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[Kirche von unten]



Ansichten einer versunkenen Stadt

Die Braunschweiger Stadtkirchen 1933 - 1950

von Dietrich Kuessner


7. Kapitel

Die Kirche erobert den öffentlichen Raum

Die durch die Ergebnisse der Juli„wahl“ errungene Vorherrschaft der Deutschen Christen in den Braunschweiger Stadtkirchen sollte nun vertieft und befestigt werden. Die großen deutsch-christlichen

Hoffnungen waren ein unter Hitler verchristlichtes Deutschland und ein unter Klagges verchristlichtes Braunschweig. Dazu seien die Tore weit geöffnet, erklärte der spätere Landesbischof Beye.

 

Deutsch-christliche kirchliche Aufbauwoche im September 1933 in der Brüdernkirche

Für kurze Zeit wurde die Brüdernkirche durch die Initiative des Brüdernpfarrers Wagner zum Mittelpunkt der Deutschen Christen in Braunschweig. Alfred Wagner, 31 Jahre alt, war im Frühjahr 1933 als Nachfolger des verdienten, langjährigen Brüdernpfarrers Kausche gewählt worden. Der Kirchenvorstand wünschte einen zeitgemäßen Generationswechsel. Wagner stammte aus Thüringen und hatte zunächst ein Studium als Lehrer abgeschlossen, kurze Zeit auch ausgeübt, danach Theologie studiert und war in einer Thüringer Gemeinde Pfarrer gewesen. Dort war er auch der NSDAP beigetreten. Von dort hatte er sich an die Brüdernkirche beworben.

Auf seine Initiative fand vom 3.- 8. September  in der Brüdernkirche eine „Kirchliche Aufbauwoche“, richtiger wohl „Aufbauwoche der Deutschen Christen“ statt. Vorträge hielten Otto Jürgens, Johanniskirche, Gerhard Kalberlah, Jakobikirche, Ernst Brutzer, Magnikirche, Alfred Wagner sowie Otto Henneberger aus Thüringen. Die Aufbauwoche stand unter dem Leitwort „Kämpfende Kirche“.

 

 

Montag:  „Der Ruf nach der Kirche und ihre Verantwortung“ (Otto Henneberger, Jena),

Dienstag:  „Der Kampf der Kirche um Volk und Staat“ (Alfred Wagner),

Mittwoch:  „Der Kampf der „Deutschen Christen“ für die Kirche“ (Ernst Brutzer, Magni),

Donnerstag:  „Der Kampf der Kirche für die Menschen“ (Gerhard Kalberlah, Jakobi),

Freitag:  „Der Kampf der Kirche für evangelische Freiheit“ (Otto Jürgens, Johannes).

 

 

Erstmals waren vier Stadtpfarrer an einer Stadtkirche volksmissionarisch vereint in dem Ziel, die „Bewegung“ in die Gemeinden zu tragen. Sie waren sich darin einig, dass es eine Kampfsituation und „einen Ruf nach der Kirche“ gebe, und die zahlreichen Kircheneintritte schienen diesen öffentlichen Trend zur Kirche hin zu bestätigen. Die „Deutschen Christen“ sahen sich als jene, die diese Sehnsucht nach der Kirche verstanden und einladend aufnehmen wollten.

 

Otto Henneberger, damals noch nicht Pfarrer an der Paulikirche, sondern in Jena, eröffnete die Reihe mit dem einleuchtenden Zweiteiler: Hitler rufe die Kirche und die Kirche habe diesen Ruf zu hören und mit dem Evangelium zu erwidern. Hitler schiebe der Kirche „einen wesentlichen, ja den wichtigsten Teil der Erziehungsarbeit an diesem erwachten deutschen Volk zu.“ [1] Waren das die Hoffnungen eines politisch Blinden, sehend zu werden? Henneberger legte sich ein unrealistisches Bild vom Nationalsozialismus und seinen Absichten zurecht.

Kalberlah fasste sein Thema in Predigtform. Sie ist uns im Bericht einer Teilnehmerin erhalten und im Jakobigemeindebrief Oktober 1933 veröffentlicht.[2] Kalberlah legte seiner Predigt drei Bibelworte zu Grunde: die Frage der Jünger. Herr wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? So jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht.“ Die Wahl dieser Bibelzitate konnten als eine Kritik  an den erkennbar tumultuarischen und gelegentlich brutalen Vorgehensweisen der Deutschen Christen verstanden werden, wie sie Schlott und Beye an den Tag gelegt hatten. Auch die Frage, wohin sollen wir gehen, ließ zunächst eine Antwort offen. So war die Antwort im ersten Teil, der ein Loblied auf den ersten Reichsparteitag in Nürnberg war, überraschend. „Mit innerer Anteilnahme und freudiger Bejahung  hätten wir Menschen die Tage von Nürnberg miterlebt. Die genialen prophetisch anmutenden deutschen Reden unseres Volkskanzlers Adolf Hitler blieben uns richtungsweisend und stärkend auch für das Kämpfen am Neubau der Kirche“. Wohin sollen wir gehen? Klare Antwort: Ins Dritte Reich. Im zweiten Teil trennte sich jedoch Kalberlah von dem klassischen Modell der radikalen Deutschen Christen, die Drittes Reich und Gottes Reich identifizierten, sondern gab der Kirche einen Platz neben diesem nationalsozialistischen Staat. Der Staat baue sein Reich nach seinen eigenen Gesetzen. „Die Kirche aber baue nach den Lebensgesetzen des Christentums, die ebenso vollständig anerkannt und zur Geltung kommen müssten wie die Lebensgesetze des völkischen Staates.“ Der Kampf der Kirche für den Menschen  gehe dahin, alle Lebensbeziehungen auf Jesus Christus hinzuführen. Der völkische Geist müsse also verwurzelt sein im christlichen Geist.

Damit begab sich Kalberlah, wie alle gemäßigten Deutschen Christen, in ein Dilemma. Es bestand in den immer wieder neu begonnenen Versuchen einer überzeugenden Zuordnung von Nationalsozialismus und evangelischer Kirche. Für Kalberlah war die Bejahung des nationalsozialistischen Staates die Voraussetzung für eine gedeihliche Entwicklung der Stadtkirchen im nationalsozialistischen Braunschweig. Umgekehrt war die Bejahung der christlichen Kirchen und ihrer Werte die Voraussetzung für ein gedeihliches Miteinander von Partei und Kirche, von Stadt und Stadtkirche.

Hakenkreuz und Christuskreuz verhielten sich für ihn wie außen und innen, wie Leib und Seele. Der Staat sei zuständig für die äußere Ordnung, die Kirche für die „Seele des Volkes“. Der Kampf um den Menschen, so das Thema Kalberlahs, gehe also darum, die noch abseits stehenden Menschen „für bewusstes Christentum evangelischer, deutscher Prägung zu gewinnen.“ „Eine lebendige Gottesgemeinde, ein drittes christliches Reich, in dem die Kirche die Seele und das Gewissen des Reichsvolkes sei – das sei das letzte Ziel allen Kampfes der Kirche für den Menschen“.

Folgerichtig nannte Kalberlah in der Kirchenvorstandssitzung im September 1933 die Gewinnung der politischen Ortsgruppen für den Kirchenbesuch als einen der wichtigsten Punkte der künftigen Gemeindearbeit.[3]   

Der Vortrag von Otto Jürgens erschien in Kurzform im „Sonntagsgruß“ vom 17.9.1933 als Titelaufsatz. Jürgens polemisierte gegen „die hässlichen Kämpfe“ in der Vergangenheit. Er meinte die Auseinander­setzung zwischen jungreformatorischer Bewegung und Deutschen Christen, auch die Auseinander­setzung um Friedrich v. Bodelschwingh als Reichsbischof und natürlich die Polemik gegen die Deutschen Christen. Alle hätten bedenken sollen, dass die Kirche vom Bolschewismus bedroht gewesen wäre und „dem Sieg der national­sozialistischen Bewegung ihre Rettung“ zu verdanken habe. Der nationalsozialistischen Bewegung gehe es „um nichts anderes als um Erneuerung und Verjüngung der Kirche“. Auch eine Religion könne alt werden und Jürgens fragte: „Sind wir der Gefahr der Erstarrung  in toten Formen und Sitten ganz entgangen?“ So wie Luther dem Evangelium die Freiheit schöpferischer Gestaltung wiedergab, so sollte auch die Kirche heute sich nicht isolieren, nämlich von der nationalsozialistischen Bewegung, sondern um Erneuerung und Verjüngung kämpfen. Von einer zu engen Verbindung des Evangeliums zum neuen Staat drohe keine Gefahr, denn „wer an das Evangelium glaubt, weiß, dass es sich durchsetzt und dass es nichts in sich aufnimmt, was seinem Wesen widerspricht.“ Otto Jürgens konnte sich mit seinen 38 Jahren selber zu den Jungen rechnen und auf eine führende Aufgabe innerhalb der Glaubensbewegung Deutsche Christen hoffen.

 

Das deutsch-christliche Pfarrerbild

Während der deutsch-christlichen Aufbauwoche hatten sich die möglichen Kandidaten für das künftige Propstamt in der Stadt Braunschweig präsentiert. Da junge, dynamische und vor allem linientreue Pfarrer für die zahlreichen, neu zu besetzenden Stellen gesucht wurden und Wagner das Vertrauen des Gauleiters der DC, Johannes Schlott, gefunden hatte, wurde er von der neuen deutsch-christlichen Kirchenleitung, Bischof Beye und Oberkirchenrat Schlott, zum Propst von Braunschweig, damals Kreispfarrer genannt, berufen und am 8. Oktober im Dom in einem Abendgottesdienst mit den anderen 5 Kreispfarrern in dieses leitende Amt eingeführt.

Der zum Bischof zwar gewählte aber noch nicht eingeführte Wilhelm Beye predigte aus diesem Anlass über das damals viel benutzte Bibelzitat: „Wachet, steht im Glauben; seid männlich und seid stark“ (1. Kor. 16,13). Der Apostel Paulus ermahnt die Gemeinde in Korinth, angesichts des nahenden Weltendes und des kommenden Herrn wachsam gegenüber den Mächten der Finsternis zu sein und im Glauben fest zu bleiben. Diese eschatologische Situation wurde nun auf die neue Hitlerzeit bezogen. „Ein starker Ton von Mannhaftigkeit und Kampf klang durch die abendlichen Feierstunde“ empfand der Lokalreporter und zitierte den Bischof folgendermaßen: „Unsre Zeit sucht einen neuen Rhythmus...  Die Kreispfarrer sollen in der Kirche Führer sein, Führer für die Pfarrerschaft und Führer für die Gemeinden. Die Kreispfarrer stehen auf Vorposten, sie sollen  die Feldwache beziehen in vorderster Linie der Kirche. Da gilt es wachsam zu sein. Die Kreispfarrer sollen darüber wachen, dass der Rhythmus kirchlichen Lebens in der Braunschweigischen Landeskirche regelmäßig und ordentlich pulsiert. Sie soll nicht nur Wächter über andere sein, sonder andere auch wach halten. Sie werden auf ihrem Vorposten in dem Maße auszuharren vermögen, als sie Vertrauen haben zu Jesus Christus, ihrem obersten Führer, und zu ihren irdischen Führern, dem deutschen Führer Adolf Hitler, und dem Führer der deutschen Reichskirche...“ Dann sang die Gemeinde „Komm Heiliger Geist und mit Treuegelöbnis und Handschlag verpflichtete der Bischof die Kreispfarrer. Gebet und Segen beschlossen die „Feierstunde“.[4]

 

Der Landesbischof entfaltete nichts weniger als ein neues Pfarrerbild. Mit den Vergleichen „vorderste Linie“, „Wache“, „Vorposten“ reflektierte Beye das kriegerische Alltagsmilieu. Der Pfarrer sollte Soldat, Führer, Wächter sein. Das war etwas anderes als Seelsorger und Hirte, der dem Verlorenen nachgeht. Der Kampf  war die herausragende Situation des Pfarrers. Die Wachsamkeit, die Beye als neue pastorale Fähigkeit proklamierte, setzte voraus, dass die Kirche ringsum von Feinden umstellt war. Das war ein typisches nationalsozialistisches Trauma: die Bewegung der Partei fühlte sich fortgesetzt bedroht durch Kommunisten, Bolschewisten, Intellektuelle, Juden, Rassefremde, Ungläubige. Ihnen galt der rücksichtslose Kampf. In diesen Kampf reihten sich die Deutschen Christen als Wächter und Führer ein.

Wer sein Pfarramt als Führeramt verstand, war leicht in Gefahr, die Gemeinde zur blinden Gefolgschaft zu entmündigen. Es widersprach dem bekannten biblischen Bild von dem einen Leib und den vielen Gliedern und wie alle Glieder gleich wichtig sind. Auch „das Haupt“, das als Führerbild fungieren könnte, ist nichts ohne die lebendigen Funktionen aller anderen Glieder. Nun sollten die Kreispfarrer „Führer“ sein. Wer bereits eine soldatische Karriere hinter sich hatte, mochte für dieses Bild anfällig gewesen sein.

 

Wagner war mit 31 Jahren der jüngste Propst, den die Stadt Braunschweig bisher hatte. Nur der Landesbischof war noch ein Jahr jünger.  Als Kreispfarrer von Braunschweig war damals auch noch der Johannispfarrer Otto Jürgens in Erwägung gezogen worden, der den Vorteil hatte, dass er die Braunschweiger Verhältnisse kannte und es auch an vaterländischer Gesinnung durch patriotische Reden zu nationalen Anlässen und als Garnisonspfarrer nicht hatte fehlen lassen. Er hatte auch auf der Liste der DC kandidiert, konnte also im kirchenpolitischen Sinne als zuverlässig gelten. Es war der Regierungsrat Kiehne, der den Ausschlag gab und Wagner bevorzugte. Schon bei der ersten Stadtkirchentagssitzung nach der Wahl war Wagner in den wichtigen Stadtkirchenaus­schuss gewählt und Jürgens nur sein Stellvertreter geworden.

Wagner hatte als Kreispfarrer die Pfarrer Grüner an Martini, die Pfarrer v. Wernsdorff und Baeck in Katharinen und Otto Henneberger an Pauli eingeführt, alle unterschiedlich überzeugte Deutsche Christen.

 

Die Kirche besetzt den öffentlichen Raum Oktober 1933

Der 15. Oktober brachte einen Höhepunkt der gesellschaftspolitischen Anerkennung der Kirche, wie sie seit den vergangenen 12 Jahren nicht stattgefunden hatte. Die Kirche besetzte den öffentlichen Raum anlässlich der reichsweit durchgeführten Handelswoche. Die Kirchtürme waren mit Hakenkreuzfahnen bestückt, Glocken läuteten den Tag ein. Auf dem Schlossplatz hatten sich die Behörden, SA und SS eingefunden, um die Fahnenweihe der neuen Innungsfahnen zu erleben, die alten erhielten einen Hakenkreuzwimpel. Auf dem Schlossplatz herrschte ein buntes Bild. Die Handwerkerinnungen waren aufmarschiert. Eine Musikkapelle spielte die Melodie des Niederländischen Dankgebetes. Zahlreiche Musikvereine waren anwesend.[5]  Der gerade zum „jüngsten Landesbischof der Welt“ gewählte aber noch nicht eingeführte Oberkircherat Wilhelm Beye[6] hielt eine Weiherede und begann wie bei einem Gottesdienst mit der trinitarischen Formel. „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ schallte es über den Schlossplatz. Beye knüpfte an den Text des Niederländischen Dankgebetes an, dessen Melodie eine Musikkapelle vorher intoniert hatte. „Herr, mach uns frei“. Er begann mit einem Bekenntnis zu Hitler, der am Vortag eine Volksabstimmung über den Austritt Deutschlands  aus dem Völkerbund angekündigt hatte.

„Es ist eine Ehrensache, in dieser Stunde namens der braunschweigischen evangelischen Christen an dieser Stelle kundzutun, dass wir von unserem lutherischen Glauben her als deutsche Männer und Frauen uns rückhaltlos für diesen Kanzler und die Ehre und die Freiheit der Nation einsetzen werden.“

Danach verzichtete Beye völlig auf nazistische Wendungen, die das Handwerk in die Anforderungen einer „neuen Zeit“ stellte, sondern forderte die Rückkehr zu den biederen, konservativen Werten, darunter auch zu Frömmigkeit.

„Der feste Grund, auf den die Alten den Handel gründeten, hieß Ehrlichkeit, Treue, Frömmigkeit.“.. „Ihr seid der Gefahr der Verproletarisierung deswegen entgangen, weil ihr einen Führer gefunden habt, der Adolf Hitler heißt, und der euch zu dem Ursprung alles handwerklichen Schaffens wieder hingeführt hat. Deutsche Handwerker! Es gibt ein Wort der Heiligen Schrift, „nur wer im Geringsten treu ist, wird auch im Größten treu sein“. Jener Adolf Hitler, der in seiner Jugend auf dem Bau stand und Stein auf Stein aneinander fügte und jene Treue im Kleinen bewiesen hat, ist auch der, der die Treue im Großen uns allen halten kann und wird.

Und jener Zimmermann aus Nazareth hat in der Enge seiner Familie, in der Enge väterlichen Handwerkes jene eigentliche Größe erlebt und erfahren, die auf der Treue, auf der Ehrlichkeit und auf häuslicher Frömmigkeit ruht. Nur wo die drei Dinge noch vorhanden sind, im Haus und im Handwerk, wird es wohl stehen um ein Volk, nur da wird auch das Handwerk gedeihen.

Mit neuen Fahnen seid ihr hier hergezogen und rings im Kreis grüßen die Jahrhunderte alten, die von alter deutscher Handelskraft und Ehre und Treue und Frömmigkeit zu künden wissen. Die neuen Innungsfahnen der Bäcker, Fleischer, Maurer, Schneider und Mechaniker sollen von euch getragen werden als deutsche Menschen, die das wissen, es ist schlecht bestellt um das deutsche Handwerk, wenn die ursprünglichen Tugenden der Treue, Ehrlichkeit und Frömmigkeit uns verloren gehen.  Ihr Fahnenträger, zeigt euren Brüdern vom Handwerk die neuen Fahnen, entrollt sie, dass sie jeder sehen kann, ich ermahne euch, bleibt stehen auf dem Boden des alten Handwerks, das heißt deutsch und christlich in allem. So zieht denn hin mit den neuen Fahnen. Nehmt mit in euren Herzen die alten deutschen Tugenden: fromm, ehrlich und treu!“ Mit einem kurzen Gebet, dessen Schluss lautet: „Unsere Losung stets sei, Deutschland erwache, Herr, mach uns frei“, schloss Beye.

 

Es erscheint mir billig, über das Gemisch magerer Gedankentiefe und hohem Redepathos schnell hinwegzugehen. Auch ist das Bild Beyes in der Landeskirche durch seine gelegentlich ordinäre Redeweise und durch das unrühmliche Ende vor dem Landgericht Braunschweig nur ein halbes Jahr später geprägt und getrübt. Im Oktober 1933 auf dem Braunschweiger Schlossplatz mag bei den Hörern hängen geblieben sein: „Donnerwetter, der Hitler war auf dem Bau“, also ein einfacher Mann aus dem Volk und nun Jesus auch. An Hitler und Jesus sollte sich der Braunschweiger Handwerker in Zukunft ausrichten und Treue und Frömmigkeit beweisen. Das war zwar alles zusammenphantasiert, darauf kam es aber in diesem Augenblick nicht an. Sondern entscheidend war die Forderung von der Rückkehr zu den alten Werten, die leicht nachzuvollziehen war, verbunden mit den überraschenden Garanten für diese Werte: Hitler und Jesus. Das hinterließ in freier Rede dahingeschmettert durchaus seinen Eindruck. Die Kirche war also wieder öffentlich geachtet und ansehnlich repräsentiert.

Hinter dieser Kulisse verbarg sich auch die Gleichschaltung der Braunschweiger Handwerkskammer und die Durchdringung mit Parteigenossen. Aber es gelang den Nazis durch derlei Veranstaltungen, auch den Mittelstand an sich zu binden. Dass dabei auch die evangelische Kirche eine Rolle spielte, war das eigentlich Neue. Das war der Weg zu einem christlichen Braunschweig unter Klagges.

 

Glockenweihe in Katharinen 15.10.1933

An diesem 15. Oktober 1933 wurde auch neue Glocken der Katharinenkirche in die Türme im Zusammenspiel von Partei und Kirche hochgezogen.

Schon beim Glockenguss am 13. September 1933  waren etwa 500 Gemeindeglieder, zum großen Teil Angehörige der Zelle 4 der Ortsgruppe Hagen der NSDAP, auf 18 Lastwagen nach Hildesheim gefahren, um in der Werkstatt dem Gusse beizuwohnen.  „Die Glockenweihe auf dem Hagenmarkt gestaltete sich zu einem erhebenden Festtage des erneuerten Volkes, das heimfinden wollte auch zum Glauben und zur Kirche seiner Väter,“ beginnt ein Bericht im Katharinengemeindebrief.[7]

Eine SS-Kapelle führte den Festzug an und spielte „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“.

Die Glocken trugen folgende Inschrift „Zerschlagen in des Weltkriegs Not erstanden neu in Aufbauzeit/ Friedensbotin der Ewigkeit/ Beschirme Deutschland, treuer Gott.“ Die Formulierung stammte von Pfarrer Bücking.[8]

Der stellvertretende Bürgermeister Gebensleben bat in seiner Weiherede: „möge die nationalsozialistische Bewegung Erlösung bringen und Befreiung von den unwürdigen Fesseln, die das deutsche Volk noch zu Boden ziehen. „Orgelspiel, Chöre und Marschmusik begleiteten die Glocken auf dem Weg in die luftige Höhe“.[9] 16 SS – Männer hievten die Glocken in den Turm. Katharinenpfarrer Gennrich ergänzte die Berichte in der Regionalpresse mit folgendem Zusatz: „Es ist noch hinzuzufügen, dass gleichzeitig mit ihrer großen Schwester zwei kleine „Bimmelglocken“ für den Dachreiter der Kirche gegossen und in Gebrauch genommen worden sind. Sie wiegen 40 bzw. 80 Pfund und sind im Fries mit dem Eisernen Kreuz, dem Hakenkreuz und dem Stahlhelm geschmückt. Eine trägt die Inschrift: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ 

 

Luthertag auf dem Hagenmarkt am 14. November 1933

Der Staat warb um die Kirche, die Kirche warb um die Partei. Ausdruck für dieses gegenseitige Werben war der von Landeskirche und Landesregierung gemeinsam gefeierte Luthertag anlässlich des 450 Geburtstages von Martin Luther. In allen evangelischen Kirchen des gesamten Reiches waren aufwendige Lutherfeiern organisiert. Zu diesem Anlass wucherten Phantasien über Parallelen zwischen Martin Luther und Adolf Hitler. Im Leitorgan der Lutheraner, der Allgemeinen Ev. Luth. Kirchenzeitung,  hatte der Professor für Kirchengeschichte in Erlangen Hans Preuß am 20. und 27. 10. 1933 einen Aufsatz unter dem Titel "Luther und Hitler" veröffentlicht. Beide seien deutsche Führer, beide zur Errettung des Volkes berufen, beiden gehe der Schrei nach einem großen Mann der Rettung voraus, beide seien aus dem Bauernstand, sie treten in den 30iger Jahren ihres Lebens als gänzlich unbekannte Leute auf, beide liebten ihr Vaterland, die Frauen treten für beide aus der Öffentlichkeit zurück in die Häuslichkeit, beiden lehnten den Parlamentarismus ab und kämpften einen Zwei-Frontenkrieg und als leuchtende Schlussparallele: "Luther und Hitler fühlen sich vor ihrem Volke tief mit Gott verbunden". Hitler kenne das Gebet. "Er denkt auch an den Heiland".  „Man hat gesagt, dass deutsche Volk habe dreimal geliebt: Karl den Großen, Luther und Friedrich den Großen. Wir dürfen nun getrost unseren Volkskanzler hinzufügen. Und das ist wohl die lieblichste Parallele zwischen Luther und Hitler." [10]

Der Verfasser Hans Preuß war seit 1914 Professor in Erlangen und damals 57 Jahre alt, keinesfalls ein wilder Deutscher Christ, vielmehr ein vielgelesener anerkannter Autor. Sein Buch  „Die deutsche Frömmigkeit im Spiel der bildenden Kunst" (1920) hatte mehrere Auflagen erlebt.

Die Lutherstädte Eisleben, Wittenberg und Coburg planten im August, September und Oktober großangelegte Lutherwochen. Es gab Plaketten, eine Illustrierte, Fähnchen. „Mit Luther und Hitler für Glaube und Volkstum" war die öffentlich plakatierte Losung der sächsischen ev.-luth. Landessynode am 17.11.1933. Dr. Walter Grundmann, der spätere Professor für Neues Testament, 1933 Gaupropagandaleiter der DC, schrieb: Das Wollen der Deutschen Christen heiße „die Revolution Adolf Hitlers hineinzugründen in die deutsche Reformation Martin Luthers."

In den Textvorschlägen für die Lutherfeiern in den Schulen wurde immer wieder auf die verquere Traditionslinie Luther - Friedrich d. G. - Bismarck - Hitler abgehoben: Luther und Hitler, die Retter und Führer aus deutscher Not. Auf die Melodie "Deutschland , Deutschland über alles" wurde die Strophe gesungen „..Und es soll die Losung sein / evangelisch bis zum Sterben / deutsch bis in den Tod hinein."

In die Planungen zum Lutherjubiläum am 10. November platzte die Ankündigung Hitlers, aus dem Völkerbund auszutreten und am 12. November eine Volksabstimmung, verbunden mit einer „Reichstagswahl“, abzuhalten. Der Austritt aus dem Völkerbund war ein großer, aber verdeckter Schritt, den inneren Kriegszustand nach außen zu tragen, denn General Ludwig Beck gab die Anweisung, den Umfang der Reichswehr innerhalb von vier Jahren von 21 Divisionen auf 62 Divisionen  aufzustocken.[11] Hitler hielt wieder mal seine bekannten Reden an die Deutschen. Braunschweig ließ er bei seiner Wahlagitation aus und redete in Hannover. Nach Braunschweig kam Minister Rust und agitierte im Eintrachtstadion, das von 100.000 Braunschweigern gefüllt gewesen sein sollte.[12]

Mit einem ungeheuren Propagandaaufwand wurde auf die Rede Hitlers am 10. November in den Werkshallen der Berliner Siemenswerke hingearbeitet. Es war die erste, von der Bevölkerung geforderte Meinungsäußerung nach den Märzwahlen. Während der Hitlerrede standen sämtliche Betriebe in Deutschland still. Die Frauen waren aufgefordert, ihre Radioempfänger bei voller Lautstärke in die Fenster zu stellen. Nach der Hitlerrede sollten die Glocken läuten. Hitler stand erhöht auf einem Generatorenhaus, unter ihm Tausende von Arbeitern, die eine unerhörte Energie verströmten. Es war der erste Test Hitlers, ob es ihm gelungen war, in einen Teil der Arbeiterschaft einzudringen. „Vielleicht werden einige unter Ihnen sein, die es mir nicht verzeihen, dass ich die marxistischen Parteien vernichtet habe. Ich sage Ihnen: Meine Freunde, ich habe die anderen Parteien genauso vernichtet“.[13] Mit dieser Antwort konnte auch ein Braunschweiger Arbeiter zufrieden sein. Goebbels erklärte in einem Interview, das die Braunschweiger Staatszeitung am 9.11.1933 veröffentlichte, den Charakter der Wahl, wo es doch keine unterschiedlichen Parteien mehr gebe. Die Abstimmung solle „das deutsche Volk in eine noch nie da gewesene Einheitsfront zwingen“. Angesichts dieser erwünschten „Einheitsfront“ war es beachtlich, dass es in der Stadt Braunschweig 7.917 Neinstimmen gab, wenn man die veröffentlichten Zahlen ernst nehmen kann.

In die Propagandawelle zur Abstimmung wurde auch die Kirche eingeschaltet, kein Wörtchen von Luther sollte diese Priorität stören. Bischof Beye rief zur Stimmabgabe auf. „Der lebendige Gott hat uns in Adolf Hitler den Führers unseres Volkes geschenkt“, es gelte sich „rückhaltlos zum Führer zu bekennen.[14]  Gegen ein Gottesgeschenk mochte nun ein evangelischer Christ auch nicht anstimmen. Fritz Dosse titelte seine Wochenkolumne „Sonntagsgedanken“ in der Br. Staatszeitung am 11.11.1933 unter „Das christliche Ja“. Es stünde an diesem Sonntag zur Entscheidung, ob die Wahrheit oder die Lüge in der Welt regieren sollte. Mit „Lüge“ meinte er die Schuldfrage des 1. Weltkrieges.  Kirche habe Bollwerk und Damm gegen den alles zersetzenden Bolschewismus zu sein. Die Christen sollten sich in Gebet und Fürbitte hinter den Führer des Volkes stellen, in der Überzeugung, dass der Herr der Geschichte uns diesen Führer und Retter in der Stunde der Entscheidung geschenkt habe. [15] Am Abstimmungstag sollten Kirchen und Pfarrhäuser beflaggt werden.

Kreispfarrer Wagner nahm im Gottesdienst am 14.11. in der Brüdernkirche Bezug auf die Abstimmung am vorhergehenden Sonntag. Hinter dem deutschen Volk steht heute der Wille des Führers. Der Führer glaube an die letzten Tiefen, an die letzten Kräfte im deutschen Menschen, an die Kräfte, die Gott in dieses Volk hineingelegt habe. Der Glaube des Führer dieses Dritten Reiches sei ein Glaube an den Schöpfergott. Der Weg zu Deutschlands Ehre, Größe und Freiheit könne nur aus dem Glauben kommen.“[16]

Die Lutherfeierlichkeiten wurden also reichsweit auf den 19. November verlegt. An diesem Tag fand jedoch in Braunschweig der lange vorbereitete Handelsstag statt. Klagges, der ein hohes kirchenpolitisches Interesse hatte, Nationalsozialismus und Christentum miteinander zu verbinden, verlegte den Luthertag im auffälligen Gegensatz zu allen anderen nationalsozialistischen Führern auf Dienstag den 14. November, erteilte den Schulen kurzerhand vormittags schulfrei für Schulgottesdienste, organisierte auf dem Hagenmarkt eine zentrale Lutherfeier für alle Braunschweiger Schulen und redete selber zu diesem Thema. Luthers Thesenanschlag sei ein revolutionäres Handeln, das sich keineswegs auf die Kirche beschränken wolle, sondern sein Trachten ginge darauf aus, „wieder deutsches Leben in deutschen Landen zu gestalten."[17]  Der durch Luther entstandene konfessionelle Riss sei durch Hitler geheilt. Er habe die Reformation vollendet durch die Schaffung der deutschen Einheit, der sich auch die Kirchen unterzuordnen hätten. Luther und Hitler verhielten sich also wie Anfänger und Vollender. Klagges schloss mit dem Ruf: „In diesem Sinne wollen wir das uns überkommene Erbe weiterpflegen und mit frohem Herzen in dem Ruf einigen: unser deutsches Volk, sein großer geschichtlicher Volksmann Martin Luther und sein großer gegenwärtiger Führer Heil!“

Luther wurde auch eingespannt für den Antikommunismus Hitlers. Im Braunschweiger Aufruf zum Luthertag hieß es: „Wir stehen in den Geburtswehen einer neuen Zeit. Deutschland ist erwacht und kämpft um seine Seele. Wer soll in diesem Kampfe Führer sein? Martin Luther oder Lenin?..Wer sein Volk aus ganzem Herzen liebt, muss das Werk des deutschen Reformators ehren, dessen ganzer Kampf der Freiheit des deutschen Wesens und Glaubens galt."

Nach Klagges sprach der designierte Landesbischof Beye, kritisierte die Darstellung Luthers als Theologen als einseitig,  feierte Luther als Schöpfer eines deutschen Christenglaubens und forderte nach dem Aufbruch der Nation auch den Aufbruch des deutschen Christen zu seiner Kirche. „Darum halten wir fest an diesem Gott, darum schauen wir auf ihn, so wie Luther uns dieses Schauen gelehrt hat und können singen in dieser Stunde aus übervollem Herzen: Ein feste Burg ist unser Gott, Heil Hitler.“ Die SA Kapelle intonierte das Kirchenlied, die Menge nahm die Hüte ab und sang mit.

Diese Szene auf dem Hagenmarkt erscheint uns heute gespenstisch. Der Mischmasch aus aktuellem politischen und kirchlichem  Interesse und die erbärmliche Verkennung und Reduzierung  Luthers stoßen ab. Damals jedoch wird bei den aus den Schulen abkommandierten Schülern und vielen Eltern das über den Hagenmarkt erschallende Lutherlied im Gedächtnis geblieben sein und die Tatsache: Protestantismus und Nationalsozialismus sind keine Gegensätze, für die Kirche nicht und für die politische Spitze auch nicht. Für Klagges war das keine Propaganda, sondern eine persönliche ideelle Auffassung, an der er bis 1945 festgehalten hat und an der auch kein Klaggesbiograf vorbeisehen kann.

In jedem Fall jedoch eröffnete Klagges der Landeskirche mit dieser für ihn typischen Veranstaltung einen öffentlichen Raum. Anders als in den Stadtblättern wurde die Veranstaltung von der kirchlichen Presse nicht aufgenommen. Das Braunschweiger Volksblatt und der Braunschweiger Sonntagsgruß  übergingen die Veranstaltung bei ihrer Berichterstattung.

Zum vorgesehenen Jubiläumssonntag, dem 12.11., hatte das Geistliche Ministerium, die Stadtgeistlichkeit, zu einem Festvortrag in das Altstadtrathaus eingeladen, das mit Lutherbüste und Hakenkreuzfahne geschmückt war. Kreispfarrer Wagner begrüßte die Anwesenden mit der Einsicht, dass Luther wie Hitler den Deutschen die Einheit geschenkt habe. Es sprach Prof. Manitius aus Berlin. Es gelte das Kämpferische bei Luther vor die Augen der Gegenwart zu rücken – im Casino erinnerte man sich an die Front, das Kämpferische – und die Religion müsse wie von Luther auch in der Gegenwart wieder ganz ernst genommen werden. Der Vortrag lief auf eine Werbung für die Deutschen Christen hinaus, zu denen heute Luther wohl auch gehören würde. [18]

Einen Tag später hatte der Evangelische Bund in den Hofjäger eingeladen. Auch Studienrat Dr. Müller zog in seiner Begrüßung  die inzwischen strapazierten Vergleiche zwischen Luther und Hitler.  „Das sei das Gemeinsame der Reformation und der Erneuerung Deutschlands, dass beide eine Besinnung auf deutsches Denken und eine Erweckung der deutschen Seele seien.“[19]

Beim 3. Stiftungsfest des Evangelischen Männervereins der Martinikirche im November 1933 hielt der Gemeindepfarrer Benndorf eine Gedenkrede auf Martin Luther und zog gewagte Parallelen: „Hätte man ihm (Martin Luther) den Schandvertrag von Versailles vorgelegt, er hätte ihn nicht unterschrieben. Er hätte ihn mit demselben Mut abgelehnt, wie er in Worms den höchsten Vertretern der Staatsmacht sagte: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ Und wenn ich 1926 in einer meiner Predigten sagte, wir werden einmal wieder einen Luther bekommen, so sage ich heute, dass wir ihn in unserm Volkskanzler Hitler haben“. [20]

 

Dieser quälende und unsinnige Vergleich beschreibt in seinen Wiederholungen die damalige enorme Sehnsucht, der neuen Bewegung die Kirche nahe zu bringen und von ihr reformerische Impulse zu empfangen.

 

Stadtkirche und Partei gehen aufeinander zu

Zum volkskirchlichen Programm gehörte es, dass sich die Kirchen für die Partei weit öffneten.

So beschloss der neue Kirchenvorstand der Jakobigemeinde in einer seiner ersten Sitzungen, auf die NSDAP Ortsgruppe Hohe Tor zuzugehen und ihre Mitglieder für die Kirche und zum Gottesdienstbesuch zu gewinnen. Eine erste Gelegenheit zu einer gemeinsamen Aktion bot sich am 9. November 1933. Hitler wollte die Blamage seines ersten erbärmlichen Putschversuches im November 1923, von München aus nach Berlin zu marschieren und die dortige Regierung zu stürzen, vertuschen und in einen Sieg umlügen. 1933 war der zehnte  Jahrestag dieses blamablen 9. November, der in Zukunft nun mit einem düsteren Ritual ausgestattet wurde. Im ganzen Reich sollte dieser 9. November zum feststehenden Gedächtnistag im braunen Kultkalender ausgebaut werden. Dazu lud der Jakobikirchenvorstand die örtlichen Parteigliederungen, den SA Sturm 31/92 zu einem Gottesdienst in die Kirche ein. Die Kirche war voll besetzt. Die SA hatte ihre Fahnen mitgebracht, die um den Altar postiert wurden. Pfarrer Gerhard Kalberlah hielt eine Gedächtnispredigt auf die Toten des ersten Weltkrieges und „der Bewegung“, die „für Deutschland“ gefallen seien. Dieser kümmerliche Versuch einer Sinngebung des schauerlichen Todes im Blutsumpf an der Front fand indes bei vielen Familieangehörigen auf die Dauer eher Gehör als die Einsicht eines sinnlosen Sterbens in einem verbrecherischen Krieg. Parteigenosse Nolte las die Toten der Bewegung laut vor.[21]

Auch in der Magnikirche fand sich zu diesem Anlass eine große Parteigemeinde aus SA und SS Mitgliedern zusammen. Der Gottesdienst am 9.11. wurde verbunden mit einem Gedenken an den Tod des Gemeindemitgliedes Gerhard Landmann. Statt einer ursprünglich geplanten Gedenktafel in der Kirche wurde ein Gedenkstein in der Kirchenmauer geschaffen. Seine Inschrift lautete: Gerhard Landmann, geb. am 6. Juni 1904, unser Gemeindeglied, starb als SS-Mann für sein Vaterland am 30. Juni 1933“. Gemeindepfarrer Brutzer mahnte die Gemeinde: „Möge diese Inschrift gelesen werden von allen, die sich im Gotteshaus sammeln, um dem die Ehre zu geben, von dem und durch den und zu dem alle Dinge sind. Möge ein Jeder, der sich deutsch nennt, es für seine heiligste Pflicht ansehen, für die Ehre des Vaterlandes einzutreten.“ Dann intonierte die Orgel das Lied von sog. guten Kameraden, beim Singen erhob die „Gemeinde“ die Hand zum Hitlergruß.[22] So besetzte die Partei mit ihrem Ideenschmalz den kirchlichen Raum. Der andere Magnipfarrer Wilheln Rauls begegnete im Harz der Mutter des von eigenen SS-Leuten versehentlich erschossenen Sohnes Gerhard und zeigte sich befriedigt, dass für ihren Sohn umgehend zehn andere Männer in Rieseberg als Rache erschossen worden seien.[23]

Wenige Tage vorher wimmelte es im Dom von SA, SS, Stahlhelm, Kriegervereinen, HJ, studentischen Korporationen. Fahnenträgern schritten unter den zum Hitlergruß erhobenen Händen bis vor den Altar. Am 29. Oktober gedachte diese Versammlung, die man kaum als Gemeinde ansprechen kann, des 18. Todestages von Oswald Boelcke, eines Hauptmanns einer Jagdstaffel, mit zahlreichen Luftsiegen, dessen Maschine  jedoch mit einer deutschen Maschine kollidierte, wobei Boelcke tödlich abstürzte. Boelcke wurde zu einer Militärikone des 1. Weltkrieges. Im Dom predigte Otto Jürgens über „Wisset ihr nicht, dass auf diesen Tag ein Fürst und ein Großer gefallen ist?“ (2. Sam 3,38)  Man lebe ja heutzutage Gott sei Dank in einem anderen Deutschland, „in dem wir wieder ohne zu erröten an die Gräber unserer Toten treten können.“ Boelcke sei unbesiegt geblieben, „ein hohes Vorbild der Pflichterfüllung und des Opfersinns.“  Jürgens begrüßte Hitlers Austritt aus dem Völkerbund als ein entschiedenes Nein „gegenüber der bisherigen Politik der Erfüllung und der Schande“. Nach der Predigt das Lied vom sog. guten Kameraden, wozu die Fahnen pathetisch gesenkt wurden, Gebet, Segen und Ein feste Burg.[24] In den militanten Staat Hitlers fügte sich diese Art von Gottesdienst genau ein. 

 

Der zweite Braunschweiger Landesbischof wird im Dom in sein Amt eingeführt, Januar 1934

Die deutsch-christliche Herrschaft in Stadt und Land Braunschweig erreichte mit der Einführung von Wilhelm Beye zum zweiten Landesbischof der Landeskirche am 21. Januar 1934 im Braunschweiger Dom ihren Höhepunkt. Beye war erst vier Jahre Gemeindepfarrer in Wenzen, in der Nähe von Einbeck gewesen, im August 1933 zum Oberkirchenrat ernannt und am 12. September zum Landesbischof gewählt worden. Nur die Einführung hatte sich hinausgezögert. Beye war für das Amt viel zu jung, 30 Jahre alt, im Mai 1903 geboren, aber Jugend galt als Trumpf. Auch Hitler konnte im Vergleich zu seinen Vorgängern im Kanzleramt als junger Mann gelten. Beye war keine theologische Leuchte. Er hatte das erste Examen und auch das zweite theologische Examen in Wolfenbüttel wiederholen müssen. Der Prüfungsvorsitzende Landesbischof Bernewitz soll während der Prüfung gemurmelt haben: „Ich kann nicht ansehen des Knaben Sterben“, ein Zitat über einen Sohn Abrahams (1. Mose 21,16)[25], aber die Parteiarbeit und die Glaubensbewegung der Deutschen Christen hatten ihn hochgespült. Die Braunschweiger Tageszeitung veröffentlichte das neue Bischofskreuz, das ihm umgehängt werden sollte. Es hing an einer Kette mit kleinen, eingelassenen Hakenkreuzchen. Schlechtes Omen: es war nicht rechtzeitig fertig geworden. Das offiziöse Foto zeigt Beye ohne sein neues Hakenkreuzdienstkreuz. Die Landeskirche hat sich nach 1945 dieses Bischofs geschämt und wollte die Erinnerung an ihn tilgen. Es gibt  bis heute keine Darstellung von ihm, ist auch nicht vorgesehen. So war es schon eine ziemliche Provokation, dass Ottmar Palmer in der ersten Darstellung der Landeskirche über jene Zeit im Jahre 1961 seitenweise den Text der Braunschweiger Landeszeitung zu dieser Einführung zitierte.[26]

Zur Einführung am 21. Januar 1934 hatte die BTZ unter der Überschrift „Blut-Boden-Glaube“ ein Interview mit den künftigen Bischof Beye veröffentlicht, in dem er seine frühen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus an der Universität Tübingen hervorhob.[27] Beye hatte sich zum Nachteil seines Theologiestudiums einem studentischen Bataillon angeschlossen, das in den umliegenden Dörfern kommunistische Nester aushob. Bei einem Parteitag in Nürnberg 1923 habe er Hitler erstmals erlebt und gesehen. Das Interview sollte verdeutlichen, dass lupenreine Loyalität zu Hitler und seiner Partei deutlichen Vorrang vor theologischen Kenntnissen hatte.  Zu seiner Einführung waren der deutsch-christliche Reichsbischof Müller nach Braunschweig gekommen und zahlreiche weitere deutsch-christliche Prominenz. Im Dom hatten die Spitzen des Landes, der Behörden und der Reichswehr Platz genommen, ein Fahnenmeer war vom Schlossplatz in die Kirche marschiert und hatte sich um den Altar platziert, 100 Pfarrer hatten sich in der Katharinenkirche versammelt und waren in feierlichem Zug in den Dom marschiert. „Heil Hitler, Heil Hitler, Heil Hitler, Heil Hitler“ grüßten Große und Kleine am Straßenrand in allen Ton und Lautstärken, obwohl er gar nicht da war. Der sog. deutsche Gruß hatte sich völlig eingebürgert, ein besonders seltsames Phänomen. Die Orgel intonierte Bach, die Singakademie schmetterte Händels „Denn die Herrlichkeit Gottes des Herrn“ aus dem Messias, und an den aktuellen erinnerte der Reichsbischof in seiner Predigt. „Halten wir nicht dem Manne, den Gott uns geschenkt hat, die Treue bis zum Letzten, dann ist auch für Deutschland das Letzte gekommen, dann gibt es nur eins: Chaos und Untergang“[28].  Daneben gelte es die Wahrheit Christi und des Heilandes zeitnah der Bevölkerung zu verkündigen. Diese „aus unserm Blut erwachsen, solle in den Gotteshäusern neue Kraft und neue Freudigkeit finden, um den Lebenskampf führen zu können“. Kitsch, Frömmigkeit und Pathos trieften von der Kanzel. Das Treuegelöbnis galt nicht nur den Ordnungen der Landeskirche, sondern auch „dem Führer“ und dem Reichsbischof. Beye gelobte es, so wahr ihm Gott helfe.  Die Figur Hitlers durchzog denn auch die folgende Predigt des neuen Landesbischofs, angefangen von dem Parteimärchen der Errettung durch ihn aus der bösen Weimarer Zeit, am Ende ein langes Zitat aus dem frommen Schluss von Hitlers Rede am 1. Mai, das Hitler mit „Amen“ beschlossen hatte. Dazwischen der Appell:  „Du, deutscher Mann, geh in deiner Mannesgeltung, die du dir im stolzen Schritte der SA wieder erkämpft hast, und sei wieder Prediger deiner Brüder im Braunhemd.“ Die deutsch-christliche Predigt reduzierte sich auf den Anruf Hitlers und Gottes, und zwar in dieser Reihenfolge und in zackigen Appellen. „Du, deutsche Frau, sieh dir deine Nachbarin an, lehr die wieder beten“. Dazwischen „Nun bitten wir den heilgen Geist“ und „Mein Schöpfer steh mir bei“. Am Ende war der Dom bis in den letzten Winkel von diesem Irr- und Mischmaschglauben entweiht und verschmutzt.

An diesen Nachmittagsgottesdienst schloss  sich noch eine Festversammlung in der Stadthalle an der Celler Straße an, die mehrere Tausend Personen fasste. 5000 Programme waren gedruckt worden. Es war wie bei den deutsch-christlichen Versammlungen üblich, Parteispalier von SS Männern, SA Kapelle, Reden, immer dieselbe Masche. Der Badenweiler Marsch zu Beginn, Kirchenchöre mit „Nun lasst uns Gott, dem Herren“ und „Sei Lob und Ehr“, am Ende das unvermeidliche und viel missbrauchte „Ein feste Burg“ mit abschließendem Horst Wessel Lied.

Die von der Regionalpresse groß herausgestellte Veranstaltung sollte das enge Verhältnis von Landesregierung, Stadt, Partei und Landeskirche und Stadtpfarrerschaft demonstrieren. Es sollte außerdem über die Stadt in die evangelische Kirche in Deutschland hinausstrahlen und zeigen, dass die Deutschen Christen noch da sind, denn sie hatten seit dem 13. November 1933 einen enormen Bedeutungs- und Mitgliederverlust erlitten. Damals hatte auf einer zentralen Sportpalastveranstaltung der Berliner DC Führer Krause die Abschaffung des Alten Testamentes gefordert. Reichsbischof Müller hatte seine Mitgliedschaft bei den Deutschen Christen niedergelegt. Außerdem stand immer noch sein Empfang bei Hitler als staatliche Anerkennung als Reichsbischof aus.

Aber auch nach innen hatte der Tag seine Schönheitsfehler. Der Vorgänger, Landesbischof Bernewitz, war nicht erschienen. Es wurde auch keine Grußadresse vorgelesen. Die Stadtpresse hatte sein vom Zaren verliehenes Ehrenkreuz abgebildet, das Bernewitz in Ermangelung eines Amtskreuzes seit seiner Einführung im September 1923 als Bischofskreuz getragen hatte. Beye indes wollte nicht „das Russenkreuz“, es trug noch kyrillische Buchstaben, sondern eben eine eigenes zeitgemäßes mit Hakenkreuzen. Es war auch nur die Hälfte der Pfarrerschaft erschienen. Ein Drittel hatte sich seit November 1933 im Pfarrernotbund zusammengeschlossen und dem Bischof die Gefolgschaft aufgekündigt. Von der Braunschweiger Stadtpfarrerschaft fehlte der Hausherr des Domes. Mit der Ankündigung der Einführung brachte die städtische Presse die Nachricht, dass der Domprediger Karl v. Schwartz vom Dienst beurlaubt sei. Das war ein primitives Menschenopfer auf dem Altar deutsch-christlicher Räson. Die Domgemeinde war dem Spektakel wohl ferngeblieben.

So lag über dem fromm-nazistischen Getöse ein Schatten, der sich in den nächsten Monaten bedrohlich ausweiten sollte.


 



[1] siehe „Rückblick auf die kirchliche Aufbauwoche“, in: Sonntagsgruß 17.9.1933, auch in der Regionalpresse

[2]  alle folgenden Zitate nach diesem Bericht im Gemeindeblatt für St. Jakobi 1933 S. 37 f

[3] „Aus der Sitzung des Kirchenvorstandes“ im Gemeindeblatt für St. Jakobi 1933 S. 38  

[4] BNN 10.10.1933

[5] Bericht und folgende Zitate nach BNN 17.10.33

[6] Wilhelm Beye (1903 – 1975), 2. Bischof der Braunschweiger Landeskirche, ab 1934 Pfarrer an der Marienkirche in  Landsberg an der Warthe, verzichtete 1940 auf die Rechte der Ordination und wurde Gaupropagandaredner, ab 1951 Flüchtlingspfarrer in Schleswig-Holstein.  Material  zur Ausstellung S. 122 - 129

[7] Gemeindeblatt St. Katharinen  Oktober 1939, von Gennrich geschrieben

[8] BV 1933/ 76

[9] BNN 17.10.33

[10] H. Preuss, Luther und Hitler, Allgemeine Evangel.-Lutherische Kirchenzeitung 1933 Sp. 970-973 und 994-999

[11] Steinert 342: „In Wirklichkeit  gab der Austritt aus dem Völkerbund das Signal zu einer beschleunigten Wiederaufrüstung“.

[12] BrSta 6.11.1933

[13] BrSta. 11.11.1933; Domarus Bd I,1 S.330 bringt diese Rede leider nur in wenigen Auszügen. 

[14] BrSta 10.11.1933

[15] BrSta 11.11.1913

[16] BrSta 14.11.1933

[17] BTZ 14.11.1933

[18] Br Sta 15.11.1933

[19] BTZ 8.11.1933

[20] BTZ 8.11.1933

[21] BrSta 10.11.1933

[22] BrSta. 9.11.1933

[23]  Magnifestschrift 1981 S.147 f

[24] BrSta 30.10.1933 „Gefallenenehrung im Dom“

[25] In seiner Familie hatte Beye nach dem Krieg erzählt, er habe in dieser Zeit zwischen  1925 und 1929 in Schweden bei Söderblom promoviert, so Frau Beye in einem Gespräch mit dem Verfasser

[26] Ottmar Palmer Material zur Geschichte des Kirchenkampfes 43 ff

[27] BTZ 17.1.1934

[28] BLZ 22.1.1934



Zum Kapitel 8: Die katholischen Stadtkirchen 1933/34






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Impressum Stand: Dezember 2013, dk