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[Kirche von unten]



Ansichten einer versunkenen Stadt

Die Braunschweiger Stadtkirchen 1933 - 1950

von Dietrich Kuessner


32. Kapitel

Die Folgejahre der Hitlerzeit 1945-1947 [1]

 

Heimatlos in der eigenen Stadt

„Wir sehen keine Befreiung. Wir sehen nur den Zusammenbruch. Wir sehen das Dunkel, das unermessliche Dunkel vor uns“, fasste Propstei Leistikow die Stimmung in der Propstei Braunschweig im Oktober 1945 zusammen.[2] Es sei „für die meisten eine so verwirrende und enttäuschende Zeit“, „eine Zeit großer Traurigkeit“.[3]

Viele Braunschweiger, ausbombardiert, ohne die gewohnte Räumlichkeit und Habe, evakuiert, dann nach Hause zurückgekehrt und doch nicht zu Hause, weil für sie alles nur Ruine war, sie waren in ihrer Stadt heimatlos geworden. Heimatlos in ihrer eigenen Heimat. Das galt für die Tausende, die um die Andreaskirche, Petrikirche und Brüdernkirche gewohnt und nun den Verlust täglich vor Augen hatten. „Da stand mal unser Haus, da haben wir mal gewohnt“ – es ist noch nicht erforscht, was dieser Verlust für jene Braunschweiger persönlich, für ihre Familie und die Familiengeschichte bedeutete. Die Filmaufnahmen der britischen Truppen von diesem zerstörten Teil im Sommer 1945, kommentiert von  Eckhard Schimpf, geben noch heute einen erschütternden Eindruck vom Zustand der Braunschweiger Stadtmitte im Sommer 1945.

Die Wohnungsnot wurde durch die Einquartierung britischer Soldaten und Offiziere verschärft.

Um das Fliegerviertel beim Prinzenpark wurde ein Stacheldrahtzaun gezogen, das Quartier komplett geräumt und von den Besatzungssoldaten belegt. Andere Braunschweiger hatten ihre Wohnungen für englische Offiziere vollständig räumen müssen und waren bei Verwandten untergekrochen. Oder sie waren nur in den oberen Stock gezogen und lebten mit ihnen beengt zusammen, ohne einzusehen warum überhaupt. Anfang 1947 waren noch 298 Wohnhäuser mit 1.171 Wohnungen belegt, „die für 12.000 Braunschweiger Platz geboten hätten“ stellte die Stadtverwaltung pikiert fest.[4]

Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten zogen nicht weiter und ließen sich in den Bunkern und Lagerbaracken der Stadt notdürftig nieder. Zeitweise verlegte die englische Militärregierung auf Lastwagen täglich 1.000Flüchtlinge aus Berliner Flüchtlingslagern nach Braunschweig. Im November 1945 wurden vom inzwischen eingerichteten städtischen Fürsorgeamt täglich 2.300 Flüchtlinge durchgeschleust.[5] Auf dem Ostbahnhof blieben Eisenbahnwaggons, beladen mit geflüchteten Jugendlichen und Erwachsenen, tagelange unversorgt stehen. Jeder musste sehen, wie er durchkam. Es war kein Ende der Not abzusehen, sondern die Situation verschärfte sich in den beiden nächsten Jahren.

Wenn Heimat nicht ortsgebunden ist, sondern da gefunden wird, wo sich die Familie befindet, dann verstärkte sich dieser Moment der Heimatlosigkeit, denn viele Väter und Söhne waren noch in Kriegsgefangenschaft. Eckhard Schimpf berichtet in dem Trümmerfilm, dass er im Herbst in seiner Schulklasse der Einzige unter den ca 50 Schülern war, dessen Vater zu Hause war. 1945 kehrten nur 3.261 zurück, 13.471 in den nächsten vier Jahren bis 1949.[6] 4.074 Männer galten als „vermisst“, für die wartende Familie ein furchtbarer Zwischenzustand zwischen tot und lebendig,[7] Vermisstenanzeigen, Suchkarteien sollten helfen. Pfarrer Walter Staats von der Johanniskirche bat die Kirchengemeinden, Suchkarteien von ihren Gemeindemitgliedern anzulegen und sich auszutauschen. Jede Familie war versehrt, und diese seelischen Verwundungen hinterließen lebenslange Narben.

Die Behörden arbeiteten nur eingeschränkt, die Schulen waren geschlossen. Braunschweig und das Deutsche Reich befanden sich im quälenden Wartezustand. Für die Mütter mit ihren Kindern und die arbeitslos gewordenen Väter begann ein bisher ungewohnter Überlebenskampf. Wer rechtzeitig „gehamstert“ und Vorräte angelegt oder sich etwas „organisiert“ hatte, konnte sich durchschlagen. Aber Arbeit und Brot wurden Mangelware, eine neue Erfahrung für viele Braunschweiger.

Ebenso quälend war die geistige Öde. Deutschland ohne Hitler, Braunschweig ohne Klagges – es wurde ohne sie immer schlimmer, hatten viele den Eindruck.

So war das Jahr 1945 für die einen eine Katastrophe. Für die andern öffneten sich die Lagertore,

nämlich für die Braunschweiger, die zu Juden deklariert, verschleppt worden waren, aber überlebt hatten und nun zurückkehren konnten.  Carl Mosberg, 60 Jahre, Gustav Mosberg und seine Frau Emma und Karl Jacob Herz kehrten aus dem Altersghetto Theresienstadt zurück, der 25 jährige Horst Günther Herz aus dem KZ Dachau, Fritz Goldschmidt, 59 Jahre, aus dem KZ Auschwitz. Begreiflicherweise lösten sie hier und da Ängste aus. Würden sie ihren geraubten Besitzt wieder zurückfordern, ihre Häuser und Geschäfte. Waren  deren Geschirr und Möbel nicht „ehrlich“ ersteigert und bezahlt und die Geschäfte „ordnungsgemäß übernommen“?

Andere kamen in Uniform der Sieger und beklommen war die erste Begegnung. Günter Gaus erzählt in seinen Erinnerungen eine.[8] Die Familie Gaus war um den Jahreswechsel 1938/39 in eine Wohnung in der Innenstadt umgezogen, wo sie ihr Gemüsegeschäft hatten. Im  Herbst 1945 kam ein britischer Soldat zu ihnen in den Garten hinter dem Haus, wo die Hausbesitzerin, Mutter Gaus und ihr Sohn saßen. Es war der Sohn jener mehrköpfigen Familie, die vorher in jener Wohnung gewohnt und neben dem Gemüseladen ein Schuhgeschäft betrieben hatte, am 28. Oktober 1938 unvermittelt abgeholt und nach Polen abgeschoben worden war. In die „freigewordene“ Wohnung war Familie Gaus gezogen. Man kannte sich, weil Familie Frenkel bei Gaus ihr Gemüse einkaufte. „Nach meiner Erinnerung floss das Gespräch  im Garten spärlich, aber ohne Heftigkeit“. -  Der siebenjährige Eckard Schimpf beobachtete einen englischen Soldat, der vor dem Haus, wo er spielte, stehen geblieben war und es lange betrachtete. Als er wegging, drückte er dem Siebenjährigen ein Stück Schokolade in die Hand drückte. „Hier habe ich früher mal gewohnt“, sagte der und war verschwunden.  

Es gab auch Lagertore in der Stadt, die sich für Kriegsgefangene und Zivilgefangene nun öffneten. Wer im Westen beheimatet war, machte sich umgehend auf den Weg nach Hause. Im Oktober 1945 befanden sich aber noch 16.372 Ausländer in der Stadt, sie waren frei, aber mussten ihrerseits zusehen, wie und womit sie weiterleben konnten.[9] Sie hamsterten und „organisierten“ im Stadtgebiet, in Gärten und Ställen. Es kam auch zu Schlägereien und selten machten sie auch von der Pistole Gebrauch. Aber im Vergleich zu den Unmenschlichkeiten deutscher Soldaten in Weißrussland, die Häuser ansteckten und Familien abschossen, verhielten sich die ehemaligen Kriegsgefangenen zivil. Die englische Militärregierung drohte bei Übergriffen sogar mit der Todesstrafe. 

 

Das Nachrichtenblatt der amerikanischen Heeresgruppe „der Braunschweiger Bote“.

Die Braunschweiger Bevölkerung erlitt die furchtbaren Folgen des Krieges, aber sie verstand die Ursache nicht, sie ließ die Niederlage nicht in den Kopf. Die urmenschliche Frage, die Gott an den Brudermörder Kain richtet: „Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir“, wurde täglich durch die Ruinen an die Braunschweiger gestellt, aber sie hörten diese Frage nicht und verstanden sie nicht. Das wäre die Aufgabe einer zeitnahen Predigt gewesen, aber die Kirche und ihre Pfarrer waren selber zu sehr betroffen und verstrickt und dem Hitlersystem verbunden und verpflichtet. Stattdessen übernahm diese geradezu seelsorgerliche Aufgabe die erste, in Braunschweig erhältliche Zeitung.

Vom 4. Mai bis zum 8. Juni 1945 erschienen acht, mehrseitige Ausgaben eines „Braunschweiger Boten“, dem Nachrichtenblatt der amerikanischen 12. Heeresgruppe. Die Absicht des Nachrichtenblattes war es, der Braunschweiger Bevölkerung die Augen für die Verbrechen in den von den kämpfenden Truppen geöffneten Konzentrationslagern zu öffnen. Das Bild eines KZ Zuges, der mit Leichen der Ermordeten aufgefunden wurde, in der ersten Nummer [10], das Foto „eines der Tausende KZ Opfer“ in der zweiten Ausgabe [11] zeigten die Hitlerherrschaft aus der Opferperspektive. „Der dickwandige Folterkeller, zu dem der Hitlerismus Deutschland gemacht hatte, ist aufgebrochen, offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt“. Deutschland sei ein „Abscheu der Menschheit und Beispiel des Bösen“ geworden, hieß es in einem Aufruf von Thomas Mann in der zweiten Ausgabe. Aus ihm sprach das Entsetzen der alliierten Truppen beim Öffnen der Konzentrationslager. Unter der Überschrift „Deutschland war eine Folterkammer“ wurden Bilder von Gardelegen gezeigt, wo über tausend Häftlinge in eine Scheune getrieben und die Scheune angesteckt worden war. Unter der Überschrift „Ihr sollt es wissen“ wurde ausführlich ein Gespräch mit einem  Arzt wiedergegeben, der in Kiew mit einem Ärzteteam Transporte von behinderten Menschen, auch Zigeunern und Juden zu Tode gespritzt hatte, drei bis vier Transporte von je tausend Personen pro Woche.

Ausführlich wurde der Tod der Naziprominenz thematisiert, der Tod Hitlers und Mussolinis, der Selbstmord Himmlers, der nach seiner Gefangennahme in Bremervörde bei einer ärztlichen Untersuchung auf eine im Mund versteckte Giftkapsel gebissen hatte, der Selbstmord von Admiral Friedeburg, der die Kapitulationsurkunde unterschrieben hatte, nach seiner Verhaftung bei Kiel. Die Nachricht vom Tod des ehemaligen Reichsjugendführers und späteren Gauleiters von Wien Baldur v. Schirach, der mehrfach in Braunschweig gewesen war und die Ehrenbürgerschaft der Stadt besaß, erwies sich später als falsch. Er wurde im Nürnberger Prozess zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Dass die Militärregierung Gerechtigkeit gegen Jedermann führen wollte, dokumentierte sie bei der seitenlangen Veröffentlichung von Strafen, die das Militärgericht gegen ca 300 Braunschweiger wegen Aufenthaltes während des Ausgehverbotes und sogar Mitführen von Waffen verhängt hatte, Geldstrafen,  vier Tage Gefängnis, aber auch drei Jahre Zuchthaus. Unter den Bestraften befanden sich auch wiederholt frühere Fremdarbeiter aus den Lagern in der Stadt: Gerechtigkeit gegen Jedermann.

Durch positive Nachrichten sollte indes der Wille zum „Wiederaufbau“ geweckt werden. Büssing habe die Arbeit aufgenommen, die Rüninger und Lehndorfer Mühlen verarbeiteten die restlichen Getreidebestände, die Pantherwerke, Schering und Schmalbach, Bremer und Brockmann fingen wieder an zu produzieren.  Straßenbahn und Straßenbeleuchtung wurden repariert und in Gang gesetzt, das Verbot der Ausgehzeit wurde auf 23.00 bis 5.00 verkürzt. Zur Trümmerbeseitigung wurden auch jene 143 Beamte und Angestellte in der Stadtverwaltung eingesetzt, die dort entlassen worden waren.

 

Von der kirchlichen Arbeit berichtete die vierte Ausgabe am 25. Mai 1945, dass die religiösen Feiertage, die von den Nazis abgeschafft worden seien, wieder zu gesetzlichen Feiertagen erklärt würden. Indes hatten die Hitlerherrschaft die hohen kirchlichen Feiertage Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Pfingsten keineswegs abgeschafft, auch nicht ihren staatlichen Schutz, sondern sie in ihrem fatalen Sinn instrumentalisiert und umgedeutet. „Die Kirchen aller Konfessionen werden in jeder Hinsicht von der alliierten Militärregierung unterstützt und gefördert“,  hieß es in der Meldung weiter.

Das wurde von manchem Industriellen aufmerksam gelesen, weil sich nun eine Unterstützung der
Stadtkirchen günstig auf das Verhältnis zur Besatzungsmacht auswirken konnte.

In einer anderen Ausgabe wurde der Erzbischof von Canterbury zitiert, der darin erinnerte, dass nicht alle Deutsche Nazis waren, sondern einige wenige durchaus das Übel bekämpft hätten.[12] 

In der letzten Nummer wurde eine Auslassung des damaligen Papstes Pius XII unter der Überschrift „Der Papst über den Nationalsozialismus“ wiedergegeben. Darin hieß es, der Kampf gegen die Kirche sei immer bitterer und bitterer geworden, „Im Widerstand gegen diese Unterdrückung schlossen sich Millionen Katholiken um ihren Bischof  zusammen mit dem Ziele, den katholischen Glauben zu bewahren und zu beschützen. Unsere Vorstellungen verhallten ungehört“.[13] Diese einseitige Darstellung wurde bald zum Maßstab der katholischen Geschichtsschreibung erhoben. Tatsächlich hatte die römisch-katholische Kirche den außenpolitischen Kurs Hitlers wenigstens bis 1941 unterstützt, sie teilte seinen innenpolitischen scharfen antikommunistischen Kurs und auch den Einfall in die Sowjetunion 1941, sie errichtete während der nationalsozialistischen Zeit zahlreiche Kirchen und Pfarrhäuser. Für Hitler, der bis ans Lebensende römisch-katholisch blieb, ordnete der Vorsitzende des deutschen Bischofskonferenz Kardinal Bertram daher nach der Meldung vom Tod Hitlers ein Requiem an. Bertram hatte Hitler noch im Kriege beständig zum Geburtstag gratuliert und Hitler hatte die Glückwünsche erwidert.[14]

 

Die Kirche ist gefragt

Allmählich kehrten die eingezogenen Pfarrer zurück und erlebten eine unterschiedliche Aufnahme. Einige nahmen umgehend an ihrem alten Arbeitsplatz die kirchlichen Geschäfte wieder auf, so Otto Jürgens, im Sommer 1945 aus englischer Gefangenschaft entlassen, in der Johanniskirche und Pfarrer Wehrstedt, der Aufseher in einem Lager mit französischen Kriegsgefangenen bei Quedlinburg gewesen war, in der Martinikirche. Hans Joachim Schmidt[15] war zwar 1940 als Pfarrer der Magnikirche eingeführt, aber sofort zum militärischen Dienst eingezogen worden. Er kehrte im Sommer 1945 33jährig.  Das Pfarrhaus des Katharinenpfarrers Gennrich war zerstört, seine Frau darunter tödlich begraben, Gennrich erhielt eine neue Pfarrstelle in Salzgitter-Lebenstedt. Pfarrer v. Wernsdorff, der in Braunschweig auf einem Wehrmachtsfürsorgeamt eingesetzt war, wurde von der Kirchenregierung wegen seiner heftigen Sympathie für den Nationalsozialismus aus kirchenpolitischen Gründen in das Pfarramt Gr. Biewende versetzt. Das Pfarrhaus vom Jakobipfarrer Otto Dietz war von der Familie Kalberlah besetzt, deren Pfarrhaus an der Kirche zerbombt worden war. Die Familie Dietz war evakuiert, Vater Dietz kam mit durchschossenem Knie im Herbst 1945 aus dem Krieg und sollte zu seiner Verwunderung nicht an seine alte Predigtstelle zurückkehren. Er erhielt die Pfarre in Wendhausen, wo er später Propst wurde.[16] Da an der Martinikirche nur noch für einen Pfarrer Arbeit war, zog Pfarrer Rohde mit seiner vielköpfigen Familie ins Lehndorfer Pfarrhaus, das Pfarrer Schlott eigentlich räumen sollte. Er blieb aber und zog nur in den ersten Stock. Das wurden beengte Verhältnisse für zwei kinderreiche Familien. Da für Pfarrer Ruess im Siegfriedviertel keine Pfarrwohnung aufzutreiben war, verließ er die Stadt. Pfarrer Bosse war aus amerikanischer Gefangenschaft geflohen, und hatte sich auf abenteuerliche Weise zu seiner nach Gielde evakuierten Familie durchgeschlagen. Da er keine regulären Entlassungsschein hatte, konnte er nicht sofort in seine Gemeinde nach Braunschweig. Im Juli 1945 nahm er seine Arbeit wieder in der St. Georggemeinde auf, jedoch ohne Familie, da für diese keine Wohnmöglichkeit bestand. „Ich wohnte zunächst in der Küche. Ich wurde Maurer und Tischler und habe im Verein mit Herrn Möhle gebaut und gebessert, um die Vorkehrungen zu treffen für die Rückkehr meiner Familie. Es war eine Zeit schwerster Anspannung  und Belastung, alle Arbeiten in Haus und Gemeinde durchzuführen.“[17] Der Raum für den sonntäglichen Gottesdienst reichte im Pfarrhaus nicht aus, daher wurde der Vorraum zum Gemeindesaal provisorisch hergerichtet, Schuttberge um die Kirche von den Kirchenvorstehern und Besuchern der Bibelstunde in den Bombenkrater gekarrt und die dicken Mauern des Luftschutzkellers  abgetragen. Der neue Gottesdienstraum hatte kein Dach, keinen Fußboden, bei Regen musste das Wasser hinausgefegt werden. Es fehlten Stühle. „Wegen der Feuchtigkeit und  Kälte musste ich mich entschließen, die Gottesdienste stark zu kürzen.“ Pfarrer Dosse kam erst im Herbst 1946 aus englischer Gefangenschaft und kehrte in sein Gliesmaroder Pfarrhaus zurück.

 

In dieser ruinösen Landschaft luden die Kirchen zu Gottesdiensten in Gemeindesäle und Kirchen ein. Aus den Gebeten wurden der Name des „Führers und seiner Räte“ sowie die Fürbitte für die Wehrmacht zu Lande, Wasser und in der Luft gestrichen. Und die Pfarrer wurden gebraucht: im Sommer 1945 wurden wie eh und je Kinder zur Taufe gebracht, und Eheleute begehrten die kirchliche Trauung. In der Michaeliskirche fand einen Tag nach der Kapitulation die erste kirchliche Trauung statt, der weitere 26 im Laufe des Jahres folgten.  In der Johanniskirche wurden 123 Kinder und Jugendliche getauft, die erste Taufe war nach der Besetzung am 29. April 1945, oft am Sonntag mehrere Kinder: am 2. und 23. September je fünf Kinder, am 9. Dezember sieben, am 2. Weihnachtstag 6 Kinder. Einen ebensolchen Ansturm auf die Taufen erlebte die Stadtrandgemeinde St. Georg, obwohl Kirche und Gemeindesaal zerstört waren. Bis zum April 1945 waren es fünf Taufen, und nach der Besetzung noch 90 Taufen. Wie in der Johanniskirche steigerte sich die Anzahl in den nächsten Jahren enorm.[18] Am andern Ende der Stadt, in der vergleichsweise kleinen Martin Luthergemeinde wurden nach der Besetzung 77 Kinder getauft, drei am 22. April, drei am 6. Mai und  sieben am 20. Mai.

Die Taufgesellschaft war zeitgemäß gemischt und ließ die Vergangenheit erkennen. Bei den Taufen in der Johanniskirche waren fünf Vätern dissidentisch, 14 gottgläubig, dreimal waren sogar beide Elternteile gottgläubig und  begehrten trotzdem die Taufe. Das Taufbegehren hielt in der Johanniskirche auch in den nächsten Nachkriegsjahren an.[19] Dem Anstieg der Taufziffer entsprach der Anstieg der der Kirche nicht angehörigen Elternteile. 1946 waren 17 Väter gottgläubig, fünf dissidentisch oder glaubenslos. Bei sechs Taufen waren beide Elternteile gottgläubig. Im Siegfriedviertel war der Anteil der Dissidenten vor 1933 hoch und der der Nazis nach 1933 auch. So wundert es nicht, dass 1946 28 Väter und drei Elternpaare sich als gottgläubig bezeichneten und elf als dissidentisch bzw. ausgetreten. In der Martin Luther Gemeinde waren entsprechend dem hohen Anteil an Dissidenten 14 Väter dissidentisch und acht gottgläubig, ein Elternpaar gottgläubig.

Neu war, und auch für die Taufhandlung nicht unwesentlich, dass bei den Taufen in der St. Georggemeinde 21 Väter römisch-katholisch waren. Der verlorene Krieg und die Flüchtlingsströme hatten die vormals „reinen“ Konfessionsgebiete konfessionell durchmischt.
Andererseits darf man den Religionsstand der Väter für den Taufgottesdienst nicht überschätzen. In der Regel nahmen die Väter an einem Taufgottesdienst nicht teil, das überließen sie den Frauen und gingen in die Kneipe. Dieser Zustand änderte sich erst mit der neuen Lebensordnung in den 60er Jahren.

„Rückblickend sagen meine Frau und ich von dieser Zeit: „Das waren unsre schönsten Jahre!“ erinnerte sich das Ehepaar Schmidt. „Die Magnigemeinde war wie eine große Familie. Welche Freude an den Heiligen Abenden 1945, 1946, 1947 immer wieder heimgekehrte Gemeindeglieder zu begrüßen! Wieviel schöne Abende, kleine Feste, Hauskonzerte, Gespräche, Dichterlesungen in den Häusern rund um den Löwenwall! In unserer Wohnung Adolfstraße 36 versammelten sich an mehreren Abenden der Woche Männer, junge Mütter, der Mädchenkreis und immer wieder neue Heimkehrer. Da saß der Postschaffner neben dem vertriebenen Rittergutsbesitzer, der Straßenbahnfahrer neben dem einstigen General. Alle bewegte die Frage, wie es weitergehen solle.“[20]

 

Erste Gottesdienste im Dom

Es gab in der Innenstadt nur noch eine zentrale Kirche, den Dom, der nun nicht mehr Staatsdom war, aber der Landeskirche auch noch nicht gehörte. Das Landeskirchenamt ließ keine Anstalten erkennen, umgehend eine Dompfarrerstelle einzurichten. Pastor Barg nahm die Frage eines Gottesdienstes im Dom in die Hand, ließ Plakate drucken und nannte sich als Prediger. Das stieß im Landeskirchenamt auf Widerwillen, denn Barg war im Sommer 1945 im Landeskirchenamt erschienen und hatte den sofortigen Rücktritt von OLKR Röpke gefordert, ansonsten er die Militärregierung einschalten würde.

Röpke, der als Stellvertreter des Landesbischofs zurückgetreten war und sein weiteres Schicksal abwartete, bat Propst Leistikow schriftlich, einen anderen Prediger einzusetzen. Es solle der Eindruck vermieden werden, dass Barg der künftige Domprediger werde. Auch die Frage, wer am Dom die Orgel spielen werde, war noch ungeklärt. Wolfgang Auler machte nachdrücklich seinen Anspruch geltend und ließ seine alten Beziehungen zum Ministerium spielen.[21] Im Juli fand ein Gottesdienst statt, in dem OLKR Seebaß die Predigt hielt und Ellinor Dohrn die Orgel spielte. Frl. Dohrn schrieb ihren Eindruck von diesem ersten Gottesdienst an Propst Leistikow: „Der erste Gottesdienst im Dom begann insofern aufregend, da zunächst kein Strom vorhanden war. Glücklicherweise wurde er um 10 Uhr wieder angestellt. Und dann änderte OKR Seebaß, mit dem wir zuvor alles eingehend besprochen hatten, noch während des Präludiums das ganze Programm, sodass mein Vorspiel nun gar nicht passte. Das war schade! Aber sonst hätten Sie Freude gehabt, wie das große Kirchenschiff bis zum letzten Platz gefüllt war.“[22]

Der Dom wurde der Andreasgemeinde als der nächst liegende Kirchenraum für Amtshandlungen zugewiesen. Das Taufregister verzeichnet für den 16. Juni 1945 eine Taufe der Andreasgemeinde; ob sie im Dom stattfand?  Es folgten im August zwei Taufen, im September an drei Sonntagen, an jedem Oktobersonntag, vier Taufen am 4. November und im Dezember an drei Feiertagen.[23] Der Dom belebte sich durch Gottesdienste. Im Jahr 1946 waren es 93 Taufen.

Die Fortsetzung des kirchlichen Lebens in den gewohnten rituellen Formen war für die Pfarrerschaft ein entscheidender Moment, dass es keine grundsätzlichen Änderungen geben würde. Es war auch ein Wink, dass sie erneut gebraucht werden würde. 

 

Frauenhilfen

Neben den Gottesdiensten erwiesen sich die Frauenhilfen mit ihrer Arbeit als kontinuierliches, stabilisierendes Element der kirchlichen Arbeit. Der Stadtverband der Frauenhilfe und ihr Geschäftsführer Herdieckerhoff luden die Vorsitzenden und Mitglieder der Helferkreise zu einem  Treffen schon am 31. Mai 1945 ein, bei dem auch ein Tätigkeitsbericht erstattet werden sollte. Solche Treffen fanden auch im August und September 1945 im Ev. Vereinshaus statt, bei denen der biblische Monatsspruch bearbeitet wurde. Pfarrer Kalberlah berichtete, dass sich in der Lehndorf Siedlung eine Frauenhilfe mit 30 Mitgliedern gebildet hatte. Am 21. Oktober 1945 wurde das Jahresfest der Frauenhilfen der Stadt in der Michaeliskirche begangen. Dabei hielt der neue Katharinenpfarrer Siegfried Stange die Predigt, Ellinor Dohrn hatte mit ihrem Sing- und Spielkreis die musikalische Ausgestaltung übernommen.[24]

 

Die Baracke des evangelischen Hilfswerkes

Die Baracke stand auf dem Platz vor dem Bahnhof (heute NordLB). Eben hieß er noch Adolf Hitler Platz. Nun war er zeitgemäß umbenannt worden, nicht nach einem der vielen Braunschweiger Demokraten, sondern nach dem Herzog Friedrich Wilhelm. Es sollte eben alles wie früher sein. Nur das half nicht weiter. Weiter half die Baracke, die auf dem Bahnhofvorplatz.

Die Situation auf diesem Bahnhofvorplatz wurde von den Themen zur Bibelwoche 1947, die in allen Kirchengemeinden zwischen Totensonntag und dem 1. Advent gehalten wurden, so beschrieben: „Weg, wo doch kein Weg ist/ Helfer, wo doch keine Hilfe ist/ Friede, wo kein Friede ist/ Frucht, wo doch alles vergeblich ist/ Wahrheit, wo doch nur Wahn ist/ Gewissheit, wo doch nur Angst ist“. Die Zeit vor und nach 1947 wurde mit den Stichworten „kein Weg, keine Hilfe, kein Friede, vergeblich, nur Wahn, nur Angst“ treffend wiedergegeben. In dieser Aussichtslosigkeit kamen viele auf dem schwer zerstörten Braunschweiger Hauptbahnhof in den ersten Nachkriegsmonaten an. Mütter mit Kindern, die nicht wussten wohin,  Evakuierte, die nicht wussten, was sie zu Hause erwartete, Alte, Gebrechliche, deren Heime aufgelöst worden waren,  Lehrer mit ihren Klassen und Heimerzieher mit ihren Kindergruppen auf der Flucht in den Westen, Soldaten, die nicht in Gefangenschaft geraten waren, und sich irgendwohin durchschlagen mussten. „Viele von ihnen kamen zu Fuß, manche in Zügen, die, völlig überfüllt, die Fenster mit Brettern vernagelt, an der Zonengrenze eingesetzt waren und auf notdürftig reparierten Schienen gen Westen ratterten. Hungrig, übermüdet, verzweifelt und ratlos kamen sie in Scharen auf den von Bomben zerstörten Bahnhof in Braunschweig an  in der Hoffnung, irgendwo Menschen zu finden, die ihnen helfen würden.“[25] Bald nach Kriegsende betrieben die Innere Mission und die Caritas die Bahnhofsmission wie zu Zeiten vor dem Verbot.

In einer Ecke des Bahnhofs wurden die Trümmer weggeräumt und unter freiem Himmel eine Gulaschkanone aufgestellt. Die Frauenhilfen sammelten in den Kirchengemeinden und organisierten einen Arbeitsplan auch für die Nacht für bis zu zehn Frauen. Es wurde warmes Essen von den Spenden der Landgemeinden und laufend Tee gekocht. Ein Zeitzeugin berichtet: „Die Helferinnen schälten Kartoffeln, putzten Gemüse, schleppten aus dem fast einen halben Kilometer entfernten Bahnheizwerk heißes Wasser für Tee heran, heizten die Gulaschkanone und gaben Essen aus. Sie sammelten in den Gemeinden Geld, Lebensmittel, Tassen, Teller, Bestecke, Kindernahrung, Bekleidung und vieles andere, was für die Ankömmlinge gebraucht wurde.“[26]  Als die Baracke aufgebaut wurde und dort für ein Jahrzehnt stehen blieb, konnten sich Kranke und Alte nun ausruhen, Mütter mit Kindern übernachten, die Zubereitung des Essens war wetterunabhängig. Die Baracke war ein Glanzstück kirchlicher Arbeit in der Nachkriegszeit.

 

Die Kindergärten

Bereits 1946 hatten einige Kirchengemeinden, unterstützt von der Inneren Mission, sechs Kindergärten für 440 Kinder und 1947 10 Kindergärten für 630 Kinder eingerichtet. Das war mehr als für die städtisch betriebenen Kindergärten gemeldet wurde.[27] Einer dieser Kindergärten wurde von der St. Georggemeinde betrieben. Davon schrieb Pfarrer Bosse unter dem Jahr 1947: „Inzwischen war es auch zur Gründung eines Kindergartens für den 1. Pfarrbezirk gekommen. Mutig und freudig begonnen und geführt durch eine frühere Konfirmandin Frl. Jost, und unter größten Schwierigkeiten fortgeführt und durch den Winter gebracht. Es fehlte an jeglichen Einrichtungsgegenständen. Auch bereitete die Ofenheizung mancherlei Schwierigkeiten. Manches Mal wurde der Pfarrer zur Hilfeleistung gebeten und wurde zum Techniker, für alle Mühe aber reichlich belohnt durch die Anhänglichkeit der Kinderschar und die Gemeinschaft mit den Müttern, die wir in regelmäßigen Mütterabenden zusammenriefen. Wesentliche Hilfe erfuhren wir durch den Ev. Verein Innere Mission und das Hilfswerk. Als Raum diente die kleine seitliche Vorhalle vor dem Gemeindesaal und in wärmeren Tagen auch die große Vorhalle. Späterhin wurde in Eigenarbeit auch der Raum hinter der Küche wieder hergerichtet, wozu uns Herr Pieper aus dem Kirchenvorstand die Farbe zur Verfügung stellte und willige Gemeindeglieder die Gelder für die Mauerarbeiten.“ Der St. Georgkindergarten gehörte zu den ersten sechs 1946  eröffneten. Er war eine beispielhafte Gemeindeinitiative und Zusammenarbeit von Kirchenvorstand, Pfarramt und Gemeindemitgliedern.

Am 1. Mai 1946 eröffnete auch die Johannisgemeinde auf Initiative von Pfarrer Staats im Gemeindesaal einen Kindergarten. Er war halbtags geöffnet. Die ausgebildete Kindergärtnerin Frl. Thiel und mehrere Helferinnen versorgten 45 Kinder. Vorher hatte sich der Kirchenvorstand vom Zustand des Kindergarten in der Magnigemeinde überzeugt.[28] Der Magnikindergarten war 1942 von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) übernommen worden. Die Übernahme erfolgte jedoch durch einen Pachtvertrag, der im Herbst 1945 auslief. Um diese Zeit wurde der Kirchenvorstand wieder Herr über das Kindertagesheim. 

 

Jugendarbeit nach 1945

In einigen Gemeinden begann wieder eine staatlich unreglementierte Jugendarbeit. Das wurde als große Erleichterung empfunden. Man brauchte nichts polizeilich anzumelden und konnte die Arbeit frei gestalten. In den Gemeinden Pauli, Johannis, Magni und Riddagshausen bildeten sich schon im Sommer 1945 Jungscharen, also die 10 – 14 jährigen Jungen und Mädchen.[29] Ein Jahr später meldete Propst Jürgens an das Kreisjugendamt Jugendkreise in 10  Kirchengemeinden, vor allem Jungschargruppen von 10 – 40 Jahre alten Jungen und Mädchen. Geringer waren die Gruppen der bereits Konfirmierten besucht, so weit sie überhaupt bestanden.[30] In einer Aufstellung des Mädchenwerkes vom Dezember 1946 hieß es: In 6 Gemeinden geschieht keine Jugendarbeit, in fünf Gemeinden keine Jungschararbeit. Die Mädchenjungscharen  wurden in zehn Gemeinden von 20 – 40 Mädchen besucht, davon in Jakobi am regesten mit 40 Mädchen, Johannis mit 30 Mädchen, gefolgt von St. Andreas, St. Georg, Magni, Pauli, Katharinen und Lehndorf.[31]  Pfarrer Stange meldete im Juni 1947 aus der Innenstadtgemeinde Katharinen folgende realistische Zahlen: Jungmannschaft 9 Jungen, Jungschar 10 Jungen. Mädchenkreis 19 Mädchen, Jungschar 15 Mädchen.[32]

Käte Nicolmann, die lange Zeit für die Gemeindearbeit in der St. Georggemeinde zuständig war, schrieb in ihrem Arbeitsbericht: „Obwohl jetzt wieder viele Türen offen sind, bleibt die Sammlung um das Wort Gottes der Mittelpunkt aller Kinder- und Jugendstunden. Jahreslosung, Monatsspruch und - Lieder, sowie die vorgeschriebenen  Texte des Jahresplanes des Burckhardthauses geben der Arbeit in den einzelnen Gemeinden die einheitliche Ausrichtung.“[33]

Die Jugendarbeit litt unter den Mangel an geeigneten Räumen und Mitarbeitern. 21 frühere teils selbständige Helfer seien gefallen, berichtete Kolb. Die Kirchengemeinde Riddagshausen wurde ein zentraler Ort für Jugendgottesdienste. Im Riddagshauser Pfarrhaus war H. Kolb nach seiner Ausbombardierung im Bebelhof untergekommen.

In der Magnigemeinde traf sich ein reger Jungmännerkreis des Stadtkirchenverbandes für junge Männer über 18 Jahre, die also meist Kriegsdienst geleistet hatten. Kolb beziffert die Teilnehmerzahl mit 56 Personen.[34]  Von der Arbeit schrieb Kolb „Neben Singen, Spielen und Vorlesen guter Erzählungen steht das Hören und Lernen aus dem Gotteswort im Mittelpunkt... Groß ist die Aufgabe im Bahnhofdienst, größer und schwerer noch in den Bunkern.. Aus den Bunkern holen wir regelmäßig die Kinder wie die Jugendlichen heraus, um ihnen ein paar frohe Stunden zu bereiten. Das wöchentliche Bunkersingen bleibt auch weiterhin  Dienst und Freude für uns alle.“[35]

Als Problem für die Jugendarbeit beschrieb Kolb die Situation der 16-22 Jährigen. Sie seien resigniert und teilnahmslos, verlieren sich „in Tändeleien und Oberflächlichkeit und Gemeinheit und Sinneslust“. Die „guten, wertvollen Kräfte“ stürzten sich mit aller Macht in die Arbeit, in pausenlose Beschäftigung, „um zu vergessen und unterzutauchen, um nicht zu denken und verantwortlich zu sein für die Allgemeinheit.“  Jeder Annäherung stehe man ablehnend, zumindest zweifelnd und misstrauisch gegenüber.[36] Diese Beurteilung zeigt zugleich die Grenzen der kirchlichen Jugendarbeit im Verständnis von Kolb auf. Natürlich stürzten sich die Jugendlichen in die geöffneten Tanzlokale und genossen die unreglementierte Freizeit. Sie feilschten und tauschten auf dem Schwarzmarkt, und öfters wurden sie dabei erwischt. 1945/46 wurde in 539 Fällen, 1947 in 358 Fällen gegen sie verhandelt, meist wegen Schwarzhandel. [37] Und es gab auch echte Jugendkriminalität und Jugendverwahrlosung. Die Jugendlichen mussten die in sie hinein gepresste Gewalt während der HJ Zeit, die sie gelegentlich sogar lustvoll aufschlürften, nun wieder loswerden, in Gewalttätigkeit. Den großen Bereich von Nachkriegsjugend erreichte die evangelische Jugend von Kolb nicht.

Die heute Älteren, die die damalige Jugendarbeit noch erlebt haben, hatten gelegentlich das Empfinden, dass methodisch die Formen der bündischen Jugendarbeit verwendet wurden, die sie an die Hitlerjugend erinnerten.

Aber auch inhaltlich konnte spürbar werden, dass die Kontinuität zu den vergangenen Zeiten sehr viel stärker war als eine Neuorientierung. In einen Referat „Die Ev. Jungmannschaft Braunschweig Stadt vor ihren sozialen Aufgaben“ notierte der Referent Robert Kempe zahlreiche praktische Hilfsdienste und unter dem Stichwort „Volk und Vaterland. „Aufgaben sehen! Rein und stark erhalten. Deutschland braucht Männer, Charaktere, Persönlichkeiten – nicht mit großen Namen und Reden, sondern die den Dreck anfassen. Jugend von heute – Männer von morgen“.[38] Das war eine markige Ansprache, die auch gut in das Jahr 1933 gepasst hätte. „Rein und stark“ – da winkte Walter Flex aus dem 1. Weltkrieg herüber.

Im Verhältnis zu den enorm angestiegenen Gemeindemitgliederzahlen, die Propst Jürgens pauschal mit Pauli: 30.000; Johannis: 28.000; St, Georg 15.000; Michaelis und Jakobi: 12.000, Lehndorf Siedlung, Magni, Martini: je 10.000 Gemeindemitgliedern bezifferte, waren die Teilnehmerzahlen an der männlichen und weiblichen Jugendarbeit eher bescheiden.[39]  

Auch in der nun aufblühenden Jugendarbeit der katholischen Kirchengemeinden war Erleichterung und Begeisterung über den Wegfall der staatlichen Beschränkungen zu spüren. „Vor allem die katholische Jugend in St. Nicolai erlebte einen furiosen Start“, erinnern sich die Zeitzeugen von damals.[40] „In schneller Folge wurden Jungen- Jungmänner- und Mädchengruppen eingerichtet und Gruppenleiter dafür gefunden.“[41]

 

Der nationale Ruck

Durch die kirchliche Arbeit ging ein unsichtbarer nationaler Ruck. Es gelte gerade in der Niederlage „Haltung“ zu bewahren. Auf diesen Tenor war die erste Predigt von Propst Leistikow am 1.Sonntag nach der Besetzung gestimmt. Es war aber nicht nur die militärische Niederlage, die die deutsche Bevölkerung niederschmetterte, sondern mehr noch die Tatsache, dass sie sich nicht mehr selber regieren und verwalten sollte. Es fehlten ihnen historische Vergleiche, um diesen Zustand begreifen zu können. Als Propst Gremmelt von Ölper nach Braunschweig am Weißen Ross von einem amerikanischen Posten angehalten und gefragt wurde, wohin er wolle, war er schockiert. Er notierte in seinem Amtskalender: „Sonnabend 14. April. Am Weißen Ross von amerikanischen Posten angehalten. Ein Deutscher muss einen Amerikaner fragen, ob er in die Stadt gehen dürfe. Welche Schmach!“ [42]

Das war nicht nur im Braunschweigischen so. Der Münsterer Bischof v. Galen hatte seine Gemeinde dazu aufgerufen, sich in dieser dunklen Zeit ihres Deutschtums besonders bewusst zu sein und die Besatzer als Feinde zu betrachten. Thomas Mann hatte im Braunschweiger Boten vor dieser Tendenz gewarnt. „Deutschland wird auf Jahre hin verwaltet, die Befreier mussten von außen kommen, sie müssen es verwalten. Betrachtet sie nun wenigstens nicht, wie der Bischof Galen es euch vormacht, als eure „Feinde“. Fühlt euch selbst nicht, wie dieser unbelehrte Geistliche, „in erster Linie als Deutsche“, sondern als Menschen, der Menschheit zurückgegeben, die nach 12 Jahren Hitler wieder Menschen sein wollen“.[43]

Dieses nationale Aufbäumen war eine Reaktion auf die Tatsache, dass das Deutsche Reich nicht nur militärisch besiegt worden, sondern auch politisch vollständig entmachtet war. So sehr die Niederlage erwartet war, so wenig die politische Entmachtung und Entmündigung. Anders schien den Alliierten jedoch eine Trennung von der bisherigen nationalsozialistischen Führungsschicht nicht möglich. Die Deutschen sollten sich also von Hitler trennen, der schon zu Lebzeiten für die meisten zu einem Mythus geworden war.

 

Entmythisierung Hitlers durch die Hitlerbiografie Konrad Heidens 1936

Wer war Hitler? „Vor der Geschichte, vor den Völkern der Welt, und vor seinem eigenen Volke wird sein Name für immer verbunden sein mit der Entfesselung der bösesten Instinkte menschlichen Wesens“, lautete das Fazit eines Kommentars im Braunschweiger Boten zur Nachricht vom Tod des „Führers“.[44] Das sollte eine wachrüttelnde Bemerkung für die sein, die ihm die „Gefolgschaft“ nicht aufkündigen mochten aus „Treue“ oder Verblendung. Aber die für sie niederschmetternde Beschreibung Hitlers förderte nicht die Akzeptanz der Niederlage und eine Ablehnung Hitlers. Viele Deutsche ließen sich ihr positives Hitlerbild durch die Niederlage nicht beeinträchtigen, sondern pflegten positive Erinnerungen an ihre Hitlerzeit. Der Tod des „Führers“ verhinderte nicht das Weiterbestehen des von ihnen gepflegten Mythus, eher befestigte er ihn.

War es nur die Fortführung einer jahrelangen Gewohnheit, dass auch nach Tod und Niederlage die Braunschweiger in der Öffentlichkeit weiterhin mit „Heil Hitler“ grüßten? Von sich aus verzichteten die meisten offenbar nicht auf diese Beschwörung der Gegenwärtigkeit Hitlers. Erst durch die alliierte Gesetzgebung wurde der Hitlergruß verboten und im Braunschweiger Boten am 1. Juni bekannt gegeben.[45]

Zur Antwort auf die Frage „Wer war Hitler?“ erschien in zwei Folgen des Braunschweiger Boten eine vorzügliche Kurzbiografie von Konrad Heiden unter dem Titel „Hitler – ein Porträt“. Heiden beschrieb ausführlich vor allem die persönlich kümmerlichen biografischen Anfänge Hitlers aus den Jahren vor und nach dem 1. Weltkrieg.[46]  „Als Mensch mit Privatleben und Beruf war er in normalen Zeiten gescheitert, als Politiker und Agitator wuchs er im anfänglichen Zerfall Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg erstaunlich rasch.“ Hitler habe das Glück gehabt, dass zur Zeit seines Regierungsantritts in der ganzen Welt die Wirtschaftskrise einer Wirtschaftsblüte wich. Heiden rückte damit die beliebte Redensart zurecht, dass Hitler die Arbeitslosigkeit beseitigt habe. Die Zustände in Deutschland charakterisierte Heiden folgendermaßen: „Das Leben, das Deutschland nun führen muss, ist entsetzlich. Aber nicht minder entsetzlich ist die moralische Oede und Ausgestoßenheit, in der das deutsche Volk sich heute befindet, abgesondert, gehasst und verachtet von den andern Nationen. Der verlorene Tote unter den Trümmern von Berlin war es, der sein Volk in diese Wildnis hinausstieß.“

Konrad Heiden, der schon 1933 den Aufstieg des Nationalsozialismus beschrieben hatte (siehe Kapitel 2) war 1933 emigriert, zunächst ins Saarland, dann nach Frankreich und schließlich in die USA. 1936/37 hatte er die erste zweibändige, in Zürich verlegte Hitlerbiografie veröffentlicht. 1948 stellte die Braunschweiger Stadtbibliothek ein Exemplar ein, das aus den amerikanischen Armeebeständen stammte. Wer jung und wissensdurstig war, griff zu dieser Hitlerbiografie.[47] Ernst August Roloff, 21 Jährig, „verschlang“ sie, berichtet er und vermutlich alle, die durch saubere, unvoreingenommene Auswertung der zugänglichen  Quellen eine Darstellung ihres „Führers“ lasen, „wie er wirklich war und wie alles wurde“.  Es bewahrheitete sich, was schon Lessing vorgemacht hatte, dass durch gründliche historische Kritik der Mythus in Frage gestellt wird.

 

Worin bestand die Entmythisierung Hitlers? Heiden holte Hitler von seinem kolossalen Führersockel herunter und schilderte ihn als einen „durch die Irrungen seiner Jugend gestörte(n) Charakter“ mit  zentnerschweren Minderwertigkeitsgefühle(n), die nur durch ständige Anerkennung und Bestätigung wieder ins Gleichgewicht kamen. [48]  Heiden diagnostizierte eine reine Spaltung der Persönlichkeit, in eine Privatperson und den Führer.[49] Als Privatperson gab sich Hitler als Filmfreund, der in der Reichskanzlei abends ein, zwei Filme ansah, der in Operettenmusik und Bauplänen schwelgte. Hitler aber, der vor dem Reichsgericht erklärte, „es werden Köpfe rollen“, markierte den Führer. „Hitler ist ein Kind der Einsamkeit, der Führer ist ein Kind der Masse.“ „Dieses Auseinandertreten der Persönlichkeit gibt der Gestalt die magnetische Spannung , die beim bloßen Anblick Hitlers mit Recht so unbegreiflich erscheint. Man erlebt die Verwandlung eines unbedeutenden Menschen  in einen bedeutenden.“[50]  „Diese tief zerrissene, gegen sich selbst schwache und misstrauische  Natur hat trotzdem eine ungeheure Leistung vollbracht. Adolf Hitler hat das deutsche Volk unterworfen und jene Macht erworben, die das beruhigendste und niederschlagendste Mittel für alle Zweifel ist.“[51]

Eine ähnliche Diagnose einer schizophrenen Persönlichkeit stellte 1946 der ehemaliger Chef der Berliner Psychiatrie an der Charite, Karl Bonhoeffer, fest. In seiner Abhandlung „Führerpersönlichkeit und Massenwahn“ aus dem Jahr 1947 schrieb Karl Bonhoeffer: „Die Entscheidung ob man es mit einem ethisch Defekten, fanatischen und pseudologischen Psychopathen oder mit einem aus dem Umkreis des Schizophrenen Kommenden wirklich  wahnhaften Paranoiden zu tun hat, muss bis zur Aufdeckung weiteren Materials offen bleiben.“[52] Offenbar kannte Bonhoeffer die Biografie von Heiden nicht, obwohl sein bekannter Sohn, der Theologe Dietrich Bonhoeffer, wiederholt in der Schweiz gewesen war.

Heiden stellte außerdem eine innere Verwandtschaft zwischen der deutschen Bevölkerung und Hitler fest. „Die moralische Verfassung des im Weltkrieg geschlagenen Deutschlands und des am Beginn des Lebens gescheiterten Hitler sind nahe verwandt. Beide Male das Verlangen  nach einer Ideologie der Rechtfertigung,...ein gescheiterter Mann und ein gescheitertes Volk verbinden sich. Hitlers Ehrgeiz ist der Ehrgeiz des deutschen Volkes“.[53] Auch Bonhoeffer verwies auf eine solche eigenartige Wechselbeziehung zwischen psychopathischer Führerpersönlichkeit und psychischer Masseninfektion.[54] Diese Beobachtungen zu „Hitler und die Deutschen“ lösten Hitler aus einer isolierten Betrachtung und bezogen den jugendlichen Leser mit ein und konnten ihm seine eigene Befangenheit und Beteiligung am nationalsozialistischen System erklären. Viele Jahrzehnte später erst nahmen andere Historiker diese Spur auf. [55]

Es war ein glücklicher Zufall, dass Konrad Heiden schon 1945 den Braunschweigern durch seine Kurzbiografie Hitlers bekannt wurde und ihr die bisher erschienenen Werke Konrad Heidens genannt wurden. Die Lektüre von Heidens Hitlerbiografie war der Beginn der Entmythisierung Hitlers. Auf ihr fußen alle späteren Hitlerbiografien.

Günter Gaus erwähnt die Hitlerbiografie Heidens in seinen Memoiren nicht, aber ein großes rotes Plakat, das die Engländer im Sommer 1945 in Braunschweig anbrachten mit der Darstellung von toten KZ Häftlingen in gestreifter Kleidung aus dem KZ Bergen-Belsen,[56] war für Gaus der Beginn seines Lebensromans, die Anfänge seiner Identitätsfindung, das Ende von der Wahnvorstellung von der natürlichen Überlegenheit der Deutschen, den Glauben an ihre gerechte Sache, an ihre gottgewollte, historisch unausweichliche und auch gebotene Herrschaft über andere. „Die militärische Niederlage hätte mich von solchen Wahnvorstellungen wohl nicht endgültig kuriert.“[57]  Diese beginnenden Zweifel habe er gegen wütende Vorhaltungen anderer verteidigen müssen. Gaus war 1945 ein sechszehnjähriger Braunschweiger.

 

Die gescheiterte Entnazifizierung oder die sog. „Selbstreinigung“ der Kirche [58]

In dem farbenprächtigen Herbst 1945 erhielten die Pfarrer Post von der englischen Besatzungsbehörde, die sie nach ihrem politischen Vorleben ausfragte. Die berüchtigten Fragebögen fragten nach der Mitgliedschaft in den Naziorganisationen und der Zugehörigkeit zu den Deutschen Christen, ab wann und wie lange. Viele waren im Mai 1933 in die Partei eingetreten, einige auch für kurze Zeit bei der SA.

Die Entnazifizierung dachten sich die Alliierten als ein umfassendes pädagogisches Programm, das sie in ihren Besatzungszonen unterschiedlich durchführten. Die Alliierten gingen von der richtigen Voraussetzung aus, dass die deutsche Bevölkerung zum großen Teil nazibegeistert gewesen war und nun vor ihrer Demokratisierung entnazifiziert werden mussten. Das klang nach Grundreinigung, Entgiftung eines gedanklich und ideologisch verseuchten Bodens, als eine Art Bodenaustausch. Nicht selten meldeten die überlebenden Anhänger von linken Gruppen bei der Besatzungsmacht die besonders belasteten Parteianhänger.[59] Auf Grund einer solchen Denunziation wurde Pfarrer Johannes Schlott in Lehndorf Siedlung verhaftet und interniert, aber nach wenigen Wochen wieder entlassen. Wen konnte es noch treffen, fragten sich nicht wenige. Das aktive Kirchenvorstandsmitglied der Magnikirchengemeinde Dr. Walter Lerche wurde aus dem Justizdienst entlassen, weil er einige Jahre Vorsitzender des Braunschweiger Sondergerichtes gewesen war. Sein kirchliches Engagement bewahrte ihn nicht vor der Entlassung. Es lag eine Mischung aus Hilflosigkeit und Ungewissheit über der Bevölkerung.

Es traf die Pfarrerschaft zu einem unerwarteten Zeitpunkt. Die Kirchen in der Propstei hatten ihre Arbeit ungehindert aufgenommen. Gottesdienste und Amtshandlungen wurden vollzogen. Den Kirchen war das Wohlwollen der Besatzungsmächte zugesagt.

Es entwickelte sich daher unter der Pfarrerschaft rasch ein Gefühl von Trotzigkeit, sich diese Behandlung nicht gefallen zu lassen. Sie wurde authentisch in Bemerkungen von Pfarrer Max Wedemeyer[60], dem späteren Pfarrer an St. Jakobi, die er seinem Entnazifizierungsbogen unter dem Datum des 1. September 1945 hinzufügte: „Der Deutsche-Christen-Bewegung (die übrigens 1933/34 fast die gesamte deutsche Kirche repräsentierte, mit der Absicht, den Nationalsozialismus christlich umzuformen und die erst später nach Misslingen dieser Absicht entartete) gehörte ich als Student in Göttingen 1933/34 durch meine theologische Verbindung korporativ in dem „Studentenbund Deutsche Christen“ an, der bereits  1934 wegen seiner Kritik an der nationalsozialistischen  Weltanschauung aufgelöst und verboten wurde. Da die Kirche, wie fast überall, auch in meiner Gemeinde Bornum der einzige Ort eines weltanschaulichen Widerstandes war und sein musste, überdies die Führung der Partei auch wohl wusste, dass sich die Gemeindeglieder beim Pfarramt als einziger Stelle frei und ungestraft auch politisch aussprechen konnten, war ich selbstverständlich  (wie auch meiner vorgesetzten Behörde bekannt ist)  gleich den meisten Amtsbrüdern vielen amtlichen und persönlichen Schikanen durch die Partei ausgesetzt.“[61]

Drei Hauptgedanken aus dieser Erklärung wurden für das Verständnis der jüngsten Kirchengeschichte in unserer Landeskirche typisch. „Überall“ war die Kirche ein Ort des Widerstandes und der Zufluchtsort für eine ungezwungene Aussprache (1).  Die meisten Amtsbrüder waren Opfer der Schikanen der Partei (2).  Die Deutschen Christen beherrschten 1933/34 die Deutsche Ev. Kirche. (3). Wedemeyer erklärte auch den Grund: die DC hätten die respektable Absicht gehabt, den Nationalsozialismus „umzuformen“. Wer also 1933/1934 den Deutschen Christen angehört hatte, sollte eher respektiert als verurteilt werden.

Diese drei Behauptungen sind in ihren Verallgemeinerungen leichfertig und falsch. Auffällig ist an der dritten Behauptung, dass für Wedemeyer der Pfarrernotbund, dem im November 1933 7.000 Pfarrer in der Deutschen Evangelischen Kirche angehört hatten, die Bekennende Kirche überhaupt nicht existierte. Wedemeyers drei Hauptgedanken waren Erdichtungen einer idealen Widerstandskirche mit Opferrolle im „Dritten Reich“ und einer „Amtsstube“ als Idylle besorgter und politisch gekränkter Seelen; außerdem ein Entlastungsschein für Deutsche Christen des ersten Jahres, wie z.B. Martin Erdmann, dem späteren Bischof der Landeskirche. Wedemeyers außerordentlich kurze Pfarrerszeit – er war seit 1938 in Bornum Pfarrer gewesen, bevor er eingezogen und 1944 krank entlassen wurde - machte seine Aussagen über Widerstand, Deutsche Christen und Schikanen der Partei unglaubwürdig und vermittelt einen Geschmack von Großspurigkeit. Wedemeyer dichtete gern, schon damals veröffentlichte er gefühlvolle Erzählungen für die christliche Gartenlaube.

Wedemeyer stand mit dieser Ansicht keineswegs allein. Seine Nachbarpfarrer in der Propstei

Königslutter unterzeichneten eine längere Entschließung und schickten sie wenige Tage später an das Landeskirchenamt. Sie enthielt fast gleichlautende Formulierungen eben dieser verderblichen Behauptung vom angeblichen Widerstand der Kirche und von den Schikanen, denen die Kirche ausgesetzt gewesen sei. „Wenn irgendwo gegen diese unheilvolle Entwicklung  klarer Widerstand geleistet wurde, dann in der Kirche und von ihren Pfarrern. Und dass dieser Widerstand nicht vereinzelt oder wirkungslos, sondern wirklich auf den Zentralpunkt gerichtet war, zeigt die Welle des Hasses, die – immer höher anschwellend – die ganze Kirche, jede Gemeinde und vor allem jeden einzelnen Pfarrer umbrandete“. Diese unheilvolle Entwicklung habe schon bald nach der Machtübernahme als „Entthronung Gottes, Seiner Ordnungen und Seiner Gebote“ eingesetzt.[62]  Pollmann nennt in seinem Aufsatz über die Entnazifizierung  in der Landeskirche diese Erklärung eine „für die Einstellung der Pfarrerschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit so aufschlussreiche“. Die Erklärung fügte gegenüber der ersten Erklärung Wedemeyers noch die vom antikirchlichen, gottlosen Nationalsozialismus hinzu, von denen in den Gemeindebriefen jener Zeit noch nichts zu lesen gewesen war.

Diese Erklärung war als Antwort auf die Entnazifizierungsfragebogen gedacht. Eine Entnazifizierung in der Landeskirche erwies sich für sie demnach als ein grundlegendes Missverständnis der Besatzungsbehörde über die eigentliche Haltung der Landeskirche im „Dritten Reich“ und als eine Zumutung. Wedemeyer, der der erste Pressesprecher der Landeskirche und später zum Oberlandeskirchenrat gewählt wurde, verbreitete in diesen Ämtern  unentwegt seine geschichtsverfälschenden Ansichten. Wie eine breite, undurchdringliche Schicht legte sich dieses Geschichtsbild auf das Bewusstsein von zwei Braunschweiger Pfarrergenerationen, Väter, Söhne und Töchter.

Der Stuttgarter Schulderklärung, die 14 Tage später veröffentlicht wurde, musste die Braunschweiger Pfarrerschaft völlig verständnislos begegnen.[63] Darin hieß es: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden“. Man befinde sich mit dem deutschen Volk „in einer Solidarität der Schuld“. Die Erklärung war von den Spitzen der neu gebildeten Evangelischen Kirche in Deutschland unterzeichnet, so von dem bekannten Berliner Bischof Otto Dibelius, dem späteren Hannoverschen Bischof Hanns Lilje, dem bayrischen Bischof Hans Meiser, von Gustav Heinemann und Pfarrer Martin Niemöller, der sieben Jahre lang im KZ gesessen hatte. Diese Erklärung prallte an der deutschen Bevölkerung, aber auch an den evangelischen Kirchengemeinden völlig ab. Sie widersprach der Erfahrung, die sie gemacht hatten. Diese lautete im Herbst 1945: Nicht „durch uns“, sondern „über uns“ ist unendliches Leid gekommen. [64]  Katharinenpfarrer Stange kommentierte die Reisen, die Niemöller unternahm, um in Kirchen und Hörsälen die Stuttgarter Erklärung zu erläutern, es dürfe jetzt bei der Jugend nichts falsch gemacht und „nicht noch mehr verbaut werden, als es Niemöller durch seine merkwürdigen Reden fortlaufend tut.“ [65] 

 

Kategorisierung der Pfarrerschaft

In der Landeskirche wurde die Entnazifizierung von einer Entnazifizierungskommission durchgeführt, die vom Pfarrer Hans Buttler[66] in Alvesse geleitet wurde, der wegen einer beiläufigen Bemerkung sieben Jahre lang im KZ Dachau gesessen hatte. Zum Quellenbestand im Landeskirchlichen Archiv stellt Hans Erich Pollmann in seiner grundlegenden Darstellung vornehm fest, dass die Einzelfälle „sehr unterschiedlich dokumentiert“ seien. Ein Teil der Unterlagen sei bei der  Rückgabe aus der Hand der Militärregierung an die Spruchkammer verloren gegangen, „außerdem ist der Bestand nachträglich im Landeskirchenamt umgeordnet worden, was die Nachprüfung seiner Vollständigkeit erheblich erschwert.“[67]  Die Pfarrer wurden in die Kategorien V: entlastet, IV: nominelle Naziunterstützer und III: eifrige Naziunterstützer eingeteilt. Nur die Kategorie III hatte ernste berufliche und persönliche Konsequenzen. Alle Parteimitglieder und DC Mitglieder wurden automatisch  in die Kategorie IV eingereiht. Das traf für eine Reihe von Braunschweiger Pfarrern zu, die sich teilweise dagegen wehrten und in die Kategorie „entlastet“ eingereiht zu werden wünschten. Aber die Ergebnisse der Entnazifizierungskommission wurden nicht veröffentlicht, der pfarramtliche Betrieb konnte wie bisher weitergehen. Kategorie IV ging gegen die „Berufsehre“, und vor allem gegen das nach außen getragene aufgeblähte Bewusstsein vom Widerstand.

Während die Entnazifizierungskommission nach den Richtlinien der Alliierten die Pfarrerschaft nach Partei- und DC - Zugehörigkeit beurteilte, war für Otto Jürgens die Predigt das entscheidende Kriteríum. Als er im Laufe des Entnazifizierungsverfahrens nach seiner Einschätzung des Kollegen Walter Staats gefragt wurde, erwiderte er: „Natürlich hat er (Staats) wie wir alle mit wenigen Ausnahmen nicht nazistisch gepredigt“.[68]  Waren für Jürgens die Pfarrer Schlott, v. Wernsdorff und Koenig die „wenigen Ausnahmen“ in der Stadt gewesen? Was war aus ihnen geworden? Schlott war kurzfristig interniert worden und wurde vom Landeskirchenamt gedrängt, seine Pensionierung einzureichen. Schlott wurde im Oktober 1945 67 Jahre alt und konnte sich „ohne Gesichtsverlust“ pensionieren lassen. Schlott wollte aber nicht, amüsierte sich vielmehr über die große Zahl derer, die nun alles abstritten und vergessen hatten. Schlott blieb sich ideologisch treu, richtiger wohl: uneinsichtig, blieb sogar in der Gemeinde bis kurz vor seinem Tode wohnen. v. Wernsdorff wurde in die Kategorie III („Förderer des Nationalsozialismus“ eingestuft), was Entlassung und Sperrung des Kontos bedeutete. Später wurde seine Kategorisierung III zwar mit der Begründung seiner „schweren politischen Belastung als führender Deutscher Christ in der Stadt Braunschweig“ [69] bestätigt, aber eine Beschäftigung zugelassen. Er war für einige Monate nach Frankreich als Pfarrer bei den deutschen Kriegsgefangenen abgeordnet, kehrte aber im selben Jahr noch in seine Dorfgemeinde Gr. Biewende zurück und kehrte Anfang der 50er Jahre sogar nach Braunschweig und zwar an die Michaeliskirche zurück. Eine Entnazifizierungsakte von Pfarrer Koenig liegt nicht vor. Die Strategie des Landeskirchenamtes während der Verfahren war es, durch Versetzung die belasteten Pfarrer weiter zu beschäftigen. Die davon betroffenen Kirchengemeinden waren dabei nicht im Blick. Es hätte auch ein Kolloquium oder ein Lehrgespräch nahe gelegen, z.B. über die systemstabilisierenden Predigten während des Krieges von Henneberger und Herdieckerhoff? Waren die oben zitierten Gebete zu allen Kirchenjahreszeiten und für die Wehrmachtsteile schon so verinnerlicht und dem Zeitgefühl angepasst, dass sie selbstverständlich und alltäglich geworden waren und keine Fragen, auch nicht später, aufwarfen? War die Vereidigung auf die Person Hitler und seine Gesetze am 20. April 1938 mit dem Tod Hitlers erledigt, obwohl zahllose Gesetze weiterbestanden? Es ist schwer einzuschätzen, ob diese Fragen gar nicht gestellt wurden, oder verdrängt wurden oder ein uneingestandenes schlechtes Gewissen der Kirche den Mund verschloss. Was bedeutete es für die Glaubwürdigkeit der Kirche, wenn sie sonntags die Erlösung der Welt predigte, aber alltags verstummte über der viel geringeren Frage der eigenen Mitverantwortung und Miteinbindung in das Unrechtssystem des  nationalsozialistischen Braunschweig?

12 Jahre nach 12 Jahren Hitlerzeit schrieb Hans Zehrer in der „Welt“ über jene Generation: „Sie trägt die Geschichte, die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, in sich und mit sich herum und ihr Leben und ihr Wesen kann nur erlöst werden, wenn diese Geschichte zugleich erlöst, das heißt aufgearbeitet, gedeutet und auf ihren Sinn hin untersucht wird. Diese Generation trägt den Schlüssel mit sich herum,  der die Türen aufschließt, die in den Hintergrund und Untergrund der Geschichte führen. Aber sie hat ihn tief in den Falten ihres Wesens vergraben. Denn der Schlüssel schließt nur, wenn man zuvor durch das Joch der eigenen Schuld gegangen ist.“[70]

 

Der Abschied von Propst Hans Leistikow     

Propst Leistikow verabschiedete sich im Gottesdienst am 28. Oktober 1945 von seiner Martin Luther Gemeinde und führte zugleich als seinen Nachfolger seinen Bekannten und Freund Pfarrer Hans Damrow ein, der aus seiner Königsberger Gemeinde geflüchtet war.[71] Leistikow sprach in seiner Predigt etwas geheimnisvoll davon, dass er „hinausgesetzt“ werde, aber er zerstreute alle politischen Bedenken, indem er hinzufügte, er werde von Gott selber aus dieser Arbeit herausgeführt.[72] 

Leistikow ging formell aus Krankheitsgründen in die Dorfgemeinde Semmenstedt, war jedoch wegen des Konzeptes des strukturellen, partnerschaftlichen Nebeneinanders von Propstei und Nationalsozialisten aus der Sicht der Besatzungsmächte auf die Dauer als Propst nicht haltbar. Die Gemeinde hätte ihn sehr gerne behalten.

Leistikow  hinterließ der Gemeinde folgendes interessante Projekt. Leistikow war in den letzten Jahren wiederholt gesundheitlich schwer erkrankt und hatte 1941 sogar das Landeskirchenamt gebeten, ihn vom Propstamt abzulösen. Leistikow erlebte eine gesundheitliche Wende durch den Aufenthalt in der Kurklinik von Rudolf Jost bei Stapelburg im Harz. Dort hatten Vater und Sohn Just auf einem großen Gelände eine Kurklinik auf Naturheilkundebasis errichtet und nach den Prinzipien Luft, Wasser, Licht und Lehm ein Kurkonzept entwickelt, das in ganz Deutschland bekannt wurde und von Kurgästen überlaufen war. Nach dem Kriege wurde die ganze Anlage mit seinen Häusern und Gartenanlagen von den Grenztruppen der DDR abgerissen, weil es im Sperrgebiet lag. Leistikow plante nun seit Mai 1945 eine Art Gesundheitshaus auf dem Gelände seiner Martin Luther Gemeinde, das nach ähnlichen Prinzipien arbeiten sollte. Es genüge nicht, den Menschen seelisch zu gesunden, sondern dieser müsse auch lernen können, durch Umstellung seiner Lebens- und Essgewohnheiten körperlich wieder fit zu werden. Leistikow stellte dieses Projekt seiner Gemeinde vor, und diese war davon so begeistert, dass innerhalb weniger Wochen 80.000 RM gesammelt worden waren. Mit dem Weggang von Leistikow aus Braunschweig versandete dieses Vorhaben, zumal die Währungsreform die angesparte Summe zusammenschmelzen ließ.  Nicht auszudenken, wenn die Propstei Braunschweig heutzutage über eine eingespielte Kurklinik mit dem Konzept einer ganzheitlichen Leib/Seelsorge verfügen könnte.[73]

 

Propst Otto Jürgens

Johannispfarrer Otto Jürgens wurde Anfang 1946 Leistikows Nachfolger im Propstamt, obwohl er wie Leistikow das Konzept der kirchlichen Mitte mit der Mehrheit der Braunschweiger Pfarrer verfolgt hatte. Da Jürgens aber kein leitendes Amt bekleidet hatte, blieben seine Parteimitgliedschaft, die Kandidatur für die Deutschen Christen 1933 und eben späterhin die strukturelle Einbindung in den Nationalsozialismus als Konzept der kirchlichen Mitte ohne Folgen. Jürgens war weit und breit unter den Braunschweiger Stadtpfarrern auch der einzige, der für dieses Amt in Frage kam. Er war gebürtiger Braunschweiger, 1945 50 Jahre alt, hatte als einzige Pfarrstelle seit 20 Jahren die von Johannis innegehabt; er kannte die Stadt und ihre Kirchen und ihre jüngste Vergangenheit. Außerdem ging für ihn mit dem Propstamt ein persönlicher Wunsch in Erfüllung, das er sich schon 1933 erhofft hatte, jedoch Wagner gewählt worden war und dann noch einmal 1935, aber Leistikow gewählt worden war. Nun war es endlich so weit für Otto Jürgens. Außerdem verstand er sich gut mit dem Personalreferenten OLKR Röpke, der sich in der Kirchenbehörde trotz allerlei politischer Belastungen behaupten konnte. Das waren ideale Voraussetzungen für Erwerb und Ausübung des Braunschweiger Propstamtes. Theologisch fühlte sich Otto Jürgens bis 1933 den Liberalen verbunden, verfasste auch manche Artikel in deren Zeitschrift „Der Freie Christenglaube“, war aber nach 1945 in das Lager der gemäßigten Lutheraner hinübergeschwenkt und vertrat die Landeskirche auch in der Synode der Vereinigten Ev. Luth. Kirche (VELKD).[74]

Die Verwaltungsstelle der Propstei, das Stadtkirchenamt in der Adolfstraße lag ganz in der Nähe des Dienstzimmers in der Johanniskirche. Otto Jürgens fasste die Reorganisation der Geschäfte in der Propstei energisch an. Schon zum Sommer 1946 wurde erstmals seit neun Jahren wieder ein Stadtkirchentag einberufen. Dazu sandten die Gemeinden außer den Pfarrern zwei Abgeordnete, die großen Innenstadtgemeinden Johannis, Magni, Michaelis vier und die sehr große Pauligemeinde sechs Abgeordnete. In der Sitzung am 12. Juli 1946 wurden zum Vorsitzenden des Stadtkirchentages Dr. Vermeil und Pfarrer Wilhelm Freise gewählt sowie die Mitglieder des Stadtkirchenausschusses, dessen Vorsitz Propst Jürgens übernahm. Am 30. April und 28. Oktober 1947 folgten die nächsten nunmehr turnusmäßigen Tagungen des Stadtkirchentages mit den üblichen Regularien, wie Berichten und Anträgen.

 

Die nächsten Probleme

Ein Blick auf die Konfessionsstatistik jener Zeit signalisiert folgende Fragestellungen: die Stadtbevölkerung war seit 1939 um 7.000 Personen gesunken. Sie betrug 1939 189.628 Personen und 1946 182. 062. Sie schwoll aber bis 1950 auf 223.760 Personen an, was die enorme Wohnungsnot in der Stadt andeutet. Entsprechend war der Anteil der evangelischen Bevölkerung im selben Zeitraum um 5.000 Gemeindemitglieder gesunken. Sie betrug 1939 135.110 und 1946 129.811 Gemeindemitglieder, stieg aber bis 1950 auf 150.378 Gemeindemitglieder. Die Vermehrung um ca 20.000 Mitglieder bedeutete eine erhebliche Zunahme der Gemeindemitgliederzahlen in den einzelnen Gemeinden, vor allem am Rande der Stadt und erklärt die Zunahme z.B. der Taufzahlen. Sie entsprach der Anzahl der in Braunschweig nun niedergelassenen evangelischen Flüchtlinge.[75] Der prozentuale Anteil an der Gesamtbevölkerung sank aber von 71,3 % (1933 und 1946) auf 67,2 %.[76]

Dagegen war die Anzahl der katholischen Gemeindemitglieder von 15.281 im Jahr 1939 und 21.559 1946 auf 30.671 Mitglieder 1950 gestiegen. Damit stellte sich die Frage, ob und wie eine vernünftige und geistliche Nachbarschaft zwischen beiden Kirchen gestaltet werden könnte. Ein anderes Miteinander erschien statistisch noch dringlicher. Es gab 1950 sehr viel mehr Dissidenten in der Stadt als Katholiken, nämlich 42.666 Dissidenten. Ihr prozentualer Anteil von 19,1 % übertraf den des katholischen Bevölkerungsanteils, der 13,7 % betrug. Wie also würde sich das Verhältnis der evangelischen Stadtpfarrerschaft zu der erheblichen Gruppe der Dissidenten gestalten. Warteten beide Kirchen in der Hoffnung auf ein christliches Westdeutschland, womöglich christliches Westeuropa auf eine „reumütige“ Rückkehr? Sollten sich die Illusionen des Jahres 1933 wiederholen, die von einem Deutschland des positiven Christentums träumten?



 



[1] Klaus Erich Pollmann (Hg) Der schwierige Weg in die Nachkriegszeit Die Evangelisch-lutherische Landeskirche in Braunschweig 1945-1950  Göttingen 1994; Gudrun Fiedler Nicht mehr Land und doch Region Landesgeschichte S. 119 ff; Reinhard Bein /Berhardine Vogel Nachkriegszeit Materialien zur Landesgeschichte Braunschweig 1995; Albrecht Lein Antifaschistische Aktion 1945 Göttingen 1978; Kuessner Überblick Die Nachkriegszeit S. 123 ff;

[2] Kirchenchronik Martin Luther Gemeinde Predigt vom 28.10.1945 S. 63

[3] ebd S. 65

[4] Bernhard Mewes Die Lebensverhältnisse in Braunschweig nach dem Kriege Braunschweig 1948 S.22 Außerdem waren 13 Geschäftsräume, 21 öffentliche Gebäude und Kasernen, 21 Hotels, Gaststätten und Kinos beschlagnahmt.

[5] Thomas F.W. Niemeyer Flüchtlinge in der Stadt Braunschweig 1945-1948 Braunschweig 1989 S. 50 ff; zum Verhältnis Flüchtlinge und Landeskirche Martin Grubert Die Eingliederung der Vertriebenen in der Braunschweigischen Landeskirche  in: Pollmann (Hg) Der schwierige Weg in die Nachkriegszeit S. 169-234

[6] Braunschweig in der Statistik 1950 S. 135

[7] ebd. S. 120 ??

[8] Gaus Widersprüche 66

[9] ebd S. 126; die Zahl der in den Lagern untergebrachten Ausländern sank 1946 auf 9.298 Personen; 1947 auf 8.8.53; 1948 auf 5.459 Personen.

[10] Braunschweiger Bote  4.5.1945

[11] Braunschweiger Bote 11.5. 1945

[12]  Braunschweiger Bote 1.6.1945

[13] Braunschweiger Bote 8.6.1945

[14] Klaus Scholder „Ein Requiem für Hitler“, erstmals gekürzt in Frankfurter Allgemeine Zeitung 25.10.1980, vollständig in Karl Otmar von Aretin und Gerhard Besier (Hg)  Klaus Scholder Die Kirchen zwischen Republik und Gewaltherrschaft Berlin 1988 S. 228 ff. 1942 hatte Hitler dem Kardinal auf dessen Glückwunsch zum Geburtstag erwidert: „Ich habe kein anderes Interesse, als dass Staat und Kirche im besten Einvernehmen alles das tun, was zur Überwindung der Schwierigkeiten der Kriegszeit dient.“ 1943 erwiderte Hitler: „Sie können sicher sein, Herr Kardinal, dass Ihre Anliegen immer mit besonderer Dringlichkeit geprüft werden.“ Den letzte Brief an Bertram vom 13. Juli 1944 schloss Hitler handschriftlich mit: „In aufrichtiger Verehrung Ihr Adolf Hitler“. (S. 235)

[15] Hans Joachim Schmidt (1912-1987) Pfarrer an der Magnikirche1940-1962, danach Pfarrer an der Marktkirche, Goslar, emeritiert  1978.

[16] Otto Dietz (1899-1979) Pfarrer in Jakobi 1936-1945; in Wendhausen 1946-1964, Propst  1964 emeritiert;

[17] Kirchenchronik St. Georg 1936-1953 o.S.

[18] 1946: 232 Taufen, 1947: 238; 1948: 252; 1949: 235 Taufen.

[19] 1946: 255 Taufen, 1947: 255 Taufen, 1948: 249 Taufen.

[20] Hans Joachim Schmidt Meine Magnizeit (1940-1962) in: Magnifestschrift 1982 S. 142

[21] Briefwechsel Auler-Seebaß und Seebaß Ellinor Dohrn in  LAW G 106/2

[22] Ellinor Dohrn an Propst Leistikow am 30. Juli 1945 in Nachlass Dohrn bei Elisabeth Reiss

[23] Propstei Braunschweig  Taufregister der Andreasgemeinde

[24] alle Veranstaltungen nach den Einladungen aus LAW E FH 139

[25] Käthe Hattensauer Bahnhofmission Braunschweig Bote für die evangelische Frau Juni 1985 S. 10

[26] (ebd)

[27] Für die Stadt wurde für 1946 6 Kindergärten für 340 Kinder und 1947 8 Kindergärten für 450 Kinder gemeldet. Verwaltungsbericht der Stadt Braunschweig 1948 S. 118.

[28] Löffelsend 73 ff

[29] Arbeitsbericht des evangelischen Jugendwartes Hermann Kolb nach dem Stande vom 1. Juli in Akte Religionsunterricht, Jugendarbeit, Kindergottesdienst in der Propstei Braunschweig. Aus dieser Akte wird auch im Folgenden zitiert.

[30] Jürgens an das Kreisjugendamt 29. Juni 1946 in ebd

[31] Stand der Mädchenarbeit in der Stadt Braunschweig im Dezember 1946 in ebd

[32] Bericht Stange an das Stadtkirchenamt 10. Juni 1947 in ebd

[33] Arbeitsbericht für die Zeit 1. April – 31. Juni 1945 in ebd

 

[34] Bericht  Ev. Gemeindejugendarbeit 14.5.1946 an Propst Jürgens in ebd

[35] Evangelische Jugend Braunschweig.  Von der Arbeit gerade in den Bunkern berichtete Annemarie Spennhof in einem Schreiben vom 13.3.1948 an  den Präsidenten des Verwaltungsbezirkes Schlebusch, der beim Jugendkreistag „zur Rettung der Jugend in den Bunkern“ aufgerufen hatte

 

[36] Bericht über die Ev. Jugendarbeit Oktober 1945 in ebd.

[37] Mewes 31

[38]  ebd

[39] LAW Stadtkirchenverband Braunschweig acc 7/94. Nr. 9. die Zahlen hatte Herr Simon für Propst Jürgens zur Errichtung einer Patenschaft mit einer anglikanischen Kirchengemeinde am 21. Juni 1947v erstellt und daher manche Zahlen möglicherweise etwas überhöht

 

[40] 200 Jahre katholische Kirche 13

[41] ebd 15

[42] Kuessner Überblick 124

[43] Braunschweiger Bote 11. Mai 1945

[44] Braunschweiger Bote 1. April 1945

[45] Braunschweiger Bote 1. Juni 1945 Kein Hitler-Gruss

[46] Braunschweiger Bote 25.Mai und 1. Juni 1945

[47] Heiden gliedert seine 460 Seiten umfangreiche Hitlerbiografie von 1935, die mit dem Sommer 1934 endet, in drei Teile.  Im ersten Teil (S. 1-63) unter dem Titel „Zum Menschen untauglich“ schilderte Heiden die Zeit bis zum Ende des Weltkrieges. „Ein früh Gescheiterter“, „Der Krieg als Erlöser“, „Die Front als Heimat“ sind bezeichnende Überschriften. Der zweite Teil „Die Flucht in die Legende“ (S. 63-304) behandelt die Zeit bis 1933, das Verhältnis zu Eckart und Röhm („der Aufbruch“), Propaganda und Organisation („Hitler sagt immer dasselbe“), den Weg in die Gesellschaft („Wovon lebt er eigentlich?“) „der große Minderwertige“, „die diplomatische Periode“, den „Einbruch in den Staat“ und den „Wettlauf mit der Katastrophe“ das Jahr 1932. Die fünf Kapitel des dritten Teiles „Der deutsche Dämon“ behandelt mehr psychologisch die Gestalt Hitlers, sein Verhältnis zu Frauen, die „Begleitfiguren“ und endet mit der Darstellung des 30. Juni 1934. Schon die Untertitel weckten seinerzeit die Neugierde der Jungen und Wissbegierigen.

[48] Heiden  337

[49] ebd. S. 343

[50] ebd S. 347

[51] ebd S. 359

[52] Karl Bonhoeffer „Führerpersönlichkeit und Massenwahn“ Manuskript von 1947 veröffentlicht in „Karl Bonhoeffer zum hundersten Geburtstag“ Berlin 1969 S. 108 ff

[53] Heiden  339

[54] Karl Bonhoeffer wie Anm 46 S. 111

[55] so die Ausstellung „Hitler und die Deutschen“ im Historischen Museum in Berlin Oktober 2010- Februar 2011

[56] Gaus Widersprüche 111 ff

[57] ebd S. 112

[58] Klaus Erich Pollmann Die Entnazifizierung in der Braunschweigischen Landeskirche in Klaus Erich Pollmann (Hg) Der schwierige Weg in die Nachkriegszeit S. 26-99;

[59] Albrecht Lein 155: „Sofort nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen stellte sich der Antifaschist Erich Warnecke einem englischen Kommandanten zur Verfügung. Mit einer schon vorher angefertigten  Liste fuhr er mit den Engländern durch die Stadt und ließ Nazis verhaften“.

[60] Max Wedemeyer (1911 - 1994) Pfarrer im Bornum, 2. Weltkriegsteilnehmer, schrieb über diese Zeit das Buch „In der Welt habt ihr Angst“, ab 1946 Propst von Helmstedt,  1951 Pfarrer in St. Jakobi, Braunschweig, Pressesprecher der Landeskirche, 1957 Oberlandeskirchenrat, Stellvertreter von Landesbischof Erdmann, Rücktritt mit 58 Jahren  als Oberlandeskirchenrat 1969 wegen der Annahme des Gesetzes über die Zulassung von Frauen zum Geistlichen Amt (Pastorinnengesetz), Verfasser mehrerer christlicher Romane und Gedichte

[61] LAW E Akte Wedemeyer

[62] nach Pollmann Entnazifizierung S. 45

[63] Als einziger Braunschweiger Pfarrer äußerte sich Pfarrer Walter Staats in Erklärungen zu seinem Entnazifizierungsverfahren zustimmend zur Stuttgarter Erklärung

 

[64] Material zur Ausstellung 280 f; Kuessner Die Stuttgarter Schulderklärung vom Oktober 1945

und ihre Rezeption in der Braunschweiger Landeskirche. Kurzvortrag am 28. Oktober 2010 im Theologischen Zentrum, Braunschweig, ungedrucktes Manuskript

[65] Stange an Kirchenrat Jürgens 1.2.1946 in Akte Religionsunterricht/Jugendarbeit Propstei Braunschweig

[66] Hans Buttler (1894- 1970 ), 1926 – 1936 Gr. Dahlum, 1937-1959 Alvesse; 1959 emeritiert;

[67] Pollmamn Entnazifizierung  48

[68] LAW E 13 Brief Jürgens vom 7.5.1949 an den Öffentlichen Ankläger

[69] LAW E  Akte v. Wernstorff

[70] Hans Zehrer die WELT 21.6.1958

[71] Johannes Damrow (1902-1955) Pfarrer in Königsberg, und Hollingstedt (Schleswig) 1945-1955 in der Gemeinde Martin Luther

[72] Kirchenchronik Martin Luther

[73] Es folgt der Wortlaut des Projektes aus der Kirchenchronik, weil es in einer für Leistikow typischen Weise die Verbindung von Leib- und Seelsorge anschaulich wiedergibt:

Durch Gottes gnädige Führung kam ich nach jahrelangen Umwegen zu Rudolf Just in den Jungborn. Eine neue Welt tat sch vor mir auf. Eine Welt der Gesundheit - auf ganz einfacher, natürlicher Grundlage. Seitdem kann ich wieder schaffen Jahr um Jahr nun mit mehr Kraft. Aber nur, weil mir eine Erkenntnis geschenkt ist: man bleibt nur gesund wenn man gesund lebt - mit seiner Seele und mit seinem Körper! Was aber heißt gesund leben? Durch unseres Gottes große Gnade darf ich immer wieder Menschen Seelsorger sein. Was nützt es aber, wenn ein Mensch getröstet nach dem seelsorgerlichen Gespräch, aus dem Gottesdienst oder vom heiligen Abendmahl nach Hause geht und doch nicht weiß, wie er nun gesund leben soll mitten in vieler Arbeit und Hetze und allerlei Widerwärtigkeiten, die jeder Alltag mit sich bringt. Seht, da möchte ich mit Gottes Hilfe und Eurem Vertrauen alle die, die durch Krankheit oder harte Schicksalsschläge dahin gekommen sind, dass sie nicht recht wissen, wie es weitergehen soll, nach und nach für ein paar Tage oder Wochen in einem Haus sammeln, das auf einem erweiterten Grundstück des Martin Luther Hauses errichtet werden soll, um ihnen aus aller Lebensunordnung und Traurigkeit heraus und in eine neue Lebensordnung und Lebensfreudigkeit hineinzuhelfen, bis es jeder allein fertig bringt, durch den Heiland Jesus Christus seelisch gesund und durch die Gottesgaben Licht, Luft, Erde und Wasser, sowie durch eine ganz einfache, natürliche Ernährung körperlich gesund zu werden und zu bleiben.“

(S. 58)

[74] zu Otto Jürgens siehe die Beschreibung seines Sohnes Klaus Jürgens im Biographischen Lexikon 308

[75] Im Oktober 1948 wurden 20.163 evangelische Flüchtlinge gezählt, mit Evakuierten und Zugewanderten waren es sogar  25.107 Evangelische. Braunschweig in der Statistik 1950 S. 123

[76] Braunschweig in der Statistik Neue Folge 1966 S. 32



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Impressum Stand: Dezember 2013, dk