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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 137 - August 2015


Aus der Landeskirche

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

* Im Mai bald nach seinem 86. Geburtstag besuchte Altbischof Müller die Brüdernkirche, Braunschweig, wo er vor dem lutherischen Konvent in einem Vortrag seine ablehnende Haltung zu den Vorbereitungen auf das Reformationsjubiläum 2017 wiederholte, die er bereits vor der VELKLD Synode vorgetragen hatte. Es waren dazu zahlreiche auswärtige Zuhörer erschienen.

* Seit Monaten hängen an der Braunschweiger Katharinenkirche am Gerüst für die Dachsanierung drei Stofffahnen. Auf einer ist der Satz der Stuttgarter Erklärung von 1945 zu lesen: „Durch uns ist unendlich viel Leid über die Völker gebracht worden.“ Das war vor 70 Jahren. Und heute?
Von dem Braunschweiger Dom flatterte ebenfalls eine Stofffahne, aber mit dem Clausewitzzitat: „Frieden ist das Ziel des Krieges“. Das war eine Ankündigung für eine Lesung im Dom. Das Zitat passte nicht zu 1914, nicht zu 1945 und zu keinem Krieg danach. Es ist einfach ein schwerer Irrtum eines Militärs, zu dem sich die Dompredigerin auf Anfrage der BZ. nicht bekannte. Das Zitat passt allerdings zu dem Domsympathisanten und Nachbarn Borek, der Briefmarken aus dem Endkampf des Großdeutschen Reiches mit Wehrmachtsbildchen 1945 zum verbilligten Preis anbietet: 9,95 statt 19,95 Euro.

* Eine Ausstellung über die Frauen der Reformatoren in der Petrikirche fand leider nicht das erwartete Echo. Mitglieder des Kirchenvorstandes hatten sie in Halle a.d.S. entdeckt und mit Mühe und Liebe in der Petrikirche aufgebaut. Die Männer der Reformation stehen ja immer im Vordergrund. Es ist wichtig, dass sie mal in den Hintergrund treten. Allerdings war zum Besuch die dazu nötige Öffentlichkeitsarbeit zu mager.

* Im Zusammenhang mit dem Propsteiprojekt „Kirche 1945“ fand in der Andreaskirche eine von Dr. Albrecht sehr sorgfältig vorbereitete Foto-Ausstellung der zerstörten Stadtkirchen statt, die Anklang fand. Die Ausstellung verzichtete auf eine nähere Beschreibung der Gründe der Zerstörung der Innenstadtkirchen.

* Im Zusammenhang mit diesem Projekt hielt Pfarrer Jünke einen quellensatten, gehaltvollen Vortrag im Katharinengemeindesaal über das Schicksal des Stadtkirchenverbandes in jenen Umbruchjahren. Dazu hatte er zahlreiches unveröffentlichtes Material bearbeitet. Dieses Thema sollte nach Abschluss der Arbeit veröffentlicht werden. Die Beteiligung aus den Mitgliedern des Arbeitskreises Kirchengeschichte, dessen Vorsitzender der Referent ist, war leider dürftig.

Zu demselben Jahresthema 1945 veranstaltete die Kirchengemeinde Destedt mit erstaunlicher Beteiligung der Kirchengemeinde eine Ausstellung unter dem Gesichtspunkt „wie die Flüchtlinge zu uns kamen“. Vor der Kirche waren Fuhrwerke und Geräte aufgebaut, innen hatte der Heimatpfleger unermüdlich Briefe und Dokumente aus der Dorfbevölkerung gesammelt und kommentiert veröffentlicht. Zum Themengottesdienst kam Pfarrer Posten mit einem Köfferchen in den Altarraum, mit dem ein Gemeindemitglied seinerzeit aus dem Osten geflüchtet war, und meditierte über dessen Inhalt.

* Die Ev. Erwachsenenbildung veranstaltete im Juni drei Vortragabende zum Thema der Rückkehr Wolfenbüttler Juden in ihre Heimatstadt Wolfenbüttel nach 1945 unter dem Thema „Zurückgekehrt aber nicht heimgekommen“. Frau Salzmann konnte jeweils ca 40 BesucherInnen im Vortragssaal des sehr geschickt zur Stadtbücherei umgebauten Wolfenbüttler Bahnhofs begrüßen, wo Jürgen Kumlehn kenntnisreich und quellensatt das Thema ausbreitete. Kumlehn konnte sich dabei auf sein umfangreiches Buch „Jüdische Familien in Wolfenbüttel“ 480 Seiten, 2009 bei Appelhans erschienen, stützen. Am dritten Abend wurden außerdem von Pfr.i.R. K. Adloff Gedichte des Wolfenbüttlers Esberg aus dem holländischen Exil nachdenklich und stimmungsvoll vorgetragen. Die Gedichte sollen noch in diesem Jahr in Buchform erscheinen. Es waren insgesamt bedrückende Vorträge, weil der furchtbaren Ausgrenzung und Vertreibung vor 1945 eine zweite nach 1945 folgte. Nazis konnten weitermachen, jüdische Mitbürger waren nach wie vor unerwünscht.
Jürgen Kumlehn, Jahrgang 1945, ist gebürtiger Watenstedter und in seiner Jugend vom Watenstedter Pfarrer Klaus Rauterberg entscheidend geprägt. Rauterberg wechselte 1968 in die Hannoversche Landeskirche und gründete in Sievershausen ein weithin beachtetes Friedenszentrum. Kumlehn kehrte nach einem Englandaufenthalt, wo er geheiratet hatte, nicht in den erlernter Elektrikerberuf zurück sondern baute in den Neu Erkeröder Anstalten allmählich seit 1973 einen arbeitstherapeutischen Arbeitszweig auf. 2006 ging er dort in den Ruhestand. Für kurze Zeit in der SPD sammelte er kommunalpolitische Erfahrungen bei den Grünen im Kreistag, als jene noch als Schreck des establishments galten. In Wolfenbüttel hat er sich einen Namen durch eine unnachsichtige, gründliche unbequeme Spurensuche gemacht und bezeichnet sich selber als „Erinnerer“. Das wurde in den Vorträgen im Juni wieder deutlich, als er den bruchlosen Übergang des einflussreichen Likörherstellers Mast von der NSDAP im Frühjahr 1945 zur lokalen CDU wenige Monat später beschrieb. Für seine furchtlose Arbeit erhielt Kumlehn den Sievershäuser Ermutigungspreis verliehen. Es ist zu hoffen, dass aus seinem außerordentlich umfangreichren Archiv noch manche kritische Arbeit zur Zeitgeschichte der Region entstehen wird.

* Seit einiger Zeit steht vor der Braunschweiger Schlossfassade eine Abbildung eines Grauen Busses, in dem Behinderte aus den Pflege und Heil-Anstalten ab 1939 deportiert und ermordet wurden. Dazu läuft zur Zeit noch eine begleitende, informative Ausstellung in den sog. Schlosskaskaden. Sie ist auf eine Privatinitiative zustande gekommen, war bereits in einigen Städten – auch in der Reichshauptstadt - längere Zeit zu sehen und ist bedauerlicherweise beim Landeskirchenamt, Propstei und Dom, was die finanzielle Unterstützung betrifft, auf Desinteresse gestoßen. Die Ausstellung ist von Schulen gut angenommen worden. Dazu ist ein lesenwerter Ausstellungskatalog (101 Seiten) und eine weitere Broschüre mit hilfreichen Sachinformationen aus der Feder von Prof. Mauthe unter dem Titel „Mein lieber Papa“ erschienen und in der Ausstellung erhältlich. Sie läuft bis Ende September, ließe sich also noch in den Konfiunterricht einbauen.

* Bis Mitte August ist in der Gedenkstätte Schillstraße eine von Schülerinnen und Schülern der Städte Lodz und Braunschweig erarbeitete Ausstellung zu sehen: „Zwei Städte zu Beginn des Zweiten Weltkrieges.“ Die Ausstellung ist zweisprachig. Das wichtigste Ergebnis ist der Austausch der Schülerinnen und Schüler des katholischen poln. Gymnasium und des Gymnasiums Neuen Oberschule in Bs bei einem jeweils einwöchigen Aufenthalt in den jeweiligen Städten. Es verbindet Friedensarbeit in der Gegenwart und Beschäftigung mit der trüben Vergangenheit. Projektträger ist der Arbeitskreis Andere Geschichte. Es wäre wünschenswert, wenn solche Friedensarbeit von der Landeskirche entdeckt und mitgetragen würde.

* Das Allerletzte
Die Wolfenbüttler Ausgabe der BZ veröffentlichte am 25. Juli unter der Überschrift „Der neue Dorfplatz ist fertig“ das Bild eines Vorabdruckes einer Figur, die den neuen Dorfplatz der Neuerkeroder Anstalten zieren soll: eine junge Mutter mit drei Kindern, das eine ein Junge mit einem Fuchs, das andere ein Mädchen mit einem kleineren Kind im Arm. Alles sehr naturalistisch, für Freunde abstrakterer Kunst eher kitschig, für Kenner zurückliegender Kunstzeiten eine Art Naturalismus, wie ihn die Nazizeit bevorzugte, aber auch heute wieder vorkommt. In Beton, gearbeitet vom Braunschweiger Magnus Kleine-Tebbe.
Auf Kleine-Tebbe stieß ich das erste Mal im Braunschweiger Hauptbahnhof, wo mir ein klobiger Holzkopf im Wege stand, unklar wer das sein soll. Ach Gott, das soll Jesus sein, ein trauriges, ältliches Gesicht, vielleicht dem Turiner Grabtuch nachempfunden. „Solus Jesus Christus“ war in einer Erklärung zu lesen, und dass der Künstler Stipendiat der ev. Studienstiftung Villigst war, und in der Nürnberger St. Sebalduskirche Kirchenführer – er hatte in Nürnberg Bildende Kunst studiert - und war beim Braunschweiger Jürgen Weber Assistent seit 1994. „Der christliche Glaube ist eine Maxime im Leben des Künstlers“, schreibt Claudia Müller in einem biografischen Abriß im Internet. Kleine-Tebbe ist jetzt 48 Jahre. Nach 20 Jahren Braunschweiger Kirchenluft entsteht also dieses inhaltlich völlig daneben geratene Machwerk in Neu Erkerode, denn die hübsche junge Mutter soll die Schöninger Kommunistin Heinemann darstellen, deren zwei Söhne nach Erkerode in die Pflege gekommen waren und nach zwei Jahren 1943 von dort deportiert und bald danach gegen den Protest der Mutter ermordet worden sind. Sie waren nämlich Juden. Daran erinnert an dieser sog. „Erinnerungsskulptur“ nichts, aber auch rein gar nichts. Der Betrachter kann sich aber zu den Deportierten hinzugesellen, auf einem leeren Betonklotz neben dieser Plastik sitzend, in der sicheren Gewissheit, nicht deportiert zu werden. Kleine-Tebbe hätte sich aus der gründlichen Arbeit des verstorbenen Direktors Pfarrer Joachim Klieme informieren können. Wenn er das je gelesen hat, hat er nichts verstanden. Königslutter hat auch einen Erinnerungsort geschaffen, der völlig anders und näher an der fälligen Erinnerung ist. Die Skulptur in Neu-Erkerode ist ein Ausdruck der Geschichtsvergessenheit dieser Landeskirche, und künstlerisch: Die Braunschweiger Kirche an der Spitze der Antimoderne.
Da muss man doch mal die Landeskirche und ihre Pfarrer und Pfarrerinnen in Schutz ne hmen. So doof und rückständig sind wir in unserer Gesamtheit nun doch nicht. Das Jesusbild, das von den Kanzeln gepredigt wird, ist weiß Gott kritischer und tröstlicher.

* Die Gandersheimer Domfestspiele haben die Jesusfigur als Generalthema. Vor dem Dom wird das Musical „Jesus Christus Superstar“ aufgeführt (bis Mitte August), im Dom wurde die Matthäuspassion von J.S. Bach zweimal aufgeführt, in Brunshausen wurde ein Einpersonenstück von Lot Vekemanns vom Christian Doll einstudiert, das sich mit der Gestalt des Judas beschäftigt. Wie wurde dieses Generalthema in den Kirchengemeinden aufgenommen?
Dass Propsteikantor Heubach die von ihm einstudierten Aufführungen wegen innerbetrieblicher Querelen nicht selber dirigieren konnte, ist nicht allen verständlich.
„Vielfalt leben“ hieß das Motto des Posaunentages im benachbarten Seesen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu137/ausderlandeskirche.htm, Stand: August 2015, dk