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[Kirche von unten]



Ansichten einer versunkenen Stadt

Die Braunschweiger Stadtkirchen 1933 - 1950

von Dietrich Kuessner


6. Kapitel

Die Kircheneintrittswelle 1933-1935 – Ansturm auf Taufen und Konfirmationen

 

Massenhafte Kircheneintritte von Nazis widersprechen unserem Bild vom kirchenfeindlichen und kirchenzerstörenden Nationalsozialismus, das nach 1945 verbreitet worden ist. Die Betonung einer Opferrolle war für die Kirche bequemer als die eines Nutznießers des Systems. Richtig dagegen ist, dass drei Jahre lang die Nationalsozialisten in die Kirchen strömten, und die Kircheneintrittszahlen die Austrittszahlen überstiegen.

 

Kircheneintritte

Die Kircheneintritte schwollen im Vergleich zu den Vorjahren enorm an. Die Ziffer von 5.334 Kircheneintritte im Jahre 1933 ist die höchste im ganzen 20. Jahrhundert. Zu keiner Zeit ist diese Eintrittsziffer wieder erreicht worden und ist ein typisches Kennzeichen jenes verhängnisvollen Jahres. Dementsprechend sanken die Ziffer der Kirchenaustritte.

 

Kircheintritte und –austritte in der Landeskirche

Jahr

Austritte

Eintritte

1930

2.336

430

1932

1.575

729

1933

478

5.334

1934

245

1.974

1935

705

992

Die Tabelle dokumentiert die rasanten Eintrittszahlen im Jahr 1933, die dann zwar abnehmen. Aber selbst im kritischen Jahr 1935 übersteigen die Eintritte die Austritte, eine Entwicklung, von der wir heute träumen.

 

 

Auch 1935 überwogen die Eintritte die Austritte. Danach drehte sich der Trend um. Das war keine Besonderheit in der Stadt Braunschweig, das gab es in allen Landeskirchen, aber eben auch in Braunschweig und bedarf der Beschreibung und wo möglich der Interpretation. Eine gesonderte Monographie gibt es über diese Tatsache nicht.[1] Der Kircheneintritt war weniger eine Entscheidung des Glaubens als für wenige Jahre eine Modeerscheinung.

 

Die Kircheneintritte ergeben auf die einzelnen Stadtkirchen aufgeteilt folgendes Bild:

Der Tabelle liegen die Eintragungen in den Kirchenbüchern zu Grunde.

 

Kircheneintritte

1933

 

1934

1935

Kirchengemeinde

Sammeleintritt

Einzeleintritt

Sam

Einzel

Sam

Einzel

Andreas

389

33

151

5

0

49

Katharinen

373

32

92

4

0

76

Martini

264

25

103

0

0

36

Ulrici

122

13

0

44

0

18

Petri

133

15

42

 

0

26

Michaelis

278

 

106

 

0

57

Pauli

325

26

92

0

0

22

Johannis

544

63

0

37

0

 

Jakobi

267

41

140

11

0

57

Martin Luther

0

0

0

22

0

59

Magni

Keine Angaben

19

0

35

0

13

zusammen

2.695

257

726

158

 

413

 

2.952

884

413

Eintritt: 4.249

 

Der Eintritt waren eine städtische Erscheinung. Die Eintrittszahlen waren in der Stadt Braunschweig und in der übrigen Landeskirche fast gleich groß.

In der gesamten Landeskirche übertrafen die Wiedereintritte von 5.334 (1933), 1.974 (1934) und 992 (1935) die Austrittszahlen  bei weitem: 478 (1933), 245 (1934), 705 (1935).

Von den 5.334 Wiedereintritten in der Landeskirche entfielen 2.952 auf die Stadt Braunschweig.[2]

Ein vorherrschender Grund war die Erklärung Hitlers am 23. März 1933 vor dem Reichstag, dass er seine Politik auf christlichen Werten und auf der Arbeit der Kirchen aufbauen wollte. So wurde es jedenfalls von den Kirchen und der Öffentlichkeit verstanden. Die Anrufung Gottes war in den Reden Hitlers zu dieser Zeit geradezu üblich. Mit einem Kircheneintritt zeigte man sich systemtreu.

 

Eintritte vor der Juliwahl

Ein erster Anlass zu massierten Kircheneintritten war die Juliwahl, wie ich sie im letzten Kapitel geschildert habe. Sie ging von den Deutschen Christen aus und hatte die Absicht, das Wahlergebnis zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Dazu verfasste der Katharinenpfarrer Schlott eine bezeichnete kleine Werbegeschichte  und veröffentlichte sie in seinem Gemeindebrief.   

„Fritz Piefke und Jochen Meyerding gingen mittags im Frühlingssonnenschein von der Arbeit nach Hause, klöhnten von diesem und jenem. Unversehens kamen sie auf die Kirche zu sprechen: „Viele möchten jetzt wieder zurück in die Kirche. Aber sie überlegen lange hin und her. Wohin muss ich gehen? Was kostet das? Und andere Fragen mehr.“ Meyerding wurde etwas verlegen. „Ich bin auch ausgetreten. Wie kommt man denn wieder rein?“ „Mensch das ist doch ganz einfach. Schulte ist doch auch vorgestern wieder eingetreten. Vom Amtsgericht hast Du, als Du austratst, einen Schein gekriegt. Diesen Schein trägst Du hin zu Deinem Paster. Der legt Dir einen andern Schein vor, auf dem Du bescheinigst, dass Du wieder eintrittst. Den unterschreibst Du in seiner Gegenwart. Damit ist alles erledigt“. „Da schicke ich meine Frau hin!“ Ne, das geht nicht. Du musst schon selbst in des Pasters Gegenwart die Unterschrift ausführen“. „Und was kostet es?“ „Nichts! Eins muss ich Dir aber doch noch sagen: Sinn hat es nur, wenn Du dann Dich wirklich zur Gemeinde hältst!“[3]

 

An dieser typischen Schlott-Geschichte finde ich bemerkenswert, dass nicht Fritz Piefke mit seinem proletarischen Familiennamen den Ausgetretenen repräsentiert, sondern der eher vornehme Jochen Meyerding. Schlott sympathisierte mit den kleinen Leuten seiner Gemeinde. Einmal spießte Schlott die Tatsache auf, dass ein Herr mit Pelzkragen, der sich mit seiner Frau zu einem Traugottesdienst in die Katharinenkirche begeben hatte, in der Kirche eine Zigarre rauchte, weil die Trauung noch nicht angefangen hatte. Piefke ist in der Kirche geblieben, Meyerding ist ausgetreten. Kirchenrücktritt liegt im Trend. Schulte ist auch schon eingetreten. Dann müsste Meyerding eigentlich auch. Und es wird Zeit. Der Rücktritt Schultes war schon „vorgestern“.

Die einfache Art Piefkes ermöglicht einen sehr schlichten Rücktritt. Es fehlt die Andeutung eines geistlichen Vorgangs. Der Rücktritt ist eine „Schein-Sache“, es geht nur um die bürokratische Bescheinigung des Vorgangs. Fragen nach dem Grund des Austritts umgeht Schlott.  Insofern kommt der Schluss etwas überraschend, dass ein Rücktritt nur dann sinnvoll wäre, wenn sich Meyerding auch „wirklich zur Gemeinde halte“, also über eine leblose Kirchenmitgliedschaft hinausgehe.

Schlott, der ausgesprochen volksmissionarisch in seiner Gemeinde wirkte, wollte beides: den Rücktritt und die Mitwirkung in der Kirchengemeinde.

 

Die Gründe für den Kircheneintritt

Die Juliwahl war ein schnell verflossener Anlass, aber die Kircheneintritte häuften sich auch in den folgenden Monaten. Wenn die Pfarrer nach den Gründen fragten, erhielten sie ernüchternde Antworten. Einer wollte zur Polizei, die sozialdemokratischen Polizisten waren aus dem öffentlichen Dienst der Stadt entfernt worden. Da konnte man also Arbeit bekommen. Als die Stadt feststellte, dass der Bewerber nicht in der Kirche war, winkte sie ab. Kirchenmitgliedschaft war 1933 Voraussetzung für die Anstellung im öffentlichen Dienst.

Ein anderer kam mit seinem 15jährigen Sohn zum Pfarrer. Der Junge war zwar getauft, aber nicht konfirmiert, weil die Eltern inzwischen ausgetreten waren. Er wollte Bäcker werden, aber der Meister hatte gesagt, so einen Vogel wolle er nicht in der Backstube haben, der noch nicht mal konfirmiert sei. Konfirmation war 1933 Voraussetzung für den Antritt einer Lehre.

Ein Jahr später nannte Martin Scharfe im Artikel „Allerlei Gründe für den Wiedereintritt in die Kirche“ des Braunschweiger Volksblattes ähnliche Gründe. Die Wiedereintretenden gaben auf Befragen folgende Gründe an: „Ich bin Nationalsozialist. Als solcher muss ich Mitglied der Kirche sein“. „Man bekommt leichter Arbeit, wenn man kirchlich und vaterländisch ist“. „Eigentlich bin ich ja gar nicht ausgetreten“. Es gibt auch andere Gründe wie die Geburt eines gesundes Kindes, der Besuch eines Pfarrers, eine Weihnachtsbescherung, Frauenhilfe.[4] Es waren also ganz überwiegend keine ideellen Glaubensgründe, die zu einem Wiedereintritt motivierten, sondern praktische und opportunistische.

 

Die Form des Wiedereintritts

Der Eintritt, der meist ein Wiedereintritt war, vollzog sich daher auch in den meisten Fällen nicht beim Pfarrer der Gemeinde, sondern im Büro des Stadtkirchenamtes. Man nannte sie dort „Sammeleintritte“, sie wurden nicht namentlich im Kirchenbuch vermerkt, sondern die Gesamtzahl wurde am Ende des Konfirmandenregisters eingetragen. 1933 traten allein 2.695 auf diese unpersönliche Weise in die Stadtkirchen ein, 1934 waren es 726, 1935 sind keine vermerkt. Eine vermutlich angelegte gesonderte Akte ist nicht vorhanden, vielleicht beim Bombenangriff verbrannt.

Von diesen Sammeleintritten unterschieden sich Einzeleintritte in den Pfarrämtern. Deren Anzahl war viel niedriger, nämlich 1933 insgesamt 257 Eintritte, 1934 158 Eintritte und 1935 413 Eintritte.

Unter den Braunschweiger Pfarrern gab es sehr unterschiedliche Aufnahmeformen: Eintritt nach einer Besinnungszeit oder gleich bei der Anmeldung, mal nach einem Gottesdienst vor dem Altar oder im Amtszimmer des Pfarrhauses, mit und ohne Kirchenvorstandsmitglieder, mit Abendmahlsbeteiligung oder nur mit Handschlag. Pastor Goetze teilte am 30.3.1934 dem Landeskirchenamt bündig mit: „Die Aufnahme von Ausgetretenen in die Kirche erfolgt in allen drei Bezirken nur in der Weise, dass ein Protokoll in der Wohnung des zuständigen Pfarrers aufgenommen wird.“ Das war die schlichteste Form, wie sie auch vom Nachbarpfarrer an Johannis Otto Jürgens gewählt wurde. Pastor Schwarze berichtete noch etwas ausführlicher, dass es zu einer „sehr erfreulichen Aussprache“ mit dem Wiedereintretenden käme und dieser würde „ermahnt, sich in Zukunft am Besuch der Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen fleißig zu beteiligen“.[5] Das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich die drei Paulipfarrer mit dem Kircheneintritt doch sehr einfach gemacht und ihn zu einem bloßen Verwaltungsakt herabgewürdigt hatten. 

 

Gründe für die auffällig hohe Eintrittsziffer von insgesamt 607 Personen in der Johanniskirchengemeinde können nur vermutet werden. Lag es an der Größe der Gemeinde? Kamen die Eintritte vom Bebelhof mit seiner hohen Zahl von Dissidenten? Gab es eine besonders rührige NSDAP-Gruppe? Waren die Johannispfarrer besonders volksmissionarisch und werbend aufgetreten? Es wird ein Bündel von Gründen gewesen sein. Der zweitgrößte Eintrittsschub stammte aus der Andreaskirchengemeinde. Dort war die Anzahl der Dissidenten besonders hoch.

 

Die Wiedereintritte lösten in der Stadtpfarrerschaft neben Freude auch Unsicherheit aus.

Im November warnte der Gemeindebrief von Martini davor, sich an den Eintrittszahlen zu berauschen. Es müssten Mittel gefunden werden, „unerwünschte Elemente“ von der Kirche fernzuhalten. Die Kirche sei schließlich kein Verein, der mit einem hohen Mitgliederstand protzen dürfe.[6]

Der Herausgeber des Sonntagsgrusses Freise übernahm im Oktober 1933 den Artikel eines auswärtigen Verfassers unter der Überschrift „Heimkehr zur Kirche“.[7] Das Ziel müsse „ein persönlich errungenes Bekenntnis zum Evangelium sein“, forderte der Verfasser, mit dem sich Freise identifizierte. Es müsse auch die Ablehnung von Aufnahmeanträgen möglich sein. 

 

Unterricht vor dem Wiedereintritt

Es gab daher in der Stadt Braunschweig neben den formlosen Sammeleintritten das Bemühen, den Kircheneintritt mit einer ernsthaften kirchlichen Schulung zu verbinden. Der junge Pfarrer Walther Rentrop, 33 Jahre alt, hatte 1933 die Nachfolge von Walter Staats im Wohlfahrtsdienst der Stadt Braunschweig angetreten. Für ihn war ein Kircheneintritt kein bürokratischer sondern ein Glaubensakt. Eine Aufnahme könne „selbstverständlich nur geschehen, wenn eine gründliche Unterweisung in den Hauptstücken der christlichen Lehre vorangegangen war.“ Rentrop berichtete im Braunschweiger Volksblatt von einer Schulungsarbeit, wie er 35 erwachsene Männer, die teils nicht konfirmiert und teils nicht getauft waren, in die Kirche aufgenommen hatte. [8]   Rentrop hatte dazu eine Einladungen herausgehen lassen, sich mit Bibel, Gesangbuch und Schreibheft bei ihm einzufinden. Es hatte bis Anfang 1935 drei Kurse mit 10 – 35 Teilnehmern gegeben, die in 12 abendlichen  Doppelstunden ein oder zwei Kapitel aus den Evangelien lasen, die Themen „Naturwissenschaft und Schöpfungsglaube, der Sinn des Betens, Tod und Auferstehung behandelten und am Ende einige Seiten Zusammenfassung diktiert bekamen. Zu Anfang des Kurses waren es noch erheblich mehr Teilnehmer, aber „nach den ersten Stunden bröckelte es merklich ab“, stellte Rentrop fest. „Gerade bei dieser Arbeit ist mir deutlich fest, dass wir heute eine Kirche im Aufbruch sind“. Vor wenigen Jahren sei der ausgestreute göttliche Same „von der wüsten Hetze einer marxistischen Gottlosenpropaganda in Keime erstickt worden.“ Nach Kursende erfolgte die Aufnahme in einem Gottesdienst. „Da steht der junge Facharbeiter neben der Kontoristin, die Hausangestellte neben den Handwerker, verheiratete Frauen mit ihren Männern, die Braut mit ihrem Bräutigam, sie alle einig in dem Wunsch, von nun ab Glieder unserer christlichen Gemeinde und Jünger des Herrn Jesu zu werden“. In der Schlussliturgie legten die Aufzunehmenden ein Bekenntnis ab und wurden mit Handschlag und Abendmahlsbesuch in die Landeskirche aufgenommen. Sie erhielten eine Bibel mit einer persönlichen Widmung. Das war gewiss ein Gegenmodell zu der geistlich formlosen, bürokratischen Eintrittserklärung im Stadtkirchenamt, die 1935 auch nachließen. Es ist schwer abzuschätzen, wie viel journalistische Werbung und auch Selbsttäuschung die Optik des Kursleiters trübten. Rentrop verließ nach zweijährigem Dienst 1935 wieder die Landeskirche und  ging in das Diakonissenmutterhaus Bad Kreuznach.

Die Kircheneintritte blieben auch in den folgenden Jahren ein Thema.

 

Ansturm auf Amtshandlungen

Die Kirchenchronik der Magnigemeinde vermerkt  zu den Amtshandlungen 1934: „Vergleichen wir die Zahlen der verschiedenen Amtshandlungen dieses und des vorigen Jahres, so bemerken wir eine ganz bedeutende Steigerung, ein Zeichen für eine beachtliche Zunahme kirchlichen Lebens“.[9]

 

Ansturm auf die Taufen[10]

Ein Ansturm auf die Kirche setzte bei den Taufen ein. Die Zahl der Taufen stieg in den folgenden Jahren weit überdurchschnittlich an. Kirche wurde 1933 Mode und lag im Trend. Man ließ also die Kinder wieder taufen. In der Martinikirche wurden in den letzten fünf Jahren (1928-1932) jährlich durchschnittlich 88 Kinder getauft,  1933 hingegen 150 Kinder, 1934: 148, 1935: 133 1936: 141, also weit über Jahresdurchschnitt der vorhergehenden Jahre. So auch in der Michaelisgemeinde, wo in den letzten sechs Jahren durchschnittlich 72 Kinder getauft wurden, 1934 dagegen 134 Kinder, 1935: 108, 1936: 137, 1936: 136 Kinder.

Die höhere Anzahl der Taufen hing zunächst mit der wachsenden Anzahl der Geburten zusammen. Sie waren in den letzten sieben Jahren von 2.159 (1926) auf 1.862 (1930) und auf 1.547 (1932) stark zurückgegangen, daher auch die geringere Anzahl von Taufen. Nun stiegen die Geburtszahlen von 1.675 (1933) auf 2.334 (1934) und auf 2.493 Geburten (1935) an. (QUELLE!!!!))

Aber die Anzahl der Taufen überstieg 1933 mit insgesamt 2.052 die Anzahl der Geburten (1.675), weil viele Eltern nun ihre Kinder „nachtaufen“ ließen. Der Begriff ist eigentlich unzulässig, weil die Gültigkeit der Taufe unabhängig vom Alter des Täuflings ist. Aber die Säuglingstaufe war immer noch das Übliche, und nun ließen die Eltern ihre Kinder, die inzwischen zwei, acht, vierzehn Jahre und älter geworden waren, taufen.

In der Johanniskirche waren von den 213 Täuflingen im Jahre 1933 27 Kinder zwischen 2 und vier Jahren, 50 zwischen 5 und 12 Jahre und 14 noch älter. Die Taufen häuften sich an einem Tag. Am 8. Mai 1933 war Taufe von acht Täuflingen zwischen vier und 14 Jahren. Am Tag davor fünf Täuflinge. Die Pfarrer mussten das Gefühl haben, dass sie wieder gefragt waren. Nicht alle Eltern, die ihre Kinder taufen ließen, waren Mitglieder der Kirche. In Petri waren 1936 bei den insgesamt 115 Täuflingen zwei Mütter nicht in der Kirche, sieben Väter und sogar zehn Elternpaare Dissidenten.

Der Taufvorgang war anders als heute weniger ein Fest der Familie mit Taufkerzen und Dank an den Schöpfer, sondern der Täufling wurde, streng dogmatisch gedacht, aus dem sündigen Zustand der angeborenen „Erbsünde“ in den Gnadenstand Christi versetzt, lockerer, liberaler gesehen: in die Kirche aufgenommen. Taufe war Kircheneintritt im Säuglingsalter. Außerdem bedeutete er Namensgebung. Dass die Väter bei der Taufe anwesend waren, setzte sich erst ab 1966 durch. Die Taufe mehrerer Kinder wurde also, wie man etwas nachlässig im Braunschweigischen formulierte, „in einem Abwasch abgemacht.“

 

Vermehrte kirchliche Trauungen

Auch kirchliche Trauungen wurden wieder begehrt. Vor 1933 ließ sich nur jedes zweite Ehepaar auch in der Kirche trauen. Die Trauungszahlen in der Katharinengemeinde betrugen zwischen 1929 und 1932 35- 65 Traupaare, zwischen 1933 und 1935 hingegen zwischen 75 und 99 Traupaaren. In der Magnigemeide schnellten sie 1934 auf 95 Trauungen hoch, sonst wesentlich niedriger: 64 (1933) und 39 (1932), in der Jakobigemeinde waren um die 65 Trauungen üblich, ab 1934 94; 1935: 88 1936:80 kirchliche Trauungen. In der Brüdernkirche bewegte sich die Trauziffer zwischen 1929 und 1933 zwischen 17 und 32 Trauungen und schnellte dann hoch: 1934: 43 Trauungen, 1935: 50 Trauungen, 1936: 30 Trauungen.. Die Zahl der kirchlichen Trauungen in der Michaeliskirche hatten folgendermaßen zugenommen: 1933: 69 Trauungen; 1934: 106; 1935: 87; 1936: 71; 1937: 67 1938: 52 kirchliche Trauungen. Es kam daher wiederholt vor, dass mehrere Trauungen an einem Tag stattfanden, womöglich auch zusammengefasst in einem Traugottesdienst. In der Michaeliskirche: 16. April 1933: 3 Trauungen, 3. Juni 1933: vier Trauungen, 7. Oktober 1933: drei Trauungen, 3. März 1934: vier Trauungen, am 23. Juni,  6. Oktober und 3. November jeweils drei Trauungen.

Für einen Vergleich mit den standesamtlichen Trauungen liegen keine Zahlen vor.

Nach 1935 gingen insgesamt die Ziffern wieder erheblich zurück.

 

Hohe Zahl von Konfirmanden und dissidentischer Eltern

Besonders auffällig jedoch war die hohe Zahl der Konfirmanden. Es setzte ein Ansturm auf die Konfirmation ein. Das konnte für die Pfarrer zu einem Problem werden. Die gestiegene Zahl hing zunächst mit der anwachsenden Geburtenrate in den Nachkriegsjahren ab 1920 zusammen, die begreiflicherweise während der Kriegsjahre stark zurückgegangen war. Sie hatte aber auch einen anderen durchsichtigen Grund. Die Freidenkerverbände waren 1933 verboten worden, und es fanden keine Jugendweihen mehr statt. Nun quengelten die Jugendlichen und bestanden auf ihren zu diesem Anlass fälligen Geschenken. Der gebotene Anlass wird ihnen relativ gleichgültig gewesen sein. Nur so ist es erklärlich, dass zahlreiche, aus der Kirche ausgetretene Eltern nun ihre Kinder zum Unterricht anmeldeten. Da dieses Problem in der neueren Kirchengeschichtsschreibung noch nicht untersucht worden ist, weil Kirchenhistoriker nur selten auch die Kirchenbücher für ihre Quellenarbeiten benutzen, sei hier auf ausführlichere Angaben verwiesen:

 

Andreaskirche

1934: bei 267 Konfirmanden 30 Eltern, 20 Väter, 3 Mütter dissidentisch

1935: bei 195 Konfirmanden 22 Eltern, 22 Väter, 2 Mütter dissidentisch

 

In Martini

1934 bei 181 Konfirmanden 20 Eltern, 23 Väter, 3 Mütter, dissidentisch

1935 bei 185 Konfirmanden 11 Eltern, 16 Väter, 3 Mütter dissidentisch

 

in Magni   

1934 bei 180 Konfirmanden 12 Eltern, 18 Väter, eine Mutter dissidentisch

1935 bei 178 Konfirmanden 10 Eltern, 8 Väter, 2 Mütter dissidentisch

 

in Ulrici

1934: bei 139 Konfirmanden 14 Eltern, 12 Väter, 3 Mütter dissidentisch

1935: bei 89 Konfirmanden 8 Eltern, 4 Väter, 5 Mütter dissidentisch

 

Michaelis

1934 bei 224 Konfirmanden 20 Eltern, 20 Väter, 3 Mütter dissidentisch.

1935 bei 216 Konfirmanden 14 Eltern, 16 Väter, 2 Mütter dissidentisch

 

In Pauli

1934 bei 305 Konfirmanden 14 Eltern und 14 Väter dissidentisch

1935 bei 324 Konfirmanden 26 Eltern, 22 Väter, 2 Mütter dissidentisch

 

in Jakobi

1934 bei 207 Konfirmanden 22 Eltern, 12 Väter, 2 Mütter dissidentisch

1935 bei 188 Konfirmanden 17 Eltern, 4 Väter dissidentisch

 

in der Katharinenkirche:

1934:  10 Eltern, 5 Väter 2 Mütter dissidentisch

1935:  19 Eltern, 12 Väter, 3 Mütter dissidentisch

 

Der größte Anteil von dissidentischen Eltern hatte die Andreaskirche, die Michaeliskirche und die Jakobikirche. Dort lagen die typischen Arbeiterviertel, in denen der Anteil der Kirchenaustritte höher war als in anderen Stadtteilen.

1934 hatten 142 dissidentische Eltern in der Stadt ihre Kinder zu Konfirmation angemeldet. Natürlich waren diese Kinder im Sinne der Freidenkerbewegung mit ihrem starken antikirchlichen Akzent ohne Sinn für Kirchenjahr und Choräle aufgewachsen.  Kirche, so hatten sie bisher gehört, war eine Verdummungsanstalt. Dieser pädagogisch kümmerliche Zustand wurde dadurch begünstigt, dass es noch keinen zweijährigen Konfirmandenunterricht gab, sondern sich die Jugendlichen im Herbst, manchmal auch erst nach Weihnachten zum Unterricht anmeldeten. In hoffnungslos überfüllten Konfirmandengruppen versuchte der Gemeindepfarrer, die Jugendlichen auf die Konfirmation und den Sakramentsempfang vorzubereiten. Er wird froh gewesen sein, wenn viele überhaupt nicht zum Unterricht, sondern nur noch zur Konfirmation erschienen. 1984 und 1985 feierten diese damaligen Jugendlichen nunmehr ihre Goldenen Konfirmationen.

 

Dieser Zustand führte am Konfirmationssonntag höchst disparate Bevölkerungsgruppen in den total überfüllten Konfirmationsgottesdienst. Die über 300 Konfirmanden in der Paulikirche wurden 1934 und 1935 zwar auf mehrere Gottesdienste an einem Tag aufgeteilt, trotzdem bleibt der Eindruck einer ungeistlichen Massenabfertigung.

 

Konfirmationspredigten

Konfirmation in Martini 1935

Im Gegensatz zu den Tauf- und Traugottesdiensten sind uns einige Konfirmationspredigten jener Zeit überliefert. Der Martinipfarrer Walter Benndorf  betonte in einer gefühlvollen Predigt am 31. März 1935 die nunmehr beginnende Selbstverantwortung der Jugendlichen, die zugleich eine Lehre antraten, und gab ihnen drei Weisungen mit auf den Weg: „Wollt ihr euer Lebensschiff auf die Höhe steuern, dann gilt es drei Weisungen zu befolgen“: Pflichterfüllung, saubere Gesinnung und ein warmes, mitfühlendes Menschenherz. Unvermittelt verknüpfte er bei der dritten Weisung die für ihn selbstverständliche, traditionelle Verbindung von Frömmigkeit mit Patriotismus: „Ob wir dankbar und glücklich sind, in einem neuen Deutschland zu leben, in welchem die großen Ideale unseres Volkes wieder eine Stätte gefunden haben, noch gilt es Kampf und harte Arbeit zu leisten, bis das herrliche Ziel erreicht ist: e i n  Volk, e i n  Führer, e i n  Gott.  Wir erwarten von euch, meine lieben Söhne und Töchter, dass ihr deutsche Menschen werdet, die ihr Vaterland mit heißer Liebe umfangen, dieses Deutschland mit seinen Bergen und Burgen, seinem rauschenden Wald und seiner stillen Heide, und seiner großen deutschen Geschichte, Menschen, die nie vergessen, dass ihre Wiege auf deutscher Erde stand, dass eine deutsche Mutter sie geboren und ihre Hände gefaltet hat zum ersten Gebet deutscher Menschen, die sich hingeben an die große heilige Volksgemeinschaft mit tiefster Treue und einem warmen Herzen. „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle, sagt der Apostel in seinem hohen Lied der Liebe. Ob ihr noch so tüchtig noch so klug, noch so reich und angesehen wäret im Leben, hättet ihr kein mitfühlend Herz, keine selbstlose, kameradschaftliche Gesinnung, keine opferfähige warme Menschenliebe in euch, so wäret ihr ein tönend Erz...“[11]

Der Prediger befand sich in einem selbstgebastelten Käfig von frommen Wünschen und Vorstellungen, aus dem er nun unbefangen, aber weltfremd seine Hoffnungen herauszwitscherte. Was mag das Bild von der betenden deutschen Mutter bei insgesamt 41 dissidentischen Vätern und Müttern, wenn sie überhaupt am Gottesdienst teilgenommen hatten, ausgelöst haben? Als Gegenbild zur überhöhten Konfirmationsfreude druckte Pfarrer Benndorf in derselben Nummer einen Artikel unter der Überschrift „Konfirmationsnot“ ab, in dem der Verfasser, ein hannoverscher Pfarrer, über fehlende Beteiligung der Eltern bei der religiösen Erziehung der Kinder, die Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit der Konfirmanden sowie die Abwesenheit der Gemeinde bei der weiteren Begleitung der Kinder beklagte.

 

Die Konfirmation 1936 in der Paulikirche[12]

Henneberger gestaltete den Festgottesdienst zur Konfirmation am 5. April 1936 volkmissionarisch ohne agendarische Schnörkel im Wechsel von Lied, Lesung, Glaubensbekenntnis, Predigt und Bekenntnisakt der Konfirmanden. Diesen hatte Henneberger gründlich gekürzt. Er lautete: „Nunmehr frage ich euch.. vor Gott und der Gemeinde: Glaubst du an Gott, deinen himmlischen Vater und an Jesum Christum, Deinen Erlöser und Herrn? So antwortet: Ja, ich glaube. Willst du diesen Glauben mit Gottes Hilfe christlich leben, so antworte: Ja, ich will. Bestätigt Euer Ja mit dem Gesang des Glaubensliedes Luthers: Wir glauben all an einen Gott. Nach Vermahnung und Votum folgte der Choral „Ein feste Burg“ -  Gebet – Einsegnungshandlung – Choral, Fürbitte, gemeinsames Vaterunser, Segen  - Choral „Verleih uns Frieden gnädiglich“ -  Orgelausklang. Das war eine Gottesdienstordnung ohne jede deutsch-christliche Peinlichkeit, ohne vaterländische Lieder, die ausgesuchten Choräle konnten als Gegenstück zur üblichen Marschmusik und den eingängigen HJ Liedern verstanden werden. Die Konfirmanden erlebten in der Paulikirche 1936 eine Art Gegenwelt. „Eine junge Nation in Verbundenheit mit Gott – Eine lutherische Konfirmationsfeier“ - unter diesem Titel druckte Henneberger die Gottesdienstordnung und Predigt ab. Vielleicht hatten manche Teilnehmer von damals das Heft zu ihrer goldenen Konfirmation in den 80iger Jahren mitgebracht und konnten kopfschüttelnd die Predigt nachlesen, in der Henneberger eingangs den nationalsozialistischen Staat glorifizierte und sich selber berauschte: „Nun ist vor euren Augen die große Wandlung der deutschen Dinge geschehen. Unter e i n e m Willen sind wir wieder Volk geworden, in Wehr und Ehre. Unter

e i n e m klaren Kommando marschiert eine geschlossene Nation. Hier gelten nicht mehr willkürliche Meinungen und Anschauungen. Hier gilt das verantwortungsvolle Wort des Führers und unsre freudige Zustimmung in Wort und Werk. Hier wird nicht mehr abgestimmt, hier wird übereingestimmt.“ Ausgiebig bediente Henneberger das übliche Klische von einer angeblich schauerlichen Weimarer Zeit, in der die Konfirmanden geboren waren. Fast unvermittelt daneben trat aber der größte Wunsch Hennebergers an seine Konfirmanden, „daß du das Evangelium neu entdecken mögest, die Botschaft vom neuen Bund, in Jesus Christus von Gott geschlossen mit uns Menschen“. Und theologisch anspruchsvoll grenzte Henneberger das Evangelium von der Religion ab. „Das Evangelium ist etwas ganz anderes als Religion. Religion ist der letztlich unzulängliche Versuch, aus der Kraft des Menschen die Verbindung mit Gott herzustellen. Im Evangelium aber stellt Gott die Beziehung mit den Menschen her und tritt in seinem Wort mit uns in Verbindung.“ Daran knüpfte Henneberger dann auch die Warnung vor denen, „die Euch vorreden möchten, das Evangelium sei eine fremde Religion, eine orientalische Gottesvorstellung, die heute durch die deutsche Gottesschau abgelöst werden müßte.“ So enthielt die Konfirmationsordnung und Konfirmationspredigt Hennebergers 1936 die für ihn typischen drei Elemente: Bejahung des nationalsozialistischen Staates, lutherisches Bekenntnis, Ablehnung nationalsozialistischer Angriffe im Stil der Deutschen Glaubensbewegung auf die Kirche.

Diese Mischung von Zustimmung und Ablehnung des Nationalsozialismus, verbunden mit dem Bekenntnis zum Glauben an Gott und Jesus Christus war für die evangelische Kirche durchaus praktikabel weit über die Braunschweiger Gemeindegrenzen hinaus. Henneberger war ein viel gefragter Gastredner. 1938 hatte er nach eigenen Angaben 60 auswärtige Vorträge in ganz Deutschland gehalten.

 

Die Braunschweiger Stadtpfarrerschaft konnte in den Jahren 1933 - 1935 das gute Gefühl haben, dass

sie von der Stadtbevölkerung anerkannt und ihr Dienst vermehrt in Anspruch genommen wurde. Das war ein spürbarer Gegensatz zu den Jahren 1929 – 1933.



 



[1] Heike Kreutzer unterscheidet in ihrem Buch „Reichskirchenministerium“ vier Phasen der nationalsozialistischen  Kirchenpolitik:  Erste Phase: Annäherung (1930-1932); zweite: Gewinnungs- und Gleichschaltungsversuche 1933; dritte: Phase der Ernüchterung  1934; und die vierte „Phase des Kampfes gegen die Kirche“ 1935 (Kreutzer S. 33). Die Kirchenaustrittsbewegung habe sich erst von 1935 an entfalten können. Dagegen ist aus dem Bereich der braunschweiger Landeskirche einzuwenden, dass auch 1935 noch die Kircheneintritte die Kirchenaustritte überwogen, was vielfach beschrieben ist.

Sven Granzow, Bettina Müller-Sidibe, Andrea Simml folgen dieser Phaseneinteilung Kreutzers und folgern in ihrem kurzen Aufsatz „Gottvertrauen und Führerglaube“ in: Götz Aly Des Volkes Stimme Frankfurt am Main  2006 S.38 ff, dass mit dem Schlagwort  „Entkonfessionalisierung“ die Zeit „des hauptsächlich von der NSDAP geführten Kampfes gegen die Kirchen“  begonnen habe (S.45). Einen solchen Kampf hat es in der Braunschweiger Landeskirche nicht gegeben. Granzow u.a. gehen von einem in der Geschichtsforschung überholten Blockdenken aus. Die NSDAP war gegenüber der evangelischen Kirche genau so aufgesplittert und uneinheitlich wie der gesamte nazistische Regierungsapparat.

[2] Die Zahlen sind verschiedenen Quellen entnommen, geben aber zutreffend eine Tendenz an

[3] Gemeindeblatt St. Katharinen Juli 1933

[4] BV 1934 S. 103 vom 1. Juli 1934

[5] LAW LKA 322

[6] Feierstunde Nebelmond 1933 S. 12 „Aus der Rücktrittsbewegung, eine Meldung des ep

[7] Sonntagsgruß 1.10.1933 S. 314

[8] BV 31.3.1935 „Konfirmandenunterricht für Erwachsene“; siehe auch  BV 8.4.1934 S. 56

[9] Pfarrarchiv Magni Kirchenchronik 

[10] Alle Zahlen sind den Kirchenbüchern der Kirchengemeinden entnommen

[11] Feierstunde Wonnemond Mai 1935 S. 73 f

[12] dieser Abschnitt erschien bereits in der Paulichronik



Zum Kapitel 7: Die Kirche erobert den öffentlichen Raum Herbst 1933






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Impressum Stand: Dezember 2013, dk