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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 137 - August 2015


1535 Osterwieck - Halberstadt - Goslar
Varianten der Reformation
und die Rettung der verbotenen Bücher

von Helmut Liersch
(Download als pdf hier)

Ganz herzlichen Dank für die Einladung hierher in das wunderschöne Osterwieck. Die Stadt und die evangelische Kirchengemeinde veranstalten im Mai auf dem Weg zum Reformationsjubiläum im Jahr 2017 nach 2012 erneut ein Reformationsfest. Und ich verstehe den Vortrag heute abend als einen Bei-trag dazu – quasi einen Vorläufer zur inhaltlichen Einstimmung. Die Idee wurde von Ehepaar Thiele an mich herangetragen. Wir haben uns kennengelernt bei der Vorbereitung eines Buches über Spuren der Reformation nördlich des Harzes und bei Tagungen der Staatlichen Geschäftsstelle für das Jubilä-um 2017. In Goslar war ich 11 Jahre Propst (Superintendent) - bis 2011 - und jetzt im Ruhestand habe ich Zeit, mich der Bibliothek der Marktkirche intensiver zu widmen. Die ist eine wahre Schatzkammer der Reformationzeit. Und sie hat ganz viel mit Halberstadt zu tun, und damit mit dem Hochstift und mit den dazugehörigen Städten, also letztlich auch mit Osterwieck.
Wie Sie sicher wissen, gibt es nur wenige Spuren einer frühen Reformation hier vor Ort in Osterwieck (ich meine die 1520er-Jahre). Als frühestes Signal ist ein Ereignis im Jahre 1526 zu werten. Wir wis-sen davon aus Akten des Staatsarchivs in Magdeburg. Da steht, 1526 habe man mit deutschen Liedern den katholischen Gottesdienst unterbrochen. So etwas ist auch aus anderen Städten bekannt. Es han-delt sich um spontane Proteste Einzelner, die mitbekommen hatten, was sich in Wittenberg und in manchen Regionen des Reiches tat. Seit 1523 hatte Luther auch das deutsche Lied als Mittel der Ver-kündigung erkannt. Auf Liedzetteln ging so etwas durchs Land, ab 1524 auch in kleinen Heften, sog. Enchiridien.
Aber es war in altgläubigen Gottesdiensten natürlich dem Volk verboten, in Form geistlicher deutscher Gesänge quasi einen Teil der Verkündigung zu übernehmen! (Da hatte offensichtlich das Konzil zu Basel 1435 ganze Arbeit geleistet, als es verbot, während des Gottesdienstes geistliche Lieder in der Volkssprache zu singen. Im Gottesdienst durfte die Gemeinde hin und wieder ein Kyrie eleis, ein Hal-leluja oder Hosianna anstimmen.) Einen solchen verbotenen Eingriff in die Meßfeier gab es hier in Osterwieck! Und das soll einher gegangen sein mit dem Verspotten eines katholischen Ritus: Des-Weihens von Wasser und Salz, also des Weihwassers, dem früher Salz hinzugefügt wurde. Das Singen und das Verspotten des Weihwassers stehen übrigens in einem engen Zusammenhang! Dinge wie Weihwasser hielt Luther und hielten die Reformatoren (Karlstadt 1520!) für „Narrenwerk“ und sie sagten: „Von Gottes Wort reden und singen …“, das „ist freilich das rechte Weihwasser“ (sc. um den Teufel zu vertreiben). Den Sängern selber dürfte der Magdeburger Vorfall bekannt gewesen sein: Im Mai 1524 hatte ein Tuchmacher auf dem Marktplatz Lutherlieder gesungen und zum Verkauf angebo-ten - und war festgenommen worden. Das führte zu Tumulten und zur Erstürmung des Rathauses. Derartig radikale Vorgänge sind in einer kleineren Landstadt wie Osterwieck nicht zu erwarten – und demgemäß auch nicht überliefert. Aber dennoch: Diesen Mann oder diese Menschen kann man als „Vorreiter“ der Reformation bezeichnen, als Herolde…
Umfangreichere Spuren einer frühen Reformation sind im Prinzip auch nicht zu erwarten. Denn auch im zentralen Halberstadt war ja ein erster Reformationsversuch Anfang der 20er-Jahre gescheitert – darüber werde ich berichten. Aber um das Jahr 1535 wird die Reformation hier greifbar – und 1535 ist auch das Jahr, das in meinen Goslarer und Halberstädtischen Forschungen eine wichtige Rolle spielt.
Zunächst zur Marktkirchen-Bibliothek Goslar! In den 80er- und den 90er-Jahren interessierte sich ein Forscher für die Müntzer-Drucke in der Marktkirchen-Bibliothek Goslar. Dabei machte er eine Entde-ckung, die einen neuen Blick auf die Reformation in Goslar ermöglicht – und bisher nicht beachtete Beziehungen zwischen Halberstadt und Goslar zutage fördert. Ausgangspunkt ist: Der hauptsächliche

Bestand der Bücher aus dem 15. und 16. Jahrhundert wurde nicht in Goslar zusammen getragen, wie man bisher glaubte. Heute lässt sich erklären, wie sie nach Goslar kamen – und dabei eröffnet sich ein reformationszeitliches Panorama mit überraschenden Erkenntnissen. Angestoßen wurde das alles durch den besagten Forscher, der damals eigentlich nur ein paar Bände durchsehen wollte: Es ist Ul-rich Bubenheimer. Ich habe ihn vor drei Jahren „gegoogelt“ und fand ihn, wie ich ein frischer Ruhe-ständler, in Reutlingen. Er war hoch erfreut, dass jemand seinen Forschungsansatz aufnimmt und wei-terführt. Inzwischen haben wir viele Wochen gemeinsam in der Marktkirchen-Bibliothek verbracht und manches Neue entdeckt.
Bei den Goslarer Büchern handelt es sich um eine außergewöhnlich umfangreiche Sammlung von Schriften des Humanismus, der Reformation und der Gegenreformation. Es gibt 115 Inkunabeln und zahlreiche Autographen, mit denen sich bisher niemand beschäftigt hatte. Sie stammen vor allem von der Hand eines Klerikers namens Gronewalt, aber auch von Melanchthon: Ein großartiger Fundus! Es eröffnet sich dabei ein neuer Blick auf überraschend vielfältige Beziehungen zwischen Goslar und Halberstadt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts; gleichzeitig ergeben sich Fragen bezüglich der bisherigen Darstellung der frühen Reformationsgeschichte Goslars. Zentral sind die Personen Andreas Gronewalt und Eberhard Weidensee. Beide waren Kleriker in Halberstadt, der eine ist vor Ort geblie-ben, der andere hatte ein bewegtes Schicksal und wurde schließlich 1533 Superintendent in Goslar. Eberhard Weidensee begegnet uns zunächst als Propst des Augustinerchorherrenstiftes St. Johannis in Halberstadt. r hatte Kontakt zu Andreas Gronewalt. Der ist für die Jahre 1493 (Immatrikulation in Erfurt) bis 1541 nachgewiesen, 1514 als Vikar an der Domkirche und ab 1531 als Vikar am Kollegiatsstift Unser Lieben Frauen. Er dürfte demnach um 1475 geboren sein, war also bei Dienstan-tritt Weidensees 1533 in Goslar an die 60 Jahre. Wir (vor allem Herr Bubeneheimer) sind noch immer dabei, weitere Urkunden zu finden, um das Bild dieses Mannes zu vervollständigen. Seine vita ist quasi im Entstehen. Wir wissen, dass Gronewalt als Notar auch für Ernst von Sachsen und Albrecht von Brandenburg, also die Erzbischöfe von Magdeburg fungierte, Beispiel: Als Albrecht sein Neues Stift in Halle gründete, war dazu die „Erektions-Bulle“ des Papstes nötig. Sie kam 1519 aus Rom und musste beglaubigt werden. Das taten zwei Halberstädter Notare, einer davon war Gronewalt!
Entscheidend zum Verständnis der folgenden Dinge ist es zu wissen, dass im Gegensatz zur Entwick-lung in der Reichsstadt Goslar die reformatorische Bewegung in Halberstadt und in den abhängigen Gebieten zu jener Zeit nicht erfolgreich war. Das gilt auch für Osterwieck. Das Land beherrschte Alb-recht von Brandenburg, der Erzbischof von Magdeburg seit 1513 und auch Administrator des Bistums Halberstadt. Er war der ranghöchste geistliche Würdenträger des deutschen Reiches (primas germaniae) und förderte den Gedanken des Ablasses. Er war ein durchaus gelehrter Mann und anfangs den reformatorischen Ideen gegenüber nicht völlig verschlossen (man spricht von einer stillschwei-genden Duldung bis 1523, auch in Magdeburg). Albrecht war Martin Luthers Erzbischof (deshalb gingen die 95 Thesen an ihn!)! Als treuer Katholik und Verteidiger von Papst und Kaiser widerstand er aber intensiv der Reformation in seinen Landen. Und das bedeutet: Wir haben es hier in der Region faktisch seit 1517 mit einem Ringen um die Frage zu tun, ob und wie die Reformation eingeführt wer-den soll.
Und das führte zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Osterwieck, Halberstadt und Goslar kann man sehr gut als drei Beispiele mit je verschiedenem Ausgang nehmen. Und das liegt natürlich an ihrem jeweiligen Status. In einer Reichsstadt mit Freiem Rat stellt sich die Sache anders dar als in einer Bi-schofsstadt. Und eine vom Domkapitel abhängige Landstadt hat wenig eigenen Spielraum bei so ent-scheidenden Fragen wie der Einführung der Reformation. Dazu nachher mehr…
Bleiben wir auf der Spur der Bücher! Gronewalt, der in Halberstadt eine außerordentlich große Bü-chersammlung hatte, musste mit ansehen, wie mit Leuten umgegangen wurde, die der Reformation positiv gegenüberstanden. Dazu gehört Weidensee, von dem ich nachher Näheres berichte. Der Besitz von Lutherschriften wurde streng geahndet. Und so wurde es für Gronewalt im Laufe der Jahre (also so zwischen 1525 und 1535) immer brenzliger! Seine umfangreiche Sammlung enthielt humanistische Literatur und zahlreiche Luther- und Melanchthon-Schriften. Gronewalt hatte das alles gelesen und mit Bemerkungen versehen. Und aus diesen Randglossen ist zu erkennen: Im Laufe der Jahre stimmte er immer mehr Luther und der Reformation zu: Ein „Krypto-Evangelischer“ unter dem Dach des Kar-

dinals! Und mehr noch: Aus Eintragungen von der Hand Philipp Melanchthons in drei Bänden, die Gronewalt wohl dem Gelehrten in Wittenberg zeitweise zur Verfügung gestellt haben dürfte, ging sogar hervor, dass er sehr dicht mit diesem Reformator bekannt war. Gronewalt hatte also Kontakte nach Wittenberg und war persönlich dort gewesen: Das machte ihn sehr verdächtig!
Gronewalt selber hatte sich aber auch im Alter nicht entschließen können, seine Hinwendung zur neu-en Lehre öffentlich zu machen. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Ganz allgemein gilt, dass Aufgeschlossenheit gegenüber Neuerungen nicht automatisch den Bruch mit der eigenen Kirche be-deutete. Bei Gronewalt kam aber wohl noch mehr dazu: Auf jeden Fall stand ihm vor Augen, dass die einem Kleriker nachgewiesene Lektüre solcher „Ketzer“ oder gar die persönliche Begegnung mit Wit-tenberger Theologen zu peinlichem Verhör durch den Bischof führen konnten: Weidensee war es 1523 in Halberstadt anlässlich einer Klostervisitation und – schlimmer – beim Verhör in Halle so gegangen, und in böser Erinnerung wird die durch Weihbischof Heinrich veranlasste Kastration des gelehrten Valentin Mustäus gewesen sein, eines Mönches im (Halberstädter) Servitenkloster der Neustadt, der die Päbstische Abgötterey öffentlich gebrandmarkt hatte. Dessen Bibliothek wurde zerstreuet, des Augustini und anderer Wercke ins Secret geworfen.
So dürfte sich Gronewalt die Frage gestellt haben, wie er mit seinen Buchbeständen umgehen, wem er sie überlassen sollte. Als Lösung fasste er den Entschluss, einen großen Teil davon in die relativ siche-re (und relativ nahe: die Oker teilte die Bistümer Hildesheim und Halberstadt!) Reichsstadt Goslar zu bringen und seinem Freund aus Halberstädter Zeiten anzuvertrauen. Dort war die Reformation per Ratsbeschluss durch Nikolaus von Amsdorf 1528 offiziell eingeführt worden (wenn auch gegen viel Widerstand, auch seitens des Kaisers). Mit dem Buchtransfer konnte Gronewalt gleich mehrere Ziele erreichen: Seine Bücher wären in Sicherheit, Eberhard Weidensee hätte wieder eine Bibliothek mit humanistischer und reformatorischer Literatur, und der Goslarer Superintendent würde für eine sach-gerechte Behandlung und Unterbringung samt Ankettung und Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit sorgen. So ließen sich auch die Bemühungen des Freundes Weidensee um einen positiven Fortgang der Reformation in Goslar (und Luthers Bestrebungen bezüglich Bildung) unterstützen.
Dass diese Transaktion um das Jahr 1535 stattgefunden haben könnte, lässt sich aus drei Indizien er-schließen. Zum einen gibt es in den Goslarer Beständen aus der ehemaligen Bibliothek Gronewalt keinen Band, der nach 1533 gedruckt, gekauft oder nachweislich von Gronewalt gelesen wurde. Die jüngste bisher aufzufindende handschriftliche Spur in den Goslarer Gronewalt-Beständen ist eine auf 1533 datierte Notiz auf dem Nachsatzblatt von MKB 251, die neuesten Drucke stammen aus dem Jahr 1532: MKB 201 und MKB 370. Handschriftliche Notizen Gronewalts aus jüngerer Zeit, also nach 1535, finden sich nur außerhalb Goslars, die letzten in Drucken von 1541, die heute in der Lutherhalle Wittenberg aufbewahrt werden (mit der wir inzwischen zusammen arbeiten): Sie stammen aus dem Fundus des Halberstädter Dompredigers Augustin (19. Jh.). Zum anderen ist über der Außentür der nördlich des Hohen Chores gelegenen Sakristei der Goslarer Marktkirche die in Stein gehauene Jah-reszahl „1535“ angebracht. Sie muss als Baudatum gedeutet werden!
Entscheidend unterstützt wird das durch Hans Caspar Brandes in seiner Goslarische Chronica. Er berichtet zum Jahr 1535: Do worden alle böse Böecke von der Lieberey / tho der Marckkirchen weg gedahn, und gute an / destedte gebracht, … Offenbar wird 1535 eine Bibliothek in der Marktkirche vorausgesetzt, deren Bestände teilweise ausgetauscht und ergänzt sowie gesichert werden. Eine Biblio-thek mit „libri catenati“ unter der Aufsicht von Weidensee. Bei den im Zitat genannten „guten“ Bü-chern, die der alten, nun bereinigten Bibliothek hinzugefügt wurden, dürfte es sich im Kern um die Sammlung von Gronewalt handeln – und auch hier begegnet uns die Datierung auf das Jahr 1535, das damit als Gründungsdatum der reformationszeitlichen Marktkirchen-Bibliothek Goslar angenommen werden muss.
Ein drittes Indiz für den Zeitpunkt und die Umstände der Bibliotheksentstehung ist eine Entdeckung, die buchwissenschaftlich einmalig ist: Die Buchschließen der zehnbändigen Augustin-Ausgabe des Erasmus von Rotterdam von 1528/29. Die Folianten, von denen einer seit mindestens 1841 im Gosla-rer Bestand fehlt, überliefern an dieser besonderen Stelle die Namen von neun (ursprünglich zehn) Personen. Es dürfte sich um eine von zehn Personen gemeinsam vorgenommene Stiftung an die

Marktkirchen-Bibliothek handeln. Die Stifter ließen sich mit ihrem Namen auf jeweils einem Exemp-lar verewigen. Anlass für diese Stiftung dürfte die Einrichtung der Marktkirchen-Bibliothek im Jahre 1535, speziell die Ankunft von Gronewalts Teil-Bibliothek, gewesen sein. Aus dem Inventar von 1559 lässt sich der Ort der Aufstellung der Bände ermitteln. Sie waren In 8. Cathedra platziert, vermutlich ganz links, auf der rechten Seite gefolgt von 5 Opera Martini Lutheri, den heutigen Bänden MKB 169 – 173. Dieses Inventar haben wir in den letzten zwei Jahren analysiert.
Klar zu beantworten ist die Frage, wer die Goslarer Augustin-Bände gestiftet hat. Ein Blick auf die Biographien zeigt, dass alle Personen ein gleiches Merkmal haben: Sie sind für das Jahr 1535 in Gos-lar nachweisbar und sind durchweg Geistliche. Mit Abstand am besten unterrichtet sind wir über Eberhard Weidensee. Er soll 1486 in Hildesheim geboren sein, war Mitglied des Halberstädter Augus-tinerchorherrenstiftes St. Johannis, Doktor des kanonischen Rechts 1515 und Propst des Johannis-Klosters (praepositus Halberstadensis canonicus regularis), ein Amt, das mit dem Patronat über die Martinipfarre verbunden war. Weidensee verkehrte in kleruskritischen humanistischen Kreisen und dürfte recht früh (1520?) von der lutherischen Lehre erfasst worden sein und diese verbreitet haben.
Hamelmann berichtet, dass Weidensee alle flüchtige und vertriebene in seinem Kloster aufnahm, so daß es … eine Herberge aller anderswo wegen des Evangelii ausgejagten war, darunter Petrus Horne-burg und der Zollschreiber Marsilius, beide aus Braunschweig. Bemerkenswert ist die Wiedergrün-dung einer Schule in Halberstadt im Jahre 1522, in der die Freien Künste und in den biblischen Spra-chen unterrichtet wurde, zu welchem Zweck Weidensee als Lector primarius Antonius Felix Gallus anstellte, einen Magister Parisiensis, der propter Evangelium aus Gallien vertrieben worden war. In diese universitätsartige Schule strömten Studiosi … aus allen Collegien und Klöstern, …desgleichen sandten die Reichen aus den Städten Braunschweig, Magdeburg, Goslar, ihre Kinder mit den Paedagogis zum Studio dorthin als in ein Collegium. Damit gab es bereits elf Jahre vor Weidensees Amtsantritt in Goslar zur Bürgerschaft der Reichsstadt enge Beziehungen, die inhaltlich von humanis-tischer und biblischer Lehre geprägt und tendenziell offen für reformatorische Einsichten waren. Man lebte nach der augustinischen Regel, Privatmessen unterblieben, niemand wurde zum Mönchsgelübde gedrängt. Weidensee legte die Psalmen 1 bis 15 auf hebräischer Basis aus, Gallus las neben dem Spra-chenunterricht Paulusbriefe. Weidensees Kapläne Johannes Wessel aus Braunschweig und Heinrich Gefferdes aus Helmstedt predigten unter seinem Einfluss ab dem Jahr 1521 an St. Martini evangelisch, was in diesen frühen 20-er-Jahren in Halberstadt möglich war, weil Albrecht – noch – manches still-schweigend duldete. Beide Prediger tauchen später in Goslar auf!
Das Halberstädter Johanniskloster muss damit als ein Ort angesehen werden, an dem mindestens ab 1522 und bis 1523 Goslarer Bürger in engen Kontakt zur reformatorischen Lehre getreten sind.
Wenn Winnigstedt berichtet, dass aus dem Halberstädter Johanniskloster vierzehn zu Praedicanten gerathen seien und vielerorts tätig wurden, so gibt das Anlass, über Weidensees Wirkung nachzuden-ken. Weidensee wurde schließlich 1523 auf Betreiben von Albrecht von Brandenburg in Halle wegen lutherischer Ketzerei verurteilt. Ihm gelang die Flucht in das Augustinerkloster in Magdeburg. Die Installation von Weidensee am 25. Juli 1524 als Pfarrer an der St. Jacobikirche in Magdeburg gilt als Datum für die Einführung der Reformation in Magdeburg als erster Stadt Norddeutschlands. 1526 bis 1533 wirkte Weidensee als Hofprediger an St. Marien in Hadersleben und als Superintendent über etwa 60 Pfarrbezirke in Schleswig-Holstein, wo der dänische Kronprinz Christian die reformatorische Bewegung kräftig förderte, und zwar ausdrücklich in der in Wittenberg entwickelten Form. Von 1533 bis zu seinem Tod 1547 in Goslar war Weidensee nach Johann Amandus (1528 – 1530) und Paul von Rode (1531 – 1532) der dritte Goslarer Superintendent. In seiner Amtszeit kann erstmals von einem einigermaßen gefestigten evangelischen Kirchenwesen in der Reichsstadt die Rede sein … was ihm die Stadt nicht wirklich dankte (Gehaltskürzung im Alter).
Ich habe mich in den vergangenen Jahren ausführlich mit den Biographien aller 10 Stifter beschäftigt, gehe hier aber nur auf den ein, der mit Halberstadt in Beziehung steht: Ein bemerkenswertes und typi-sches Schicksal eines Evangelischen in jener Zeit! Beim Stifter des dritten Augustin-Bandes handelt es sich um Heinrich Gefferdes (Geffers; Gebhard), der uns bereits, gemeinsam mit dem Braunschweiger Johannes Wessel, als Konventuale und als Kaplan von Eberhard Weidensee im Halberstädter Johan-niskloster begegnet war als einer, der 1521 in der St. Martini-Kirche zuerst sich erkühnet … das

Evangelium öffentlich vorzutragen. Er wurde in Helmstedt geboren, wo er vor 1521 als Augustiner belegt ist, und studierte in Wittenberg; Heineccius bezeichnet ihn als genuinum Lutheri discipulam [sic]. 1523 wurde Gebhard, wie auch Wessel, aufgrund der Klage der eigenen Mitbrüder beim Dom-kapitel durch Kardinal Albrecht bzw. dessen Halberstädter Stellvertreter, den Weihbischof Heinrich Lencker, vertrieben und vom Rat der Stadt Halberstadt mit dem Pfarramt St.Laurentius zu Gross-Quenstedt betraut. Sein Leidensweg war damit nicht zu Ende: Er wurde, weil er auch daselbst das Wort Gottes lauter predigte, vom Stiffts-Hauptmann Hans von Werthern beym Kopf genommen, ge-bunden, und in den Turm zu Grüningen geworfen. Nach seiner Freilassung hielt er sich von 1524-1528 in seiner Heimatstadt Helmstedt auf, wo er angeblich vom Stuhlflechten und Buchbinden lebte. Von Helmstedt aus folgte er 1528 dem Ruf nach Goslar, wo er seitdem die Pfarrstelle der Frankenberger Kirche bekleidete.
Es ergibt sich folgendes Bild: Die zehn Geistlichen haben die Ankunft der bedeutenden Büchersamm-lung des Andreas Gronewalt im Jahre 1535 zum Anlass genommen, der neuen Goslarer Bibliothek eine Stiftung in Form einer repräsentativen und sinnvollen Ergänzung zu machen. Als Zeit der ge-meinsamen Anwesenheit in Goslar ergibt sich das recht schmale Zeitfenster von 1534 bis 1536, was das Jahr 1535 als bereits anderweitig erschlossenes Gründungs- und Stiftungsdatum bestätigt. Wir haben es neben einem wohl noch Studierenden mit den neun Geistlichen an den vier großen städti-schen Pfarrkirchen in Goslar zu tun: Es handelt sich um das „Geistliche Ministerium“ der Stadt Gos-lar, die Pfarrerschaft der seit 1528 evangelisch gewordenen Pfarrkirchen.
Es ist deutlich geworden, wie unterschiedlich die Ausbreitung bzw. Ausbremsung der Reformation in unserer Region gewesen ist. Goslar hat in gewisser Zeit davon profitiert, dass es in Halberstadt – und damit hier in Osterwieck – nicht voran ging: Wichtige theologische Köpfe wichen in die Reichsstadt aus (angesichts der zur Verfügung stehenden Zeit kann ich hier nicht alle nennen). Wir müssen uns vorstellen, dass die Gleichgesinnten ohnehin in einem regen Austausch waren und über die Lage in den Städten und Ländern gut informiert waren. Man darf davon ausgehen, dass, anders als in Halbers-tadt, überhaupt erst mit dem Jahre 1535 die humanistische Literatur und das reformatorische Schrift-tum in nennenswertem Umfang in Goslar Einzug gehalten haben. Schon Hölscher stellte in seinem Verzeichnis der lateinischen Titel in der Marktkirchen-Bibliothek fest: „Denn um die Zeit, wo die Druckerei aufkam, war die Glanzzeit der geistlichen Stiftungen vorüber und zur Anschaffung einer grösseren Bibliothek fehlten überall die Mittel, wohl auch das Interesse“. So sei es nicht verwunder-lich, dass in Goslarer Inventarien keine größeren Bibliotheken erwähnt werden. Ein eigenständiges theologisches Potential zur inhaltlichen Sicherung der Reformation in der Amtszeit von Superinten-dent Eberhard Weidensee bezog Goslar in einem erheblichen Maße aus Halberstadt – in Gestalt von Schülern und Studenten der Halberstädter „Universität“ Weidensees und durch jene am Widerstand Kardinal Albrechts „Gescheiterten“, die aus der benachbarten Domstadt in die Reichsstadt gegangen waren oder, wie Gronewalt, Bücher beisteuerten.
Bis dahin galt für die Provenienz der Marktkirchen-Bibliothek in sämtlichen Veröffentlichungen die These des seinerzeit die Sammlung betreuenden Marktpfarrers Hugo Duensing, dass sich in der An-schaffung und dem Lesen der Bände das Ringen der Goslarer Geistlichkeit und anderer Bürger um Einführung oder Nicht-Einführung der Reformation in Goslar zeige. Das in den Bänden der Marktkir-chenbibliothek zu beobachtende Ringen fand statt, aber nicht in Goslar, sondern in Halberstadt in der Studierstube des Andreas Gronewalt, aus dessen Notizen man ablesen kann, wie aus einem humanis-tisch Gebildeten nach und nach ein heimlicher Anhänger der Reformation wurde. In Halberstadt und in den umgebenden Städten waren zwar früh humanistische Zirkel am Werk, der Durchbruch der Re-formation aber scheiterte zunächst, während es in Goslar anders herum lief: Die reformatorischen Be-strebungen hatten nicht primär humanistische und theologische Ursachen, sondern soziale und macht-politische – und sie hatten Erfolg, wenn auch weder 1528 noch 1531 umfassend.
Wie fügt sich nun Osterwieck in diese Konstellation ein?
Dass es 1535 einen ersten evangelischen Pfarrer hier in Osterwieck geben konnte, hängt mit der skiz-zierten Entwicklung im Bistum und im gesamten Einflussbereich von Albrecht zusammen. Der Kardi-nal konnte sich letztlich nicht durchsetzen. Noch Ostern 1530 hatte er erneut ein scharfes Edikt gegen

die Evangelischen herausgehen lassen. Aber aus dem Jahre 1537 wissen wir, dass er sich gegen Auflö-sungserscheinungen in der Domstadt wehren musste: Die in Halberstadt gewählten Rathmänner wollte er nur bestätigen, „sofern sye der Lutherischen und andern neuen Secten nicht anhengig oder derselben verdechtigk“. Das bedeutet: Längst gab es viele Anhänger – und es war bekannt, dass man nach au-ßerhalb in die Dörfer und Städte ging, um das reine Evangelium zu hören. In den Quellen werden ge-nannt Quedlinburg, Wernigerode, Derenburg, aber auch das Dorf Westerhausen. Außerdem traf man sich privat in den Häusern zu evangelischen Andachten. Da, wo die geistliche Aufsicht des Kardinals oder seine Mittelsmänner nicht so genau hinschauten, wurden stillschweigend evangelisch gesinnte Prediger ins geistliche Amt berufen. Es waren „gemeindliche Selbstreformationen ohne obrigkeitliche Anordnung“ (Römer, S. 105). So war das auch hier in Osterwieck.
Der Ort konnte sich nicht in irgendwelchen Städtebünden Schutz suchen: Die Stadt war abhängig vom Hochstift. Aber offenbar konnte eine eindeutig altgläubige Politik von dort aus nicht mehr durchge-setzt werden. Man nahm sich quasi Rechte heraus. So konnte Conrad Beine hier 1535 sein Amt antre-ten, wozu natürlich die Berufung durch den Rat nötig war, der offenbar entsprechend eingestellt war. Von Pfarrer Beine wissen wir wenig; er stammt wahrscheinlich aus einer gebildeten Braunschweiger Familie. Wir kennen einen Johann Peyn, der 1523 aus seinem Amt als Kanzler des Wolfenbütteler Herzogs entfernt wurde: Ein Hinweis darauf, dass die Familie politisch nicht auf der Linie von Herzog Heinrich d.J. lag. Peyn / Beine wurde 1512 an der Universität Wittenberg immatrikuliert, gemeinsam mit zwei anderen Braunschweigern (mit Otto Brall und dem Augustinermönch Ludolfus Cotte). Peyn erreichte 1513 den Grad eines Baccalaureus artium. So kann man immerhin sagen, dass der erste evangelische Osterwiecker Pfarrer sowohl aus Wittenberg wie aus Braunschweig reformatorische Impulse bekommen haben dürfte. Als materielle Hinterlassenschaft ist erhalten geblieben die von ihm begonnene Buchführung mit Aufzeichnungen seit 1536. In diese Handschrift wurde später auch das Bauregister notiert: Die Ausgaben für das Kirchenschiff ab 1552. Man hatte ja 1517 nach der Errich-tung des Hohen Chores von St.Stephani den Kirchenbau zunächst unterbrochen.
Für das Hochstift Halberstadt ist das eine recht frühe Reformation, vielleicht die zweite (Aschersleben gilt bei Römer, S. 86 u. 88, als Vorreiter; 1527, 1531 und 1536 Berufung ev. Pfarrer; eine stadtinterne Lösung der Frage) Im gleichen Jahr 1535 (wohl vor Osterwieck) Ermsleben mit dem Prediger Johann Senger. Kroppenstedt ist 1538 dran: Augustinus Steinkopf wird als evangelischer Prediger eingesetzt. Eine ganze Anzahl Städte und Dörfer bleiben beim katholischen Glauben, so Wegeleben, Weferlingen, Schwanebeck, Groeningen, Cochstedt und auch manche Dörfer – und zwar nicht nur solche, die von den Klöstern aus pastoral versorgt wurden.
Osterwieck entwickelte in jenen Jahren ein bemerkenswertes Selbstbewusstsein. Das hat Dr. Klaus Thiele in vielerlei Veröffentlichungen herausgestellt. Das Selbstbewusstsein zeigt sich vor allem in der Gestaltung der Häuser, genauer: der Hausinschriften. Sie werden zum öffentlich sichtbaren Zeichen der eigenen religiösen Überzeugung – und das teilweise in einer Zeit, in der die Reformation im Hoch-stift noch nicht offiziell etabliert war. Die Inschrift von 1533 am Haus Hagen 24 möchte ich noch als ein gemeinchristliches Bekenntnis ansehen: Christus ist unser Erlöser. Herr Thiele hält den Bürger-meister Steggeler aber für einen sehr pfiffigen „Krypto-Evangelischen“, der in dieser unanfechtbaren Botschaft das Wort „all(ein)“ versteckt hat: Ein Schlüsselwort der Reformation: Allein Christus. Reiz-voll ist die Vorstellung, dass man Kardinal Albrecht hier in Osterwieck damit indirekt provoziert habe. Er machte ja hier Station im August 1533 auf seinem Weg nach Wolfenbüttel. Das „all“ ist hier aber Bestandteil des Wortes „zall“ (Zahl).
1534 wird es am Eulenspiegelhaus (für mich) deutlicher: Da finden wir die Inschrift: VERBUM DOMINI MANET IN AETERNUM (Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit). Das ist ein Bibelwort aus dem Propheten Jesaja (40,8). Es war Leitspruch der sächsischen Kurfürsten und auch des Landgrafen Phi-lipp von Hessen. Dieser Leitsatz eignete sich zwar als Kampfspruch gegen die römisch Gesinnten: Das Wort Gottes stand gegen die „Lügen“ des Papsttums, war aber auch eine Erinnerung daran, dass Got-tes Wort nicht für militärische Zwecke funktionalisiert werden durfte und dass die Friedenspflicht gegenüber Kaiser und Reich einzuhalten war. Es war nach wie vor eine schwierige und auch gefährli-che Zeit. So wird auch aus dieser Sicht die Entscheidung von Andreas Gronewalt nachvollziehbar. Es tat sich was in den Städten ringsum – aber in Halberstadt selber wurde nicht evangelisch gepredigt:

Die Aussichten waren schlecht. Hart und fest blieb auch die Haltung des benachbarten Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, Heinrich d.J. Er war der letzte Fürst im Norden, der römisch-katholisch blieb. Vorübergehend wurde er durch den Schmalkadischen Bund aus seinem Land gejagt – und wir dürfen uns vorstellen, dass die Kriegsleute die protestantische Devise dabei an ihrem Ärmel trugen: VDMIAE
Was Gronewalt nicht geahnt hatte: Wenige Jahre nach dem Bibliothekstransfer kam die Sache doch in Gang. 1538 war Graf Botho von Stolberg gestorben, und Wernigerode und Quedlinburg wurden evan-gelisch. Vor allem das Jahr 1539 ist zu nennen. Jenseits der Grenzen des Bistums Halberstadt bewegte sich einiges. Das albertische Sachsen wird nach dem Tod von Herzog Georg evangelisch. Kurfürst Joachim II von Brandenburg führt in seinen Landen die evangelische Kirchenordnung ein. Das alles stärkte die evangelisch Gesinnten im Bistum Halberstadt – und sie drängten mehr und mehr auf freie Religionsausübung. Die Landesherrschaft unter Kardinal Albrecht erlitt einen beträchtlichen Autori-tätsverfall, und zwar in beiden Hochstiften, Magdeburg und Halberstadt.
Den Ausschlag gab schließlich das Geld. Albrecht hatte Schulden von 500.000 Gulden aufgehäuft, nicht zuletzt durch die gewaltigen Reliquien- und Kunstschätze im Neuen Stift Halle. Er wollte, dass Magdeburg davon 3/5 und Halberstadt 2/5 übernehmen. Daraufhin erklärte der Bürgermeister von Magdeburg namens der Städte, dass sie Geld nur gegen Gewährung der freien Religionsausübung zahlen würden. Albrecht musste zähneknirschend nachgeben. Er ließ verlauten: Wenn schon Kaiser und Papst das Eindringen der Reformation nicht verhindern können, wie dann er?! Er gab die Sache frei – freilich nicht ohne, wie damals üblich, auf ein künftiges Konzil zu verweisen, das endgültig über die Sache entscheiden müsse. Und: Die Stifte und Klöster und auch seine Residenz Halle dürften in ihrem religiösen Status nicht angetastet werden. (Im Übrigen ist in der Forschung umstritten, was Alb-recht den Ständen der beiden Hochstifte versprochen hat; war es wirklich die freie Religionsaus-übung?). Das hatte man auf Landtagen in Halle 1539 verhandelt. Der Landtagsabschied von 1541 verschweigt aber dieses Zugeständnis des Kardinals, wohl, um sein Ansehen nicht noch mehr zu ram-ponieren. In den Quellen heißt es dann: „Nun zog mit eiligem Fusse die Reformation in die Kirchen des Bisthums“! 1541 verlässt Albrecht seine Residenz Halle und auch die Region –mt dem größten Teil der Kunstwerke! - und zieht in sein zweites Erzbistum Mainz, genauer: nach Aschaffenburg. Dort stirbt er 1545.
Schon in der Zeit des Kardinals waren einige der Osterwiecker Häuser mit Bibelworten geschmückt, insgesamt sind es in den nächsten Jahrzehnten bis ins 17. Jahrhundert hinein 41 Häuser. Das ist alles sehr schön dokumentiert und von Klaus Thiele auf die Reformation bezogen: Das biblische Wort prägt die Stadt – doch das geht dann schon über mein Thema hinaus. Die Stephanikirche ist ein Zeugnis, wie nachhaltig die Reformation in dieser Stadt gewirkt hat. Mit Stolz sagen Sie: Bei uns geht man auf den Spuren Luthers…
Ich fasse kurz zusammen:
Im Jahre 1535 war die Reformation in unserer Region in unterschiedlichster Weise entwickelt. In Halberstadt waren die lutherisch Gesinnten im Wesentlichen zum Schweigen gebracht worden. Die frühen Reformatoren waren aus der Stadt gejagt; Sympathisanten wie Gronewalt waren, soweit sie in der Stadt geblieben waren, untergetaucht. Die Menschen besuchten – mehr oder minder heimlich, evangelische Gottesdienste in umliegenden Städten.

Für Goslar stellt sich das Jahr 1535 ganz anders dar. Bereits 1528 hatte der Rat die Reformation offiziell eingeführt. Aber inhaltlich stand das Ganze lange auf wackligen Füßen. Im Grunde hatte man sich unter die Flügel der protestantischen Reichs-stände geflüchtet, um Schutz zu fin-den gegenüber dem massiv katholi-schen Herzog Heinrich II. Erst Eber-hard Weidensee festigte die Refor-mation in Goslar auch inhaltlich – und er profitierte von der Bekämp-fung der Reformation in Halberstadt. Eine große Bibliothek mit humanis-tisch-reformatorischem Inhalt ge-langte durch einen Halberstädter zu einem Ex-Halberstädter in die Reichsstadt Goslar – vielleicht sogar auf dem Weg über Osterwieck?!
Einen dritten Typus repräsentiert Osterwieck. 1535 wurde der erste evangelische Pfarrer eingeführt, of-fenbar eine Aktion des Rates und der Bürgerschaft im „grauen Bereich“. Das Hochstift hatte mehr und mehr den direkten Einfluss auf die abhän-gigen Städte und Dörfer verloren und konnte nicht verhindern, dass luthe-risch predigende Theologen in die Pfarrämter kamen. Das, was offiziell noch nicht rechtlich vollzogen war, wurde hier und da an den neu gebau-ten Häusern durch Inschriften ver-kündigt: Dass man im Herzen bereits auf der Seite der Reformation stand.
Vortrag in Osterwieck, Hotel Brauner Hirsch, am Mittwoch, 18. März 2015




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