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[Kirche von unten]



Ansichten einer versunkenen Stadt

Die Braunschweiger Stadtkirchen 1933 - 1950

von Dietrich Kuessner


14. Kapitel

Das Jahr des Kirchbaus im „Dritten Reich“ 1936

Das Kapitel „Kirchbau zur Zeit des Nationalsozialismus“ hat die Kirchenhistoriker bisher noch nicht erreicht,  weil es nicht zur der Grundthese passt, dass die evangelische Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und bedrängt und eher dem Untergrund und Widerstand zugerechnet wurde. Kirchbau und Widerstand aber passen nicht recht zusammen. Zum ersten Mal hat das Berliner Forum 2008 in Berlin eine grundlegende Ausstellung zu diesem Thema erstellt mit dem Ergebnis, dass in der katholischen und evangelischen Kirche ca 1000 Kirchbauten, Gemeindehäuser, Pfarrhäuser und Friedhofskapellen errichtet worden sind.[1]

In der Brüdernkirche wurde diese Berliner Ausstellung im Jahre 2009 gezeigt zusammen mit einem regionalen Teil und zahlreichen grundsätzlichen Vorträgen. In der Stadt Braunschweig wurden insgesamt fünf Kirche errichtet: das Martin-Luther-Haus am Zuckerbergweg, die Rühmer Kapelle, die Bugenhagenkirche, die St. Georgkirche und die Kirche in der Lehndorf Siedlung, ein eindrucksvoller Bestand, der das Bild von der totalen Kirchenfeindlichkeit zur Zeit des Nationalsozialismus widerlegt, denn ohne städtische Genehmigung und gegen den Willen der gleichgeschalteten Stadtverwaltung wäre keine dieser Kirchen errichtet worden. Über den Bau des Martin-Luther-Hauses wurde bereits vorher berichtet.

 

Der Bau der Rühmer Kapelle [2]

Die Bewohner des Dorfes Rühme gehörten jahrhundertlang zur Magnikirche und mussten nach einem 5 Kilometer langen Marsch sich dort taufen und konfirmieren lassen. Einige wenige Unentwegte machten sich auch sonntags auf den weiten Weg in die Stadt wie der Stellmachermeister August Förster, dessen Grab noch heute gepflegt wird.[3]  In der Magnikirche waren einige Bänke mit der Aufschrift „Rühme“ für deren Gemeindemitglieder reserviert. Die Kirchlichkeit war nicht besser als in den meisten anderen Dörfern des Braunschweiger Landes auch. Anfang des vorigen Jahrhunderts (1805) wurde für die Dorfbewohner ein Friedhof angelegt. Da noch vom Trauerhaus aus beerdigt wurde, war eine Kapelle nicht nötig. Dem Friedhofswärter stand ein Schuppen für die Gerätschaft und für den Leichenwagen zur Verfügung. Im Laufe der Zeit aber hatte sich die Einwohnerschaft von 300 Personen (um 1877) auf 800 (1935) erhöht und wuchs 1939 auf 3.507 Personen an. Zwischen dem Dorf und dem neu errichteten VW Vorwerk war auf ehemaligen Spargelfeldern eine Vorwerksiedlung mit 115 Bauplätzen und 13 Strassen errichtet worden. Auf der entgegengesetzten Seite, nordwärts des Dorfes, entstand eine weitere, sog. SA Dankopfersiedlung mit 35 Kleinsiedlerhäusern. Der im 2. Weltkrieg in der Feldmark gebaute Luftschutzbunker war für 7.000 Bewohner gedacht. Rühme hatte in dieser Zeit also eine enorme Bevölkerungsentwicklung hinter sich. 

1932 wurde erwogen, ob man den Geräteschuppen zu einer kleinen Kapelle ausbauen könnte. Man beantragte den Bau einer kleinen Friedhofskapelle für ca 3.500 -  4.000 RM.[4] Seit 1933 war der 37jährige Wilhelm Rauls Pfarrer an der Magnikirche geworden, der den Bau tatkräftig förderte. Seit dem 1.4.1934 war das Dorf Rühme in die Stadt Braunschweig eingemeindet worden. Der Stadtkirchentag beschloss Anfang 1936 für 23.000 RM einen  Raum auch für sonntägliche Gottesdienste und für Taufen und Konfirmationen zu schaffen.

Der Oberbürgermeister war, so schreibt Rauls, dem Stadtkirchenverband bei der Wahl des Bauplatzes entgegengekommen, einige Gräber mussten verlegt werden und nun lag der Bauplatz an der Dorfstraße. Der Architekt August Pramann wurde mit der Planung beauftragt.

Schon vor der Grundsteinlegung hatte die Braunschweiger Tageszeitung.  „Nun auch eine Kapelle für Rühme – sie wird sich in ihrer Gestaltung  gut in die braunschweigische Landschaft eingliedern“ am 12. Mai 1936 mit einer Zeichnung von Pramann den Bau dreispaltig angekündigt.

Am 14. Juni 1936 wurde in Anwesenheit von Bischof Johnsen, des stellvertretenden Propstes Gerhard Kalberlah und des Ortspfarrers Wilhelm Rauls der Grundstein gelegt. „Ein schönerer Platz kann so leicht  für kein Gotteshaus gefunden werden, als dieser unter den alten Eichen, mit dem Blick ins weite Land,“ schrieb die Regionalpresse.[5] Der dörfliche Männergesangverein beteiligte sich an der Gestaltung der Feier, und der Posaunenchor der Propstei Braunschweig begleitete die Choräle der Gemeinde. In der Bauurkunde, die in den Grundstein versenkt wurde, hieß es: „In einer Zeit, da überall im geeinten deutschen Reich unter Führung des Reichskanzlers Adolf Hitler neue Bauten entstehen, wird der Grundstein zu dieser Kirche gelegt.“[6] Propstei und Landeskirche sahen diesen Kirchbau im Zusammenhang mit dem Arbeitsbeschaffungsprogramm, das von der Regierung Hitler 1933 in Gang gesetzt worden war. Bischof Johnsen betonte in seiner Predigt das notwendige Nebeneinander von Staat und Kirche. Die evangelische Kirche arbeite  freudig und bewusst mit am Dritten Reich. Sie erlebe immer neu die Gnade und Güte Gottes, die auch an dieser Stätte als reicher Segensstrom ausgehen möge. Hinter der Zeitlichkeit stehe die Ewigkeit. In fester Bindung gebe der evangelische Mensch nichts von seinem Glauben auf.[7]  Das Schlusswort bei der Grundsteinlegung sprach der verdienstvolle, stellvertretende Vorsitzende, Polizeihauptwachtmeister i. R. Hermann Lages, der sich energisch für den Kirchbau eingesetzt hatte. „Seiner unermüdlichen Tatkraft und Förderung ist es vor allem zu danken, dass es zur Inangriffnahme und Durchführung des Kirchbaus gekommen ist.“[8] Mit dem Prophetenwort „Land, Land, höre des Herren Wort“ war der Artikel im Braunschweiger Allgemeinen Anzeiger vom 15.6.1936 über die Grundsteinlegung überschrieben.[9]

 

Schon vier Monate nach der Grundsteinlegung fand am 18. Oktober 1936 die Einweihung dieses Kirchbaus statt. Der Rühmer Kirchendiener Fritz Karsten und der Gemeindediener Wilhelm Schönemann aus Veltenhof hatten sich an den Ausschachtungs – und Bauarbeiten tatkräftig beteiligt. Eine Art Gemeindeinitiative. Der Tag wurde ein großes Gemeindefest mit Bischof, Propst Leistikow, Ortspfarrer Rauls, Männergesangverein und 374 Teilnehmern. Die Gemeinde sang „Gott ist gegenwärtig“, „Nun danket alle Gott“ und „Die Sach und Ehr Herr Jesu Christ, nicht unser sondern dein ja ist, darum so steh du denen bei, die sich auf dich verlassen frei,“, es wurde das Glaubensbekenntnis gesprochen und im Gottesdienst ein Zwillingspärchen getauft. Kirche wollte sich auf dem Dorf nicht verstecken, nicht im Untergrund oder im religiösen Ghetto, sondern öffentlich singend und betend präsent sein. Und dies in aller äußeren Bescheidenheit. Denn von außen war der Bau eher eine Kapelle, ohne eine einzige ornamentale Verzierung, schmucklos und mit einer schlichten Holztür als Eingang,  die nicht zu erkennen gab, dass man einen Kirchenraum betreten würde. Die Kirche hatte auch keinen besonderen Namen, sondern war gut protestantisch die Kirche von Rühme. Innen jedoch war sie unverkennbar mit Altar, Taufe, Kanzel eine Kirche für den sonntäglichen Gottesdienst. Eine Altarnische hob den Altarraum heraus. Für den Altar hatten fünf Landwirte zwei bronzene, von Pramann entworfene, massive Kerzenhalter gestiftet. Ein Kassettenmotiv aus Holz bestimmte die flache Decke und kehrte bei der Gestaltung von Kanzel, Altar und Taufstein wieder. In die Fenster waren pastellartige Farben eingesetzt, die Taufkanne aus Zinn schmückte wie auch die Oblatendose ein eisernes, gleichschenkliges Kreuz, ein  zeitgenössischer Hinweis auf das beliebte Thema „Gott und Vaterland“.

„Ein neues Wahrzeichen hat der Stadtteil Braunschweig-Rühme erhalten“ stand unter dem Foto in den Braunschweig Neusten Nachrichten“ vom 17./18. Oktober 1936.[10]

 

Mit dem Kirchbau wurde die Rühmer Kirchengemeinde noch nicht selbständig, sondern blieb eine Tochterkirche von Magni. Pastor Rauls kam zu den hohen Festen und einmal im Monat zu einem Gottesdienst, seiner Statistik nach 1937 zu 14 Gottesdiensten, 1938/39  zu je 15 , 1940 zu 16, 1941 zu 17 und 1942 zu 18 Gottesdiensten. Taufen wurden jeweils am Sonntag gehalten, 1936 sieben, 1937 fünfzehn, 1938 acht, 1939 vier 1940 neun. Einige gingen aber auch wie bisher dazu in die Magnikirche.  Nun wurde auch in Rühme konfirmiert: 1937 elf Konfirmanden,1938 vier, 1939 fünf, 1941 sieben und 1942 sechs Konfirmanden.

Der Kirchbau brachte für die Rühmer Christengemeinde eine spürbare Verbesserung. Nach dem 1. Weltkrieg hatten in der Schule oder im Gasthof „Zum Wendenturm“ Gottesdienste stattgefunden und 1933-35 nur vier mal im Jahr. Nun hatten sie ihr eigenes Gotteshaus.

Traditionell wurden auch die Abendmahlsteilnehmer gezählt und das waren 1937 insgesamt 71, 1938 44, 1939 43 Gemeindemitglieder, 1940 16, 1941 25, 1942 43 Gemeindemitglieder. Das waren gewiss nicht viele, aber diese hätten wohl kaum den weiten Weg zur Magnikirche gemacht, zumal im Kriege bei drohendem Fliegeralarm.

 

Aber auch die kleine Kirchengemeinde hatte Anteil an der allgemeinen Säkularisierung. Aus der Siedlung mehrten sich seit 1938 Kirchenaustritte. 1938: 16, 1939: 25; 1940: 42; 1941: 50 und 1942: 59 Personen. Die Austretenden waren zur Hälfte Lehrlinge aus dem VW Vorwerk. Im Verhältnis zur Anzahl der Lehrlinge dagegen war die Austrittsziffer gering. Auf dem Vorwerksgelände gab es acht Lehrlingsheime für jeweils 60 Auszubildende.[11]  Das Lehrjahr bestand 1938 aus 272 Jungen aus ganz  Deutschland. 1940 befanden sich 800 Lehrlinge in der dortigen Ausbildung. Demgegenüber war die Austrittszahl von 50 Lehrlingen ausgesprochen gering. Die allermeisten blieben formal Mitglieder ihrer Kirche. In Briefen an die Eltern traten die Lehrlinge sogar dem Gerücht entgegen, dass sie sonntags am Kirchenbesuch gehindert würden.[12] Aber natürlich trieben sie vermutlich in dieser Zeit lieber Sport oder schmökerten in der großzügigen Werksbücherei. Im alten Dorf blieben die Kirchenaustritte vereinzelt.

Die Rühmer Kirche hatte sich auch für die Zukunft nach Größe mit ihren 120 Sitzplätzen und Ausstattung als völlig ausreichend und unterhaltungsfreundlich erwiesen. Es ist unverständlich, dass dieser Kirchbau später nicht zum Vorbild auch für die Kirchenbauten in der Nachkriegszeit im Stadtgebiet von Salzgitter, Wolfenbüttel und Helmstedt genommen wurde. 1957 wurde in Nachbarschaft zum Friedhof noch ein Gemeinde- und Pfarrhaus errichtet, das für die Jugend und Gruppenarbeit dringend nötig war.

 

Als Ergebnis für das Thema Kirchbau im Dritten Reich bleibt festzuhalten: die Rühmer Kirche wurde zur Zeit des Nationalsozialismus mit Unterstützung der Stadt und unter regionaler Berichterstattung errichtet. Das bedeutete einen Gewinn für die dortige Einwohnerschaft und die Gemeindemitglieder. Es ermöglichte seelsorgerliche Graswurzelarbeit in einer zunehmend säkularen Stadtrandgesellschaft.

 

Die Bugenhagenkirche [13]

Die Bugenhagenkirche ist von Riddagshausen aus gebildet worden. Die Gliesmaröder gingen in die Klosterkirche zum Gottesdienst und ließen dort taufen. Allerdings hatten sie ihren eigenen Friedhof. Zu kirchlichen Veranstaltungen ging man in die Gliesmaröder Schule oder in die Gaststätte „Gliesmaroder Turm“. Die vorzügliche Chronik, die zum 50 jährigen Jubiläum 1986 von Pfarrer Dieter Hansmann geschrieben worden ist, berichtet von Bemühungen des Kirchengemeinderates und der Frauenhilfe schon um 1908 und 1928. Aber Gliesmarode gehörte nicht zum Kirchenkreis Braunschweig, und der Kirchenkreis Querum mit Kirchenrat Ernesti an der Spitze konnte nicht die Mittel für einen Kirchbau auftreiben. Es ist auch die Frage, ob vor 1933 wirklich ein Kirchbau zwingend notwendig war.

Aber zu Beginn der 30er Jahre setzte zwischen Riddagshausen und Gliesmarode eine lebhafte Bautätigkeit ein. Am Bachrand der Wabe war in wunderschöner unberührter Landschaft  ein Straßenzug entstanden, von dem aus die Wabesiedlung errichtet wurde. Es wurden aparte Holzhäuser errichtet, von denen man sich erzählte, dass sie eigentlich für einen Harzort vorgesehen gewesen wären. [14] Der Gliesmaroder Gemeinderat hatte im Mai 1933 beschlossen eine Holzhaussiedlung zu errichten, die Braunschweiger Forstwirtschaft hatte Interesse bekundet und die Hauseigentümer hatten 40 % Eigenkapital aufzubringen. Das war also keine nationalsozialistische Glanztat, sondern die Nazis hängten sich an das beschlossene Siedlungsprojekt an und gaben den neu entstehenden Straßen die Namen von Parteibonzen: Robert Ley Straße, Fritz Alpers Allee (!), Hermann Göringstraße – die Allee war schon vergeben – Horst Wessel Straße, Axel Schaffeldstraße, Adolf Hitler Ring, Die dort einzogen, konnten es sich leisten. In dieser nunmehr Fritz Alpers Siedlung genannten, landschaftlich bevorzugten Wohngegend wohnten 1936 u.a. sieben Professoren, 30 Lehrer, mehrere Architekten, leitende Juristen und Kaufleute.[15] Auch auf der anderen Seite der Berliner Straße waren einige Straßenzüge entstanden, sodass man von einer Einwohnerzahl von 3.000 Personen ausging. Wie viele davon indes evangelisch waren, blieb ungeklärt. Ab 1934 gehörte Gliesmarode zur Propstei Braunschweig und diese hatte die nötigen Finanzen, um eine Kirche zu errichten. Im Februar 1935 beschloss der Stadtkirchentag im Magnigemeindesaal die Errichtung einer „Notkirche“ in Gliesmarode für 50.000 RM [16]. Die Regionalpresse feierte den Kirchbau als Unterstützung der „Arbeitsschlacht“, die Hitler ausgerufen hatte. August Pramann sollte einen Entwurf vorlegen, und es war offen, ob er sich für eine moderne Lösung im Stil des Martin Luther Hauses am Zuckerbergweg oder eine konservative entscheiden würde, die er 1935 für die neu errichtete Kirche in Kreiensen vorgelegt hatte. Ab 1.4.1935 wurde die Gliesmaroder Gemeinde von Riddagshausen getrennt und selbständig und erhielt auch einen eigenen Pfarrer. Der 35 jährige Hermann Dosse war Pastorensohn und vorher einige Jahre Pfarrer im Harzort Stiege gewesen. Er blieb in dieser Gemeinde bis zu seinem Ruhestand im Jahre 1966. Am 9. Februar 1936 war die Grundsteinlegung[17] und am 4. Advent im Dezember 1936 die Einweihung, beide Male unter sehr großer Beteiligung der Gemeinde, des Männergesangvereins, und unter Mitwirkung von Bischof Johnsen und des stellv. Propstes Kalberlah. Dosse, der selber ein guter Sänger war, hatte bereits einen Kirchenchor gegründet, der unter der Leitung des Organisten, Rektor i.R. August Müller, die deutsche Messe von Schubert aufführte.. Dosse gab sofort einen Gemeindebrief heraus. „Welch heilige Freude ist das, wenn mitten im Ort eine Kirche gebaut werden darf“, schrieb er. [18]

Pramann hatte sich für eine ausgesprochen konservative Lösung entschieden. Er nahm auch nicht die Idee der Holzhaussiedlung von der gegenüberliegenden Straßenseite auf, sondern es wurde eine Kirche auf einem erhöht liegenden Gelände, direkt an der Straße gelegen, mit einem leicht erreichbaren Eingang errichtet. Der Turm erhob sich deutlich über die Häuser der Umgebung. Diese Kirche wollte, wie seit Jahrhunderten, in der Mitte des Ortes präsent sein. Überlegungen, wie sie Propst Leistikow angestellt hatte, ob in Folge der rapiden Säkularisierung ein anderes, bescheideneres Projekt angemessen wäre, wurden offenbar nicht angestellt. Das erschien auch unnötig, denn 1936 befand sich die Landeskirche noch im Sog der Rechristianisierungsphase der ersten drei  nationalsozialistischen Jahre.

Die äußere Gestalt  und Lage der Bugenhagenkirche dokumentierte den Anspruch der evangelischen Kirche, in der Gesellschaft des Dritten Reiches eine unübersehbare Rolle zu spielen. Die Frauenhilfe hatte für eine Turmuhr gesammelt, die nun der christlichen und unchristlichen Bevölkerung, dem Straßenverkehr zugewandt, die richtige Zeit ansagte.

Der Innenraum war schlicht, rechteckig, mit einer kassettenartigen Holzdecke versehen, der Altarraum etwas erhöht, und an der Altarwand das geheimnisvolle Wort aus dem Johannesevangelium „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit“. Für den Gottesdienstbesucher zu weit weg, um gelesen zu werden, zumal ein großes Kreuz vor den Schriftzügen auf dem Altar postiert war. Die Fenster waren mit anspruchlosen, farbigen, wiederkehrenden geometrischen Mustern, im oberen Teil mit einem Kreuz samt dem A und O und dem Christusmonogramm versehen. 

„So entsteht ein Gotteshaus nach dem andern und wird Mittelpunkt der neuen Siedlungen. Dem Martin Luther Haus folgte die Kapelle in Rühme, jetzt die Bugenhagenkirche und schon wartet das Siegfriedviertel sehnsüchtig auf die Vollendung seiner Kirche.“[19]

Dieser Kirchenbauboom in einer Stadt war keine Braunschweiger Besonderheit. Im Jahr 1938 wurden nach der Auflistung in der Zeitschrift „Kunst und Kirche“ in Berlin sechs, in Hamburg acht, in Stuttgart sechs, in Nürnberg vier, in Breslau drei Kirchen gebaut.

 

Die Bugenhagenkirche war das Muster einer Kirchengemeinde, die für  sich beanspruchte, Volkskirche zu sein, in der Hoffnung, dass die gesamte Bevölkerung christlich bleiben und werden würde, eine „christliche Volksgemeinschaft“ im Dritten Reich. Die Volkskirche vollzog sich vor allem in den gängigen Kasualien von Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen.

Noch am Einweihungstag wurden ein Ehepaar getraut und Weihnachten 1936 sieben Kinder getauft.

Im folgenden Jahr 1937 wurden 62 Kinder getauft, 36 Jugendliche konfirmiert, sieben Ehepaare getraut und 18 Personen kirchlich bestattet. Das war also nicht die Massenabfertigung, wie sie in den Innenstadtkirchen noch üblich war, sondern der übliche volkskirchliche Betrieb mit seinen hohen Erwartungen selbstverständlicher Kirchlichkeit und Christlichkeit.

Dieser volkskirchliche Rhythmus blieb der Gemeinde erhalten, auch als der Pfarrer eingezogen war. Unvermindert wurde die Taufe begehrt: 1938: 42, 1939: 52, 1940: 34; 1941: 50, 1942: 96; 1943: 51; 1944: 16; 1945: 28; 1946: 76; 1947: 91.

Auch die Zahl der Konfirmandinnen und Konfirmanden blieb stabil: 1937: 37; 1938: 37; 1939: 28; 1940: 32, 1941: 33; 1942: 23; 1944: 16; 1945: 10; 

Die Begräbnisse vermehrten sich während des Krieges, man wünschte sich offenbar den Pfarrer am Grabe. 1938 17 Bestattungen; 1939: 18; 1940: 19; 1941: 25; 1942: 27; 1943: 42; 1944: 33; 1945: 54; 1946: 38. Dabei ist auffällig, dass neun Verstorbene nicht mehr der Kirche angehörten und als „gottgläubig“ bezeichnet wurden. Trotzdem wurde eine kirchliche Bestattung gewünscht.

Auch die Taufe wurde begehrt, obwohl bei vier Täuflingen der Vater „gottgläubig“ war und einmal sogar beide, Vater und Mutter. Was mochte sie bewogen haben, trotzdem ihr Kind 1943 taufen zu lassen?

Ruhender und für lange Zeit präsenter Pol war die Gemeindeschwester Anna Wittenberg (1910- 1945).

Über diese Zeit schrieb Pfarrer Dieter Hansmann zu einem Bild, das die Ecke Friedrich Voigtländerstr./ Berliner Straße zeigt mit dem Schild: „Juden betreten diesen Ort auf eigene Gefahr“: „Über die Zeit des „Dritten Reiches“, während der auch die Bugenhagenkirche gebaut wurde, wird heute (1986) noch vorwiegend geschwiegen. Die NSDAP hatte in Gliesmarode viele Mitglieder – z.T. aus materiellem Interesse (Arbeitsplatz und Hausbau), z.T. auch aus nationalem Idealismus. Endlich schien es aufwärts zu gehen, es gab Arbeit und Brot, feste Ordnungen und Ziele für die Zukunft. Die negativen Erscheinungen des Systems waren sicher nicht zu übersehen, da wurden „Linke“ verprügelt oder aus dem Amt entfernt. Eine Zeitlang stand an der Ecke Friedr. Voigtländerstr./ Berliner Straße das böse Schild über die Juden. In Gliesmarode war ein jüdischer Geschäftsmann bekannt, der aber war ins Ausland geflüchtet war, ehe es ganz schlimm kam. Überwog nicht das Positive und waren manche unerfreulichen Dinge nicht nur ein notwendiger Übergang? Vielen gingen erst im Laufe des Krieges die Augen auf für das dämonische System, dem sie verfallen waren. Am Ende stand das Entsetzen, die Scham, das Schweigen.“[20]

 

Die St. Georgkirche [21]

Der Kirchbau im Siegfriedviertel erschien am dringendsten. In der Walkürensiedlung war in den 20er Jahren ein hochmodernes, dem Bauhausstil angenähertes Neubaugebiet projektiert worden, das um den Burgundenplatz einige Geschäfte und als sinngebenden Mitte  eine betont männliche, nackte, muskulöse Figur mit Schwert und Schild in Bronze auf einen Steinsockel erhob: sozialistische Ästhetik, wie sie auch immer wieder im „Volksfreund“ abgebildet worden war und später vom Nationalsozialismus bruchlos übernommen wurde. Der Naziprominente Arno Breker hatte ganz ähnliche Figuren geschaffen. An diese Walkürensiedlung wurde Mitte der 30er Jahre die Donnerburgsiedlung angefügt. An ihrer Schnittstelle entstand später ein Markt, heute am Nibelungenplatz mit einigen Geschäften. In der Mitte sind ein Parkplatz und Müllcontainer. Die in ihrer Häufigkeit heute schnurrig wirkenden nordischen Straßennamen setzten sich in den Strassen der Donnerburgsiedlung  fort. Ein Siedlungsgebiet ohne kommunale (Rathaus) oder kirchliche Mitte und sonstige Möglichkeiten. Das entsprach der säkularen Mentalität der Stadt Braunschweig in der Weimarer Zeit. Natürlich keine Kirche.

Ein Kirchbau im dortigen Gebiet setzte die Überlegung voraus, welche Gestalt die Kirche in diesem säkularen Bezirk haben könnte. Kreispfarrer Wagner (heute Propst) nannte in einem Brief vom 27. Februar 1934 folgende konfessionelle Zusammensetzung  des neuen Bezirkes, der als dritter Gemeindebezirk  der Katharinenkirche zugeordnet werden sollte: 4.524 Evangelische, 2.344 Dissidenten, 340 Katholiken, 151 Reformierte, 246 Verschiedene und einen Juden. Das bedeutete einen überproportional hohen Anteil an Dissidenten. Der Anzahl von Dissidenten betrug nach Angaben von Kreispfarrer Wagner in der Andreaskirche 4.600 Dissidenten gegenüber 13.000 evangelischen Gemeindemitgliedern und in der Katharinenkirche 3.400 Dissidenten bei 14.000 Gemeindemitgliedern.[22]   Durch die allmählich einsetzende Rücktrittsbewegung der Dissidenten wäre eine intensive seelsorgerliche Betreuung dringend notwendig.

Der Stadtkirchentag tagte im Februar 1934 im Magnigemeindesaal und beschloss einen Kirchbau mit 600 Sitzplätzen in der Kirche, 250 Plätzen in einem Gemeindesaal und einem Pfarrhaus für insgesamt 257.000 RM[23]  Vier anwesende Reporter der Regionalpresse berichteten über die Baupläne. [24]  Für diese Kirche war im April 1934 ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, zu dem bis an die 16 Meldungen und Skizzen eingegangen sein sollen. Den Zuschlag bekam wiederum Pramann, obwohl er nicht den ersten Preis gewonnen hatte. Die Zeitungen veröffentlichten ausführlich die  Entwürfe.

Ein Modell, wie es am Zuckerbergweg gegenüber dem Bebelhof entstanden war und dem dortigen hohen Anteil von Dissidenten entsprach, wurde nicht diskutiert. [25]

Der Bauplatz konnte keine architektonische Mitte bilden und lag eher am Südrand des Siegfriedviertels. Die Randgebietlage war keinesfalls dem Nationalsozialismus anzulasten, sondern war durch die Planung in der Weimarer Zeit begründet.

Am 1. Oktober 1934 war der dritte selbständige Gemeindebezirk der Katharinengemeinde gebildet und der 27jährige Pfarrer Wilhelm  Baeck für die Arbeit gewonnen worden. Baeck war überzeugter Deutscher Christ und zu einer Zeit von der Bayrischen Landeskirche abgeworben worden, als die Stadt Braunschweig eine deutsch-christliche Hochburg zu werden schien. Er wurde zusammen mit Pfr. v. Wernsdorff in die Katharinengemeinde eingeführt. v. Wernsdorff war bis 1945 ein überzeugter und eifriger Deutscher Christ.

Baeck zog in eine Mietwohnung und hielt Gottesdienste in einer Baracke, die einem Schützenverein gehörte. Die Anfänge der St. Georgkirche waren wie auch in der Martin-Luthergemeinde etwas „urchristlich“ schlicht. In der Vereinsbaracke des Kleinkaliberschützenvereins Dowesee waren Gottesdienste 1934 - 1937 umständlich. Der Altar musste erst  jeweils aufgestellt und von Frau Möhle, der Kirchenvögtin, und ihrem Mann hergerichtet werden, und die Schützentrophäen konnten und durften auch nicht alle abgehängt werden, aber man war dicht beieinander, eine hörte den andern singen, und Pfarrer Wilhelm Baeck war auch gut zu verstehen. Vom Gottesdienst drang etwas nach draußen. Und festlich war es auch. Zum Erntedankfest war der Altar üppig geschmückt, und die Fahne der Frauenhilfe ist auch auf einem Foto zu sehen. An einer „richtigen Kirche fehlte nichts, im Gegenteil: die Bewohner des Siegfriedviertels konnten merken: die Kirche kommt zu uns mit ihrem Singen und Beten. Das war ein Erfahrungsschatz, den die großen Innenstadtgemeinden nicht hatten.[26]

 

Die Konfirmanden mussten wohl wie bisher den Weg zum Katharinengemeindesaal in die Innenstadt machen. 1935 waren es 134 Konfirmanden und 1936 100, eine für heutige Verhältnisse unbegreiflich große Zahl, die andere Unterrichtsmethoden verlangte. Der junge Pastor hatte in St. Georg Schwierigkeiten mit einem aufsässigen und ständig störenden Konfirmanden, dem er wegen fehlender Kenntnisse und mangelndem Gottesdienstbesuch die Konfirmation verweigert hatte. Der ansonsten völlig gleichgültige Vater wollte indes die Konfirmation erzwingen, wandte sich vergeblich an das Landeskirchenamt in Wolfenbüttel und sogar ebenfalls vergeblich an die Reichskirchenregierung in Berlin, beeindruckte die Behörden auch nicht damit, dass sein Sohn das goldene Ehrenabzeichen der HJ hatte, und trat schließlich zusammen mit seiner Frau aus der Kirche aus. Ein durchgestandener Konflikt ist eigentlich eine gute Voraussetzung zur Weiterarbeit unter geklärten Verhältnissen, aber Baeck, dessen Frau in der Gemeinde einen Jungen bekommen hatte, strich vor diesen nicht einfachen Gemeindeverhältnisse nach zwei Jahren die Segel und ging 1936 in eine Vorortgemeinde nach Berlin, und machte später eine deutschristlichen  Karriere im dortigen Konsistorium.

Nachfolger von Pfarrrer Baeck wurde der 31jährige Erwin Bosse, und der blieb, bis er 65 Jahre alt wurde und ging von dort in den Ruhestand.[27] Als der Kirchenvorstand am 15. Oktober 1936 über seine Bewerbung beriet, bemängelten einige, dass Erwin Bosse Mitglied des Pfarrernotbundes wäre. Propst Leistikow beruhigte die Kirchenvorsteher, die „unerfreulichen Erscheinungen vor einigen Jahren“ würden sich nicht wiederholen, und Bosse betonte, dass er positiv zum 3. Reich stünde, durch intensive seelsorgerliche Tätigkeit die Gemeinde aufbauen und sich kirchenpolitischer  Arbeit enthalten würde. Daraufhin wurde er einstimmig gewählt und tauchte in der Liste der Braunschweiger Notbundpfarrer nicht mehr auf. Der Kirchenvorstand dankte es ihm schlecht. Zur nächsten Sitzung am 19.März 1937 erschienen von 18 nur noch vier Kirchenvorstandsmitglieder, drei gaben schriftlich bekannt, dass sie ihr Amt niederlegen wollten. Die wenigen verbleibenden bat Bosse, an der Konfirmation teilzunehmen, die Konfirmanden mit Handschlag zu verpflichten und ihnen die Konfirmationsscheine zu überreichen. Es waren 110 Konfirmanden. Danach fanden nur noch drei Sitzungen in Unterzahl statt (30.7./ 14.1.38/ 4.8.39).[28]

Zur Grundsteinlegung am 20.9.1936 [29], zum Richtfest am 8. April 1937 [30], zur Fertigstellung des Pfarrhauses am 1. Oktober 1937, zum ersten Weihnachtsfest im geräumigen Gemeindesaal im Untergeschoss und schließlich zur Kircheneinweihung am 19. März 1939 fanden jeweils große Gemeindefeste mit viel Gemeindebeteiligung statt.[31] Zur Einweihung war die gesamte Spitze der Kirchenbehörde mit dem Bischof und den beiden theologischen Oberlandeskirchenräten, Röpke und Seebaß, den Pröpsten Ernesti und Leistikow anwesend, sowie der amtierende Pfarrer Erwin Bosse und Vikar Ulrich Rüß, der einen eigenen, zweiten Gemeindebezirk erhielt.  Sechszehn am Kirchbau beteiligte Braunschweiger Firmen hatten sich zur Kirche bekannt und in einer ganzen Seite im Braunschweiger Volksblatt ihr Handwerk inseriert.[32] Die Feiern enthielten sich jeglichen parteipolitischen Anstrichs, es gab auch keine Hakenkreuzfahne wie bei der Grundsteinlegung der Rühmer Kapelle, aber jedes Mal wurde hervorgehoben, dass der Nationalsozialismus die positiven Rahmenbedingungen für den Bau der Kirchen gestellt hätte. In der Urkunde, die in den Grundstein eingefügt wurde, hieß es:  

„Es ist das vierte Jahr nach der nationalsozialistischen Revolution. Unser Führer Adolf Hitler hat sechs Millionen unserer arbeitslosen Brüder in Arbeit und Brot gebracht und unserm deutschen Volk Freiheit und Ehre wiedergegeben. Während in Russland die christliche Kirche ausgerottet wird und die Kirchen in Spanien brennen, dürfen wir im Dritten Reich mit Dank gegen Gott, der das Werk unseres Führers sichtbar segnete, nun schon zum vierten Male nach der nationalsozialistischen Revolution den Grundstein legen zu einem Gotteshaus in der Stadt Braunschweig und damit zu unserm Teile beitragen zu der vom Führer geschaffenen Arbeitsbeschaffung.“[33]

Wie dringend nötig der Kirchbau war, zeigen die Anzahl der Taufen und Konfirmationen.

Es wurden getauft 1935: 86 Personen, 1936:113; 1937: 106; 1938: 178; 1939: 205; 1940: 221 Personen. Es wurden konfirmiert: 1935: 134 Jugendliche; 1936: 100; 1937: 108; 1938: 110; 1939: 86; 1940: 88; 1940: 88 Jugendliche. Allein die Bewältigung dieser Taufen und des auf zwei Jahre ausgedehnten Konfirmandenunterrichtes war in diesen provisorischen Verhältnissen eine außergewöhnliche Belastung. Die hohen Zahlen haben auch darin ihren Grund, dass viele Eltern aus der Rühmer Siedlung Taufen und Konfirmationen in der nahe gelegenen Georgkirche vornehmen ließen.

Die am 19. März 1939 eingeweihte St. Georg Kirche machte einen völlig anderen Eindruck als die letzten Kirchbauten Pramanns. Siegfried, der germanische Drachentöter und Namensgeber des Wohnviertels, bekam Gesellschaft durch das christliche Pendant, den Drachentöter Ritter Georg. Wer die Legende genau liest, erfährt, daß Georg den Drachen nicht tötet. Er verwundet ihn, die jungfräuliche Prinzessin, um deretwegen er den Kampf mit dem Drachen führt, bindet ihren Gürtel ab, schlingt ihn um das furchterregende greuliche Haupt des Drachen und führt ihn im Triumph in die nunmehr von aller Gefahr und allem Übel befreite Stadt. Die Georglegende ist eine Auferstehungsgeschichte. Das Böse wird nicht beseitigt, sondern gebändigt und dem Triumph der österlichen Gemeinde überlassen. Die Kirche selber hat indes Georg als das Urbild der ecclesia militans, der kämpfenden Kirche, verstanden.

An diese Geschichte erinnert in dieser Kirche nichts: kein Bild, keine Plastik, nur der Name. Der Betrachter ist überrascht von der Größe und Höhe des Turmes. Wenn man erwartet hatte, dass der Kirchbau mit der zunehmenden politischen Festigung des Nationalsozialismus immer unscheinbarer und kleiner werden würde, hätte  man sich getäuscht.

Hier stand eine von der Umgebung nicht zu übersehende, weithin erkennbare Kirche, zur Bauzeit 1938/39 noch auffälliger, weil ringsum lauter Spargelfelder waren. Der Turm hatte, anders als bei der Bugenhagenkirche, nicht die enge Verbindung zum Kirchenkörper, sondern konnte als selbständiges Bauwerk wahrgenommen werden. Das war wohl auch Absicht. Er war nicht nur Glockenträger für die weit ins Land schallenden, das Christenvolk hereinrufenden Glocken, sondern ein Signal: hier ist Kirche und sie ist da! Was war das für ein Selbstverständnis von Kirche in der nationalsozialistischen Gesellschaft in einem Großdeutschland, das öffentlich „gereinigt“ war von den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern? Die braunschweiger Synagoge war verwüstet, die evangelische Kirche baute sich dieses Gotteshaus, und das war immer noch nicht das letzte in der Stadt.

 

Am Eingang begegnen wir dem merkwürdig weihevollen hochgestelzten, portalartigen Stil. Die Kirche bekam den Anstrich des Heroischen. Nicht ganz organisch wirken die in diese hohen Bögen eingelassenen unproportioniert klein wirkenden Eingangstüren.

Ein Blick in den an diesem Tag festlich geschmückten Innenraum zeigt einen schlichten viereckigen saalartigen Raum mit Orgelempore, einen Mittelgang, der auf einen ungewöhnlich hervorgehobenen Altarraum zuläuft. Um diesen Altar versammelt sich nicht mehr die Gemeinde zum Empfang von Brot und Wein, sondern er gleicht eher einem katholischen Hochaltar.

Vor den Stufen des Altars war in der Mitte die Taufe platziert. Damit hat Pramann einen entscheidenden Hinweis der liturgischen Erneuerungsbewegung aufgenommen: der Taufstein, gelegentlich mehr am Eingang, im Westteil der Kirche aufgestellt, oder meist seitwärts vom Altar, wird zentral in die Mitte vor den Altar gerückt. Wer zum Abendmahl an den Altar geht, wird am Taufstein vorbeikommend an seine Taufe erinnert.

Der Deckel, der den Taufstein abdeckt, ist auffällig gestaltet. In der Regel schmückt ihn die Taube, das Symbol des Hl. Geistes in Erinnerung an die Taufe Jesu durch Johannes. „Und da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich der Himmel auf und er sah den Geist Gottes wie ein Taube herabfahren.“ (Mt 3,16) Das ist bei dem Taufdeckel der Georgkirche anders: keine Taube, kein Schweben, kein Herabgleiten, sondern ein Festkrallen, adlerartiges Gefieder, spitzer Schnabel, jedoch einen Heiligenschein. Der Hersteller ist bisher unbekannt. Etwa ein Reichsadler, der versinnbildlichen soll, daß der getaufte Mensch dem Reich Gottes eingegliedert wird, das sich dem Dritten Reich nahe dünkte? Dieses Detail ist auffällig und eigentümlich.

Die Kirche hatte acht Glasfenster. Sie sind alle im Krieg zerstört. Sie enthielten in kindlicher Darstellung Erzählungen aus dem Lukasevangelium: hier: Geburt, Taufe, Jüngerberufung und Bergpredigt. Nicht deutende sondern schlicht nacherzählende, realistische Bilder aus der Kinderbibel, eine Art biblia pauperum, wie sie das Mittelalter für die des Lesens unkundige Gemeinde in den Kirchen anbrachte. Für eine mündige Gemeinde des 20. Jahrhunderts empfinde ich sie als schwer zu verkraftende Abbildungen, die den Betrachter zum kindlichen Konsumenten des gottesdienstlichen Geschehens machen.

Die Glasfenster stammten vom Kunstmaler Wilhelm Hartz. Hartz hatte den Auftrag für die Fenster auf Empfehlung von Pramann erhalten. Hartz und Pramann, etwa gleichaltrig, kannten sich aus Düsseldorf. Hartz hatte dort auf dem Gelände der dann anders genutzten Kunstakademie ein Atelier. Pramann holte Hartz zu Arbeiten nach Braunschweig. Hartz hatte schon 1927, als Pramann zum ersten Mal nach Braunschweig gekommen war, die Borekvilla in Riddagshausen künstlerisch mitgestaltet.

Von Hartz stammen schlichte realistische Landschaften und Gestalten, die er in verschiedenen Materialien wiedergibt. Er ist bald nach dem 2. Weltkrieg verstorben.

 

Der Kirchenraum wurde durch das monumentalen Mosaik an der Altarwand beherrscht. Es stellt die Himmelfahrt Jesu dar, also den seinen Tod überwindenden, neuen Menschen. Das Mosaik versucht keine Deutung der Himmelfahrtsgeschichte, sondern bildet den legendären Vorgang ab, Jesus auf der Wolke thronend und mit erhobener Hand die ihn betrachtende Gemeinde belehrend.

Es stammt wie schon die Glasfenster von Wilhelm Hartz. „Typisch Nazi“, hört man häufig über dieses Mosaik sagen: ein blonder Jesus, blauäugig. Ich halte das für voreilig. Es wäre eine weiterführende Aufgabe, dieses Mosaik mit anderen Mosaikdarstellungen aus jener Zeit zu vergleichen.

 

1936 feierten der Braunschweiger Propst und die Gemeinden die Grundsteinlegung von drei Kirchen und die Einweihung von zwei Kirchen. Das war nicht nur für die Stadt Braunschweig, sondern selbst im niedersächsischen Raum eine Seltenheit. Alle drei Kirchen sind heute noch Zeugen von der Kirchbaumöglichkeit im „Dritten Reich“ und von der Bereitschaft der Kirche, auch einer widrigen Zeit das Evangelium nicht schuldig zu bleiben.



 



[1] Beate Rossie Symbolhafte Sprache, die aus der Weltanschauung entspringt. Kirchliche Kunst im Nationalsozialismus S. 96 ff in: Stefanie Endlich, Monica Geyler-von-Bernus, Beate Rossie Christenkreuz und Hakenkreuz Kirchenbau und sakrale Kunst im Nationalsozialismus  Berlin 2008

[2] Sigrid Knopf „Eine junge Gemeinde mit langer Vergangenheit“ in Abrolat Ortschronik Rühme S. 124 ff;  Rammler/Strauss Kirchbau 20 f und 60

[3] Hellmut Winkel Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend in Rühme 1944-1962“ in Abrolat Ortschronik Rühme S. 266 ff

[4] Ich folge bei dieser Beschreibung der von Propst Rauls angefertigten Kirchenchronik.

[5] BAA 15.6.36

[6] Wortlaut in der Ortskirchenchronik

[7] BAA 15.6.1936 in Rammler/Strauss Kirchbau  20.

[8] Kirchenchronik von St. Magni im Pfarramt Magni

[9] auch BV 21.6.1936 S.124

[10] Bericht in BV 25.10.1936 S. 209

[11] Kipp S. 114

[12] Kipp S. 126 Anm. 69

[13] Dieter Hansmann „50 Jahre Bugenhagenkirche in Braunschweig-Gliesmarode 1936 – 1986“ Braunschweig 1986; Rammler/Strauss Kirchbau S.22 f

[14] Rolf Blume Nationalsozialistischer Siedlungsbau in Braunschweig „Fritz Alpers Siedlung“ heute Wabetalsiedlung S. 86 f

[15] nach dem Adressbuch der Stadt Braunschweig von 1936

[16] LAW OA 4 Bugenhagen

[17] BV 16.2.1936 S. 35

[18] Festschrift Bugenhagen S. 9

[19] BV  25.12.1936 S. 247

[20] Festschrift Bugenhagen S. 42 f

[21] Rammler/Strauss Kirchbau S.24 ff; die maschinengeschriebene Kirchenchronik von Pfarrer Bosse

[22] LAW OA St. Georg Nr. 4

[23] LAW OA St. Georg Nr 4

[24] BA 22.2.1935

[25] Es waren 62 Entwürfe eingesandt und sechs prämiert worden. Die Entwürfe wurden in der Handwerksschule ausgestellt. Auch Bartning hatte einen Entwurf eingesandt. Der Pramannsche Entwurf hatte den zweiten Platz erhalten. BLZ 25.10.1934 „Eine Kirche für das Siegfriedviertel“.

[26] Pfarrer Bosse in Beilage zum BV Nr. 42 24.10.1937 „Aus dem Siegfriedviertel: „Hier kommt – auch wenn keine Glocken rufen – eine kleine aber treue Gemeinde zum sonntäglichen Gottesdienst zusammen. Hier halten wir unsern Kindergottesdienst,. Hier sind unsere Jugendstunden, unsere Frauenhilfe, Männerabende und Bibelstunde. Wir kennen uns alle untereinander und es ist unter der Gnade Gottes ein Stück Gemeinde gewachsen.“

[27] Zu Erwin Bosse Kap. 10 Anm 36. Erwin Bosse verfasste über seine erste Zeit in der Kirchenbaracke einen informativen Bericht im Gemeindeblatt St. Katharinen Dezember 1937 S. 2 „Aus der Nachbargemeinde“.

[28] Pfarrarchiv St. Georg Kirchenvorstandsprotokolle

[29] BV 27.9.1936 S. 193

[30] BV 18.4.1937

[31] BV 26.3.1939 S. 52 ff

[32] BV 26.3.1939 S. 54

[33] BV 27.9.1936



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Impressum Stand: Dezember 2013, dk