämpft. Glücklicherweise wissen beide nichts voneinander; denn der Erste will eigentlich leben und sein Organ behalten und der Andere braucht dieses Organ, weil er am Leben hängt. In solcher Beziehung zueinander kann von Liebe keine Rede sein, im Gegenteil.
Die Instrumentalisierung und Technisierung in allen Lebensbereichen führt uns heute immer öfter in Situationen, die uns zur Ehrlichkeit herausfordern, wenn wir sie bestehen wollen. Theologie und Kirche könnten das erleichtern, wenn sie selbst diese Kunst einübten.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu135/transplantationsmedizin.htm, Stand: Mai 2012, dk

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