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[Kirche von unten]



Ansichten einer versunkenen Stadt

Die Braunschweiger Stadtkirchen 1933 - 1950

von Dietrich Kuessner


23. Kapitel

Das erste Kriegsjahr – der Krieg höhlt die Kirche aus – der Fluch des Sieges

 

Zum Krieg erzogen

Die Deutschen - und mit ihnen die Braunschweiger – waren zum Krieg erzogen, gelegentlich  in den Krieg verliebt. Schon in der Schule wurde die deutsche Geschichte vor allem als Kriegsgeschichte behandelt. Der Krieg hatte 1813 die Freiheit vom „fremden Joch“ Napoleons gebracht, der Krieg schuf 1871 das Deutsche Kaiserreich, im Krieg bewährten sich angeblich  männliche Tugenden, die Schule der Nation war die Kaserne, Krieg war ein positiv besetzter Begriff. Die Niederlage von 1918 wurde deshalb nicht zur Kenntnis genommen oder in einen Sieg umgelogen.

Auf einen zweiten großen Krieg waren die Deutschen und auch die Braunschweiger bestens vorbereitet. Seit 1934 wurde für eine zivilen Luftschutz getrommelt. Dem Vaterland drohe Gefahr durch Angriffe aus der Luft und die Bevölkerung müsse sich mit Luftschutzmaßnahmen vertraut machen. Wenn solche Übungen vielleicht mehr sportlich verstanden wurden, so wurde es nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 schon ernster und steigerte sich nach dem außenpolitisch riskanten Einmarsch deutscher Truppen ins Rheinland 1936 und 1938 in den österreichischen Staat. Das Siegesbewusstsein triumphierte über das mit dem Einmarschieren verbundene Unrecht. Als sich allerdings die Krise zuspitzte und in München im  September 1938 aufgeschoben werden konnte, veranstalteten die evangelische Kirche und auch die Braunschweiger Stadtkirchen Dankgottesdienste für die Verhinderung eines Krieges.[1]

 

Braunschweig die Rüstungsstadt

Zum Siegen gehört das frühzeitige Rüsten zum Siegen. Die Rüstungsanstrengungen in der Stadt Braunschweig waren enorm. Dort entstanden seit 1935 große Kasernenkomplexe: die Kaserne Heinrich d. Löwe und die Hindenburgkaserne in Rautheim, die Schillkaserne in der Voigtländerstraße, die Siegfriedkaserne am Bienroder Weg, die Leutnant Müller Kaserne in der Salzdahlumerstraße[2], die Roselies Kaserne in der Lindenbergsiedlung, die Husarenkaserne in der Kralenriede, die Tannenbergkaserne am Flughafen und die Broitzemer Kasernen am dortigen Flugplatz. Insgesamt also zehn Kasernenkomplexe, drum herum die Gebäude für die Offiziersfamilien: ein gefundenes Fressen für die Bauwirtschaft. „Von Anfang an spielten Aufträge für Parteibauten und Wehrmachtsaufträge eine erhebliche Rolle“, so Birgitt Pollmann und Hans Ulrich Ludewig.[3]

Am Rand der Pauligemeinde entstand das gut abgeschirmte langgestreckte Gebäude des Luftwaffenkommandos und als Nachbarschaft das sog. „Fliegerviertel,“ Wohnhäuser in Straßen mit Namen von Fliegern aus dem 1. Weltkrieg. Das Gebäude der HJ Akademie an der Wolfenbüttlerstraße mit seinen Lehrsälen und Wohnhäusern diente als soldatische Kaderschmiede.

Die Produktion der Metallindustrie wurde auf kriegswichtige Güter umgestellt. Es

expandierten die Miag, die Lutherwerke, Büssing und Nimo. Sie produzierten für den erwarteten Krieg und Sieg Flaks, Panzer, Granaten, Flugzeugmotoren, LKWs; Franke und Heidecke Rollei Nachtsichtgeräte. Braunschweig war ein Rüstungsschwerpunkt. Ein zweiter Krieg stand außer Frage. Bereits an seiner Vorbereitung hatten die Betriebe gut verdient.

 

Domprediger Hans Schomerus „Ethos des Ernstfalles“

Auch die Kirche bereitete sich auf den Kriegsfall vor. Das Braunschweiger Volksblatt berichtete von evangelischen Freizeiten für die Wehrpflichtigen, „um den jungen Leuten eine rechte innere Zurüstung für den Dienst in der Wehrmacht zu vermitteln.“[4]  Pfarrer Otto Henneberger übernahm den „Wehrdienst“ als eine neue Einrichtung des Evangelischen Männerwerkes. Seit 1937 erhielten Pfarrer Bereitstellungsbefehle.

In einem Aufsatz aus dem Jahr 1938 beschrieb der Braunschweiger Domprediger das Jahr 1938 als „Ernstfall“.[5] Die Gegenwart liege im Kriegsschatten der Front, der noch aus dem 1. Weltkriege stamme, und der zugleich „Bote der Zukunft“ sei, „ein Vorspiel des Tages, an dem es ernst wird.“[6] Wie schon Hitler seine Regierungszeit als eine einzige Kampfzeit verstand, so formulierte Schomerus etwas vornehmer: „Der Ernstfall ist die Realität, die hinter all unserem heutigen Tun und Leben steht. An dieser Realität gemessen erscheint unsere Gegenwart nur als eine Übung und Bereitung auf den Ernstfall.“ [7] „Unsere Gegenwart wird den Blick in die abgründige Tiefe des Ernstfalles nicht los. Das aber ist mehr als nur Erinnerung. Das ist höchst gegenwärtige Lebensweisheit und Lebenserfahrung.“

Der deutsche Mensch müsse also auf diesen Ernstfall hin erzogen werden, nämlich zu einem Ethos der Tapferkeit. Tapferkeit  bedeute „die bewusste Begegnung mit dem Furchtbaren“[8] Das Furchtbare indes sei „in seiner Urgestalt eine religiöse Erfahrung“.  Das Furchtbare sei „der Kern und das eigentliche Geheimnis des Ernstfalles“[9]. „Der Ernstfall, mit dem wir es heute zu tun haben, und der Schatten  über unserer gegenwärtigen Geschichte ist, sowohl aus der Vergangenheit  wie aus der Zukunft zu uns herüberdrohend.. im höchsten Grade eine religiöse Frage“ Den banalen kirchlichen Irrtum des 1. Weltkrieges, dass die Front die Begegnung mit dem Göttlichen sei, stilisierte Schomerus als „Ernst“, genauer: als „furchtbaren Ernst“. Der Fahneneid am Eingang des soldatischen Lebens sei die göttliche Berufung in das Mannestum.[10]  Der Mann sei also zum Kampf berufen, zum Soldaten geradezu göttlich bestimmt. Anders als der stoische Mann, der dem Furchtbaren heroisch begegne, ist „nur der Mann, der Glaube hat, ein Soldat, wie ihn die Geschichte in ihrem Ernst fordert.“[11]  Der christliche Soldat weiche dem Furchtbaren nicht aus, aber er glaubt, dass die göttliche Huld und Gnade über allem mächtig bleibe. „So streitet der christliche Soldat: Auf das Schlimmste gefasst und doch zugleich in Gott geborgen“.[12]

Dieser Aufsatz von Schomerus stellte dem nationalsozialistischen Kriegssystem den evangelischen Mann als tapferen Kämpfer zur Verfügung und wollte die Pfarrerschaft willig und dienstbar zum Waffendienst auch in Hitlers Armee machen. Schomerus verschwendete keine Gedanken an eine Friedenspflicht der Kirche. Kein einziger Gedanke führte über die „Theologie des Krieges“ aus der Zeit des 1. Weltkrieges hinaus. Die Schrift diente in geistreichelnden Sprachwendungen der schlichten geistig-geistlichen Aufrüstung in der braunschweigischen Landeskirche und darüber hinaus.  

 

Die Stadtpfarrer werden eingezogen

Das Gemeindeblatt von St. Jakobi veröffentlichte den Aufruf des Geistlichen Vertrauensrates, der provisorischen Spitze der Deutschen Evangelischen Kirche, zum Kriegsanfang. Der Geistliche Vertrauensrat sprach darin von der Ungewissheit einer Entscheidung,  die „uns alle in den letzten Wochen und Tagen aufs tiefste bewegte.“ Offenbar war der Kriegsbeginn erwartet worden. Das deutsche Volk müsse für seine Freiheit und Ehre zu den Waffen greifen. Als ob Polen die Freiheit der deutschen Bevölkerung bedroht hatte. Die Mitglieder der Kirche seien „verbunden in der Fürbitte für unser Volk und Vaterland, für den Führer und die gesamte Wehrmacht. So war es immer in der Geschichte unseres Volkes; so wird es auch bleiben, solange evangelische Männer und Frauen aus dem nie versiegenden Quell ihres Glaubens schöpfen.“[13]

Es wurden im ersten Kriegsjahr folgende Braunschweiger Stadtpfarrer zur Hitlerarmee eingezogen: Otto Dietz von der Jakobikirche, Otto Jürgens und Walter Staats von der Johanniskirche, Reinhard Herdieckerhoff von der Inneren Mission, der für das Braunschweiger Volksblatt Feldpostbriefe von der Front schrieb, sowie die Jugenddiakone Hermann Kolb und Alfred Haferlach. Walter Staats wurde früh verwundet und erhielt einen bleibenden Hörschaden.

Andere drängelten sich zum Einsatz, wurden aber nicht genommen, so der Katharinenpfarrer v. Wernsdorff, der zurückgestellt wurde und erst später  einen Posten als Gefangenenaufseher in der Etappe erhielt. Der Martinipfarrer Wehrstedt arbeitete später in der Bücherei einer Garnison.

 

Der Überfall auf Polen - Volkskirche im Kriege

Der Überfall auf Polen war aus der Sicht Hitlers logisch und fällig. Auf der Europakarte Hitlers kam Polen zu seiner Jugend- und Soldatenzeit überhaupt  nicht vor. Das Zarenreich, das Österreich - Ungarische Kaiserreich und das Deutsche Kaiserreich stießen dort aufeinander. Der polnische Staat war für Hitler ein künstliches Ergebnis des Versailler Vertrages, und die Beseitigung dieses Staates fiel für ihn unter die fällige Revisionspolitik. Das war von Hitler aus gesehen folgerichtig und zugleich unmenschlich. Dass Polen seinerzeit das älteste europäische Parlament errichtet und eine eigene jahrhundertealte polnische Kultur entwickelt hatte, war für Hitler uninteressant, sah er vielleicht in seiner politischen Blindheit gar nicht. Aber um seine aggressiven Revisionsabsichten an der deutschen Ostgrenze zu verschleiern, schloss Hitler schon 1934 einen Freundschafsvertrag mit der polnischen Regierung. Das bedeutete, dass Hitler schon 1934 fest entschlossen war, den polnischen Staat zu beseitigen.

Die Deutsche Evangelische Kirche hatte sich teilweise organisatorisch von der evangelischen Minderheit in Polen nicht getrennt. Der Konsistorialbezirk Posen z.B., dem der Generalsuperintendent Paul Blau vorstand, gehörte zu Berlin-Brandenburg und unterstand dem Berliner Konsistorium. Das war für seine Gemeinden eine schwere Hypothek und stellte für die polnisch-katholische Kirche ein ständiges Hassobjekt dar. Das Verhältnis zwischen beiden blieb feindselig. Diese Feindseligkeiten verschärften sich, seit Hitler den Freundschaftsvertrag mit Polen aufgekündigt hatte. 1939 kam es auf beiden Seiten  zu schweren Übergriffen. Die schwierige Lage der evangelischen Gemeinden in diesem Teil Polens wurde in der Deutschen Evangelischen Kirche breit kolportiert, auch im Braunschweigischen und in der Stadt Braunschweig. Die Stadtpfarrer erhielten vom Landeskirchenamt einen Bericht von Generalsuperintendent Paul Blau über Grausamkeiten der polnischen Bevölkerung, der kriegsrechtfertigend wirken sollte. Blau war mehrfach in der Stadt zu Besuch gewesen.

Die Braunschweiger wurden auf den Kriegsbeginn mit einem Reisebericht von Martin Koegel, dem Redaktionsmitglied des Braunschweiger Allgemeinen Anzeiger, in der Wochenendausgabe des 12./13. August 1939 vorbereitet. Die Überschrift lautete: „Was ich in Danzig sah und hörte. Führer hol uns heim!“ Koegel kannte Danzig. Er war seit acht Jahren, wie er schrieb, jeden Sommer in Danzig gewesen. Koegel wiegelte einleitend ab. Zeitungen und Auslandssender sprechen immer wieder von einer Kriegspsychose, die an der Weichselmündung und in der Danziger Bucht sich lähmend auf Leben und Menschen  lege. Deutsche Soldateska beherrschten das Bild der Straße und was dergleichen Unsinn mehr sei. Aber Danzig sei und fühle deutsch. Den Zeitpunkt der „Heimkehr“ überließen die Danziger dem Reichskanzler. Er beschloss den Artikel mit dem Ausruf: „Führer, hol uns heim!“

Tags zuvor hatte dieselbe Zeitung mit „Danzigs unerschütterliche Wille: Heim ins Reich“ aufgemacht und von einer Massenflucht der polnischen Badegäste berichtet.[14] Täglich wurden die Braunschweiger Leser mit Schauernachrichten von polnischem Terror überschüttet, die den deutschen Überfall propagandistisch vorbereiten sollten.

Einen erstaunlich breiten Raum nahmen die Nachrichten vom deutsch-sowjetischen „Freundschafts- und Nichtangriffspakt“ in der vorletzten Augustwoche in der Regionalpresse ein. Die Berichterstattung jeweils auf der ersten Seite mit Bildern von den Außenministern Molotow und Ribbentrop in Berlin und Moskau scheinen nicht naheliegende ideologische Fragen ausgelöst zu haben, sondern eher das Gefühl von Sicherheit für einen bevorstehenden Krieg.[15]

Die Meldung in der Wochenendausgabe des Braunschweiger Allgemeinen Anzeigers vom  2./3.9. „Unsere Soldaten im Vormarsch“ konnte keinen mehr überraschen. Beruhigend sollte es wirken, dass Hitler im Reichstag erklärt hatte: „Ich bin entschlossen, dafür zu sorgen, dass im Verhältnis Deutschlands zu Polen eine Wendung eintritt, die ein friedliches Zusammenleben sicher stellt“.[16]  Zehn Tage später war in derselben Zeitung zu lesen, wie sich Hitler das friedliche Zusammenleben vorstellte: „Warschau soll ein Trümmerhaufen werden“.[17] Dieser Ausspruch wurde dem polnischen Kommandanten von Warschau Czuma in den Mund gelegt. Tatsächlich gab es die Absicht Hitlers wider. Die polnische Hauptstadt kapitulierte zum Ärger Hitlers „erst“ am 28. September. Am 5. Oktober nahm Hitler eine Siegesparade in Warschau ab. Anlässlich der Besetzung Warschaus durch deutsche Truppen ordnete Hitler ein siebentägiges je einstündiges Glockenläuten der evangelischen und katholischen Kirchen um die Mittagszeit an, das auch im Braunschweig durchgeführt wurde.[18]

 

Die Kriegsereignisse waren für den größten Teil der Bevölkerung weit weg und fanden als Nachricht in der Regionalpresse und mit Sondermeldungen im Volksempfänger statt. Die Zerstörung Warschaus erlebten die Braunschweiger wie alle Deutschen aus der unterhaltsamen Perspektive der Etappe.

Aber die alltäglichen Lebensverhältnisse änderten sich doch spürbar. Zum richtigen Verdunkeln der Fenster wurde die Bevölkerung ermahnt,[19] im Bürgerpark, Theaterpark, im Museumspark und am Gieselerwall wurden Splittergräben ausgehoben,[20] vor Spionen wurde gewarnt, denn „Achtung, Feind hört mit“,[21] und beim täglichen Einkaufen musste gespart werden. Es gab u.a. 0,20 l Milch pro Tag,

500 gr. Fleisch, 100 gr. Marmelade und Kaffee pro Woche. Das bedeutete für das gehobene Bürgertum schon eine gewisse Einschränkung. Da waren Buttersendungen von der Front durchaus willkommen.[22]

Von der Front schrieb Eberhard Gebensleben an seine Großmutter in Braunschweig u.a.: „Das Traurigste ist die furchtbare Ermordung von unzähligen Tausenden aus der volksdeutschen Zivilbevölkerung...Kein Dorf, durch welches wir kommen, in dem nicht 30 – 40 Deutsche massakriert sind, z.T. haben wir sie ausgegraben, ein Teil liegt noch neben der Landstraße auf den Feldern, Männer, Frauen und Kinder. Wie Menschen so etwas fertig bringen können, ist unfassbar. Es sind keine Menschen, und müssen entsprechend behandelt werden. Dieser Jammer der Überlebenden: Wäret ihr doch zwei Tage früher gekommen, hören wir jetzt immer wieder. Jetzt nach der militärischen Besetzung ist natürlich alles ruhig. Aber es sind furchtbare Bilder, die wir gesehen haben und sie rechtfertigen alle Maßnahmen von unserer Seite. Sonst geht es uns ausgezeichnet und die Stimmung ist entsprechend. Der Soldat vergisst ja rasch und das muss wohl so sein. Wir sind jetzt schon hinter der ehemaligen deutsch-russischen Grenze, ganz flache Landschaft, niedrige weiße Häuser mit Strohdächern. Hier beginnt der wirkliche Osten. Von Kultur recht wenig beleckt. Wenigstens was die Dörfern und die sogenannten „Städtchen“ anbetrifft. Schmutzig, ganz unglaublich! Hier gelten eben andere Maßstäbe. Da wir meist auf den großen Gutshöfen liegen, haben wir es besonders gut. Die Gärten stehen noch voll Obst und Gemüse, und die berühmten polnischen Schweine sind nicht zu verachten. Ich glaube, ich habe schon beachtlich zugenommen“.[23]

Der Briefausschnitt gibt bereits die Grausamkeiten auf der Seite der deutschen Soldaten wieder, die jedoch mit einer Brutalität des polnischen Heeres und der Zivilbevölkerung begründet werden. Die Rechtfertigung „aller Maßnahmen auf unserer Seite“ und der Hinweis auf die Vergesslichkeit des Soldaten zeigen die Verwicklungen der militärischen Einheit des Absenders in den Vernichtungskrieg

gegen die polnische Bevölkerung. Das Wörtchen „alle“ ist im Brief hervorgehoben.

 

Der Soldat im Gottesgericht – eine Aushöhlung des Glaubens

Eine Kirche, die sich in das Verbrechen eines Krieges begibt, ist dazu verdammt, dem Soldaten ein „getrostes Gewissen“ einzupredigen. So lautete die Überschrift einer Andacht von Pfarrer Herdieckerhoff  am 19. November 1939.[24]  Der Krieg sei ein Gottesgericht, und „Christus macht uns getrost auch vor dem Richtstuhl der Ewigkeit. Wer so getrost ist, ist auch wohl ein rechter Soldat, der seinen Gottesdienst tun darf im großen Gottesgericht dieser schwer bedrängten Zeit. Helfe einer dem andern, dass er Christus recht gewinne, damit er ein getrostes Gewissen bekomme.“ Wer sich auf das anfechtbare Bild von Gott als dem Herrn der Geschichte einließ, der konnte auf diese schonende Weise seinem Mitsoldaten ein gutes Gewissen mitten im Verbrechen einreden. Aber es ist eine Aushöhlung des Glaubens, den Kriegsdienst, und dazu den in der Hitlerarmee, als Gottesdienst, und den Soldaten als Mitbeteiligten in einem Gottesgericht, das offenbar über die polnische Bevölkerung ergangen war, zu bezeichnen. Die Waffen, „denen Gott jetzt zu reden gegeben hat“, offenbarten dieses Gottesgericht. „Die stählernen Rohre der Geschütze in ihrer blitzenden Unerbittlichkeit lehren, dass Gott sehr hart sein kann. Immer, wenn man die schweren Granaten in die Stellung schleppt, oder wenn man den Karabiner in Anschlag bringt, hört man diese harte Sprache Gottes.“ Theologisch denkbar ist auch das genaue Gegenteil: dass der Krieg der Ausdruck des Widerwillens Gottes ist, ein Ausbruch der gottvergessenen Selbstherrlichkeit des Menschen, dem es als Christ von Anfang an zu widerstehen gelte. „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“, dieser viel zitierte Satz der Ökumenischen Versammlung in Amsterdam war auch schon 1939 richtig, auch wenn ihn die Kirche erst 1948 anfing zu begreifen und dann bald wieder vergaß. 

 

Gebete im Krieg

Am Sonntag, dem 1. Oktober 1939 wurde in den Stadtkirchen das Erntedankfest gefeiert. In einigen Gemeinden sogar verbunden mit der Feier des Abendmahls.[25] Zu diesem Gottesdienst war im Landeskirchlichen Amtsblatt eine Kanzelabkündigung empfohlen worden, die vom Leiter der Kirchenkanzlei und dem Geistlichen Vertrauensrat der DEK unterzeichnet worden war.[26] Sie hatte folgenden Wortlaut:

„In tiefer Demut und Dankbarkeit beugen wir uns am heutigen Erntedankfest vor der Güte und Freundlichkeit unseres Gottes: Wieder hat Er Flur und Feld gesegnet, dass wir eine reiche Ernte in die Scheuern bergen durften. Wieder hat Er seine Verheißung an uns wahr gemacht, dass Er uns Speise geben wird zu seiner Zeit. Aber der  Geist, der die Geschichte der Völker lenkt, hat unser deutsches Volk in diesem Jahr noch mit einer anderen, nicht weniger reichen Ernte gesegnet. Der Kampf auf den polnischen Schlachtfeldern ist, wie unsere Heeresberichte in diesen Tagen mit Stolz feststellen konnten, beendet, unsere deutschen Brüder und Schwestern in Polen sind von allen Schrecken und Bedrängnissen des Leibes und der Seele erlöst, die sie lange Jahre hindurch und besonders in den letzten Monaten ertragen mussten. Wie könnten wir Gott dafür genugsam danken.

Wir danken Ihm, dass Er unsern Waffen einen schnellen Sieg gegeben hat. Wir danken Ihm, dass uralter deutscher Boden zum Vaterland heimkehren durfte und unsere deutschen Brüder nunmehr  frei und in ihren Zungen Gott im Himmel Lieder singen können.

Wir danken Ihm, dass Jahrzehnte altes Unrecht durch das Geschenk seiner Gnade zerbrochen und die Bahn freigemacht ist für eine neue Ordnung der Völker, für einen Frieden  der Ehre und Gerechtigkeit.

Und mit dem Dank gegen Gott verbinden wir den Dank gegen alle, die in wenigen Wochen eine solche gewaltige Wende heraufgeführt haben; gegen den Führer und seine Generale, gegen unsere tapferen Soldaten auf dem Lande, zu Wasser und in der Luft, die freudig ihr Leben für das Vaterland eingesetzt haben.

Wir loben Dich droben, Du Lenker der Schlachten,

und flehen, mögst stehen uns fernerhin bei.“  

Die Kanzelabkündigung erinnerte an eine doppelte Ernte: des Bauern auf Feld und Flur und der Soldaten auf dem Schlachtfeld. Beide seien im Jahr 1939 von Gott reich gesegnet. Die Kanzelabkündigung ging dann sprachlich über in eine Gebetsform. Sie nahm die nazistische Propagandavokabel von der „Heimkehr“ auf, bezeichnete den vom Versailler Vertrag geschaffenen Zustand als „Unrecht“ und verwies mit einer „neuen Ordnung der Völker“ bereits auf eine vom Nationalsozialismus geprägte Zukunft im europäischen Osten. Das Gebet übernahm also vollständig das politische Weltbild und die militärischen Zielvorstellungen Hitlers, dem folgerichtig samt Generalität und Fußvolk ausdrücklich gedankt wurde. Diesem Dank fehlte die traditionell folgende übliche Fürbitte für Elende, Heimatlose, Verwundete, Tote. Brakelmann bezeichnet daher die Kanzelabkündigung als „endgültige Perversion eines Gebetes“.[27] Die Kanzelabkündigung schloss mit mit zwei Versen aus dem damals populären Choral „Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten“. Dieses Lied wurde 1939 in den frisch geschaffenen Anhang des Braunschweiger Gesangbuches aufgenommen und nach 1945 wegen seines deformierten Gottesbildes wieder gestrichen.

 

Der Aufruf des Hildesheimer Bischofs Machens

Am 10. September 1939 wurde folgender Hirtenbrief von Bischof Machens in den katholischen Kirchen Braunschweigs verlesen: „Ein Krieg ist ausgebrochen, der uns alle, Heimat und Front, Wehrmacht und Zivilbevölkerung vor die gewaltigste Aufgabe stellt. Daher rufe ich euch auf: Erfüllt eure Pflicht gegen Führer, Volk und Vaterland. Erfüllt sie im Felde und daheim. Erfüllt sie, wenn es sein muss, unter Einsatz der ganzen Persönlichkeit. Zugleich ermahne ich euch, erhebt mit mir die Hände zum Vater in Himmel empor und bittet ihn inständig und beharrlich, dass er unser Volk in seinen gnädigen Schutz nehmen, unsere Soldaten, besonders unsere Angehörigen behüten und segnen  und unser geliebtes Vaterland einem glücklichen Frieden entgegenführen möge.“ Die Kriegszeit sei Bitt- und Sühnezeit, Zeit zur Einkehr und Selbstheiligung, Die Beichtstühle müssten belagert werden. „Kriegszeiten müssen Zeiten der seelischen Erneuerung sein.“ „Bestürmt das Herz des göttlichen Erlösers, dass er in seiner gütigen Vorsehung uns das Gottesgeschenk eines glücklichen Friedens schenken wolle. Amen“.[28]  Die katholische Kirche stand bei dem Krieg Hitlers gegen Polen vor der schwierigen Aufgabe, gegen ein ganz überwiegend katholisches Land zu kämpfen. Diese Frage wurde nicht erörtert und führte auch nicht zu besonderer Zurückhaltung. Es wäre ein Anlass gewesen, auf ein Hirtenwort zu verzichten. Der Aufruf zur Pflichterfüllung erweckte stattdessen den Eindruck, dass der Kriegseinsatz auch den Einsatz des Lebens rechtfertige. Der Anfang des Hirtenwortes ist dagegen ein Ausdruck bedeutsamer Zurückhaltung. Mit der Einleitung „Ein Krieg ist ausgebrochen“ entzog sich Machens der maßlosen öffentlichen Propaganda, dass der Krieg von polnischer Seite inszeniert worden sei. Sie lässt die Frage, wodurch der Krieg „ausgebrochen“ sei, offen. Das Hirtenwort fügt sich in die Zustimmung der katholischen Kirche zum außenpolitischen Kurs Hitlers ein. Der Schluss des Wortes mit dem Wunsch nach einem „glücklichen Frieden“ konnte seinerzeit nur einen Frieden unter der Hitlerregierung bedeuten. So fest und selbstverständlich war bereits die Einbindung in den nationalsozialistischen Staat. Andrerseits ist das Hirtenwort im Vergleich zu den Äußerungen aus der Braunschweiger evangelischen Landeskirche nach Stil und Inhalt viel zurückhaltender. In der Substanz dagegen wurde dem katholischen Christen die Bereitschaft zum Krieg auch zur Pflicht gemacht.

 

Langzeitwirkung hatte folgende Einfügung in das sonntägliche Fürbittgebet:

„Dass du unser Volk und Vaterland schützen und segnen wollest;

dass du die Führer unseres Volkes und unsrer Wehrmacht mit deinem Licht erleuchten und leiten wollest;

dass du durch deine Engel unsere Soldaten behüten wollest;

dass du uns alle mit unüberwindbarem Vertrauen auf die gütige Vorsehung erfüllen wollest;

dass du alle Betrübten..“[29] Es mochte für die betende Kirchengemeinde eine persönliche Beruhigung sein,, wenn sie mit ihrem kindlichen Glauben die deutschen Soldaten mit Engeln umgibt. Schon die naheliegende Überlegung, ob dann die polnischen Soldaten von Teufeln oder Dämonen oder etwa auch von Engeln umgeben seien, zeigt schon die Hilflosigkeit des Engelsymbols. Noch problematischer wird es, wenn der Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung zum obersten Gebot auch des katholischen Soldaten wurde.

 

Predigten im Krieg „Kämpfendes Volk und glaubende Gemeinde“ von Otto Henneberger

Otto Henneberger veröffentlichte im Verlag des Evangelischen Bundes sechs Predigten oder Ansprachen aus den ersten Kriegmonaten unter dem Titel „Kämpfendes Volk und glaubende Gemeinde“.[30] Er  bekräftigte die von der Mehrheit der Pfarrerschaft mitgetragene These vom notwendigen Nebeneinander von nationalsozialistischem Staat und lutherischer Kirche, gerade auch für die Kriegszeiten.

Den sechs Überschriften „Glaubende Gemeinde im kämpfenden Volk“, „Der große Verbündete“, „Der Kampfschatz des Glaubens“, „Der Griff nach dem Brot“, „Standhaftes Mannestum – ohne Zorn und Zweifel“, „Schicksalgläubig oder Gottes gewiss?“ war jeweils ein Bibelwort vorangestellt. Henneberger beendete die Abhandlung mit einem Gesangbuchvers. In glatten Wendungen machte Henneberger den Glauben der Gemeinde kriegstüchtig. „Ihre Glieder stehen mitten in der großen Kameradschaft des kämpfendes Volkes, bereit zu jeglichem Frontdienst draußen oder drinnen“.[31]

Obwohl schon im Parteiprogramm von 1920 die Ansprüche auf ein Großdeutschland  mit Gebieten jenseits der Reichsgrenzen herrisch erhoben worden waren, und damit alle Optionen für die Begründung des Krieges mit dem dogmatischen Schema des „gerechten Krieges“ aufgehoben waren, stellte sich Henneberger hinter die Lüge vom Verteidigungskrieg. Denn allein ein Verteidigungskrieg erschien traditioneller Weise gerechtfertigt. Das neue Deutschland sei herausgefordert zum Kampf auf Leben und Tod. Seine Freiheit und seine Ehre seien bedroht. Henneberger stellte die Kirche ganz und gar für diese Kriegslage zur Verfügung, denn die letzte Wehrkraft eines Volkes wäre sein Glaube. Daher sei es „ernsteste Notwendigkeit, dass mitten im kämpfenden Volke eine wahrhaft glaubende Gemeinde sei.“[32] 

Auf der Seite der glaubenden Gemeinde stehe Gott selber als „der große Verbündete“. Gott sei nicht neutral, er habe sich  „für uns entschieden. Er ist für uns da! Als der große Verbündete!“[33] Zu dieser gotteslästerlichen Dreistigkeit wurde das Pauluswort „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ missbraucht.  „Wir spüren den heißen Atem geschichtlicher Stunde, Deutschland ist in eine neue Kampfzeit gerufen. Das deutsche Volk, das unter Aufgebot aller Lebenskräfte unter sieghafter Führung das neue Reich sich schuf, ist in seinem Lebensrecht bedroht. Es ist entschlossen, mit allen Kräften für seinen Bestand und für die neue Ordnung und Gerechtigkeit der europäischen Welt zu kämpfen“.[34] Henneberger wiederholte nicht nur die Lüge vom bedrohten Lebensrecht, sondern erweiterte das Kriegsziel: eine neue Ordnung und Gerechtigkeit in Europa! Mit anderen Worten: die Vision eines braunen Europas unter deutscher Führung. Wieder sollte die Welt am deutschen, diesmal braunen, deutschen Wesen genesen, zunächst Europa, dann die ganze Welt. Die Aussichten dafür standen für ihn in Folge des großen Verbündeten gut. Als weitere Garantie für den Sieg trage die glaubende Gemeinde einen „Kampfschatz“ bei sich. Henneberger unterschied zwischen der „Wehrkraft der waffentragenden Mannschaft“ als erstem Kampfschatz, der Wirtschaftkraft und Nervenkraft als zweitem und drittem Kampfschatz und als letzten die Kraft des Glaubens. In weiterer Verdrehung eines Pauluswortes posaunte Henneberger: trotz einer unheimlichen Bedrohung „steht die glaubende Gemeinde in überschwänglicher Kraft und spricht es in den Sturm der Welt: „Wir kommen nicht um!“[35]

Wo gesiegt wurde, gab die Kirche wie bisher ihr Ja dazu: „In unaufhaltsamem Vormarsch hat sie im Polenfeldzug allen offenen und heimtückischen Widerstand gebrochen, einen ritterlichen  Kampf geführt und einen geschichtlich einmaligen Blitzsieg errungen“.[36] Tatsächlich organisierten mit und hinter den Wehrmachtsoldaten die Soldaten des Sicherheitsdienstes einen schauerlichen Massenmord an der polnischen Bevölkerung. Soldaten schickten Fotos von aufgehängten „Partisanen“, Juden und „Pfaffen“ nach Hause. Die Heimat wusste Bescheid.

 

Da die Kirche aus der Niederlage des 1. Weltkrieges die einzige, evangelische Folge, einen Krieg nicht mehr zu unterstützen, nicht gezogen hatte, sondern sich stattdessen um die Sinngebung des Krieges und seiner „Opfer“ bemüht hatte, war keine andere Tradition sichtbar, an die sie zu Beginn des neuen Weltkrieges anknüpfen konnte. Bezeichnenderweise widmete Henneberger diese Abhandlung seinem im 1. Weltkrieg bei Langemarck gefallenen Bruder Edwin. Der Bruder wiederholte die schon vor 25 Jahren überholten Phrasen aus dem kirchlichen Rechtfertigungsvokabular des 1. Weltkrieges.

 

Dank für das Scheitern des Attentats vom 8. November 1939

Das Verhältnis zwischen Hitler und der deutschen Bevölkerung wurde im Verlauf des Krieges immer enger. Die Strukturen eines Hitler-Mythus vertieften sich in der Bevölkerung und wurden durch das missglückte Attentat von Johann Georg  Elser in München am 8. November 1939 noch verstärkt. Der Attentäter blieb zunächst unerkannt, der Schock war, dass ein Attentat überhaupt möglich war.[37] „In den Gottesdiensten am 12. November wurde in allen Gemeinden dem Dank gegen Gott Ausdruck gegeben, der in großer Gnade unseren Führer in der Stunde größter Gefahr behütet hat. Starke und treue Fürbitte befiehlt ihn auch weiterhin  in den Schutz des allmächtigen Gottes, zum Segen des ganzen Volkes, zur Gewinnung und Erhaltung des guten Friedens. Der Opfer des verdammungswürdigen Anschlags gedenken wir in Dankbarkeit.“[38] Wer an d i e s e m Tag die Stimme Gottes nicht gehört hat, dem ist nicht mehr zu helfen,“ schrieb v. Wernsdorff im Katharinengemeindebrief. [39] „Oder ist es etwas anderes als der sichtbare und spürbare Eingriff der göttlichen Vorsehung, wenn der Führer aller Deutschen ganz dicht vor einer derartig grauenvollen Katastrophe uns bewahrt und erhalten geblieben ist? Gott hat gesprochen, dass er mit diesem Manne nicht nur um Deutschlands, sondern um vieler Völker willen etwas Besonderes vor hat, und wir als Christen sollten zu allererst ein feines Ohr für dieses Reden des lebendigen Gottes haben. Vor allem aber sollten wir etwas davon ins neue Jahr mitnehmen. Verdoppeln muss sich unsere Treue, vervielfachen unsere Liebe zu unserm Führer!  Und felsenfest muss unser Glaube an den Sieg unserer guten Sache wider alle Lüge und Gemeinheit der gegen uns stehenden Welt werden. Wer jetzt noch verzagt ist, wer jetzt noch darüber murrt, die Lasten mitzutragen, die das ganze Volk trägt, der ist nicht mehr wert, ein Deutscher zu heißen, der beschmutzt aber zugleich auch seinen christlichen Glauben an den Gott und Herrn, der immer wieder und heute vor allem seine eindeutige Sprache redet. Gott segne unsren Führer! Gott schenke Sieg unseren Waffen! Das sei unser Neujahrswunsch! Vorwärts mit Gott in unwandelbarer Treue zu Führer und Volk! Das sei unsere Neujahrslosung!“ So wie der Katharinenpfarrer äußerten sich in ganz Deutschland alle unterschiedlichen kirchenpolitischen Gruppen unisono. So setzte sich die Aushöhlung des evangelischen Glaubens in den Stadtgemeinden fort, wenn sie dieser Beschreibung von v. Wernsdorffs folgten. So erflehte der Michaelispfarrer am Ende des Kriegsjahres 1939 den weiteren Beistand Gottes: „Im Rückblick auf das alte Jahr danken wir Gott für den gnädigen Schutz, den er unserem Führer in den Stunden schwerster Gefahr verliehen. Aus tiefstem Herzen erflehen wir im Ausblick auf das neue Jahr für Führer, Volk und Wehrmacht Gottes Beistand und Segen“.[40] Treue und Liebe zu Hitler waren Glaubenssache, die fällige Untreue eine Beschmutzung des Glaubens.

 

Die Kirche begleitet als „innere Front“ die Truppen im Frankreichfeldzug

Am 10. Mai 1940 fielen die Hitlertruppen  in Frankreich und unter Bruch der Neutralität auch in Belgien und Holland ein. Die holländische und belgische Armeen kapitulierten innerhalb von vierzehn Tagen.  Unter der Überschrift „Die Stunde der Entscheidung“ veröffentlichte das Braunschweigische Volksblatt fettgedruckt einen Kurzbericht, in dem es u. a. hieß: „Der ungeahnte, unvorstellbare Siegesmarsch, mit dem unser Heer den großen Entscheidungskampf im Westen begonnen hat, hält in diesen Tagen uns alle in atemloser Spannung und reißt unsere Herzen mit zu Dank und Bewunderung“. Holland habe kapituliert, die Truppen dringen in die belgische Hauptstadt ein, die Maginotlinie sei durchbrochen.  Die Herzen finden Ruhe im Gebet zu dem Herrn über Leben und Tod, der uns alle in seiner Hand hält. „In tiefer Demut beugen wir uns vor Ihm, der unserem Volk die Gnade gegeben hat, so Großes zu vollbringen. Er halte seine schützende Hand über unseren Führer, und über alle, die unseres Landes Grenzen schirmen. Er gebe auch und in der Heimat ein festes Herz, dass wir uns der großen Stunde würdig zeigen, in der letzte Bewährung von uns gefordert wird.“[41]

So wurde blankes Unrecht auch in der Kirche als „Großes“ frisiert.

 

Das Herz der Gemeindemitglieder zu festigen und die Kirchengemeinde als innere Front zu stabilisieren, empfand Pfarrer Koenig als die jetzt fällige eigentliche Aufgabe der Kirche. „Wir rufen tapfere, gläubige Herzen. Unvergleichliche Großtaten hat unsere Wehrmacht vollbracht. Führung und Kampftruppen aller Waffengattungen haben Erfolge errungen,, die man bisher nicht für möglich hielt. Jeder Einzelne, Offizier wie Mann, setzte sein Letztes ein, erfüllt von einem unüberwindlichen Glauben an den Sieg. Die Heimat will dahinter nicht zurückbleiben. In unerschütterlicher Treue steht sie hinter der Front. Es ist der s e e  l i s c h e Einsatz, zu dem ein jeder, ob Mann oder Frau oder Kind aufgerufen ist. Wir haben mit der Kraft unseres Herzens zu kämpfen „für das heilige, göttliche Recht – gegen alles, was falsch und schlecht“. Wir sind zu jedem Opfer bereit und „werfen das Schwert des Glaubens hinein in den Gottesstreit:“ „Wir siegen, wir siegen, denn Gottes ist unsere Sach/ und seinen Standarten gehen freudig und stolz wir nach/ Wir folgen dem Herzog Christus und sei es in Not und Tod/ wir sind ja des Volkes christdeutsches Aufgebot“.[42] Den Aggressionskrieg Hitlers als Gottesstreit zu verkünden, signalisierte den hohen Grad der Verkommenheit des theologischen Denkens.

 

Der Katharinenpfarrer v. Wernsdorff erklärte seinen Gemeindemitgliedern im Gemeindebrief „Worum es geht“, so  der Titel seiner Glosse.[43] Es sei das Gebot der Stunde, in dem „uns aufgezwungenen Kampf“ immer aufs neue klar zu werden, „worum es in diesem Völkerringen geht“. Es gehe nicht um Eroberungen, wehrte v. Wernsdorff verräterisch am Anfang ab, sondern um eine Entscheidung zwischen Gott und Teufel, dem Glauben an den Sieg der ewigen Macht und dem Glauben an den Triumph des satanischen Goldes.  „Wenn die jüdischen Plutokraten oder die jüdisch gesinnten Geldherrscher in London und Paris ihre Völker in den Krieg hetzen und wenn auf unserer Seite eine aus deutschem Boden und nationalsozialistischem Geist geformte junge Mannschaft zum Kampf antritt, dann  hebt im gleichen Augenblick die unsichtbare Geisterschlacht über den Gefilden der Erde an, dann geht es um die Frage „Gott oder Mammon... soll der tote Geldsack herrschen  oder soll der lebendige Mensch mit seiner Schaffenskraft das Antlitz der Erde gestalten?“ v. Wernsdorff beendete seine Glosse mit folgendem Wunsch: „Dass unser deutsches Leben immer mehr  von uns verstanden werde als Gottesdienst,  dass es den Sieg behalte in der Welt, und den unter dem Fluch des Geldes gequälten Völkern der Erde einen wahren starken Frieden bringe, das ist der letzte Sinn unseres Kampfes! Darum geht es! Und in diesem Kampf helfe uns Gott“.

Allein die Tatsache, dass es keinen Friedensvertrag mit Polen gegeben hatte, sondern Polen geteilt und entvölkert werden sollte, um dort nordische, arische Menschengruppen anzusiedeln, konnte jedem Deutschen zu diesem Zeitpunkt schon zeigen, dass es um nichts anderes als um Eroberung ging. Die Besetzung Dänemarks und Norwegens seit April 1940 diente keinem anderem Zweck als der Eroberung der Erzvorkommen und der Herstellung eines faschistischen Kontinents. Verräterisch war auch die Überhöhung des bis dahin noch begrenzten Krieges zu einem Superkampf zwischen zwei Ideen, welche künftig die Welt beherrschen sollte. Das widersprach der eingangs aufgestellten Behauptung vom aufgezwungenen Verteidigungskrieg. Der Krieg richtete sich nicht auf die Verteidigung der deutschen Bevölkerung, sondern darauf, „den Völkern Frieden zu bringen“, ausgerechnet unter Hitler. Das konnte nur bedeuten, die ganze Welt in einen ewigen Kriegszustand zu versetzen.

 

Eine Predigt während des Frankreichfeldzuges von Pfarrer Benndorf

„Eine Sinfonie der Vernichtung“, titelten die Braunschweiger Neusten Nachrichten am 6. Juni 1940 nach der Einkesselung französischen und englischer Truppen. „Das Volk dankt seinem Führer“, und Gott werde weiter mit denen sein, die den Sieg verdienen, telegraphierte Rudolf Hess ins Führerhauptquartier. Die Nachricht aus dem Führerhauptquartier wurde mit dem Choral „Wir treten zum Beten“ beendet. Hitler befahl, acht Tage lang zu flaggen und an drei Tagen zu läuten. „Ihr Klang möge sich mit den Gebeten vereinen, mit denen das deutsche Volk seine Söhne von jetzt ab wieder begleiten soll.“[44] Der Minister für die kirchlichen Angelegenheiten bestimmte die Mittagszeit von 12.00 Uhr bis 12.15 Uhr.

Nachdem am 14. Juni deutsche Truppen das kampflos geräumte Paris eingenommen hatten, ordnete Hitler an, erneut drei Tage lang zu flaggen und wieder die Glocken zu läuten. Vom 14. –16. Juni läuteten in Braunschweig von 18.00-18.15 Uhr die Glocken.[45] Am Sonntag darauf, dem 16. Juni predigten in Brüdern Uhrig, in der Garnisonkirche Ernesti, in Jakobi Dosse, in Johannis Herdieckerhoff, in Martin Luther Sander, in Katharinen Gennrich, in St. Georg Bosse, in Magni Rauls, in Martini Rohde, in Michaelis Koenig, in Pauli Henneberger, in Petri Freise, in Lehndorf Klapproth, in Riddagshausen Leistikow und in der reformierten Gemeinde Benndorf.[46]

Die Predigt von Benndorf ist uns erhalten. Pfarrer Benndorf, früher an der Martinikirche hatte den Text Lukas 22,31-32: „Der Herr aber sprach: Simon, Simon, siehe der Satanas hat euer begehrt, dass er euch möchte sichten wie den Weizen; ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre“, gewählt. Benndorf  hatte bereits während des 1. Weltkrieges in Braunschweig Kriegsandachten gehalten und veröffentlicht. „Liebe Gemeinde! Am vergangenen Sonntag haben wir in heiliger Freude unsre Herzen erhoben zum Herrn der Heerscharen und als Gemeinde Gottes ihm aus tiefster Seele gedankt für die wunderbaren Siege und Erfolge, die er in seiner Gnade unsern vorwärtsstürmenden Heeren geschenkt hat. Und wiederum liegt eine Woche unaussprechlich großer Siege hinter uns, die uns mit immer neuer Bewunderung vor unsern kämpfenden Brüdern mit Preis und Dank gegen den Lenker der Schlachten erfüllen.

Da liegt die lichtvolle Seite des Krieges vor uns: unvergleichlicher Heldenmut, opferbereite Todesbereitschaft, glühende Vaterlandsliebe, herrliche Siege und Triumphe über unsre Feinde. Aber es gibt auch eine andere, dunkle Seite des Krieges, die heißt: Vernichtung, Opfer, Sterben jungen blühenden Lebens, ständiges Bangen und Sorgen von ungezählten Vätern und Müttern, Frauen und Bräuten, Schwestern und Brüdern, Trauer und Glaubensnöte. Auch dieser dunklen Seite gegenüber muss ein Christ die rechte Stellung einnehmen.

Jesu Wort an Petrus zeigt uns den rechten Weg dazu...

Nur ein Weg  führt aus allem Dunkel zum Licht und der heißt: sich durchglauben. Halte aus im Glauben!“

Die Seelen der Gleichgültigsten würden  aufgerüttelt werden vom Sturmwind Gottes, der alte Lutherchoral „Ein feste Burg ist unser Gott“ zum deutschen Volkslied und das deutsche Volkslied „Deutschland über alles“ zum deutschen Volkschoral.

Aber das Fronterlebnis sei widersprüchlich. „So manche unserer feldgrauen Brüder haben da draußen auf den Schlachtfeldern Gottesbegegnungen gehabt, die ihnen unvergesslich bleiben ihr Leben lang. Im Schützengraben, auf Feldwache und einsamen Posten, vor dem Sturm auf den Feind, vor dem Angriff aus der Luft, auf dem Meer hat mancher wieder an seinen Gott denken gelernt und die Hände gefaltet oder ein stilles Gebet aus dem Herzen zum Himmel gesandt. Wir wissen es aus Briefen von der Front. Das sind beglückende Erfahrungen. Aber auch das Gegenteil mussten wir erleben. Wir mussten von Manchen hören, die aus der Hölle des Granatfeuers und  Schlachtenlärms kamen: wir glauben nichts mehr, unter den furchtbaren Erlebnissen da draußen ist uns Gott fremd geworden, ist uns das Heilandsbild entwichen. Erschütternd sind solche Bekenntnisse. Wir können sie verstehen, aber sie müssen uns mit tiefem Ernst erfüllen.“

 

Darum müsse die Losung lauten für die deutsche Christenheit: „Kämpfe dich nicht nur mutig mit dem Schwert hindurch durch diese Zeit, sondern glaube dich hindurch! Halte aus im Glauben...

Wer sich durchgeglaubt hat, ward noch nie von Gott betrogen im Leben. Seht unsre herrliche Luftwaffe an..Oder denkt an Näherliegendes. Unser großer Führer glaubte in einer Zeit tiefster Schmach und Erniedrigung an seinen Gott und sein deutsches Volk. Er glaubte sich hindurch und ward der Retter unsres Vaterlandes und der Schöpfer unsres neuen, großen herrlichen Deutschen Reiches.

So bleiben auch wir in allem Erleben bei unsrem Dennoch des Glaubens....“

Die Predigt dokumentiert die fortschreitende Aushöhlung des Glaubens durch die Festlegung auf den Sieg. Die Vielfalt und Reichhaltigkeit des biblischen Textes ist eingetauscht gegen die Eintönigkeit und ständige Wiederholung vom Heldenmut und der Opferbereitschaft. Zwar referierte Benndorf auch den Krieg als Hölle, Vernichtung, Trauer und Glaubensnöten. Aber dieser Zweifel wurde nicht fruchtbar und führt zu keinem gereiften Glaubens, er fiel mit der peinlichen Behauptung von Hitler als einem Vorbild des Glaubens zurück in eine erste infantiler Phase vom Sieg und dem großen herrlichen Deutschland. Die Einseitigkeit konnte nur  durch eine Steigerung der Phrasen (das Deutschlandlied als „Volkschoral“) überboten werden. Die Predigt ist ein erschütternder Vorgriff auf die tatsächliche Ruinenlandschaft, die sich nach vier Jahren um den Predigtort, die Bartholomäuskirche und ihre Umgebung ausbreitete.

 

Zum dritten Mal Glockengeläut

Am 24. Juni wurde die „Waffenruhe“ durch den Rundfunk gemeldet, und Hitler erließ eine Proklamation an das deutsche Volk, in der er vom „glorreichsten Sieg aller Zeiten“ sprach und: „Inbrünstig danken wir dem Herrgott für seinen Segen. Ich befehle die Beflaggung des Reiches für zehn, das Läuten der Glocken für sieben Tage“[47] Danach erklang der Choral „Nun danket alle Gott“.

Der für die Hauptstadtnachrichten zuständige Redakteur der Neusten Nachrichten Erich Mundt verfasste unter dem Choralanfang eine Glosse: „In machtvollen Akkorden stand der Choral gestern abend mitten unter uns. Es war die Krönung einer Sondermeldung, wie sie in diesen Tagen militärischen und politischen Geschehens nicht herrlicher hätte widerfahren können. Voller Ergriffenheit  hatten wir der knappen, so bedeutungsvollen Fassung dieser weltgeschichtlichen Kunde aus dem Führerhauptquartier gelauscht.“ Es gehe einem letzten Ziel entgegen und das heißt Engelland.[48]

Die Glosse gibt die andächtige Stimmung in der Braunschweiger Bevölkerung wieder. Was mochte Hitler veranlasst haben, die Meldungen mit Gebetsaufrufen, bekannten Chorälen und der Aufforderung zum Glockengeläuten zu umgeben? Entsprach sie gewissen religiösen Resten in seinem geistigen Haushalt? Was bedeutete diese ausgesprochen kirchenfreundliche Umhüllung im Hinblick auf die längst eingesetzte Entkonfessionalisierung der deutschen Öffentlichkeit und vor allem auf die Gottgläubigen in seiner Partei? Aber auch für Rosenberg, Himmler und Bormann? Verband sich der Dank in der Tiefe des allgemeinen Bewusstseins mit dem Gefühl einer nunmehr gesättigten Rache  für Versailles, die als Heilung des Traumas von der Niederlage 1918 missverstanden wurde?

Oder wurde das Trauma, weil es der Stillung der Rache diente, tatsächlich nur vertieft? In der Literatur wird Hitler im Juni 1940 gerne als auf dem Gipfel seines Triumphes dargestellt. Tatsächlich verbaute  der Sieg für lange Zeit die Einsicht in die Niederlage von 1918, vertiefte also das zerstörerische Trauma sowohl bei Hitler wie bei der deutschen Bevölkerung und trieb die Erkrankung seinem  Höhepunkt entgegen, die in der totalen Niederlage und im Selbstmord endete.

 

Im Juni 1940 erschien die Vision eines faschistischen Europas mit Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, Dänemark und Norwegen greifbar nahe. Und es war endlich wieder ein „christliches Europa“, im Sinne des Hitlerschen „positiven Christentums“.

Was Hitler tatsächlich plante, wurde bald klar. Es gab keinen neuen Friedensvertrag, nicht Versailles drei. Sondern Frankreich wurde geteilt und blieb besetzt. Hitler machte, was die Alliierten 1945 mit dem besiegten Deutschland machten: teilen und besetzen.

 

Der Stadtkirchenverband annoncierte in den Zeitungen die Abhaltung von Dankgottesdiensten am 30. Juni 1940. Die Magnichronik vermerkte: „Die Kriegsereignisse des Jahres fanden im kirchlichen Leben in mancherlei Hinsicht ihren Niederschlag. Der gewaltige Vormarsch des deutschen Heeres, der im Westen am 10. Mai begann und am 24. Juni mit dem Waffenstillstand beendet wurde, war begleitet von den Bittgebeten und den Dankgottesdiensten der Gemeinde, die ihren Höhepunkt in den Gottesdiensten am 30. Juni fanden“. Die Predigt ging in 300 Stück zu den Soldaten an die Front.[49]

 

In der Stadt Braunschweig herrschte nach dem Sieg über Frankreich eine merkliche Enttäuschung. Goebbels hatte zwar in München und Berlin Jubelparaden inszeniert, in der Provinz tat sich dergleichen nicht. Es gab keine Siegesfeier auf dem Platz der SS, vor dem ehemaligen Schloss, keine auf dem Franzschen Feld. Auffälligerweise organisierten die Ortsgruppen der NSDAP eine Versammlungswelle als kümmerlichen Ersatz. Neben den zahlreichen Siegesmeldungen veröffentlichten die Lokalzeitungen halbseitig lange, mit einem Eisernen Kreuz versehene Todesannoncen von der Front. „den Heldentod für Führer, Volk und Vaterland“ oder: „getreu seinem Fahneneid fiel..“. Meist waren elf Todesannoncen auf einer halben Längsseite platziert. (siehe Kapitel 27)

 

Der Krieg als Deutsche Sendung für das Christentum in der Welt

Wie wenig der Sieg über das französische Heer das Trauma von Versailles heilte, wird daran deutlich, dass sich eine tiefe Wurzel dieses Übels wiederum rührte: der schon seit der Kaiserzeit tiefsitzende Hochmut von der Sendung des Deutschen Reiches in die Welt.

So platzierte Pastor Koenig nach dem Ende des Krieges gegen Frankreich in seinem Gemeindebrief als eine neue Aufgabe zur Fortführung des Krieges eine besondere Sendung Deutschlands für die Welt. Die Deutschen haben eine Sendung, eine Mission, nämlich den besonderen Auftrag Gottes, das Christentum in der Welt zu verwirklichen. Der Glaube an Jesus Christus sei „ am reinsten und schönsten vom deutschen Volk. Wir können das wohl als ein besonderes Geschenk des Herrgottes für unser Volk betrachten, zugleich aber ist es ein geschichtlicher Auftrag, den unser Volk für die Welt zu erfüllen hatte und auch heute und künftig zu erfüllen hat.“[50] Diesen historischen Unsinn versah Koenig mit der pathetischen Überschrift „Der Deutschen Sendung für das Christentum“. Die europäischen Länder, die die Deutschen bis Ende September überfallen und besetzt hatten, Polen Dänemark, Norwegen, Frankreich, waren seit Jahrhunderten christianisiert und hatten teilweise das Christentum schon wieder hinter sich gelassen. Das war auch schlichten Gemeindegliedern der Michaelisgemeinde bekannt. Dieses Sendungsbewusstsein war ein bösartiges Erbe der wilhelminischen Zeit, als kirchliche Missionsarbeit und außenpolitische Kolonialpolitik Hand in Hand gingen. Es hatte bereits als Motiv die Propaganda des ersten Weltkrieges bestimmt. Es war der Ausdruck eines nationalen Hochmutes, der sich tief in das Bewusstsein vor allem der bürgerlichen Schichten eingefressen hatte.

Das ideologische Programm der NSDAP hatte diese vor allem nach der Niederlage des 1. Weltkrieges völlig unangebrachte Unart wieder aufpoliert und durch eine unwissenschaftliche Herrenrassenideologie zu verstärken verstanden.

Im Juli 1940 erschien die letzte Nummer des 9. Jahrgangs des Michaelisboten. Der Herausgeber Pastor Koenig dankte und wünschte den Lesern für den neuen 10. Jahrgang, der Gemeindebrief möge  mithelfen, „das gesamte deutsche Volk zu einer seelischen Einheit zusammenzufügen „Ein Volk – Ein Führer – Ein Glaube! Diesem Hochziele soll an seinem Teile und in seinem Wirkungsbereiche auch unser Gemeindeblatt dienen, den Ruf der Schicksalsstunde, in die Gott unser Volk hineingeführt hat, verstehend. In Treue zu Führer und Volk mit allen Lesern des „Michaelisboten“ verbunden grüßt mit H e i l  H i t l e r Der Herausgeber: Pastor Koenig“.[51] Der Wunsch verdichtet das seit 1933 immer wieder vorgetragene Verlangen der Kirche nach einer christlichen Volksgemeinschaft, nach einer „seelischen“ Einheit von Führer, Volk und christlichem Glauben.

Im Rückblick auf das Jahr 1940 schrieb Koenig im Michaelisboten im Januar, dem Eismond 1941, schwärmerisch: „Nun liegt es hinter uns, das Jahr 1940, und das neue Jahr steigt herauf. Deutsche Soldaten halten in eiserner Wacht das Land umspannt, das die deutsche Wehrmacht 1940 in deutschen Schutz genommen hat! Der riesige deutsche St. Michael ist aufgebrochen. Er hält das Flammenschwert des Rechts in seinen Händen. Eine neue, bessere Ordnung wächst, die den Völkern den Lebensraum schaffen wird, den sie brauchen. Eine alte müde Welt versinkt, so zähe sie sich auch dagegen wehren mag. Sie muss zerbrechen, weil die neue Ordnung auf eine höhere Gerechtigkeit gegründet ist.“

Koenig verstand die kriegerischen Eroberungen als errungene „Missionserfolge“ und die Eroberten entsprechend jenem alten Missionsmodelles, als unbedarfte, niedrige Bevölkerung, der zu ihrem Heil das Christentum eingeflößt werden müsse, nunmehr vermischt mit der gehörigen Portion von Hitlerismus. Die neue Ordnung, von der Koenig schwärmte, war das Europa mit einer rassereinen, vor allem judenfreien, großdeutschen Mitte, und locker dem Nationalsozialismus verbundenen Nachbarländern sowie versklavten Staaten am äußersten Rande. Diese christlich/nationalsozialistische kerndeutsche Mitte pflegt das Gebet, jedoch anderes als die Väter. Ihr Beten hat sie „im  Felde gelernt“. Das persönliche Gebet trete zurück oder wird „eingetaucht in das Stahlbad einer harten Zeit.“[52]

 

Die zweite Hälfte des ersten Kriegsjahres im Spiegel der Jakobigemeindebriefe

Wer sich auf das Unrecht des Krieges einlässt, marschiert in die Verdammnis des Zwanges, siegen zu müssen. Dieses dämonische Dogma des Sieges lag wie ein Fluch auf der Kirche. Auf der Rückseite des Sieges lauert die Angst vor einer Niederlage.

Es gab für die Kirche nur eine Möglichkeit, dem Zwang zu entgehen, nämlich um des Friedens willen den Abbruch der Kriegshandlungen zu verlangen, immer und immer wieder. Diesen Weg ging sie nicht. Stattdessen stellte sich die gesamte Kirche, auch die Braunschweiger Stadtkirchen, unter den Fluch, siegen zu müssen, was an den Gemeindebriefen jener Zeit anschaulich wird. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der politische Anteil in den Gemeindebriefen, z.B. der der Jakobigemeinde erheblich anwuchs. Vom Juli/August 1940 bis Mai/ Juni 1941 erschienen sechs Gemeindebriefe[53]. In diesen sechs Gemeindebriefen befanden sich allein 17 längere oder kürzere politische Artikel, meist zum Kriegsgeschehen. In allen Artikeln wurde auf die Notwendigkeit des Sieges verwiesen, die mit der Person Hitlers verbunden war. Die meisten Artikel waren nicht persönlich gezeichnet, stammten also aus einer Presseagentur, einige waren mit „dew“ bezeichnet. Anstatt eines geistlichen Wortes wie üblich auf Seite eins wurde unter der Überschrift „Verantwortung“ in der Juli/August Ausgabe die Rede Hitlers vom 19. Juli 1940 vor dem „Reichstag“ kommentiert und die „tiefe sittliche Verantwortung“ Hitlers gepriesen. Er sei zum Krieg gezwungen worden, obwohl er einen großen deutschen Sozialstaat bauen wollte und darin nun gestört sei. „Der Führer kennt nur das Ziel, der Welt zu einem gerechten Frieden zu verhelfen, in dem allerdings sein  Volk atmen und leben kann. Diese tiefe Verantwortung für Volk und Völker ist die Größe des Führers.“[54]  Die deutsche Bevölkerung wusste nicht, das Hitler, der Lügner, am Vortag die Planungen für die Eroberung Englands verabredet hatte, aber sie konnte die Passagen zum neuen deutsch-russischen Verhältnis als verlogen durchschauen. Hitler hatte erklärt, das deutsch-russische  Verhältnis sei endgültig festgelegt, die „nüchterne Interessenfestsetzung“ für immer klargelegt. Wenig Jahre vorher hatte Hitler damit geprahlt, die Kirche vor dem bolschewistischen Abgrund gerettet zu haben. Im Hitler-Stalin Pakt dagegen hatte er den bolschewistischen Staat vor den Augen der deutschen Öffentlichkeit, mit viel bebilderten Besuchen der beiden Außenministern in den Hauptstädten, Molotow in Berlin, Ribbentrop in Moskau als vertragsfähig hingestellt.

Hitler zur Aufgabe aller weiteren Eroberungspläne aufzufordern, wäre wohl als Verrat verstanden worden. So war es folgerichtig, dass die Kirche auch die Besetzung Dänemarks und Norwegens hingenommen hatte.

„Das deutsche Volk liebt seinen Führer gerade wegen seines tiefen Ernstes, mit dem er sich nicht nur seinem Volk, sondern vor dem ewigen Gott in seinem großen Amt verantwortlich weiß. Wir können es nicht ertragen, dass man den Edelsinn des Führers immer wieder verachtet und ihm unedle Motive unterschiebt. Will man ihn nicht ernst nehmen, dann bleibt allerdings nur die eine Möglichkeit, dass das scharfe deutsche Schwert weiter seine Sprache spricht“, endete der Kommentar, der die Gemeindemitglieder im August 1940 schonungslos auf die Fortsetzung des Krieges vorbereitete.[55]

In einem weiteren Artikel wurde „Der Atem der großen Zeit“ besungen, nämlich die Fahrtenlieder der Jugend, in denen „der kämpferische Geist einer großen Vergangenheit und der sieghafte Glaube an eine größere Zukunft“ lebe. „Zwischen den Entscheidungen“ lautete der Titel des dritten Artikels, der darauf Bezug nahm, dass der Angriff auf England bisher ausgeblieben und offenbar kein Blitzsieg mehr zu erwarten gewesen war. Aber: „Wir warten voller Spannung der letzten großen Entscheidung.. „Der Ring um die englische Insel wird dichter“. Unverblümt beschrieb der Artikel das Ziel des Krieges: „Eine neue Ordnung will wachsen, sie wird den gesamten europäischen Raum umfassen von der skandinavischen Küste bis zum Bosporus, von der Weichsel bis zu den Pyrenäen“.[56] Es ging also gar nicht mehr um den angeblich nötigen Lebensraum“ für die deutsche Bevölkerung, sondern um die Schaffung eines braunen Europas. In einem vierten Artikel „Ein Wort an die Alten“ wurden die Alten

aufgefordert, für die an der Front kämpfenden Männer zu beten, ihnen ein Neues Testament zu schicken und „jetzt zu helfen, die Heimatfront zu stärken“. Der Artikel war persönlich gezeichnet. Ebenfalls vier politische Artikel enthielt die September/Oktobernummer unter der Überschrift „Gott ruft in die Geschichte“. Sie führen über das erste Kriegsjahr bereits hinaus.

 

Die hoffnungslose Verirrung: das verchristlichte Deutschland als innenpolitisches Kriegsziel

Wenn ganz Europa zum christlich-nationalsozialistischen Missionsfeld erklärt wurde, war es folgerichtig, dieses Ziel trotz aller Konflikte und Querelen mit Staat und Partei auch für das Großdeutsche Reich aufrecht zu erhalten. Propst Leistikow hielt an diesem Ziel ausdrücklich fest und legte es den Braunschweiger Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern nahe. Leistikow lud seine Braunschweiger Mitarbeiterschaft am 1. Dezember 1940, dem 1. Adventssonntag, zu einem Treffen in die Magnikirche ein, das außerordentlich gut besucht war. Es wurden Adventslieder gesungen, Pfarrer Gennrich berichtete aus der Männerarbeit, Frau Sinemus aus der Arbeit der Frauenhilfen und Jugendwart Haferlach aus der Jugendarbeit. Propst Leistikow nahm in seiner Ansprache eingangs ein Zitat von Ministerpräsident Klagges auf, wonach das Verhältnis zwischen Deutschtum und Christentum nicht erst erfunden werden müsse, sondern es bestehe „von Anfang an“. Der Auftrag für die christliche Gemeinde, „um eine neue, echte Verchristlichung in unserm Volk zu ringen, bleibt uns. Er ist der Gemeinde befohlen durch Gottes heiligen Geist. Die gegenwärtige Zeit kann ihn uns nicht abnehmen.“ Die Gemeinde dürfe trotz allem nicht ablassen, zu hoffen, zu ringen, zu warten, dass es einmal „eine große Heimkehr zu Christus“ geben werde.[57]

 

Das Ende der Ökumene

Da England zu den Feindmächten gehörte, wurde auch die anglikanische Kirche als plutokratische, machversessene christliche Kirche karikiert. Der Brüdernpfarrer Uhrig veröffentlichte einen längeren Aufsatz unter dem Titel  „Christentum auf britisch“,[58] der auch vom Katharinengemeindebrief übernommen wurde. Der Artikel endete mit einem antisemitischen Ausfall: „Dieses britische Christentum, gewaltiger Exponent im Machtstreben des britischen Weltreiches, verwechselt auf Schritt und Tritt Religion mit Macht, wie der Herrgott eigens dazu bestimmt ist, das britische Weltreich im Verlauf seiner Geschichte zu segnen. Der Geist, der aus dieser Welt atmet, ist nicht christlich; er ist jüdisch-alttestamentlich. Mit der Frohbotschaft Gottes, die uns Martin Luther schenkte, hat er nichts gemein.“[59] Uhrig stellte ein britisches Sendungsbewusstsein fest, das seit Jahrzehnten entsprechend von der evangelischen Kirche für Deutschland reklamiert worden war.

 

So endete das erste Kriegsjahr mit der Hoffnung auf einen Sieg für die deutsche Wehrmacht, der aber in eine ungewisse Zukunft gerückt war. Es musste also weiter für den Sieg gebetet und gebangt werden. Die Aushöhlung von Kirche und Theologie unter dem Fluch des Sieges ging weiter. Ein „Sieg“ indessen konnte im Inneren „gefeiert“, der Hitler noch in seiner Todesstunde im Bunker 1945 noch Befriedigung verschaffte, der „Sieg“ über die jüdische Bevölkerung in Großdeutschland. Jedes Ja Hitlers zur christlichen Kirche war zugleich ein schroffes Nein gegen die jüdischen Deutschen, auch schon in der Regierungserklärung 1933. Auch in der Stadt Braunschweig.

 

Deutsch - christliche Gottesfeiern und erstarkter Antisemitismus

Im Sog des Krieges unternahmen die radikalen Deutschen Christen einen neuen Anlauf zum Eindringen in die Stadtkirchengemeinden. Sie versuchten, deutsch-christliche Gottesfeiern neben den traditionellen Sonntagsgottesdiensten zu etablieren. Die Deutschen Christen hatten in Thüringen eine besonders radikale Form entwickelt und über die Landeskirchengrenzen hinaus auch Sympathisanten in anderen Landeskirchen gewonnen, in Braunschweig bei Pfarrer v. Wernsdorff, der nach eigenen Aussagen jetzt erst den Deutschen Christen beitrat, und Pfarrer Brutzer von der Magnikirche.

Im Entnazifizierungsverfahren begründete v. Wernsdorff ausführlich seinen Beitritt, von dem ihm Propst Leistikow dringend abgeraten hatte. „Ich bin 1939 den Deutschen Christen beigetreten, um in meiner sehr unkirchlichen, aber sehr nationalsozialistischen Gemeinde in Braunschweig überhaupt eine Plattform für die Verkündigung von Christus, unserm Heiland und Erlöser, zu haben. Politische Gründe haben mich nicht dazu bewegt, da ich ein gänzlich unpolitischer Mensch bin.“ [60]

 Die Thüringer Deutsche Christen blieben hartnäckig bei ihren Irrlehren, wie sie Pfarrer Grüner in der Martinikirche schon im April 1934 veröffentlicht hatte, bei einer Gleichsetzung von Gottesreich und Drittem Reich und einer „entjudaisierten“ evangelischen Kirche. Dazu hatten sie eine eigene schlichte Liturgie entworfen. Die Bremer Kirche hatte ein eigenes deutsch-christliches Gesangbuch verfasst. Die Kirchenvorstände der Stadtkirchengemeinden sträubten sich heftig gegen diese deutsch-christlichen Absichten, die jedoch vom Bevollmächtigten der Finanzabteilung im Stadtkirchenamt Dr. Breust, dem unentwegten Nazi und Deutschen Christen, heftig unterstützt und gegen die Vorstände pro Monat reihum in einem der Braunschweiger Stadtkirchen zur  Hauptgottesdienstzeit durchgesetzt wurden. Sie wurden jeweils im Katharinengemeindebrief und auch in den Kirchennachrichten bekannt gegeben: eine deutsch-christliche Gottesfeier“ am 27.8.39. in Pauli; am 3.12.1939 10 Uhr in Magni; am 26.5.1940 10 Uhr in Martini; 28. Juli 1940 10 Uhr Johannis; am 26. Januar 1941 10 Uhr in der Paulikirche. Dazu wurden auswärtige Pfarrer eingeladen. Diese Gottesfeiern waren ausgesprochen schlecht besucht.

 

Mit dem Erstarken der Deutschen Christen wuchs auch der Antisemitismus. In der Katharinenkirche fand am 12. und 13. Juni 1940 eine Tagung der deutsch-christlichen Arbeitsgemeinschaft niedersächsischer Pfarrer statt, bei der Prof. Hirsch, Göttingen zwei Vorträge über den Philipperbrief und der Danziger Bischof Beermann über Fragen des Konfirmandenunterrichtes informierte. Der Bremer Bischof Weidemann übte mit den ca 40 Teilnehmern Lieder aus dem neuen deutsch-christlichen Gesangbuch. Ein Kirchenkonzert in der Katharinenkirche und ein Kameradschaftsabend beschlossen beide Tage. Die Tagung wurde auch von OLKR Dr. Breust besucht und finanziell gefördert.

Am 5. und 6. Februar 1941 fand erneut eine Tagung in der Katharinengemeinde, dieses mal zusammen mit dem „Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ statt. Prof. Hirsch erklärte auf dieser Tagung: „Wenn es der Kirche und der theologischen Wissenschaft nicht gelingt, diese jüdische Überfremdung aufzuweisen und das jüdische Überkleid abzulegen, werden  wohl die Sterbeglocken der Kirche noch läuten, aber die Taufglocken immer seltener erklingen“. [61]

Der Antisemitismus war in der Kirche „wissenschaftlich“ längst vorbereitet. Dr. Max Maurenbrecher hatte in einem Kommentar zum Galaterbrief des Apostels Paulus behauptet, dass es in Galatien in Kleinasien Reste einer nordischen Kultur der Kelten gegeben habe, die aus dem 4. Jahrhundert vor Chr. stammten.[62] Diese Kelten in Galatien waren „die ersten Vertreter einer nordischen Rasse, die mit dem Evangelium in Verbindung gekommen waren“. Im Galaterbrief kämpfe Paulus gegen seine jüdischen Rassegenossen für die Freiheit der nordischen Länder, dass der Heiland in ihnen Gestalt gewinne. „Das ist die weltgeschichtliche Bedeutung des Galaterbriefes.“ „Uns ist der Kampf des Galaterbriefes, der Kampf gegen den jüdischen für den nordischen Christ, wirklich ein Sinnbild, in dem wir unsere letzte, tiefste, höchste Bestimmung erschauen dürfen.“ Die Christenheit verdanke also dem Apostel Paulus „die Erkenntnis des grundsätzlich Unjüdischen des Evangeliums“.

Pastor Koenig zitierte daraus zustimmend in einem Beitrag im Gemeindebrief „Der Heiland der Deutschen“ in Michaelisbote September-Scheiding 1939.[63] Den Gemeindemitgliedern der Michaelisgemeinde sollte der Eindruck vermittelt werden, dass ein seriöser biblischer Kommentar den vollständigen Gegensatz zwischen einem nordischen und einem jüdischen Christ, zwischen dem Evangelium und der jüdischen Religion behauptet. Das Judentum wurde vom Kommentator als „Rasse“ missverstanden. Dieser Kommentar gehört in die Reihe völkischer „Kommentare“, als welche sich auch der Markuskommentar, das Urevangelium, von Dietrich Klagges ausgab. Vom theologisch-wissenschaftlichen Standpunkt aus musste man auf derlei interessengeleitete Versuche der nordischen Umdeutung der Bibel nicht eingehen, verheerend indes war es, dass ein Braunschweiger Pfarrer sich dazu verstand, diesen Kommentar unkritisch zu übernehmen und sich damit in die antisemitische Front der Nationalsozialisten einreihte.

Die antijüdisch-antisemitischen Einlassungen von Pfarrer Koenig waren kein einmaliger Ausrutscher. Ausführlich entfaltete Koenig in seinem Beitrag „Jesu Botschaft antijüdisch“ im Michaelisbote August Ernting 1940 seine Thesen. Unter den Kurzüberschriften „Das Gesetz“, „der Tempel“, „das Reich Gottes“, „Lohngesinnung“, „Rachegeist“, „Engherzigkeit“ karikierte Koenig die jüdische Frömmigkeit und kam zu dem vernichtenden Schluss: „Auf der ganzen Linie steht Jesus im härtesten Gegensatz gegen das jüdische Wesen. Das Christentum ist nicht etwa aus dem Judentum hervorgegangen, sondern es ist im Kampf gegen das Judentum entstanden. So ist es auch unsere Aufgabe, alles Jüdische um uns und auch in uns im Sinne Jesu zu bekämpfen.“ Zum „Jüdischen um uns“ gehörte gegenüber der Michaeliskirche, fast auf der anderen Straßenseite die Synagoge, die 1938 zerstört worden war. Die Auslegung Koenigs ist eine späte Bestätigung der nazistischen Barbarei.

 

Um diese Zeit wurden den noch in Braunschweig verbliebenen jüdischen Braunschweiger in ihren Wohnungen gekündigt, sie mussten ausziehen und wurden städteamtlich in neun Häusern „zusammengefasst“. Am Gaußberg 1 wohnten sieben Personen, in der Hagenbrücke 6-7 fünf Personen, in der Ferdinandstraße 9 elf Personen, im Neuen Weg elf Personen, Meinhardshof 3 sieben, in der Hennebrgstr.7 fünf Braunschweiger. Sie hatten keine finanziellen Mittel, um ins Ausland zu flüchten oder waren zu alt oder hingen noch an Braunschweig, sie hatten keine Heimat woanders. Aber die arische Stadt- und Volksgemeinschaft fühlte sich durch ihre Anwesenheit befleckt, so zusammengefasst war der städtische Zugriff für eine endgültige Beseitigung einfacher. Außerdem waren wieder einige Wohnungen frei geworden. Zehn Braunschweiger hatten 1940 noch aus dem arischen Braunschweig emigrieren können, andere wurden in geschlossenen Transporten weggeschafft. Einer Liste im Stadtarchiv zufolge hielten solche Beseitigungstransporte auch auf dem Braunschweiger Haupt- oder Ostbahnhof: am 21. 1. 1942 Richtung Riga, am 31.3.1942 Richtung Warschau, am 11.4.1942 unbestimmt Richtung Osten, am 11.7. 1942 nach Auschwitz, 1942 insgesamt  sieben Transporte, 1943  vier.



 



[1] Magni-Chronik Jahresbericht 1938 o.S. im Pfarrarchiv

[2] Zum Namen dieser Kaserne befindet sich bei Bein Wir marschieren 137 eine hübsche Geschichte. Dass die Namen der Kasernen im Zuge der Wiederaufrüstung in den 50er Jahren  weiter verwendet wurden, ist mehr als eine Gedankenlosigkeit der hochgelobten Adenauerzeit.

[3] Birgit Pollmann Hans Ulrich Ludewig, Nationalsozialistische Wirtschaftspolitik m Lande Braunschweig  1930-1939 Teil 2 Die Braunschweiger Wirtschaft im Dritten Reich 1933-1939, Braunschweigisches Jahrbuch Bd 66 Jg.1985 S. 146

[4] BV 1935 S. 191

[5] Hans Schomerus, Ethos des Ernstfalles, Berlin 1938 3. Aufl. 1940

[6] ebd  6

[7] ebd  4

[8] ebd  13

[9]  ebd  17

[10] ebd  17

[11] ebd  29

[12] siehe Brakelmann 37 ff und  seine Interpretation: „Die Lektüre über theologische Versuche aus der Vorkriegszeit, Krieg und Soldatentum ethisch zu  reflektieren, mutet von diesem Ende des faktischen Krieges her gesehen gespenstisch bis zynisch an.“ S. 40 Mit solchen Sprachkünsten wurde Schomerus nach dem Krieg Direktor der Evangelischen Akademie in Herrenalb.

[13] nach Gemeindeblatt für St. Jakobi September/ Oktober 1939 S. 33

[14] BAA 11.8.1939

[15] Nachrichten BAA 23.8./ 24.8./ 25.8./ 26.8./ 1.9.1939.

[16] BAA 2./3. 9.1939

[17] BAA 13.9.1939

[18] BAA 3.10.1939 Die Glocken läuten „zum dankerfüllten  Gedenken des Sieges und die Gefallenen“

[19] BAA 5.9.1939 „Verdunkeln wir richtig?“;

[20] BAA 9./10. 9. 1939

[21] BAA 6.9.1939

[22] Eberhard Gebensleben an seine Großmutter am 16.10.1939 : „Es wird von hier viel Butter in Feldpostsendungen verschickt“ in: Kalshoven  313

[23] Brief von Eberhard Gebensleben an seine Großmutter vom 13.9.1939 in: Kalshoven 305 f

[24] BV 19.11.1939 S. 169

[25] nach den Kirchennachrichten im BAA vom 30.9.1939 fanden in Brüdern, Magni, Martini, Pauli, Martin Luther und in der reformierten Kirche, wo Benndorf predigte, Abendmahlsgottesdienste statt.

[26] Landeskirchliches Amtsblatt 30. 9.1939 Nr. 5326

[27] Brakelmann 137

[28] Kirchl Anzeiger 1939 S. 53; auch Eine Dokumentation S. 21 f

[29] Kirchl. Anzeiger S. 59

[30] Henneberger hielt einen gleichnamigen Vortrag in der Brüdernkirche am 29. 10.1939, Dr. Uhrig am gleichen Tag einen Vortrag mit dem Titel „Das lutherische Ja zum Ernstfall“.

[31] Henneberger Kämpfendes Volk  5

[32] ebd

[33] ebd  12

[34] ebd  9

[35] ebd  27  Das Bibelwort: 2. Korintherbrief  Kap. 4, Vers 9

[36] ebd  19

[37] Kershaw II, S. 372 ff

[38] Gemeindeblatt für Jakobi November/Dezember 1939; gleichlautend BV 19.11.1939 S.179 fettgedruckt

[39] Gemeindeblatt St. Katharinen  Januar /Februar 1940 S. 1 „Schweigt Gott?“

[40] Michaelisbote Januar-Eismond 1940

[41] BV 26. 5. 1940 S. 44

[42] Michaelisbote Juni- Brachmond 1940

[43] Gemeindebrief St. Katharinen  Mai/Juni 1940 S. 2 f

[44] Domarus III 1520; BTZ 5.6.1940

[45] BNN 14.6.1940

[46] Kirchennachrichten der BNN 15./16.6. 1940

[47] Domarus  III  1533

[48] BNN 25.6.1940 „Nun danket alle Gott“

[49] Kirchenchronik Magni 1940

[50] Der Michaelisbote September-Scheiding 1940

[51] Michaelisbote Juli 1940 S.2

[52] Michaelisbote Oktober/Gilbhard 1940

[53] der Gemeindebrief März/April 1941 ist nicht überliefert

[54] Gemeindeblatt für St. Jakobi Juli/August 1940 S. 18

[55] ebd

[56] ebd S. 15

[57] das Programm der Rüststunde in LAW LKA PA 1281 Personalakte Leistikow

BV 8.12.1940 Nr. 40 Rüststunde in der Magnikirche durch Leistikow“

 

[58] Die Brüdernkirche WuWzG Juni 1940 S. 33 - 36

[59] Gemeindeblatt für St. Katharinen Jan/Febr. 1941  S. 2

[60] LAW E 13 Die Bemerkung über die Katharinengemeinde ist zu Unrecht getroffen und hat einen  apologetischen Charakter. Sie soll den Beitritt v. Wernsdorffs entschuldigen. Vielleicht ist sie auch eine Reaktion auf die Tatsache, dass v. Wernsdorff eine Rückkehr in die Katharinengemeinde verwehrt worden ist.

[61] Kuessner Überblick 109

[62] Mauersbrecher Der Galaterbrief  1933 2. Auflage.

[63] Die Zitate stammen bereits aus dem Gemeindebrief S. 2



Zum Kapitel 24: Eine katholische Notkirche in Querum und eine evangelische Kirche in der Nazimustersiedlung Lehndorf im Kriegjahr 1940




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Impressum Stand: Dezember 2013, dk