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[Kirche von unten]

Die Geschichte der Revision der biblischen Lesungen (Perikopen)

im Gottesdienst der Braunschweigischen Landeskirche
in den Jahren 1852 - 1950

Die vom Konsistorium vorgelegten Fragen (1851)

Um aber einen zu lockeren Umgang mit der Stellungnahme zu vermeiden, hatte Konsistorialrat Hille eine Serie von 16 Fragen vorgelegt , einige grundsätzlicher Art, z.B. ob es überhaupt zweckmäßig sei, eine zweite Perikopensammlung einzurichten, ob man das Kirchenjahr als innere Grundstruktur beibehalten solle, ob man grundsätzlich auf die Verwandtschaft der sonntäglichen Texte achten solle u.a., aber auch spezieller Art, ob man das Epiphaniasfest vom 6. Januar auf den Sonntag nach Neujahr legen solle und wie eine neue Perikopenreihe in der Kirchengemeinde bekannt gemacht werden könne.
Hille verwies auf eine gründliche Arbeit des oberfränkischen Pfarrers Ernst Ranke, der eine sehr gründliche Zusammenstellung der Perikopenarbeiten in den anderen Landeskirchen vorgelegt und als letzte auch den Braunschweiger Entwurf vorgestellt hatte.


Die vom Konsistorium vorgelegten Fragen
1. Ist es überhaupt zweckmäßig, daß mehr als ein Jahrgang von Perikopen beim öffentlichen Gottesdienste gebraucht werde, oder muß man wünschen, daß es bei dem früher allein gebrauchten Einen Jahrgange der älteren Perikopensammlung, - unter Belaßung der Freiheit der Geistlichen, sich beim Predigen unter Umständen auch selbstgewählter Texte zu bedienen - verbleibe?

2. Ist man mit den Grundsätzen, nach welchen der den Geistlichen mitgetheilte "Entwurf pp" ausgearbeitet worden, und mit der Weise der Ausführung der Hauptsache nach einverstanden, oder hält man dafür, daß nach anderen Grundsätzen hätte verfahren werden sollen, und würde man etwa einer der sonst neuerlich erschienenen, nach einem anderen Plane verfaßten Perikopensammlungen (unter welchen die bemerkenswertheren sich zusammengestellt und beurtheilt finden in der Schrift von Dr. E. Ranke. "Kritische Zusammenstellung der innerhalb der evangelischen Kirche Deutschlands eingeführten neuen Perikopenreihe. Berlin bei Reimer 1850") den Vorzug geben?
- Sofern man aber mit dem vorliegenden Entwurfe im Allgemeinen einverstanden sein sollte, welche Mängel im Besonderen wünschte man aus demselben entfernt, und welche Verbeßerungen hätte man dafür in Vorschlag zu bringen?
Wir deuten hier, ohne andere vielleicht in Betracht zu ziehende Fragen auszuschließen, nur auf die folgenden Fragen hin.
a) Ist es zu billigen, daß mit der älteren Perikopensammlung hie und da Veränderungen vorgenommen sind?
b) Hat man sich bei der Aufstellung neuer Perikopen mit Recht auf Einen Jahrgang beschränkt?
Ist es gut zu heißen, daß dabei vom Alten Testamente, sowie von der Apostelgeschichte nur im beschränkten Maaße Gebrauch gemacht, für die Fastenzeit aber die eigentliche Passionsgeschichte nicht benutzt ist?
c) Hält man einzelne Perikopen für nicht glücklich gewählt, und hat man vorzüglichere dafür vorzuschlagen?
Ist rücksichtlich des Umfanges derselben überall das richtige Maaß gehalten, oder welche Abänderungen wünscht man in dieser Beziehung?
d) Ist man mit der Reihenfolge einverstanden, in welcher man die Perikopen der Sonn= und Festtage unter Leitung der Idee des Kirchenjahres, sowie mit thunlichster Rücksicht auf die Reihenfolge der älteren Perikopen, auf einander hat folgen lassen? und ist insonderheit auch in der Stellung der Perikopen für die Trinitatiszeit ein Fortschreiten nach einem zu billigenden Plane ersichtlich?
e) Ist es zweckmäßig, daß und wie in der Zusammenstellung der evangelischen und epistolischen Perikopen auf Verwandtschaft des Inhalts Bedacht genommen ist?
f) Ist es zu billigen, daß in beiden Jahrgängen als Tag der Feier des Epiphanienfestes der Sonntag nach Neujahr angenommen, so wie, daß bei Feststellung der Perikopen für die s. g. kleineren Feste auf die, in dem Entwurfe benannten Festtage, und nur auf diese, Rücksicht genommen ist?

3. Sofern man der Ansicht ist, daß von beiden Perikopenjahrgängen beim Gottesdienste Gebrauch zu machen sei, welche Anordnungen hält man zu diesem Behuf für angemessen?
Ist rathsam, daß es auch ferner dem Ermessen der einzelnen Prediger überlassen bleibe, ob und wie oft sie sich des neuen Jahrgangs neben dem älteren bedienen wollen?
Oder ist zu wünschen, daß hierin eine gewisse Ordnung, sei es vorgeschrieben oder wenigstens empfohlen werde?
Welche Ordnung im Gebrauch der beiden Jahrgänge evangelischer und epistolischer Perikopen würde man für zweckmäßig halten?
Welche Anordnungen scheinen erforderlich, damit die neuen Perikopen den Gemeindegliedern zum Behuf des gottesdienstlichen Gebrauchs gehörig bekannt werden?
Wird deren vorläufige Bekanntmachung in den Schulen oder die Ankündigung derselben auf den Kirchenzetteln, wo solche ausgegeben werden, genügen?
Oder ist weitere Vorbereitung derselben durch den Druck, etwa in Form eines Anhangs zum Landesgesangbuche, zu wünschen?
und kann man hoffen, daß dieselben auf diesem Wege hinlänglich Eingang in den Gemeinden finden werden?


Trotz dieses Zeitdruckes war die Anzahl der Rückmeldungen erstaunlich. Es lagen im Sommer 1852 von Pfarrern der Landeskirche 158 schriftliche Antworten von unterschiedlicher Länge vor. Die meisten schrieben 3-4 Seiten, einige auch nur eine Seite, wenige über 50 Seiten. Die Fragen waren sehr zurückhaltend formuliert und ließen der Pfarrerschaft viel Freiraum für unterschiedliche Antworten. Andrerseits ließ das Konsistorium keinen Zweifel daran, dass es selber die vorgelegte Reform im Grundsatz durchführen wollte.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Perikopen/, Stand: Dezember 2016, dk