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[Kirche von unten]



Ansichten einer versunkenen Stadt

Die Braunschweiger Stadtkirchen 1933 - 1950

von Dietrich Kuessner


27. Kapitel

Traueranzeigen, Heldentod-Stimmung und der Trostversuch der Kirche 1943/44 [1]

Mit der unerwarteten Dauer des Krieges legte sich über die deutsche Bevölkerung und auch über den Alltag von vielen Familien der Braunschweiger Stadtbevölkerung eine Trauer- und Heldentod-Stimmung. Besonders seit der Niederlage von Stalingrad im Januar 1943. Die Stimmung der Bevölkerung sei in den Wintermonaten durch das Schicksal der Stalingradkämpfer „schwer betroffen“, schrieb der Generalstaatsanwalt am 26.5.1943 in seinem Stimmungsbericht an das Reichsjustizminister.[2] Diese bedrückende Stimmung  wurde genährt durch die Trauerannoncen in der Tagespresse, die sich, mit dem Zeichen eines Eisernen Kreuzes versehen, deutlich von den bisherigen Trauerannoncen abhoben. Diese Annoncen wurden mit Aufmerksamkeit verfolgt, denn selbst wenn sich der Tod in der Nachbarschaft längst herumgesprochen hatte, dienten sie der schmerzlichen Vergewisserung über die Umstände des Todes und der Kenntnisnahme, wie der Tod von der Familie aufgenommen wurde. Die Annoncen waren keineswegs einheitlich auf einen Stil getrimmt, sondern ließen einen großen individuellen Spielraum erkennen.

 

Die  parteigebundene Musterannonce

Als zeitgemäße Musterannonce kann folgender Wortlaut gelten: „Für seinen geliebten Führer und Großdeutschlands Zukunft fiel in treuer soldatischer Pflichterfüllung mein geliebter Mann....Er gab wie seine Brüder Walter und Rudi für die Heimat sein Höchstes. Wir gaben unser Liebstes und sind bereit unser Letztes zu geben. In stolzer Trauer..“[3] Der Wortlaut der Annonce erfüllt die sprachliche und inhaltliche Norm, die von einem nationalsozialistischen Parteigenossen erwartet wurde. Die Norm lautete: Stolz, Pflicht, Führer, Zukunft, Verpflichtung. In der Trauer war die Witwe nicht gebeugt sondern von Stolz erfüllt über den Toten, der seine Pflicht nicht vergessen, sondern „erfüllt“ hatte. Sein soldatischer Dienst war auf die Zukunft gerichtet, die als „Großdeutschland“ von Hitler gestaltet sein würde. Dieses Ziel gab dem gewaltsamen Tod einen Sinn und wurde an den Anfang der Annonce gestellt. Das Ziel bedeutete den Hinterbliebenen alles, der Tod des einzelnen dagegen wenig. Die Frage „wofür“, die sich viele Hinterbliebene stellten, war eindeutig geklärt. „Für den Führer“ war gleichbedeutend mit „für den Sieg“. Denn Hitler galt als der Garant des Sieges. Die Formel „für den Führer“ erinnerte auch an den Eid des Soldaten, der eine Treue, eine innere Bindung des Soldaten „bis in den Tod“ beinhaltete. Diese Bindung wurde nun durch den Tod des Soldaten nicht gelöst sondern besiegelt. Sie erhielt durch den Tod einen bleibenden, unlösbaren Charakter. Das gab dem Tod des Soldaten eine Art Bindung „über das Grab hinaus“. Diese mochte dem Toten gleichgültig sein, denn er war ja tot, aber für manche Hinterbliebene war sie eine Art Verpflichtung, ein Erbe. Daher war es nicht „tragisch“, sondern vorbildlich, dass auch an die bisherigen „Gefallenen“ in der Familie gedacht wurde. Geradezu beispielhaft galt die Verpflichtungserklärung am Ende des Textes, dass auch die Hinterbliebene „ihr Letztes“ für dieses Ziel geben würden. Die Annonce rechtfertigte den Krieg, die Kriegsziele und den Soldatentod.

Es entsprach ebenfalls der Parteinorm, wenn die persönlichen, familiären Beziehungen des toten Soldaten dem großen Ziel des Endsieges untergeordnet wurden. Dafür folgendes Beispiel: „In unerschütterlichem Siegeswillen, unbändigem Kampfesmut und großer Liebe zu seinem Führer und Großdeutschlands Zukunft fiel am 17. Dezember 1942 mein innigstgeliebter Mann, unser hoffnungsvoller Sohn, Bruder, Schwiegersohn, Schwager und Onkel, der Oberfeldwebel Werner.. Träger des goldenen HJ Abzeichens. In Polen wurde er mit dem EK II und in Frankreich mit dem EK I ausgezeichnet. In stiller, stolzer Trauer..“[4]

Die Hinterbliebene stellte die Eigenschaften des toten Soldaten, die auf das große politische Ziel Großdeutschland ausgerichtet waren, in einer dreifachen Aufzählung (Siegeswillen, Kampfesmut, Führerliebe) den familiären Beziehungen betont voran. Dann erst wurden die familiären Bindungen genannt. Durch die Erwähnung der Orden und der Feldzüge, in denen sie erworben wurden, kehrte die Annonce zu dem soldatischen Milieu wieder zurück. Die Hinterbliebenen erlaubten sich auch keine persönliche Schwäche und unterzeichneten in „stolzer Trauer“.

 

Zur Musterannonce gehörte ferner die Bezeichnung „Heldentod“, die in zahlreichen Annoncen gewählt wurde, meistens in der Verbindung den Heldentod „finden“ oder auch „sterben“. Er überhöhte den Schrecken des Sterbens an der Front. „Heldenhaft“ wurde der gewaltsame Tod durch die Haltung, in der er erlitten wurde. Daher der Zusatz von der „Pflichterfüllung“ oder „treuer Pflichterfüllung“. Heldenhaft wurde er außerdem durch das Ziel, für das er erlitten wurde, also: die Zukunft Deutschlands. Der „Heldentod“ hatte den Charakter eines Menschenopfers, das stellvertretend erbracht wurde. Indem sich die Hinterbliebenen zu diesem Verständnis eines Opfer durchrangen, wollten sie dem gewaltsamen, unnatürlichen Tod im Krieg einen Sinn abgewinnen. Der Begriff stammte aus der Zeit vergangener Kriege und war seit der Führung des anonymen, technischen, totalen Krieges antiquiert.

„Am ... fand unser einziger herzlicher Junge im Alter von 27 Jahren im Osten im Kampf gegen den Bolschewismus den Heldentod. Er war unser Stolz und unsere Hoffnung. Sein Leben war Liebe zu den Seinen. In Treue zum Führer war er schon in frühester Jugend einsatzbereit.“ Es werden die Orden aufgezählt: EK II, Panzerabwehrabzeichen, Träger des Goldenen Ehrenzeichens der HJ. „In begeistertem soldatischen Einsatz fand sein Leben höchste Krönung im Heldentod für Führer und Vaterland.“ Name der Eltern.[5]

 

Der Heldentod

Heldentod war Krönung. Der Begriff stammte aus der Religionswelt und war für den Märtyrertod reserviert. Ein Märtyrer erhielt „die Krone des Lebens“, so lautete eine Verheißung seiner Heiligen Schrift. Der Heldentod charakterisierte den Gefallenen als säkularen Märtyrer. Wo Führer, Volk, Vaterland und Nationalsozialismus religiös oder quasireligiös aufgeladen waren, konnte der Krieg Märtyrer hervorbringen. „Mein sonniger, treuer Lebenskamerad, mein einziger Bruder, mein guter Neffe, mein lieber Schwiegersohn, Schwager und Onkel Oberregierungsrat Gerd.. Oberleutnant d.R. und Batterieführer krönte sein junges strahlendes Leben im Glauben an den Endsieg durch den Heldentod im Ostern. Er lebte, kämpfte und starb für Deutschlands Zukunft. Im Leben wie im Sterben furchtlos und treu. In tiefster Trauer..“.[6]

Der Gedanke des Heldentodes stammte aus einer Zeit, in der die Mehrheit der Gesellschaft darin übereinstimmte, dass es höhere Güter als das Leben gebe. Schon Schiller dichtete: „Das Leben ist der Güter Höchstes nicht“. Gerne wurde auf das römische Dichterwort zurückgegriffen, dass es „süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben“. Dieses Gedankengut aus der Zeit des deutschen Idealismus und der Freiheitskriege, auch aus der deutschen Romantik lag abrufbereit im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung. Spätestens mit dem ersten Weltkrieg hatte dieses Leitwort seine ethische Gültigkeit verloren, aber es wurde immer wieder insbesondere an deutschen Gymnasien zu einem erstrebenswerten Lebensziel deklariert. Tatsächlich war es humanistischer Schwachsinn. Aber der Nationalsozialismus beutete gerne vorhandene Reste der deutschen Geistesgeschichte für sich aus und erfand höhere Güter als das Leben, zum Beispiel „das ewige Deutschland“, oder „die Fahne sei mehr als der Tod“, oder einen verschwommenen Ehrbegriff.

 

Die Sammelannoncen der Gauleitung

Die Heldentodstimmung wurde durch schwarz umrandete hervorgehobene Sammelannoncen verstärkt, die vom Gauleiter für die bei einem Luftangriff Umgekommenen in der Regionalpresse veröffentlicht wurden. In der Zeit vom 25. März bis zum 25. Mai 1944 erschienen in der Braunschweiger Tageszeitung insgesamt 10 Sammelanzeigen mit den Namen von 12-17-22-36-75 Toten. Es häuften sich die Nachrichten, in denen die Familien mehrfach betroffen wurden. In den Sammelannoncen vom 11.-14. April waren 13 mal zwei gleiche Familiennamen genannt, sieben mal drei gleiche Familien und drei mal sogar vier gleiche Familiennamen.

Die Annoncen waren vom Gauleiter mit folgender Deutungen versehen: „Ihr Tod bedeutet für uns Verpflichtung zu Kampf und Sieg“. „Der deutsche Sieg wird auch diesen Opfern ihren höchsten Sinn geben“. ,,Die Gefallenen gaben ihr Leben für den Sieg des Reiches, der diesen Opfern ihren höchsten Sinn geben wird.“ „Sie sind gefallen im Freiheitskampf unseres Volkes.“

Die Annoncen ordneten den Tod dem allgegenwärtigen Parteidogma des Sieges unter. Das Dogma des Sieges sollte die Trauer der Familie überstrahlen. Damit wurde außerdem der verständliche Wunsch der Bevölkerung nach einem Ende des Sirenengeheuls und der Keller- und Bunkerexistenz eingegrenzt. Der Siegeswille der Hinterbliebenen sollte die befürchtete Gleichgültigkeit „Hauptsache ein Ende, wie wäre egal“ bekämpft werden.

In diesen Annoncen wurde der Unterschied zwischen der „Front draußen“ und der Front drinnen“ aufgehoben. Daher wurden die Toten der Luftangriffe auch als „Gefallene“ bezeichnet. Tatsächlich waren sie von den Trümmern erschlagen, vom Luftdruck zerrissen oder durch Feuer verbrannt und nicht in einem wenn auch anonymen Kampf gegen einen Feind getötet worden. Mit der Bezeichnung „gefallen“ wurden die zivilen Männer, Frauen und Kinder allesamt zu Soldaten stilisiert, die an der „Heimatfront gefallen“ waren. Das sollte als „Ehre“ verstanden werden und wurde vielleicht von Gleichgesinnten auch so und als Erleichterung empfunden. Es war ein Ausdruck des „totalen Krieges“.

Die offizielle Redeformel vereinnahmte die Toten in den totalen Krieg. „Sie gaben ihr Leben“ konnte von den Hinterbliebenen als eine unverschämte Inanspruchnahme verstanden werden. Denn sie gaben ihr Leben keineswegs freiwillig, es wurde ihnen durch den Kriegsverlauf genommen und geraubt.

 

Der Dreiklang Kampf - Tod - Sieg

Die parteigebundene Musterannonce verfestigte den Dreiklang von Kampf, Tod und Sieg, der in unterschiedlicher Akzentuierung das nationalsozialistische Deutschland von Anfang an nach Hitlers Willen prägte. Die Toten waren auf gespenstische Weise gegenwärtig. Im sogenannten Horst Wessel Lied, das regelmäßig nach dem „Deutschlandlied“ gesungen wurde und fester Bestandteil der Nationalhymne war, hieß es, dass jene Kameraden, die von der „Rotfront und Reaktion“ im Straßenkampf totgeschossen worden waren, nun „in ihren Reihen“ mitmarschierten. „Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschiern im Geist in unsern Reihen mit“, hieß es. Da waren also die kämpfenden mit den toten Kameraden verbunden und die Toten bekamen eine drastische Gegenwärtigkeit. Sie marschierten mit. Ob sich die Parteigenossen und mitsingende Deutsche und Braunschweiger den Text immer so plastisch vorstellten, ist wohl unwahrscheinlich, aber der Tod und die Toten erhielten einen pathetischem, dazu quasikultischen Charakter, der insbesondere Jahr für Jahr am 9. November lebendig wurde.

Der schulfreie Staatsfeiertag erinnerte an die Pleite vom missratenen Putsch Hitlers in München im Jahr 1923, die pompös zugedeckt und mit einem monströsen Totenkult verbunden wurde. Vor einem riesigen Parteispalier schritt Hitler zusammen mit anderen Männern jener peinlichen „ersten Stunde“ wieder zur Feldherrnhalle in München, die „Blutfahne“ von 1923 wurde vorangetragen, Hitler ging feierlich, allein an die Sarkophage, und grüßte die Toten, als ob sie lebten. Dann wurden die Namen der 16 Toten aufgerufen, und sie antworteten mit „Hier“, richtiger: ein SS Mann, der neben einem Sarkophag postiert war, antwortete mit „Hier“. Die Toten wurden wieder lebendig. Die von „Rotfront und Reaktion“ Erschossenen marschierten nicht nur in ihren Reihen mit, sondern wurden durch das Ritual zum Leben erweckt. Tote und Lebende in einer irdisch-überirdischen Volksgemeinschaft.

Dieses Ritual wurde im braunen Veranstaltungskalender der Städte und Dörfer zum festen Termin, ergänzt durch lokale Tote, in Braunschweig durch Axel Schaffeld und Gerhard Landmann. Dieses bedrückende Ritual, ein fester Bestandteil des nationalsozialistischen Alltags, endete, je kleiner die Region, in einem Besäufnis der SA, so auch in der Pogromnacht am 9. zum 10. November 1938, als die Synagogen  in Brand gesteckt oder zerstört wurden.

Dieser Dreiklang, schon ab Februar 1933 innenpolitisch schrill intoniert, wurde ab 1939 außen- und militärpolitisch angestimmt und in den parteigerechten Traueranzeigen hör- und sichtbar.

 

Die familiären Traueranzeigen

Anders als die parteigenormten Anzeigen waren die familiären Traueranzeigen kurz. „Am 5. Januar  erhielt ich die tief traurige Nachricht, dass unser lieber Sohn, mein lieber Bruder, der Soldat Otto T. kurz vor seinem vollendeten 20. Lebensjahr auf dem Feld der Ehre gefallen ist. In tiefem Schmerz“[7] oder noch kürzer: „Unser Sohn, Leutnant, Martin  Bormann, Pfarrer in Beierstedt, ist am 23. März auf dem Feld der Ehre gefallen.“ Name der Eltern.[8]  Die Nachricht war denkbar kurz. Statt Stolz in der Trauer wurden der Schmerz und Verlust hervorgehoben und an den Anfang gestellt. Es fehlte jeder Hinweis auf eine mögliche Sinnhaftigkeit des Verlustes.

Dieser vorangesetzte Ausdruck des Schmerzes wurde in sehr vielen Annoncen verwendet: „Wir erhielten die tieferschütternde Nachricht, dass unser innig geliebter Sohn..“, oder: „In namenlosem Schmerz“, oder: „Schweres Herzeleid brachte uns die Nachricht..“, oder: „Hart und schwer traf uns die Nachricht..“, „Ganz unerwartet traf uns die kaum fassbare Nachricht..“, „Nach bangem Sorgen erhielten wir jetzt die furchtbare Nachricht“, „Unaussprechliches Leid brachte uns die Nachricht“, „tieferschüttert erhielten wir am 7. Januar 1943 von seinem Hauptmann die überaus schmerzliche Nachricht...“. Der Schmerz am Anfang einer Trauerannonce ließ alle parteipolitischen Phrasen zunächst hinter sich.

 

Zur Parteinorm einer Annonce gehörte die Nachricht, dass der Verstorbene für den „Führer“ gefallen wäre. Es war eine signifikantre Verkürzung, wenn das Wort „Führer“ nicht genannt wurde: „Für sein Vaterland fiel am 23. Februar im Osten unser geliebter Mann..In tiefer Trauer..“.[9] Der Parteipropaganda lag an einer engen Identifizierung von Volk und Führer, von Vaterland und dem „Führer“. Diese Identifizierung wurde in dieser Annonce vermieden und der Titel des „Führers“ fortgelassen. Ähnlich klingt folgender Wortlaut: „An der Ostfront starb im Alter von 32 Jahren für sein geliebtes Vaterland...Es war ihm nicht vergönnt, seinen am 9. November 1943 geborenen Jungen zu sehen. In unsern Herzen wird er weiterleben“.[10] Die Mutter dachte weniger an die mit Hitler angeblich garantierte Zukunft Großdeutschlands, sondern an die Zukunft in der Familie, nämlich durch die Geburt des Jungen. Die politische Zukunft „Großdeutschlands“ trat in den Hintergrund gegenüber der persönlichen Hoffung auf ein „Weiterleben“ des Verstorbene „in unseren Herzen“.

Die Eltern vermieden den Namen des „Führers“ in der Annonce, dass ihr Sohn „ in den schweren Kämpfen um Chartow sein junges Leben für Volk und Vaterland lassen musste. Stets stand er zu seinem Wort und hat er alles im fast vollendeten 22. Lebensjahr gegeben. Alle, die ihn kannten, wissen, was wir verloren haben. In tiefer Trauer..“ (die Eltern).[11]

 

Eine besonders persönliche Note erhielt die Annonce, wenn die Erinnerung an den letzten Urlaub wachgerufen wurde. „Nach kurzen, aber so schön  verlebten Urlaubstagen erhielten wir die für uns kaum fassbare Nachricht..“.[12]  „Auch ich musste meinen herzlieben, sonnigen, lebensfrohen Jungen geben. Mein Stolz und meine Freude, unser lieber herzensguter Bruder, Schwager, Neffe und Vetter, mein innigstgeliebter Bräutigam Werner ..“ vier Abzeichen „..liess kurz nach glücklich verlebtem Urlaub sein Leben im Osten im Alter von 24 Jahren. In stiller tiefer Trauer.[13]

Der Urlaub war mit dem beiderseitigen Wunsch nach einem baldigen Wiedersehen beendet worden. Der Schmerz über diesen nunmehr unerfüllten Wunsch brach sich auch in der Annonce Bahn. „Nach langem Fernsein auf ein Wiedersehen hoffend erhielt ich die unfassbare Nachricht..“ [14]. „Sein Wunsch, das über alles geliebte Elternhaus wiederzusehen, wurde ihm nicht erfüllt. Fern seiner Heimat ruht er nun im ewigen Frieden. In tiefem Schmerz..“[15]  „Im festen Glauben und mit großer Sehnsucht im Herzen, uns noch einmal wiederzusehen, erhielten wir die unfassbare Nachricht, dass unser einziger, lieber, guter Sohn Horst.. im 21. Lebensjahr am 10. Juli südlich Orel sein Leben lassen mußte.. Es war ihm nicht vergönnt, seine Lieben und die Heimat wiederzusehen. In tiefer Trauer..“.[16] Das beim Abschied damals gesprochene „Auf Wiedersehen“ war keine Floskel gewesen, sondern ein inniger Wunsch, der nun in der Annonce noch einmal ausgesprochen wurde.

Der Ausdruck eines besonderen Schmerzes war es, wenn die hinterbliebene frühverwitwete Mutter

aus Enttäuschung über das ausgebliebene Wiedersehen ihrem Sohn ein Denkmal ihrer Liebe setzte: „Tieferschüttert erhielten wir am 7. Januar 1943 von seinem Hauptmann die überaus schmerzliche Nachricht, dass am 26. November 1942 mein einziger, herzensguter, lieber Junge, meines Lebens Stütze, mein Glück und Sonnenschein, unser einziger, geliebter, lebensfroher Bruder, Schwiegersohn, Schwager und Onkel, mein innigstgeliebter unvergesslicher Bräutigam, der  Obergefreite Karl.. im blühenden Alter von 28 Jahren in den schweren Kämpfen um Stalingrad an den Folgen einer schweren Verwundung den Heldentod fand.. Sein einziger Wunsch war, seine Lieben in der Heimat wiederzusehen. Besonders hart traf uns die Nachricht, da sein Vater im Weltkrieg 1914 gefallen ist. Ruhet sanft! Ihr beiden Lieben in fremder kühler Erde. In stiller Trauer..“ die Witwe als Mutter.[17]

 

Die Trauer über einen Kriegstoten reichte auch deshalb noch tiefer, weil der Ort ihres Sterbens ungewiss war und ob es ein Grab für den Toten gegeben hatte. „Die Vorsehung hat uns unsern heißgeliebten, sonnigen Jungen, seinen herzensguten Bruder, den Grenadier Hans Joachim .. im Alter von 18 ½ Jahren genommen. Bei einem Gegenangriff.. am 9. August 1943 hat er sein blühendes Leben geopfert. Du unser Stolz, unsere Hoffnung. Möge dich die fremde Erde ruhig betten. Deine Bescheidenheit und dein stilles Wesen sollen uns ein stetes Vermächtnis bleiben. In tiefem Leid..“[18] Die Eltern wollten öffentliches Zeugnis von ihrer Liebe zu ihrem Sohn geben und zeichneten ein einnehmendes Bild des 18 Jährigen. Sie gaben einer echten Empfindung Ausdruck, wenn sie schrieben, dass die Vorsehung ihnen den Sohn „genommen“ habe. Sie fühlten sich beraubt. Und wie viele Hinterbliebene spürten sie die leidvolle Tatsache, dass sie beim Sterben und beim Begraben nicht anwesend sein konnten. Die Erde, in der ihr Sohn begraben war, war eine „fremde“. Dass die Erde, die den toten Sohn deckt, „fremd“ ist, war für die Eltern beunruhigend. Dort gehörte er eigentlich nicht hin, spürten sie richtig. Daher riefen ihm Eltern in persönlicher Anrede zu, als ob sie am Grabrand stünden: „Möge dich die fremde Erde ruhig betten“.  „Ruhig – betten“ -  so hatten die Eltern ihren Sohn, als er noch klein war, „zugedeckt“, zur Nacht „gebettet“. In der Annonce dominiert das Persönliche deutlich  das Parteiliche.

Die Redeweise von der fremden Erde war ein Ausdruck besonders tiefer Traurigkeit.

„.. in treuer soldatischer Pflichterfüllung im 34. Lebensjahr im Osten den Heldentod fand. Ruhe sanft in fremder Erde. In tiefem Schmerz..“[19]  „Ruhe sanft, du lieber Guter, in Russlands kühler Erde. In unsagbaren Schmerz..[20]

Die Vorstellung, dass der tote Soldat irgendwo unbegraben auf dem Schlachtfeld liegengeblieben sein könnte, vermehrte die Trauer um den Verlust. Um der schmerzlichen Anonymität des Todes zu entgehen, nannten die Hinterbliebenen als Zeugen für den Tod den Überbringer der Nachricht, den Ort des Todes und die Tatsache des Begräbnisses. Vom 18jährigen Sohn schrieben die Eltern: „Seine Kameraden betteten ihn daselbst zur letzten Ruhe“.[21] „Wir haben ihn auf dem Heldenfriedhof in Krakau beerdigt. Von seinem Grab zurückgekehrt, werden wir ihn nie vergessen. In unsagbarem, tiefem Schmerz..“[22]  „Aus der Brust der Männer seiner Kompanie klingt still und leise die alte Weise vom guten Kameraden. In stiller Trauer..“[23]

 

Es gab auch hin und wieder den Hinweis auf religiöse Bindungen und Trost in der kirchlichen Tradition: „Hart und schwer traf uns die Nachricht von seinem Kompanieführer, dass NN  im 32. Lebensjahr nach Teilnahme am Westfeldzug sein junges Leben am 16. Dezember in den schweren Abwehrkämpfen im Donbogen für Führer und Vaterland gelassen hat. Sein größter Wunsch, seine Lieben in der Heimat wiederzusehen, ward ihm nicht erfüllt. Unser Herrgott möge ihm den ewigen Frieden geben. In unsagbarem Schmerz.. Trauerfeier am 31. Januar in der Kirche“.[24]

Der Wunsch nach einer Rückkehr in die Familie war größer als der, den Heldentod zu finden. Die Benennung des Kompanieführers und des Sterbeortes enthob den Tod des Sohnes der quälenden Anonymität, die für den Tod an der Front typisch ist. Die Bitte an Gott um Frieden für den Sohn gab dem Sterben einen Ort und ein Ziel, das die Hinterbliebene zu trösten vermochte. Dass daneben auch Führer, Vaterland und Westfeldzug genannt wurden, kann als Hinweis verstanden werden, dass der Wunsch nach einem Wiedersehen in der Familie nicht als Zeichen von vaterländischer Illoyalität verstanden werden sollte.

Aus der Parteinorm fiel ein Annoncenanfang, bei dem wie bei kirchlichen Annoncen in Friedenszeiten  der Name Gottes genannt wurde. „Nach Gottes unerforschlichem Ratschluss fiel am 29. November unser heißgeliebter, lebensfroher Junge, Bruder und Großonkel, der Sanitätsgefreite Hans Otto.. im Alter von 22 Jahren. In tiefem Leid..“[25] Die betroffene Fromme suchte Trost in der Unerforschlichkeit eines sonst als barmherzig und gnädig angerufenen und verehrten Gottes und bezeugte ihr Suchen in der Trauerannonce.  „Heute erhielten wir die tieftraurige Nachricht, dass nach Gottes heiligem Willen mein innigstgeliebter Mann, unser lieber treusorgender Sohn, Bruder, Schwager, Onkel und Neffe der Buchhändler Karl.. Obergefreiter am 21. Februar im Osten den Heldentod starb. In tiefem Leid..“[26]

Ein Bibelzitat am Anfang einer Annonce konnte wie ein Glaubensbekenntnis der hinterbliebenen Eltern wirken.. „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Gott der Herr rief , früh vollendet, gläubigen Herzens, in inniger Liebe seinen Eltern und Geschwistern zugetan den Gerichtsassessor..“[27] Das Bibelzitat wurde gerne im Nachruf der Kirchenleitung verwendet und war zu diesem Anlass problematisch. Die Hoffnung auf Trost im Glauben verriet der Schluss einer Annonce, in der die hinterbliebene Witwe das beliebte Volkslied zitierte: „Es ist bestimmt in Gottes Rat, das man vom Liebsten, was man hat, muss scheiden.“[28] Es gehörte zu den Lieblingswünschen bei Beerdigungen und hatte eine von Felix Mendelsohn komponierte, sehr gefühlvolle Melodie. Die Strophe lautete vollständig: „Wiewohl doch nichts im Lauf der Welt dem Herzen ach so sauer füllt, als scheiden.“ Trotz der Berufung auf den Rat Gottes begann die Witwe die Annonce mit „für Führer und Vaterland“. Christlicher Glaube und Bindung an Hitler schlossen sich  nicht aus.

Wo der Kriegstod mehrfach zerstörerisch in das Familienleben eingriff, tauchte am Horizont der Trauer die Ewigkeit auf: „Schwer traf uns das Schicksal zum zweiten Mal. Unser unvergesslicher Sohn Otto.. fand im blühenden Alter von 18 ½ Jahren den Heldentod. Er folgte seinem Bruder Franz nach acht Monaten in die Ewigkeit nach“.[29] Von einem 25 jährigen : „Er folgt seinen beiden Brüdern in die Ewigkeit nach. In unsagbarem Schmerz..“[30]

Vom Spätsommer 1944 an waren persönlich gestaltete Trauerannoncen der Braunschweiger Tageszeitung nicht mehr möglich. Stattdessen erschienen kurzgefasste, genormte Redaktionsannoncen und zwar oben mit einem Eisernen Kreuz für alle Annoncen.

 

Der Trostversuch der Kirche

Viele betrauerte Soldaten waren auch Angehörige der evangelischen Kirche. In den Pfarrämtern wurden die Zeitungsanzeigen jener Toten ausgeschnitten, die zur jeweiligen Kirchengemeinde gehörten. Es wurden Notizbücher angelegt und die Namen der Toten verzeichnet. Ein solches Verzeichnis ist in der Johannisgemeinde mit der Aufschrift „1939-1945 Kriegsopfer der St. Johannisgemeinde und der Martin Luthergemeinde“ erhalten. Es enthält handschriftlich die Namen von 319 toten Soldaten, ihr Alter und den Dienstgrad, den Ort des Todes und den Namen der Hinterbliebenen. Es gibt darin auch Hinweise auf „Gedenkfeiern“. Das waren Gedächtnisgottesdienste, in denen der toten Soldaten gedacht und für die Hinterblieben gebetet wurde. Es wurden zwischen November 1943 und November 1944 elf Gedächtnisgottesdienste in der Johanniskirchengemeinde gehalten. Dabei wurden die Namen von einem oder auch von mehreren toten Soldaten verlesen. Es sind insgesamt 20 Tote, eine verschwindend geringe Zahl im Verhältnis zu der Gesamtzahl der verzeichneten toten Soldaten. Ganz wenige wurden auf dem hiesigen Friedhof von Propst Leistikow, Propst Ernesti, Pfarrer Barg und Pfarrer Schwarze begraben.

Solche Gedächtnisgottesdienste sind auch in der Magnikirche angeboten worden.[31] Im Gemeindebrief der Michaelisgemeinde wurden die Namen der toten Soldaten des Gemeindebezirkes veröffentlicht.[32]     

Im Brüdergemeindebrief befindet sic nur einmal eine Annonce für gefallenen Gemeindemitglieder mit der Einleitung: „Im Osten gaben ihr Leben aus unserer Gemeinde für Führer und Großdeutschland..“ [33]

Es gab zu diesem Anlass Gedenkkarten, die den Hinterblieben überreicht werden konnten. Darin hieß es „Zur immerwährenden Erinnerung an ... Pflanzt über mir ein Kreuz, - das war mein Glaube./ Legt auch ein Schwert dabei, ich trug es stets in Ehren,/ Dann lasst im Schlaf mich Siegeslieder hören/ Und Gras mag wachsen über meinem Staube/ Ich hatte nichts als nur mein Leben/ Fürs Vaterland hab ich es Gott gegeben.“ Einige Exemplare dieser Karten befinden sich noch in dem Gedenkbuch der Johanniskirchengemeinde. Sie mögen als Hilfe für den hilflosen Tröster gedacht gewesen sein, dass der Pfarrer bei den trauernden Familien nicht mit leeren Händen dastand. Glaube, Schwert, Siegeslieder, Gras mag wachsen – das waren nicht Töne, die den klagenden Menschen tröstlich erreichen konnten.  Ein Gedächtnisgottesdienst schuf immerhin eine Gemeinde der Mittrauernden, das mochte eine Teilnahme annehmbar machen.

 

Es gab außer den besonderen Gedächtnisgottesdiensten auch noch schlichtere Formen des Gedenkens.

Der Toten konnte in den Sonntagsgottesdiensten fürbittend gedacht werden. Nach der Predigt wurden bei den sog. „Abkündigungen“, den Bekanntmachungen für die Gemeinde, die Namen der getauften Kinder, der aufgebotenen Brautpaare und der Verstorbenen genannt, nunmehr auch die Namen der bekannt gewordenen verstorbenen Soldaten der Kirchengemeinde. Dabei wurde nach der Namensnennung der getöteten Soldaten oft noch ein Choral gespielt.

Es gab für diesen Anlass Gottesdienst- und Gebetsvorschläge, die vereinzelt zwar auch vom Opfer sprachen, aber sprachlich und gedanklich politische Annäherungen vermieden.[34] Das hing gewiss vom amtierenden Pfarrer und auch vom Gespräch mit den Hinterbliebenen ab, wenn es überhaupt stattgefunden hatte. Eine Ankündigung konnte mit der floskelhaften völkischen Dreieinigkeit „Für Führer, Volk und Vaterland sind gefallen..“ eingeleitet werden und gab der Bekanntgabe, bzw dem Gottesdienst bereits einen tagespolitischen Geschmack. In den Gottesdienstvorschlägen wurde sie vermieden.

 

Die besondere deutsch-christliche Lesart des kirchlichen Trostes lautete, dass der Tod des Soldaten

das gottgewollte Opfer sei. Zum Heldengedenktag 1941 schrieb Pfarrer Koenig im Michaelisboten, wo Leben sei, müsse auch Hingabe sein, das sei ein Lebensgesetz im Kleinen und Großen, im persönlichen Leben wie im Werden und Sein der Gemeinschaft. Das schmerzvolle Opfer aber sei eine Gottesordnung, unter die die Gemeinde sich zu beugen habe. „In dieser Haltung wissen wir uns mit allen denen verbunden, die ihre Opfer dem Vaterlande gebracht haben. Wo für Führer und Volk ein Glied der Familie sein Leben ließ, da leiden wir mit, dürfen aber auch von dem Trost sagen, den der Gott der Liebe in dem auferstandenen Christus gibt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“. [35] Das konnte der Grundriss einer Predigt für einen gefallenen Soldaten der Michaelisgemeinde sein.

Auch Pfarrer v. Wernsdorff stellte im Gemeindebrief St. Katharinen Opferbereitschaft und Hingabe als die wichtigsten Grundgedanken für 1941 heraus.[36]  „Wir kennen  nur das eine Ziel, das groß und leuchtend vor uns steht: es heißt der deutsche Sieg! Seine Erreichung verlangt die Hingabe aller Kräfte, sie fordert die Bereitschaft zum letzten Opfer von uns“. Dabei verknüpfte v. Wernsdorff jene verderbliche, führergebundene Hingabe mit dem Bibelzitat: „Wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren“. Das Bibelzitat aus dem Markusevangelium Kapitel  8 Vers 35 spricht von der Hingabe um Jesu willen in seiner Nachfolge. So setzte sich die häretische Verbindung von Jesus und Hitler, von Nachfolge und Gefolgschaft, von Evangelium und Nazigedankenwelt, die schon 1933/34  so grell zu Tage trat, auch 1941 wieder hervor. Der nächste Vers hätte die Gemeinde und ihren gedankenverirrten

Gemeindepfarrer gerade im Jahr 1941 zur Umkehr mahnen können. Dort steht der bekannte Vers: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.“ Hitler und seine Deutschen wählten vier Monate später mit dem Einmarsch in die Sowjetunion „die ganze Welt“ mit den bekannten Folgen.

Der Aufruf zu Opfer und Hingabe erzeugte wenig Trost und erinnerte eher an die Gauleiterdurchhaltephrasen in den Sammelanzeigen. Als Trost bot v. Wernsdorff den Gemeindemitgliedern den seiner Meinung nach beispielhaften Kriegseinsatz und Heldentod eines deutschen Offiziers. So lautete die Überschrift einer brieflichen Benachrichtigung eines Gemeindegliedes.[37] Trost sollte der Bericht über die Haltung vermitteln, in der der Sohn gefallen war. Heldengrab, feierliche Beisetzung , tröstende Worte des Pfarrers „Ihr Herr Sohn ist gefallen als tapferer deutscher Offizier, dem Vorbild seiner Ahnen getreu in einer bewundernswerten Haltung“. Das Eiserne Kreuz werde in ruhigeren Tagen nachgeschickt. „Das Kreuz als triumphierendes Siegeszeichen, es lenkt den Blick aus der Zeit hinüber in die Ewigkeit“, beendete von Wernsdorff seine Andacht zum Heldengedenktag 1941. Er und sehr viele seiner Pfarrerskollegen höhlten durch die Verwechslung des Eisernen Kreuzes mit dem Kreuz Jesu den protestantischen Glauben an seiner zentralen Stelle aus.

 

Mit umgedeuteten Bibelzitaten arbeitete die Kirche der Heldentodstimmung zu. Gerne wurde ein  Wort aus dem Johannesevangelium benutzt, um den tödlichen Einsatz als besonders hohes Gut herauszustellen. „Niemand hat größere Liebe denn der, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“

Unter die Todesanzeige des Pastors adjunktus beim Stadtkirchenverband Hans Schmidt setzte der Stellvertreter des Landesbischofs Röpke diesen Bibelvers aus Joh. 15,13 im Landeskirchlichen Amtsblatt.[38] Der Evangelist Johannes spricht im Textzusammenhang von Jesus, der für seine Jünger stirbt, nicht von Soldaten, die „ihr Leben lassen“. Die Situation ist unvergleichbar. Aber der Tod „im Kampf für Führer und Vaterland“ wie es in der amtlichen Anzeige eingangs hieß, wurde als ein höchster Akt der Liebe missverstanden. Unter die Todesanzeige vom Riddagshäuser Pastor Karl Sander setzte OLKR Röpke den Vers aus der Offenbarung Johannes 2,10 „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“.  

 

Trostversuch im Braunschweiger Volksblatt

Der Trostversuch der Kirche wurde an den Holzschnitten und holzschnittartigen Texten, die das Braunschweiger Volksblatt zu den letzten drei Andachten zum Heldengedenktag 1939, 1940 und 1941 veröffentlichte, anschaulich. Zum Sonntag Oculi, dem 16. März 1939, erschien ein Holzschnitt mit der Abbildung eines abgehärteten Soldatenprofils dazu der Schriftzug: „Gestritten, gelitten für Deutschlands Ehr/ Es kennt die Namen Gott der Herr“.[39] Das erinnerte an das Abendlied zur Kinderzeit, in dem Gott der Herr alle Sterne zählt, „dass ihm auch nicht eines fehlet“ mit dem Trost, dass er auch dieses Kind nicht vergisst, und „hat dich lieb“. Gott vergisst keinen, die Kinder nicht, und auch die Namen jener Soldaten nicht, die im Streit für Deutschland im Weltkrieg umgekommen waren. Die Andacht des Schriftleiters Reinhard Herdieckerhof hatte das Ziel, die Unterwerfung unter die Zwänge eines Kriegsablaufes zu akzeptieren. Dazu berichtete er aus dem eigenen Kriegserleben: „Es muss sein, sagten wir uns oft in den Gräben und bissen die Zähne aufeinander, wenn wieder ein toter Kamerad ins Erdreich gelegt wurde. Es muss sein für Deutschland“. Damit dieses Ziel näher gerückt wurde, wurde Deutschland familiär umschrieben. „Sie haben den Tod erlitten für ihre große Mutter, unser Deutschland“.[40]  Die zweite Andacht zum ersten Heldengedenktag im Kriege, am 10. März 1940, stand unter dem Bibelwort „Wachet und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallet“, dazu der Holzschnitt eines Kreuzritters, der von einer Burg steht mit folgendem Vers: „Vertraue auf Gott/ Dich tapfer wehr/ Darin besteht Dein Recht und Ehr/ Denn wer’s auf Gott herzhaftig wagt/ wird nimmer aus dem Feld gejagt“[41]. BV 10. März 1940 S. 19 Die Hitlerwehrmacht hatte Polen überfallen, geteilt und dauerhaft besetzt. Wie sollte es weitergehen? Von einer zwingenden Verteidigung des Deutschen  Reiches konnte für jeden einsichtig, keine Rede sein. Eben dies suggerierte der Holzschnitt. Deutschland werde bedroht, es gelte wachsam zu sein. „Um Deutschlands Grenze stehe ein „Wall von Kreuzen“. Herdieckerhof bezog diese Kreuze auf die im ersten Weltkrieg Gefallenen. „Im Schutze dieser ernsten Wacht ist Deutschland nach schweren Kämpfen wieder stark geworden.  Die Liebe zum Vaterland ist wieder erwacht, die Wehrhaftigkeit ist wiedererstanden“. So beschrieb der Schriftleiter die seit 1933 betriebene immense Aufrüstung Deutschlands zum erneuten Krieg. In diesem neuen Zusammenhang ermahnte das Bibelwort, Wachsamkeit und Aufrüstung mit Gebeten zu vereinen. „Die betende Front ist die heilige Wacht, sie hütet das Tor, durch das Gott kommt“. Unter die Andacht war eine gefühlvolle Episode aus dem Krieg gegen Polen von Militärpfarrer Martin Braun gesetzt, die Beschreibung seines ersten Soldatengrabes „in polnischer Heide“. Vaterunser, „krachende“ Ehrensalven und als „des letzten Dienstes Krönung tragen sie ein Kreuz herbei“, aus Birkenholz, und „pflanzen es zu Häupten auf und legen den zerschossenen Stahlhelm darüber“. Mit derlei blutiger Soldatenpoesie, Kitsch und theologischer Irreführung, das Kreuz zeuge von dem Leben, das kein Tod verschlinge, war die betroffene Witwe oder Mutter womöglich zeitweilig zu betäuben, einen anhaltenden Trost konnte die Erzählung nicht vermitteln, die mit dem Vers schloss: „Bleib du im ewgen Leben, mein guter Kamerad“. Es ist die letzte Zeile vom viele berührenden Soldatenlied „Ich hatt’ einen Kameraden“ von Ludwig Uhland aus der Zeit der französischen Besetzung Deutschlands zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der sterbende Soldat möchte dem anderen kämpfenden die Hand reichen. Aber der andere kann es nicht erwidern, weil er die Hand nicht frei hat, er lädt eine Waffe und ruft ihm zu, „bleib du im ewgen Leben“. Das ist der sentimental flotte Trost, der den Getroffenen, Sterbenden in die Ewigkeit transportiert. Aber auch die Kirche hatte im Grunde keinen anderen Trost.  „Tot und lebendig in Gottes Hand“, lautete der Titel der Andacht zum Heldengedenktag 1941.[42]  Dazu der Holzschnitt eines Soldaten mit Stahlhelm, umgeben von acht Kreuzen und Strahlen um den Helm. Wer es nicht erkennt, erklärt es Herdieckerhoff: „eine verklärte Gestalt“. Diese Abbildung nahm präzise die im 1. Weltkrieg verbreitete Postkartenillustration auf, auf der ein Engel einen am Kopf verbundenen Soldaten in den Himmel trägt mit der Unterschrift: „Wer den Heldentod stirbt, wird selig“. Der Tod in der „Stoßtruppkompanie beim tiefsten Tageseinbruch in den feindlichen Linien“ war dann für Herdieckerhoff kein tragisches Geschick, „sondern ein Aufbruch. Hin zu seinem Herrn und Gott“.[43]  Der Zwang zum Kriegen und Töten konnte nun von Herdieckerhoff als Befehl Gottes ausgelegt werden. „Das Sterben im Kampf für unsres Volkes Leben von 1914 ab bis heute ist geschehen auf Gottes Geheiß“. „Der Gott der  Geschichte sendet unsrem Geschlecht den heiligen Zwang, den Weg in und mit und für unser Volk zu gehen. Wir wissen, dass wir nicht anders können.“ Die Firmierung des Zwanges als eines „heiligen“ war das Ende des theologischen Nachdenkens über den Krieg und die Unterwerfung unter diesen Zwang die Verdunkelung der „Freiheit eines Christenmenschen“. Aus dieser bösartigen Verstrickung hat sich die Kirche nur teilweise und nur sehr schwer gelöst.

 

Die Kirche stand in einer seelsorgerlich ausweglosen Situation. Konnte sie bei einem Trauerbesuch den betroffenen Hinterbliebenen erklären, warum ihre Gebete um eine gesunde Heimkehr ihres Sohnes oder Mannes nicht erhört worden waren? Konnte sie dem Tod irgendeinen Sinn abgewinnen, und war der Hinweis auf das Kreuz Jesu für die Hinterbliebenen irgendwie annehmbar?

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob nicht jede Form, selbst einer „unpolitischen“ Abkündigung, bereits eine Einbindung in die herrschende Kriegsideologie bedeuten konnte.

 

Nach dem Krieg wurde in einigen Kirchen ein Gedenkort für ein Buch geschaffen, in das die Namen der Toten der Gemeinden verzeichnet wurden. So hat z.B. die Pauligemeinde im Vorraum ihrer Kirche ein solches Buch ausgelegt.

 

Vorbildliches Gedenken in der Brüdernkirche

Richtiger im Kreuzgang der Brüdernkirche. Dort hängt eine aus den Trümmern gerettete Gedenktafel, die der Brüdernpfarrer Kausche im März 1928 in der Kirche eingeweiht hatte. Es ist eine aus dem Balken eines Bürgerhauses von Professor Hofmann große, geschnitzte Holztafel mit dem Bibelwort „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“. Da drunter lautet der Text: „Ihren im Weltkrieg gebliebenen Heldensöhnen die dankbare St. Ulricigemeinde.“

„Sie opferten Jugend/ ihr Jugendglück/ Sie kehrten nie wieder/ zur Heimat zurück/ Sie gaben ihr Alles/ ihr Leben, ihr Blut/ Sie gaben es hin/ mit heiligem Mut/ für uns.“ Zwei Soldaten in Uniform mit Helm und „Gewehr bei Fuß“ am rechten und linken Rand der Tafel sehen nach außen, sie bewachen die Gedenkstätte.

Die Tafel erinnert daran, dass das Heldengedenken in der evangelischen Kirche eine sehr weit zurückliegende Tradition hat. Der Kirchenvorstand hat diese Tafel mit einem verständnisvollen Text versehen, auf den Künstler und den Einweihungstag verwiesen und dazu geschrieben, der Text sei „äußerst kritisch“ zu lesen, weil er Glaubenstreue und Soldaten-Treue -Tugend mit einander verwechsle. So kritisch gelesen könne die Tafel eine Ermunterung zur Friedensarbeit sein.



 



[1] Ian Kershaw hat  in seinem Buch „Der Hitlermythus“ S. 130 ff Trauerannoncen von drei Bayrischen Zeitungen analysiert und weist die Verankerung des Nationalsozialismus in der dortigen Bevölkerung nach. 

Oliver Schmitt und Sandra Westenberger haben die Trauerannoncen von zwei Frankfurter Zeitungen untersucht. Der feine Unterschied im Heldentod in: Götz Aly Des Volkes Stimme Frankfurt am Main  2006 S.96 ff. Sie erheben statistisch, wie oft der Begriff „Führer“ oder von nazinahen Institutionen genannt wird und kommen zu dem Ergebnis, der Indikator erlaube es, „das schwindende Vertrauen der Deutschen in die Regierung Hitler genau und in Verbindung mit Kershaws Resultaten auch genügend solide zu diagnostizieren.“ (S. 111)

Die „Führerquote“ beträgt ihrer Untersuchung nach Mitte 1940 ein Jahr lang mehr als 90 Prozent, im 3. Quartal 1942 bricht die Führerquote ein. „Das ist deshalb so interessant, weil zu dieser Zeit die Wehrmacht ständig siegte.“ (S. 113) „Offensichtlich honorierten sie zumindest den Vorstoß der Wehrmacht in den getreide- und rohstoffreichen Süden der Sowjetunion und rechneten sich Chancen aus.“ (S. 115) Ich gestehe, es widerstrebt mir, die in den Annoncen zu Tage kommenden Gefühlsausbrüche und das persönliche Elend einer Statistik nach einer „Führerquote“ zu unterwerfen, die am Ende das magere Ergebnis zustande bringt, dass zum Ende des Krieges hin der „Führer“ immer weniger genannt wird. Daraus eine schwindende Popularität zu folgern, halte ich für unrichtig.

[2] BA R 22/ 33

[3] BTZ 11.4.1944

[4] BLZ 16./17.1.1943

[5] BLZ 21.1.1943

[6] BTZ 27.3.1944

[7] BLZ 20.1.1943

[8] BTZ 21.4.1944

[9] BTZ 11.4.1944

[10] BTZ 11.4.1944

[11] BLZ 4./5.9.1943

[12] BLZ 18./19.9.1943

[13] BTZ 27.3.1944

[14] BLZ 19.1.1943

[15] BLZ 6./7. 2. 1943

[16]  BLZ 4./5. 9. 1943

[17] BLZ 15.1.194

[18] BLZ 6.9. 1943

[19] BLZ 16./17.1.1943

[20] BLZ 21.1.1943

[21] BLZ 3.9.1943

[22] BLZ 3.9.1943

[23] BLZ 18./19.9. 1943

[24] BLZ 19.1.1943

[25] BLZ 6.1.1943

[26] BTZ 22./23.4.1944

[27] BLZ 6.9.1943

[28] BLZ 6.9.1943

[29] BLZ 14.9.1943

[30] BLZ 6./7. 2. 1943

[31] In der Magnichronik findete sich diese Notiz unter dem Jahr 1941: 28.9. und 28.12. Namen der Gefallenen namentlich gedacht, „die ihr Leben  für Volk und Führer hingegeben haben“. Unter dem Jahr 1942 folgende Notiz: „Gedächtnisfeiern für Gefallene am 15. März, 13. Juli, 15.Oktober, 22. November. Außerdem noch in zwei Fällen besondere Gedächtnisfeiern für einen Gefallenen unserer Gemeinde in der Kirche gehalten.“

[32] Jeweils unter der Rubrik „Auf dem Felde der Ehre fiel“ wurde der Name, die Adresse und der Dienstgrad genannt:  Oktober 1939; November 1939; Dezember 1939. Danach nannte sich die Rubrik „Für Führer und Volk“.  Michaelisbote August 1940; Dezember 1940.

[33] Die Brüdernkirche WuWzG November 1939 S. 8

[34]  Otto Dietz Gebete der Kirche im Kriege  München 1939 und Gerhard Kunze Evangelisches Kirchenbuch für Kriegszeiten Göttingen 1939

[35] Michaelisbote März/ Lenzing 1941

[36] Gemeindebrief St. Katharinen Mai/Juni 1941 S. 3 und 4;

[37] Gemeindebrief St. Katharinen März/April 1941

[38] Landeskirchliches Amtsblatt 17.9.1941 S. 25

[39] BV 16.3.1939 S.42

[40] BV 12.3.1939 S. 41

[41]  BV 10. März 1940 S. 19

[42] BV 16.3.1941 S. 21

[43] BV  24.11.1940 Andacht zum Totensonntag 1940



Zum Kapitel 28: Die katholischen Kirchengemeinden im Kriege 1939-1944




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Impressum Stand: Dezember 2013, dk